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Die Erkenntnis als Wissenschaft muß nach einer Methode
eingerichtet sein. Denn Wissenschaft ist ein Ganzes der Erkenntnis als System und nicht
bloß ein Aggregat. – Sie erfordert daher eine systematisch , mithin nach überlegten
Regel abgefasste Erkenntnis.
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| Kant, Allgemeine Methodenlehre II, § 95 Form der Wissenschaft - Methode |
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| Die Entwicklung von Wissenschaft in einem engeren Sinne setzt das
Vorhandensein und in weiterer Folge die Entwicklung eines auf Erkenntniserwerb
ausgerichteten Denkens voraus bzw. geht mit ihr in einem Wechselspiel Hand in Hand.
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| Was unter „Wissenschaft“ zu verstehen sei, ist nicht ohne
Bezugssystem beantwortbar – Wissenschaft ist nicht a priori definierbar. Eine vage
Umschreibung mag darin bestehen, in Wissenschaft ein mehr oder weniger systematisch
ausgerichtetes Streben nach Erkenntnis zu sehen, was die Akkumulierung des Erkannten und
die permanente rückkoppelnde Reflexion des Erkannten einschließt. Dass an den Begriff
scientia, und später den Begriff Wissenschaft sehr
unterschiedliche Ansprüche gestellt worden sind, dass der Begriff als historische
Erscheinung dem Wandel unterliegt, ist eine Selbstverständlichkeit und seinerseits
Ausdruck der permanenten Auseinandersetzung mit dem Phänomen Wissenschaft.
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| Es soll hier versucht werden, die wichtigsten Schritte der
sukzessiven Ausformung des methodischen, kritischen und schließlich des umfassend
systematischen erkenntnisorientierten Denkens und damit auch dessen, was wir in der
Neuzeit als Wissenschaft verstehen, zu skizzieren.
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| Um die Bedeutung des Prozesses in Erinnerung zu rufen, um den es geht,
sollten man sich vergegenwärtigen, daß die Entwicklung von Wissenschaft über
Jahrtausende hinweg die man wohl als eine der größten und komplexesten systematischen
Leistungen betrachten kann, die die Menschen überhaupt erbracht haben – die Dimension
und die Konsequenzen dieser Betätigung bestimmen mittlerweile die Dimension des
Menschseins.
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| Was an Denk- und Forschungsleistung erbracht worden ist, ja was
diesbezüglich auch nur in einem vergleichsweise simplen Lexikonartikel steckt, ist
überhaupt nicht mehr nachvollziehbar. Dem entsprechend kommt auch jenen Personen, die
unser Denken in seinen Grundlagen in zentraler Weise bestimmt haben, eine Bedeutung zu,
die weit über jene jedes noch so mächigen Politikers oder Feldherrn weit hinausgeht. Es
gibt außerhalb des religiösen Bereiches kaum Menschen von der Bedeutung und
Wirkungsmächtigkeit eines Platon oder eines Aristoteles, denn sie stehen prägend am Beginn der Entwicklung, die trotz
aller Brüche und Unterbrechungen von Kontinuiät gekennzeichnet ist, und deshalb ist die
weitere Entwicklung auch immer wieder geprägt von der kritischen Auseinandersetzung mit
den Anfängen mit den überkommenen Traditionen und mehr noch von den in den Anfängen
entwickelten Strukturen des Denkens.
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| Dieser Prozeß ist wesentlich von der Naturbetrachtung und
Naturbeobachtung ausgegangen, geht bei den frühen Griechen Hand in Hand mit „der zunehmenden Installierung des Naturbegriffs"1, hat dann aber bald auf die (aus heutiger
Sicht) geistes- und sozialwissenschaftlichen Bereiche übergegriffen, was freilich nicht
ohne intensive Diskussion des Problems „Wissen“ und „Wissenschaft“ abgegangen ist.
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| Von dieser Herkunft von Wissenschaft zeugen heute noch der Begriff „natural
philosophy“, der Begriff „science“, und – leider auch – die blind eingeschränkte
Handhabung des Begriffes „Wissenschaftsgeschichte“ in dem Sinne, dass darunter mitunter
immer noch nur die Geschichte der Naturwissenschaften, der hard sciences, verstanden wird.
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| Eine Darstellung der erwähnten Prozesse kann nicht unternommen werden, ohne
auf die Diskussion der denkerisch existenziellen Probleme des Menschen, wie sie
Gegenstand der Philosophie im klassischen, engeren Sinne sind, einzugehen –
Wissenschaftsgeschichte ohne Berücksichtigung der Entwicklung der Erkenntnistheorie ist
unmöglich.
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| Die Philosophie ist ein schier unendliches Feld, indem das überlieferte
Denken in jeder neuen Epoche neu hinterfragt, diskutiert und verformt wird – allein die
Rezipierungsvarianten und Interpretationen der Lehre des Aristoteles im Verlauf von nun
mehr als zwei Jahrtausenden, wie sie im muslimischen und lateinisch-christlichen
Abendland vollzogen worden sind, sind unüberschaubar.
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| Zu den zentralen Problemen, um die die philosophischen Bemühungen
immer wieder kreisten und kreisen, sind zu zählen:
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| – |
die Frage nach dem Sein an sich; |
| – |
die Frage nach der zeitlichen und räumlichen Endlichkeit oder
Unendlichkeit der Welt;
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| – |
die Frage der Gottesvorstellung, ob Gott die Welt erschaffen hat
(Judentum, Christentum, Islam) und weiterhin lenke oder nicht, oder ob die Welt seit
ewig bestehe, nicht geschaffen sei;
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| – |
die Frage nach der Natur der Materie, aber auch nach Raum und
Zeit;
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| die |
Frage nach dem Wissenkönnen – nach der Möglichkeit von Erkenntnis |
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die Frage nach dem Verhältnis von Glaube und Wissen: Schon in der
Antike, dann in der spätantiken Philosophie, in der arabischen und in der jüdischen
Philosophie, dann in ganz besonderem Maße in der Aristoteles-Rezeption und natürlich
im Spätmittelalter ist dies ein zentrales Thema; immer wieder begegnen wir Versuchen
der Harmonisierung von fides und ratio.
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| – |
das Problem Sprache: in welchem Verhältnis stehen Benennung und
Benanntes zueinander, das Universalienproblem; in Wellen gleichsam beschäftigen
sprachphilosophische Interessen im Hellenismus, in der Scholastik, im 18. Jh die
Gelehrten, und im 20. Jh spricht man überhaupt von einer (sprach)analytischen Wende;
inwieweit können wir uns überhaupt verständigen;
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| – |
das „Ausreizen“ der Deduktion in der antiken Mathematik, dann
weiters in der Philosophie – bis im ausgehenden 13. Jh und im 14. Jh bei Buridan
und anderen zunehmend die Heranziehung der Induktion einsetzt, die dann im 14. und 15.
Jh an Bedeutung gewinnt und schließlich um 1600 – bei Francis
Bacon theoretisch und im Zuge der Entwicklung der Naturwissenschaften
praktisch – zur dominierenden Methode wird und damit aber auch neuerlich als ein
philosophisch-erkenntnistheoretisches Problem in den Vordergrund tritt.
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| Grundlegende Prinzipien sind aus „einfachen“ Gegebenheiten
entsprungen – wie die Vorstellung von der Ordnung in der Welt, von der Harmonie, die in
alle Bereiche des Kosmos wirke – geprägt von der Betrachtung des Himmels in seiner sich
dem damaligen Beobachter ganz anders als dem modernen Astronomen darstellenden
Ordnung.
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| Die Verbindung derartiger Wahrnehmungen mit einer das Mythische und das
Magische zurückdrängenden Rationalität ist es, was den Prozeß in Gang bringt, der hier
dargestellt werden soll und dessen Verlauf das Mythische als Begründung der Erscheinung
ersetzt und verdrängt wird durch das Streben nach einer rationalen Konstruktion einer
hinter und über den vordergründig zu schauenenden Phänomenen liegenden Erklärung – einer
Theorie.
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| Und dadurch erst kommt jene zweite Ebene zustande, welche die Entwicklung
des wissenschaftlichen Denkens ausmacht: die Reflexion über das denkerische Behandeln
der Probleme und zugleich die Entwicklung der Methode des Denkens an sich.
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| Es setzt eine derartige Entwicklung eine Form von Humanismus, einer
anthropozentrischen Betrachtungsweise voraus, die anstelle der Götter den Menschen in
das Zentrum rückt und die ihn bewegenden Fragen, also sein rationales Wollen um die
Erfassung seiner selbst und dessen, was ihn umgibt. Es handelt sich dabei letztlich um
einen Säkularisierungsprozeß, um eine Form von „Aufklärung“.
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| Mit diesen Aspekten ist zu begründen, weshalb der „Prozeß
Wissenschaft“ mit dem klassischen Griechenland einsetzt und nicht mit dem Alten Orient,
obgleich es auch dort schon sehr bedeutende Erkenntnisleistungen
(quasiwissenschaftlicher Natur) gegeben hat, die auch die Entwicklung in Griechenland
inhaltlich wesentlich beeinflußt haben. Als eine wesentliche Zäsur in dieser Hinsicht
könnte man den Übergang von Platon auf Aristoteles auffassen, der dauerhaft wirksam
gewissermaßen das physische Individuum zur primären Realität und damit zum wichtigsten
Gegenstand der Erkenntnisarbeit erhoben hat, ohne die Vorstellung von einer höchsten,
unveränderlichen Wirklichkeit, die das Universum lenkt, aufzugeben2.
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| Für das Verständnis der zu behandelnden Probleme ist es
unabdingbar notwendig, eine Reihe von Begriffen zu erläutern bzw. Definitionen zu geben.
Es ist wohl einsichtig, dass eine derartige Auflistung weder vollständig noch inhaltlich
erschöpfend sein kann und in vielerlei Hinsicht vorausgreifen muss.
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| Was „Wissenschaft“ sei, ist bis heute Gegenstand intensiver und
oft genug kontroverser Diskussion. Der klassische und seitens der Naturwissenschaften
vertretene Wissenschaftsbegriff ist wesentlich jener, wie er in der klassischen
griechischen Philosophie durch Platon
und Aristoteles als Ideal formuliert worden ist, wobei aber bereits Platon
und mehr noch Aristoteles die Einlösbarkeit dieses Ideals als nicht durchgängig
realisierbar gesehen haben und Aristoteles deshalb auch die Induktion als Erkenntnisverfahren akzeptiert
hat.
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| In der Scholastik und im Humanismus hat man jeweils auf die
Idealvorstellung zurückgegriffen, um neuerdings die Unumgänglichkeit der
Selbstbeschränkung, die Akzeptierung der Induktion und damit der im Prinzip
unüberwindlichen Unvollständigkeit unseres Wissens zu erkennen. Indem man sich damit
nicht abzufinden vermochte (und vermag) und im Humanismus das rigorose
Wissenschaftsideal einer vermeintlich absoluten Gewissheit der Mathematik und der ihr
nahegerückten Naturphilosophie (entgegen bereits u.a. bei Buridan zu findender
Relativierung unserer Erkenntnismöglichkeiten) erneuert und auch für die
„geisteswissenschaftlichen“ Bereiche gefordert hat, ist die Diskussion um die
vorgeblich grundlegende Diskrepanz zwischen den Geisteswissenschaften und den
vermeintlich Gewissheit vermittelnden Naturwisenschaften entstanden, die sich im
Zusammenhang mit der Historisierung im 16. Jh wesentlich an der Problematik der
Geschichtswissenschaft entzündete und bis in die Gegenwart zur Diskussion steht. Es
ist dieser Prozess Ausdruck des aus der menschlichen Natur heraus unausweichlichen
Strebens nach gesichertem Wissen, nach „gewisser“ und „wahrer“ Erkentnnis – eine
Neuauflage gewissermaßen eines, wie bereits erwähnt, immer wieder erkannten
Problems.
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| Mit dem Wort „Wissen“ bezeichnen wir Viererlei3:
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| – |
einen Gegenstand so aufzufassen, wie er „wirklich beschaffen“
ist
|
| – |
mit den Gegenständen des Wissens erfolgreich umgehen zu
können
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| b) |
den epistemischen Zustand, indem man sich auf Grund des
Gegebenseins von Pkt 1 befindet
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| c) |
den Inhalt, auf den eine erkennende Person sich bezieht |
| d) |
die Aussage, die eine Person im Sinne von Pkt 3 sprachlich zum
Ausdruck bringt.
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| In subjektiver Hinsicht zeichnet sich „Wissen“ durch das
Merkmal der „Gewissheit“ aus.
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| In objektiver Hinsicht zeichnet sich „Wissen“ durch das
Merkmal der „Wahrheit“ aus4.
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| Das Wort „wissen“ geht auf die indogermanische Wurzel „vid“
zurück, die mit den Inhalten „sehen“ und „Licht“ verbunden ist („videre“, „Idee“
etc.). Die Griechen haben den Begriff Wissen ursprünglich mit der sinnlichen,
insbesondere der visuellen Wahrnehmung gleichgesetzt. Ihr Verbum oida = ich weiß entstammt derselben indogermanischen Wurzel wie
videre, wobei oida aber eine Perfektform ist = „ich bin
gerade in der Situation von jemandem, der gesehen hat“. es geht also genau
genommen, um nicht um das, was ich eben sehe, sondern um das, was ich gesehen, was
ich wahrgenommen habe und was ich, weil ich „Augenzeuge“ war, jetzt noch beschreiben
kann.
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| Damit wird ursprünglich der Bereich des Erkennbaren auf innerhalb
räumlicher und zeitlicher Schranken Sichtbares beschränkt. Platon folgert deshalb z.B. in „Theaitetos“, dass von einem Verbrechen nur
ein Augenzeuge wissen könne, der Richter aber, der auf Grund von Aussagen urteile,
zwar ein an sich korrektes Urteil fällen könne, dass dies aber ohne Wissen
geschehe5. In Hinblick auf
die Bedeutung der Sinneswahrnehmung entwickelte er die Vorstellung, dass die
unsterbliche und unvergängliche, immer wieder neu geborene Seele bereits alles
gesehen und gelernt habe und sich dann eben erinnere.
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| In den langwierigen Diskussionen um den Begriff „Wissen“ geht es immer
um ein „wissenschaftliches“ Wissen in einem strengeren Sinne. Platon hat das Wort „episteme“ =
Verstehen, Einsicht, Wissen(schaft) zum zentralen Begriff der antiken
Erkenntnistheorie gemacht. Im Lateinischen wird das Wort „scientia“ verwendet. Bis in die neuere Zeit werden die Begriffe
„Wissen“ und „Wissenschaft“ auch synonym verwendet.
|
| Schon vor Platon wird die Frage des Wissens diskutiert. Beispielsweise vertritt
Xenophanes die Auffassung, dass Erfahrung nicht zu sicherem Wissen führen
könne – „In gewissen Bereichen, vor allem in der
Theologie, hat kein Mensch je Klares gesehen, und es wird auch keinen geben, der
es gesehen hat [...] Denn sogar, wenn es
einem [durch Zufall] in außerordentlichem Maße
gelungen wäre, Vollkommenes zu sagen, würde er sich dessen trotzdem nicht bewusst
sein: bei allen Dingen gibt es nur Meinung“; über die Vermutung gelange man
nicht hinaus; an die Stelle der Wahrheitsgewißheit tritt damit das Suchen, denn „mit der Zeit finden die Menschen suchend
Besseres“.
|
| Die Wahrnehmungen und Erfahrungen, denen der Wissenscharakter
abgesprochen wurde6 galten als doxa
(= Meinung)7; Meinen ist nicht Wissen,
selbst wenn das, was man meint, wahr sein sollte.
Xenophanes hat pragmatisch gefolgert, dass man bei hinreichendem Nachdenken
die Chance habe, zu nicht gänzlich illusorischen, sondern zu „wahrscheinlichen
Meinungen“8 zu gelangen. Ähnliche Ansätze finden sich bei anderen
Philosophen, wie etwa bei Parmenides.
|
| Diese Einschätzungen sind von den Skeptikern radikal ausgeschlachtet
worden und haben zur Erörterung von Fragen geführt wie:
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| – |
Wie kann man nach etwas suchen, von dem man nicht weiß, wie es
beschaffen ist?
|
| – |
Wie kann man im Falle des Findens das Gefundene als das
identifizieren, was man gesucht hat?
|
| – |
Wie entsteht etwas Neues? |
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| Die ersten eingehenderen theoretischen Erörterungen des
Begriffs „Wissen“ nehmen Platon und nachfolgend Aristoteles vor.
|
| Das prägende Vorbild der weiteren Entwicklung der Erkenntnistheorie ist
– trotz der immer wieder, auch von Platon selbst, erkannten Einschränkungen – Platons Vorstellung eines idealen, perfekten Wissens, das es nur in Bezug
auf unveränderliche Sachverhalte geben könne – Platons Wissen ist eigentlich ein
Wissen höherer Ordnung, ein „Wissen um die Ideen bzw. der Ideen“, das ihm
Voraussetzung für jegliches empirische Wissen ist. Den Weg zum Ideen-Wissen stellt
Platon im Liniengleichnis dar
. Methodisch ist die höchste Form von Wissen für Platon in der Dialektik, d.h. der Logik verkörpert, die teils
Wissen(schaft), teils Instrument ist.
|
| In seinem Dialog „Theaitetos“ wird Wissen diskutiert und dort auch als
„wahre Meinung“ (d.h. auf einem empirischen Urteil gegründete Meinung) „mit
Erklärung“ (was auf der Verbindung der Meinung mit dem Logos beruht) vorgestellt.
Damit nimmt Platon in gewisser Hinsicht „die heutige
Standardanalyse von Wissen vorweg, derzufolge zwei Formen der
Rechtsfertigungsbedingungen erfüllt sein müssen: Eine Person hält eine Meinung
gerechtfertigterweise für wahr, wenn |
| a) |
sie sich ihre Meinung in subjektiver Hinsicht auf
rationale Weise gebildet hat (d.h., dass sie für ihre Meinung epistemisch
verantwortlich ist) und
|
| b) |
die Meinung auch tatsächlich auf angemessenen
Gründen beruht.
|
|
|
Wissen bedeutet deshalb bei Platon teils das perfekte
Ideen-Wissen, teils das für den Menschen erreichbare Wissen. Eine abschließende
Definition findet sich bei Platon nicht.
|
| Ziel des Wissens ist für Platon die
Ermöglichung richtigen Handelns. Episteme hat dementsprechend in einem weiteren
Sinne auch die Bedeutung ‚über eine Auffassung Rechenschaft geben’“.
|
| Platon hat entschieden die Begründung von Wissen(schaft) durch Beweise
(apodeixis) gefordert, denen im Gegensatz zu
der von den Rhetoren angewandten „Überredung“ (peitho), wie sie auch bei Aristoteles vorkommt, zwingende Qualität abverlangt wird9; deshalb wird auch um den Begriff des Beweises
intensiver gerungen denn je zuvor10, ohne dass Platon allerdings zu einer exakte Definition gelangt. Diese liefert erst
Aristoteles in der Zweiten Analytik11.
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| Die Problematik des von Platon in Zusammenhang mit dem Wissen in die Diskussion eingebrachten
Meinens besteht darin, dass die Meinung begründet werden sollte. Durch Induktion
kann man vordergründig begründende Aussagen gewinnen – z.B. Schweiß kann auf der
Haut auftreten, wenn es unsichtbare Poren gibt; hieraus könnte gefolgert werden: ist
Schweiß vorhanden, dann müssten auch Poren vorhanden sein. Es kann nun aber auch
andere Ursachen für Schweiß bzw. Feuchtigkeit auf der Oberfläche geben, die keine
Poren erfordert – z.B. der feuchte Beschlag auf einem mit kalter Flüssigkeit
gefüllten Glas. Es gibt keine Möglichkeit der Verifizierung der Hypothese, daß
Schweiß nur dann auftritt, wenn Poren vorhanden
sind. Um eine Meinung zu begründen, bringt es deshalb nichts, die Folgen zu
untersuchen, man muß vielmehr die Prinzipien untersuchen, deren Konsequenz die
Meinung ist. Erst kausales, begründendes Denken (so Platon), das objektive Ursachen offenbart, kann Meinung in Wissen
verwandeln. Begründendes Denken reiht wahre Meinungen aneinander und stabilisiert
sie zu Wissen.
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| Eingehender als Platon widmet sich Aristoteles dem dem Menschen möglichen Wissen, wenn er auch, wie bereits
festgestellt, an Platons Ideal des perfekten Wissens, das „immer wahr“ ist, festhält. Auch
für ihn gibt es Wissen nur in Bezug auf unveränderliche Gegenstände, die in dem
Sinne kausal „notwendig“ sind, dass es sich in Hinblick auf sie nicht anders
verhalten könne. Wissen liegt dann vor, wenn man Sachverhalte zu erklären vermag,
d.h., wenn man die Ursachen kennt. Aristoteles fordert für Wissen, die grundlegenden Elemente eines
Gegenstandsbereiches zu kennen; so heißt es zum Begriff „Wissen“: "man weiß etwas, wenn man den Grund erkennt, warum es so ist, und
damit die Gewißheit hat, daß es nicht anders sein kann. Eine Art auf diese Weise
etwas zu wissen, ist durch einen Beweis. Ein Beweis ist ein wissenschaftlicher,
d.h. im oben angegebenen Sinne zum Wissen führender logischer Schluß
[Syllogismus]"; der Beweis ist deduktiv und spezifisch syllogistisch in der
Form, ausgehend von Prämissen, die wahr, primär, unmittelbar und explikativ für die
Konklusionen sind; explikativ müssen die Prämissen sein, weil sich das von
betreffenden Beweis gelieferte Wissen nicht auf bloße Fakten bezieht, sondern auf
deren Erklärung oder auf Ursachen.
|
| Die Analyse hat zu liefern: |
| a) |
die elementaren kausalen Ursachen für eine Tatsache und |
| b) |
die logischen Prämissen, in denen die Ursachen genannt
werden12. Die
notwendigen Prämissen müssen Aristoteles zufolge wahr, erste, unvermittelt,
einsichtiger als das aus ihnen Geschlossene, früher und das aus ihnen Geschlossene
begründend sein. "Wahre und erste Sätze sind
solche, die nicht erst durch anderes, sondern aus sich selbst glaubhaft sind.
Denn bei den Prinzipien der Wissenschaften darf man nicht nach dem Warum
fragen"13.
|
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| Hinsichtlich der Schritte, die zu Wissen führen,
unterscheidet Aristoteles: "Von den unvermittelten
Prinzipien eines Schlusses nenne ich |
| a) |
Thesen (Setzungen, Annahmen,
Festsetzungen) jene, die man nicht beweisen kann und die nicht jeder schon inne
zu haben braucht, der etwas wissenschaftlich begreifen will; dagegen nenne ich
die Prinzipien, die jeder, der etwas wissenschaftlich begreifen will, inne haben
muß,
|
| b) |
Axiome (Denn es gibt einige solche Sätze: z.B., daß Gleiches von Geichem
abgezogen, Gleiches läßt)14. |
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|
Von den Thesen sind
|
| a) |
diejenigen, die annehmen,
daß etwas ist oder nicht ist, Hypothesen15,
|
| b) |
diejenigen, die das nicht tun,
Definitionen16. Denn die
Definition ist zwar eine Thesis – denn der Arithmetiker setzt, daß Einheit das
der Größe nach Unteilbare ist – aber keine Hypothese. Denn es ist nicht
dasselbe, zu sagen, was eine Einheit ist, und daß eine Einheit ist".
|
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| Daraus resultiert, dass Wissen in weiterem Sinne nach Aristoteles erworben wird entweder
|
| a) |
durch Beweis (deduktiv) – diskutiert in der Analytica
posteriora – , es ist „Wissen schlechthin“, dem perfekten Ideen-Wissens Platons nahestehend, oder
|
| b) |
durch Induktion. |
|
| Die Forderung zu wissen, dass etwas notwendig sei (d.h.
unabdingbar so sei sein müsse, wie es ist), dass es anders nicht sein könne (womit
das Wissen unerschütterliche Form gewinnt), warf ein Problem auf, das die Griechen
als solches nicht in vollem Umfange erkannt und daher auch nicht berücksichtigt
haben. Ein Beispiel erweist das Problem: es seien ein Pulverfaß und eine offene
Flamme gegeben, die es berührt; das Faß explodiert. Hier liegt (nach neuzeitlicher
Terminologie) eine „relative, bedingte Notwendigkeit“ vor, denn es ist nicht absolut
bzw. unbedingt notwendig, dass die Explosion eintritt, wenn diese Bedingungen
gegeben sind.
|
| Ein Ergebnis des Ringens um den Charakter der Erkenntnis war,
dass bereits bei Platon die „wahre Meinung“ für Tatsachenwahrheiten zuständig ist, das
„Wissen“ aber für „Vernunftwahrheiten und für die ewigen Wahrheiten“.
|
| Aristoteles ist – ohne aber die Idealvorstellung gänzlich aufzugeben –
einen Schritt weiter gegangen, indem er die Induktion auch hinsichtlich des
Allgemeinen akzeptiert und das Wissen strukturiert – in bezug auf Gattungen wie
Zahlen, Figuren, Lebewesen u.ä. Die Vorstellung von einem absoluten Wissen
beschränkt er auf die Ontologie als Wissenschaft vom Seienden als Seiendem, die er
als Erste Philosophie bezeichnet und der er universellen Charakter zuschreibt. Er
hat damit die Verbindung zwischen Wissen und Notwendigkeit soweit gelockert, dass er
Wissenschaft von der Natur ermöglichte, nämlich für den Bereich, in dem „das, was die Norm und die Regel ist, die meiste Zeit
über und in den meisten Fällen geschieht“. Aristoteles hat so – mit Vorbehalten und im Gegensatz zu Platon – den Einzeldisziplinen (Arithmetik, Geometrie etc.)
Wissenschaftscharakter, d.h. Wissen vermittelnde Eigenschaften zugesprochen, weil
sie jeweils bestimmte Bereiche, Gattungen von Erscheinungen behandeln und über ihre
jeweils eigenen (mitunter auch gemeinsamen) Prinzipien verfügen.
|
| In der Renaissance hat man dies jedoch nicht wahrgenommen und hat die
Idealvorstellung Platons und des Aristoteles als gültige Forderung unterstellt. Das meiste, was wir heute
als Wissen einstufen, wäre in der Antike lediglich als „begründete Meinung“ bewertet
worden.
|
| Aristoteles, dem das dem Menschen möglich Wissen weit wichtiger war als
Platon
(der doch strikt zwischen Wissen und Meinen unterschieden hat), hat freier
als dieser auch andere, weit weniger rigide Formen der Erkenntnisgewinnung mit
einbezogen. So hat er neben der Induktion auch die Reflexion über das Gesehene, die
Möglichkeit, das Gesehene als Zeichen, als Indiz zu verwenden, d.h. zu
interpretieren, berücksichtigt bzw. in der Praxis gelten lassen; es geht ihm auch um
die Klärung und Absicherung des Wahrheitsgehaltes „anerkannter“ Meinungen, also um
die Verbesserung der epistemischen Qualität des Meinens.. Mit diesem Bereich hat man
sich nachfolgend im Hellenismus intensiver befasst – die Gewinnung von Wissen aus
der Reflexion von Indizien steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Entwicklung
von Kritik, wie sie in der Philologie, aber mehr noch in der Medizin ausgebaut
worden ist, in der man im Hellenismus diesbezüglich drei methodische Schritte
unterschied:
|
| – |
die autopsia als
unmittelbares, persönliches Sehen
|
| – |
die historia als das
Zusammentragen von Zeugnissen früherer wie gegenwärtiger Experten
|
| – |
die metabasis als die
Schlussfolgerung hin zu einem im Augenblick noch außer Reichweite liegenden Wissen
auf Grundlage der beiden ersten Schritte.
|
|
| Natürlich war man sich darüber im Klaren, dass die sinnliche
Wahrnehmung bzw. die aus dieser resultierende Erfahrung kein zuverlässiges Wissen
vermittle, sondern der Intervention des Intellekts bedürfe; schon Heraklit hatte festgestellt, dass Sehen nicht Wissen einbringe und dass
auch das bloße Zusammentragen von Information (die polymathie) nicht unbedingt Einsicht vermittle, nicht eo ipso dazu führe, dass man etwas verstehe. Im Griechischen
(synienai), im Lateinischen (comprehendere) wie im Französischen (comprendre) noch wird das für „verstehen“ benutzte Wort von
„zusammentragen“ abgeleitet17.
|
| Aristoteles hat zwischen deduktivem Denken an sich (das ja bei falschen
Prämissen auch an sich gültige Deduktionen liefern kann) und dem Beweis
unterschieden und hat festgestellt, dass nicht alle wahren Aussagen bewiesen werden
können, dies gilt vor allem für die primären Aussagen. Aristoteles hat selbst in bezug auf diese expressis verbis vorgenommene systematisch-logische Klarlegung dieses
Bereiches großes Verdienst für sich in Anspruch genommen.
|
| Gleichwohl besteht auch bei Aristoteles in der Praxis der Umsetzung eine Kluft zwischen dem idealen
Beweismodell der Zweiten Analytik und der Darstellung vor allem in den
naturwissenschaftlichen Schriften, wo er viele Definitionen ausgesprochenermaßen
schuldig bleibt – dieses Faktum ist bis heute Gegenstand wissenschaftlicher
Kontroversen18.
|
| Wie prägend die philosophischen und insbesondere die aristotelischen
Vorstellungen waren, erweist sich an den „Elementa“ des Euklid, die in ihrer strikt beweisorientierten strukturellen Gestaltung
ein Vorbild bis in die Gegenwart geblieben sind, und weiters die Statik und die
Hydrostatik des Archimedes. Aus heutiger Sicht wird das Festhalten der griechischen
Mathematiker an der strengen Beweisführung allerdings auch als ein Hemmnis für die
Forschung – nicht nur in der Mathematik – betrachtet19.
|
| Die Gesamtentwicklung zeigt, in welch hohem Maße die
griechische Philosophie bzw. Wissenschaft nach theoretischer Fundierung und nach
Gewissheit strebte. Es hat allerdings auch Gegenströmungen, vor allem in der
Medizin, wo die Empiriker und die Methoder rein pragmatische Ziele verfolgten – es
sei nicht interessant zu erforschen, wie wir atmen, sondern nur, wie man
Atembeschwerden behebe; es gelte, den Kranken zu heilen, sonst nichts. Ähnliche
Erscheinungen gab es in der Musiktheorie.
|
| So ersieht man die Spannung zwischen dem Streben nach rational
abgesicherter Gewissheit, dem Erkennen ihrer Schwierigkeiten und geringen
Realisierungsmöglichkeiten einerseits und dem pragmatischen und von approximativem
Vorgehen regierten Bemühen um das Erreichen des Notwendigen andererseits. Es ist
aber auch offenkundig, „dass sich die Wissenschaft,
je reiner sie ist, umso mehr der Form der reinen Mathematik annähert; desto mehr
sich aber auch von dem Material, das sie eigentlich erklären will,
entfernt“20.
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Es zählt zu den unvergänglichen und bis heute
bestimmenden Leistungen des klassischen Griechenlands, dass man mit höchstem
Einsatz ein logisch-rational geschlossenes System der Erkenntnis zu schaffen
bemüht war.
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| An den im klassischen Altertum durch Platon, Aristoteles und weiters die Stoiker, für die Wissen durch keinerlei
Argumente zu erschütternde Erkenntnis darstellte, und andere Philosophen
erarbeiteten Wissensbegriff schließt im Wege der Aristoteles-Rezeption und durch den Humanismus die Diskussion in der
Neuzeit an. Die Diskussion hält bis heute an.
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| Neben den eben erörterten Aspekten existierte bereits in der
Antike eine Vielfalt hinsichtlich der Verwendung des Wortes „Wissen“21, die auch weiter tradiert und in der scholastischen
Philosophie von Anfang an berücksichtigt wird, indem Wissen als Besitz, als
Vermögen, als Form jeglicher Erkennntis aufgefasst wird. Im Zuge der Rezipierung des
aristotelischen Organons ist jedoch sehr bald eine Verengung, eine striktere
Auffassung von Wissen bestimmend geworden, die sich hin zu „Wissen“ im Zusammenhang
mit „Wissenschaft“ in einem modernen Sinne entwickelt, womit die Frage der
Gewissheit von Erkenntnis, von Wissen verbunden wird. Damit entsteht in bislang noch
nicht gegebener Weise eine Spannung zwischen Glauben (fides) und Wissen in einem rationalen Sinne (ratio, für das der Begriff scientia
herangezogen wird), wie sie in bis in die Hochscholastik dominierender Weise von
Augustinus eingebracht worden ist. Im ausgehenden 13. und mehr noch im
beginnenden 14. Jh wird der Begriff „Wissen“ in bis dahin ungekannter Schärfe
diskutiert und definiert22, früh durch Robert
Grosseteste und Roger
Bacon in dem Sinne, dass allein die Mathematik Gewissheit vermittle und im
allgemeineren insbesondere durch Duns
Scotus, der (neben auch anderen Meinungen) feststellte, dass die für das
Wissen geforderte Evidenz mit dem Glauben unverträglich sei, und nachfolgend
radikaler durch Wilhelm von
Ockham. Die Frage lautet: steht das „Wissen“ aus der Offenbarung höher als
das mit Hilfe der Ratio gewonnene Wissen? Diese Frage war natürlich von höchster
Relevanz, als im Zuge der zunehmenden Naturerkenntnis Differenzen zwischen den
beiden Ebenen erkennbar wurden. Die scholastische Philosophie hat sich dieser Frage
und überhaupt der Frage nach Wissen, nach Wissenschaft und nach Wissenschaftlicher
Methode mit großem Aufwand, mit zunehmender Kenntnis der aristotelischen Schriften
und kulminierend in Thomas von
Aquin mit größter Subtilität gewidmet, bis im 14. Jh durch Wilhelm
von
Ockham die Separierung der beiden Bereiche gewissermaßen unumkehrbar
wurde.
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| War bereits bei Ockham, Buridan und bei Oresme klargestellt, dass absolute Gewissheit in vielen Fällen unmöglich
sei, so ist diese Auffassung in der Renaissance durch Nikolaus
von Kues verstärkt worden, der dem Menschen die Möglichkeit präzisen
Wissens abspricht und nur die Möglichkeit der Mutmaßung (conjectura) zuerkennt. Gleichwohl kommt es in weiterer Folge im
Zusammenhang mit dem Aristotelismus und seiner Kritik im 16. und 17. Jh zu einer
eingehenden Diskussion des Wissensbegriffes, wobei neuerlich das Element der
Gewissheit in den Mittelpunkt rückt und eine Differenzierung unter diesem Aspekt
vorgenommen wird, was durch einen neuen Skeptizismus verstärkt wird, der neuerlich
ein letztlich unerreichbares Ideal formuliert und infolgedessen folgert, dass nur
begrenztes, partikulares Wissen in Erfahrungsbereichen möglich sei.
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| Im Humanismus wird – unter stark platonischem Einfluß und in
Kritik der scholastischen Vorstellungen – die Diskussion fortgeführt, wobei nun die
Methodenlehre an Bedeutung gewinnt. Die aristotelische Richtung erweist sich
letztlich als die bedeutsamere – daran hat letztlich auch der zeitweise starke
Antiaristotelismus (dessen führende Köpfe sehr wohl zwischen Aristoteles und den ihm im Wege des Aristotelismus vermeintlich
zugeschriebenen Lehrmeinungen zu unterscheiden wussten) als eine
Emanzipationsbewegung nichts zu ändern vermocht. Eine neue Belebung tritt durch den
Empirismus und die neue Skepsis ein; Francis
Bacon greift die stoische Auffassung von der Herrschaft des Menschen über
die Natur, die durch Wissen ermöglicht werde, und die Vorstellung von der Einheit,
dem in sich kohärenten System von Wissen(schaft) auf.
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| Mit Descartes, der sich neuerlich um die Grundlegung eines sicheren, gewissen
Wissens bemüht, tritt eine neue Phase der Diskussion um Wissen ein, die durch Kant
eine Wendung erfährt, der Wissen als „das sowohl
subjectiv als objectiv zureichende Fürwahrhalten“23 definiert, als „entweder eine empirische oder eine rationale Gewissheit“, „wobei letztere entweder intuitiv bzw. evident
(Mathematik) oder diskursiv (Philosophie) sein kann“24, und dem Wissen
als weitere Modi des Erkennens Glauben und Meinen zur Seite stellt. Auf dieser
Position bauen die maßgeblichen Diskussionen in der nachfolgenden Zeit, insbesonder
auch hinsichtlich des nicht-naturwissenschaftsbasierten Erkennens auf.
|
| Kant, für den Wissen „das sowohl subjectiv
als objectiv zureichende Fürwahrhalten“25 ist, hat die Diskussion ausgeweitet,
indem er die Frage nach dem Wissen um die Möglichkeit von Wissen (wieder) einführt
(„Was kann ich wissen?“); er löst damit eine neuerliche Diskussion um ein „absolutes
Wissen“ bzw. um den Bezug des Menschen zur Welt aus, an der sich nahezu alle
führenden Philosophen der Folgezeit beteiligt haben.
|
| Im 19. und 20. Jh tritt der Begriff „Wissen“ hinter dem weiteren
Begriff der „Erkenntnis“ zurück; erst nach 1950 tritt er wieder eigenständiger
hervor. Hans-Georg Gadamer unterscheidet im letzten Drittel des 20. Jhs zwischen einem
„Wissen der Wissenschaft“, das „Wissen vom Unveränderlichen“ ist und das „jeder
lernen“ kann, und einem „sittlichen Wissen“, in dem jeder von dem, was er weiß,
betroffen ist – aus diesem Wissen erwachsen ihm die Geisteswissenschaften, die
moralisches Wissen anstreben, in dem der Mensch sich „als ein Handelnder“ begreift.
|
|
|
| Dieser Begriff26, der
verkürzend als sowohl den Akt des Wissens als auch die Summe des Gewussten, des
menschlichen Wissens bezeichnend aufgefasst werden kann, führt natürlich zurück auf
die im Zusammenhang mit „Wissen“ diskutierten Begrifflichkeiten. Die den heutigen
Wissenschaftsbegriff kennzeichnenden objektiven Konnotationen27 werden erst relativ spät
wesentlich28.
|
| Grundlegend für die Entstehung des Begriffs sind Aristoteles „Analytica posteriora“. Das Verständnis vom „System“ leitet
sich wesentlich von der stoischen Philosophie ab – Wissenschaft wird auch dadurch
bestimmt, dass sie in ihren Teilbereichen kohärent ist.
|
| Im Mittelalter dominiert anfangs die Einstufung als „ars“ Augustinus formuliert: „Omnis doctrina vel
rerum est vel signorum, sed rest per signa discuntur“ – „alle Lehre handelt
von Dingen oder von Zeichen, aber die Dinge werden durch Zeichen gelernt“. Isidor von
Sevilla hat doctrina, disciplina und
scientia gleichgesetzt, womit scientia auch für die septem artes verwendet worden ist, was mitunter begriffliche
Verwirrung ausgelëst hat. Mit der Aristoteles-Rezeption tritt dann scientia (als Übersetzung von episteme)
an die Stelle von ars. Nun kann scientia mit philosophia synonym gesetzt erscheinen – und so bleibt es auch lange29.
|
| In der Spätscholastik werden Wissen und Wissenschaft als das „proprium opus hominis“, das (allein) dem Menschen
eignende Geschäft, und als die höchste in der irdischen Welt erlangbare
Vervollkommnung bezeichnet, wovon es bereits in der 1277 verdammten These 40 heißt
„Es gibt keine ausgezeichnetere Lebensform als sich
frei der Philosophie ˙d.h. der Wissenschaft zu widmen“ und woraus Johannes
Buridan ableitet: „omnis scientia est bona,
honorabilis, delectabilis et utilis“.
|
| Die Diskussion im 13. und 14. Jh gilt primär der Vereinbarkeit des
rational begründeten Wissens im Sinne des Aristotelismus mit der Theologie, in
weiterer Folge geht es um den Objektbereich und um die Einheit der Wissenschaft
sowie um die mathematische und erfahrungsgeleitet-experimentelle Fundierung, die
sich seit dem Ende des 13. Jhs anbahnt. In diesem Sinne wird der Begriff scientia auch synonym für philosophia verwendet (was bis weit in die Neuzeit hinein
anhält); gleichzeitig erfolgt damit auch eine Separierung von der theologia. Von entscheidender Bedeutung ist, dass das Verfahren
der philosophia, d.h. das rationale Verfahren im
Sinne der scientia auch als ein in der theologia anzuwendendes Verfahren akzeptiert
wird30: Thomas von
Aquin bejaht die Frage utrum sacra doctrina
sit argumentativa, wenn er auch die Grundlagen für das Vorgehen im Sinne der
scientia noch aus dem Glauben abzuleiten
sucht, wogegen bereits in den Thesen von 1277 massiv Position bezogen wurde.
|
| In der Frühen Neuzeit tritt die experientia, die Erfahrung als wesentlicher Begriff hinzu, und es werden die
bei einigen Autoren (z.B. bei Roger
Bacon) schon früh skizzierten gesamthafte Konzeptionen einer universalen
Wissenschaftsauffassung, eines Systems, entwickelt.
|
| In der Frühen Neuzeit tritt – nach den Anfängen bei Roger
Bacon und in der spätscholastsichen Naturphilosophie – die Frage nach der
der Wissenschaft zugrundezulegenden Methode in den Vordergrund: Francis
Bacon, Galilei, Newton
u.a. fordern Induktion und Empirie, womit auch die Forderung nach dem Experiment
verbunden ist und was die Entstehung der experimental
philosophy bzw. der natural philosophy im
Sinne der modernen Naturwissenschaften zur Folge hat31, in der der
bis dahin bestimmende Faktor der Logik in den Hintergrund tritt, wenngleich diese in
der Diskussion des Wissenschaftsbegriffes weiterhin eine bedeutsame Rolle spielt.
Kant
definiert Wissenschaft als „Inbegriff einer
Erkenntniß als System“, die kein bloßes „Aggregat“ sei. Jede Wissenschaft ist nach kant wiederum ein
System für sich und hat gleichzeitig „in der
Encyclopädie aller Wissenschaften ihre bestimmte Stelle“. Zur selben Zeit
kommt es erst zur deutlichen Diffrenzierung der Begriffe „Wissen“ und
„Wissenschaft“, wie auch der Begriff „Wissenschaftler“ – jenseits von mathematicus, physicus etc. –aufkommt32.
|
| In weiterer Folge entwickelt sich im Wege der Differenzierung der
philosophischen Schulen und in Analogie zum Wissensbegriff eine intensive und
reichhaltige Diskussion um den Wissenschaftsbegriff, in der der
Wissenschaftscharakter der Naturwissenschaften unbestrittener erscheint, während die
alte und durch die Ausweitung der Auseinandersetzung mit der Historie wesentlich
intensivierte Frage der Wertigkeit der nicht naturwissenschaftlich-empirischen und
nicht auf mathematischer Unterstützung aufbauenden Erkenntnis weiterhin umstritten
bleibt und bis heute Gegenstand zahlreicher Versuche einer Einbindung in die Sphäre
der Gewissheit ist.
|
| Im 19. Jh entwickelt sich – nach dem kurzen Intermezzo der
idealistischen Konzeption einer Wissenschaft im aristotelischen Sinne durch Hegel und einem kurzzeitigen neuerlichen Anspruch der Philosophie als der
eigentlichen Wissenschaft – der Exodus der Wissenschaften aus der Philosophie.
Wissenschaft wird als etwas aufgefasst, was nach Wilhelm von Humboldt
„aus der Tiefe des Geistes heraus“ zu schaffen
und unablässig zu suchen und dennoch niemals abzuschließen sei. Im Gefolge der
vorangegangenen Diskussionen nehmen die Naturwissenschaften eine modellhafte
Position ein und werden (wie im angloamerikanischen Bereich heute noch vielfach)
überhaupt als Synonym für Wissenschaft gewertet, während sich vor allem im deutschen
Raum die Geisteswissenschaften als solche entwickeln und in eine Opposition zu den
Naturwissenschaften geraten, was in grundlegende Diskussionen zum
Wissenschaftsbegriff überhaupt mündet, in denen die Naturwissenschaften als
nomothetische (gesetzesgeprägte) und die Geisteswissenschaften als idiographische
(ereignisorientierte) Wissenschaften gegenübergestellt werden. Im 20. Jh wird diese
Auseinandersetzung maßgeblich durch den vor allem in Frankreich entwickelten
Positivismus beeinflusst; insgesamt entwickelt sich aber eine Fülle von
logisch-empiristischen, analytischen, kritisch-rationalistischen und anderen
Richtungen, die das Phänomen Wissenschaft uter den verschiedensten Aspekten
diskutieren. Wenn auch immer noch einer monistischen Auffassung die dualistische
gegenübersteht, die zwischen der naturwissenschaftlich-positiven Erkenntnis und der
geisteswissenschaftlich-hermeneutischen unterscheidet, so ist man doch in vieler
Hinsicht zu eher flexiblen Vorstellung zurückgekehrt und vermeidet restriktive
Wissenschaftskriterien, in gewisser Hinsicht wir Paul Feyerabends „anything goes“
akzeptiert.
|
| Hinsichtlich der Wissenschaftsgeschichte ist bezüglich des
Wissen(schaft)sbegriffes im ausgehenden 20. Jh von französischen Philosophen
formuliert worden: „Eine Geschichte ‚der’
Wissenschaften kann die Epistemologie [...] überhaupt nur in dem Sinne sein, dass
sie die konkrete Unterteilung ‚der’ Wissenschaften ‚unbestimmt global’ handhabe.
Es gehe [...] darum, eine Geschichte der Wissenschaften zu entfalten als
Geschichte“ eines Stromes des Wissens als solchen; nur so könne „das Wissen als Formation in bezug zu anderen
Formationen der allgemeinen Geschichte gesetzt“ werden33.
|
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|
| Die beiden grundlegenden Gegenstände wissenschaftlicher Arbeit
sind der Mensch in seiner individuellen wie kollektiven Aktivität als soziales Wesen
im umfassendsten Sinne und die Natur sowie naturgemäß das Wechselspiel beider.
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| In der Frage nach dem eigenen Sein und nach der Positionen
und den Aufgaben des Menschen ist die Entstehung der Philosophie gleichermaßen
begründet wie in der Frage nach der Welt, in der er existiert.
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| Im klassischen Altertum ist der Mensch wesentlich Objekt
ethisch-moralischer Betrachtungen. Aristoteles betrachtet ihn über Platon hinausgehend als zoon
politikon. Die Stoiker bringen neue Aspekte in die Betrachtung des Menschen
ein, der zunehmend auch in Bezug auf die Natur handelndes Objekt wird – Mensch als
alter deus. Rückschlag durch das Christentum:
Frage der Prädestination bzw. der Freien Willens – Augustinus, Duns
Scotus bringt die Position des Individuums in die Betrachtung ein, Luther. Säkulare Diskussion des Freien Willens und der Verhältnisses des
Menschen zur Natur im Zusammenhang mit seiner Handlungsfreiheit auch in einem
psychologischen und physiologischen Sinne; Mensch als Maschine.
|
|
|
| Wissenschaft ist primär aus der Auseinandersetzung des
Menschen mit der ihn umgebenden Natur entstanden. Es ist deshalb für die Frühzeit
das Naturverständnis ein wesentlicher Faktor. Der Mensch versucht, sich ein Bild von
seiner Umgebung zu machen, die er erst in mythisch-magischer Auffassung und dann
zunehmend rationaler als Natur erfasst, und später in ihren Erscheinungen zu
erfassen und zu erklären sucht34. Aus dieser
Auseinandersetzung mit der Umwelt und später schließlich der Analyse des Menschen in
der Natur und in seiner geistigen Tätigkeit entsteht Wissenschaft.
|
|
|
| Ernst Cassirer erblickt im mythisch-magischen Naturverständnis den Vorläufer
der Naturwissenschaften. Beide kämen gewissermaßen aus derselben Wurzeln: Die
Auseinandersetzung mit der Welt war und ist stets auch eine Auseinandersetzung mit
der Natur. Die Anfänge des Denkens sind dadurch geprägt.
|
| Die anfängliche Wahrnehmung und Auseinandersetzung mit der Natur
vollziehen sich in magisch-mythisch bestimmter Auffassungen und Praktiken. Das
Ziel ist im Prinzip bereits das der späteren Naturwissenschaften: Beherrschung der
Natur zumindest in dem Sinne, daß das Bedrohliche abgewendet werden soll. Bis
heute wesentliche Begriffe stammen aus jener Phase. So z.B. der Begriff „Kraft“ –
als etwas, was durch Präsenz eines Gegenstandes oder auch Aussprechen von Worten,
Formeln etc. augenblicklich wirkt: Gott sprach, es
werde Licht. Und es ward Licht; Im Anfang
war das Wort, Sprache als ein wesentliches Instrument der Magie. In diesem
Bereich sind die Vorstellung bezüglich des Aussprechens des Wortes als
Schöpfungsakt („Es werde Licht!“), als
Herrschaft über etwas, Herbeizwingen eines Geistes durch Aussprechen seines Namens
etc. sowie Problem des unaussprechlichen Gottesnamens zu sehen.
|
| Das Magisch-Mythische entspringt im Trieb-, Affekt- und Wunschleben
des Menschen, in der Gefühls- und Empfindungswelt mit einem noch nicht wirklich
entwickelten Wahrnehmungspegel, ohne besondere Differenzierung, Präzisierung der
Wahrnehmung, ohne bewußte distanzierte Reflexion – es wird zwischen Ganzem und
Teil, zwischen Ursache und Wirkung noch nicht hinreichend unterschieden. Die
magisch-mythische Auffassung differenziert nicht zwischen dem Ganzen und dem Teil
(Besitz von Haaren gibt Macht über die Person als Ganzes etc.), erfaßt deshalb
auch noch nicht die Funktionsweise komplexerer Gebilde. Es fehlt der für das
wissenschaftliche Denken fundamentale Begriff der Kausalität. Verursachendes und
Verursachtes werden nicht hinreichend von einander unterschieden. Damit hängt auch
ein anderer Analogiebegriff bzw. anderer Begriff von Identität zusammen: der Rauch
aus der Pfeife des den Regenzauber vollziehenden Schamanen ist die ersehnte
Regenwolke selbst; die für das wissenschaftliche Denken unabdingbare Zerlegung der
Objekte in zu analysierende Teile ist auf Grund dieses Mangels nicht vollziehbar,
ist nicht gegeben. Andererseits sind unsere ganzheitlich orientierten
Vorstellungen von der Harmonie und Ausgeglichenheit der Dinge, der Einbindung in
die Natur – Einssein mit der Natur etc. – im magisch-mythischen Bereich
beheimatet. Personifizierung der Natur, Mutter Erde, der man nicht durch Pflügen
etc. Gewalt antun darf , u.ä.m.
|
| Die Magie strebt nach einer unmittelbaren Verbindung zur Natur, einer
unmittelbaren Naturbeherrschung, Naturbeeinflussung.
|
| Der Mythos ist hingegen bereits eine distanziertere Form der
Wirklichkeitserfahrung – er sucht nicht mehr in die Natur einzugreifen, sondern
stellt derartige Versuche nur mehr verbal dar.
|
| Beide – mythisch-magische Auffassung und wissenschaftliche Auffassung
– entspringen demnach derselben Wurzel, sind eigentlich nur graduell
unterschiedliche Ausformungen der Auseinandersetzung mit der Welt. Erst im Zuge
einer logischen Genese entwickelt sich nach Cassirer35
das, was wir als wissenschaftliches Vorgehen bezeichnen. Viele Elemente des
mythisch-magischen Verstehens gehen in die heutige Welt über, wie ja die
mythisch-magische Auffassung weiter fortlebt – Astrologie, Esoterik etc. So handelt es sich im Grunde genommen um eine
Gewichtungsverschiebung vom Mythisch-Magischen hin zum
Empirisch-Rationalen. |
| Das Verhältnis des Menschen zur Natur ist bestimmt durch Analyse und
Synthese – „Zerlegung“ der Natur in Teilbereiche, die untersucht und dann wieder
in das Ganze eingefügt werden. Mit der Frage nach der Beherrschung der Natur durch
den Menschen tritt die Auffassung, dass die Natur eine organische Gesamteinheit
sei, in den Hintergrund – der Mensch tritt dadurch in ein ganz anderes Verhältnis
zur Natur, nimmt sich nicht mehr so sehr als integrierender Teil wahr, sondern
gewissermaßen als Alternative oder Nachbild des Schöpfers, als alter deus.
|
| Im Wesentlichen können hinsichtlich des Verhältnisses gegenüber der
Natur drei Stadien angenommen werden:
|
|
|
| Platon strebt in seiner Philosophie nach dem rationalen
Erkennen der Natur und der Verständigung darüber. Aristoteles unterscheidet im
4. Kapitel des 5. Buches seiner Metaphysik
sechs verschiedene Bedeutungen von Natur:
|
| 1 |
Natur als Werden der wachsenden Dinge |
| 2 |
Natur als das, woraus als Erstem das Wachsende wächst, also
der immanente Wachstumsgrund
|
| 3 |
Natur als das, wovon die erste Bewegung bei jedem natürlichen
Ding ausgeht
|
| 4 |
Natur als das, woraus als Erstem ohne Umgestaltung und
Veränderung aus eigenem Vermögen die nicht-natürlichen Dinge entstehen, d.h. als
Stoff, der dem Menschen zur Verfügung steht
|
| 5 |
Natur als Wesen der natürlichen Dinge im Sinne von
Zusammensetzung, Form oder Gestalt, die zugleich Zweck des Werdens ist
|
| 6 |
Natur im übertragenen Sinne als Wesen überhaupt und zwar
einschließlich der künstlichen Dinge.
|
|
| Aristoteles erachtet in der Natur vier Ursachen als wirksam
gegeben:
|
| – |
Formursache: causa
formalis, sie ist zusammen mit der causa
materialis das den Stoff Bestimmende und ist gleichzeitig Ziel und Ende
des auf sie ausgerichteten Wachstums- und Bewegungsprozesses – Haus als Vorstellung, als Plan |
| – |
Materialursache: causa
materialis Ziegel als Stoff, Material des Hauses |
| – |
Zweckursache: causa finalis
Haus als Wohnung |
| – |
Wirkursache: causa efficiens
Haus .
|
|
| Wesentlich ist bei den Griechen und insbesondere bei
Aristoteles die prozeßhafte Auffassung der Natur. Das griechische Wort für Natur,
physis, wird von einer indogermanischen
Wurzel für wachsen abgeleitet, sowie das
lateinische natura von nasci abzuleiten ist. Bei Homer kommt „physis“ noch in
pflanzlichem Sinne vor.
|
| Das Gesetz, bei Pindar um 500 dem König zugeordnet, erscheint
beim Sophisten Hippias um 400 als Tyrann. Später ergibt sich die
Kontroverse zwischen dem Naturrecht (Recht des Stärkeren) und menschlichem Recht
(das auch das Recht des Schwächeren sein kann). Für Platon ist das Gesetzte, das
menschliche Gesetz, das auf der Vernunft beruht, das wertvollere, Aristoteles
betont hingegen mehr den Wert des Natürlichen.
|
|
|
| Im christlichen Bereich wird die Natur als Konstruktion und
Artefakt Gottes betrachtet. In diesem Zusammenhang ist die Differenzierung
zwischen natura naturans (= die
hervorbringende Natur, d.i. im Mittelalter Gott) und der natura naturata als der hervorgebrachten, geschaffenen Natur,
die nicht von sich aus entwickelt und schafft, zu sehen. Dieser Differenzierung
begegnet man erstmals in einer Aristoteles-Übersetzung des Michael
Scotus.
|
|
|
| Nun kommt es zur Ausweitung der schon in der der Bibel und
in der stoischen Philosophie auftretenden Vorstellung, daß die Natur dem Menschen
untertan sei, dass – so die stoische Philosophie – der Mensch ein zweiter Schöpfer
sei, der die Natur durch menschliche Kunstprodukte konkurrenziere bzw. zu
übertreffen, zu erweitern suche. Die Natur wird verschiedentlich auch als
menschliches Konstrukt, als Produkt des Menschen verstanden. |
|
|
| Es gibt unterschiedliche Bereiche von Wissenschaft, für die
verschiedene Theorien und unterschiedliche Methoden gültig sind. Dem entsprechend gibt
es verschiedene Modelle für eine inhaltliche Strukturierung von Wissenschaft.
|
| Hinsichtlich der Zielsetzung
unterscheiden wir drei wissenschaftliche Betrachtungsmöglichkeiten der
Erscheinungswelt:
|
| a) |
wie die Objekte beschaffen sind und sich verhalten, welches im
Allgemeinen ihr Wesen und Sein ist = naturwissenschaftliche Betrachtung,
|
| b) |
wie die Objekte zu dem Besonderen geworden sind bzw. werden, was
sie sind, = geschichtliche
Betrachtungsweise,
|
| c) |
was die Objekte in ihrem Zusammenhang zueinander und in der Welt
bedeuten = philosophische
Betrachtungsweise.
|
|
| Hinsichtlich der Erkenntnisgewissheit,
der Modi des Erkennens, unterscheiden wir der Differenzierung des Wissensbegriffes
entsprechend ebenfalls zwei bzw. drei Gruppen:
|
| Im Altertum unterschieden bereits Platon
und Aristoteles die Bereiche
|
| – |
Wissen, als gewisse, gesicherte Erkenntnis |
| – |
Meinen, als nicht gesichertes und in Ermangelung eines Besseren
doch akzeptierten „Wissens“.
|
|
| Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit stand die Erkenntnis
aus der göttlichen Offenbarung an der Spitze, so unterschied z.B. noch 1566 Jean Bodin
in seiner "Methodus ad facilem historiarum
cognitionem"36:
|
| – |
Glauben = Historia divina = cognitio certissima = gewisseste Erkenntnis
|
| – |
Wissen = Historia naturalis =
cognitio certa = gewisse Erkenntnis37 |
| – |
(Meinen) = Historia humana = cognitio incerta et confusa = ungewisse Erkenntnis
|
|
| Im Zuge der Mathematisierung der Naturphilosophie
(Naturwissenschaften) und der gleichzeitigen Säkularisierung erlangte die Cognitio mathematica = philosophica = logica (in
Fortführung die auch die Gottesvorstellung beeinflussenden Geometrie – more geometrico) den höchsten Rang, und die Sphäre
des Glaubens scheidet aus dem Bereich Wissenschaft aus, sodass wieder die im Altertum
schon gegebene Zweiteilung – Wissen und Meinen – Gültigkeit erlangt, wie sie später
durch Kant
in der Trias Wissen – Meinen – Glauben neu gefestigt wird.
|
| Hinsichtlich der Erkenntnisgrundlagen
wird unterschieden wie folgt
|
|
|
|
|
| b) |
Erfahrungswissenschaften |
|
| – |
Naturwissenschaften: Physik, Chemie etc. |
| – |
Geisteswissenschaften: Sprach-, Geschichts-,
Kunstwissenschaften
|
|
|
|
| Steuerungsbereiche der Wissenschaft sind Theorie und
Methode.
|
|
|
| Theorie bezeichnet die Betrachtung, Anschauung, auch
Erkenntnis; ursprünglich für Schau im Gegensatz zur wahrnehmbaren Erfahrung (z.B.
bei Platon im Zusammenhang mit dem [wissg-063-77::Höhlengleichnis] die
kontemplative Betrachtung des unveränderlichen Göttlichen38) – es geht um das, was (als ordnend, als
Ordnung, als strukturiert Ewiges) „hinter“ dem Wahrnehmbaren (Werdenden,
Vergänglichen, Zeitlichen) liegt.
|
| Aristoteles verbindet den Begriff theoria eng mit dem Wissenschaftlichen, wenn er die Metaphysik als eine
„theoretische Wissenschaft“ bezeichnet und weiters die Mathematik, die Physik und
die Theologie mit diesem Epitethon belegt; damit treten theoretische Wissenschaften
neben die praktischen – sie bestehen wie die Theorie für sich selbst – hier spielt
noch ein Wortinhalt herein wie in der mittelalterlichen „vita contemplativa“, d.h. der auf höhere Schau gerichteten,
nicht praktisch-zweckorientierten Schau, wie ja im Mittelalter die
theologisch-mystischen Komponenten des Begriffs in den Vordergrund gerückt werden.
Mit dem Beginn der Theoriediskussionen im 16. Jh und zu Beginn des 17. Jhs wird das
kontemplative Ideal des Altertums wie des Mittelalters zurückgedrängt und der neue
Theoriebegriff geschaffen, den Gadamer beschreibt als ein „Konstruktionsmittel, durch das man Erfahrungen einheitlich zusammenfasst und ihre
Beherrschung ermöglicht“39.
|
| Im 17. Jh tritt der Begriff theoria
in enge Nachbarschaft zum Begriff der Hypothese40. Newton
beispielsweise verwendet theoria, weil er den
Begriff Hypothese in negativer Kritik anderer „verbraucht“ hat und nicht auf seine
eigenen Modelle, die er als fehlerfrei erachtet, anwenden will. Kant
schränkt den Theoriebegriff auf die Natur ein. Nach ihm wird die Verwendung des
Begriffes ausgeweitet und damit die grundlegende Veränderung im 19. Jh
vorbereitet.
|
| In Zusammenhang mit dem Verlust an Wahrheits-Gewissheit der
Erkenntnis, wie er im Zuge der kritischen Entwicklung zu Ende des 19. Jhs auch in
den Naturwissenschaften (Ende des mechanistischen Weltbildes; Kausalitätsfrage,
Relativität) eintritt, gewinnt auch der Begriff „Theorie“ eine andere Bedeutung,
nämlich einen instrumentellen Charakter – Theorie wird nun auch als menschliches
Konstrukt aufgefasst, dessen Verhältnis zu Realität (soferne eine solche überhaupt
akzeptiert wird) gar nicht feststellbar ist; und deshalb ist nun auch von einer
Vielzahl von Theorien die Rede. Theorie wird nun der Modus von Wissenschaft selbst,
da in Ermangelung von Gewissheit Theorie zum konstituierenden Element bzw. Modus von
Wissenschaft wird. Dementsprechend entwickelt sich eine „Hierarchie von
Theorien“:
|
| – |
Theorie letztlich für das Ganze des
Wissenschaftsbereiches
|
| – |
Theorie als „untergeordnete Theorie“ als Voraussetzung und als
Hilfsmittel für Untersuchungen.
|
|
| 1807 taucht erstmals der Begriff „Theorie der Erkenntnis“ auf
(bei Jakob Friedrich Fries). In weiterer Folge wird der Theoriebegriff Gegenstand zahlloser
philosophisch-analytischer Untersuchungen.
|
| Wir können hier Theorie als die wissenschaftlich
zusammenfassende Lehre zur einheitlichen Erklärung eines Phänomenkomplexes mit dem
systematischen Ziel einer geregelten Ordnung zusammengehöriger Gegenstände verstehen
(sie kann deshalb auch als eine „Ordnungslehre“ gesehen werden); also als ein
Konstrukt zur Erklärung von Vorgängen und Verhältnissen durch Einordnung in
allgemeine Prinzipien; und all das unter Außerachtlassung der praktischen
Verwertungs- oder Anwendungsmöglichkeit; die Theorie stützt sich auf Beobachtung
oder Experiment sowie auf wissenschaftliche Annahmen (= Hypothesen) und sie muss
umgewandelt oder durch eine bessere ersetzt werden, sobald sie sich als unzulänglich
erweist, falsifiziert wird (Popper). Die Theorie bzw. das Erklärungskonstrukt ist nach Popper nicht positiv als richtig erweisbar, wohl aber theoretisch immer
und in der Praxis gegebenenfalls falsifizierbar.
|
| In das Deutsche ist das Wort Theorie in Ermangelung eines
entsprechenden deutschen Begriffes erst im 16. Jh aus dem spätlateinischen theoria entlehnt worden. Synonyma waren im
Lateinischen zeitweise auch contemplatio, meditatio und speculatio – also Begriffe, die später im Deutschen (und auch im
Lateinischen) inhaltlich auseinanderfallen. Während „spekulativ“ heute im Deutschen
einen wenig rationalen Beigeschmack hat, war dies im Mittelalter im ursprünglichen
lateinischen Wortsinn keineswegs so41.
|
|
|
| Methodus42 ist das „einer Sache Nachgehen“, heißt also ein nach Sache
und Ziel planmäßiges Verfahren des wissenschaftlichen Vorgehens zum Erkenntnisgewinn
(in diesem Sinne ist die Methode eine „Verfahrenslehre“). Dementsprechend ist
jeglicher Wissenschaft eine Methodenlehre – Methodologie –beigesellt, die unter dem
Schirm der allgemeinen logischen Methodenlehre den spezifischen Anforderungen der
jeweiligen Wissenschaftsdisziplin entspricht. Die Methodologie soll Kriterien
liefern, die erkennen lassen, welche von zwei konkurrierenden Theorien die bessere
sei und sie soll Regeln bzw. Verfahrensweisen liefern, die die Erreichung des Zieles
erleichtern – damit ist sie ein normatives Unternehmen; sie erstellt ein
präskriptives Wissenschaftsbild; für die Erstellung der Methodologie muss das Ziel –
Erkenntnis- und Wissenschaftsideal definiert sein.
|
| Methoden müssen nicht nur den Gegenständen einer Wissenschaft
überhaupt angemessen sein, sondern sie sollen darüber hinaus ermöglichen, bestimmte
praktische, technische oder theoretische Probleme, Fragestellungen und Zielsetzungen
in einer rational disziplinierten Weise effektiv zu bearbeiten.
|
| Die Wahl der Methode ist nicht so sehr eine wissenschaftstheoretische
Grundsatzentscheidung, sondern vielmehr eine Frage der wissenschaftlichen
Zweckmäßigkeit: man muss wissen, was man erreichen will, um bestimmen zu können,
welchen Weg man am besten einschlägt, um ans Ziel zu gelangen.
|
| Die wissenschaftstheoretische Untersuchung der Methoden ist von Wert in
dem Sinne, als sie in kritischer Weise zu untersuchen in der Lage ist, ob die Ziele
richtig gesetzt wurden – es kann sich erweisen, dass ein Ziel mit keiner bisher
entwickelten Methode erreichbar ist. Wesentlich ist, dass die Methoden den Zielen
und Gegenständen nachgeordnet sind.
|
| Wie viele Grundbegriffe der Philosophie und
Wissenschaftslehre ist auch der Begriff „Methode“, methodos, bereits in der griechischen Philosophie geprägt und durch Platon und mehr noch durch Aristoteles in jener Weise verwendet worden, wie sie heute noch für uns
richtungsweisend ist, auch wenn sich im Mittelalter und weit umfangreicher noch in
der Neuzeit eine außerordentlich vielfältige Diskussion dieses Begriffes bzw. der
mit ihm verbundenen Probleme entwickelt hat. Im Zuge des Übersetzungswerkes ist im
13. Jh methodus auch noch mit via oder mit ars
gleichgesetzt worden, bis bald – etwa bei Roger
Bacon und bei William von
Moerbeke – eine Gleichsetzung mit modus
procendendi, also mit rational organisiertem Vorgehen erfolgt.
|
| Es haben in der Neuzeit verschiedene Differenzierungen des
Methodenbegriffs stattgefunden: „vertikal-hierarchisch“ nach Art und Weise der
Untersuchung, „horizontal“ bezogen auf bestimmte Wissenschaftsbereiche und -inhalte
etc. Naturgemäß ist es auch zur Vermengung mit der Theoriediskussion gekommen.
|
| Der Spezialfall der „historischen Methode“ wird später
behandelt werden, wie auch auf das Methodenproblem in Bezug auf die
Geisteswissenschaften noch näher eingegangen werden soll; hier sei diesbezüglich
(wie analog für die anderen Wissenschaftsbereiche auch) nur festgehalten, dass es
nicht die eine spezifisch geisteswissenschaftliche Methode, sondern nur eine
Vielfalt, je nach den Gegebenheiten anzuwendender Methoden gibt.
|
| Das vielfach als „die“ geisteswissenschaftliche Methode angesprochene
„Verstehen“ selbst ist jedoch – entgegen älteren Anschauungen – keine Methode; es
kann als Vorstufe, als Voraussetzung von Erkenntnisprozessen aufgefasst werden Heidegger spricht von der „Vor-Struktur“ des Verstehens), aber auch als Ziel solcher Prozesse, und zwar
in den Geistes- wie auch in den Naturwissenschaften.
|
| Ein Unterschied besteht diesbezüglich zwischen Zusammenhängen in der
Natur – diese werden für das Verstehen „wissenschaftlich erklärt“ – und jenen Zusammenhängen, die durch Zeichen
(Sprache etc.) vermittelt werden, – sie werden zum Zwecke des Verstehens „interpretiert“. Nicht „Verstehen“ und „Erklären“
sind die (einander keineswegs ausschließenden) Grundmuster der Methoden, sondern
„Interpretation“ und „wissenschaftliche
Erklärung.“43
|
|
|
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|
| Die Vorstellungen von „Zeit“ sind höchst komplex44, da es sich um ein nur schwer fassbares Phänomen handelt.
Aristoteles und auch noch Newton
und Kant
gingen vom Gegebensein von Zeit an sich („tempus
absolutum, verum et mathematicum“) aus – sie alle verknüpften aber das
Problem Zeit bereits mit dem Problem Raum. Newton
musste erkennen, dass es hinsichtlich der Absolutheit von Zeit ein Problem gebe,
vermochte es aber nicht zu lösen, was ihm Kritik durch Leibniz eintrug, der im Grunde genommen bereits eine Vorstellung von
Raumzeit entwickelte.
|
| Eine neue Wendung nahm die Diskussion durch die Entwicklung der
Thermodynamik im 19. Jh, deren Zweiter Hauptsatz45
als naturgesetzliche Ausrichtung einer Richtung des Naturgeschehens und damit auch
als Richtung des Zeitpfeils (Anisotropie der Zeit) gedeutet wurde. Ludwig Boltzmann hat diese Ansicht im Prinzip widerlegt und eine bis heute
anhaltende Diskussion zu dieser Problematik ausgelöst46, die
intensiviert worden ist durch die Beseitigung einer einheitlichen Zeitvorstellung
durch die Spezielle und dann die Allgemeine Relativitätstheorie Einsteins, durch die der Begriff Zeit durch den der Raumzeit ersetzt wird,
einer Vorstellung, „in der Zeit keine eigene, von
räumlichen Bestimmungen unabhängige Existenz mehr hat“.
|
| Die Frage nach Zeit tangiert auch die Frage der Kausalität, da die
Endlichkeit der Geschwindigkeit von Information die Möglichkeit eines
Kausalzusammenhanges mitbestimmt.
|
| Man kann Zeit auch definieren als das im menschlichen
Bewusstsein unterschiedlich erlebte Vergehen von Gegenwart, die als Vergangenheit
erinnert wird, und von erwarteter Zukunft, die ihrerseits zu Gegenwart und
Vergangenheit wird47.
|
| In einzelnen Kulturen gibt es diesbezüglich sehr unterschiedliche
Auffassungen: im Alten Orient und in Ägypten wird Vergangenheit als das bezeichnet,
was vor den Augen liegt, während die Zukunft das an der Rückseite, hinter einem
Liegende ist – das durch die vor Augen liegende Vergangenheit und Gegenwart
erschlossen werden könne.
|
| Die Zeitvorstellungen sind sehr stark rituell bestimmt, indem sie von
einem rituellen Ereignis ausgehen oder auf ein solches hinsteuern, was natürlich
auch die Vorstellungen hinsichtlich der Zeitmessung, der Zeiteinteilung bis hin zu
Epochengliederungen bestimmte. Die rituellen Zeitvorstellungen sind oft zyklischer
Natur, während die profanen Zeitvorstellungen linearer Natur sind. Eine Besonderheit
ist die jüdische Vorstellung, die linearer Natur ist, mit der Erschaffung der Welt
und ihrem Ende eine klare Abgrenzung kennt und unsere abendländische Vorstellung von
Geschichte grundlegend bestimmt hat (ihrerseits ist sie vom Zoroastrismus, der Lehre
Zarathustras bestimmt).
|
| Erst die griechischen Philosophen entwickelten einen vom Ritus
unabhängigen, abstrakten Zeitbegriff, womit die Frage „Zeit“ der logisch-abstrakten,
philosophischen Behandlung zugänglich gemacht wird. In der Folge werden Fragen wie
Ewigkeit (Zeit als Abbild von Ewigkeit bei Platon und Plotin etc.), Beginn und Endlichkeit von Zeit, Charakter von Zeit
(zyklisch, linear etc.) bis in unsere Zeit herauf diskutiert.
|
| Ein naturwissenschaftlicher Zeitbegriff entsteht im Zusammenhang mit
der Entwicklung der Mechanik – Galilei misst die Zeit bei seinen ersten Versuchen mit Herzschlägen (ca.
1 sek) und sucht eine Pendeluhr zu konstrueiren, was erst Huyghens gelingt. Aus der Mechanik folgert keine einsinnige Zeitrichtung.
Dieses Problem tritt (wie bereits erwähnt) erst mit der Entwicklung der
Thermodynamik auf, wo (scheinbar) irreversible Prozesse auftreten. Zeitmessung in
der Physik läuft heute über eine Spanne von 1040 Sekunden (vom Urknall bis heute) bis zu 10-22 Sekunden (im Bereich von Kernprozessen) bzw. (praktisch
unmessbar) bis zur Planck-Zeit von 10-43 Sekunden.
|
| In biologischer Hinsicht geht es bei Zeit um minimale Abstände zwischen
eben noch unterscheidbaren akustischen, optischen und haptischen Wahrnehmungen (sie
sind abhängig von chemischen Reaktionsgeschwindigkeiten im Nervensystem), um
biologische Zyklen – Menstruationszyklus; „innere Uhr“: Zeitgeber bzw. Taktgeber im
Nervensystem (circaannuale = ca. 10 Monate, circadiane = ca. 25 Stunden, aber auch
bis zu 50 Stunden, circalunare Zyklen bei Ausblendung aller äußeren Umwelteinflüsse
wie Tag und Nacht etc. („freilaufende Zyklen“) – Vorbereitung auf nächste Phase
(Zugunruhe bei Vögeln, Steuerungsvorgänge im Zusammenhang mit Winterschlaf u.ä.,
Anreicherung von Wirkstoffen im Blut vor dem Erwachen etc.).
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| Die subjektive Wahrnehmung von Zeit ist interessant in Hinblick auf die
Empfindung von „Gegenwart“ bzw. „zeitlicher Einheit“ („psychische Präsenzzeit“);
hierbei handelt es sich um ca. 6 bis max. 20 Sekunden. Andererseits gibt es
Definitionen von Gegenwart, die auf die „Einheit von historischen Vorgängen“
abstellen, was Jahrzehnte umfassen kann. – „Das
menschliche Gehirn ist jener Ort im Weltall, an dem sich subjektive und objektive
Zeit treffen" (Otto-Joachim Grüsser).
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| Die Zeitmessung wurde bis zur Entwicklung von Wasseruhren (Klepsydra)
im alten Ägypten (ca. 1400 vChr) durch astronomische Verfahren vorgenommen (Sonnen-
und Sternuhren). Die Wasseruhren wurden im Hellenismus (aber auch in China) sehr
bald dermaßen verfeinert, dass sogar die Druckunterschiede bei Sinken des
Wasserspiegels berücksichtigt und die ursprünglich ungleich langen Stunden zwischen
Sonnenauf- und -untergang angezeigt wurden. Mechanische Uhren sind für die Mitte des
13. Jhs nachweisbar48. Der nächste Entwicklungsschritt war der
der Pendeluhr, deren erste zufriedenstellende Konstruktion durch Christiaan Huyghens vorgenommen worden ist. Die Konstruktion und Herstellung exakter
ortsunabhängiger, mobiler Uhren war ein wesentliches Problem der Navigation in der
Neuzeit, da das „Mitnehmen“ der Ortszeit des Ausgangspunktes für die Bestimmung der
geographischen Länge unbedingt erforderlich ist und die verschiedenen
diesbezüglichen astronomischen Verfahren (mit Hilfe des Mondes) witterungsabhängig
und diffizil, insgesamt also praktisch nicht wirklich zufriedenstellend waren. Es
wurde deshalb durch die Royal Society ein hohes Preisgeld für Konstruktion und
Herstellung derartiger Uhren ausgesetzt. Bewältigt hat dieses Problem der Engländer
John Harrison in der Mitte des 18. Jhs, dessen Chronometer u.a. James Cook
auf seinen Pazifikreisen erprobt hat – mit dem beeindruckenden Ergebnis, dass sein
Schiffsstandort am Ende der Reise rund um die Welt nur um 13 km vom errechneten
Standort abwich.
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| Den Geisteswissenschaften und der Umgangssprache ist sie
gleichsam der Ort, an dem Vergangenheit und vom Menschen intendierte Zukunft
miteinander berühren.
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| Physikalisch ist Gegenwart kaum zu definieren – sie ist eigentlich
gleich Null, wenn man sie nämlich mit der „Planck–Zeit“ gleichsetzt, die sich
ergibt als jene Zeitspanne, die das Licht benötigt, um die kleinstmögliche
Entfernung, die „Plancksche Länge“, zurückzulegen – der sich ergebende Wert
lautet 5,4 x 10-43 Sekunden. Im Sinne des
psychologischen Zeitbegriffes ist Gegenwart jene Zeitstrecke, die von einem als
Einheit empfundenen Erlebnis erfüllt wird – hier geht es um etwa 6-20 Sekunden. In
der Geschichtswissenschaft handelt es sich um jene Zeitspanne, in der Ereignisse
noch im Fluss gesehen werden, daher die Zusammenhänge zwischen Ursache und
Wirkungen noch nicht voll übersehbar sind – eine natürlich in keiner Weise
befriedigende und keinesfalls zweifelsfrei einlösbare subjektive Definition.
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| Das Paradoxon, dass die Gegenwart flüchtig und unfassbar und doch das
einzig Wirkliche und der einzig mögliche Ansatzpunkt für Entscheidungen, aber auch
für die Geschichtsforschung ist, hat die Philosophie schon immer in hohem Maße
beschäftigt.
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| In Bezug auf „Geschichte“ kann sie als die Summe der im
Gedächtnis eines Einzelnen oder einer Nation etc. aufbewahrten Erlebnisse
interpretiert werden. Sie wird ununterbrochen akkumuliert und gehört zum geistigen
Lebensraum des Menschen, unterliegt hinsichtlich ihrer Wahrnehmung durch den
Menschen aber den Prozessen der Selektion („fuga et
electio“Eine
Feststellung von Otto
von Freising Omnis doctrina consistit in duobus: in fuga et
electione.
), der Deutung und der in jeweiliger Gegenwart immer wieder erneuten
Umdeutung. Die Ereignisse an sich sind zwar unwiderruflich abgeschlossen, dennoch
ist die Vergangenheit nicht abgeschlossen, ununterbrochen wächst ihr neues
Geschehen zu, und sie wird quantitativ und damit auch qualitativ erweitert. Unser
Bild von den (von uns als solche angenommenen) Ereignissen, ihre Bewertung und
Deutung verändert sich durch den Zuwachs an neuer Vergangenheit und damit neue
Dispositionierung und Reflexion fortlaufend. Die Vergangenheit ist so nach der
Zukunft hin offen und unabgeschlossen; jegliche Geschichtsschreibung ist unfertig
und vorläufig. – Vergangenheit wird aber auch als Zukunft vergangener Zeiten
interpretiert und analysiert.
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| Zukunft ist die erwartete Zeit. Alles Denken und Handeln
von Menschen bezieht sich letztlich auf die Zukunft. Die Beschäftigung mit der
Vergangenheit kann auch als Untersuchung vergangener Zukunft interpretiert werden:
bekannte Zukunft einer bekannten Vergangenheit bzw. Gegenwart, aus der in Analogie
auf die uns tatsächlich bevorstehende Zukunft geschlossen werden soll.
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| Innerhalb der Zeit wird durch ein Ereignis, in dem Augenblick, in dem
es geschieht, die Fülle der Möglichkeiten, die in Bezug auf ein Problem- oder
Handlungsfeld in der jeweiligen Gegenwart bestanden hat, zugunsten der
Realisierung einer Möglichkeit (nämlich dieses
einen Ereignisses) eliminiert.
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| Der Historiker hat den Faktor Zeit auch in Hinblick auf
Information bzw. die Verbreitung von Information in Rechnung zu stellen, d.h. die
im Verlaufe der Jahrtausende sich erhöhende Geschwindigkeit der
Informationsausbreitung50. Es ist dies die Zeitspanne, die vergangen
sein muss, will man die Möglichkeit kausaler Zusammenhänge in Rechnung stellen. So
gilt auch für den Historiker, was für die Physik anschaulich dargestellt worden
ist (Zeitkegel 1: Wasserwellenmodell und Zeitkegel 2: Vergangenheit und Zukunft,
Zeitkegel Ereignishorizont)
51.
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| „Das, worin sich der Mensch
vorfindet, der seinem Handeln vorgegebene und gerade in diesem erfahrbare 'Grund'.
Nicht alle Wirklichkeit ist notwendig. Vielmehr wird das endlich Wirkliche erst aus
der Möglichkeit in die Wirklichkeit übergeführt.“ – Christian Wolff:
„Der Zusammenhang der Dinge, welcher die gegenwärtige
Welt ausmacht“.
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| Das Wort kommt aus der deutschen Mystik. Im Zusammenhang mit der
Geschichte wird das Wort "Wirklichkeit" auch für den Gesamtkomplex aller Gegebenheiten
und Ereignisse zu einem bestimmten Zeitpunkt angewendet.
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| Die Frage, ob es eine objektiv, an sich gegebene Wirklichkeit gibt, und
was wir von ihr erkennen können, ist eine uralte, zentrale Fragestellung der
Philosophie überhaupt. Die Fragen, ob es eine vom Menschen als Betrachter unabhängige,
objektive Wirklichkeit gibt, von der nahezu unendlich viele unterschiedliche
Vorstellungen entwickelt werden, weil deren Ereignisse nur in ihren unterschiedlichen
Zusammenhängen unterschiedlich interpretiert werden können, d.h. abhängig von einem
jeweils bestimmten Standpunkt jeweils eine spezifische Bedeutung gewinnen, die
durchaus merklich von jener differieren kann, die von einem anderen subjektiven
Standpunkt aus gewonnen wird, ob diese postulierte objektive Wirklichkeit kausal
bestimmt und a priori sinnhaft oder ob sie an sich sinnlos sei – diese Fragen sind
wissenschaftlich nicht lösbar. Die letztlich unumgängliche Position ist die des
Realismus, d.h. eine objektive Welt als gegeben anzunehmen – die „Beweise“ dafür sind
keine Beweise in wissenschaftlichem Sinne, sondern nur Annäherungen an solche:
Wissenschaft wäre letztlich unmöglich, denn sie handelt als Prozess von Wahrnehmungen
bezüglich einer Wirklichkeit, die doch offenbar in Raum und Zeit bestehen muß; die
Diskussion dieser Frage flammt immer wieder auf und war um 1900 besonders intensiv,
als die klassische Physik in die Krise geraten war und Ernst Mach
(wie andere auch) eine massiv anti-realistische Position einnahm und erklärte, die „wirkliche Welt ist die empfundene Welt“52 und sonst nichts, worüber er
mit Max Planck in eine bedeutende philosophische Auseinandersetzung geraten ist. Als
George Edward Moore (1873–1958), der Vater der analytischen Philosophie des
20. Jhs, 1939 einen Vortrag mit dem Titel „Proof of an External World“ hielt, führte
er an dessen „Ende, nach mühsamen Entwicklungen, die
mit großer Ausführlichkeit auch Kant einschließen, und in einer Haltung, die einen
an Luthers Bekenntnis auf dem Reichstage zu Worms denken lässt“, als Beweis an,
„dass zwei menschliche Hände existieren, und auf die
ausdrückliche Frage, wie dieser beweis aussehe, lässt Moore seine Hörer wissen, er
erbringe ihn dadurch, ‚dass ich meine beiden Hände hochhalte und sage, indem ich
eine gewisse Bewegung mit der rechten hand mache, ‚hier ist eine Hand!’ und dann
hinzufüge, indem ich eine gewisse Bewegung auch mit der linken mache, Und hier ist
noch eine!’“53.
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| Von der Annahme einer realen Welt zu differenzieren ist natürlich die
Frage der Erkennbarkeit einer realen Welt.
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| Dem Historiker erscheint die Welt als ein schier unendlicher Komplex
intentionalen Handelns und sie erfordert deshalb eine Erklärung des Handelns aus den
Intentionen, aus den Motiven heraus. Wir alle – nicht nur die Historiker – können uns
der Wirklichkeit aber nur mit Hilfe vorgefasster begrifflicher Entwürfe und
Vorstellungen nähern, durch die wir natürlich Prämissen einführen; d.h. wir haben
keine Möglichkeit, uns der Wirklichkeit – nehmen wir an, es gibt eine, „die“
Wirklichkeit – ohne Vorgaben zu nähern (Subjektivismus). – Schon Platon
weist nach, dass der Subjektivismus in letzter Konsequenz freilich zur Aufhebung aller
Erkenntnismöglichkeit, zum Nihilismus führt.
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| In dieser Problematik liegt er eigentlich „Ur-Grund“ für die Frage nach
der Gewissheit von Erkenntnis, auch von empirischer Erkenntnis, überhaupt. Von diesem
Problem leitet sich eine Fülle von schwerwiegenden Fragen ab.
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| Unter Kausalität verstehen wir den Zusammenhang von Ursache
und Wirkung. Das unabdingbare und uneingeschränkte Gegebensein von Kausalität war
langehin die fundamentale Grundannahme für alle Auseinandersetzung mit der Welt, sie
bestimmte insbesondere in der Neuzeit – im Zusammenhang mit der Säkularisierung –
das Denken.
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| Das Kausalitätsprinzip ist jedoch weder beweisbar noch widerlegbar.
Unsere Rekonstruktion der „Wirklichkeit“ geht von der Grundvoraussetzung aus, dass
in allem Kausalität gegeben sei. Ohne diese Prämisse können wir nämlich keine
Rekonstruktion vornehmen. Kausalität war die Voraussetzung aller Induktion bis zur
Gewinnung der Erkenntnisse der statistischen Physik54. Eine Folge dieser Annahme ist, dass wir den
Ereignissen und Entwicklungen Sinnhaftigkeit zuerkennen55 – ein Umstand, den wir als Finalität
bezeichnen. Das Kausalprinzip bedingt jedoch nicht automatisch die Gesetzmäßigkeit,
Gesetzlichkeit des Geschehens, sondern lediglich die Notwendigkeit aller
Ereignisse56.
|
| Die Frage nach der Kausalität mit all ihren Folgen schließt die Frage
nach den Ursachen ein, die zwangsläufig zu der ersten "Ur-Sache" führt, und nach
deren Verhältnis zur Wirkung. Platon und Aristoteles führen alles auf ein Urbild, eine erste Ursache, auf einen
unbewegten Beweger zurück – dies begründet eine monotheistische Gottesvorstellung,
was die Übernahme durch das Christentum begünstigte. Der Ursache in diesem Sinne
kommt eine ganz andere Qualität zu als der Wirkung, es handelt sich hier bei
„Ursache und Wirkung“ nicht um ein symmetrisches Begriffspaar.
|
| Aristoteles nahm noch an, dass es (im „irdischen Bereich“) vier Arten von
Ursachen (materielle Ursache, formale, bewirkende und Zweck-Ursache) gebe, die sich
zur Einheit einer Gesamtursache vereinigten57. Diese Vorstellung ist jedoch
aufgegeben worden.
|
| Das in der Physik zugrunde gelegte Kausalitätsprinzip – dass jede
raum-zeitliche Veränderung eine Ursache habe – hat als erster Leibniz formuliert („Kontinuitätsprinzip von Ursache und Wirkung“): „Ex nihilo nihil fit“ – aus nichts wird nichts.
Leibniz definiert Kausalität in seinem „Satz vom zureichenden Grunde“ als
ein „principium magnum, grande et nobilissimum"
(Monadologie §§ 31 und 32): „Unsere
Vernunfterkenntnis beruht auf zwei großen Prinzipien: erstens auf dem des
Widerspruchs, kraft dessen wir alles als falsch beurteilen, was einen Widerspruch
einschließt [...] Sie beruht zweitens auf dem
Prinzip des zureichenden Grundes, kraft dessen wir annehmen, dass sich keine
Tatsache als wahr oder existierend, keine Aussage als richtig erweisen kann, ohne
dass es einen zureichenden Grund dafür gäbe, weshalb es eben so und nicht anders
ist – wenngleich diese Gründe in den meisten Fällen nicht bekannt sein
mögen"58.. |
| David Hume
hat in seinem Werk „A Treatise on Human Nature“59 erstmals Kausalität als
eine von der menschlichen Seele, nicht in den Objekten angelegte Beziehung
interpretiert, die auf Grund von Gewöhnung an oft beobachtete Wiederholungen
zeitlicher Aufeinanderfolgen von Ereignissen beruhe, nicht auf aprioristischer
Notwendigkeit. Kant
hingegen bestimmte Kausalität als Kategorie, die ein synthetisches Grund-Urteil a
priori begründet, durch das erst das Objekt des Erkennens überhaupt und prinzipiell
als kausal bestimmt wird.
|
| An der Schwelle zur Auflösung der Kausalität steht Ludwig Boltzmann, der in seiner Grazer Zeit entdeckte, dass der Zweite Hauptsatz
der Wärmelehre ein von statistischen und nicht von kausalitätsbezogenen Aspekten
bestimmtes Gesetz ist. Früh formulierte umfassenden Zweifel an der Kausalität der
Wiener Physiker Franz Exner in seiner Inaugurationsrede von 1908 und vor allem
seinem Buch "Vorlesungen über die physikalischen Grundlagen der Naturwissenschaften"
(1919): „Aber vergesen wir nicht, dass sich uns das
Kausalprinzip und das Kausalitätsbedürfnis ausschließlich durch die Erfahrungen an
makroskopischen Vorgängen aufgedrängt hat und dass eine Übertragung desselben auf
mikroskopische Erscheinungen, also die Voraussetzung, dass jedes Einzelereignis
streng kausal bedingt sei, keine auf Erfahrung basierte Berechtigung mehr
hat“60; ähnlich formulierte, an Exner
anschließend 1922 Erwin Schrödinger. In der Folge hat sich Hans Reichenbach eingehend mit dem Problem der Kausalität beschäftigt61. Durch
die Kopenhagener Deutung (Nils Bohr, 1927) wurde das Problem der Kausalität im
Rahmen von Werner Heisenbergs Unbestimmtheitsrelation der Quantentheorie (Teilchen haben
nicht gleichzeitig einen exakten Ort und einen exakten Impuls) noch tiefer gehend
erschüttert und die Frage nach der Vielfalt von Welten aufgeworfen, die
nebeneinander existieren, solange wir sie nicht beobachten – erst durch unsere
Beobachtung erfolge die Festlegung auf eine bestimmte Welt.
|
| Das Kausalitätsprinzip hat durch die Relativitätstheorie und weit mehr
noch durch die Quantentheorie wesentliche Einschränkungen erfahren: die Forderung,
dass für alle physikalischen Vorgänge Gesetze in der Weise formuliert werden können,
dass – wenn die Anfangsbedingungen eines Vorganges bekannt sind – sichere (d.h.
regelmäßig bestätigte) Voraussagen ermöglicht werden, ist nicht erfüllbar, da die
Thermodynamik und die Quantentheorie statistische, probabilistische Aussagen liefern
– in der Thermodynamik ist dies durch den (bewussten, aber unumgänglichen) Verzicht
auf die Verfolgung der einzelnen Moleküle bedingt, in der Quantentheorie aber
erweist sich, dass auch bei der Verfolgung aller einzelnen feststellbaren Teilchen
die Kausalität widerlegende Spielräume für spontane Vorgänge offenbleiben: „Es ist nicht so, dass ein Elektron zu einem bestimmten
Zeitpunkt aus einem bestimmten Grund von einem Energieniveau auf ein anderes
übergeht. Ein niedrigeres Energieniveau ist für ein Atom in einem statistischen
Sinne wünschenswerter, und deshalb ist es ziemlich wahrscheinlich (die
Wahrscheinlichkeit lässt sich sogar quantifizieren), dass das Elektron früher oder
später diesen Übergang machen wird. Man kann jedoch nicht sagen, wann genau der
Übergang stattfinden wird. Das Elektron wird von keiner äußeren Kraft angestoßen,
und es gibt keine innere Uhr, die den Zeitpunkt des Sprunges festlegt. Es
vollzieht sich einfach ohne besonderen Grund, eher jetzt als zu einem anderen
Zeitpunkt“ (John Gribbin zum radioaktiven Zerfall).
|
| Einstein hat vergebens gesucht, an der Auffassung von einer Welt der
objektiven Realität – „lokale realistische“ Auffassung der Welt – festzuhalten, der
drei fundamentale Annahmen zugrunde lägen:
|
| 1) |
dass es reale Dinge gibt, die unabhängig davon, ob wir sie
beobachten oder nicht, existieren;
|
| 2) |
dass es gerechtfertigt ist, aus sich regelmäßig wiederholenden
Beobachtungen oder Experimenten allgemeine Schlussfolgerungen zu ziehen,
und
|
| 3) |
dass es keine Wirkung gibt, die sich schneller ausbreiten kann
als mit Lichtgeschwindigkeit (was als "Lokalität" bezeichnet wird).
|
|
| Einstein hat diese Fragen bereits 1907 mit Philipp Frank diskutiert, der
in seinem Buch "Kausalgesetz und Erfahrung" (1932) sehr früh nachwies, dass das
Kausalitätsprinzip durch Erfahrung weder bestätigt noch entkräftet werden könne, und
zwar nicht etwa, weil es eine a priori bekannte Wahrheit (im Sinne Kants), sondern eine willkürlich festgesetzte Definition sei. Einstein entgegnete auf diese Anfechtung der Kausalität mit dem berühmten
Satz „Raffiniert ist der Herrgott schon, aber er
würfelt nicht!“ (variiert „Gott spielt mit der
Welt nicht Würfel“).
|
| 1972 wurde die erste Überprüfung dieser Grundannahmen im Rahmen der
Quantenphysik durchgeführt; 1982 hat Alain Aspect in Paris jenes Experiment
vorgenommen, das erstmals die Verschränkung von Photonen nachwies und damit
„zwingend“ die Möglichkeit einer ausschließlich kausaldeterminierten Welt
ausschloss62.
|
| Ungeachtet dieser Diskussionen steht außer Zweifel, dass für
unsere Lebenspraxis im makroskopischen Bereich die Annahme von Kausalität eine
Grundbedingung für unser Handeln und dem entsprechend auch für die
historisch-wissenschaftliche Arbeit ist.
|
| Die Frage nach der Kausalität hängt natürlich eng mit der Frage des
Zufalls wie der des Determinismus, d.h. der Willensfreiheit, und natürlich mit der
Sinnfrage zusammen – für eine streng kausal bestimmte Welt ist es leichter, eine
vorgegebene Sinnhaftigkeit an sich anzunehmen.
|
|
|
| Das Wort Zufall ist eine Übersetzung des lateinischen „accidens“. Im Griechischen wie im klassischen
Latein gibt es eine Reihe von Begriffen, die unterschiedliche Erscheinungen bzw.
Auffassungen widergegeben haben, die im heute noch schwierigen Sprachgebrauch von
„Zufall“ inbegriffen sind – so etwa „tyche“
(Schicksal), „automaton“ (das, was von sich aus
geschieht) bzw. „casus“, „fortuna“ oder „contingens“. |
| Zufall bezeichnet die Unbestimmbarkeit oder Regellosigkeit
individueller Ereignisse oder Vorgänge. Unter Zufall versteht man aber auch das
unvorhergesehene Zusammentreffen zweier an sich jeweils nicht zufälliger,sondern
kausal determinierter Ereignisse. In philosophischer Hinsicht ist Zufall das
Wesenzufällige, das, was für eine Sache nicht essentiell oder konstituierend ist –
was dem Satz vom zureichenden Grunde nicht entspricht. Das Wort, das früher als
„leer“ empfunden wurde, wird bis heute auch im wissenschaftlichen Sprachgebrauch
„unterschiedslos und verwirrend in völlig
heterogenen Bedeutungen verwendet“.
|
| Von Anfang an wird „Zufall“ verknüpft mit „Schicksal“, „Vorsehung“ und
in moderner Zeit auch mit „Naturgesetzlichkeit“. In den Naturwissenschaften steht
ein statistischer Begriff von Zufall dem Begriff „Wahrscheinlichkeit“ nahe. Der
Begriff Zufall ist verbunden mit der Frage der Ursachenerklärung und besagt in
dieser Hinsicht, dass es für ein Ereignis keine Ursache gibt (neuerdings in der
Quantenphysik dafür der – m.E. unvorsichtige – Begriff „objektiver Zufall“
verwendet, s.w.u.) oder dass solche derzeit nicht oder prinzipiell nicht erkennbar
seien. Deshalb steht der Begriff im Verdacht, nur Unwissenheit zu verschleiern –
schon Demokrit meinte: „Die Menschen haben sich
ein Trugbild des Zufalls erdichtet, als Deckmantel für ihre eigene
Ratlosigkeit“. |
| Die These, dass es Zufall nicht gebe, ist jedoch weniger Ausdruck eines
deterministischen Weltbildes als eines genuin philosophischen Wissensanspruches,
möglichst vollständige Ursachen oder Erklärungsgründe für Erscheinungen anzugeben.
Die Feststellung, dass etwas „objektiv“ zufällig, d.h. ursachelos sei, würde die
Kenntnis aller möglichen Ursachen und ihrer Wirkungen, das heißt nichts weniger denn
Allwissenheit, voraussetzen – und deshalb ist es wohl unmöglich, „objektiven Zufall“
zu konstatieren. Da Zufall außerhalb des Regelmäßigen, d.h. des Regel- bzw.
Usachengemäßen liegt, kann Zufall kein Gegenstand von Wissen oder Wissenschaft sein.
|
| Vermengt werden auch die Verwendungen von „Zufall“ in Bezug auf eine
Ursache und „Zufall“ in Bezug auf eine Wirkung. Dies stellt in der Diskussion des
Zufalls seit der arabischen wie der scholastischen Philosophie ein Problem dar und
wird in Hinblick auf Ursprungsfragen (z.B. in der Biologie) aber auch hinsichtlich
des Ablaufes historischer Entwicklungen diskutiert63. Der Zufall steht als ein Gegenpol zur Kausalität einer rationalen
Begründung der Interpretation historischer Ereignisse entgegen. Ist ein Ereignis
eingetreten, so wird unweigerlich versucht, es als nicht zufällig zu interpretieren
– Friedrich Nietzsche: „Kein Sieger glaubt an den
Zufall“.
|
| Aus der Vorstellung der Kausalität heraus erscheint der
Zufall zuerst logisch unmöglich – wenn alles kausal bedingt ist, scheint absoluter
Determinismus gegeben. Dies ist eine Auffassung, die lange das Problem des
Verhältnisses eines allmächtigen Schöpfergottes zu seinem Geschöpf, das Problem des
freien Willens beherrschte. Thomas von
Aquin hat die Idee der platonischen Urbilder, der Ideen, in das
diesbezügliche scholastische Denken eingebracht – sein fünffacher Gottesbeweis
schließt in allen fünf Argumentationen auf eine erste Ursache, und der fünfte Beweis
postuliert die Teleologie. Strikte Kausalität ist strikte Finalität, das Ende ist
bereits im Anfang enthalten – Maupertuis formuliert in der Physik 1740 das Prinzip der kleinsten
Wirkung, „dass die Natur aus allen möglichen
Bewegungen diejenigen auswählt, die ihr Ziel mit dem kleinsten Aufwande an Aktion
(Wirkung) erreicht“64, dies
heißt aber, dass der Ablauf der Ereignisse von einer Größe bestimmt würde, die
Ergebnis des Ereignisses ist, das erst im Endzustand des Geschehens feststeht.
|
| Wirkung aber geht allein von jenen Gegebenheiten aus, die vor der Handlung und zugleich innerhalb des
zuzuordnenden Zeitkegels liegen. Der Zusammenhang von Ursache und Wirkung oder,
allgemeiner gesprochen, von Anfangsbedingung und Endzustand, ist natürlich
keineswegs auf bewusste Prozesse beschränkt.
|
| Im Bereich der Naturwissenschaften stand Zufall bis in die in
der frühen Neuzeit noch für Regellosigkeit (d.h. keinem Gesetz entsprechend) und für
Nichtwissen um die Ursachen (Demokrit, s.o.). In weiterer Folge erlangt „Zufall“ durch die Entwicklung
der Wahrscheinlichkeitsrechnung eine neue Facette, indem die Wahrscheinlichkeit des
Eintreten eines als zufällig erachteten Vorganges (z.B. eine Sechs beim Würfelspiel)
in gewissem Maße berechenbar wird65.
|
| Eine Ausweitung erfuhr das Problem des Zufalls durch |
| – |
die Entdeckung von Instabilitäten durch Henri Poincare und die nachfolgende Chaostheorie mit physikalischer
Nichtprognostizierbarkeit
|
| – |
die Feststellung von „zufälligen Koinzidenzen“ in der
Thermodynamik (das Aufeinandertreffen zweier Moleküle kann als das Zusammentreffen
zweier Kausalketten interpretiert werden) und
|
| – |
den radioaktiven Zerfall und die Quantentheorie, in welchen
beiden Fällen eine „ontologische
Ursachenlosigkeit“ angenommen wird, d.h. ein Zufall vorliege, der „nicht auf subjektives, defizitäres Wissen über an
sich determinierte Naturprozesse zurückzuführen“ sei, „sondern grundlegende
Eigenschaft der mikrophysikalischen Natur“ sei – „objektiver Zufall“
(s.o.).
|
|
| In neuerer Zeit – nach der Entwicklung der Spieltheorie durch
John von
Neumann – haben sich immer mehr Wissenschaftler mit der Interpretation der
Welt unter dem Aspekt des Spiels auseinandergesetzt; Schrödinger meinte schon 1922 in seiner Antrittsrede in Zürich: „Die physikalische Forschung hat klipp und klar
bewiesen, dass zum mindesten für die erdrückende Mehrheit der Erscheinungsabläufe,
deren Regelmäßigkeit und Beständigkeit zur Aufstellung des Postulats der
allgemeinen Kausalität geführt haben, die gemeinsame Wurzel der beobachteten
strengen Gesetzmäßigkeit – der Zufall ist“, Zufall, der über statistische
Wahrscheinlichkeit auch Nahezu-Gewissheit zur Folge haben kann. In sehr
eindrucksvoller Weise hat der Nobelpreisträger für Chemie 1967, Manfred Eigen, sich in seinem Buch „Das Spiel. Naturgesetze steuern den Zufall“66 mit diesen Fragen auseinandergesetzt. Eine schöne Beschreibung
unter dieser Sichtweise hat Stanislaw Lem
gegeben: „Man kommt auf die Welt bester Laune, das
Lächeln ist ja den Neugeborenen eingeboren; sie weinen nur, wenn ihnen der Genuss
der Lebensfreude vergällt wird. Allmählich kommt man zur Einsicht, dass die Welt
nicht nach dem Lustprinzip eingerichtet ist. Es gibt mehr Landschaften,
Revelationen, Menschen, Morgenröten, als dass man sie sich anders denn als rein
zahlenmäßige Größe vorstellen könnte. Man wird auf den Zufall hingewiesen. Die
Existenz ist eine ungeordnete Menge von Zufälligkeiten, in deren Strömung man
lavieren muss, ob man sich des uns in jedem Augenblick verlorengehenden Übermaßes
bewusst ist oder nicht; dabei vermindert sich der Vorrat an Hirnzellen – am
Ausgangspunkt 12 Milliarden – täglich um 100.000 Neuronen, die absterben, ohne
ersetzt zu werden. Ungefragt wird man in das Spiel hineingezogen: mit den
sozialpolitischen Kräften, die seit Urzeiten ein Fiasko nach dem anderen
produzieren, von Versuchen, die gute Meinung des Menschen über sich selbst und
über die Welt zu bewahren, und die blinde Lotterie aus dem Dasein zu verbannen.
Dieses Spiel ist mehrschichtig. Man ist genötigt, mit der Menschenumwelt zu
spielen, und mit der Natur; und wenn die ungezähmte Natur mit Technologien aus der
Gesellschaft verbannt wird, wird dieser künstliche Ersatz allmählich zum
Schadenstifter, und selbst dann lässt sich die Natur nicht total verbannen, weil
sie weiterhin in unseren Körpern steckt, nackt inmitten der maschinell
sterilisierten Paysage. Wenn das Altern einsetzt, beginnt zugleich das Endspiel
mit der Natur, d.h. mit dem eigenen Körper, der, einer lotterieartigen Statistik
zufolge, entweder im Zellenbereich zu stottern beginnt oder auch nicht. Beginnt er
zu stottern, und entgleisen deswegen ein paar Zellen, aus ihrer bisherigen Bahn,
kommt es zur Wucherung, und man wird vom Krebs verzehrt. Beginnt es nicht, dank
einem glücklichen Zufall, sterben die Zellen und Funktionen von sich selbst aus,
bis man im ganzen und großen stirbt. Das ist keine voreingenommene
Lebensdarstellung, sondern die reine, wissenschaftlich garantierte Wahrheit, in
die Umgangssprache übersetzt. Man lebt also in mehreren Universen zugleich, man
nimmt teil an mehreren unumkehrbaren Spielen, die, wie auch die Einzelheiten
dieser Spiele aussehen, in eine endgültige Niederlage einmünden. Unter diesen
Bedingungen soll man sich den 'richtigen' Kurs wählen. Am Steuer ist man zu einem
kleinen Teil schon frei.“67.
|
| Lange war das Problem des Zufalls auch ein Vorwurf der
Naturwissenschaften gegenüber den Geisteswissenschaften.
|
| Für den Historiker kann es sich bei einem „Zufall“
gleichermaßen handeln
|
| – |
um einen Zufall als Umschreibung für die Unwissenheit des
Historikers über das Zustandekommen des „Zufalls“,
|
| – |
um das zufällige Zusammentreffen zweier Kausalketten, |
| – |
um die Annahme von Ereignissen ohne Determinanten (ideales motu proprio) oder schließlich
|
| – |
um einen echten Zufall, der natürlich in seiner Zufälligkeit,
d.h. seines Ermangelns der Kausalität halber, von niemandem wirklich als solcher
identifiziert und schon gar nicht erklärt werden kann.
|
|
|
|
| Die Problematik Determiniertheit und Freiheit ist eines der
alten Probleme der Philosophie, der Theologie, jeglicher Geschichtsauffassung und
damit auch der Motivation des menschlichen Handelns. Was immer wir an Determinanten
menschlichen Handelns entdecken – es kann nicht als ein Beweis gegen die Möglichkeit
eines verantwortlichen Handelns des Menschen, gegen seine Wahlfreiheit unter
bestimmten Bedingungen gewertet werden, wie ja auch „die Umschreibung des Neuen durch Allgemeines nicht zu seiner Auflösung in
Allgemeines führen kann“ (Karl-Georg Faber).
|
| Indem Kausalität Determiniertheit bewirkt, steht sie dem Postulat der
Willensfreiheit entgegen. Die Frage nach der Willensfreiheit, dem liberum arbitrium des Menschen ist eine Frage von zentraler
Bedeutung hinsichtlich der Verantwortung und des Handelns des Menschen.
|
| Wille ist zu definieren als „die
Bezeichnung für die Fähigkeit eines Akteurs, sich überlegtermaßen Ziele zu setzen
und diese planmäßig zu verfolgen“. Wille kann bezeichnen ein rationales
Streben, ein Entscheidungsvermögen und ein psychisches Antriebspotential.
|
| Wir erleben unsere Körperbewegung als Folge unserer Willensimpulse, die
wir als frei und unserer Willkür anheimgestellt betrachten (ich hebe den Arm und
fühle mich als Anfang einer Kausalkette) – dies widerspricht dem Kausalitätsprinzip,
weil es den Menschen in dieser Hinsicht aus dem Netz der Notwendigkeit
herausnimmt.
|
| Anders sieht derselbe Sachverhalt aus, wenn er von einem anderen
Individuum erlebt wird; dieses unterstellt der vom Handelnden als frei empfunden
Handlung unweigerlich eine kausale Begründung. Auch wenn wir selbst nach dem Grund
für eine derartige Handlung befragt werden, geben wir einen solchen an, d.h. wir
sehen uns selbst anders als im Augenblick des Handelns.
|
| Die Frage nach dem freien Willen des Menschen wird bis heute nicht
einheitlich beantwortet:
|
| Aristoteles und Augustinus vertraten strikt die Willensfreiheit – Augustinus: "Wenn alles ohne Willen
geschähe, gäbe es weder Sünde noch gute Tat, und Strafe und Lohn wären
ungerecht". Die jüdisch-christliche Auffassung differenziert zwischen der
uneingeschränkten voluntas, der völligen
Freiheit Gottes und dem liberum arbitrium, der
freien Entscheidung des Menschen, die nur eine weit niedrigere Stufe der
Entscheidungsmächtigkeit darstellt (bei Augustinus gibt es zwei grundlegende Ausrichtungen: die bona voluntas und die mala
voluntas).
|
| In der Scholastik tritt durch Anselm von
Canterbury und durch Peter Abelard und andere eine Ausweitung des
Begriffes der Willensfreiheit über Augustinus hinaus ein und im 13. Jh wird die Diskussion durch die
Gegenüberstellung von Wille und Vernunft68 ausgeweitet;
für William of Ockham ist der Wille „Seelensubstanz, insoferne sie wollen
kann“, und ist indifferent gegenüber gut und böse. Auch Erasmus von Rotterdam
vertritt die Willensfreiheit. Luther wendet sich scharf dagegen und spricht von "Kehricht und Dreck in Schüsseln von Gold und Silber [...] nackter Lüge", denn die Allmacht Gottes bestimme
alles, bis ins Kleinste. Ähnlich Spinoza.
|
| In der Neuzeit ufert die Diskussion im Sinne unterschiedlicher
philosophischer Richtungen aus. Der Enzyklopädist Paul Heinrich Dietrich von Holbach (1723-1789) vertritt bereits einen modernen Determinismus, der auf
wissenschaftlicher Einsicht zu beruhen scheint: "dass
alles, was wir sehen, notwendig ist und nicht anders sein kann, als es ist, dass
alle Dinge, die wir wahrnehmen, sowie diejenigen, die wir sich unserem Blick
entziehen, nach bestimmten Gesetzen wirken". Beweisbar ist solches nicht,
auch wenn dies immer wieder angenommen wird.
|
| Im Prinzip gibt es drei Möglichkeiten der Lösung des
Dilemmas:
|
| 1) |
Die Leugnung der Willensfreiheit |
| 2) |
Die Modifizierung des Begriffes Willensfreiheit dahingehend,
dass der Widerspruch zur Notwendigkeit behoben wird. Dies kann geschehen, indem
man einen allgemeinen Determinismus annimmt, der gewisse Freiräume für ein Handeln
nach der Eigenart der Spezies (auch für Tiere) freilässt – Hegel und Marx: Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit; Kant: Freiheit wovon und wozu.
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| 3) |
Die Zuordnung der beiden Prinzipien Determinismus und
Willensfreiheit zu verschiedenen Ebenen im Sinne der Zwei-Substanzen-Lehre des
Descartes: in der Natur (res
extensa) strikter Determinismus, im Geist (res
cogitans) Willensfreiheit. Kant hat diese Vorstellung weiterentwickelt: der Mensch als natürliches
Wesen ist der Kausalität in der Natur unterworfen, als geistiges Wesen ist er frei
und verantwortlich. Dazu Kant in seiner „Kritik der reinen Vernunft“: „Man kann sich zweierlei Kausalität in Ansehung dessen, was in der
Natur geschieht, denken, entweder nach der Natur, oder aus Freiheit. Die erste
ist die Verknüpfung eines Zustandes mit einem vorigen in der Sinnenwelt, worauf
jener in der Regel folgt [...] Dagegen
verstehe ich unter Freiheit [...] das
Vermögen, einen Zustand von selbst anzufangen, deren Kausalität also nicht nach
dem Naturgesetz wiederum unter einer anderen Ursache steht, welche sie der Zeit
nach bestimmte [...]“. Die Frage bleibt, wie und wo die beiden Substanzen,
die beiden Welten zusammenhängen.
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Im Lichte der neueren Physik ist diese dualistische Vorstellung
nicht mehr aufrecht erhaltbar.
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| "Freiheit" an sich, ohne Bezug, ist ein leerer Begriff. Wir
müssen stets fragen "Freiheit wovon?"
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| Unsere menschliche Freiheit – soferne sie gegeben ist – ist eine
Freiheit, die innerhalb des Systems steht, das wir als Welt bezeichnen und das wir
bis vor kurzem in absoluter Weise dem Kausalitätsprinzip unterworfen sahen. Platon hat bereits die Grenzen der Begreifbarkeit der Gesamtwelt
aufgewiesen69, Kurt Gödel hat mathematisch-logisch bewiesen, dass ein geschlossenes formales
System mit eigenen Mitteln – d.h. aus sich selbst heraus – nicht seine logische
Widerspruchsfreiheit beweisen kann. Daraus ist zu folgern, dass es für innerhalb des
Systems Handelnde eine logisch zwingende Notwendigkeit gibt – die Existenz, die
Handlung läuft immer der Reflexion, dem Nachdenken über sie, voraus, die Reflexion
kann immer nur einen im Prinzip bereits überholten Zustand erfassen.
|
| So ergibt sich nach Sachsse70:
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| 1) |
„Die Willensfreiheit steht nicht
im Widerspruch zum Kausalprinzip, weil das Feld der Notwendigkeit, in bezug auf
das Freiheit zu verstehen ist, für den Menschen ein anderes ist als für den
intellectus infinitus. Die Sicht des totalen
Zusammenhanges, die der Mensch sich im Prinzip zwar vorstellen kann, hat er aber
in der Entscheidungssituation grundsätzlich nicht zur Verfügung, und daher ist
er praktisch frei."
|
| 2) |
"Weil der Mensch frei ist, weil
seine Zukunft offen ist, kann er das Kausalprinzip grundsätzlich nicht beweisen,
aber gerade diese Unbeweisbarkeit folgt aus der Natur des Kausalprinzips: seine
Geltung bedingt, dass derjenige, der als Glied des Systems dem Kausalprinzip mit
unterworfen ist, es nicht aufweisen kann [dies im Sinne Gödels], weil er infolge der vom
Kausalprinzip geforderten Wechselbeziehung aller Glieder untereinander durch
seinen Aufweis in das System eingreift und es verändert. Die Unbeweisbarkeit
spricht nicht gegen die Existenz des Determinismus, und mehr noch: wenn es den
Determinismus gibt, so ist die Erfahrung der menschlichen Freiheit seine
logische FolgeWeil eben der Mensch den Determinismus nicht wahrnehmen
kann.!"
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|
| Der Begriff „Wahrscheinlichkeit“ – probabilitas – bezeichnet ursprünglich ein ziemlich diffuses und
inhomogenes Feld von Vorstellungen und Begriffen und gewinnt philosophische
Bedeutung im Zusammenhang mit der Erkenntnisgewissheit.
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| Unter dem Aspekt der (intersubjektiven) Wahrscheinlichkeit bezeichnen
wir mit Wahrscheinlichkeit ein Maß für den Grad der Möglichkeit der Verwirklichung
eines noch unverwirklichten, möglichen Ereignisses. In erkenntnistheoretischer
Hinsicht kann sich "wahrscheinlich" nur auf Aussagen über die Wirklichkeit beziehen.
Wahrscheinlichkeit schließt Gewissheit aus – dies ist in der Diskussion um „Wissen“
von wesentlicher Bedeutung. Wahrscheinlichkeit ist aber der Unwahrscheinlichkeit
konträr entgegengesetzt.
|
| Die Verwendung des Wortes „probabilis“ geht auf Cicero zurück und bezeichnet immerhin etwas, was nach sorgfältiger Prüfung
gebilligt werden kann, was also gewissermaßen der Wahrheit ähnlich ist („quasi veri simile“ = „wahr-scheinlich“). Diese
Auffassung ist von Augustinus übernommen worden, der dabei betont, dass man nur dann etwas
als der Wahrheit ähnlich bezeichnen könne, wenn man die Wahrheit kenne. Die
Skeptiker hingegen handeln in diesem Zusammenhang von „Glaubwürdigkeit“. Über Boethius und Robertus
Grosseteste kommt die probabilitas in
die abendländische Terminologie. Ihr erkenntnistheoretischer Wert sinkt jedoch mit
der Rezipierung des scientia-Begriffes des Aristoteles in seiner strikten Form ab, obgleich Buridan die strikte
Notwendigkeit eines Ereignisses in Frage stellt (s.w.u.). Erst als der Grad der
Wahrscheinlichkeit des Eintreffens eines Ereignisses – bei entsprechenden
Rahmenbedingungen – durch die Entwicklung der Wahrscheinlichkeitsrechnung72 mathematisch erfassbar wird, führt dies zu einer
neuen, positiveren Bewertung der probabilitas –
sie rückt aus der Nähe des Zufall ab und gewinnt die Funktion eines pragmatischen
und gesetzeskonform handhabbaren Erkenntnismittels. Dies ist nicht nur in den
Naturwissenschaften von Belang, sondern auch für die Geistes-, insbesondere für die
Geschichtswissenschaft von großer Bedeutung. So kommt es im 18. Jh in Zusammenhang
mit der mathematischen Fassung im Wege der Wahrscheinlichkeitsrechnung zu einer
enormen Aufwertung der Frage der Wahrscheinlichkeit, die auch als „probabilistic revolution“73 bezeichnet wird.
Diese Veränderung hat aber bereits im 17. Jh vielfältige Überlegungen und
Spekulationen ausgelöst – nicht nur in Bezug auf Ereignisse, sondern auch auf
Informationsketten74 im Zuge der Diskussion des Wertes historischer Aussagen.
|
| Die Verwirklichung eines bestimmten von vielen möglichen Ereignissen
erscheint an sich in unvorstellbarem Maße unwahrscheinlich, da jedes Ereignis (im
Sinne des regresses ad infinitum) durch eine an
sich praktisch unendliche Zahl von Determinanten bestimmt ist und die Änderung einer
einzigen Determinante zu einem anderen Ereignis geführt hätte75.. – Rigorose Probabilisten des 17. Jhs hielten alle
wahrscheinlichen Thesen für virtuell gleich wahrscheinlich (ihrem Wesen nach; davon
ist aber die Wahrscheinlichkeit des Zutreffens bzw. Eintretens zu unterscheiden). –
Das Verhältnis der Wahrscheinlichkeit zur Wahrheit unterliegt in den Diskussionen
vom 12. bis in das 17. Jh unterschiedlichen Auffassungen.
|
| Die Wahrscheinlichkeitsrechnung liefert keine Brücke vom Bekannten zum
Unbekannten; sie präzisiert nur, was sich wissen lässt. Der Zufall lässt sich nicht
berechnen, da die mathematische Feststellung von Wahrscheinlichkeit nicht im
Einzelfall hilft und auch nicht das Risiko der Einzelentscheidung mindert.
Hinsichtlich von Einzelnem, von Unvergleichbarem gibt es keine
Wahrscheinlichkeitsaussage. Dennoch liefert die mathematische Feststellung von
Wahrscheinlichkeit eine Grundlage für methodisches Verhalten.
|
| Die Bereiche Kausalität, Zufall und Wahrscheinlichkeit waren
bis zur Säkularisierung natürlich in hohem Maße religiös belegt: Kausalität als
Wirken bzw. Ordnung Gottes, der Zufall wurde als Abweichung von der göttlichen
Ordnung, als Einbruch blinder Naturgewalt aufgefasst, ja als Einschränkung der
göttlichen Ordnung auch geleugnet bzw. schon in der Antike als dämonisches Schicksal
stilisiert.
|
|
|
| Der Begriff der Gesetzlichkeit ist zwar eng mit dem der
Kausalität verknüpft, aber dennoch muss Kausalität keineswegs die Eigenschaft der
Gesetzlichkeit besitzen, wie auch Gesetzlichkeit unabhängig von Ursache und Wirkung
gesehen werden kann.
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| Der rationale Gesetzesbegriff – im Unterschied zum rechtlichen – kommt
in Auseinandersetzung mit der aristotelisch-thomistisch-scholastischen Philosophie
an der Wende zur Neuzeit auf. Es entwickeln sich zwei Richtungen:
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| 1) |
Die naturwissenschaftliche Orientierung, durch die der
menschliche Verstand die Gegenstände der Natur in eine mathematisch-physikalisch
fassbare Beziehung bringt – es ist dies der Gesetzesbegriff der
Naturwissenschaften, wie er durch Kepler und Galilei begründet wurde. Kepler spricht expressis verbis von
den Gesetzen des schnelleren und langsameren Laufes der Planeten je nach ihrer
Entfernung von der Sonne etc. Dieses Gesetz wird natürlich vom Menschen
aufgestellt, weshalb sich die Frage nach der Gültigkeit und Art und Weise dieser
Verbindungen erhebt – es ist im Prinzip nicht verifizierbar. Newton festigt die Auffassung von der mathematischen Fassbarkeit der
Naturgesetze.
|
|
Spinoza spricht in diesem Zusammenhang von einer „lex naturae“ und vertrat (ihre Ewigkeit, Allgemeingültigkeit
und Unaufhebbarkeit: „quidquid fit, id secundum
leges et regulas, quae aeternam necessitatem et veritatem involvunt, fit“;
die Natur beobachte also ewige Notwendigkeiten und Wahrheiten, auch wenn diese uns
nicht alle bekannt sind, es gibt für Spinoza somit in der Natur eine feste und unveränderliche Ordnung; lex ist für Spinoza kein normativer, sondern ein deskriptiver Begriff! Descartes vertrat hingegen die Auffassung, Gott als Geber der
Naturgesetze könne sie jederzeit auch widerrufen).
|
|
Als erster hat Francis
Bacon
de
Verulamio einen eigenwertigen Gesetzesbegriff erarbeitet, der für die
Entwicklung von Naturwissenschaft und Technik von großer Bedeutung ist;
selbstbewusst betitelt er sein Werk „Novum Organon“76. Bacon richtet sein
Denken auf die Sache und das Glück der Menschheit und auf „die Macht zu allen Werken“. Es geht ihm also nicht so sehr um
Einsicht, als um die Voraussicht auf Grund von Gesetzlichkeit als Instrument zur
Beherrschung, zur Steuerung, zur Macht77. Deshalb befasst er sich nicht mit der
Frage nach der Erstursache, der „Ur-Sache“, sondern ausschließlich mit den
Zweitursachen, den „mittleren Ursachen“.
Deshalb klammert er auch die Frage nach dem „Warum“ aus, und auch die neueren
Naturwissenschaften fragen ausschließlich nach dem „Wie“, nach dem funktionalen
Zusammenhang. Damit wird freilich der Anspruch, die Hoffnung auf ein rationales
Verständnis des Ganzen aufgegeben – tatsächlich ist die Abstinenz von der Frage
nach dem „Warum“ natürlich nicht aufrecht erhaltbar. Mehr ist aber – wie Platon und Aristoteles schon erkannt haben – empirisch nicht erreichbar, außerdem
ist die Kenntnis des „Wie“ für die Prognose und die Steuerung von Prozessen
ausreichend. – Von Beginn an setzte sich die Auffassung durch, dass es sich bei
den Naturgesetzen um mechanische Gesetze handle78.
Die Verwendung des Wortes „Mechanismus“ auch für „Wirkungszusammenhang“ ist heute
noch ein Hinweis auf die Wirkungsmächtigkeit der mechanistischen Vorstellung.
|
|
Hobbes, der den Erkenntnisgewinn „im Weg
von der Betrachtung der einzelnen Dinge zu den allgemeinen Gesetzen“ sieht,
sucht für die Erkenntnis der menschlichen Handlungen die grundlegenden Gesetze der
Natur, die „die Triebe und Seelenregungen
[...] in Schranken halten, weil die Menschen
sich sonst gegenseitig bekämpfen und bekriegen würden“ – von hier führt der
Weg zu den großen Hoffnungen, die man im 18. Jh in die Psychologie – als
„Seelenmechanik“ – setzte.
|
|
Kant hat systematisch den Gesetzesbegriff untersucht und hielt an der
Objektivität und Allgemeingültigkeit der Naturgesetze fest, interpretierte sie
aber doch als Erzeugnis, als Konstruktion des
menschlichen Verstandes, was im 19. Jh von Mach einerseits und von dem sich gegenüber dem Positivismus und dem
Hegelianismus absetzenden Neukantianismus andererseits wieder aufgegriffen worden
ist. Dies führt über die Südwestdeutsche Schule (Windelband, Rickert, Cassirer) zur Unterscheidung von nomothetischen (= gesetzesvermittelnden
Wissenschaften = Naturwissenschaften) und idiographischen (= das Einzelne
beschreibenden Wissenschaften = Geisteswissenschaften) Wissenschaften.
|
| 2) |
Ganz anders entwickelte Hegel die Vorstellung von Gesetz in einem objektiven Zusammenhang eines
Weltganzen. Diese Vorstellung wurde von Marx und Engels übernommen, die Geschichte dahingehend interpretierten, dass in
ihr „das Endresultat stets aus den Konflikten
vieler Einzelwillen hervorgeht, wovon jeder wieder durch eine Menge besonderer
Lebensbedingungen zu dem gemacht wird, was er ist; es sind also unzählige
einander durchkreuzende Kräfte, eine unendliche Gruppe von
Kräfteparallelogrammen, daraus eine Resultante – das geschichtliche Ergebnis –
hervorgeht, die selbst wieder als das Produkt einer, als Ganzes, bewusstlos und
willenlos wirkenden Macht angesehen werden kann. Denn was jeder einzelne will,
wird von jedem anderen verhindert, und was herauskommt, ist etwas, was keiner
gewollt hat. So verläuft die bisherige Geschichte nach Art eines Naturprozesses
und ist auch wesentlich denselben Bewegungsgesetzen unterworfen“. Die
marxistische Lehre führte die Historizität des auf die Welt anzuwendenden
Gesetzesbegriffes ein, womit auch die gesetzmäßige Erkenntnis nur eine relative
Annäherung an die Wirklichkeit darstellte, in deren Voranschreiten auf jeder
höheren Stufe eine Aufhebung und Neufestsetzung der Gesetze möglich, ja notwendig
sei.
|
|
| In der 2. H. des 19. Jhs kommt es unter dem Druck der
Ausweitung der Erfahrungswissenschaften zu Neuansätzen:
|
| – |
auf deutschsprachiger Seite die Empiriokritizisten Richard
Avenarius und Ernst Mach, die jegliche Metaphysik ablehnten und an die Empiristen
anschlossen. Mach definierte die Naturgesetze als „Einschränkungen, die wir unter der Leitung der Erfahrung unserer Erwartung
vorschreiben“, Gesetz ist ihm immer eine Einschränkung der Möglichkeiten,
die Naturgesetze sind „ein Erzeugnis unseres
psychologischen Bedürfnisses, uns in der Natur zurechtzufinden“;
|
| – |
und dann vor allem durch den Positivismus auf französischer
Seite die Enzyklopädisten und Comte, der die „positive
Wissenschaft“ durch das Verfahren charakterisiert, „überall an die Stelle der unerreichbaren Ursachen [des
Einzelnen] die einfache Erforschung von Gesetzen,
d.h. der konstanten Beziehungen, zu setzen, die zwischen den beobachteten
Phänomenen bestehen“ – dies deutet hin auf das Phänomen der statistischen
Gesetze, denn „die Gesetze der Tätigkeit der
Massen, die die Soziologie zu erforschen sucht, können nur im Durchschnitt
geltende statistische Gesetz sein, welche die Bewegung eines Systems als Ganzen
beschreiben, nicht aber zugleich die Eigentümlichkeiten der Bewegung jedes
einzelnen ‚Teilchens’ im voraus bestimmen" (Acham).
|
|
| Eine analoge Einschränkung des Gesetzesbegriffes ist – wie
bereits im Zusammenhang mit der Kausalität besprochen – in den Naturwissenschaften
durch die Thermodynamik und dann die Quantenphysik eingeführt worden. „Statistische
Gesetze“, d.h. Gesetzesannahmen auf statistischen Grundlagen, sind aber eigentlich
keine Gesetze, sondern Hypothesen.
|
| Beweisbar ist die Gültigkeit der Gesetzmäßigkeiten in der
Natur nicht. Da die „Naturgesetze“ als menschliche Entwürfe immer auch einen
überempirischen Anteil enthalten und zwangsläufig enthalten müssen, wenn sie über
das bloße Faktum hinaus zur Vermehrung und Vertiefung der Erkenntnis beitragen
sollen, enthalten sie zwangsläufig auch einen geistesgeschichtlichen Anteil. Was als
Naturgesetz akzeptiert wird, muss nicht nur mit den Daten der äußeren Beobachtung
vereinbar sein, sondern auch mit dem geistesgeschichtlichen Weltbild einer
Epoche.
|
| Ludwig Wittgenstein erkennt in seinem „Tractatus logico-philosophicus“ (1921)
Gesetzmäßigkeiten allein im Bereich der Logik an: es sei eine grundlegende Täuschung
anzunehmen, „dass die sogenannten Naturgesetze die
Erklärung der Naturerscheinungen
seien“ (behandelt werden kann nur die Frage nach dem „Wie“, nicht nach dem
„Warum“); Gesetze seien „rein logische Formen,
Einsichten a priori über die möglichen Formgebung der Sätze der
Wissenschaft“, die gleichsam wie ein Netzwerk über die Wirklichkeit gelegt
werden und der Beschreibung der Welt in einheitlicher Form dienen, aber nicht direkt
von den Gegenständen der Welt sprechen. Wittgenstein führt also auf die Problematik der Frage nach der Möglichkeit
und Berechtigung verallgemeinernder Aussagen überhaupt. Dies ist der wichtigste
Ansatzpunkt zur modernen analytischen Geschichtsphilosophie.
|
| Aus dem Wiener Kreis hat Rudolf Carnap die Verifizierbarkeit aller sinnvollen empirischen Aussagen
gefordert (also die Überprüfung durch Beobachtung). Dem haben Bertrand Russell und Karl Popper im Anschluss an bereits in der Antike formulierte Anschauungen79 entgegengehalten, dass eine endliche Anzahl von Ereignissen
eine Aussage über unendlich viele Fälle nicht rechtfertigen könne
(Induktionsproblem), weshalb Popper vorschlägt, dass eine Theorie solange gelten solle, als sie nicht falsifiziert sei. Aussagen von echtem
Gesetzescharakter sind unmöglich, da eine Theorie niemals unbezweifelbar bestätigt
werden kann – worin zum Ausdruck kommt, dass auch Naturerscheinungen nicht
vollständig beschrieben werden können.
|
| In der modernen analytischen Wissenschaftstheorie ist der Begriff
Gesetz im Rahmen der exakten empirischen Wissenschaften noch ungeklärt.
|
| Die Geschichtsauffassung der deutschen Idealismus wie des
Historismus basierte auf der Vorstellung der Erkenntnis des Individuellen,
Einmaligen und damit Unwiederholbaren (dazu der in der Scholastik schon formulierte,
von Ranke und später u.a. von Meinecke wieder aufgegriffener Satz „Individuum est ineffabile“ (das Individuum ist unaussprechbar, d.h. nicht
beschreibbar und damit letztlich unerkennbar)80 –
einer Vorstellung, die bereits für Gatterer ein Problem darstellte, da diese Annahme ja die Möglichkeit von
Hypothesen ausschließt, da streng genommen zwischen individuellen Erscheinungen
keine Analogie möglich sei, und die oft und lange weit überzogen wurde81.
|
| Die deutsche Geschichtsschreibung des Idealismus stellt sich somit im
Prinzip strikt gegen jegliche Gesetzmäßigkeit in der Geschichte. Doch schon Ranke sah in der "Erkenntnis des Besonderen
und
Allgemeinen" die Aufgabe der Geschichte. Robin George Collingwood82
stellt dazu fest, dass der Historiker vom individuellen Denkakt einer historischen
Persönlichkeit nur das erkennen könne, was dieser mit anderen Denkakten (nämlich
anderer Individuen) gemeinsam habe – also das Allgemeine, und die
Geschichtswissenschaft sei insoferne nicht unbedingt bzw. nicht nur Erkenntnis des
Individuellen. Stegmüller83
fasst dies 1969 prägnanter: „Was wir erklären,
sind gewisse Tatsachen über diese individuellen Objekte“.
|
| Einen ganz anderen Stellenwert misst die französische
positivistisch-analytische Geschichtsschreibung dem Allgemeinen zu; sie strebt nach
der Aufdeckung historischer Gesetze, die die großen Tendenzen der Geschichte
bestimmen, um die sich die Handlungen der "Individuen" wie geringfügige
Überlagerungen ranken (s.w.u.).
|
|
|
|
|
| Als Subjektivismus wird der unausweichliche Umstand
bezeichnet, dass eine objektive Erkenntnis auch einer als an sich gegebenen
betrachteten Welt (im Sinne des wohl unwiderlebaren, wenn auch nicht beweisbaren
Realismus) nur in einem subjektivem Sinne, d.h. unter dem Einfluss unseres
jeweiligen individuellen leiblichen und psychischen Sensoriums, d.h. jeweils für
jedes einzelne betrachtende Subjekt, möglich ist. Insoferne steht der Begriff des
Subjektivismus nahe bei dem des Relativismus und dem der Skepsis. Im Verlaufe der
Neuzeit kommt ihm auch ein peiorativer Beigeschmack zu.
|
| „Subjektivität“ ist der Inbegriff dessen, was zur psychologischen
Bewusstseinsverfassung des menschlichen Individuums gehört. Das Problem der
Selbstreflexion eines Individuums ist von Kant
mit diesem Wort bezeichnet worden, wobei er feststellte, dass es „schlechterdings unmöglich zu erklären“ sei, dass „ich, der ich denke, mir selber ein Gegenstand (der
Anschauung) sein und so mich von mir selber unterscheiden könne, [...] obwohl es ein unbezweifelbares Faktum ist“. Die
Problematik als solche, die in der Scholastik entwickelt worden ist, hat durch das
in der Renaissance entworfene Menschenbild an Bedeutung gewonnen und wird in der
Folge, insbesondere in der Neuscholastik als „Freiheit von der Furcht vor dem Gegenteil“ diskutiert, die dem Individuum
von Natur aus erreichbar sei. Naturgemäß wird der Begriff „subjektiv“ dem Begriff
„objektiv“ gegenübergestellt; dies wird intensiv diskutiert in der deutschen
Aufklärungsphilosophie, wobei der Inhalt der Diskussion natürlich weit über das
hinausgeht, was im hier gegenständlich Sinne angesprochen wird. Dem Begriff
Subjektivität ist früh – bewusste oder unbewusste – Unsachlichkeit in einem
negativen Sinne unterlegt worden und er ist einer wissenschaftlichen Auffassung
diametral gegenübergestellt worden.
|
| Im 20. Jh definiert Popper objektives Wissen als ein Wissen ohne wissendes Subjekt und
unterscheidet es strikt vom subjektiven Wissen. Heisenberg hingegen vertritt die Auffassung, dass „eine scharfe Trennung der Welt in Subjekt und Objekt nicht mehr
möglich“ sei. In der jüngeren Analytischen Philosophie wird der Gegensatz
Subjekt-Objekt bzw. subjektiv-objektiv als eine polare, nicht reduzierbare Relation
betrachtet. „Das Objektive und das Intersubjektive
sind [...] wesentlich für alles, was wir
Subjektivität nennen können“ (s.w.u. Objektivität, Intersubjektivität).
|
|
|
| Unser gesamtes Handeln wird letztlich von subjektiven
Wahrscheinlichkeiten, von Erwartungswerten in Einzelfällen geleitet, die allesamt
– wenn überhaupt – kaum bzw. nur partiell logisch begründbar sind. Auch die
Wahrnehmung selbst liefert uns nicht wirklich Sicherheit, sondern nur Vermutungen,
Annahmen. Die hohe Erfolgsrate dieser Vorgehensweise ist nicht mit dem Hinweis auf
den Zufall, nicht mit einem rein statistischen Wahrscheinlichkeitsbegriff
erklärbar, zumal die „Trefferquote“ einzelner Menschen sehr unterschiedlich ist.
Diese Vorgänge werden vielmehr mit dem Begriff „Intuition“ erklärt, unter dem man heute eine spontan, nicht auf Grund
bewusster Reflexion, als Folge logischer Schlüsse etc. sich einstellende
Eingebung, Entscheidung versteht. Man unterscheidet diesbezüglich zwischen
Gefühlsentscheidungen und auf Verstand beruhende Intuition, wobei die
Verstandesleistung im Unterbewussten erbracht wird. Kant formuliert, „das menschliche Denken
ist nicht intuitiv, sondern diskursiv“84. Intuitives Verstehen und Handeln gehen demnach „aus einer unmittelbaren inneren Organisation hervor,
die nicht auf einem logisch durchdachten Ablauf beruht“ – das kann auch bei
geistig behinderten Menschen in sehr positiver Weise der Fall sein. Die Intuition
ist außerlogischer Natur, nicht quantitativ fassbar und nicht intersubjektiv
zwingend; sie hängt in hohem Maße von der individuellen Natur des Wahrnehmenden
ab. Darüber hinaus ist die innere Anschauung mit einem Gefühl für ihre
Deutlichkeit und Gewissheit ausgestattet – ich kann "wissen", dass ich etwas
verstanden habe und richtig abschätze – es handelt sich um Vorgänge primären,
präverbalen und prälogischen Charakters.
|
| Das Wort Intuition kommt vom mittellateinischen „intuitivus" = „aus unmittelbarer Anschauung, nicht durch
Denken gewonnen“; synonyme Wörter für Intuition sind „Schau, Einsicht,
Erleuchtung, Offenbarung“ – mehrheitlich optische Begriffe, wie ja auch die
optische Wahrnehmung keine Begründung, Kontrolle, Kriterien für die Wahrnehmung
gibt85. Platon bezeichnet im Sinne der Erklärung des Vorauswissens den Einfall
als Wiedererinnerung. Das Phänomen Intuition ist im Hellenismus und insbesondere
dann im Neuplatonismus aufgegriffen worden, als man ein intuitives Erkennen vom
diskursiven Erkennen unterschied, welche Differenzierung auch die späteren Aristoteles-Kommentatoren beibehalten haben. In die lateinische
Terminologie hat Boethius den Begriff der Intuition (intuitus) als Erkennen durch reine Anschauung eingeführt. In der
Scholastik und in der Renaissance wird der Begriff aufgenommen und in den weiteren
philosophischen Strömungen sehr unterschiedlich, aber stets als hochstehende
Erkenntnisform – „intellektuelle Anschauung“
im deutschen Idealismus – behandelt.
|
| Man glaubt heute, dass es innere Modelle (Konrad Lorenz: Erbkoordination) gibt, die dem Menschen bruchstückhaft als
Einsichten zu Bewusstsein gelangen, wenn es sich um Sachverhalte handelt, und als
Werte und Prinzipien, wenn Methoden und Programme bewusst werden. Im Wege der
unbewussten Informationsverarbeitung, also des unbewussten Lernens, fügt das
Individuum den inneren Modellen weitere Inhalte hinzu; daraus resultiert, dass die
intuitiven Möglichkeiten und Fähigkeiten der einzelnen Individuen unterschiedlich
sind. Über das Ausmaß dieses unbewussten Wissens lässt sich wenig sagen – wenn es
jedoch auch für die Erklärung des Genies taugen soll, dann muss es
verschiedentlich recht beträchtlich sein. Der schöpferische Mensch ist einer, dem
das unbewussten Wissen in besonders hohem Maße zugänglich wird. Es besteht keine
Möglichkeit, die Intuition willentlich herbeizuführen oder zu verstärken, es kommt
bei diesbezüglichen Versuchen nur zur Blockierung. Gleichwohl gibt es offenbar
physische Situationen, die der Intuition förderlich sind (z.B. die Phase des
Erwachens86).
|
| Ein Entwurf im Theoriemodell „Entwurf–Prüfung“ ist eine schöpferische
Leistung und als solche ein Produkt der Intuition. Der Intuition kommt so bis in
die Mathematik hinein ein kaum überschätzbarer Anteil an der Erkenntnisleistung
zu; in besonders hohem Maße ist dies bei den Geisteswissenschaften der Fall, wo
der Vorgang der Prüfung ja ungleich komplizierter ist als in den
Naturwissenschaften und daher auch der Einfluss der Individualität des
Untersuchenden viel größer ist.
|
| In diesem Grundcharakter der Intuition liegt begründet, weshalb man
sie immer wieder aus dem wissenschaftlichen Bereich ausschalten möchte, obgleich
gerade sie Orientierungswerte zu liefern imstande ist, die anders überhaupt nicht
erhaltbar sind. Weiters ist in diesem Zusammenhang festzuhalten, dass die
rationalen Verfahren nur das feststellen können, was in einem System, in den
Voraussetzungen schon vorhanden ist; nicht aber gewinnen sie Neues, zur neuen
Sicht führe keine logische Brücke (Thomas S. Kuhn). Je höher man die Ansprüche
der Wissenschaftlichkeit, der Erkenntnistheorie schraubt, desto geringer wird der
Gehalt an diesen Ansprüchen genügenden Inhalten. Erkenntnis ist nach Kant schon nicht mehr Empfang, sondern Konstruktion, Leistung des
Subjekts („kopernikanische Wende der
Erkenntnistheorie“ bei Kant).
|
| Das Fortschreiten der rationalen, kritischen Methode stellt eine
Herausforderung auch der intuitiven Erkenntnis dar. Da auch die intuitive
Erkenntnis bei aller Subjektivität ihr fundamentum
in re hat, ist sie nicht beliebig, und sie kann auch intersubjektiv
sein.
|
| Die stets auch Werte einschließenden Selbstvergewisserungsvorgänge im
Zuge der Absicherung und Normierung im Rahmen der menschlichen
Handlungsorientierung vollziehen sich auf der Ebene der Intuition, wie überhaupt
das menschliche Denken und Handeln nur in geringem Maße logischen Schließen folgt.
Insoferne stellt das Phänomen des intuitiven Verstehens eine unabdingbare
Ergänzung des rationalen Handelns dar.
|
| Die Leistungen der Intuition bedürfen der rationalen Kontrolle. |
|
|
| Wie bereits im Zusammenhang mit der Frage der Subjektivität
ausgeführt besteht keine Möglichkeit zu objektiver, vom erkennenden Individuum
losgelöster Erkenntnis. Der Begriff Objektivität wird in zweierlei Hinsicht
verwendet:
|
| 1) |
Einmal soll er Unvoreingenommenheit, Unabhängigkeit von
Vorurteilen oder uninteressierte Sachlichkeit ausdrücken, wie sie dem Historiker
eigen sein soll – "frei von subjektiven Faktoren im
Sinne von idiosynkratischenIdiosynkrasie = Abneigung. oder ideologischen
Momenten"88. Gegenbegriffe zu
dieser Wortbedeutung sind Ideologie, Relativismus und in gewisser Hinsicht auch
Skeptizismus; es schwingt dabei der Begriff der Wahrheit mit – ein objektives
Wahrnehmungsurteil gilt als wahr, wenn es intersubjektiv ist, wenn also ein
Konsensus der Beobachter vorliegt; der Inhalt dieses Urteils rückt in die Sphäre
des Wissens ein. Dies ist aber nicht korrekt – es handelt sich dabei um einen
subjektivistischen Wissensbegriff, der nur auf dem Konsens beruht (auch viele
Menschen können im selben Irrtum befangen sein ...). Der Versuch, den Begriff
eines Wissens im objektiven Sinne einzuführen, führte zu Poppers Formulierung vom „Wissen ohne
erkennendes Subjekt“. Der Begriff Objektivität ist ein wesentlicher Teil
unseres Wissenschaftsbildes, „wissenschaftliche Objektivität“ gilt als die
Grundlage authentischen Wissens; der Drang nach Absicherung der Objektivität
entspringt der Forderung nach Wahrheitsgarantien, die zu finden das Bestreben der
klassischen Erkenntnistheorie von Bacon bis zum Logischen Positivismus war; die
Suche war erfolglos. Gegenpositionen entstanden im Kritischen Rationalismus Poppers, der von Verifikationskriterien des Wiener Kreises und
nachfolgenden probabilistischen Theorien ausging. Poppers Anschauung
wird durch relativistische Positionen (Kuhn) und im epistemologischen
Anarchismus Paul Feyerabends angegriffen, der jede Möglichkeit objektiver Kriterien des
Fortschritts oder allgemeingültiger methodologischer Regeln negiert ("anything goes") – die Gegner Poppers verneinen die Möglichkeit objektiver Kriterien für die
wissenschaftliche Qualität der Resultate von Forschung und damit eigentlich die
Möglichkeit wissenschaftlichen Fortschritts. Eine relativistische Position hat
schwerwiegende Konsequenzen.
|
| 2) |
Zum anderen bedeutet das Wort die objektive Gültigkeit eines
Urteils – eine Frage, die in der Aufklärungsphilosophie eine wesentliche Rolle
spielte und natürlich auch für die Geschichte bedeutend war.
|
|
| Besondere Bedeutung kommt der Problematik
Subjektivität-Objektivität jenseits der prinzipiellen Unmöglichkeit echter
Objektivität im Bereich der Geschichtsbetrachtung, der Geschichtswissenschaft zu. In
Bezug auf sie wird die Möglichkeit von Objektivität geleugnet,
|
| – |
indem der Relativismus behauptet, es gebe in der
Geschichtswissenschaft keinen objektiven Unterschied zwischen "Wesentlichem" und
"Unwesentlichem", diese Kategorien würden vom Historiker geschaffen, der letztlich
willkürlich handle bzw. sich von noch dazu variablen Werten leiten lasse; diesem
Argument ist entgegenzuhalten, dass der Historiker sich zwar das Thema seiner
Untersuchung aussucht, nicht aber mit isolierten Fakten handelt, daher auch nicht
Zusammenhänge schaffen, sondern nur fixieren und schildern könne.
|
| – |
weil der Begriff Faktum unklar sei; tatsächlich ist das im
Sprachgebrauch der Fall ("die Schlacht von Waterloo ist ein historisches Faktum" –
"Fakten über die Schlacht von Waterloo sammeln").
|
|
| Die an sich richtige Leugnung der Möglichkeit von
Objektivität wurde zeitweise zur Legitimierung der Instrumentalisierung von
Geschichte verwendet: da Objektivität ohnedies nicht erreichbar sei, fühlten manche
sich berechtigt, die Geschichtswissenschaft als ideologisches Werkzeug einzusetzen –
so hat schon Droysen die „eunuchische Objektivität“
verflucht89. Von Seiten des Marxismus-Leninismus ist das Ideal der
Objektivität 1895 von Lenin als „bürgerlicher Objektivismus“ verworfen worden.
|
| Der ernsthafte Historiker unternimmt es, den erwähnten Schwierigkeiten
durch Objektivierung zu entgehen – durch den Versuch, genauer zwischen sich selbst
als Erkennendem und der Welt, d.h. dem Objektbereich als dem zu Erkennenden zu
unterscheiden und den dadurch „gewonnenen“ Gegenstand methodisch-rationell zu
erfassen. Dieses Bemühen kommt bereits im Titel von René Descartes’ "Discours de la Methode pour bien conduire sa Raison et
chercher la Vérité dans les Sciences" zum Ausdruck – Descartes war es ja auch, der das Prinzip des „Subjektivismus“ erkannte,
dass nämlich alles Erkennen durch das erkennende Subjekt mehr oder minder maßgeblich
mitbestimmt werde. Mit der Objektivierung beschreitet Descartes bereits den Weg hin zur Intersubjektivität – mit diesem,
maßgeblich durch Edmund Husserl („Cartesianische Meditationen“) geprägten Wort wird bezeichnet,
was hinsichtlich einer Fragestellung verschiedenen Subjekten gemeinsam ist.
|
| Wenn also auch eine Reihe von sehr ernsthaften Problemen besteht, so
ist der Historiker dennoch kein „wissenschaftlicher
Desperado der Vergänglichkeit“, so Karl Acham,
der definiert90, dass ein
Historiker dann als objektiv zu bezeichnen sei, „wenn
er |
| 1) |
Aussagen präsentiert, die hinsichtlich ihres
kognitiven Gehalts der intersubjektiven Kontrolle standhalten;
|
| 2) |
die Fähigkeit besitzt, sich
jedenfalls so weit über die begrenzte Sicht seiner eigenen konstitutionell wie
sozial bedingten Werthaltungen und die damit verbundenen Betrachtungsweisen zu
erheben, dass er in der Lage ist zu sehen, dass und in welchem Ausmaß er dieser
seiner spezifischen Situation verhaftet ist“ (diese Reflektiertheit
entspricht der Objektivierung; Adam Schaff formuliert: die einzige Garantie gegenüber der Möglichkeit einer
Deformation der Erkenntnis bestehe darin, sich der aktiven Rolle als Subjekt bzw.
des Subjekts bewusst zu werden. Je genauer wir zu bestimmen vermögen, was das
Subjekt in die Erkenntnis des Objekts einbringt, umso genauer wissen wir, wie das
Objekt wirklich beschaffen ist);
|
| 3) |
„die Fähigkeit besitzt, seine
Darstellungen in einer Weise zu präsentieren, dass nicht die jeweiligen
historischen Tatbestände in einem phänomenalistischen Bilderbuch ausgebreitet
werden, sondern dass diese von ihm auf solche Weise auf die fundamentalen
individuellen und sozialen Grundbedürfnisse projiziert werden, dass er zu einer
tieferen und dauerhafteren Einsicht in die Vergangenheit verhilft, als es
Historikern möglich ist, die sich und ihre eigene Zeit letztlich unvergleichbar
mit anderen Individuen und Epochen, und damit im eigentliche Sinne als neuartig,
verstehen. Je mehr ein Historiker in der Lage ist, die Singularitäten vor der
Folie der bislang als unveränderlich konstatierbaren menschlichen
Daseinsbedingung zu sehen, umso länger wird sein Werk den auflösenden Kräften
der Geschichte widerstehen können“.
|
|
| Der sowjetische Wissenschaftstheoretiker Igor S. Kon91 hat die Frage, ob objektive Wahrheit in der
Geschichtswissenschaft möglich sei, dahingehend positiv beantwortet, dass er
feststellte, dass Objektivität eine Eigenschaft historischer Behauptungen sei, die
man in Anspruch nehmen könne, wenn diese Behauptungen nach den Regeln
geschichtswissenschaftlicher Forschungspraxis – also durch die Historischen
Hilfswissenschaften – als begründete Behauptungen akzeptiert werden können. Dieser
Auffassung ist nichts entgegenzusetzen; sie gilt freilich nur für sehr begrenzte
Felder historischer Aussagen.
|
| Im Zusammenhang mit der Frage der Objektivität bzw. mit der
Diskussion der Wertfreiheit sind drei weitere Begriffe zu bedenken: Neutralität,
Unparteilichkeit und Uneigennützigkeit92:
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| – |
Neutralität bedeutet, sich
zwischen zumindest zwei Parteien so zu verhalten, dass man keiner Seite
hilft;
|
| – |
Unparteilichkeit bedeutet,
gleiche Fälle nach allgemein erkennbaren Regeln gleich zu behandeln;
|
| – |
Uneigennützigkeit bedeutet,
keine persönlichen Interessens ins Spiel bringen.
|
|
| Diesen Begriffen steht der Begriff der Parteilichkeit gegenüber, wobei zwischen Parteilichkeit als
Beschreibungskategorie und als Handlungskategorie zu unterscheiden ist. Erstere –
die Beschreibungskategorie – ist es, was der Historiker ablehnt. Parteilichkeit als
Handlungskategorie ist akzeptabel, wenn sie das Ergebnis einer unparteiischen
Analyse und Rekonstruktion ist.
|
| Im Umfeld des Wortes Objektivität steht noch der Begriff Objektivation, ein Wort das der späte Dilthey verwendet: Als Objektivation des Geistes (oder des Lebens)
begreift Dilthey alle nicht naturgegebenen Gegenstände: Wort, Tat, Bauwerke,
Gesetze, Institutionen. Er wendet dabei wohl die Vorstellung an, dass es sich nicht
so sehr um Emanationen eines individuellen Geistes, sonders vielmehr eines
„überindividuellen Geistes“ – „objektiver Geist“ – handle.
|
| Objektivierung meint die
Vergegenständlichung: die Vorstellung eines Subjektiven, eines subjektiv Gegebenen
als objektiv; u.a. als Logische Objektivierung durch den Akt der Namensgebung, de
konkreten Bezeichnung. Die Objektivierung ist ein "Trick", der die Möglichkeit zur
Erlangung intersubjektiv tragfähiger Erkenntnis verbessern soll.
|
|
|
| Im Verhältnis zu den Naturwissenschaften wird die
geisteswissenschaftliche, die hermeneutische Interpretation in weit höherem Maße von
individuell-persönlichen Vorentscheidungen in Bezug auf Werte beeinflusst. Darin
liegt der Grund dafür, dass die Erreichung intersubjektiver, gemeinsamer
Auffassungen ungleich schwieriger ist als in den Naturwissenschaften.
|
| Intersubjektiv bedeutet, dass es sich um eine Erkenntnis handle, die
nicht nur von einem Individuum, sondern unter denselben Bedingungen auch von anderen
Individuen geteilt, also in gleicher Weise gewonnen wird.
|
| Dieser Umstand ist allerdings nicht nur negativ zu sehen. Im Sinne von
Hegels Wort "Das Wahre ist das Ganze"
liefern alle unterschiedlichen Auffassungen einen Beitrag zur Wahrheit und jede
einzelne weist eine gewisse Einseitigkeit auf. Daher ist es nicht nur sinnvoll,
sondern auch wichtig, sich um das Verständnis des Anderen zu bemühen und die
Pluralität der Meinungen zu pflegen. Gerade die Auseinandersetzung mit dem Anderen
ist der beste Weg zur Verdeutlichung der eigenen Position.
|
|
|
| Sprache ist – in welcher Form auch immer – das uns zur
Verfügung stehende Mittel der Kommunikation. Philosophie, Wissenschaft und
insbesondere Geisteswissenschaft sind wesentlich ein Problem der Sprache. Sprache wird
definiert als
|
| – |
der Gebrauch gleichbleibender sinnlich wahrnehmbarer Zeichen zum
Zwecke der Verständigung: Gebärden Laute, Schriftzeichen (Lehre von den Zeichen =
Semiotik, Semiologie)
|
| – |
der Vorrat an Zeichen |
| – |
die Sprechleistung des Einzelnen |
| – |
auch der persönliche Stil – die individuelle Auswahl und
Verwendung von Sprachmitteln, von Zeichen.
|
|
| Wir unterscheiden zwischen natürlichen, künstlichen und
formalen Sprachen. Die mathematische Linguistik definiert Sprache als eine beliebige
Untermenge der Menge aller über einem Alphabet möglichen Ketten.
|
| Die Frage, ob und in welchem Verhältnis die sprachlichen Begriffe zu den
bezeichneten Dingen und Sachverhalten stehen, ist uralt und hat verschiedentlich zu
tiefgehenden Auseinandersetzungen geführt – vor allem im Universalienstreit, der das
eigentliche Wesen von Sprache zum Gegenstand hat, ob nämlich Begriffe
wesenskonstituierend seien oder nicht. In der Aufklärung geht man der Frage nach,
inwieweit die Sprache überhaupt zur Erkenntnisverbreitung tauglich sei, was sie in
Hinblick auf die Erkenntnisarbeit leisten könne. Die Diskussion darüber und über die
Möglichkeiten, die erkannten Defizite zu beheben, d.h. die Eindeutigkeit der
Kommunikation zu verbessern, ist Gegenstand der Sprachphilosophie und hält an.
|
| Wir können unseren Erfahrungen über uns selbst nur insoweit sprachlichen,
verbalen Ausdruck verleihen, als wir auf äußere Gegebenheiten hinweisen, denen
gegenüber ein anderer ähnliche Erfahrungen hat – "Sieh
dir das Gras an, was wir dabei empfinden, nennen wir grün". Was über diese
Ebene an Mitteilung hinausgeht, ist Kunst. Der polnische Philosoph Alfred Tarski
hat nachgewiesen, dass sich die Regeln, denen ein geschlossenes logisches System
gehorcht, nicht mit den Sprachmitteln dieses Systems formulieren lassen, sondern einer
Metasprache bedürfen, deren logische Kohärenz zu ihrer Konstituierung wieder einer
höheren Stufe bedarf etc. Das heißt, dass logische Klarheit nur dem möglich ist, der
nicht innerhalb des von ihm beschriebenen System steht.
|
| Die Umgangssprache ist für viele wissenschaftliche Probleme zu wenig
exakt. So ist es verständlich, dass sich im 20. Jh, aufbauend auf der Logik und
maßgeblich den Bemühungen Gottlob Freges
(1848-1925)93, die antimetaphysische Richtung der
analytischen, d.h. wesentlich sprachanalytischen Philosophie entwickelt, die ihre
Aufgabe nicht in der Vermittlung weltanschaulicher Inhalte und Lehrsätze sieht,
sondern in einer metaphysikkritischen und sprachkritischen Klärung philosophischer und
wissenschaftstheoretischer Fragen – Analysen und der Präzisierung der verwendeten
Sprachen, und zwar sowohl in der Umgangs- wie in der Wissenschaftssprache. Michael
Dummett (1925-) hat die Sprachphilosophie als Basis und Ausgangspunkt
jeglicher Philosophie apostrophiert. Es kommt so im 20. Jh zu einem fundamentaler
Wandel in der Philosophie: es entsteht eigentlich eine zweite Philosophie, die – wie
bei Mach
oder im Wiener Kreis, später bei Reichenbach („Logischer Empirismus“ oder „Wissenschaftliche Philosophie“) –
gar nicht mehr Philosophie heißen will, zur sogenannten „sprachanalytische Wende der
Philosophie“. Diese Auffassungen werden durch den Kritischen Rationalismus Poppers
abgelehnt.
|
| In seinen "Principia mathematica" konzipierte Bertrand Russell 1910-1913 – Frege folgend – eine wissenschaftlich exakte Idealsprache – eine Idee, die
später vom Wiener Kreis und vor allem von Wittgenstein ("alle Philosophie ist
Sprachkritik") fortgeführt worden ist (Ideal
Language Philosophy). Diese Idealsprache steht im Gegensatz zu der sich um
Alltagsgebrauch bewährenden Normalsprache, auf die George Edward Moore
seine Philosophie zu beschränken suchte ( Ordinary
Language Philosophy).
|
|
|
|
|
| Die Griechen stehen am Beginn der wissenschaftlichen und
kulturellen Kontinuität im Abendland. Es sind in Mesopotamien vor allem, aber (in
minderem Maße) auch in Ägypten bedeutende Leistungen in der Astronomie und ihrer
Hilfswissenschaft, der Mathematik, erbracht worden, und Vieles von dem dort
Erarbeiteten ist auch in die griechischen Leistungen eingeflossen.
|
| Der entscheidende Schritt zu systematischer und auf eine
abstrakt-theoretische Durchdringung der Materie abzielendes Vorgehen ist jedoch den
Griechen vorbehalten geblieben. Als junges Volk, unbelastet von Traditionen94 übernehmen sie alles, was aus dem Alten Orient und aus
Ägypten überliefert wird und ihnen brauchbar erscheint. Sie fragen als erste nach
allgemeinen Gesetzen in und hinter den Erscheinungen und gehen damit über den
Einzelfall hinaus. Sie gelangten zu einer zunehmend rationalen und weltlichen
öffentlichen Diskussion des Wissens ohne Aberglauben; ein Wissen, das um seiner selbst
willen gesucht wird. Sie entwickeln die Fähigkeit des rationalen Argumentierens, der
Dialektik im Rede- und Antwortspiel, das bis in die Neuzeit als Lehrdialog fortlebt.
Sie berufen sich als erste auf objektive Erfahrung. Sie fassen das Universum rational
auf, weshalb sie auch alle seine Einzelerscheinungen auf rein logischem Wege aus
seiner Gesamtheit, aus einem Grundprinzip ableiten wollen; es liegt hier eine
aprioristische Grundeinstellung vor.
|
| Im Unterschied zu den anderen Völkern der Alten Welt beschäftigen sich
die Griechen weniger mit den Einzelerscheinungen, sondern versuchen, nach dem
Allgemeinen, nach dem eigentlichen Ursprung der Welt in natürlicher Hinsicht zu
fragen, was zur Entwicklung der Philosophie führt. Aber auch bei den Griechen liegt
das rationale Denken im Kampf mit dem Mythischen, wie es aus dem Orient immer wieder
herankam; es überwiegt jedoch (im Unterschied zu Indien) das rationale Denken – dies
offenbar nicht zuletzt, weil es praktisch keine feste Priesterkaste mit weltlicher
Macht gab, die eine zu freie Diskussion von Tabus verhindert hätte95.
|
| Im Factum, daß die Philosophie als Frage nach dem Ganzen, nach dem Sein
schlechthin, die zentrale Stellung einnimmt, und daß diese Frage alle anderen Fragen
einschließt, liegt in der Auffassung von einer rationalen, logischen Struktur des
Komsos und damit auch darin mitbegründet, daß Wissenschaft als eine Einheit aufgefasst
wurde und wird, innerhalb derer erst nach und nach im Wege der Differenzierung die
Einzelwissenschaften als Spezialbereiche der einen Wissenschaft entstehen.
|
| Die wissenschaftliche Entwicklung im Sinne einer ersten Differenzierung
setzt mit einer gewissen Zeitverschiebung nach dem politischen Höhepunkt ein: der
Verlust der Freiheit Griechenlands im 4. Jh hat nicht den Verlust der
Weiterentwicklung der Philosophie bzw. von Wissenschaft zur Folge (Hegel
formuliert diesbezüglich: die Eulen Minervas beginnen
erst in der Dämmerung ihren Flug; die Wissenschaft ist eine späte Frucht am Baume
der Kultur).
|
| Die geistige Entwicklung der Griechen ist maßgeblich
beeinflusst worden durch die Seefahrt, die Vielgestaltigkeit des griechischen
Siedlungsraumes, durch die Kolonien, die Kontakte zum Osten. Nicht umsonst erfolgt die
erste Blüte in den ionischen Kolonien in Kleinasien.
|
| In den Anfängen schon sind auch starke soziale Komponenten motivierend –
die Frage der Staatsform ist früh Gegenstand eingehender Betrachtung, in der sich die
Philosophen engagieren. Die Kolonisationstätigkeit auf Grund des
Bevölkerungsüberschusses erforderte schiffsbautechnische Entwicklung, Verbesserung der
Navigation, damit der Astronomie und der Geographie, der Schiffsbau selbst und andere
Arbeiten lösten die Verbesserung der Mechanik aus, obgleich diese lange keine
besondere Stellung einnimmt.
|
| Durch die Reisen der Periegeten – die die Küsten des Mittelmeers nach
günstigen Ansiedelungsplätzen durchforschten – trat man mit anderen Kulturen in
Kontakt; Thales war vielleicht mit seiner Reise nach Ägypten ein solcher Perieget.
Auch materielle Veränderungen sind durch die Kolonisation erfolgt – als besonders
wichtig ist die Einfuhr von Papyrus aus Ägypten einzuschätzen, die überhaupt erst eine
Zunahme der Schriftlichkeit ermöglichte. Der ionische Bereich, von dem die Philosophie
ausgeht, ist früh wirtschaftlich besonders rege gewesen, was wiederum bedingt war
durch den Umstand, das die herrschenden Lydier als erste kleine Münzen prägten, die
den Handel auch mit geringfügigen Gütern über Geld ermöglichten.
|
| Wesentlich für die Entwicklung der Wissenschaft bei den Griechen war
auch, daß sie im Grunde genommen von ihren Sklaven lebten (in Attika standen um 317
vChr 400.000 Sklaven nur 124.000 Freien gegenüber96!). Dementsprechend vermochten sie das freie, schöpferische
Denken zu pflegen und brachten es hier, in den abstrakten Bereichen (wie auch in der
Mathematik) zur höchsten Vollendung; weit weniger beschäftigten sie sich mit
praktischen Dingen (eine Ausnahme ist die Architektur), mit Experimenten (das
Hantieren mit Geräten etc. wäre wie ein Handwerk eines freien Mannes unwürdig
gewesen); und da die Arbeitskraft der Sklaven billig war, kam es auch nicht zur
Entwicklung von Maschinen zur Verbesserung der Arbeitsmethoden. Deshalb wandten sich
die Griechen auch zu rasch der Verallgemeinerung, der Theorie zu, ohne wirklich
hinreichend die Einzelerscheinungen zu überprüfen.
|
|
|
| Die griechische Philosophie entstand nicht im Mutterland,
sondern im ionischen Grenzbereich, auf den ionische Inseln und später vor allem in
Unteritalien – also in Großgriechenland.
|
| Im Wesentlichen sind in der Entwicklung im griechischen
Bereich vier Phasen zu unterscheiden:
|
| – |
ionische Phase: die Naturphilosophie des 6. Jhs97, Thales, Pythagoras u.a.
|
| – |
athenische Phase von 480-330 bestimmt durch Fragen der Moral
und der Ethik
|
| – |
alexandrinische Phase |
| – |
die Zeit unter römischer Herrschaft. |
|
| Bei der Betrachtung der Entwicklung der griechischen
Philosophie erfordert der Umstand besondere Aufmerksamkeit, dass aus der Zeit vor
Platon kein einziger Text der griechischen Philosophie geschlossen
erhalten ist. Alles, was wir über die frühe Philosophie wissen, ist entweder in
letztlich nicht hinreichend gesicherter Weise aus Fragmenten und sekundären
Überlieferungen erschlossen, wobei diese Rekonstruktionen natürlich durch die Zeit
ihrer Erarbeitung mitgeprägt und deshalb in ihrer Aussagekraft mit Zurückhaltung zu
bewerten sind.
|
| Unter den sekundären Überlieferungen nehmen die
philosophiegeschichtlichen Äußerungen bei Aristoteles (der sich einleitend immer
wieder mit Aussagen früherer Philosophen befasst) eine besondere Stellung ein; sie
sind eine Hauptquelle, aus der vieles erschlossen werden kann. Ähnlich verhält es
sich mit Aussagen seiner Schüler.
|
| Die Anfänge der Philosophie liegen in den Versuchen
rationalen, „wissenschaftlichen“ Erklärens – Thales erklärt beispielsweise die
Nilüberschwemmungen durch die Aufstauung des Nils durch die von Norden nach Süden
wehenden Winde. Diese Aussage ist zwar an sich inhaltlich falsch, stellt aber eine
bedeutende Leistung dar, indem sie eine nicht mythische, sondern rational-kausale
Erklärung darstellt.
|
| Eine der Hauptleistungen der frühen Philosophie als Welterklärung
besteht darin, daß Erklärungsentwürfe geschaffen werden, auf die später
zurückgegrifffen werden kann – d.h. es werden grundsätzliche Fragen erarbeitet und
mehr oder weniger zutreffende Antworten gegeben. So entsteht ein System von
Begriffen und Zusammenhängen, innerhalb dessen sich die weitere Erkenntnisarbeit
entfaltet bzw. mit dem Neues in Verbindung gebracht wird. Fragestellung,
Strukturierung, begriffliche Schärfe, Definieren und das Entwickeln von Methoden,
die dabei anzuwenden sind, sind die wesentlichen Leistungen der Anfänge, weniger die
inhaltlichen Ergebnisse. In diesem Prozeß werden die ursprünglichen mythischen
Vorstellungen erstaunlich rasch überwunden.
|
| Grundlegendes Moment ist die Idee der Einheit der Wirklichkeit jenseits
aller Gegensätze, die innerhalb der „Wirklichkeit“ festgestellt werden.
|
|
|
| Thales stellt die Frage nach dem Ursprung im Sinne einer
Frage nach einer Ursubstanz, d.h. nach einer allem zugrundeliegenden natürlichen
Materie98. Nicht geht es ihm um einen göttlichen
Schöpfungsakt. Aus dieser Aussage ist – unabhängig von inhaltsbezogenen
Festellungen (wie etwa der Abhängigkeit von mesopotamischem oder ägyptischen
Gedankengut) – abzuleiten:
|
| – |
der Gedanke der Einheit in der Vielheit der Dinge |
| – |
der Gedanke, daß Werden als Veränderung eines beharrlichen
Substrats aufzufassen ist
|
| – |
der Gedanke von Wesen und Erscheinung |
| – |
der Gedanke eines ersten Grundes. |
|
| In der ionischen Philosophie vollzieht sich der Übergang
von der magisch-mythischen Naturbetrachtung zu einer
philosophisch-wissenschaftlichen Auffassung. Es handelt sich dabei aber um einen
Übergang aus diesem Naturverständnis und nicht um dessen definitive Ablösung.
|
| Es ist dies ein Akt der Rationalisierung, ein Akt, der auch als
Verlust von Vertrauen und zugleich als ein Akt der Kritik interpretiert werden
kann, da die alten Auffassungen und Erklärungen nicht mehr widerspruchslos
hingenommen werden. Die Diskussion über die Erscheinungen erfordert, daß die
Erscheinungen auf Ursachen zurückgeführt werden müssen, die immer allgemeiner
gefaßt werden, da ja nur intersubjektiv Nachvollziehbares argumentiert werden
kann. Daraus folgt wieder, daß nur solches als wahr, als gesichert akzeptiert
wird. Dies ist wichtig für die Entwicklung dessen, was dann – völlig neu –als
Wissen entwickelt und als – immer bedeutsamer werdender – Begriff definiert wird.
|
| Das philosophische Denken, die Grundlage von Wissenschaft, die
gesicherte Erkenntnis schaffen sowie Zweifel ausschließen soll, ist ein
begründendes, beweisendes, rechtfertigendes Denken, das Geltungsansprüche durch
diskursive Argumentation legitimiert. So tritt der Logos neben den Mythos, und
zunehmend rascher verschiebt sich die Gewichtung zugunsten der Ratio.
|
| Strukturen werden nun in definierte Teile zerlegt, diese werden für
sich untersucht, soweit es sinnvoll erscheint, und die Ergebnisse werden in ein
rational bestimmtes, logisch konsistentes System eingebracht: Es entwickelt sich
daraus die Systematisierung der Erscheinungen wie der Erklärungen.
|
| Das wissenschaftliche Denken ist ein Denken in Relationen, in
Vergleichen; nur durch den Vergleich kann etwas erfaßt werden. Die Beziehungen der
Dinge zueinander – die Funktionszusammenhänge – zu erkennen, der Vergleich dann
hinsichtlich der Funktionszusammenhänge, ist die höhere Stufe. Dies erweist sich
auch in einer späteren Entwicklungsstufe, in der Scholastik, wenn im 13. und
14. Jh die Lehre von den Proportionen, den Verhältnissen, eine Schlüsselrolle
einnimmt.
|
| Durch diese Entwicklung wird das Allgemeine vom Besonderen
geschieden, Reelles von Ideellem, und es wird das allgemein Strukturelle vom
konkret Materiellen gelöst.
|
| Diese Veränderungen sind maßgeblich auch Veränderungen der
Sprache: es entsteht eine neue, weit schärfer begrifflich fassende Sprache.
|
| Durch diese Entwicklung eines neuen Denkens tritt immer stärker die
Differenzierung zwischen Mensch und Natur hervor. Der Mensch – zuvor
unreflektiertermaßen Teil der Natur – beginnt die Natur bewußt wahrzunehmen, tritt
damit gewissermaßen aus der Natur heraus, tritt ihr gegenüber. In der Antike – bis
zum Auftreten der Stoa und des jüdisch-eschatologischen Denkens – wird die Natur
als statisches Ganzes aufgefaßt, als ein im Gleichgewicht, in Harmonie
befindliches und verharrendes System. Erst später wird die Natur als ein
dynamisches, offenes System wahrgenommen, dessen Teile mit einander in Interaktion
stehen. Heute wird die Natur als ein selbstorganisierendes, selbstreferentielles
System von Teilsystemen gesehen.
|
| Dieser Prozeß der frühen Philosophie ist mit der
Entwicklung eines neuen Selbstverständnisses, eines Selbstbewußtseins verbunden,
das es bis dahin nicht geben konnte. Es wird zwischen Subjekt und Objekt
differenziert. Die Natur wird zum Objekt. Es tritt eine Scheidung zwischen Gefühl
und Intellekt ein, auch zwischen der Theorie als strukturell orientiertem
Gliederungs- und Erfassungsbemühen, zwischen intellektuellem Systementwurf und der
Praxis.
|
|
|
| Auch Pythagoras (570-500) ist aus dem
philosophischen Nährboden der ionischen Inseln hervorgegangen. Er begründet eine
eigene, von der ionischen Philosophie abgesetzte italische Schule, die der
Pythagoräer99. Es ist in Bezug auf die Person des Pythagoras Spezifisches nicht festzumachen, eine kritische Sichtung der
heute bekannten Quellen lässt weder erkennen, dass Pythagoras „ein ernstzunehmender
Mathematiker war, noch dass er Naturphilosoph oder ein Wissenschaftler war; man
muß in ihm vielmehr einen charismatischen Lehrer sehen, der eine große Zahl von
Schülern anzog, denen er eine bestimmte Lebensweise vorschrieb“100. Durch
die Pythagoräer ist eine für die griechische Philosophie wesentliche, auch Platon maßgeblich beeinflussende Vorstellung entwickelt worden, nämlich
die von Ordnung als solcher und in Gestalt von
|
| – |
mathematischer Ordnung |
| – |
musikalischer Ordnung = Harmonie (die „pythagoräische
Stimmung“ gilt bis heute)
|
| – |
Ordnung des Kosmos101 |
| – |
ethischer und sozialer Ordnung. |
|
| Die Pythagoräer unterschieden
zwischen den zu ordnenden Objekten und der Ordnung an sich. Ordnung ist
aber nicht beobachtbar. Die auf die Ordnung gerichtete Betrachtung nennen sie "Theorie" = ursprünglich die Schau, in der sich der
Mystiker mit dem Gott identisch erlebt. Für die Pythagoräer ist die Theorie eine
ethische Dimension, denn wer die göttliche Ordnung erfaßt, wird selbst dem
Göttlichen ähnlich.
|
| Die pythagoräische Theoria ist der
Ausgangspunkt der Entwicklung hin zur wertfreien wissenschaftlichen
Theorie. Der Weg zu dieser führt über Platon als Fortsetzer gewisser pythagoräischer Auffassungen – Platon erst führt die grundsätzliche Trennung der empirischen Erkenntnis
von der theoretischen Erkenntnis durch. Platons Lehre von der Möglichkeit einer Erkenntnis aus reiner Vernunft,
die eben als eine Fortführung der pythagoräischen Lehre verstanden werden kann,
hat bis in die Neuzeit die Philosophie dominiert, sie ist erst in der Neuzeit
sukzessive abgebaut worden. Der Idee der Ordnung als
Vorstufe der Systemisierung, Klassifizierung kommt in der Entwicklung der
Philosophie wie der Wisssenschaft enorme Bedeutung zu. |
| Die Entdeckung der akustischen harmonischen Verhältnisse102 bewirkte eine Verknüpfung
zwischen Qualität und Quantität, indem qualitative Unterschiede quantitativ
ausgedrückt werden können, nämlich durch Zahlen, die Saitenlängen ausdrücken.
Damit wird eine qualitative Erscheinung meßbar - ein für die Entwicklung der
Naturwissenschaften zentrales Phänomen. Qualitative Bestimmungen werden damit auch
generalisierbar, und es wird die Möglichkeit der Mathematisierung eröffnet. Die
Pythagoräer sollen Bedeutendes in der Entwicklung der Mathematik geleistet
haben103, insbesondere auch der Zahlenlehre,
die sie bis hin zur Zahlenmystik entwickelten. Konsequenzen dieser Arbeiten sind
die Anfänge der Musiktheorie und die Proportionenlehre. Auf der eher mystischen
Ebene entwickelten sie (Aristoteles zufolge) eine Tafel der Gegensätze104, was in
gewisser Hinsicht die spätere Forcierung der Dichotomie als
wissenschaftlich-logisches Hilfsmittel vorwegnimmt.
|
| Indem die Pythagoräer glaubten, die Wirklichkeit in rationalen
Zahlenverhältnissen ausdrücken zu können, erschien sie ihnen vernünftig. Die von
den Pythagoräern vertretene Auffassung von der sinngebenden Kraft mathematischer
Strukturen ist von Platon übernommen worden. Aristoteles hat sich dem aber nicht angeschlossen.
|
| Als ein wesentliches und einflußreiches Element der Philosophie der
Pythagoräer ist festzuhalten, daß sie im Gegensatz zu den Ioniern kein Streben
nach wertfreiem Erkennen entwickeln, sondern im Gegenteil alles unter den
ethisch-religiösen Aspekten einer komplexen Weltanschauung betrachteten, worin
eine Tendenz zu gesamtheitlicher, einheitlicher Sicht der Dinge gegeben ist, die
mystische Vorstellungen begünstigte und bis in die Neuzeit fortwirkt. Die
pythagoräische Philosophie an sich ist zwar in der Zeit des Aristoteles erloschen, hat aber lange in bedeutender Weise nachgewirkt
und in der Spätantike wie in der Frühen Neuzeit noch Erneuerung erfahren
(allerdings nie dermaßen wirksam wie der Platonismus). Aristoteles hat immer wieder Platon mit den pythagoräischen Anschauungen
in Verbindung gebracht.
|
| Die Welt unter der Annahme allgemeiner Ordnung, allgemeiner
Naturgesetze zu verstehen, wird zum Ziel der Philosophie.
|
| Unter dieser Zielsetzung sind die Anstrengungen der frühen
griechischen Philosophie zu verstehen, in der die unterschiedlichsten Denkmodelle
ersonnen werden, die im wesentlichen auf die Wahrnehmung der Natur zurückführbar
sind, aber nicht weiter auf Empirie beruhen. Aus ihnen sind für die nachfolgenden
Epochen und die Ausweitung des Prozesses fruchtbare Anregungen hervorgegangen, die
bis in die Gegenwart wirksam sind, wenn trotz aller Überlieferungsschwierigkeiten
und Ungewissheiten auf diese frühen philosophischen Bemühungen zurückgegriffen
wird.
|
|
|
| Heraklit postuliert „Gesetzmäßigkeiten,
unfehlbare Sicherheiten, immer gleiche Bahnen des Rechtes, hinter allen
Überschreitungen der Gesetze richtende Erinyen, die ganze Welt ein Schauspiel
einer waltenden Gerechtigkeit und dämonisch allgegenwärtiger, ihrem Dienste
untergebener Naturkräfte. [...] Diese
Weltordnung, dieselbige für alle Wesen, schuf weder einer der Götter noch der
Menschen, sondern sie war immer und ist und sein ewig lebendiges Feuer,
erglimmen nach Maßen und löschen nach Maßen“Nietzsche Friedrich, Werke. Kritische
Gesamtausgabe, begr. v. Colli Giorgio / Montinari Mazzino. Abteilung 3, Bd 2:
Nachgelassene Schriften 1807-1873, hg. v. Colli Giorgio / Montinari, De
Gruyter 1973, 316.
.
|
|
|
| Zenon wurde von Platon mit Parmenides in Verbindung gebracht; er versuchte, Beweise für die
Ontologie des Parmenides zu geben – angeblich fand er deren 40. Er geht vom Gegenteil
aus und gelangt durch Kritik zum Nachweis. Zenon von Elea hat eine Reihe von
Paradoxa aufgeworfen, die die Logik und die
Physik bis in das 20. Jh vor bedeutende Probleme gestellt haben106.
|
|
|
| Als eine für die Entwicklung der Naturwissenschaften
bedeutsame philosophische Richtung ist hier noch die Ältere Atomistik zu erwähnen – Leukipp (1. H.
5. Jh), Demokrit von Abdera
(460-371) und ihre Schüler, im
Hellenismus noch Epikur (342-270).
|
| Demokrit nimmt eine unendliche Mannigfaltigkeit von Atom-Formen an, bis
hin zu makroskopischen, sichtbaren Atomen. Bei Epikur hingegen gibt es zwar eine endliche Vielfalt von Atomen, doch
sind diese unsichtbar. Die Vielfalt und Veränderlichkeit, die Qualität der
empirisch wahrnehmbaren Dinge wird als Unterschiedlichkeit der Struktur, der Lage
und Verbindung der unteiolbaren, die sich im leeren Raum, im Nichts, befinden,
verstanden. Die Atome sind, wie das Seiende in der eleatischen Philosophie, unentstanden und unvergänglich, da es kein Werden aus dem Nichts und kein Vergehen in das
Nichts gebe. Andere wieder interpretieren Atome als qualitätslos und erklären die
unterschiedlichen Erscheinungsweisen der Materie nur aus ihrer Größe und Lage.
|
| Die Schwierigkeit, die sich dabei ergab, war, daß die Atome als
ausgedehnte und daher prinzipiell als teilbar zu denkende Partikel gedacht werden
mußten, während man ihre Unteilbarkeit und Unveränderlichkeit zur Grundlage des
ganzen Systems erhoben hatte. Die Argumentation ging dahin, daß man sagte,
mathematische Punkte seien ausdehnungslos, aus diesen könne Ausgedehntes nicht
bestehen, daher müsse es unteilbare ausgedehnte Teilchen als Grundmaterie geben.
Bedeutsam war auch, daß die Atomisten durchaus annahmen, daß es
Nicht-Körperliches, wie etwa leeren Raum, gebe. Eine
fundamentale Konsequenz der atomistischen Theorie ist, daß alles mechanistisch
zu erklären ist: alle Bewegung ist Bewegung von Atomen, ist Stoß. Zu einer
Dynamik ist Demokrit nicht vorgestoßen. Auf der Ebene der Erkenntnislehre und der
Psychologie folgt aus der Atomistik, daß wir die Dinge nicht so erkennen, wie sie
sind, sondern nur so, wie sie auf uns wirken, wie wir sie wahrnehmen. Demokrit spricht deshalb von "dunkler", d.h. sekundärer, ungenügender
Erkenntnis, über die wir aber nun einmal nicht hinauskommen können. – Bei aller
Faszination der älteren Atomistik darf nicht übersehen werden, daß es sich um
reine Spekulation handelte, ohne jede Empirie.
|
|
|
| Neben der ionischen Naturphilosophie entwickelt sich die Sophistik107. Sie übt in der griechischen Philosophie eine ähnliche
Funktion aus wie die Scholastik in der abendländischen Philosophie108 –,
tatsächlich geht es aber um die Entwicklung von Kritik und im Zusammenhang damit um
die Erprobung und Auslotung radikaler logischer Positionen wie des Relativismus und
des Nihilismus. Es werden vielfach Fragen diskutiert, die z.T. später von Skeptikern
wie Sextus
Empiricus fortgeführt worden sind. Es seien hier erwähnt:
|
|
|
| Protagoras war ein Freund des Perikles. Von ihm stammt der
berühmte Homo-Mensura-Satz, der in gängiger Übersetzung lautet: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge, des Seienden für das Sein, des
Nichtseienden für das Nichtsein“, dessen Übersetzung und Interpretation
allerdings nach wie vor in Diskussion steht. In seiner Schrift „Über die Götter“
vertrat Protagoras die Auffassung: „Über die
Götter vermag ich nichts zu wissen, weder daß sie sind, noch daß sie nicht sind,
noch wie sie an Gestalt sind. Denn vieles gibt es, was mich daran hindert, die
Nichtwahrnehmbarkeit [Dunkelheit der Sache]
und die Kürze des Lebens“. Auch hat er sich mit sprachwissenschaftlichen
Aspekten befasst109.
|
|
|
| ein Schüler des Empedokles, trieb den Skeptizismus des Zeno auf die Spitze;
seine Arbeit „Über das Nichtseiende oder die Natur“, von welchem Werk zwei
Zusammenfassungen überliefert sind; ist eine sarkastische Abrechnung mit der
Seins-Philosophie seiner Zeit:
|
| 1) |
Nichts – weder das Seiende noch das Nichtseiende –
existiert
|
| 2) |
Existiert es doch, so ist es doch für den Menschen
unerkennbar
|
| 3) |
Selbst wenn es erkennbar ist, so ist es doch nicht
mitteilbar.
|
|
| Gorgias ist von großer Bedeutung, indem er Denken und Erkenntnis als das
definiert, was in Sprache ausgedrückt wird oder ausgedrückt werden kann. Wissen
läßt sich nicht trennen von der Sprache und von der sprachlichen Kommunikation –
gewissermaßen Wissen(schaft) als Diskurs. Alles beruht auf dem Verstehen der
Zeichen, die für die reale Welt der Außendinge stehen110.
|
|
|
| ein Schüler des Gorgias, einer der Dreißig Tyrannen und ein Vetter der Mutter Platons
(in dessen Dialogen er merhfach auftritt) kann nur mit Einschränkung unter die
Sophisten gezählt werden, zumal er nie gelehrt hat, er gehörte aber dem Kreis um
Sokrates an. Ihm wird – obgleich unsicher – die Aussage zugeschrieben,
„ein schlauer und gedankenreicher Mann“ habe
die Furcht vor den Göttern (und damit diese) erfunden111.
|
| Ein wesentlicher Grundzug der Sophistik war, daß höchste
Skepsis angebracht sei und dass Annahmen wesentlich auf den sich mit diesen
beschäftigenden Menschen zurückzuführen seien – es gebe beispielsweise kein vom
Menschen unabhängiges und unveränderliches Gutes an sich. Sokrates ist diesbezüglich anderer Auffassung.
|
|
|
| Diese Phase der Philosophie bestimmt das gesamte weitere
Geschehen, und das letztlich weltweit, indem das abendländische Denken durch sie
grundlegend bestimmt und geprägt wird112.
|
|
|
| Eine besondere und kaum wirklich zu erfassende Stellung in
der Entwicklung des Denkens nimmt Sokrates ein. „Obwohl die neuzeitliche
Sokratesforschung inzwischen auf eine 250jährige Geschichte zurückblicken kann
[...], ist es ihr bisher nicht gelungen, zu
Ergebnissen zu gelangen, die als allgemein oder auch nur weithin anerkannt
gelten könnten. Die Frage, welches die spezifischen Leistungen des Sokrates als
Philosoph gewesen seien, war [...] schon
bald nach seinem Tod umstritten, und sie ist es heute noch.“113 Diese Schwierigkeit liegt nicht nur darin begründet,
daß Sokrates keine Schriften hinterlassen hat, sondern auch darin, dass
praktisch alle sich auf ihn beziehenden Quellen problematischer Natur sind.
|
| Für Sokrates nahm Sprache eine besondere Position ein – er interpretierte
das Wesen von Sprache dahingehend, daß ihre Verständigungsleistung als Indiz dafür
gesehen werden könne, dass sich hinter den Wörtern etwas Allgemeines, allgemein
Gültiges verberge. Unumstössliches Wissen ist für Sokrates der Gottheit allein
vorbehalten; erweist sich aber etwas bei wiederholten Prüfungen als unwiderlegbar,
dann kann dies ein hohes Maß an Gewissheit beanspruchen. Das Ringen um die
Eruierung der Qualität des Wissens machte den eigentlichen Kern der Bemühungen des
Sokrates aus. Es ist das jene Frage, die bis heute zentraler Gegenstand
der Befassung mit dem Thema Wissenschaft an sich. Das Gute existiert für Sokrates an sich, nämlich in der Gottheit.
|
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| Platon114, der Schüler des Sokrates schlechthin, ist in der Philosophie – neben seinem eigenen
Schüler Aristoteles – eine der zentralen Gestalten überhaupt. Platon war der erste griechische Philosoph, der gewissermaßen das Ganze
betrachtete. Von Platon sind als Hauptwerk 34 Dialoge, einige eher problematische Briefe
und etliche Epigramme überliefert. Schwierig ist die Reihung der Werke und ihre
Datierung – sie ist z.T. nur über die Namen möglich. Die Philosophie Platons ist vor allem durch Augustinus in das christliche Mittelalter hinübergeführt, für das
Christentum adaptiert worden; sie beherrschte auf diesem Wege das Denken des
Mittelalters bis zur Aristoteles-Rezeption im 12. und 13. Jh., wobei natürlich die das
christlich-kirchliche Dogma unterstreichenden Aspekte herausgearbeitet wurden. In
diesem einen Zusammenhang war Platons Philosophie der Entwicklung von Wissenschaft nicht förderlich.
Im Christentum sind sowohl Sokrates wie Platon zeitweise als Vorläufer Christi eingestuft worden.
|
| Platon hat die grundlegenden Auffassungen in der Philosophie vor ihm
zusammengefasst und damit lange die gesamte weitere Entwicklung geprägt. Er hat
ihm Wesentliches in seinem späten Dialog „Timaios“ zusammengestellt, der einer der
grundlegenden Texte in der Entwicklung der Wissenschaft ist. Seine das Abendland
fundamental beeinflussende Ideenlehre ist ein Abbild der Auffassungen der älteren
Atomisten: die körperliche Erscheinungswelt in Raum und Zeit ist ihm als eine
Anhäufung von Schattenbildern der Ideen wie alle Einzelerscheinungen weitgehend
uninteressant (Höhlengleichnis in „Politeia“).
|
| Offenbar unter dem Einfluß der Philosophie des Heraklit, derzufolge sich alles sinnlich Wahrnehmbare in stetem Fluß
befinde, und der philosophischen Bemühungen des Sokrates um Definitionen und um das Allgemeine scheint Platon zur Auffassung gelangt zu sein, daß in dieser Welt des
fluktuierenden sinnlich Wahrnehmbaren Wissen von Bestand und Allgemeingültigkeit
nicht zu erlangen sei, sondern ausschließlich in der darüber anzusetzenden Ebene
der Ideen. Wissen gewinnt damit den Charakter der
Kenntnis unwandelbarer Gegenstände – und das scheint ihm eben auf der Ebene
des sinnlich Wahrnehmbaren nicht möglich.
|
| Unter dem Einfluss der Pythagoräer hat Platon eine stark mathematisch-geometrische Interpretation der Welt
gegeben. Sein Weltbild ist von Systematik und Mathematik geprägt. Im Anschluß an
die angenommenen Konstruktionsprinzipien der Welt der Erscheinungen sucht er nach
einer Reduzierung der sinnlichen Dinge und ihrer Grundstoffe auf
mathematisch-geometrischer Grundlage. Er ordnet die vier Elemente den später
„platonisch“ genannten regelmäßigen Polyedern zu, die Elemente manifestieren sich
ihm als stereometrische Gebilde115: Er strebt darnach,
alle diese Körper auf zweidimensionale, ebene geometrische Figuren zu reduzieren,
auch ein gleichseitiges Ur-Grunddreieck zurückzuführen, scheitert dabei aber am
Würfel, der sich nicht in gleichseitige Dreiecke zerlegen lässt. Platon geht daraufhin auf das rechtwinkelige Dreieck zurück, das beiden
Dreiecksarten zugrunde liegt116. Möglicherweise zielte Platon auf die Reduzierung auf eine Dimension bzw. auf die
Nulldimensionalität ab, welche der Ort der reinen Zahlentheorie wäre. Aristoteles hat diese Bemühungen abgelehnt und verhält sich
zurückhaltend gegenüber der Dominanz der Mathematik, wie Platon sie forciert.
|
| Mit diesen Überlegungen suchte Platon die als unstet und schwankend empfundene Sinnenwelt in den Griff
zu bekommen – es ist der Versuch der Idealisierung und Formalisierung der
sinnlichen Natur117. Es
sind diese Vorstellungen immerhin im 20. Jh noch mit der dem chemischen
Periodensystem zugrundliegenden Vorstellung in Verbindung gebracht worden; Heisenberg hat sie mit der Atomistik in Verbindung gebracht, indem er
sich auf die Suche nach elementaren Grundeinheiten, Elementarteilchen bezog.
|
| Der Welt wohnt bei Platon eine Ordnung inne, die von der Weltseele ausgeht. Die Seele ist
unsterblich, die Welt ist vom Demiurgen – dem Weltbaumeister, Gott als Gestalter
der Welt aus dem Chaos bzw. aus der Materie (in Platons „Timaios“), der gleichzeitig das Gute an sich ist – in einem
einmaligen göttlichen Akt nach dem Muster, der vom Phyturgen geschaffenen Idee des
vollkommensten Lebewesens geschaffen, das alle anderen Lebewesen in sich faßt118. All das geschieht in der Materie bzw.
im Raum (der als Materie in der Verflüchtigung ihres stofflichen Wesens aufgefaßt
wird). Menschen, Tiere und Pflanzen sind beseelt, d.h. sie nehmen in
unterschiedlicher Wertigkeit an der Weltseele Anteil. Die Unsterblichkeit wird
ausdrücklich auf den obersten Seelenteil beschränkt. Diese Auffassungen sollten
später die Grundlage für die Übernahme der Philosophie Platons durch Augustinus bzw. das Christentum sein.
|
| Philosophie ist für Platon "Umgang mit den reinen Urgestalten
der Wirklichkeit", es geht ihm um ewige, übergeschichtliche Sinngehalte,
die auf der Idee des Guten aufbauen. Instrument dieses Philosophierens ist die
Dialektik, die zu schlechthin voraussetzungslosem Wissen führen soll. Dabei
stellen die Ideen gewissermaßen ein aprioristisches System von
Wahrheitsbedingungen dar. Auf diesen Grundlagen erarbeitet Platon Begriffe und die Beziehungen der Begriffe zueinander – sozusagen
philosophische Grundlagenforschung ersten Ranges.
|
| Im Liniengleichnis, das in
„Politeia“ dem berühmteren Höhlengleichnis vorangeht, nimmt Platon eine grundlegende Unterschiedlichkeit hinsichtlich der Erkenntnis
in den Bereichen der Ideen, des empirisch Wahrnehmbaren und der Abbilder an. Er
unterscheidet zwischen dem materiell, sinnlich Wahrnehmbaren – sichtbar, hörbar,
tastbar – und den formalen, ideellen, nur intellektuell zugänglichen Aspekten der
Natur. Das empirisch Wahrnehmbare ist „werdend“, d.h. vergänglich und wandelbar
(daher kann es von ihm auch kein perfektes Wissen geben); das nur verstandesmäßig
Faßbare wird als unvergänglich, unwandelbar, ewig gedacht (z.B. „Naturgesetze“; in
Bezug auf diesen Bereich ist Wissen möglich) – „Wir
aber, die wir über das All [=Natur] zu
sprechen irgendwie im Begriffe sind [...] Zuerst haben wir meiner Meinung nach folgendes zu unterscheiden: Was ist das
stets Seiende und kein Entstehen Habende und was das stets Werdende, aber
nimmerdar Seiende; das eine ist durch verstandesmäßiges Denken zu erfassen, ist
stets sich selbst gleich, das andere dagegen ist durch bloßes mit vernunftloser
Sinneswahrnehmung verbundenes Meinen zu vermuten, ist werdend und vergehend, nie
aber wirklich seiend. Alles Entstehende muß ferner zwangsläufig aus einer
Ursache entstehen.“119
|
| Platon unterschied zwischen Wissen und
Meinen – darin folgt er Heraklit und Parmenides. Er unterscheidet zwischen wissbaren und meinbaren
Gegenständen des Denkens. Über die exakte Gestaltung dieser Bereiche bei Platon, die sich im Verlaufe seines Lebens auch gewandelt hat, gibt es
heute unterschiedliche Auffassungen. Im Christentum und auch im Islam wurde als
dritter Modus das Glauben hinzugefügt.
|
| Die auf der Grundlage der Vorstellung von den Ideen (die
verschiedentlich in einem eigenen Kosmos an sich existierend gedacht sein
sollten120) entwickelte Differenzierung zwischen dem sinnlich
Wahrnehmbaren und einem Idealen ist eine außerordentlich bedeutende Leistung,
indem damit ein Theoriekonzept hinsichtlich der realen Erscheinungen entwickelt
und damit überhaupt erst das ermöglicht wird, was wir als Naturwissenschaft
bezeichnenZum besseren Verständnis der Natur bedient er
sich der Vorstellung von einem Schöpfungsmythos: der Demiurg erschafft nach
den im Ideenkosmos vorgegebenen Vorstellungen die materiellen Erscheinungen in
der Natur (ein zweiter Schöpfungsakt): „Wessen
Form und Wirkkraft der Erzeuger nun gestaltet, indem er auf das sich stets
gleich Verhaltendes hinblickt und etwas Derartiges als Vorbild benutzt, das
muß so zwangsläufig insgesamt schön gestaltet werden, wessen Form und Kraft
er jedoch gestaltet, indem er auf das Gewordene hinschaut und indem er ein
Gewordenes als Vorbild benutzt, das nicht schön.“ „Der ganze Himmel aber – oder die Welt oder welcher Name sonst
ihm dafür am meisten belieben mag – damit sei er von uns genannt -, von ihm
wir zuerst erwägen, was es am Anfang bei jedem zu erwägen gilt, ob er stets
war und keinen Anfang seines Entstehens [sic!] hat oder ob er, von einem
Anfang ausgehend geworden ist. Er ist geworden; denn er ist sichtbar und
bestastbar und im Besitz eines Körpers. Alles Derartige aber ist durch die
Sinne wahrnehmbar; das durch die Sinne Wahrnehmbare aber, das durch ein
Meinen in Verbindung mit Sinneswahrnehmung zu erfassen ist, erwies sich als
Werdendes und Erzeugtes; von dem Gewordenen aber behaupten wir ferner, daß
es notwendig aus einer Ursache hervorging.“ (Timaios
28b+c).. Diese Leistung Platons verändert auch die Konzeptionen anderer Philosophen und
Philosophien – wie etwa der Pythagoräer, deren stets auf das Sinnliche angewandte
Mathematik durch Platon in der Geometrie nun in einer abstrakten, „reinen“ Form
entwickelt wird. Den Erkenntnisprozeß betrachtet Platon als einen künstlerisch-schaffenden Prozeß.
|
| Nach Platon eröffnet der Versuch der Nachvollziehung dieser Schöpfung in
rekonstruierendem Denken dem Menschen Einblick in den Aufbau, in die
Konstruktionsgesetze der Natur. Erkenntnis wird damit in Analogie zum
künstlerischen Schaffensprozeß als eine Handlung verstanden – es ist eine alte
Vorstellung, daß der Mensch nur wirklich einzusehen und zu verstehen vermöge, was
er selbst produziert oder wenigstens reproduziert – wir „machen“ die Erfahrung
(Kant: „Erfahrung wird nicht empirisch
gegeben, sondern gemacht“); dies gilt hin bis zu den Naturgesetzen, von
denen Kant sagt: „Der Verstand ist selbst
[in formaler, nicht in materialer Hinsicht] der Quell der Gesetze der Natur“.
|
| Die Vorstellung vom System verdichtet sich bei Platon ganz wesentlich. Er verwendet eine Fülle von Begriffen, die das
zum Ausdruck bringen, wenn auch natürlich eine moderne Terminologie noch nicht
vorhanden ist. Der Begriff "Kosmos“ bedeutet Wohlgeordnetheit und damit untrennbar
verbunden Schönheit. Das Gegenteil ist das wirre und häßliche Chaos:
|
| „Indem nämlich der Gott wollte, daß
alles gut und nach Möglichkeit nichts schlecht sei, so nahm er also alles, was
sichtbar war und keine Ruhe hielt, sondern in ungehöriger und ordnungsloser
Bewegung war [das Chaos; im Alten Testament das Tohuwabohu], und führte es aus der Unordnung zur Ordnung, da ihm
dieser Zustand in jeder Beziehung besser schien als jener. |
| Aber dem Besten war es weder noch ist
es gestattet, etwas anderes als das Schönste zu tun. Indem er es überdachte,
fand er, daß unter dem seiner Natur nach Sichtbaren nichts Vernunftloses als
Ganzes je schöner sein werde als das mit Vernunft Begabte als Ganzes, daß aber
unmöglich ohne Seele etwas der Vernunft teilhaftig werden könne. Von dieser
Überlegung bewogen, gestaltete er das Weltall, indem er die Vernunft in der
Seele, die Seele aber im Körper schuf, um so das seiner Natur nach schönste und
beste Werk zu vollenden“122.
|
| Die Anwendung des Begriffes Kosmos auf das Universum, auf das Weltall
ist sekundär! Dem Ordnungs- und
Schönheitspostulat folgend ist Platons Kosmos ein allumfassendes, geschlossenes suisuffizientes und
autarkes System in Gestalt des perfektesten Körpers, nämlich der Kugel. Hier folgt
Platon einer Vorstellung des Parmenides, der das Sein mit einer Kugel verglichen hatte, die sich
gleichgewichtig und gleichartig in perfekter Symmetrie nach allen Richtungen
erstreckt. Platon vollendet dieses Bild, indem er hinzufügt, dass das Universum
weder Sinnes-, noch Ernährungs- oder Verdauungsorgane benötige, da es außerhalb
seiner nichts zu sehen, nichts zu hören, von außen nicht aufzunehmen und nach
außen nichts auszuscheiden gebe und auch keine Orte außerhalb seiner existierten;
es gebe nur einen Ort, nämlich den, an dem Universum selbstbezüglich in sich
kreise. Und: dieses System ist als vollkommenes System ewig und unveränderlich,
geschlossen in sich ruhend – der Gedanke einer
Veränderung, einer Entwicklung, einer Evolution hat hier keinen Platz. Die
einzige Bewegung ist die schon pythagoräische ewige Wiederkehr des Gleichen, wie
sie sich in den Bewegungen der Gestirne offenbart, deren als Kreise angenommene
Bahnen (auf den kugelförmigen Sphären, gewissermaßen in sich selbst) Ausdruck der
ewigen Schönheit und Vollendung sind.
|
| Ein vollständiges, umfassendes und logisch konsistentes
System muß – soll es erfaßt werden – notwendig in Teilsysteme zerlegt werden
können, die ausnahmslos und vollständig begrifflich erfaßbar sein müssen. Dafür
führt Platon zwei Kriterien an:
|
| 1 |
Die Erfüllung des dichotomischen Prinzips der Definition, wie
es im Baum des Porphyrios tradiert worden ist – eine trichotomische Gliederung würde
die Bedingungen nicht mehr erfüllen. Die Umsetzung dieses logischen Prinzips in
der Realität ist eine andere Frage (Hellenen – Nichthellenen = Barbaren
funktionierte noch; Kraniche und „Nicht-Kraniche“ geht nicht, es gibt keine
Vorstellung oder Idee "Nicht-Kranich" [Beispiel aus dem Politikos des Platon]);
ein klassisches Beispiel für das daraus resultierende Verfahren der Definition
im Wege der Deduktion ist (Link zu Beispiel eines
dichotomischen Baumes Substanz Sokrates)
|
| 2 |
Die Fundierung des Systems und seines Teiles in einem
letzten, notwendigen, zureichenden, d.h. absoluten Grunde. Gelingt dies nicht,
so bleibt das System ein System von Hypothesen123. Dieser
absolute Grund ist – das erkennt auch Platon bereits – nur im Wege der Negation feststellbar, wenn alle
endlichen Prädikate in ihrem Zutreffen zurückgewiesen, abgesprochen werden
können. Damit ist der zureichende Grund de facto aber nicht gewinnbar.
|
|
| Die bedeutendste Ausformung von Platons Denken und seinen Vorstellungen von der Welt und ihrer
systematische = wissenschaftlichen Untersuchung findet sich in seinem Spätwerk
„Timaios“. In diesem Dialog hat Platon – unter Heranziehung von bereits früher in
„Politeia“, „Phaidon“ und anderen Dialogen entwickelten Überlegungen – die erste
wissenschaftliche Konzeption der Natur entworfen und das Fundament für alle
weiteren wissenschaftlichen Naturerklärungen, alle weiteren Theorien gelegt;
insoferne ist Platon als einer der Begründer der Naturwissenschaften zu sehen.
Dementsprechend wurde auch „Timaios“ bis in die Neuzeit hinein für das Hauptwerk
Platons gehalten, und es entstand eine Vielzahl von Kommentaren zu diesem Dialog.
Der Text des „Timaios“ war bis in die Zeit der Übersetzungen hinein (12./13. Jh)
nur in einer unvollständigen Übersetzung Ciceros und weit häufiger noch des Calcidius (ca. 400 nChr)
überliefert. Ganz besondere Aufmerksamkeit widmete man diesem Werk in der
Renaissance (Marsilio Ficino, Giovanni Pico della Mirandola, Francesco Patrizi u.a.).
|
| Platon ist mit seinem systematischen Denken der Wegbereiter der
Prinzipien der Rationalität – der Anwendung von Vernunftsprinzipien allgemein –
und der Mathematizität als Anwendung der speziell mathematisch-rationalen
Prinzipien. In seinem Dialog „Politeia“ (VI 3.2) gibt er mit dem Liniengleichnis die Hierarchie der Erscheinungen und die in bezug
auf die Erscheinungen adäquaten Modi des Erkennens an. Auf dieses Gleichnis
folgt dann direkt das berühmte Höhlengleichnis.
|
| Auf Platon schon geht die Erkenntnis zurück, daß es hinsichtlich der
empirisch wahrnehmbaren Natur keine gewisse Erkenntnis, kein Wissen in einem
absoluten Sinne geben könne, sondern nur Aussagen von
Wahrscheinlichkeitscharakter.
|
| „Folgendes aber müssen wir ferner
[...] erwägen, nach welchem der Vorbilder sein
Werkmeistes es auferbaute, ob nach dem stets ebenso und in gleicher Weise
Beschaffenen oder nach dem Gewordenen. Ist aber diese Welt schön und ihr
Werkmeister gut, dann war offenbar sein Blick auf das Unvergängliche gerichtet;
ist sie aber[,] was auch nur auszusprechen frevelhaft wäre, dann war sein Blick
auf das Gewordene gerichtet. Jedem aber ist doch deutlich, daß er auf das
Unvergängliche gerichtet war, denn die Welt ist das Schönst unter dem
gewordenen, er [der Werkmeister, der Demiurgos] der beste unter den Ursachen. |
| So also entstanden, ist sie nach dem
durch Nachdenken und Vernunft zu Erfassenden und sich Gleichbleibenden
auferbaut. Das aber zugrunde gelegt, ist es ferner durchaus notwendig, daß diese
Welt von etwas ein Abbild sei. Das Wichtigste aber ist, bei allem von einem
naturgemäßen Anfang auszugehen.
In Hinsicht auf das Abbild nun und auf sein Vorbild
muß man folgende Unterscheidung treffen: daß die Reden, da sie eben dem, was sie
erläutern, auch verwandt sind, daß die, die sich also mit dem Beharrlichen,
Dauerhaften, auf dem Wege der Vernunft Erkennbaren befassen, beharrlich und
unveränderlich sind – soweit es möglich ist und es Reden zukommt, unwiderlegbar
und unbesiegbar zu sein, so darf man daran nichts vermissen lassen –, daß aber
die Reden, die sich mit dem befassen, was nach jenem gebildet ist und ein Abbild
ist, nur wahrscheinlich und jenem entsprechend sind. Wie das Sein zum Werden, so
verhält sich die Wahrheit zum Glauben. Wenn es uns also, Sokrates, in vielen
Dingen über vieles – wie die Götter und die Entstehung des Weltalls – nicht
gelingt, durchaus und durchgängig mit sich selbst übereinstimmende und genau
bestimmte Aussagen aufzustellen, so wundere dich nicht. Man muß vielmehr
zufrieden sein, wenn wir sie so wahrscheinlich wie irgendein anderer geben, wohl
eingedenk, daß mir, dem Aussagenden, und euch, meinen Richtern, eine menschliche
Natur zuteil ward, so daß es uns geziemt, indem wir die wahrscheinliche Rede
über diese Gegenstände annehmen, nicht mehr über diese hinaus zu suchen.“
(Timaios 29a-d)
|
| Ein präzises, sicheres Wissen
hinsichtlich der Natur erscheint ihm deshalb unmöglich, es gibt nur ein
wahrscheinliches, ein approximatives Wissen. Deutlich wird dabei, daß die
eigentliche Erkenntnis auf der Ebene des Vollkommen, des Unvergänglichen, der
Ideen zu suchen und (theoretisch wenigstens) zu gewinnen sei. Die Erkenntnis der
Natur vermag nur den Schein, das Spiegelbild der Wahrheit zu liefern124.
|
| Obgleich bereits Platon – und später auch Aristoteles – sich gezwungen sah, sich auf das Wahrscheinliche als das
maximal Erreichbare zurückzuziehen, ist dies in der Folge immer wieder übergangen
und sicheres, unabweislich beweisbares Wissen als Ziel der wissenschaftlichen
Bemühungen gefordert worden. Darin liegt das zentrale, bis in unsere Gegenwart
wesentliche Problem insbesondere der Geistes- und Sozialwissenschaften begründet;
weniger der Naturwissenschaften, weil diese im Geruche standen (und immer noch
stehen), auf Grund ihres in der (ursprünglich als unveränderlich gedachten) Natur
und damit außerhalb des Erkennenden gelegenen Objektes und der Anwendung
mathematischer Methoden gesichertes Wissen zu liefern.
|
| Platons Ideenlehre in ihrer strikten (von ihm selbst
vielleicht gar nicht vertretenen) Fassung ist nach dem Zeugnis des Aristoteles
bereits von seinem Neffen und Nachfolger als Leiter der Akademie, Speusipp, aufgegeben worden „aufgrund der
Schwierigkeiten, die diese Theorie seines Erachtens barg“ (Aristoteles)125. Speusipp hat das Absolute, das Platon in den Ideen gefunden zu haben
glaubte, mit der Mathematik identifiziert, was ihn in eine gewisse Nähe zu den
Pythagoräern brachte, die ja Platon schon stark beeinflusst hatten. Bezüglich der
Ideenlehre Platons bzw. hinsichtlich seiner Auffassung von Charakter und Wesen der
Ideen sind in der Folgezeit unterschiedliche Auffassungen entwickelt und auch
Platon zugeschrieben worden126.
|
|
|
| Im Gegensatz zu Platon hat sein Schüler Aristoteles der sinnlichen Erfahrung, der Empirie einen höheren
Stellenwert beigemessen und versucht, die Einzeldinge als Bausteine für das
Allgemeine zu bewerten und die Ideen nur als allgemeine Begriffe (und nicht als –
wie er es irrig interpretierte127 –
Realitäten im, wohl vermeintlichen, Sinne Platons) zu verstehen (Abb. Rafaael Die Philosophen von Athen128 Er geht dem Wirklichen nach, der empirischen
Erforschung der Erscheinungen der Natur in der genauen Beobachtung der
Einzelerscheinungen (Biologie), um zum Allgemeinen vorzustoßen, und hat auch
bewusst die induktive Methode akzeptiert. Ebenso befasst er sich mit den
menschlichen Einrichtungen in der Vergangenheit und Gegenwart129. Dies verdeutlicht auch ein Blick auf die
Titel der wichtigsten uns erhaltenen Schriften. (link: Werkverzeichnis des Aristoteles). Immer aber hat Aristoteles auch das Allgemeine, das Ganze im Auge behalten.
|
| Das in der Nachwelt gerne auf Gegensätzlichkeit hin akzentuierte
Verhältnis zwischen Platon und Aristoteles ist mit großer Vorsicht zu bewerten – in vieler Hinsicht ist
Aristoteles als Vollender des Werkes Platons zu sehen. Er hat allerdings auch selbst ganz bewußt viel zur
Differenzierung von seinem Lehrer Platon beigetragen, vielleicht auch nur des besseren Verstandenwerdens
willen.
|
| Ungeachtet diverser Irrtümer, die sich dank der außerordentlichen
Autorität des Aristoteles über viele Jahrhunderte, ja mitunter 2000 Jahre hindurch
fortpflanzten, ist Aristoteles der eigentliche Ahnherr der Wissenschaft der Neuzeit;
insoferne ist er wie Platon eine der wirkungsmächtigsten Persönlichkeiten der Weltgeschichte
überhaupt.
|
| Aristoteles, für den Wissenschaft ein geordneter System von Sätzen über
eine Gattung (d.h. ein Allgemeines, nicht ein Singulare) ist, hat sich bewußt um
die Gliederung des Wissensbereiches in Disziplinen bemüht und deren Legitimierung
betrieben, auch wenn er unter unterschiedlichen Fragestellungen mitunter
abweichende Gliederungen angegeben hat. Er versteht sich selbst als geschichtlich
handelnden Denker, wenn er sich systematisch mit den Gedankengängen seiner
Vorgänger auseinandersetzt (deshalb ist bei ihm so viel und für uns Wertvolles zur
Philosophiegeschichte überliefert) und versucht, die Summe zu ziehen. Seine
Vorgehensweise ist im wesentlichen:
|
| 1) |
Bestandsaufnahme der gängigen Auffassungen |
| 2) |
Problematisierung dieser Auffassungen, d.h. Aufdecken von
Unstimmigkeiten, ohne aber Meinungen zu eliminieren
|
| 3) |
Lösung der Problematik unter Berücksichtigung der gängigen
Auffassungen.
|
|
| Aristoteles versucht, ein geschlossenes, das gesamte griechische Denken
umfassendes System zu erstellen. In diesem Zusammenhang hat er mit der Abklärung
zentraler Begriffe wie Substanz, Essenz, Form, Materie, Subjekt, Substrat,
Aktualität, Potenzialität etc. ein begriffliches Instrumentarium zur Erschließung
der Realität und ihrer Struktur geschaffen, das scheinbar unvereinbare Ansichten
älterer Philosophen einbringt, trotz mancher Schwierigkeiten (vor allem
hinsichtlich der Kategorienlehre) sich bis weit in die Neuzeit hinein bewährt hat,
ja z.T. bis heute noch benützt wird. Im Unterschied zu Platon ist sein System flexibel und weit weniger dogmatisch; es sind
mehr die Formen denn die Inhalte.
|
| An manchen Problemen hat Aristoteles offenbar sein Leben lang gearbeitet, das hat zur dieser
Flexibilität wohl beigetragen. Es gibt bei ihm eklatante Widersprüche, und nicht
selten überläßt er es dem Leser, welche der angebotenen Lösungen er als die beste
betrachten will. Dabei ist allerdings zu bedenken, dass wir über keine
verlässliche Kenntnis hinsichtlich der Abfolge seiner Arbeiten verfügen.
|
| Wissen gibt es für Aristoteles nur dort, wo die primären Ursachen und Gründe erkannt
werden. Von Wissen ist zu sprechen, "wenn wir die
Ursache zu erkennen glauben, auf Grund derer die Sache ist, und wir erkennen,
daß es ihre Ursache ist". Systematisch hat Aristoteles in seiner Wissenschaftslehre Wesen und Methode der
wissenschaftlichen Erkenntnis analysiert. In seiner Zweiten Analytik (der Lehre
vom Beweis) vor allem hat er die Begriffe und die Struktur, den Beweischarakter
von Wisssenschaft diskutiert. Da Wissen für Aristoteles auf der Kenntnis von Ursachen beruht, muß wissenschaftliche
Erklärung den Charakter des Beweises haben.
|
| Wissenschaft ist für Aristoteles dadurch charakterisiert, daß sie von Ausgangspunkten
ausgeht, die ihrerseits nicht beweisbar sind („hinter die man nicht mehr gelangen
kann“), und daß sie von diesen Ausgangspunkten deduktiv zu anderen Wahrheiten
gelangt. Der Anspruch, die Wahrheit einer Aussage wissenschaftlich zu erfassen,
steht und fällt für Aristoteles damit, daß man in der Lage ist, den Satz aus Prämissen
abzuleiten, die ihrerseits wahr und notwendig sind und die den in Frage stehenden
Sachverhalt ursächlich erklären. Was nicht nach diesen Kriterien behandelt werden
kann, fällt nicht in den Bereich von Wissen in einem
engeren Sinne, darüber sind nur Wahrscheinlichkeitsaussagen möglich und mit
derartigen Sätzen beschäftigen sich Dialektik (= Logik) und Rhetorik.
|
| Aristoteles fordert damit, daß der Wissende nicht nur wisse, daß ein
bestimmter Sachverhalt bestehe, sondern auch, warum das der Fall ist – "Das Wissen des Daß und das Wissen des Warum
unterscheiden sich aber". Er definiert genauer: "Demnach kann das, was Gegenstand uneingeschränkten Wissens ist,
sich unmöglich anders verhalten". Dementsprechend sind Gegenstände
nicht-wirklichen Wissens dadurch charakterisiert, daß sie sich anders verhalten
können, womit den entsprechenden Aussagen nur
Wahrscheinlichkeitscharakter zukommt (z.B. Aussagen über historische
Ereignisse).
|
| Diese Vorstellungen, diese hohen Anforderungen an Wissenschaft (episteme, scientia) haben bis in die Neuzeit
hinein große Probleme aufgeworfen, heute formuliert etwa Andreas Graeser130
diesbezüglich, daß Aristoteles damit "Forderungen anmeldet,
die sich in der Sicht des heutigen Denkens wohl als übertrieben ausnehmen. Doch
steht Aristoteles mit seiner Vorliebe für ein striktes Verständnis von
wissenschaftlichem Wissen sicher nicht allein". Tatsächlich hat Aristoteles gegenüber dem Argument der Skeptiker, daß Wissen
genaugenommen unmöglich sei (denn es führe entweder zu einem unendlichen Regreß in
der Frage nach der tiefsten Ursache131 oder die ersten Ausgangspunkte blieben eben
unerkannt) mit dem Zugeständnis argumentiert, daß nicht alles Wissen beweisartig
sei, weil Wissen eben von Prinzipien ausgehe, die ihrerseits nicht beweisbar
sind.
|
| Platon hat die Welt als etwas Geschaffenes, Vollendetes, als ein Produkt
verstanden (natura naturata), Aristoteles hat sie als etwas Schaffendes, Wirkendes, Produzierendes,
als ein sich selber Erschaffendes und Bewirkendes, als einen Prozess aufgefaßt
(natura naturans). Als Empiriker nimmt Aristoteles die Natur als solche hin und läßt sie auf sich beruhen, will
sie nur erkunden und erklären – dem entsprechend hat man immer wieder
festgehalten, daß Aristoteles eigentlich keine Theorie der Natur, sondern nur eine Theorie
der natürlichen Dinge biete. Im Gegensatz zu Platon und seiner Statik vertritt Aristoteles eine eher dynamische und der Idee der Genese nicht
fernstehende und insbesondere dem Organischen verbundene Sicht. In gewisser
Hinsicht wird Aristoteles sogar als Urheber einer organischen Naturtheorie zu
betrachten sein – obgleich Platon den ganzen Kosmos als einen Organismus verstanden hat. Die
Vitalisten der Renaissance wie die Neovitalisten des 19. und 20. Jhs beriefen sich
auf Aristoteles.
|
| Von besonderem Interesse ist die peripatetische Dynamik, die von
Aristoteles begründete Bewegungslehre. Sie erweist, dass Aristoteles – obgleich er experimentiert hat – das Experiment in seiner
prinzipiellen und methodischen Bedeutung offenbar nicht erkannt und so
hinsichtlich der Bewegungslehre bis in das 17. Jh hinein wirksam irrige
Auffassungen vertreten hat, bezüglich derer ihm der alexandrinische Neuplatoniker
Johannes
Philoponos132 im 6. Jh in seinen
„Aristoteles physicorum libri“ vorhielt, dass sie „durch tatsächliche Beobachtung noch viel eindrucksvoller als durch verbale
Argumentation“ entkräftet würden. Dennoch war sich Aristoteles der Problematik des Forschungsvorganges sehr bewußt, wenn er
in seiner Zoologie in Zusammenhang mit den Bienen sagt: "Noch sind die Erscheinungen nicht hinreichend erforscht. Wenn sie
es aber dereinst sein werden, ist der Beobachtung mehr zu trauen als der
Spekulation [der theoretischen Erörterung]
und letzterer nur insoweit, als sie mit den Erscheinungen Übereinstimmendes
ergibt".
|
| In der Metaphysik hat Aristoteles die von ihm selbst Platon zugeschriebene (in der neueren Philosophiegeschichte in ihrer
Gültigkeit aber bestrittene ) Auffassung, daß die Ideen an und für sich und zwar
losgetrennt vom Einzelwesen, das ihnen nachgeformt ist, existierten, abgelehnt und
bekämpft. Aristoteles ist aber nicht Vertreter bzw. Urheber des Nominalismus, der
Platons Auffassung (universalia ante
rem) zurückwies und deklariert: unversalia
post rem. Aristoteles bezieht vielmehr die Position universalia in re.
|
| Gott ist bei Aristoteles ewige, stofflose Form. Die Welt war immer und wird immer
sein – es gibt keine Schöpfung! Aristoteles nimmt vier Elemente an, denen er den Äther (die quinta essentia) hinzufügt133. Die irdische Natur ist nach dem Prinzip der
Zweckmäßigkeit gestaltet und ist als die stufenweise Unterwerfung der Materie
unter die Form einer Stufenreihe lebendiger Wesen interpretierbar, die jeweils
nach ihrem spezifischen Maß an der Lebenskraft oder der Seele teilnehmen: die
Pflanzen nur in ihrer Bildungskraft, die Tiere bereits durch Empfindungen,
Begehren und Ortsbewegung; der Mensch zusätzlich noch durch die Vernunft, deren
Tätigkeit teils theoretisch, teils praktisch ist134.
Insoferne gibt es bei Aristoteles ansatzweise einen Entwicklungsgedanken, der auch in der
Zoologie geäußert wird. Aristoteles bleibt diesbezüglich aber weit hinter Empedokles zurück, der eine nahezu
darwinistische Theorie vertrat, daß die Tiere aus Zufall entstanden seien und in
ihrer gegenwärtigen Form eine Selektion der lebenstauglichsten darstellten.
|
| Eine Telologie, wie sie
in der jüdisch-christlichen Eschatologie eingebracht worden ist, eine Vorstellung,
daß alles seinen gottgewollten Sinn und Zweck habe, ist Platon fremd – sein Demiurg ist nicht letzter Zweck. Für Aristoteles liegt der letzte Grund, der oberste Zweck nicht im Kosmos
selbst, sondern außerhalb, im unbewegten Beweger, in der Gottheit – so wie ein
Heer nicht von selbst zustandekomme, sondern durch den Heerführer, so liege auch
die Ordnung des Kosmos nicht in diesem selbst. Der letzte Zweck ist reine energeia, d.h. vollendete, verwirklichte Form.
Der Zweck dieser Überlegungen, die Aristoteles nicht weiter ausführt, liegt wohl in der Aufrechterhaltung
des Zustandes des Kosmos, in der Erhaltung seiner Unveränderlichkeit und
Unvergänglichkeit. Insoferne handelt es sich nur um eine andere Variante zur
Erreichung desselben Zieles wie bei Platon.
|
| Es sollten sich diese Überlegungen jedoch in der Scholastik in
Zusammenhang mit der „Verchristlichung“ des Aristoteles als wesentliche Faktoren erweisen.
|
| Näher hat sich Aristoteles zwangsläufig mit der „Naturteleologie“ befaßt, nämlich mit der Frage, inwieweit im
Naturgeschehen eine Finalität – Zweckgerichtetheit – walte. Er wirft drei Fragen
auf:
|
| – |
Wenn es regnet und auf Grund dessen das Getreide wächst, ist
dies Zufall, Notwendigkeit oder Zweckgeschehen?
|
| – |
Wenn es regnet und das Korn verdirbt auf dem Dreschplatz, ist
dies Zufall oder Finalität?
|
| – |
Wenn sich die Kauorgane zur Zerkleinerung der Speisen
qualifizieren – Schneide- und Backenzähne nach jeweils ihrer Art – ist dies
Zufall oder Finalität? Seine Zoologie ist durch und durch finalistisch135.
|
|
| Aristoteles beantwortet diese Fragen – im Gegensatz zur Auffassung des
Empedokles – damit, daß man generalisierend sagen könne, daß alles in
der Natur regelmäßig erfolge, sei es, daß es stets und ausnahmslos so geschehe,
sei es, daß es zumeist, in der Regel, so erfolge, soferne nicht Hemmnisse
auftreten. Im organischen Bereich argumentiert Aristoteles damit, daß der Mensch immer Menschen zeuge, daß Ziel und
Ende des Entwicklungsprozesses, die ausgewachsene Gestalt, bereits zu Beginn der
Entwicklung latent vorhanden seien und den Prozeß steuerten.
|
| Aristoteles kennt den Begriff des Naturgesetzes noch nicht, gelangt hier
aber zu einer Art Strukturerkenntnis mit Gesetzescharakter; als Legitimation dafür
nimmt er ein Zweckprinzip an. Damit wird auch bei ihm, wie bei Platon, die Natur als ein einziges komplexes Kunstwerk betrachtet; mehr
als Platon aber vertritt Aristoteles die Wechselbeziehung zwischen Natur und artifiziellem
menschlichen Kunstwerk: ein Kunstwerk sei umso perfekter, je mehr es der Natur
gleiche, nahekomme. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, daß Aristoteles das Verhältnis zwischen strikter Befolgung des Zweckprinzips
und zufallsbedingten Abweichungen davon in absteigender Folge zu den niedrigen
Regionen verschiebt: am Himmel, im coelestischen Bereich gebe es keinen Zufall,
hier verlaufe alles absolut und strengstens nach der vorgegebenen Gesetzmäßigkeit,
je weiter man in dieser Hierachie hinuntergehe, desto höher werde der Anteil des
Zufälligen. Insoferne gibt es bei Aristoteles eine universelle kosmologische Teleologie, die allerdings
als eine rein strukturbezogene, nicht als eine Teleologie im eschatologischen
Sinne zu verstehen ist.
|
| In Zusammenhang mit den teleologischen Vorstellungen ist einerseits
des Aristoteles
Lehre von der Zweckursache zu sehen – die
Vorstellung, daß der Materie, den Organismen ein bestimmter Zweck innewohne, der
sie ihre Ziele erreichen läßt, indem er bestimmte Ausformungen bewirkt
(Körperteile, Zähne, Krallen etc. – der Vogel hat Flügel, um zu fliegen), d.h.
alle Anlagen sind a priori gegeben. Diese
Vorstellungen haben den Gedanken einer Evolution und der natürlichen Auslese lange
verhindert. Andererseits hängt mit diesen Frage auch die Frage des Zufalls zusammen: Aristoteles hat sich als erster Philosoph um eine theoretische Analyse
des Zufalls bemüht. Er versucht, auch den Zufall als eine Ursache zu fassen.
Zufall ist bei ihm letztlich eine Art Störung der Verfolgung, der Erfüllung des
Zweckprinzips; er ist deshalb eben nur im sublunaren Bereich möglich. Sogar der
Zufall setzt das Zweckprinzip voraus: denn nur vor seinem Hintergrund ist er als
Zufall verständlich – Zufall an sich ist aber, da als
solcher einmalig und wider Gesetz und Regel, unverständlich, denn nur das,
was ausnahmslos oder in der Regel gültig sei, könne durch den Logos erfaßt werden.
– Die Frage eines „objektiven Zufalls“ ist heute eines der wichtigen Themen der
Quantenphysik.
|
| Platon und Aristoteles haben wesentlich und konstituierend die Fragen von
Wissenschaft erarbeitet. Beide, Aristoteles insbesondere in der Entwicklung der Naturwissenschaft,
nehmen eine zentrale und über Jahrhunderte, ja fast zwei Jahrtausende hin
beherrschende Stellung ein. Er hat zusammengefaßt, was vor ihm entdeckt und
gedacht worden ist, und hat es unter den Aspekten der Logik wie weitgehend auch
der Empirie behandelt. Vielen Wissenschaftsbereichen, die sich noch nicht – wie
etwa bereits die Mathematik und die Astronomie – herauskristallisiert hatten, hat
er zum Durchbruch verholfen; dies gilt ganz besonders von der Zoologie. Das Verfahren des Klassifizierens, also der Erstellung
einer kausal/logisch gedachten Ordnung auf Grund vergleichender Beobachtung, ist
von ihm eingeführt worden.
|
| Trotz seiner gewaltigen Leistung als Philosoph und Logiker liegt136 das Schwergewicht seiner wissenschaftlichen Arbeit im
Bereich der Naturwissenschaften. Hier hat er systematisch und mit unerhörtem Fleiß
zu allen Themen gearbeitet, von der Kosmologie bis zur Beschreibung der kleinsten
Tiere und Pflanzen. Er hat gesammelt und systematisiert; er organisierte wohl als
erster einen systematischen Forschungsprozeß im Teamwork, indem er seine Schüler
mit Teilgebieten beauftragte und in ihrer Arbeit überwachte. Sein Lyzeum kann als
Prototyp des „Forschungsinstituts“ betrachtet werden, weit mehr als die Akademie
Platons.
|
| Die Bedeutung des Aristoteles kann kaum überschätzt
werden. Er stellte durch Jahrhunderte eine nicht anzuzweifelnde Autorität
zeitweise nahezu göttlichen Ranges dar. An manchen Details seiner Zoologie hat man
unbeirrt festgehalten, auch wenn sie in mitunter grotesker Weise falsch waren.
Dies blockierte langehin die naturwissenschaftliche Forschung, die deshalb
groteskerweise zeitweise zu einem Kampf gegen ihn und seine Lehre wird137; erst die Kritik und Loslösung von Aristoteles bringt wieder echten Fortschritt; dies geschieht
wirksamerweise jedoch erst im 17. und 18. Jh. Dass man über die Zeit hinaus so
starr an seinen Lehren festgehalten hat, ist aber nicht sein Verschulden, sondern
jener, die es so hielten. Wenn auch zu Ende des Mittelalters die Reaktion gegen
ihn – oder besser gegen seine Auslegung unter dem Einfluss des Averroes und anderer seiner Kommentatoren im Mittelalter – einsetzt, die
sich in der Neuzeit maßgeblich verstärkt, als man sich um eine Erklärung der Natur
aus rein mechanischen Prinzipien heraus bemüht, so haben doch diejenigen, die
seine Schriften wirklich gelesen haben – wie etwa Ramus, Cuvier und andere – bei aller sinnvollen respektvollen Kritik seine
Bedeutung in spezifischer wissenschaftlicher (nicht nur philosophischer) Hinsicht
anerkannt.
|
| In Zusammenwirken mit der Lehre Platons hat das Wirken des Aristoteles die Fundamente des systematischen Denkens gelegt und ist bis
heute wirksam. Eine Wissenschaftsauffassung ohne Platon und ohne Aristoteles
ist überhaupt nicht vorstellbar. Alle je
vorgebrachte Kritik und Erweiterung ist Reaktion darauf und insoferne auch Folge
des Kritisierten. Insoferne sind Platon und Aristoteles, indem sie unser Denken prägten, wohl weit über alle
Herrschergestalten hinaus die wirkungsmächtigsten Einzelpersonen der
Weltgeschichte138.
|
| Die Lehren des Aristoteles sind – ähnlich wie die Platons – durch Schüler fortgeführt worden; vor allem ist die
peripateische Schule durch des Aristoteles Enkelschüler (über Theophrast) Demetrios
von Phaleron nach Alexandreia übertragen worden. Sie sind weit weniger
stark als die Platons wiederbelebt und umgeformt worden, weil ja zahlreiche
Lehrschriften vorhanden waren, die das verhinderten und eine naturgemäß
konservierende Kontinuität bewirkten. Platon hat erst im Wege des paganen Neuplatonismus und dann später als
von Augustinus gewissermaßen für das Christentum adoptierter Philosoph
mehrere Renaissancen erlebt (s.w.u.)
|
| Allerdings ist Aristoteles, wie bereits erwähnt, im Früchristentum durch Platon überlagert worden, gleichwohl waren aber seine exoterischen
Schriften (link Werkverzeichnis) den
christlichen Philosophen mehr oder weniger durchgehend – freilich in sehr
wechselnder Qualität – bekannt; abgelehnt wurden die esoterischen oder
akroamatischen Schriften. Im islamischen Bereich wird Aristoteles neben Platon erst in unzulänglicher Fassung und mit Platon vermengt rezipiert und später in zeitweise geradezu heiligmäßiger
Verehrung kommentiert wird; über den muslimischen Bereich vollzieht sich dann ja
auch die Rezipierung des Aristoteles im christlichen Europa (wo man zuvor nur die logischen
Schriften des Organons in Gestalt der sogenannten „Logica vetus“ gekannt hatte),
die zur für das Abendland schicksalsbestimmenden Akzeptierung der ratio und zu seiner weithin uneingeschränkten
Dominanz im Wege der aristotelisch-thomistischen Schulphilosophie führt, die im
katholischen Bereich erst im 18. Jh durch den Rationalismus zurückgedrängt
wird.
|
| Auf Grund des vielschichtigen Rezipierungsprozesses ist mit
Aristoteles ein großes Problem verbunden: nämlich die in wesentlichen
Punkten offene Frage, was er wirklich gelehrt, was er wirklich vertreten habe.
Dies betrifft vor allem jene Bereiche, zu denen sich Aristoteles in verschiedenen Teilen seines Gesamtwerkes geäußert hat.
Wir wissen nicht,
|
| – |
in welcher Abfolge diese Äußerungen zu sehen und damit zu
interpretieren sind, wobei immer wieder unvorsichtigerweise vorausgesetzt wird,
dass diese (über einen größeren Zeitraum mit einer inneren Entwicklung
verstreuten) Aussagen in ein in sich stimmiges und logisch begründbares System
sich fügen müssten,
|
| – |
wir wissen nicht wirklich, inwieweit der Text nun wirklich
wortwörtlich von Aristoteles stammt (oder einem Schüler),
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| – |
inwieweit kardinale Passagen Ergebnisse von uns nicht mehr
überlieferten Abschreibe- Übersetzungs- oder Emendationsvorgängen sind.
|
|
| Das Problem, das sich bereits im Spätmittelalter ergab,
stellt sich heute noch: welcher Text ist der „wirkliche Aristoteles“? Die
Diskussion z.B. über die Aussagen des Aristoteles zur Ortsbewegung und damit über die Herkunft der sogenannten
„peripatetischen Dynamik“, wie sie 2006 neu eröffnet worden ist, zeigt wieder,
welche inhaltsverändernde Kraft fast unmerklichen Geringfügigkeiten der Wortwahl
innewohnt, und dass vemutlich die in der Wissenschaftsgeschichte bis heute
vorherrschenden Annahmen bezüglich der Kinematik unzutreffend sind, weil sie
lediglich ein auf der Aristoteles-Rezeption des Duns
Scotus und des Wilhelm von
Ockham beruhendes Konstrukt der Scholastik sind139. Ähnlich verhält es sich mit
der Scientia-Definition, wie sie im 16. Jh der Wissenschaftsentwicklung in der
Neuzeit zugrundegelegt worden ist und die prägende Differenzierung der
Naturwissenschaften wie der Geisteswissenschaften zur Folge gehabt hat.
|
| Mit Aristoteles war der absolute Höhepunk der antiken Philosophie erreicht,
soweit es die Wissenschaftslehre anlangt.
|
| Verschiedentlich hat man den Niedergang in der Wissenschaft mit dem
Ausgang des Hellenismus mit dem Erstarken des Skeptizismus, einer
deterministisch-gesetzlichen Weltsicht sowie mit Epikureismus und Mystik in
Verbindung gebracht – mit Strömungen also, die sich der Meinungsbildung enthielten
und weniger dem Erkenntnisstreben nachgingen als Problemen der Ethik und der Frage
des Glücks im Sinne des höchsten Gutes.
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| Die wichtigsten Philosophen-Schulen im Hellenismus sind: |
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| begründet von Zenon von Kition140 – Schüler auch eines Akademikers und beeinflußt
von Aristoteles. Zenon von Kition gründete um 300 in der Stoa poikile141 in Athen eine dritte Philosophenschule. Die Stoa hat
große Bedeutung für die Fortführung der aristotelischen Logik sowie für
Entwicklung der Philologie; sie entfaltete ihren Einfluß vor allem in Pergamon,
weniger in Alexandria. Hinsichtlich der Wissenschaftslehre vertritt man die
Ansicht, daß alles Wissen aus der sinnlichen Wahrnehmung hervorgehe. Die Seele sei
an sich leer und werde erst durch die Sinne "beschrieben" (Vorstufe zum
Sensualismus). Die menschliche Seele ist Ausfluß der Gottheit und steht mit dieser
in Wechselbeziehung. Die Annahme eines starken, mitunter totalen Determinismus, ja
Fatalismus, erzwingt die Erarbeitung einer Theodizee (wenn alles nach dem Willen
der Gottheit sich gestaltet, warum gibt es das Böse?). Tugend Pflichterfüllung,
Staat als menschliche Gemeinschaft, Sittlichkeit sind die beherrschenden Themen.
Die Stoa begründet die Dreiteilung der Philosophie in die untrennbar mit einander
verknüpften Teilbereiche Logik-Ethik-Physik (stoische Triade); die Logik wird
weiter unterteilt in Dialektik und Rhetorik, die Dialektik wiederum in semainon = das Bezeichnende (= Stimme) und semainomenon (= das Bezeichnete = Bedeutung).
Die Stoa wird heute in drei Phasen gesehen: alte, mittlere und kaiserzeitliche
Stoa.
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| begründet um 305 von Epikur, der von Demokrit beeinflußt war und auch an der Akademie gehört hatte. Ziel
dieser Philosophie ist die Erwerbung der Glückseligkeit. Logik, Dialektik sind
entbehrlich, Gefühle sind die Kriterien für das, was man erstreben solle oder
nicht. Es werden u.a. die Pflege der Freundschaft und das Fernhalten vom
Staatsleben empfohlen.
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| Eine unter den Aspekten der Wissenschaftsbetrachtung sehr
erhebliche Wirkung entfalteten die Skeptiker,
hinsichtlich derer drei Schulen zu unterscheiden sind: jene des Pyrrhon
von
Elis zur Zeit Alexanders dG, jene
der Skeptiker der mittleren und neueren Akademie (z.B. Marcus Terrentius Varro und Cicero) und die späteren an Pyrrhon anknüpfenden Skeptiker.
Pyrrhon geht von Demokrit und vom Skeptizismus und Relativismus der Sophisten aus:
Erkenntnis ist letztlich unmöglich, wir müssen uns jeglichen Urteils enthalten.
Gleichgültigkeit und Gleichmut sind gefordert. Pyrrhon erlebt im
radikalen Skeptizismus des ausgehenden 17. und 18. Jhs eine Renaissance
(„Pyrrhonismus“).
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| vereinigen in eklektizistischer Weise die alte
pythagoräische Philosophie mit einer Fülle neuerer Auffassungen, vor allem aber
mit Zahlenmystik, Mystik und Wunderglauben, Offenbarungsglauben, hermetische
Literatur, Orakel etc. U.a. wird eine Harmonisierung von Pythagoras und Platon angestrebt. Sie übten noch in der Frühen Neuzeit starken Einfluss
aus.
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| Entfaltet sich vor allem im 1. Jh nChr. Tonangebend ist
u.a. Plutarch
von
Chaironea. Es kommt zu einer raschen Zunahme des religiösen Elements und
zur Verbindung hin zum Pythagoräsimus. Ein führende Vertreter des Platonismus um
Christi Geburt ist der jüdisch-hellenistische Philosoph Philon
von Alexandria (1. Jh nChr); er stellt
die Philosophen-Genealogie Moses–Pythagoras–Platon auf und erklärt die
Widersprüchlichkeiten in den Büchern Mosis des Alten Testaments „als Zeichen für den verständigen Leser, um diesen auf die wahre
hinter dem Text liegende Bedeutung hinzuweisen“142, womit die Lehre vom mehrfachen Schriftsinn zum Tragen
kommt143.
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| Der Neuplatonismus wird zurückgeführt auf Ammonios Sakkas (175-242 in
Alexandreia), der nur über seinen Schüler Plotin (203-269) aus Assuan
fortgewirkt hat, der später zumeist in Rom lebte; diese Richtung übt bis in das
6., in Alexandreia bis in das 7. Jh großen Einfluss aus, indem sie einen großen
Teil der philosophischen Richtungen des griechischen Altertums in sich vereinigt,
andere aber einfach verdrängt. Der Neuplatonismus will zwar reiner Platonismus
sein, ist aber tatsächlich eine Synthese der griechischen Philosophie mit
mystischen, orientalisch-religiösen Elementen. Es werden drei Schulen
unterschieden:
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| – |
metaphysisch-spekulative Richtung: Plotin, Porphyrios, Simplikios etc.
|
| – |
religiös-theurgische Richtung |
| – |
gelehrte Richtung mit Hypatia in Alexandreia und Martianus Capella sowie Boethius im Westen; die gelehrte Richtung
zeichnet sich durch Zurückhaltung gegenüber den nicht ursprünglich platonischen
Elementen aus. Capella und Boethius sind wichtige Figuren am Übergang
zum abendländischen Mittelalter ("Boethius, der letzte Römer und erste
Scholastiker"). Des Boethius „De consolatione philosophiae“ vermittelt
eklektizistischen Platonismus und Einfluß des Aristoteles, bei Boethius fällt
die höchste Gottheit (anders als bei Platon) mit dem Weltenschöpfer zusammen, also durchaus im Sinne des
Christentums; Boethius war unzweifelhaft Christ, es gibt von ihm auch
theologische Schriften), Gott ist wie bei Aristoteles Unbewegter Beweger, primum mobile.
|
|
| Die metaphysisch-spekulative Richtung unter Führung des
Plotin hat wie keine andere Philosophe des Altertums außer Platon und Aristoteles Anerkennung und Nachfolge bis in die Neuzeit erfahren144. Plotin unterschied wie Platon Übersinnliches und Sinnliches; das Übersinnliche aber erscheint
ihm dreistufig gegliedert145. Der Neuplatonismus ist die philosophische
Brücke nicht nur in in das lateinisch-christliche, sondern auch in das
byzantinische und arabische Mittelalter.
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|
|
| Porphyrios, ein Schüler des Plotin, ist weniger als Philosoph denn als Gelehrter und insbesondere
wegen seiner Einleitung zur Kategorienlehre des Aristoteles, der „Eisagoge“, eine sehr bedeutende Einzelperson. Unter
seinen 77 Schriften findet sich die unerhört weit verbreitete und wirkungsmächtige
um 270 verfasste Eisagoge (auch als „Quinque voces“ zitiert), "die durch ihren dauernden
Gebrauch im späten Altertum wie im orientalischen, byzantinischen und
abendländischen Mitttelalter eine weltgeschichtliche Bedeutung erlangt
hat"146. Diese
unerhörte Bedeutung der Eisagoge liegt darin, daß von ihr die Diskussion des
Universalienproblems ausging147.
Diese Schrift, die als Aristoteles–Kommentar zu zählen ist, ist mehrfach ins Lateinische (u.a.
von Boethius), Syrische, Arabische und Armenische übersetzt und ihrerseits
vielfach kommentiert worden. In der Eisagoge wird die Affinität der Neuplatoniker
gegenüber Aristoteles deutlich: man war bestrebt, die (z.T. vermeintliche) Kluft
zwischen diesen beiden Philosophen zu schließen (ganz besonders hat sich dabei
Simplikios (um 500 in Athen) hervorgetan). Porphyrios nimmt überhaupt in der Überlieferungsgeschichte des
Aristoteles eine nicht unbedeutende Stellung ein; bis heute wird die Eisagoge in
den Druckausgaben als Einleitung der Kategorienlehre des Aristoteles vorangestellt. Porphyrios ist darüber hinaus – ohne selbst Christ zu sein – der
Schöpfer des trinitarischen Gottesbegriffes, der die Kirchenväter grundlegend
beeinflusst hat.
|
| Für die Rezipierung von Wissenschaft und für die
Koordinierung von Wissenschaft und Theologie im christlichen Mittelalter, aber
auch für die Rezipierung in der arabischen Welt sind die späteren Schulen und vor
allem die Wiederbelebung des Platonismus im Wege des Neuplationismus Plotins von großer Bedeutung. Auch im Mittelalter war man bestrebt, die
Differenzen zwischen Platon und Aristoteles auszugleichen, ja Aristoteles so zu interpretieren, daß man ihn als Fortsetzer Platons verstehen konnte – eine Linie, die offenbar mitunter auch heute
noch in der Philosophiegeschichte verfolgt wird.
|
|
|
|
|
| „Philosophie“ ist ursprünglich der Überbegriff, unter dem
alle Wissenschaften in unserem Sinne, die ja aus der Philosophie abgeleitet werden,
begriffen wurden. Dieser Sprachgebrauch findet sich noch im 18. Jh, wenn von den
„philosophischen Studien“ als Organisationsstruktur an den Universitäten die Rede
ist, die die späteren Geistes- und Naturwissenschaften umfasst, und diese in der
Aufklärung dem System wissenschaftlicher Erkenntnisarbeit angepasst wird. Erst im
Zusammenhang mit dem wissenschaftlichen Differenzierungs- und mehr noch
Spezialisierungsprozess wird mit der Zunahme der Distanz zum ursprünglichen Kern des
Ganzen der Gebrauch des Begriffes „Philosophie“ mehr und mehr im heutigen Sinne auf
den Kern eingeschränkt.
|
| Platon gliederte die Philosophie – wie von seinem Schüler Xenokrates überliefert wird – in:
|
| Dialektik = Reine Begriffe = begriffliche Erkenntnis |
| Physik = Sinnlich-empirische Wahrnehmungen = sinnliche Wahrnehmung |
| Ethik = Äußerungen d. menschl. Willens u. Handelns = Wille und
Begehren
|
| Für die Wächter des Staates hat Platon in „Politeia“ ein
Ausbildungskonzept entworfen. Dieses sah vor:
|
| Gymnastik; Musik (Lesen, Schreiben, Literatur, Musik) |
| Mathematik (Arithmetik, Geometrie, Astronomie) |
| Dialektik (zu ihr sollten nur die besten zugelassen werden). |
| Zenon von Kition in der Stoa und nach ihm Epikur gliedern ähnlich wie Platon in die Triade Physik–Logik–Ethik.
|
| Aristoteles hat keine Systematik hinterlassen; aus seinen Werken läßt sich
aber in etwa folgende Systematik erschließen:
|
| – |
Analytik = Organon – Logik |
| – |
Rhetorik |
| – |
Theoretische (kontemplative) Philosophie |
| – |
Mathematik |
| – |
Physik = Wissenschaft von der unbelebten und der belebten Natur
inkl. Medizin = Zweite Philosophie
|
| – |
Metaphysik = Lehre von den ersten Ursprüngen und vom Wesen des
Seienden = Erste Philosophie |
| – |
Praktische Philosophie = Dritte
Philosophie (Ethik, Politik, Ökonomik)
|
| – |
Schöpferische Philosophie (Poetik – Poesie, Musik, Sonstige
Kunstarten)
|
| – |
(Nützliche Künste = Technik, Handwerk) |
|
| Dieses Modell hat bis weit in die Neuzeit hinein großen
Einfluß ausgeübt.
|
|
|
| Es war ein bedeutender Schritt, dass in der griechischen
Philosophie die exakte Begriffsbestimmung als unentbehrliches Hilfsmittel für
wissenschaftlich beweisende Aussagen eingeführt wird; ein wesentlicher Teil der
frühen Philosophie besteht im Definieren. In den zahlreichen Definition werden
jeweils die im Zuge der Definition neu verwendeten Begriffe ihrerseits definiert,
und so entsteht ein in sich schlüssiges Gebäude von tragfähigen Sätzen.
|
| Platon demonstriert die systematische Erstellung einer Definition durch
dichotomische Deduktion von einem Überbegriff und schließt sein Beispiel, die
Angelfischerei (Link) folgendermaßen ab: "Nun also
sind wir von der Angelfischerei nicht nur über den Namen einig, sondern haben auch
die Erklärung über die Sache selbst zur Genüge
erlangt". Hier schwingt die Auffassung mit, dass der Name, die Benennung, das
Wesen des Bezeichneten ausdrückt. Die größte Wirkung hat dieses dichotomische Schema
erlangt in der Form, in der es der Neuplatoniker Porphyrios
von
Tyros (s.o.) bzw. seine Nachfolger präsentierten; es ist dieses Schema
deshalb auch als „Baum des Prophyrios“ bekannt.
|
| Platon und Aristoteles definieren eine Fülle von Begriffen. In den Begriff „Wort“
führt Aristoteles folgendermaßen ein: "Jedes ohne
Verbindung gesprochene Wort bezeichnet entweder eine Substanz oder eine Größe oder
eine Qualität oder eine Relation oder ein Wo oder ein Wann oder eine Lage oder ein
Haben oder ein Wirken oder ein Leiden“. Für die Unterscheidung zwischen
zusammenhängender und nicht-zusammenhängender Größe ist der Begriff der Grenze
notwendig: „Eine Grenze ist das, worin etwas endigt,
Grenze wird das Äußerst von jedem Ding genannt, außerhalb dessen zuerst nichts
mehr von ihm angetroffen wird, innerhalb dessen zuerst alles liegt". Euklid beginnt seine Geometrie mit den seinen Überlegungen
zugrundegelegten Definitionen und Axiomen.
|
| Das Definieren ist als die Festlegung von Begriffen die Grundlage für
eine systematische wissenschaftliche Diskussion und Kommunikation und stellt damit
einen die Entwicklung systematischer Arbeit konstituierenden Schritt dar148.
|
|
|
| Bei den Griechen ist erkennbar, daß sie die Natur als einer allgemeinen Gesetzmäßigkeit unterworfen
betrachten – so wie die Sonne unweigerlich jeden Tag aufgeht, rinnt das
Wasser nicht bergauf. Die Irregularität der Einzelerscheinungen – daß kein Tag wie
der andere ist, der Wind anscheinend völlig unabschätzbar weht – wird nicht von
allen akzeptiert, sondern zum Gegenstand der Untersuchung gemacht. Dies ist im
Grunde genommen der Beginn dessen, was wir als Naturwissenschaften bezeichnen.
|
| Heraklit (um 500) postuliert "Gesetzmäßigkeiten, unfehlbare Sicherheiten, immer
gleiche Bahnen des Rechtes, hinter allen Überschreitungen der Gesetze richtende
Erinyen, die ganze Welt ein Schauspiel einer waltenden Gerechtigkeit und dämonisch
allgegenwärtiger, ihrem Dienste untergebener Naturkräfte [...] Diese Weltordnung, dieselbige für alle Wesen, schuf
weder einer der Götter noch der Menschen, sondern sie war immer und ist und wird
sein ewig lebendiges Feuer, erglimmen nach Maßen und löschen nach Maßen"149.
Diesen allgemeinen Naturgesetzen entsprechend die
Welt zu verstehen, ist nun die Aufgabe der Philosophie. Die Astronomie als
die große, erstentstehende Naturwissenschaft ist darin Vorbild, denn sie erweist die
Gesetzmäßigkeit der großen Bewegungen in der Natur in beeindruckendster Weise.
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| Die Vorstellung von der allgemein gültigen Gesetzmäßigkeit kommt auch
in der griechischen Tragödie zum Ausdruck, die von der Unabänderlichkeit des
Schicksals, also ebenfalls dem Gesetz, beherrscht ist.
|
|
|
| Die Logik ist die Lehre von den allgemeinen Gesetzen des
Denkens, vom richtigen, zur Erkenntnis der Wahrheit führenden Denken. Die Logik
überprüft wissenschaftliche Sätze nicht auf ihre inhaltliche Richtigkeit, sondern
lediglich auf ihre Korrektheit und Schlüssigkeit hinsichtlich ihrer Aussagen im
Verhältnis zu den vorangegangenen Sätzen. Die Logik ist eine Formalwissenschaft wie
die Mathematik.
|
| Sie wird im Verlaufe der Zeit unterschiedlich benannt: Dialektik heißt
sie bei Platon, dem sie zur Analyse und zur Synthese von Begriffen dient – aus der
Diskussion gegenteiliger Meinungen erarbeitet er eine Theorie des Wissens – und im
weiteren zur Erfassung, zum Begreifen der Ideen; sie ist hier primär eine Technik
der Argumentation.
|
| Bei Aristoteles tritt der Begriff „logikos“ auf, der dann von Cicero und anderen aufgegriffen wird. Bei Aristoteles wird die Frage der Instrumentalisierung diskutiert: Logik als
Instrument, als Handwerkszeug (= Organon150) für alle Wissenschaft
und nicht nur ein spezifischer, innerhalb der Philosophie oder neben ihr
abgrenzbarer Bereich. Die Vorstellung von der Instrumentalisierung wurde auf
Grundlage des Aristoteles im Hellenismus ausgeformt und in der Neuzeit vor allem
durch Zabarella vertreten. Die Dialektik im Sinne Platons ist bei Aristoteles der ursprünglichste Teil der Logik (enthalten in der Topik); während sie anfangs deshalb ganz am Anfang
steht, wird sie im Organon später an das Ende gerückt. Klassisch der Beginn der
„Ersten Analytik“ im Organon:
|
| „Zuerst müssen wir angeben, welchem
Gegenstande die Untersuchung gilt und wessen Sache es ist, daß sie nämlich dem
Beweise gilt und Sache der beweisenden Wissenschaft ist; dann müssen wir
bestimmen, was ein Satz ist, was ein Begriff und was ein Schluß, und welcher
Schluß vollkommen und welcher unvollkommen ist; hernach, was es heißt, daß dieses
in diesem als Ganzes ist oder nicht ist, und was wir damit meinen, wenn wir sagen,
daß etwas von jedem oder von keinem ausgesagt wird. – Ein Satz ist eine Rede, die
etwas von etwas bejaht oder verneint. Sie ist entweder allgemein oder partikulär
oder unbestimmt. Allgemein nenne ich sie, wenn etwas jedem oder keinem zukommt,
partikulär, wenn es irgendeinem oder irgendeinem nicht oder nicht jedem zukommt,
unbestimmt, wenn die Rede etwas zukommen oder nicht zukommen läßt, ohne den Zusatz
allgemein oder partikulär [...]“.
|
| Bei den Epikuräern wird der Begriff „Kanonik“ – kanones – verwendet; Cicero verwendet auch die Wendung medicina
mentis, der in der Neuzeit durch Tschirnhaus und andere herangezogen wird; die Jesuiten sprechen von der
directio mentis.
|
| Im frühen Mittelalter ist die begriffliche Differenzierung
verlorengegangen: als Logik bezeichnet man vielfach auch ein Gemenge aus grammatica, rhetorica und dialectica. Bis um 1500 wird dafür den Oberbegriff „dialectica“ verwendet. Im Prinzip ist die
Dialektik bzw. die Logik im Mittelalter die ars
disserendi oder ars discernendi verum a
falso. Später, aber doch auch schon bei Thomas von
Aquin, wird die Dialektik als jener Teil der Logik verstanden, in dem aus
Probablem (Wahrscheinlichem) geschlossen wird, weshalb sie auch als ars dubitandi definiert wird bzw. als dualis sermo qui fit inter opponentem et
respondentem, womit die Dialektik als scientia
bene disputandi erscheint. – Anders
verhält es sich bei Ockham, der sich stets auf die („reine“) logica, die Logik an sich, bezieht. Durch den humanistischen Rekurs auf
Cicero kommt es allerdings wieder zu einer Gleichsetzung von Logik und
Dialektik.
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| Die Logik wird früh als Mittel des menschlichen Verstandes
aufgefaßt und nicht als ein objektiv vorgefundenes Sachwissen. Ähnlich wie in
anderen Bereichen erhebt sich auch hier die Frage, ob es sich bei der Logik um eine
techne / ars oder um eine episteme / scientia handle. Aristoteles selbst hat sich dazu –
vermutlich absichtlich – nicht geäußert. Petrus
Hispanus sagt in seinen wichtigen Summulae
Logicales (um 1230): „dialectica [logica]
est ars artium et scientia scientiarum ad omnium
methodorum principia viam habens“. Albertus
Magnus verhält sich eher neutral, wenn er meint:“ quidam antiquorum logicam nullam esse scientiam contenderunt,
dicentes non posse esse scientiam id quod est omnis scientiae sive doctrinae
modus – einige der Alten vertraten die Ansicht, daß das, was Verfahren jeder
Wissenschaft oder Lehre sei, selbst nicht Wissenschaft sein könne. Daraus resultiert
die Frage, ob Logik eine Wissenschaft sei oder nicht.
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| Philosophia rationalis (=
Vernunftlehre) heißt die Logik in der Neuzeit, wenn sie von der Ethik (philosophia moralis) und der Naturlehre (philosophia naturalis) abgegrenzt wird, wie dies
in der stoischen Triade der Fall ist: logikon–
physikon –
ethikon. |
| Sokrates, Platon und dann vor allem Aristoteles haben ein komplexes System von logischen Schlüssen erarbeitet.
Die Logik des Aristoteles, wie sie unter dem Titel Organon (= Werkzeug zum richtigen Denken) zusammengefasst ist, ist erst im
19. Jh – nach mehr als 2200 Jahren unveränderten Bestehens!!! – durch George Boole
(1815-1864), Augustus de Morgan (1806 – 1871) und vor allem durch Gottlob Frege
(1848-1925) erweitert worden – dementsprechend sieht die Periodisierung der
Geschichte der Logik zwei Epochen vor: jene von Aristoteles bis etwa Frege
als die klassische Periode und die (eigentlich schon mit Leibniz einsetzende) Periode der mathematischen Logik ab Frege. Innerhalb der klassischen Periode stellt nach der Antike die
Entwicklung in der Scholastik eine fruchtbare Epoche dar, in der die aristotelische
Logik neu erarbeitet wird. In den Jahren 1500–1640 erfolgt eine Erneuerung in
verschiedene Richtungen.
|
| Wir unterscheiden zwei prinzipielle Vorgehensweisen im
Denken:
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| Die Deduktion als das Ableiten eines Satzes aus einem
vorhergehenden, für wahr gehaltenen Satz nach den Regeln des logischen Schließens
ist der Weg vom Allgemeinen zum Einzelnen151. D.h.,
es wird (im Idealfall) von einer fundamentalen – als absolut wahr erkannten oder
nicht mehr hinterfragbaren – Aussage mit Hilfe der Logik und möglichst wenigen
weiteren Prämissen ein System von Aussagen abgeleitet, deduziert. Dies ist in
klassischer Weise insbesondere in der Mathematik so.
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| Die uns erkennbare Grundlagen für eine deduktionistische
Beweiskette hat Parmenides gelegt, mit noch durchaus unzureichender Terminologie. Die
erste uns überlieferte mathematische Beweiskette hat Hippokrates von Chios mit der Quadratur eines Möndchens erstellt; mit
Hippokrates dürfte die Systematisierung der Geometrie eingesetzt haben,
die sehr rasch in Euklids „Elementa“ gipfelt. Eine deduktive Darstellung der Mathematik an
sich, vor allem natürlich der Geometrie, hat Euklid gegeben, wobei er von drei Typen von ersten und unbeweisbaren
Prämissen ausgeht, es sind dies: Definitionen, Postulate und Axiome. Den schon vor
Euklid gebrauchten Begriff „Elemente“ hat Aristoteles definiert: „Elemente sind jene geometrischen Sätze, deren Beweise
in den Beweisen der übrigen Sätze, entweder alles oder der meisten, enthalten
sind“.
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| Es ist fraglich und wohl nicht mehr feststellbar, inwieweit die
Entwicklung der Deduktion in der Mathematik und in der Philosophie Hand in Hand
gingen oder getrennt verliefen und wer allenfalls die Vorreiterrolle gespielt hat.
In der Zuschreibung einzelner Leistungen der Frühzeit ist man heute wesentlich
vorsichtiger als früher. Fest steht, dass man um 400 die Inkommensurabilität von
Seite und Diagonale des Quadrats erkannt hat und sich mit analogen Fragen im
Bereich der Kubikwurzel und darüber hinaus befasst hat. Platon aber hat den Mathematikern vorgeworfen, sich nicht hinreichend
Rechenschaft zu geben über die Qualität ihrer Ausgangs-Prämissen.
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| Zu Beginn des 4. Jhs wird die Technik des deduktiven
Beweises auch von anderen Bereichen übernommen, zuerst in der Medizin (z.B. in
einem Traktat „Über die alte Medizin“), wo Deduktionisten von den Empirikern
bekämpft wurden, die gegen Vereinfachung und monokausale Erklärung kämpften und
ihren eigenen Erkenntnissen allenfalls Wahrscheinlichkeitscharakter
zuerkannten.
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| Die Deduktion wird durch die Logik des Aristoteles als das klassische wissenschaftliche Verfahren eingeführt,
das sich auch ohne besondere Schwierigkeiten im Christentum akzeptieren läßt, wo
im Idealfall letztlich alles aus dem Gottesbegriff abgeleitet werden sollte.
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| Die Induktion152 – epagoge,
inductioDer
lateinische Begriff „inductio“ stammt von
Cicero: „Haec ex pluribus perveniens
quo vult appelatur inductio, quae graece epagoge nominatur“. –
ist der umgekehrte Weg: aus Aussagen über eine (in der Regel begrenzte)
Anzahl mehr oder weniger spezieller Fälle werden Aussagen über alle Fälle
induziert, d.h. Annahmen gewonnen, die alle Fälle betreffen sollen und von denen
man deshalb annimmt, dass sie allgemeiner Natur seien. Aristoteles, der sich der Induktion bedient, nennt sie den Weg vom
Einzelnen, vom Individuellen, vom Singulare zum Universale, zum Allgemeinen. Die
induktive Logik analysiert dabei anhand der untersuchten Fälle Eigenschaften, die
sie – unbewiesener- und oft genug auch unbeweisbarermaßen – allen anderen Fällen
auch zuschreibt. Aristoteles gibt als erster eine Theorie der Induktion und unterscheidet
dabei drei Arten:
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| 1) |
die vollkommene Induktion – inductio perfecta –, die auf der Gesamtheit der Einzelfälle beruht; sie
ist nur in der Mathematik möglich, wofür sich Beispiele bereits bei Zenon von
Elea, bei Euklid, aber auch bei al-Karaji finden,
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| 2) |
die unvollständige Induktion – inductio probabilis –, die auf einer unvollständigen Anzahl von
Einzelfällen beruht (was der „Normalfall“ ist) und deshalb nur
Wahrscheinlichkeitscharakter für sich in Anspruch nehmen kann,
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| 3) |
die Induktion, mit deren Hilfe wir zu den unbeweisbaren
ersten Sätzen gelangen: zur Vermeidung unendlicher Regreßketten154 im Beweis muß die
Wissenschaft zwangsläufig von unbeweisbaren Grundsätzen ausgehen; dies begründet
Aristoteles speziell am Ende der Zweiten Analytik: „[…] Man sieht also, dass wir die ersten Prinzipien
durch Induktion kennen lernen müssen. Denn so bildet auch die Wahrnehmung uns
das Allgemeine ein“ (100b).
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| In seiner Topik (im Schlussteil des Organons) ist Induktion
ein Mittel im Rahmen der Dialektik: der Gesprächspartner wird vom Redner durch
Fragen und Antworten zur Anerkennung des vom Redner vertretenen Standpunkts
gebracht: „Wenn der beste Steuermann ist, wer seine
Sache versteht, und Gleiches von dem Wagenlenker gilt, so ist auch der Beste
überhaupt, wer seine jeweilige Sache versteht“.
|
| Aristoteles verlangte nur theoretisch die Vollständigkeit der einzelnen
Aussagen und war sich bewusst, dass dies nicht realisierbar sei; speziell in den
exakten Wissenschaften ließ er am ehesten unvollständige Aussagen zu. Die Stoiker
wenden sich – wie auch die Skeptiker und Sextus
Empiricus – überhaupt gegen die Induktion und stellen sogar in bezug auf
die Sterblichkeit des Menschen fest, daß diese Aussage nur auf der Beobachtung
etlicher spezieller Fälle beruhe und eine (nicht beobachtete und nicht
beobachtbare) Verallgemeinerung nicht zulässig sei.
|
| In der Scholastik werden die Probleme der Induktion aufs Neue
diskutiert. Bereits in der Frühscholastik wird – über Boethius – die Induktion nach Aristoteles rezipiert, wobei man sich vor allem auf den Schluß der Zweiten Analytik bezieht (s.o.).
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| Im 12. Jh hat Albertus
Magnus als der Propagator des Aristoteles dessen Lehre von der Induktion in vollem Umfang expliziert
und vertreten: „inductio autem est a singularibus
in universalia progressio“. Er unterscheidet korrekt zwischen inductio perfecta und inductio probabilis, wobei letztere der dialektischen
Argumentation dient und auf das Allgemeine und das Wahrscheinliche abziele und
greift auch die dritte Art der Induktion auf: Die
ersten Universalien zeigen sich uns durch die Induktion der einzelnen und
sinnlichen Dinge: es ist nämlich zuerst notwendig, diese so zu erkennen: dessen
Grund ist, daß die sinnliche Wahrnehmung (dies ist die Induktion der sinnlichen
Dinge), jedesmal, wenn sie bei allen Dingen ähnlich ist, das Universale macht.
So ist also offenkundig, wie in uns die ersten Universalien entstehen.
|
| Noch klarer stellt Thomas von Aquin – Aristoteles folgend – die Sinneswahrnehmung an die Spitze: „In der Induktion wird das Allgemeine aus den
Einzeldingen erschlossen, die sich den Sinnen zeigen“.
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| Duns
Scotus wirft die Frage auf, ob ein Induktionsschluss, um brauchbar zu
sein, vollständig sein müsse; und vertritt die Ansicht, daß es genüge, einige
Fälle anzuführen, um sich eine Meinung (opinio) zu bilden; um aber unabweisbare
Folgerung ableiten zu können, müsse man alle
Fälle anführen.
|
| Im Nominalismus nimmt die Induktion naturgemäß eine besonders
bedeutende Stellung ein. Hier verliert sie ihre „mystische“ Bewertung im
Zusammenhang mit den Universalien, indem Ockham, der sich eingehend um eine Theorie der Induktion bemüht, sie auf
den Schluß von Teilen auf das Ganze reduziert und die zuvor gegebenen Implikation
beiseite schiebt.
|
| In der Renaissancephilosophie des 16. Jhs wird die Induktion sehr
reduziert im Sinne rhetorischer Dialektik verstanden, was Galilei zu scharfer Zurechtweisung und zur Betonung ihrer grundlegenden
Bedeutung veranlasste, wie dies auch durch Francis
Bacon geschah, für den die exakte Handhabung der Induktion am Beginn
einer neuen Wissenschaftlichkeit steht: „Die größte
Veränderung, die ich einführe, betrifft die Form der Induktion selbst und das
daraus abgeleitete Urteil. Die Form nämlich, von der die Dialektiker [des
16. Jhs] sprechen, die durch einfache Aufzählung
fortschreitet, ist eine kindische Sache und gelangt nur zu unsicheren Schlüssen.
[...] Die Wissenschaften aber brauchen eine
solche Form der Induktion, welche die Erfahrung auflöst und zergliedert und
notwendig durch Ausschließung und Zurückweisung zu einer richtigen
Schlußfolgerung gelangt“. Francis
Bacon erstrebte eine Induktion, die im Wege des Sammelns, Vergleichens
und Kombinierens aktiv zum Entdeckung neuen Wissens führen sollte
|
| In weiterer Folge wird jede nicht-deduzierende Vorgangsweise als
Induktion aufgefasst und es wird auch das Problem der Wahrscheinlichkeit
einbezogen. Die Francis
Baconsche Auffassung – die auch als Induktionismus bezeichnet wird – ist
vor allem durch William Whewell und von John
Stuart Mill verfolgt worden. Im 20. Jh wird der Theorie der Induktion
sehr viel Arbeit gewidmet und bewiesen, dass Induktion nicht durch Deduktion
bewiesen werden kann. Popper wies in seiner „Logik der Forschung“, 1934, (neuerlich) nach,
dass man mit Hilfe der Induktion keine Gesetzmäßigkeit gewinnen, wohl aber
allgemeine Sätze widerlegen könne. Er ging in seiner Zurückweisung der Induktion
sogar soweit, dass er sie als Grundlage für die Gewinnung von zu falsifizierenden
Sätzen verwerfen wollte.
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|
| Raum, Zeit und Materie sind zentrale, die Auffassung von
Natur unumgehbar mitbestimmende Vorstellungen. Sie können in sehr unterschiedlichen
Weisen verstanden und verwendet werden. Generell kann gesagt werden, dass diese
Begriffe ursprünglich Begriffe der Kosmologie sind und erst nach und nach aus dieser
gelöst und separat und schließlich in einem „physikalischen“ Sinne diskutiert
werden.
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|
| Eine in der antiken und in der mittelalterlichen Philosophie
und natürlich bis heute wesentliche Frage ist die nach der Endlichkeit oder
Unendlichkeit der Welt, die mit der Frage nach Zeit und Raum verbunden ist155. Aristoteles vertritt die Auffassung, daß die Welt und die Zeit ohne Anfang
und ohne Ende seien: "Es ergibt sich viel
Unmögliches, mag man annehmen, daß das Unendliche nicht existiere oder daß es
existiere", wobei wieder das Problem der Grenze auftritt: "Nämlich nicht dasjenige, außerhalb dessen Nichts ist, sondern gerade
dasjenige, außerhalb dessen noch immer Etwas ist, ist unbegrenzt".
|
| Die Zahl ist im Sinne der Definition unbegrenzt, weil man immer weiter
zählen kann; die Zeit ist "unbegrenzt", weil sie immer fortgesetzt, weil immer ein
neuer Tag wird. Das Unendliche ist aber niemals fertig, kann nie in endlicher Zeit
durchmessen werden, es kann daher – so Aristoteles in seiner Metaphysik – nur potentiell und niemals aktual
existieren156.
|
| Nach Aristoteles wurde oft auch die Frage diskutiert, ob es verschieden große
Unendlichkeiten geben könne. Dazu sagt Philoponos (im 6. Jh in seiner Schrift
über die Endlichkeit der Zeit und der Welt), das könne nicht sein, denn das kleinere
Unendliche müßte früher durchlaufen werden können, also aktual vorhanden sein. Er
schließt deshalb im Gegensatz zu Aristoteles auf eine Endlichkeit der Zeit: bestünde die Welt seit
unendlichen Zeiten, müßten bis jetzt (aktual) unendlich viele Menschen geboren
worden sein; ihre Zahl wird aber durch die laufenden Neugeburten ständig vergrößert
– also kann sie nicht unendlich sein. Auch wäre die Zahl der Umläufe der Sonne um
die Erde unendlich groß – doch ist die Zahl der Umläufe des Mondes zwölfmal so
groß.
|
| Raum wird in der Antike zumeist gleichgesetzt mit dem
kugelförmigen Kosmos, den der Mensch von innen betrachtet. Bei den Stoikern findet
sich auch die Vorstellung, dass der Kosmos in einen eundlichen leeren Raum
eingebettet sei. In der christlichen Vorstellung, ist der kugelförmige Kosmos vom
Empyreum begrenzt, jenseits dessen sich – unendlich zu denkend – der Sitz Gottes
befindet.
|
| Raum ist erfüllt von Materie, nur die Pythagoräer und die Atomisten
akzeptieren Leere (auch als Trennung und damit auch Unterscheidung der Dinge), das
Vakuum und damit das Nichtsein. Archytas
von
Tarent differenziert zwischen dem Ort als einer Position im Raum und dem
Raum an sich. Für die Atomisten ist der Raum unendlich und damit ohne Mitte und ohne
Grenze, das ermöglicht die Bewegung der Körper. Aristoteles akzeptiert die Vorstellung vom Vakuum, von Leere nicht; für
ihn ist der Raum statisch und verfügt über eine innerliche Struktur; er misst dem
Begriff der Schwere wesentliche Bedeutung zu (was ein Argument für die Unendlichkeit
des Raumes bildet, denn sonst müssten die schweren Massen an einem Ort
zusammengeballt sein). Hinsichtlich der räumlicher Unendlichkeit argumentiert Philoponos: es könne keinen unendlichen Körper geben, denn: wenn das
Unendliche aus zwei Bestandteilen zusammengesetzt wäre,
|
| – |
so wären entweder beide endlich – dann ist das Ganze endlich –
oder
|
| – |
wären beide unendlich – dann wäre das Unendliche verdoppelt,
also seinem Doppelten gleich (!!!), oder
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| – |
es wäre eines endlich und eines unendlich – dann würde das
Unendliche durch das Endliche vermehrt und größer als es selbst.
|
|
| Gäbe es einen unendlichen Körper, könnte man ihn in zwei
Bestandteile zerlegen, etwa indem man ein endliches Stück herausschneidet – damit
würde der unendliche Körper in zwei endliche zerfallen. In dieser Weise hat später
auch al-Kindi (Lehrbrief über die Endlichkeit
der Welt) argumentiert.
|
| Mit diesen Fragen wurde natürlich verknüpft die Frage der Erschaffung der Welt und der Beginn der Zeit – gab es Zeit vor der Erschaffung der Welt
oder wird die Zeit erst mit der Welt geschaffen? Aristoteles und mit ihm die
arabischen Philosophen Al-Farabi und Avicenna gingen von der Vorstellung aus, die Welt sei ohne Anfang und ohne
Ende, denn: es könne keine Zeit vergangen sein, bis Gott die Welt schuf, denn dann
wäre ein neuer Willensimpuls in ihm entstanden, was eine Veränderung Gottes bedeutet
hätte, der aber in Ewigkeit der Eine und in sich Ruhende, Unveränderliche sei. Nur
Platon setzte den Beginn der Zeit mit der Erschaffung des Kosmos an – eine
Auffassung, die auch Augustinus vertreten wird..
|
| Al-Ghazali argumentiert wie Philoponos gegen die Unendlichkeit und lehnt es in diesem Zusammenhang ab,
die Zeit als etwas reales Drittes zwischen den Dingen zu betrachten – Zeit sei – wie
bereits Parmenides erklärt hatte – eine Weise unserer Vorstellung, sonst nichts!
Sein Gegner Averroes hat diese Vorstellung zurückgewiesen und Zeit als objektives Maß
von Naturprozessen definiert.
|
| Eine Frage, die sich immer wieder erhob, war die des
Überganges vom Unendlichen in das Endliche der irdischen Welt.
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| In der ionischen Naturphilosophie sucht man nach einem
Urstoff, aus dem alles bestehen soll: Thales nimmt Wasser als den
Urstoff an, Heraklit das Feuer, Anaximenes die Luft (Seele-Atem). Empedokles (490-420) hat die vier Elemente zugrundegelegt157 und damit ein Denkschema geschaffen, das bis in unsere
Zeit wirkt. Anaxagoras sagt, es müsse Teilchen geben, aus denen sich die sichtbare
Materie in ihren unterschiedlichsten Formen zusammensetzt. Leukipp und dann sein Schüler Demokrit entwickelten daraus die Vorstellung von winzigen Bausteinen,
den Atomen (a-tomos, das Unteilbare), die
alle aus demselben Stoff bestehen, sich nur in Form und Gestalt unterscheiden
und die die Körper durch ihre Anzahl im Raum, ihre Anordnung und Lage bilden –
schwerere Körpere seien jene, die mehr Atome im selben Volumen enthielten);
alles entstehe durch ihr Zusammentreten, vergehe durch ihr Auseinandertreten.
Sie selbst sind unvergänglich und für alle Zeit unveränderlich und bewegen sich
im leeren Raum, was eine neue, sehr gewagte Lehre war158 und gleichsam den Satz von
der Erhaltung der Materie bzw. der Energie einschloss. Daraus folgt, daß alle
unsere Wahrnehmungen inkorrekt sind, denn wir sehen nur Form und Farbe, nehmen
Geruch und Wärme wahr, aber keine Atome. Eine ähnliche Vorstellung gibt es in
der indischen Philosophie, doch scheint eine Beeinflussung des Leukipp von dort sehr unwahrscheinlich. Dieser Atomismus wird das
Vorbild für Gassendi, Newton und Dalton.
|
| Platon geht von einem qualitätslosen Grundstoff aus, dem die
geometrischen Formen der regelmäßigen Körper aufgeprägt werden159. Aristoteles geht davon aus, daß es etwas gebe, an dem die Veränderung
vorgenommen wird, das sich aber selbst nicht verändert (wie z.B. der Mensch, der
Mensch bleibt, auch wenn ein Ungebildeter ein Gebildeter wird). Dieser allem
zugrundeliegenden Substanz wird eine Form aufgeprägt (nicht geometrisch zu
verstehen), die sich aus den Gegensatzpaaren von Qualitäten ergibt160. Um das daraus sich ergebende Problem der Qualitäten
zusammengesetzter Körper zu bewältigen, auf das Aristoteles nur ganz knapp
eingegangen ist, hat man im Mittelalter auch Quantitäten (intensio und extensio =
räumliche Lagerung der intensio) eingeführt,
was zur Entwicklung des Begriffes Funktion bei Nicolaus von
Oresme hinführte.
|
|
|
| Die Frage nach dem Raum hat in der griechischen
Philosophie große Probleme bereitet. Er wird als bereits vor der Entstehung der
Welt vorhanden und als unendlich angenommen – die Welt entsteht gewissermaßen im
Raum. Platon spricht die Frage nach dem Raum als ein sehr schwieriges
Problem an, und es liegen viele Widersprüchlichkeiten vor, die z.T. auch als
solche erkannt und diskutiert worden sind. Z.B. die Vorstellung, dass der
unendliche Raum nicht leer sei. Aristoteles führt den Ort als eine nähere Bestimmung im für ihn
bereits dreidimensionalen Raum ein: Ort ist keine Substanz (sonst müssten ja
zwei Körper an einem Ort sein können), sondern eine Kategorie. Er definiert Ort
als die Grenzfläche des den Ort umfassenden, ausmachenden Körpers – was eine
Reihe von Schwierigkeiten zur Folge hat, da damit der Raum zu eng an
Körperlichkeit gekoppelt ist, was die Frage des Nichts, des Vakuums zum Problem
macht. Es setzt auch sehr rasch – schon bei Theophrast – Kritik an diesem Raumbegriff ein. Straton
von Lampsakos hat sich in einem nicht mehr erhaltenen Werk eingehend
mit der Frage des Vakuums befasst und dieses und damit Nicht-Seiendes für
möglich erklärt:
|
| Schon in der frühen griechischen Philosophie wurde die Frage
erörtert, ob ein Nicht-Sein sein könne. Diese Frage erwies sich im Zusammenhang
mit der Dynamik als die Frage des Vakuums von Belang. Die Theorie der Bewegung
ist bei den Griechen noch vor Aristoteles auf Grund der Aufwärtsentwicklung der Mathematik gepflegt
worden. Schwere und Bewegung werden behandelt; man erkennt, daß aus Reibung
Wärme entsteht, Anaxagoras hat davon das Leuchten der Gestirne hergeführt. Aristoteles
vertritt die Auffassung, daß die vier Elemente ihren natürlich Ort hätten, zu
dem sie hinstreben (Erde, Wasser, Luft und Feuer zu oberst unter dem Mond); die
Fallbewegung erscheint als eine natürliche Bewegung, die keiner Erklärung
bedürfe; ein Problem ist allerdings die nicht-natürliche, erzwungene Bewegung
von unbeseelten Körpern. Den Himmelskörpern sei die Kreisbewegung im Äther
naturgegeben161. Alle anderen Bewegungen bedürfen einer
Ursache, und zwar nicht nur, um zu entstehen, sondern auch um aufrecht erhalten zu werden. Diese Ursache kann im Körper
selbst liegen, wenn er eine Seele hat. Andernfalls ist eine (noch sehr vage
verstandene) Kraft notwendig. Aristoteles leugnete die Möglichkeit eines Vakuums, dieses wäre ein
locus sine locuto, ein Ort ohne Örtliches,
an dem sich nichts befindet, auch nicht „Örtlichkeit“. Und dies hat auch Folgen
für die Bewegungslehre: In einem Vakuum würden Körper im Falle einer
beschleunigten Bewegung unendlich hohe Geschwindigkeit erreichen – dies ist auch
in der Mechanik nach Newton der Fall: in unendlicher großer Zeit würde ein Körper eine
unendlich große Geschwindigkeit erlangen. In diesem Zusammenhang hat auch Aristoteles praktisch das Newtonsche Trägheitsgesetz162 gefunden und wegen der Zurückweisung der Möglichkeit
eines Vakuums wieder verworfen163: "Es wäre unerfindlich wie in einem Leeren ein einmal in Bewegung
gekommener Körper an irgendeiner Stelle wieder zur Ruhe kommen könnte. Denn
welche Stelle sollte in einem Leeren eine solche Auszeichnung vor den übrigen
Stellen besitzen können? Es bliebe also nur die Alternative: entweder ständige
Ruhe oder aber, sofern nicht etwa eine überlegene Gegenkraft hemmend ins Spiel
treten sollte, unendlich fortgehende Bewegung" (Aristoteles, Physik IV
8).
|
| Bewegung ist für Aristoteles ein Prozeß, der ständiger Energiezufuhr bedarf164. Bei Newton ist Bewegung ein Zustand, lediglich Veränderungen in der
Bewegung sind Prozesse, die äußere Einflüsse bedürfen. Diese Auffassung des
Aristoteles, die sogenannte „peripatetische Dynamik“, hat natürlich
große Probleme aufgeworfen: Daher ist die Erklärung des freien Falles unlebter
Körper (die keine res animata sind, die sich
selbst bewegt, ihrem natürlichen Ort zustrebt) äußerst schwierig165; sie ist eigentlich erst in der
Scholastik eingehend behandelt worden166. Die peripatetische Dynamik hat in ihrer Schwierigkeit
bzw. Inkorrektheit, die jedoch rational hinwegdiskutiert bzw. „erklärt“ werden
sollte, bis in die Frühe Neuzeit hinein enorme intellektuelle Kapazität
konsumiert167.
|
| Die Stoiker lehnen die Raumdefinition des Aristoteles ab, der Kosmos ist bei ihnen mit Materie erfüllt, zumal
für sie jede Wirkung eine körperlich-materielle Ursache hat. Philoponos wird den Raum als dreidimensionale leere Erstreckung
definieren.
|
| Erst in der Renaissance wird durch Nikolaus von Kues mit der Vorstellung von einem zentrumslosen Raum,
dessen Mittelpunkt nicht mehr die Erde ist, eine modernere Raumvorstellung
entwickelt werden, die insbesondere Giordano Bruno aufgreift168.
Telesio wird Zeit, Raum und Materie als eigenständige Elemente
betrachten.
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Die Sprache ist der Kanal, durch den das Denken der
Menschen in uns eindringt (
Roger
Bacon
)
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| Die Sprachen sind die
Scheiden, in denen das Messer des Geistes steckt (Luther)
|
| Sprache ist der Gebrauch von Zeichen aller Art – keineswegs
nur lautlichen – zur Verständigung.
|
| Es gibt neben mehreren Tausenden natürlicher lautlicher Sprachen in
z.T. verschiedenen Abstufungen (Hochsprache, Umgangssprache, Dialekte etc.)
künstliche Sprachen, formale Sprachen der Logik, Gebärdensprachen u.a.m.
|
| Philosophie und Wissenschaft (und insbesondere Geisteswissenschaft)
sind wesentlich ein Problem der Sprache. Bereits Roger
Bacon hat im 13. Jh in seiner Wissenschaftssystematik der Befassung mit
Sprache neben der mit der Mathematik den obersten Rang zugewiesen. Die Frage,
welches der eigentliche Charakter von Sprache sei, in welchem Verhältnis die
sprachlichen Begriffe zu den bezeichneten Dingen und Sachverhalten stünden, ist
uralt und hat u.a. im Universalienstreit, der die Frage der Sprache in essentieller
Weise berührt, über mehr als eineinhalb Jahrtausende hinweg zu tiefgehenden
Auseinandersetzungen geführt169.
Nicht minder bedeutsam die Frage, inwieweit eine Sprache imstande sei, den
intendierten Inhalt einer Aussage in vollem Umfang und unmißverständlich zu
transportieren. Davon hängt ab, ob und inwieweit Individuen überhaupt mit einander
kommunizieren können – die Umgangssprache ist für viele wissenschaftliche Probleme
zu wenig exakt, aber auch Hochsprachen haben diesbezüglich ihre Schwächen und
Tücken.
|
| Die Beschäftigung mit dem Phänomen Sprache ist gewissermaßen ein Indiz
für die Qualität des Erkenntnisstrebens, des wissenschaftlichen Bewusstseins – an
ihr läßt sich auch das Herauswachsen der Wissenschaft aus dem magisch-mythischen
Bereich erkennen. Die Entwicklung der Sprachphilosophie und der Sprachwissenschaft
waren und sind für die Entwicklung des wichtigsten menschlichen Instruments im
Zusammenhang mit der Wissenschaft von größter Bedeutung; dem entsprechend steht die
Frage nach der Sprache mit dieser in enger Wechselwirkung und ist von Anbeginn ein
zentrales Thema der Philosophie, das alle namhaften Philosophen seit der Antike
beschäftigt hat und dessen „Urtexte“ – Platons „Kratylos“ und des Aristoteles‘ „De
interpretatione“ – bis heute die Philosophie befassen. Im 20. Jh hat Michael Dummett die Sprachphilosophie als Basis und Ausgangspunkt jeglicher
Philosophie apostrophiert.
|
| Die Bedeutung der Frage nach der Sprache wird auch erkennbar an ihrer
Stellung in der religiösen Sphäre: die Frage nach der einen ursprünglichen
natürlichen oder gottgegebenen Sprache des Menschen hat die Menschen durch
Jahrtausende beschäftigt170.
|
| In der Aufklärung geht man neuerlich und höchst kritisch der Frage
nach, inwieweit die Sprache überhaupt zu Erkenntnisverbreitung tauglich sei, was sie
in Hinblick auf die Erkenntnisarbeit leisten könne. So setzt eine Sprachkritik ein,
die sich mit der Vermittlung von Vorurteilen durch Sprache, mit dem Sprachabusus,
dem Wortmißbrauch beschäftigt – "mit der Sprache
verwurzelt sich eine falsche Meinung und geht bis in die entfernteste Nachwelt
über; sie wird ein Vorurteil". John Locke erklärt, daß die Sprache die
Unvollkommenheit und der Mißbrauch der Wörter ewige Ketten des Irrtums
hervorbrächten. Diderot postuliert sogar, daß aus diesen Gründen die Sprache neu
gestaltet, bearbeitet und erweitert werden müsse. Chladenius untersucht die Rolle der Sprache in der Kommunikation unter
quellenkritischen Aspekten.
|
| So ist es verständlich, daß sich im 20. Jh, aufbauend auf der Logik
Friedrich Ludwig Gottlob Freges die antimetaphysische Richtung der analytischen, genauer der
sprachanalytischen Philosophie entwickelt, die ihre Aufgabe nicht in der Vermittlung
weltanschaulicher Inhalte und Lehrsätze sieht, sondern in einer metaphysikkritischen
und sprachkritischen Klärung philosophischer und wissenschaftstheoretischer Fragen –
der Analyse und der Präzisierung der verwendeten Sprachen171. Frege, einer der größten Logiker aller Zeiten,
der erstmals die aristotelische Logik ausweitete, sah es als eine Aufgabe der
Philosophie an, "die Herrschaft des Wortes über den
menschlichen Geist zu brechen, indem sie die Täuschungen aufdeckt, die durch den
Sprachgebrauch über die Beziehungen der Begriffe oft fast unvermeidlich entstehen,
indem sie den Gedanken von demjenigen befreit, womit ihn allein die Beschaffenheit
des sprachlichen Ausdrucksmittels behaftet. [...] So besteht denn ein großer Teil der Arbeit des Philosophen – oder
sollte wenigstens bestehen – in einem Kampf mit der Sprache". Wittgenstein formuliert 1931: "Wir stehen
im Kampf mit der Sprache" und "alle
Philosophie ist Sprachkritik".
|
| In der Beschäftigung mit dem Phänomen Sprache sind bezüglich
des Altertums drei Perioden zu unterscheiden:
|
| – |
klassische (=griechische, bis zu Alexanders Tod 323), sie ist
dominiert von Platon und Aristoteles |
| – |
hellenistische (bis zur Schlacht von Actium 31) mit den Zentren
Alexandria und Pergamon und
|
| – |
die kaiserzeitliche, in der sich auch eine lateinisch-römische
Tradition entwickelt.
|
|
| Da die Behandlung des Themas Sprache bei Platon und bei Aristoteles das gesamte weitere Denken zutiefst beeinflusst hat, ist es
unumgänglich, ihre Überlegungen an dieser Stelle anzuführen172.
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|
|
| Die Beschäftigung mit den Regeln des Sprachbaues, des
richtigen Sprachgebrauches scheint mit den Sophisten eingesetzt zu haben und
führte zur Entstehung einer frühen Theorie der Rhetorik; man erstellt Regeln für
den rhythmischen Satzbau, Worterklärungen, Etymologie und Synonymik werden
entwickelt – Gorgias und Prodikos vor allem sind hier zu nennen. Weit darüber hinaus gehen dann
Platon und Aristoteles173.
|
| In diese Zeit existiert noch noch keinerlei Differenzierung von
Srachwissenschaft oder Philologie174 von der Philosophie; nahezu alle uns bekannten Philosophen
haben auch zur Diskussion über Sprache beigetragen. Eine Differenzierung tritt
erst im Rahmen der alexandrinischen Periode um 200 vChr ein.
|
| Als Begründer des Studiums der Grammatik kann
Protagoras angesehen werden; er unterscheidet in einer Schrift über die
Grammatik Substantiva und Genera, Verba und Zeiten; weiters kannte er vier
Satzformen – Frage, Antwort, Bitte, Befehl – und drei Wortgeschlechter. Zentrales
Thema ist bereits die Frage, ob der Bezug zwischen Wort und Sache auf Grund einer
Art natürlicher Übereinstimmung bestehe oder die bezeichnenden Worte auf
menschlicher Konvention beruhten. In der diesbezüglichen Diskussion vertritt Demokrit die Auffassung von der willkürlichen Setzung der Namen – d.h.
die nominalistische Position im späteren Universalienstreit – mit folgenden
Argumenten:
|
| – |
es gebe verschiedene Dinge, die dieselbe Bezeichnung
hätten
|
| – |
umgekehrt gebe es für eine Sache mitunter mehrere
Bezeichnungen
|
| – |
die Namen könnten sich verändern |
| – |
für manche Dinge gebe es überhaupt keinen passenden
Namen.
|
|
|
|
| Platon ist der Begründer der Sprachphilosophie. In seinen Dialogen
„Kratylos“, „Theaitetos“ und „Sophistes“ sowie in seinem (hinsichtlich der
Echtheit nicht unproblematischen) siebenten Brief handelt er eingehend von der
Sprache.
|
| In Kratylos erörtert Platon ausführlich die Frage der Natur und der „Richtigkeit“ der Namen
(d.h. der Bezeichnungen von Dingen), das Verhältnis von Wort und Sache175. Wesentlich ist die Feststellung, daß es keinen anderen Zugang
zu den Dingen, zum Seienden gebe als über die Worte, über die Sprache; allein über
die Sprache könne gelernt, erforscht und entdeckt werden – „Der Kratylos kann als das erste uns erhaltene ausführliche Dokument
sprachphilosophischer Reflexion in seiner Bedeutung kaum überschätzt
werden“176.
|
| In Theaitetos befaßt sich Platon eingehend mit der Frage nach dem Wesen des Wissens und der
Erkenntnis. In diesem Zusammenhang erörtert er die Problematik der Wahrnehmung, da
Wissen ja auf Wahrnehmung beruhe, Wahrnehmung sei. Platon stellt fest, daß die Wahrnehmung durch die Sinne den Menschen wie
den Tieren zukomme, daß aber die hinsichtlich der Wahrnehmungen zu erwägenden
Bezüge nur für den Menschen und für diesen nur durch Mühe und Unterricht zu
gewinnen seien: Ohne zum Sein zu gelangen, könne man Wahrheit und Wissen nicht
erreichen. Da die Sinne nicht zum Sein gelangten, könne es in der unmittelbaren
sinnlichen Wahrnehmung kein Wissen geben; wohl aber gebe es Wissen, das in den an
die Wahrnehmung anschließenden „Zusammenrechnungen“ der Seinbezüge, die die Seele
vollziehe, – also in der geistigen Verarbeitung des Wahrgenommenen – erwachse. Da
ein derartiger Prozeß nur mit Hilfe der Sprache bewerkstelligt werden könne, wird
das Denken von Platon als ein Gespräch verstanden, das die Seele mit sich selbst führe
über das, was sie erforschen will. Dieses Selbstgespräch der Seele vollziehe sich
im Fragen und Antworten und bedarf der Sprache.
|
| Um diesen Prozeß zu klären, ist es notwendig zu definieren, was der
logos (hier: Satz) sei, der aus Nomina und
Verben bestehen müsse; diese Frage wird im Dialog Sophistes geklärt. Zuvor aber
sei der Frage nachzugehen, was es mit dem „Irrtum“ auf sich habe (hier geht es um „wahre“ und „falsche“ Rede, falsche Rede ist
an sich unmöglich, wenn Falsches Nichtseiendes sein soll). Platon weist nach, daß es bei der Erklärung des Irrtums nicht um das
Nichts schlechthin gehe, sondern um die Idee der Verschiedenheit bzw. des
Andersseins, nämlich um das Nichtsein als Verschiedensein, das alles Seiende
mitbestimme, indem es nämlich angebe, daß etwa das Objekt „Anderes“ nicht ist: es
wird etwas in dem, was es ist, nur offenbar, soferne es anderes nicht ist177. Der
Satz wird schließlich definiert als eine Verknüpfung von Wörtern, denen eine
Verknüpfung von Ideen entspricht. Mit seiner Definition des Satzes hat Platon den Anfang einer langen grammatischen Tradition gesetzt, deren
Bedeutung kaum überschätzt werden kann178.
|
| Platon setzt die Gesetzen des Denkens in Beziehung zur Sprache und macht
damit den Anfang zur Grammatik in einem engeren Sinne – einer Grammatik als
Wissenschaft und Theorie über Sprache und deren Struktur. Er steht aber auch am
Beginn von Kritik und (Real-)Exegese, der Hermeneutik, der Erläuterung des Sinnes,
des Inhalts der Dichtung, dessen, was der Dichter eigentlich habe sagen wollen.
Dabei wird im Weiteren die Auseinandersetzung mit Homer wesentlich, an dessen Werk sich ja später auch die Entwicklung der
Textktritik in einem engeren Sinne entzündet.
|
| Im Timaios vertritt Platon in Zusammenhang mit der Aussagen über bestimmte
Erkenntnisbereiche die Auffassung, daß die Rede etwas von dem Charakter dessen
annehme, wovon sie handle und damit im Weiteren auch hinsichtlich der Gewissheit,
die sie vermittelt: „daß die Reden, da sie eben dem, was sie erläutern, auch verwandt
sind, daß die, die sich also mit dem Beharrlichen, Dauerhaften, auf dem Wege der
Vernunft Erkennbaren befassen, beharrlich und unveränderlich sind – soweit es
möglich ist und es Reden zukommt, unwiderlegbar und unbesiegbar zu sein, so darf
man daran nichts vermissen lassen -, daß aber die Reden, die sich mit dem
befassen, was nach jenem gebildet ist und ein Abbild ist, nur wahrscheinlich und
jenem entsprechend sind. Wie das Sein zum Werden, so verhält sich die Wahrheit
zum Glauben. Wenn es uns also, Sokrates, in vielen Dingen über vieles – wie die
Götter und die Entstehung des Weltalls – nicht gelingt, durchaus und durchgängig
mit sich selbst übereinstimmende und genau bestimmte Aussagen aufzustellen, so
wundere dich nicht. Man muß vielmehr zufrieden sein, wenn wir sie so
wahrscheinlich wie irgendein anderer geben, wohl eingedenk, daß mir, dem
Aussagenden, und euch, meinen Richtern, eine menschliche Natur zuteil ward, so
daß es uns geziemt, indem wir die wahrscheinliche Rede über diese Gegenstände
annehmen, nicht mehr über diese hinaus zu suchen.“179.
|
|
|
| Aristoteles hat kein spezifisch
sprachphilosophisches Werk hinterlassen, ist aber insoferne auch in diesem Bereich
von großer Bedeutung, als er sich in einigen seiner Werke mit zentralen Fragen der
Sprache beschäftigt hat, und das vor allem unter dem Aspekt der Logik. Am
wichtigsten sind seine Äußerungen in den Anfangskapiteln (1-5) der Schrift „Peri
hermeneias“ (lat. „De interpretatione“), die als Ganzes eine Wesensbestimmung der
Sprache darstellen. Das Werk beginnt mit der Feststellung:
|
| „Zuerst muß festgelegt werden, was
Nennwort und was Sagewort, sodann was Verneinung, Bejahung, Aussage und Satz
ist. |
| Nun sind die stimmlichen
Verlautbarungen Symbole der ‚Erleidnisse in der Seele’ und das Geschriebene ist
Symbol des in der Stimme Verlautbarten. Und wie die Buchstaben nicht für alle
dieselben sind, so sind auch die Verlautbarungen [so sind auch die
Sprachen] nicht bei allen dieselben. Das aber,
wofür diese [Buchstaben und Verlautbarungen]
an erster Stelle Zeichen sind, nämlich für die Erleidnisse der Seele, diese sind
für alle dieselben; und die Dinge, wovon diese Erleidnisse Abbilder sind, sind
ebenfalls dieselben“.
|
| Neben „Peri hermeneias“ steht die „Poetik“ als ein für die Theorie der Sprache wie der Literatur höchst
wichtiges Werk. In Kapitel 19 der Poetik geht Aristoteles auf die sprachlichen Formen als Gegenstand
wissenschaftlicher Untersuchung ein: "die Arten der
Aussage ..., wie z.B., was ein Befehl ist und was eine Bitte, ein Bericht, eine
Drohung, eine Frage und eine Antwort, und was es sonst noch an derartigen gibt.
Wegen der Kenntnis oder Unkenntnis in diesen Dingen kann man der Dichtkunst
allerdings keinerlei Vorwurf machen, der der Rede wert wäre. Denn was soll man
schon für einen Fehler in dem erblicken, was Protagoras rügt, daß der Dichter
[Homer], in der Meinung, eine Bitte
auszusprechen, in Wahrheit eine Weisung gebe, wenn er sagt: 'Singe, Göttin, den
Zorn' ...". Im Kapitel 20 definiert er die einzelnen Teile von Sprache und
Schrift:
|
| "Die Sprache überhaupt gliedert sich
in folgende Elemente: Buchstabe, Silbe Konjunktionen, Artikel, Nomen, Verb,
Kasus, Satz. |
|
Ein Buchstabe ist ein unteilbarer Laut, nicht jeder
beliebige, sondern ein solcher, aus dem sich ein zusammengesetzter Laut bilden
läßt. Denn auch Tiere geben unteilbare Laute von sich, von denen ich jedoch
keinen als Buchstaben bezeichne.
|
| Die Arten der Buchstaben sind der
Vokal, der Halbvokal und der Konsonant. Ein Vokal ist, was ohne Gegenwirkung der
Zunge oder der Lippen einen hörbaren Laut ergibt; ein Halbvokal ist, was mit
einer solchen Gegenwirkung einen hörbaren Laut ergibt, wie das S und das R; ein
Konsonant ist, was mit dieser Gegenwirkung für sich keinen Laut ergibt, wohl
aber in Verbindung mit Buchstaben hörbar wird, die für sich einen hörbaren Laut
ergeben, wie das G und das D. Diese Buchstaben unterscheiden sich je nach der
Formung des Mundes und nach der Artikulationsstelle, nach der Aspiration und
deren Fehlen, nach Länge und Kürze, ferner nach Höhe, Tiefe und mittlerer Lage.
Diese Dinge im einzelnen zu untersuchen, ist Aufgabe metrischer
Abhandlungen." In der Folge definiert Aristoteles in der Poetik die weiteren Teile der Rede: Silbe,
Konjunktion, Artikel, Nomen, Verb, Kasus (darunter versteht er alle
Flexionsformen, auch die des Verbums).
|
| Aristoteles wird mitunter als der erste Grammatiker bezeichnet. Er hat
sich mit Fragen auf allen Gebieten beschäftigt: Interpunktion, Akzente, einfachste
Sprachelemente, Komposition, Etymologie, Synonymik etc. Neben seiner Poetik steht
eine Rhetorik, an der er zumindest von 335 an bis zu seinem Tod gearbeitet hat,
die viel gerühmt wurde, uns aber leider nicht erhalten ist180.
|
| Die wesentlichen Aussagen finden sich jedoch in Peri hermeneias.
Sprachliche Kommunikation ist nach Aristoteles möglich, weil die Wörter, die er als sprachlichen Symbole versteht, auf etwas verweisen, was allen
Menschen gemeinsam und gleich ist: die „Erleidnisse
der Seele“, die nämlich Abbilder derselben Dinge sind. Unterschiedliche
Sprachen verhindern nicht die Gemeinsamkeit im Wahrnehmen und im Denken.
|
| Eingehend hat Aristoteles in der Folge das Wesen des Nennwortes (= Substantiv) und des
Sagewortes (=Verb) definiert, wobei letzteres stets eine Aussage über die Zeit
enthalte und eine Aussage über etwas anderes – „Sokrates läuft“. Das vom Verb
angezeigte Laufen wird dem Sokrates als dem Zugrundeliegenden mit Bezug auf die
Gegenwart zugesprochen. Anschließend definiert er den logos = Satz, hier besser: Rede. Aristoteles analysiert auch eingehend die Frage der wahren und der
falschen Rede und stellt fest: Wahrsein oder Falschsein gibt es nur dort, wo etwas
mit etwas verbunden oder etwas von etwas getrennt wird. „Mensch“ oder „weiß“ ist
weder wahr noch falsch; erst das Hinzutreten einer Aussage über Sein oder
Nichtsein, ein „Sagewort“, läßt den Zustand wahr oder falsch eintreten. Hier geht
Aristoteles wesentlich über Platon hinaus, indem er feststellt, daß das Wesen der Sprache überhaupt
erst im logos, im Satz als Wortgefüge, erfaßt werden könne – und nicht schon in
den einzelnen, isolierten Worten für sich. Damit führt Aristoteles die Sprache gewissermaßen der Logik zu – die Frage nach dem
Wesen der Sprache ist bei ihm nicht mehr die Frage nach der Richtigkeit der
Benennung, sondern nur noch die Frage nach dem Wahrsein oder Falschsein des
Satzes! Diese Auffassung hat die gesamte weitere
Entwicklung der Sprachphilosophie bis in die Neuzeit bestimmt und die Sprache
wesentlich als ein logisches Instrument begreifen lassen. Die Sprache kommt
„unter das Joch der Logik“ (Hennigfeld).
|
| Durch die auf die innere Schlüssigkeit der Aussagen abzielenden
Untersuchungen des Aristoteles verlieren die durch Platon im Kratylos diskutierten Fragen wesentlich an Gewicht, ja die von
Kratylos vertretene Auffassung der naürlichen Richtigkeit der Benennung erweist
sich als irrig. Die Verständigungsleistung der Wörter wird nicht durch abbildende
Nachahmung erzielt, sondern durch den in langer Tradition gefestigten Bezug des
Symbols zur Sache (über die Vermittlung der seelischen Eindrücke – Erleidnisse).
Es wird damit auch bei Aristoteles in der den Wörtern und in der Sprache das naturhaft und
insoferne vom Menschen unabhängige Sein der Dinge offenkundig – aber eben nur im
Wege der Vermittlung und nicht aus einer natürlichen Richtigkeit der Sprache
heraus, wie sie im Kratylos vertreten wird. Für Aristoteles sind in der Sprache Vernunft und Absicht des Menschen am
Werk181.
|
| Aristoteles bildet den Übergang von der rein sprachphilosophischen
Behandlung dieser Fragen zu einer mehr empirisch bestimmten Auseinandersetzung mit
den Problemen, wie sie dann für die Alexandriner selbstverständlich wird. Homer ist wichtiger Ansatzpunkt, viele der bei ihm verwendeten Worte
bedürfen bereits der Erklärung; Aristoteles weist den Weg zur wissenschaftlichen Homer-Philologie.
|
| Die bei Platon und bei Aristoteles geleisteten Analysen hinsichtlich der Sprache sind Aussagen,
die über nahezu zwei Jahrtausende die Wissenschaftstheorie mitbestimmt haben und
die heute noch mit großer Intensität diskutiert werden. Des Aristoteles Kanon der Redeteile ist bis in die Neuzeit hinein kaum
wesentlich verändert worden.
|
| Schüler des Aristoteles haben dessen Richtung vor allem in Alexandria fortgesetzt. Es sind die Peripatetiker
aber allesamt schließlich von den Vertretern der Stoa
in Pergamon übertroffen worden.
|
|
|
| Platon hat, wie gezeigt, eine Wechselbeziehung zwischen der Bezeichnung
und dem Bezeichneten postuliert, indem er die Bezeichnung als Ausdruck einer über
der sinnlichen Welt anzusiedelnden Idee betrachtete. Dieser Bezug zwischen
Bezeichnung und Bezeichnetem ist als Aspekt von der Auffassung der Welt in der
mittelalterlichen Auseinandersetzung mit Sprache und in der Erkenntnisarbeit
überhaupt zu einem zentralen und intensiv diskutierten Thema geworden, das als
Universalienproblem bezeichnet wird, das sich – in der Terminologie der
scholastischen Sprachphilosophie – auf das Verhältnis zwischen den modi essendi und den modi significandi bezieht – ein wesentliches
sprachphilosophisches Problem des 13. Jhs.
|
| Es ist diese Frage vor allem durch die durch Boethius weitergreichte Eisagoge des
Porphyrios
von
Tyros tradiert worden, der Kommentare zu Platon und zu Aristoteles verfasst hatte, darunter eben auch die für das Mittelalter
so bedeutende (E)Isagoge, ein Standardwerk zur Einführung in die Kategorienlehre
des Aristoteles über Jahrhunderte, in dem die Frage der Universalien
aufgeworfen, aber nicht behandelt wird (s.w.o.): Aristoteles habe Platon vorgeworfen, daß er so scharf das Allgemeine vom Besonderen
getrennt habe; Porphyrios schreibt im – sehr kurzen – ersten Kapitel182: „Mox de generibus ac
speciebus illud quidem, sive subsistunt, sive in solis nudisque intellectibus
posita sunt, sive subsistentia corporalia sunt an incorporalia, et utrum
separata a sensibilibus ac in sensibilibus posita ac circa ea constantia, dicere
recusabo“ („Was, um gleich mit diesem anzufangen, bei den Gattungen und
Arten die Frage angeht, ob sie etwas Wirkliches sind oder nur auf unseren
Vorstellungen beruhen, und ob sie, wenn Wirkliches, körperlich oder unkörperlich
sind, endlich, ob sie getrennt für sich oder in und an dem Sinnlichen auftreten,
so lehne ich es ab, hiervon zu reden, da eine solche Untersuchung sehr tief geht
und eine umfangreichere Erörterung fordert, als sie hier angestellt werden kann),
und setzt fort: „Dagegen will ich, was über sie und
die anderen hier vorgenannten Kategoreme die Alten und besonders die
Peripatetiker mehr in logischer Weise vorgetragen haben, dir jetzt zu erklären
suchen“183. Porphyrios stellte damit drei Fragen zur Diskussion:
|
| – |
Sind die universalia,
d.h. Gattungen und Arten (z.B. Lebewesen, Mensch), die wir durch unsere
allgemeinen Begriffe ausdrücken, wirkliche, reale materiale oder immateriale
„Sachen“ oder nur Denkgebilde in unserem Geiste?
|
| – |
Wenn sie wirklich „Sache“ sind, sind sie dann Körper oder
Geister?
|
| – |
Existieren dann diese Körper oder Geister in den wirklichen
Dingen selbst oder getrennt von ihnen?
|
|
| Für Platon war es klar gewesen: universalia
ante rem! Aristoteles hatte die Position universalia in re bezogen. Avicenna – das Universalienproblem gab es natürlich auch in der
arabischen Philosophie – lehrte schließlich, daß von den Universalien ein
Dreifaches ausgesagt werden könne:
|
| 1) |
Sie seien, im göttlichen Verstande, vor (d.h. existent und unabhängig von) den
Einzeldingen
|
| 2) |
in bezug auf die Verkörperung in der Wirklichkeit in den Dingen
|
| 3) |
in den Köpfen der Menschen als von ihnen gebildete Begriffe
nach den Dingen.
|
|
| Diese Position hat im Wesentlichen auch Albertus
Magnus eingenommen.
|
| Die Frage an sich – die ja allein von Porphyrios her an die tausend Jahre und an sich seit Platon, also
insgesamt mehr denn 1500 Jahre hindurch anhängig war – war natürlich auch religiös
belegt, da sie ja auch als Aussage über das Verhältnis Gottes zum Irdischen
interpretiert werden konnte, mußte und wurde.
|
| Die Diskussion des Universalienproblems und seine Überwindung durch
den Nominalismus bzw. den Occamismus (universalia
sunt nomina) ist ein die Philosophie des Mittelalters maßgeblich
bestimmender Prozess, der erst im 14. Jh zugunsten des Nominalismus entschieden
worden ist.
|
|
|
| Hinsichtlich der Frage, inwieweit man bewusst und
systematisch forschend vorgegangen ist, ist zwischen verschiedenen Stufen von
„Forschung“ zu differenzieren:
|
| – |
reine Beobachtung ohne jegliche Intervention (die ja nicht
immer möglich ist, z.B. Astronomie)
|
| – |
Beobachtung mit Intervention > Experiment –
trial-and-error-Verfahren
|
| – |
Zielgerichtetes Vorgehen hin auf ein definiertes Ziel |
| – |
Deskription |
|
| Es ist klar, dass diese Verfahren in einander übergehen und
nicht durchwegs isoliert zu sehen sind. Es gibt keine Beobachtung oder Beschreibung
ohne irgendeinen theoretischen Hintergrund. Ein sehr bewusster Akt ist allerdings
die Entwicklung von spezifischen Methodologien zum Zwecke der Forschung, die z.B.
den empirischen Daten eine genau definierte Rolle zuweist.
|
| Es lassen sich hinsichtlich dieser Problematik drei Perioden erkennen:
die Zeit vor Aristoteles, Aristoteles selbst, die Zeit nach Aristoteles.
|
| In der Zeit vor Aristoteles gibt es erhebliche Skepsis gegenüber dem Augenschein,
andererseits aber auch die positive Bewertung des Forschens – Xenophanes: „Die Götter haben den Menschen
nicht gleich am Anfang alles enthüllt, sondern im Laufe der Zeit finden diese
suchend das Bessere“. Aktive empirische Erhebung ist selten. Xenophanes bezieht sich (einer zeitlich späteren Quelle zufolge) auf
Meeresfossilien in Steinbrüchen. Ein gesichertes Beispiel sind aber einzelne
Experimente der Pythagoräer in der Harmonik; etliche der in späteren Quellen
überlieferten Experimente hätten freilich, wären sie tatsächlich angestellt worden,
gar nicht zu den angeblichen Ergebnissen geführt. Jedenfalls hat die Vorstellung,
dass „alles Zahl ist“ (vermutlich war damit die Möglichkeit des numerisch
Ausdrückens gemeint), der Stimulus für die Erforschung der Harmonik und der
Tonleitern gewesen. Derartige Forschungen wurden als „peri physeos historia“ bezeichnet (Nachforschung über die Natur). Die
Arbeiten der Historiker Herodot wie Thukydides sind unzweifelhaft Produkte umfangreicher Forschung. Noch mehr
trifft das natürlich auf medizinischen Untersuchungen zu, wie sie uns im Corpus
Hippocraticum und in zahlreichen minutiösen sich über Wochen erstreckenden
Krankengeschichten überliefert sind. Es sind dies die ältesten Beispiele
kontinuierlich durchgeführter Forschung. Allzuoft bleibt es allerdings bei der
Deskription, auf die dann reine Spekulation folgt184.
|
| Aristoteles erst geht über die speziellen Interessenbereiche hinaus und
schafft „eine allgemeine Methodologie, die der
Sammlung und Bewertung dessen, was er die phainomena nennt, eine wichtige und klare Funktion zuweist“185,
wobei der Begriff phainomenon nicht mit unserem
heutigen Wortinhalt gleichzusetzen ist. Obgleich Aristoteles im Prinzip Platon zustimmt und das Singulare als Singulare nicht wirklich als Objekt
wissenschaftlicher Betrachtung akzeptiert, geht für Aristoteles die Forschung von den phainomena, von den Singularien aus, d.h. es werden Aussagen über das
Allgemeine induktiv aus Aussagen über das Besondere gewonnen, und es wird ihnen ein
hoher Stellenwert zugeschrieben. Ganz besonders deutlich wird das in den
naturwissenschaftlichen Werken. So schreibt Aristoteles bezüglich der Bienen: „Auf
diese Weise scheint also die Zeugung der Bienen vonstatten zu gehen, wenn man nach
der Theorie [logos] und den angeblich
gesicherten Tatsachen über die Insekten urteilt. Die Tatsachen sind aber nicht
hinreichend bekannt, und wenn sie es eines Tages sein werden, wird man mehr der
Wahrnehmung als den Theorien vertrauen müssen, und letzteren nur insoweit das, was
sie zeigen, mit dem in Einklang steht, was der Fall zu sein scheint“. Dies
ist gewissermaßen die Grundlage für alle Wissenschaft im heutigen Sinne.
|
| Nach Aristoteles setzt eine erste Differenzierung wissenschaftlicher Bereiche
untereinander und aller von der Philosophie ein. Einzelne philosophische Schulen
messen den unterschiedlichen Bereichen unterschiedliche Bedeutung bei.
|
| In zwei Bereichen sind langfristige und systematisch fortführende
Untersuchungen angestellt, „Forschungsprogramme“ verfolgt worden: in der Astronomie
und in der Optik. In der Astronomie geht es um die Erstellung von Sternenkatalogen,
zu deren Anfängen vermutlich babylonische Aufzeichnungen beigetragen haben, berühmt
ist Hipparchs Katalog, der dann von Ptolemaios verwertet und erweitert wird, sowie um die Bestimmung der
Planetenbahnen. In der Optik hat ebenfalls Ptolemaios exakte Messungen und Versuchsreihen durchgeführt und ein
allgemeines Brechungsgesetz eruiert.
|
| Indem in der Medizin das Sezieren tierischer und nicht allzu häufig
auch menschlicher Leichen und möglicherweise sogar Vivisektionen an Gefangenen
vorgenommen worden sind, sind auch die Kenntnisse der Anatomie systematisch
vorangetrieben worden. Gleichwohl lehnten die beiden großen medizinischen Schulen
der Empiriker und der Methodiker die Sektionen ab, weil sie nichts über die
Verhältnisse am Lebenden aussagten. Es gab aber immer wieder öffentliche Sektionen
(z.B. die eines Elefanten durch Galen
in Rom), bei denen die Mediziner die Ergebnisse prognostizierten und diesbezüglich
auch Wetten abgeschlossen wurden – dabei ging es natürlich primär um Werbung und
Publicity.
|
| Insgesamt handelt es sich in der Antike zeitweise doch um über längere
Zeiträume hin einigermaßen kontinuierliche Forschungsprozesse, wenngleich auch nicht
über Individuen hinaus systematisch strukturiert mit konkreten definierten
Zielsetzungen, wie das heute meist der Fall ist. Und es war auch nicht so, dass die
empirische Forschung damit damals schon zu einem anerkannten Prinzip der
Naturwissenschaft geworden wäre.
|
| Galen
beschreibt den Forschungsprozeß, indem er den Mediziner Erasistratos zitiert: „Diejenigen, die
nicht gewohnt sind zu forschen, sind schon in ihren ersten Arbeiten blind und
gedankenlos und geben die Forschung aus geistiger Erschöpfung und Ohnmacht sofort
wieder auf, die nicht geringer ist als die von Läufern, die an Wettläufen
teilnehmen, ohne dafür trainiert zu haben. Derjenige aber, der das Forschen
gewohnt ist, setzt alle möglichen Tricks ein, wenn er seine geistige Forschung
betreibt; er dreht sich in alle Richtungen, und weit davon entfernt, nach einem
Tag aufzugeben, setzt er seine Forschung sein ganzes Leben lang fort. Er prüft
nach einander alle Ideen, die sich auf den Gegenstand seiner Forschung beziehen,
und gibt nicht auf, bis er sein Ziel erreicht hat“186.
|
|
|
| Schon im 1. Jh vChr setzte ein deutliches Nachlassen der
wissenschaftlichen Betätigung und der schöpferischen Kraft ein. Wohl gab es noch im
3. Jh nChr Spitzenleistungen – es sei nur auf Diophant
verwiesen – und noch im 4. Jh bestand in Alexandria die Tradition des Museions, dessen
Ausläufer bis in die Zeit nach der Eroberung der Stadt durch die Araber 642
hinüberreichten, doch konnten sich die Aktivitäten jener Zeit bei weitem nicht messen
mit jenen in der Hochblüte des Hellenismus. Religiöse und soziale Spannungen und
schließlich die arabische Expansion bewirkten wohl nicht ein völliges, aber doch
weitgehendes Erlöschen der über Jahrhunderte gepflegten Tradition, von der eher die
technsich-handwerklich-praktischen Elemente weiterlebten als die feinsinnige
philologische oder die hochqualifizierte mathematisch-naturwissenschaftliche Arbeit.
|
| Mehr ließen die schöpferischen Aktivitäten im Westen nach, wo es Zentren
wie Alexandria oder Pergamon nicht gegeben hatte und wo die Beunruhigung im Zusammenhang
mit den religiösen Veränderungen und mit dem Einsetzen der Völkerwanderung mit ihren
Umbrüchen die überkommenen sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Strukturen
zerstörte und das geistige Leben weitgehend zum Erliegen brachten, während im Osten
einerseits längerhin die Kontinuität bewahrt und andererseits früher als im Westen
effiziente neue Herrschaftsstrukturen entstanden, in denen wissenschaftlich-kulturelle
Aktivitäten hoch geschätzt wurden.
|
|
|
| An sich stand das Christentum der Philosophie und damit der
Wissenschaft skeptisch gegenüber. Man kam aber im Zusammenhang mit den Bestrebungen
der Ausweitung des christlichen Einflusses nicht umhin, ein gewisses Maß an
Wissenschaft zu betreiben, um bildungsmäßig überhaupt mit dem auslaufenden „Heidentum“
Schritt halten zu können.
|
| Das Christentum entwickelt vorerst keine eigene Philosophie. Jesus von
Nazareth war kein Philosoph, ebenso wenig waren es die Apostel. Die
Philosophie, die das Denken bis in das 11./12. Jh beherrschte, war auf grund der
Wirksamkeit des Augustinus der Platonismus. Dem entsprechend haben sich auch die frühen
Christen bemüht, die Verträglichkeit der christlichen Lehre mit dem Platonismus zu
erweisen – so wie man sich im 13. Jh bemüht, die Verträglichkeit des Aristotelismus
mit der christlichen Philosophie der Scholastik nachzuweisen. In der
Auseinandersetzung mit den Gnostikern187
wird die griechische Philosophie durch die christlichen Autoren in den Apologien
verteidigt, gerügt wird nur deren mißbräuchliche Verwendung durch gnostische
Häretiker188.
|
| Früh wird allerdings die Notwendigkeit, ja die Unumgänglichkeit von
Philosophie für eine christliche Theologie betont. Der lateinische Autor Titus Flavius
Clemens (140/150-215) argumentierte damit, daß allein schon die von Gott
gegebene Vernunft den Menschen zur Philosophie führe, es sei ja auch der göttliche
Logos Archetyp des menschlichen Geistes. Clemens führt die von Philon von
Alexandria aufgebrachte Vorstellung fort, daß die griechische Philosophie
durch Moses initiiert worden sei, der als Lehrer des Pythagoras fungiert habe, der
seinerseits Platon ausgebildet habe. Diese Vorstellung erleichterte natürlich die
Akzeptierung der platonischen Philosophie als einer quasi genuin protochristlichen
Philosophie ungemein. Damit wurde die Kluft zwischen Athen und Jerusalem geradezu
negiert.
|
| Alexandreia blieb zwar weiterhin ein Zentrum, auch nachdem die große
Bibliothek in Alexandreia durch evrschiedene Ereignisse wesentlich reduziert worden
war: neben die paganen Institutionen des Museions, des Serapeions189 trat zu Ende des
2. Jhs eine christliche Katechetenschule, an der u.a. Origines gelehrt hat, und ähnliche kleinere Institutionen dürften sich in
den frühen östlichen christlich-klösterlichen Gemeinschaften herausgebildet haben, die
wohl ihren Anteil an der Tradierung des antiken Wissensgutes haben haben dürften.
Dennnoch verfiel „die zivilisierte Welt in eine
auffallend antiexperimentelle Geisteshaltung, so daß Denker wie Plutarch sich angesichts eines praktisch
entscheidbaren Problems auf das Studium von Auctores und Auctoritates verlegen, ohne
auch nur die Möglichkeit eines Experimentes in Erwägung zu ziehen“190. Die schulplatonische Philosophie zeigt
außerdem wenig Interesse an erkentnistheoretischen Fragen; Physik und mehr noch Ethik
treten in den Vordergrund.
|
| Der Prozeß, der sich von der Zeitenwende bis auf Cassiodor und Boethius vollzieht, ist der der Verchristlichung Platons
und all der vielfältigen anderen philosophischen Richtungen, die im Neuplatonismus
(s.o.) aufgesogen und verarbeitet werden, der die wichtigste, für das Mittelalter
folgenreiche geistige Strömung ist. Plotin
entwickelt die Vorstellung vom Einen als dem Höchsten, das über dem Sein ist und in
seiner überströmenden Fülle den Geist ausströmt, in dem erst Vielheit zu finden ist.
Aus dem Geist geht die Weltseele hervor und aus dieser die einzelnen Menschenseelen.
Aus den Seelen entstammt das Sinnliche, das allein wirklich ist. Die Materie ist die
Grenze zum Wirklichen und ist bereits das Prinzip des Bösen. Das Böse und die
Finsternis ermöglichen das Gute und das Licht. Der Leib ist Kerker und Grab der Seele,
die sich aus ihm befreien und zum Einen hinwenden will. Es sind dies durchwegs
Vorstellungen, die mit dem Christentum vereinbar waren und dieses auch mit geprägt
haben.
|
| Auf Porphyrios
von
Tyros und seine für das Mittelalter so bedeutende Eisagoge ist bereits
hingewiesen worden. Die dem Christentum zugehörigen oder wenigstens nahestehenden
Philosophen – Origines bis Boethius – sind selbstverständlich der Spätantike zuzurechnen und nicht etwa
dem Mittelalter; Boethius allerdings steht insoferne wirklich an der Grenze zum Mittelalter,
als er in vielfältiger Hinsicht als Übermittler tätig und wirksam ist.
|
| In der Entwicklung der christlichen Philosophie des
Mittelalters sind zwei Perioden zu unterscheiden:
|
| – |
die Patristik von den Anfängen
des Christentums bis in das 6./7. Jh
|
| – |
die Scholastik von der
karolingischen Renaissance bis zur humanistischen Renaissance
|
|
| Diese Periodisierung soll hier unserer Betrachtung des
Mittelalters überhaupt zugrundegelegt werden.
|
|
|
| Erst im 7. und mehr noch im 8. Jh sind – nachdem die paganen
Schulen untergegangen und mühsam die klösterlichen Schulen Fuß gefasst und mit der
Erkundung dessen begonnen hatten, was man vom untergangenen Wissen noch zu erahnen
mochte – im lateinischen Abendland wieder Bemühungen um Erkenntnis und Wissenschaft
registrierbar. Die Grundlagen, auf denen man aufzubauen bemüht war, waren freilich
höchst dürftig im Vergleich zu dem, was einst zur Verfügung gestanden hatte.
|
| Die direkte Überlieferung ist es, was im Grunde genommen das Abendland an
die Antike anschließen ließ. Es waren dies:
|
| – |
im Rahmen der im Großen wirkenden Kräfte die durch das römische
Reich ausgebildeten und dieses überdauernden lokalen politischen und
organisatorischen Strukturen und
|
| – |
das römische Recht. |
| als |
neu trat hinzu die Kirche, die aber doch in vielem an die durch
das römische Imperium – in dem sie sich schließlich entwickelt hat – vorgegebenen
Gegebenheiten angeschlossen hat. Die Kirche hat in zunehmendem Maße eine
Umschichtung der Bildungswerte bewirkt – es ist nun aber nicht mehr Bildung, was der
römische Verwaltungsbeamte benötigt, sondern das, was ein guter Christ wissen soll.
|
|
| Hinsichtlich der Ausbildung, des Schulwesens, als Faktor der
Kontinuität ist zu bemerken, dass der klassische Schulbetrieb auf der unteren und
mittleren Ebene niemals gänzlich untergegangen ist; der Aufstieg des Christentums war
dafür kein Hindernis. Eine Reihe von alten Zentren blieb bestehen, der relativ hohe
Grad der Schriftlichkeit beweist es zusätzlich – Mailand, Ravenna, Rom, Arles,
Narbonne, Lyon, Bordeaux, Cordoba sind Zentren. Grundlage der Ausbildung war meist
Donat,
gelehrt wurde Grammatik, Rhetorik und Dialektik. Grammatik war die "mater gloriosa facundiae quae cogitare novit ad laudem, loqui sine
vitio" oder "peritia pulchre loquendi ex poetis
illustribus auctoribusque collecta". Eine geistige Verarmung trat im Westen vor
allem durch das Abhandenkommen der Griechischkenntnisse mit dem Ende des 5. Jhs ein.
Griechischkenntnisse halten sich – außer natürlich in Unteritalien – nur in Rom und in
Ravenna sporadisch, obgleich man Kontakt mit dem Osten hatte und auch byzantinische
Beamte im Westen anwesend waren.
|
| Vom 6. Jh an wächst der Einfluß der geistlichen Schulen – klösterliche,
bischöfliche Schulen und Pfarrschulen. Es entstehen neue Zentren, an denen
Bibliotheken und Scriptorien aufgebaut werden: Arles, Montecassino, Vivarium u.a.
Einige der Kloster- und Bischofsschulen wurden gewissermaßen die Samen für spätere
Universitäten, während die Pfarrschulen eher für den Nachwuchs an ländlichem Klerus
sorgten. Justinians "Pragmatische Sanktion" von 554, in der die Gehälter für die
Lehrer festgelegt waren, wirkte lange nach: "quatenus
iuvenes liberalibus studiis eruditi per nostram rempublicam floreant"; sie
sicherte das Fortbestehen der nichtchristlichen Schulen in Italien, vor allem in Rom
und in Ravenna und einstweilen auch die Tradition des weltlichen byzantinischen
Schulwesens im Westen.
|
| Im 7. Jh aber gehen die letzten paganen Schulen unter, und die Kirche
wird damit praktisch die einzige organisatorische Potenz in Italien bzw. im Westen.
Wichtig ist, daß in Irland, das ja nie innerhalb des Romanum imperium gewesen war und
nie an der klassischen Kultur partizipiert hatte, die kirchlichen Institutionen sich
sehr rasch entwickelten. In England treffen das Römische und irische Missionare
aufeinander, die Iren gründen geistliche Schulen und leisten damit einen wesentliche
Beitrag zur Entwicklung mittelalterlichen Kultur. Damit setzt im ausgehenden 7. Jh und
im 8. Jh neuerlich geistiger Austausch in Westeuropa ein. So unterscheidet sich das,
was die jungen Leute in York oder in Canterbury lernen, nicht wesentlich von dem, was
in Bobbio, Luxeuil oder St. Gallen gelehrt wurde. Langsam wird auch das Griechische
wieder wahrgenommen (Ende des 7. Jh gibt es den ersten Nachweis, vereinzelter
Griechischkenntnisse in Britannien, durch aus dem griechischen Raum stammende Mönche),
die karolingische Renaissance baut sich auf.
|
| Die Konstante in dieser Entwicklung sind die Lehre der Grammatik, die mit
der zunehmenden Diskrepanz zwischen dem geschriebenen klassischen und dem gesprochenen
Latein bzw. den entstehenden romanischen Nachfolgesprachen zunehmend benötigt wurde,
im Zuge des Unterrichts im Lateinischen als einer Fremdsprache, und der Kanon der artes liberales überhaupt. Wesentlicher Grundtext in
Sachen Grammatik waren Donats „Ars minor“ und die jüngeren „Cunabula grammaticae artis Donati“,
aber auch gelehrte Kompilantionen wie die „Glossa de partibus orationis“. Autoren von
grammatischen Schriften waren auch Beda
Venerabilis, Aldhelm und Bonifatius.
|
| Auf die Erlernung des Latein folgte die Bibelexegese (nach ihrem
dreifachen oder vierfachen Gehalt) – dies war ein Entwicklungsstrang, der von sehr
frühen christlichen Schulen im Osten (4. Jh) herrührte; diese Schulen hatten ein sehr
hohes Niveau. In Byzanz gibt es eine Ausbildungsstätte, die in wechselhaftem Schicksal
von 425 bis 1453 besteht, die auf den artes
aufbaute und für die höheren Bereiche hellenistische Werke heranzog.
|
|
|
| Zu den bedeutendsten Ereignissen der Geistesgeschichte der
Spätantike und zugleich auch für die Anfänge der Scholastik zählt die Wiederentdeckung
der Logik und dann der weiteren Schriften des Aristoteles, die durch den herrschenden Platonismus „verschüttet“ und
praktisch unbekannt waren. Man beginnt sich wieder mit den noch vorhandenen
Überlieferungen zu befassen – und zwar mit der sogenannten „Logica vetus“, die anfangs noch stark platonisiert ausgelegt wird;
doch nach und nach findet man zur eigentlich aristotelischen Auffassung zurück – dies
ist ein langer, bis in das 10. Jh sich hinziehender Prozeß, an dessen Beginn als eine
Art Geburtshelfer Boethius steht, der auch anderweitig eine
Mittlerfunktion eingenommen hat.
|
|
|
| Eine das Mittelalter prägende Grundlage in Hinblick auf das
Verständnis von „Wissenschaft“ war der Kanon der septem
artes oder artes liberales. Er ist
maßgeblich bestimmt worden durch einen Autor, nämlich durch Martianus Capella, der
kaum datierbar ist (vermutlich 5. Jh). Von ihm ging die für das Mittelalter
bestimmende und auch von Boethius tradierte Fassung der septem artes
liberales aus, wie sie in seinem Werk „Satura – De nuptiis Philologiae et
Mercurii“ dargestellt ist und eine Art Encyclopädie ergibt, die im Mittelalter lange
als Lehrbuch gedient hat – die Handlung von „De nuptiis“ ist die einer an seinen Sohn
gerichteten Erzählung über die Hochzeit der (sterblichen) Philologia mit Merkur; für
ihre Apotheose in den Kreis der Götter erbricht Philologia ihre Gelehrsamkeit und
diese wird von den Musen Urania und Kalliope „aufgelesen“ und in die Sieben freien
Künste aufgeteilt, die dann als Hochzeitsgeschenk in Gestalt von sieben Jungfrauen
auftreten und in ausführlichen Reden ihre Lehrgebäude (und damit das Insgesamt von
Wissenschaft) darstellen. Martianus
Capella greift auf Varros „Disciplinae“ und auf zahlreiche griechische
Autoren (von denen keine lateinische Übersetzungen bekannt sind) zurück, sodaß das
Werke eine „eine bunte Melange aus Lehrbuchmaterial,
mythisch-allegorischen Partien, Prosa und Poesie, aus nüchternem und barockem Stil,
aus Ernsthaftem und Parodistischem“ darstellt.
|
| Von kaum zu überschätzender Bedeutung ist aber, dass durch Martianus
Capella mit den septem artes ein damals
schon seit längerer Zeit diskutiertes und wirksames Modell der Wissenschaft und vor
allem ein (schon klassisches) didaktisches Prinzip für ein Jahrtausend fortgesetzt
wird und gewissermaßen das „Rückgrat“ der abendländischen Bildung und Ausbildung vor
aller anderen Art von Lehre wird. Dieses Modell besteht aus zwei Teilen, deren erster
gewissermaßen die Philosophie und den Keim der Geisteswissenschaften enthält, während
der zweite die Mathematik und den Keim der Naturwissenschaften darstellt:
|
|
–
|
Trivium („Dreiweg“,
„Wortwissenschaften“ > Geisteswissenschaften): Grammatik, Dialektik,
Rhetorik
|
|
–
|
Quadrivium („Vierweg“,
„Zahlenwissenschaften“ > Mathematik und Naturwissenschaften): Arithmetik,
Geometrie, Astronomie, Musik
|
|
| Die Bereiche der einzelnen Artes sind vielfältig und
wechselseitig ergänzend mit einander verknüpft und ergeben ein Ganzes, wobei der
Grammatik und der Musik (Sprache und Musik seien Eines) eine umfassende Rolle zukommt.
Apoll schlägt bei Martianus
Capella vor, auch die Medizin und die Architektur anzuhören, doch wird das
von den anderen Göttern verworfen, weil diese Bereiche "ihre Sorgen auf vergängliche Gegenstände und die Erfindungsgabe auf das Irdische
richten"191. Diese Auffassung ist
später von Thomas von
Aquin geteilt worden. Die Gliederung bei Martianus
Capella ist von Boethius und dann auch von Cassiodor übernommen worden. Im
Mittelalter haben sich die Inhalte dieser Disziplinen relativ weit von dem entfernt,
was man in der Antike darunter verstand und sind vielfach ebenso weit davon, was man
heute darunter versteht192, doch änderte dies nichts an der enormen Wirkung
dieses systematischen Konzepts. Zu Capellas Werk ist im Mittelalter eine Reihe von
Kommentaren verfasst worden, u.a. von Johannes Scotus
Eriugena; den maßgeblichen Kommentar verfasste Remigius von Auxerre (†
908), die erste Übersetzung ins Deutsche stammt von Notker
Labeo (ca. 950-1022) in St. Gallen – in dieser Zeit vollzieht sich ja auch
die Lösung der septem artes aus der Hilfsfunktion
der Bibelinterpretation hin zu einem autonomen Bereich.
|
| Dass der pagan-weltliche Kanon der artes auch im kirchlichen Bereich – expressis
verbis bei Augustinus – als Grundlage der Ausbildung akzeptiert und tradiert worden
ist, ist wohl einer der bedeutsamsten Faktoren in der Entwicklung des weiteren
europäischen Geisteslebens, da dieser Akt die Vorstufe weniger der Rezipierung der
Antike als für die Akzeptierung der rationalen Philosophie war.
|
| Das Konzept der septem artes hat
zahlreiche bildliche Darstellungen ausgelöst; 1494 ist das Werk des Martianus
Capella gedruckt worden, noch Leibniz
dachte an eine Neuausgabe.
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| Eine der zentralen Mittlerfiguren im Übergang von Spätantike
zum Mittelalter war, wie bereits angedeutet, Anicius Manlius Torquatus Severinus Boethius, der verschiedentlich als Vater der Scholastik bezeichnet worden
ist und zugleich als der letzte stoische Philosoph der Antike betrachtet werden muß;
er selbst hat sich als ein später Vollender Ciceros gesehen, dessen Rezipierung der griechischen Philosophie er zum
Abschluß bringen wollte, und bemühte sich, der damaligen lateinischen Öffentlichkeit
das griechische Denken des klassischen Altertums zugänglich zu machen. Er hat vor
allem durch seine Übersetzungen logischer Werke des
Aristoteles enorme Bedeutung erlangt – es wurde ihm im Mittelalter noch mehr
Übersetzungen als heute zugeschrieben. Er übersetzte zweifellos und vor allem des
Porphyrios Eisagoge und das Organon des Aristoteles mit Ausnahme der Zweiten Analytik193. Neben den
Übersetzungen schuf Boethius auch Kommentare (darunter, in einigem zeitlichen Abstand,
auch zwei zur Eisagoge), die allerdings im wesentlichen Paraphrasierungen griechischer
Kommentare sind (es kann angenommen werden, daß Boethius ein griechisches Corpus
Aristotelicum samt Kommentaren besaß). Seine Kommentare sind darüber hinaus sehr
wortbezogen, sodaß – wie häufig in dieser Zeit – die eigentlichen Probleme nicht
angesprochen, vermutlich mitunter auch gar nicht gesehen werden. Mit seinen eigenen
Arbeiten (darunter fünf Lehrbücher zur Logik) und Übersetzungen hat Boethius, dessen Schriften in der Folge sehr gut tradiert und zu
Standardtexten der Ausbildung in den septem artes
und in der Philosophie überhaupt wurden, eine Fülle von Problemen angerissen, die
aus der Kategorienlehre des Aristoteles und anderen seiner Schriften heraus die scholastischen
Philosophen über Jahrhunderte beschäftigten: welche Beziehung besteht zwischen den
Begriffen der Dialektiker und der extramentalen Wirklichkeit? Welche Beziehung also
zwischen Sprache und Wirklichkeit, zwischen Denken und Wirklichkeit? Inwieweit
beeinflussen die Kategorien das Denken, die Sprache? Auf welche Weise geben aus Worten
zusammengestellte Aussagen konkrete Gegenstände wider? Was hat es mit den Universalien
auf sich? In letzterem Zusammenhang wird es sich als bedeutungsvoll erweisen, daß
Boethius in seinem Kommentar zur Eisagoge die Feststellung machte, die Logik
handle von Worten. „Die Wirkung des Boethius auf das Denken des Mittelalters war
gewaltig“.
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| Eine weitere geistig einflußreiche Persönlichkeit der
Übergangszeit war Flavius Magnus Aurelius Cassiodorus Senator, der Nachfolger des
Boethius im Amt eines Chefs der Zentralverwaltung (magister officiorum) Theoderichs; er war um Ausgleich
zwischen der italischen und der gotischen Bevölkerung bemüht, nach dem Sturz des Witigis
und der Eroberung Roms durch Belisar zog er sich 537 aus der Öffentlichkeit
zurück, lebte in Ravenna, dann möglicherweise im Gefolge einer Gesandtschaft in
Konstantinopel und zog sich schließlich auf Familiengüter in der Nähe von Squillace in
Unteritalien zurück, wo er ein am Meer gelegenes „Kloster“ (eine asketische
Gemeinschaft auf Grundlage seines Privatbesitzes) stiftet (das nach den
Salzwasser-Fischteichen den Namen Vivarium erhielt),
in dem er nach dem Vorbild der Katechetenschulen vor allem in Alexandria die
Abschreibetätigkeit der Mönche forciert und damit das (Ab-)Schreiben zur einer Tugend
mönchischer Askese macht, die das ganze Mittelalter hindurch geübt wurde und ganz
wesentlich zur Überlieferung des Wissensgutes beigetragen hat. Er überliefert die
vollständigste Konsulnliste des Altertums und eine Fülle von Aktenstücken aus der
Regierungszeit Theoderichs samt Formularen. In Vivarium erarbeitete er seine
Enzyklopädie "De institutione divinarum et humanarum
litterarum", die als Einleitung in das Studium der Theologie einen Abriß der
septem artes gibt und das ganze Mittelalter
hindurch benützt worden ist; in diesem Werk stößt man auch auf die ausdrückliche
Gruppierung in Trivium und QuadriviumDer Begriff Quadrivium wurde von
Boethius geprägt – „Hoc igitur illud
quadrivium est …“ heißt es in De
institutione arithmetica.
und auf den Oberbegriff Mathematik. Cassiodor leitet den Begriff liberalis
nicht von liber = frei, sondern von liber = Buch ab195.
|
| Capella, Boethius und Cassiodor haben jenen Wissenskanon geschaffen, der in Europa bis in die
Aufklärung hinein gültig und prägend gewesen ist.
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| Eine weitere, das Geistesleben und die Vorstellung von
Wissenschaft maßgeblich beeinflußende Persönlichkeit des Übergangs war Isidor von
Sevilla (ab 594 BF von Sevilla) mit seinen insgesamt fünf Werken zur
Erfassung der Welt der Sprache196, wobei die „Originum seu Etymologiarum
libri xx“, eine komprimierte Enzyklopädie, auch als „Brockhaus des frühen
Mittelalters“ bezeichnet und trotz ihres Umfangs in über 1000 Handschriften
überliefert, die größte Wirkung entfaltet und die weiteste Verbreitung gefunden haben;
das Werk ist nach einer Wissenschaftssystematik gegliedert (s.w.u.). Isidors
Lehrbücher für christliche Schulen sind hingegen rasch der Vergessenheit
anheimgefallen.
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| Eine nicht zu unterschätzende Rolle in der Übergangsperiode
spielte Ostrom, das Byzantinischen ReichMan unterscheidet eine
Frühperiode von 395 bis 640, 640-840 Stillstand (Bildersturm etc.), 840-1453 große
Enzyklopädistik, literarische Hochblüte; das Schul- und Studienwesen erreicht im
12. Jh seinen Höhepunkt - großer Unterschied zur Entwicklung im Westen. Dennoch
aber vollzieht sich eine gewisse Erstarrung und es gelingt kein Durchbruch zu
wirklich bleibenden, originellen Leistungen., das zwar ebenfalls, aber weniger drastisch vom Niedergang erfaßt
wurde und indirekt wesentlich zur Tradierung des Wissens des klassischen Altertums
beigetragen hat. In der Zeit ab 500 ist zwar in der Wissenschaft nichts
Bemerkenstwertes mehr geschehen, doch die arabischen Initiativen – Sammeln von
Manuskripten, Berufung führender Leute etc. – scheinen Byzanz wieder stimuliert zu
haben: 863 kommt es zur Gründung einer neuen Lehranstalt im Magnaura-Palast in
Byzanz198. Leon der Mathematiker soll an dieser Anstalt (wohl aus der
alexandrinischen Tradition heraus, die ja auch die Muslime erst in Bagdad, dann auch
anderweitig inspiriert hat) optische Telegraphen und andere technische Feinheiten
konstruiert und eine medizinische Enzyklopädie verfaßt haben. Sein Hauptverdienst
liegt aber zweifellos darin, daß er es war, der die Werke der alten Autoritäten
sammeln und abschreiben ließ: praktisch unsere gesamte Überlieferung des Euklid, Apollonios, Archimedes, Diophant und Ptolemaios in griechischer Sprache beruht auf diesen Abschriften! Die
älteste erhaltene Euklid-Handschrift stammt aus dem Jahr 888 und wurde in Byzanz geschrieben,
sie liegt heute in Oxford. Eine Sammelhandschrift des Archimedes aus derselben Quelle kam im 12. Jh in die Hände der Normannen,
dann der Staufer und nach der Schlacht von Benevent 1166 in die Hand des Papstes, der
sie Wilhelm
Moerbeke für seine Übersetzungen zur Verfügung stellte; später ist sie
verschollen.
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| Die Patristik als kirchlich-theologische Periode ist
charakterisiert dadurch, daß in dieser Periode die Theologie und die Religion noch
wenig von der Philosophie unterschieden sind; die christliche Religion selbst wird als
die wahre Philosophie betrachtet. Antike philosophische Systeme werden in dieser
Periode für die Verteidigung des christlichen Glaubens, für die Apologie199),
den Kampf gegen „Heidentum“ und Gnostizismus200 bis etwa 200, und dann für den Ausbau eines eigenen christlichen
Lehrgebäudes herangezogen – in dieser zweiten Periode entsteht in Alexandreia die
bereits erwähnte Katechetenschule, an der u.a. Origines (185-254) lehrt201. Geistige Höhepunkte
der Patristik und von größter Bedeutung für das Mittelalter sind Augustinus und Dionysius (Pseudo-)Areopagita, dessen Schriften eine
Vermengung von Platonismus, Emanationslehre und einem gemäßigten Monophysitismus die
Theologen trotz aller Diskussion um die „Echtheit“ faszinierten und den Weg in die
spätmittelalterliche-frühneuzeitliche Mystik wiesen. |
| Die christliche Philosophie entwickelt sich in der vom
Platonismus ausgehenden Philosophie und Theologie der Kirchenväter202 und wird maßgeblich mitbestimmt durch
|
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| aus Thagaste203, der zeitweise
Manichäer204, dann
Skeptiker und schließlich Neuplatoniker205 war, ehe er
in Mailand Ambrosius begegnet, der ihn 386 für das Christentum gewinnt und dessen
Synthese von Platon und Christentum, Vernunft und Glaube er übernimmt. Augustinus, eine sehr aggressive Persönlichkeit, ist bleibend durch den
Neuplatonismus beeinflußt (sogar in der Trinitätslehre) und stellt in seinem Denken
(wie schon sein Lehrer Ambrosius vor ihm) eine vollständige Symbiose zwischen
Christentum und kaiserzeitlichem Platonismus dar206. In seiner
Schrift „De vera religione“ waren nur wenige Worte – paucis mutatis verbis – zu verändern, um aus Platonikern Christen werden zu
lassen. Augustinus hat nicht nur durch seine Schriften „De doctrina christiana“ und
die „Confessiones“, sondern auch durch seine Geschichtsinterpretation und
Geschichtsphilosophie in "De civitate Dei (contra paganos)"207 die christliche Weltauffassung bis in die Neuzeit geprägt wie
kein zweiter. Augustinus plante auch eine Schrift über die artes liberales, hat aber in Mailand nur den Abschnitt über die Grammatik
fertiggestellt. In Thagaste schrieb er später über die Musik.
|
| Die augustinische Philosophie, die in nahezu cartesischer Weise vom
eigenen Bewußtseinserlebnis als erster unbezweifelbarer Gewißheitsstufe ausgeht,
nämlich vom Satz "Si fallor, sum" (wenn ich mich
täusche, bin ich), ist vom Geist der Ordnung geprägt- In seinem Dialog „Über die
Ordnung“ sagt er u.a, daß Unwissenheit das beste Mittel sei, jenen "höchsten Gott, der besser im Nichtwissen gewußt wird", zu
erfassen, jenen "Schöpfer des Universums, von dem kein
Wissen in unserer Seele ist, außer daß wir wissen, wie sehr die Seele ihn nicht
kennt" – womit er Plotins Auffassung entspricht.
|
| Augustinus hebt den Satz vom Widerspruch hervor: wenn wahr und falsch, Ich
und Nichtich etc. dasselbe wären, würde sich jede Philosophie erübrigen. Ursprung der
Erkenntnis ist ihm nach Platon die Seele, die Sinnesreize sind nur Anregungen für die Tätigkeit der
Seele. Alles Erkennen geschieht durch göttliche Erleuchtung (Illuminationstheorie, sie
weist den Weg zur Lichtmetaphysik); Platon
habe nicht geirrt, als er eine intelligible Welt annahm, so habe er nämlich die ewige
unveränderliche Vernunft genannt, durch welche Gott die Welt gemacht habe. Der Mensch
ist für Augustinus Bindeglied zwischen dem Göttlichen und dem Körperlichen durch
seine Vernunft, von der es zwei Arten gibt:
|
| – |
höhere, sie wendet sich den Universialien und Gott zu, |
|
–
|
niedere, sie wendet sich dem Sinnlichen zu, strebt nach
Erkenntnis im Bereich des Sinnlichen => Wissenschaft => Stolz
=> Ursünde, aus der alle anderen Sünden hervorgehen; die Wissenschaft habe
sich der Weisheit = Schau des Ewigen, des Allgemeinen unterzuordnen; damit gibt es
keinerlei Anlaß oder Motivation zur Spezialisierung.
|
|
| Diese Auffassungen des Augustinus bestimmen im christlichen Bereich die Philosophie und mit ihr
alle „wissenschaftliche“ Tätigkeit bis hin zur Aristoteles-Rezeption, d.h. bis in die Zeit um 1200.
|
| Nach Augustinus hat Gott die Welt in der Zeit erschaffen, obgleich er sie auch in
der Ewigkeit hätte schaffen können. Augustinus setzt sich – vermutlich als erster seit Aristoteles – intensiv mit dem Problem der Zeit auseinander: Gott steht ihm
außerhalb der Zeit und hat deshalb alles auf einmal, d.h. „zeitlos“ erschaffen.
Manches hat er in voller Entfaltung, manches nur in Urkeimen erschaffen – das
entstammt der neuplatonischen Entwicklungstheorie. Die Seele ist ewig, weil sie Träger
der göttlichen Wahrheit ist, wie bei Platon.
Als erster christlicher Philosoph entwickelt Augustinus eine Geschichtsphilosophie, in der er die civitas Dei – den ewigen, in sich vollommenen und hierarchisch
gegliederten mundus intelligibilis – als Vorbild
für die civitas terrena hinstellt, die durch das
Böse bedroht erscheint208. Die civitas
terrena war für ihn gewissermaßen automatisch das römische Imperium. Nach
dessen Untergang 410 (Eroberung Roms durch Alarich) verändert Augustinus seine Konzeption dahingehend, daß das römische Imperium nur mehr
eines unter anderen, nun gleichrangigen Staatsgebilden wird.
|
| Die Bedeutung des Augustinus liegt darin, daß er Platon in die
christliche Philosophie einführt bzw. besser: die christliche Philosophie auf Platon
aufbaut. Augustinus hat kein Problem, die ihm zutreffend erscheinenden Lehren der
griechischen Philosophie zu übernehmen; in seiner Schrift „De doctrina christiana“
schreibt er: „Wenn aber die sogenannten Philosophen,
vor allem die Platoniker, etwas gesagt haben, das wahr und unserem Glauben
angemessen ist, [...] dann sollten wir das nicht
nur nicht verabscheuen, sondern uns im Gegenteil von ihnen, als wären es
unrechtmäßige Besitzer, zu unseren Zwecken aneignen. [... denn es] besitzen auch die Lehren aller Heiden nicht nur erlogene
und aberggläubige Erfindungen und schwere Lasten überflüssiger Mühen [...], sondern sie enthalten auch die freien Künste
[liberales disciplinas], die für den Gebrauch der
Wahrheit überaus geeignet sind und einige nützliche moralische Vorschriften, und man
findet auch einiges Wahre bei ihnen über die Verehrung des einen Gottes, das der
Christ als deren Gold und Silber [wie die Juden den Ägyptern] von ihnen zum richtigen Gebrauch der Verkündigung des Evangeliums
rauben soll“209.
|
| Im Hochmittelalter ist der Augustinismus längere Zeit von den
Franziskanern gegen die den Aristotelismus forcierenden Dominikaner verteidigt worden.
Unter dem Einfluß der Rezipierung durch das Übersetzungswerk setzt sich im 13. Jh der
Aristotelismus durch und beherrscht in der Folgezeit die Entwicklung.
|
| Im 6. Jh erlahmt die geistige Tätigkeit in Europa mehr und
mehr, im 7. Jh geschieht so gut wie nicht, was für die Fortentwicklung von Belang
gewesen wäre. Erst im 8. Jh setzt wieder ein Aufschwung ein, der von den britischen
Inseln ausgeht, wo in den iro-schottischen Skriptorien kontinuierlich gearbeitet wurde
und von wo aus über den Karolingerhof eine geistige Erneuerung einsetzte.
|
| Mathematik, Astronomie, Physik sind im Früh- und Hochmittelalter auf
Grund des Umstandes, daß die Kirchenväter die forschende Naturbetrachtung als für das
Seelenheil überflüssig, ja geradezu schädlich bezeichneten, stark vernachlässigt
worden – "wer ein wahrer Christ sein will, muß die
geometrischen Methoden der Toren und Lügenschmiede fahren lassen. Zu denen, die
Christen sein wollen und doch die Erde für eine Kugel halten, wird Gott am Tage des
Gerichts nach dem Apostel Matthäus sagen: 'Ich kenne euch nicht ...'", so heißt
es (in allerdings auch für seine Zeit extremer Weise) bei Kosmas
Indikopleustes im 6. Jh in dessen „Topographia Christiana“ drastisch (nicht
unwidersprochen durch Philoponos und auch ganz im Gegensatz zu Boethius).
|
| Diese Entwicklung führte dazu, daß die wissenschaftlichen
Errungenschaften des Altertums schließlich nur mehr in dürftigen Rudimenten verfügbar
waren und lediglich zur Erläuterung der Bibel herangezogen, schließlich in die
Kommentierung und Tradierung der heiligen Schriften selbst eingebracht, also von
diesen überwölbt und ummantelt wurden. Deshalb nimmt das Schrifttum auch einen
gänzlich anderen Charakter an. Die Wissenschaft wird nur insoferne und auch nur
insoweit betrieben, als sie dem christlichen Weltverständnis nützt. Dementsprechend
werden ihr auch entsprechende Inhalte unterlegt. Damit hat Augustinus in seiner Schrift "De doctrina christiana" begonnen, wenn er dort
die Kenntnis der Mathematik für die richtige Erfassung der Zahlenangaben in der Bibel
fordert und eine Interpretation der Vierzahl, Zehnzahl, Siebenzahl etc. gibt, die
durch nahezu 1000 Jahre tradiert, ja mitunter wortwörtlich fortgeschrieben worden
ist.
|
| Gleichwohl sind – unbeabsichtigt und nebenher, als „Ausläufer“
gewissermaßen der alexandrinischen Philologie – zumindest in der Frühzeit noch
wissenschaftliche Leistung von Bedeutung erbracht worden. Nämlich in der Textkritik
und im Übersetzen und Kommentieren von Offenbarungstexten durch die klassischen
kirchlichen Autoren, die z.T. als Kirchenväter in die Geschichte eingegangen sind, wie
Origines, der gemeinsam mit Plotin
bei Ammonios
Sakkas in Alexandria studierte und als erster die kirchliche Glaubenslehre
systematisch zusammenfaßte (Beginn der Dogmatik), wofür er die weltliche Philosophie
als Hilfsmittel heranzog; er schuf eine Bibelausgabe mit vergleichendem hebräischen
und griechischen Text. Eusebius von Caesarea schrieb eine Weltchronik und eine
Kirchengeschichte bis 323, die als historiographische Leistungen langehin Vorbild
waren. Bedeutsam ist auch seine Arbeit an der Bibelübersetzung. Hieronymus hat die Arbeit
des Eusebius fortgeführt und die in der katholischen Kirche bis in das 20. Jh
gültige Bibelübersetzung geschaffen.
|
| Was die Systematik anlangte, so hat Augustinus in seiner Schrift "De doctrina christiana" praktisch die stoische
Triade in christlich-theologischer Verbrämung übernommen:
|
| Ethik: philosophia moralis, Gott als
Grund der Lebensweise
|
| Physik: philosophia naturalis, Gott
als Grund der Substanz
|
| Logik: philosophia rationalis, Gott
als Grund der Erkenntnis
|
| Um 500 gliedert Boethius
(480-525), auf Aristoteles aufbauend, die theoretischen Wissenschaften aus und
unterteilt sie nach dem Grad ihrer Abstraktheit:
|
| Naturalia =Naturwissenschaften
|
| Mathematica = Mathematik
|
| Metaphysica = theologische
Wissenschaften.
|
| Das zentrale und wirksamste Gliederungsprinzip hinsichtlich des
Wissens blieb aber das der septem artes liberales.
Es darf dem Umstand, dass dieser verfestigte Kanon als durchgehendes Element bis in
die Gegenwart den Kern aller wissenschaftlichen Betätigung blieb, enorme Bedeutung
beigemessen werden. Es ist nämlich damit ein außerhalb der Glaubenslehre stehender und
von dieser nicht angefochtener, schließlich im 13. Jh sogar als für die Glaubenslehre
selbst anwendbar bezeichneter Bereich geistiger Tätigkeit akzeptiert worden, aus dem
heraus schließlich in der Spätscholastik und endgültig in der Neuzeit die
Rationalisierung des abendländischen Weltbildes erfolgte. Darin besteht ein sehr
wesentlicher Unterschied zu anderen Kulturen, in denen eine derartige Entwicklung
unterblieben ist.
|
| Die Kontinuität der Entwicklung wurde wesentlich getragen vom
insularen Bereich, der nie vollständig unter römische Herrschaft gelangt war, in dem
das Christentum erfolgreich Fuß gefasst hatte und wo sich Skriptorien als zentren
geistiger Arbeit ausformten, denen die Überlieferung zahlreicher Texte und der höchste
Blüten der mittelalterlichen Buchkunst zu verdanken sind. Im Wege der iro-schottischen
Mission ist schließlich die Rückführung auf den Kontinent erfolgt. In dieser Tradition
ist Beda
Venerabilis zu sehen, der als einer frühesten und als der bedeutendste
frühmittelalterliche Autor vor der karolingischen Renaissance gelten kann.
|
|
|
| Der Prozeß der Übernahme des verlorengegangenen Wissens des
klassischen Altertums im Verlaufe des ausgehenden Hochmittelalters ist in Gang gebracht
und wesentlich bestimmt worden durch die Überlieferung im Wege der Übersetzungen aus dem
Arabischen. Die griechische Autoren sind – vielfach durch Syrer – im 8.–10. Jh in einem
ersten, wesentlich durch die Abbasidenkalifen210 ermöglichten Übersetzungswerk aus
dem Griechischen in das Arabische und dann – im 12 und 13. Jh – einem zweiten
Übersetzungswerk aus dem Arabischen in das Lateinische übersetzt worden. In diesem
zweiten Übersetzungswerk haben auch jüdische Übersetzer und Übersetzungen in das
Hebräische eine wichtige Rolle gespielt. Erst im 13. Jh wird dann (z.T. in Zusammenhang
mit den Kreuzzügen ermöglicht) aus der griechischen Originalsprache in das Lateinische
übersetzt, soweit noch griechische Überlieferungen vorhanden waren.
|
| Die Muslime haben die griechischen Texte nicht nur übersetzt, sondern
natürlich auch inhaltlich rezipiert und zur Grundlage ihrer eigenen weiterführenden
wissenschaftlichen Arbeit gemacht. Im Wege der nachfolgenden Übersetzungen aus dem
Arabischen in das Lateinische haben sie somit nicht nur die griechsichen Texte in
arabischer Fassung samt reichen Kommentare zu den griechischen Autoren weitergegeben,
sondern auch durch ihre eigenen fortführenden und in vielen Bereichen erheblich über
Status der griechischen Erkenntnisse hinausgehenden Arbeiten den „Westen“ stark
beeinflusst. Das bekannteste Beispiel ist wohl der Philosoph Averroes, dessen Auffassung vor allem den für die weitere Entwicklung so
maßgeblichen Thomas
von
Aquin, aber auch andere Denker in wesentlicher Weise beeinflusst hat.
|
| Der Koran fordert Lernen und Erforschen der Natur211 – Wissen und Vermehrung
des Wissens werden als Gottesdienst angesprochen, indem sie der besseren Erkenntnis
Gottes dienen. Dabei ist es gleichgültig, woher das Wissen erworben wird – „suche Wissen, auch wenn in China“, heißt es in der
Tradition von Mohammed, „erwirb Weisheit, aus welcher Quelle
sie stammen mag [...] empfange Wissen, sogar von
den Lippen der Ungläubigen“. Al-Kindi schreibt im 9. Jh „Wir sollen uns nicht schämen, die Wahrheit anzuerkennen und sie uns
anzueignen, aus welcher Quelle sie auch stammen mag. Für jenen, der Wahrheit sucht,
gibt es keinen höheren Wert als die Wahrheit selbst. Sie setzt den, der sie sucht,
niemals herab“212.
|
| Ganz ähnliche Ansätze liegen im Judentum vor: das Wort „Thora“ bedeutet
„Lehre“, Midrasch, Mischna, Gemara, Talmud bedeuten „Forschung“, „Einprägung“,
„Folgerung“ und „Studium“; ein zentrales jüdisches Gebet apostrophiert Gott in Bezug auf
Lehre: „Du begnadest den Menschen mit Erkenntnis und
lehrst den Menschen das Verstehen, begnade uns von Dir mit Erkenntnis, Einsicht und
Verstand!“213; auch der
Gottesname JHWH wird in seiner Nähe zum Futurum von „sein“ in diese Richtung
intepretiert.
|
| Der Rezipierungsprozeß „der Araber“ wurde auch dadurch gefördert,
daß das Arabische als Sprache sich hervorragend zur exakten Erörterung von Problemen
eignet. Als günstig erwies sich zweifellos auch die Einführun des Papiers als
Beschreibstoff214.
|
| „Die Araber“ verfügten anfangs außerhalb des Korans über keine eigene
Philosophie, dürften jedoch sehr früh aus dem mittelpersischen Bereich beeinflusst
worden und insoferne gewissermaßen auf die Rezipierung der griechischen Autoren zur Zei
der Abbasidenkalifen vorbereitet gewesen sein. Im Zuge der Rezipierung lösten sich
offenbar persischer und indischer, dann erst griechischer Einfluss als prägende
Wissenschaft ab – die Rezipierung der wissenschaftlichen Texte der Antike erfolgte
jedenfalls nicht in ein Vakuum hinein. Der deutsche Arabist und Mathematikhistoriker
Julius Ruska schrieb bereits 1917: „Es kann nicht oft
und nachdrücklich genug gesagt werden, dass die Araber, die die persischen und
römischen Provinzen überfluteten, weder Rechtswissenschaften noch Staatsverwaltung
fertig mitbrachten, sondern gezwungen waren, die Verwaltungsmethoden und Rechtsformen
der eroberten Länder im wesentlichen unverändert zu übernehmen. Daß es ihnen mit
erstaunlicher Schnelligkeit gelang, sich in größere Verhältnisse hineinzufinden und
nicht nur die nur die staatlichen Einrichtungen, sondern auch alle anderen früchte
einer alten, ausgereiften Kultur sich zu eigen zu machen, ist bekannt. Das wäre aber
gewiß unmöglich gewesen, wenn der geistige Abstand zwischen dem Eroberervolk und den
zeitgenössischen Persern, Griechen und Ägyptern so groß gewesen wäre, wie man es bis
in die neueste Zeit anzunehmen pflegte. Insbesondere darf man sich die städtischen
Araber, die Träger der geistigen und politischen Bewegung, nicht als halbe Wilde
vorstellen, die vor dem Auftreten Muhammeds jedem Kultureinflusse von seiten der
Nachbarvölker unzugänglich gewesen wären oder gar in der Zeit, zu der sie für die
Geschichte der Mathematik wichtig werden, kaum hätten schreiben können“215. Als übermächtig im
Rezipierungsprozess erwies sich sehr rasch griechischer Einfluss und hier insbesondere
die Philosophie des Aristoteles, den Ibn Rushd (lat. Averroes) seiner überragenden Bedeutung wegen einfach
mit „der Philosoph" bezeichnet216. Ibn Sina (lat. Avicenna) hat um das Jahr 1000 einen Kommentar des Aristoteles
in 20 Bänden erstellt, der allerdings nur indirekt und fragmentarisch durch den
Kommentar des Michael
Scotus erhalten ist. Averroes scheitert, weil er zu sehr das Fremde, das Heidnische, das
Griechische betonte, so daß man seine Lehre – bis heute! – als für den Islam gefährlich
einstufte.
|
| Der Prozess der Rezipierung der griechischen Philosophie setzte im
ausgehenden 8. Jh ein und fiel wesentlich in jene Zeit, in der auch – insbesondere unter
Harun
al-Raschids Nachfolger al-Mamun
– die eher rationale religiöse Richtung der Mutaziliten217 gefördert wurde, sodaß der
Rezipierungsprozess relativ unbeeinflusst vor sich gegehen konnte und die
wissenschaftliche Arbeit rein weltlichen Charakters von Fürsten und Kaufleuten betrieben
bzw. gefördert wurde218 – der
Prozess ähnelt stark dem in der Renaissance, weniger dem christlichen Mittelalter. Vice
versa scheint dieser Prozess die Position der Mutazila gestärkt zu haben, die die Lehre
der Prädestination leugneten, die Willensfreiheit des Menschen und die Auffassung
vertraten, dass der Koran für die Menschen in einer bestimmten zeitlichen Situation
unter bestimmten Umständen geschaffen worden sei, also keine absolute ewige Gültigkeit
beanspruche. Als der sunnitisch-orthodoxe Nachfolger al-Mamuns, al-Mutawakkil (847–861), die Richtung der Mutazila verdammte, hatte dies eine
Polarisierung zwischen mohammedanischer Orthodoxie und Assimilation und zu Ende des
10. Jhs den Rückzug der Mutazila in den persischen Bereich zur Folge219. Es war dies eine weitreichende Entscheidung, denn
damit scheiterte auch der Versuch, die philosophischen Lehrinhalte der aus der
griechischen Antike überkommenen Wissenschaft mit dem Koran in Einklang zu bringen, und
der Dogmatismus der islamischen Orthodoxie nahm mehr und mehr zu und sich verhärtete
sich – eine der zentralen Figuren in diesem Prozess war al-Ghazali. Damit wurde aber ein Kompromiß zwischen fides und ratio, wie er im
lateinischen Bereich im Übergang vom 13. auf das 14. Jh erreicht wurde (und in dem auch
Averroes
eine wichtige Rolle spielte), verhindert220. Bedeutsam war dabei, dass es an einem
durchgängigen Ausbildungssystem mit einem festen Kanon, wie den septem artes, mangelte. Als ein derartiges System mit den Medresen
ab der Mitte des 11. Jhs durch die Seldschuken-Herrscher geschaffen wurde, bezweckte es
die Ausbildung von Theologen, Rechtsgelehrten und von Verwaltungsbeamten, bewirkte im
Wege der bevorzugten Bestiftung in Zusammenhang mit Moscheen den Untergang der
zahlreichen freien Bibliotheken und die Koppelung der Medresen an die Moscheen, sodaß
ein Typus von Koranschulen entstande, der eine freiere, nicht an die Theologie gebundene
Entwicklung wissenschaftlicher Betätigung nicht mehr zuließ221. 1195 ist Averroes
wegen seiner philosophischen Ansichten, die als mit dem Koran unvereinbar beurteilt
wurden (was bis heute aufrecht ist), verurteilt und verbannt worden – „Mit der Verurteilung des Averroes endete die wissenschaftliche Kultur der
arabischen Welt; der Sieg der philosophiefeindlichen Theologen war endgültig und die
arabischen Länder schieden aus der Geschichte der Philosophie aus“ – so urteilt
Kurt Flasch222; und dieses Urteil ist dahingehend zu ergänzen, daß
die islamischen Länder nicht nur aus der Geschichte der Philosophie, sondern –
naheliegenderweise – auch aus der Geschichte der Wissenschaft ausschieden. Es ist
bezeichnend, dass keiner der Beiträge in der 1996 erschienenen und zu einem erheblichen
Teil von Muslimen bestrittenen „Encyclopedia of the History of Arabic Science“ in
essentiellen Belangen zeitlich über den Beginn des 15. Jhs hinausgeht.
|
| Ähnlich wie die Griechen sind die Araber und in ihrem Gefolge
andere muslimische Völkerschaften in den Prozess systematsichen und organisierten
Denkens eingetreten. Sie habe, ohne über ein besonderes eigenständiges kulturelles
Substrat zu verfügen, rezipiert, was ihnen zur Verfügung gestellt wurde: die
Errungenschaften der Griechen, Vieles aus dem indischen Bereich und dann wohl auch
Einiges im Kontakt mit China.Wie bereits angedeutet, haben die Muslime nicht
reflexionslos rezipiert. Man sich sehr früh bemüht, die in der zu übersetzenden
Literatur vorgefundenen Ergebnisse zu überprüfen – so hat man beispielsweise im Zuge der
Übersetzung des Almagest des Ptolemaios die Angaben hinsichtlich des Erdumfanges eigenständig überprüft,
indem man die Distanz zwischen zwei Orten, die nun wirklich in einer Distanz von einem
Grad an einem Meridian lagen, mit einer Kette ausmaß. Man arbeitete sich im Zuge der
Übersetzung in die Materie ein und verfeinerte z.B. die astronomischen Messungen durch
die Herstellung immer größerer und damit auch genauerer Instrumente, sodaß man zu
Ergebnissen gelangte, die z.T. erst durch Tycho
Brahe überboten worden sind. In der Mathematik erzielte man enorme
Fortschritte, die die Ablösung dieses Bereiches als einer eigenständigen Disziplin von
der Astronomie, der sie bsi dahin im Wesentlichen gedient hatte, bewirkte. So haben auf
Grundlage des Übernommenen die Muslime – Araber erst, dann Perser, Mongolen und
Angehörige der zahlreichen Völkerschaften, die im Verlaufe des 11. und 12. Jhs in den
Vorderen Orient und in den mittleren Osten strömen, bis hin zu Chinesen, die an
muslimischen Observatorien im persischen Raum unter mongolischer Herrschaft
mitgearbeitet haben – in der Folge in nahezu allen wissenschaftlichen Bereichen ihrer
Zeit Großes geleistet. Dies gilt ganz besonders für die Astronomie, die Mathematik, für
Teilbereiche der Physik und für die Geographie. Sie haben außerdem gigantische
zusammenfassende Werke verfaßt, über die aus sprachlichen Gründen im Westen nur wenig
oder eigentlich so gut wie nichts bekannt ist, da sie wegen ihrer Dimension nie
übersetzt worden sind223.
|
| Im muslimischen Raum haben sich im Wesentlichen drei geistige
Bereiche mit z.T. wechselnden Zentren von hohem Rang ausgebildet: der Osten mit dem
abbassidische Bagdad, später mit Zentren wie Maragha, Rayy und Isfahan, dem Raum um
Sarmakand und Buchara sowie der Westen auf der iberischen Halbinsel und im Maghreb, vor
allem aber mit dem Umayyaden-Khalifat Cordoba. Nicht ganz diese Bedeutung zu erlangen
vermochte Kairo unter fatimidischer Herrschaft224,
speziell unter al-Hakim.
|
| Von großer Bedeutung waren die hervorragende Organisation der muslimischen
Städte, wie sie zuerst in Bagdad erkennbar ist und die der Entwicklung eines intensiven
geistigen Lebens sehr förderlich war – mit öffentlichen Bibliotheken, hervorragend
organisierten Lehrkrankenhäusern, und die Ausformung lokaler, von Herrschern großzügig
geförderter Wissenschaftszentren (meist aus der Befassung mit der Astronomie heraus an
großen Observatorien wie etwa in Maragah225). Ein weiterer
wesentlicher Umstand war, dass mit dem Arabischen eine lingua franca eines Raumes zur Verfügung stand, dessen Dimension das Imperium
Romanum weit übertraf, was unter dem Aspekt hoher Mobilität und
Kommunikationsorganisation die Ausformung einer frühen scientific community ermöglichte, die allerdings weniger von durchgängigen
Strukturen als von Individuen getragen wurde.
|
| Die Verbindungen aus dem muslimischen Raum nach dem christlichen
Westen waren – nicht zuletzt unter Mitwirkung der Juden, deren viele bis in unsere Zeit
als „Araber“ angesehen worden sind – stärker und vielfältiger, als man lange angenommen
hat. Sicherlich ist diesbezüglich längst noch nicht alles bekannt.
|
| Der Stellenwert der wissenschaftlichen Leistungen im muslimischen Bereich
ist in Europa zwar in der Aufklärung als ein Element der kontinuierlichen
Fortentwicklung von Wissenschaft eingeschätzt und anerkannt worden, dann aber im Gefolge
der Historisierung und der Philologisierung mit ihrer Zentrierung auf das klassische
Altertum im 19. Jh in den Hintergrund gerückt226. Dies führte dazu, dass in der
europäischen Wissenschaftsgeschichtsschreibung um 1900 und noch weiter im 20. Jh
verschiedentlich behauptet wurde, dass die Muslime das Wissen der Griechen nur rezipiert
und (unverändert) weitergegeben hätten, sodaß man erst im Spätmittelalter in Europa die
griechischen Errungenschaften, wo z.B. Ptolemaios aufgehört hätte227, fortgeführt habe. Dies ist eine enorme Fehleinschätzung, die
sich bis in die zweite Hälfte des 20. Jhs gehalten hat und gegen die nun von Seiten
muslimischer Wissenschaftshistoriker zu Recht angekämpft wird. Dem steht freilich
gegenüber, dass der muslimische Bereich bis heute selbst über keine hinreichende
Darstellung der wissenschaftlichen Leistungen zu verfügen scheint228 und seinerseits den Mangel an Übersetzungen in
westliche Sprachen beklagt, obgleich doch in den umfassenden Arbeiten von Fuat Sezgin
eine höchst beeindruckende und umfassende Darstellung des arabisch-muslimischen
Schrifftums bis in die Mitte des 11. Jhs vorliegt229, die allerdings (vermutlich weil
in deutscher Sprache) vergleichsweise wenig wahrgenommen wird.
|
| Das irrige Bild ist eine Folge des Umstandes, dass das europäische
Bildungsideal durch den Neuhumanismus und aus der Kenntnis des Griechischen und des
Lateinischen heraus geprägt ist und die Wissenschaftsentwicklung in diesem Kulturbereich
dementsprechend als die genuine und vertraute Grundlage der Entwicklung in Europa
empfunden wurde, während kaum ein europäischer Wissenschaftshistoriker des Arabischen
mächtig ist, weshalb die Einschätzung der Leistungen der Muslime auf sehr schmaler
Quellengrundlage und aus dieser abgeleiteten Rückschlüssen beruhte. Erst in jüngster
Zeit – nicht zuletzt ausgelöst durch neue Manuskriptfunde um die Schule von Maragha –
wird von Seiten muslimischer Wissenschaftler versucht, dieses Bild zu korrigieren, wobei
es naturgemäß wohl auch zu mitunter überzogenen „Korrekturen“ kommen wird230.
|
|
|
| In Bagdad gab es, nach der Machtübernahme durch die Abbasiden
im Jahre 749, von etwa 754-861 eine Epoche spezieller intensiver
Wissenschaftsförderung. Es entstand dort unter dem Sohn Harun Al-Raschids
(786-809), Al-Mamun231 (813/819-833) um 825-830 aus einer berühmten
nestorianischen Schule für Theologie, Naturwissenschaften und Medizin das sogenannte
"Haus der Weisheit" (Dar el Hikhma, Bayt
al-hikmah) – eine Art Akademie mit einer zweifellos höchst wertvollen Bibliothek, an
der eine Reihe von Wissenschaftlern beschäftigt war, die sich mit der Übersetzung
wissenschaftlicher Werke in das Arabische befassten – Vorbild dafür war möglicherweise
die bereits seit 271 nChr bestehende Sassaniden-Akademie in Jundischapur232; als Leiter sind der Nestorianer233
Hunain Ibn
Ishaak und nach ihm Thabit Ibn qurra bekannt. Dennoch ist die Rolle
dieser Institution nicht wirklich fassbar – die Mehrzahl der Übersetzer bezieht sich
auf konkrete Anregungen oder Aufträge durch den Kalif oder hochrangige Mitglieder des
Hofes. Die in einer neueren Arbeit entworfene Vorstellung von der Organisation der
Institution, derzufolge ein Sekretär einen richtigen Übersetzungsbetrieb organisiert
haben sollte, ist mittlerweile wieder verworfen worden. Die Aufgabe der Einrichtung
war offenbar nicht mehr, als Manuskripte und Übersetzungen zur Verfügung zu stellen.
Vermutlich hat das Bayt al-hikma als in die Entwicklung der Mutazila involvierte
Institution die sunnitisch-orthodoxe Reaktion des Nachfolgers von al-Mamun, al-Mutawakkil (847–861), der die Richtung der Mutazila verdammte, wenn
überhaupt, nur mit Mühe überstanden.
|
| Sicher ist, dass man in Bagdad wissenschaftliche Schriften aus allen
Ländern sammelte und aus dem Griechischen, Syrischen, Persischen und "Indischen" ins
Arabische übersetzte. Hauptsächlich interessierte man sich für naturwissenschaftliche
und philosophische Werke. Deshalb wurden die klassische griechische Literatur – die
großen Tragiker, Aristophanes etc. – und die Historiographie der Antike eigentlich erst in
der Renaissance entdeckt, als man wieder direkt auf die antiken Texte zurückgriff.
Dieser Umstand hat wohl auch wesentlich zur Entstehung der Kluft zwischen den
Naturwissenschaften und den Humaniora beigetragen.
|
| Sehr rasch wurden der gesamte damals bekannte Aristoteles und Galen übersetzt sowie große Teile des Euklid,
Ptolemaios und hippokrates von Kos234. Zur Sammlung der Vorlagen wurden sogar Kommissionen nach
Byzanz und Indien entsandt235. Doch nimmt man heute an, dass diese Aktionen von
inferiorer Bedeutung gewesen seien gegenüber dem Umstand, dass im hellenistischen Raum
des Vorderen Orients einschließlich Ägyptens zahlreiche Institutionen, vielfach
christliche Klöster, noch immer existierten, die über wesentliche Teil des alten
Wissengutes verfügten, und oft auch ihrerseits in das Syrische übersetzten, sodass
Übersetzungs- und Arbeitsunterlagen wohl schneller und leichter von dort denn aus
Byzanz zu beschaffen waren – wozu nicht nur al-Mamun, sondern auch wohlhabender Privatpersonen, wie etwa die Banu
Musa, beigetragen haben.
|
| Insgesamt kann dieser Prozess aber wohl als ein wissenschaftlicher
Konzentrierungsprozeß betrachtet werden, der vielleicht den beim Aufbau des Museions
noch übertroffen hat, indem er eine größere Vielfalt wissenschaftlicher Kenntnisse und
Bereiche zusammengeführt haben mag – griechisches, indisches, südostasiatisches und
vielleicht auch chinesisches Wissen dürften hier in der einen oder anderen Weise
Eingang gefunden haben.
|
| Große Bedeutung für das Übersetzungswerk im Osten hatten |
| – |
die christlich-nestorianischen
syrischen
Gelehrten, die viele Texte ins Syrische übersetzt
hatten und sich offenbar – da sie ja in Byzanz als Ketzer betrachtet wurden und sich
mit der Staatskirche nicht verstanden – sehr rasch mit den neuen Machthabern
angefreundet haben, die ihnen ihre Religion beließen. Nicht zu übersehen ist dabei
allerdings, daß die Nestorianer primär an der Theologie und weniger an der
Philosophie interesssiert waren. Ihre Zentren waren erst die Schule von Edessa
(heute Urfa in der Türkei), die wegen des herrschenden Nestorianismus auf Befehl
Kaiser Zenons 489 zerstört worden war, und daraus hervorgehend die Schulen zu
Nisibis (im oberen Mesopotamien) und zu Jundischapur (südlich des heutigen Dezful im
Iran) unter den persischen Sassaniden.
|
| – |
die syrischen
Monophysiten, die insbesondere in den Aristoteles-Studien an den Schulen zu Rasain und Kinnesrin in Syrien, in
der Gegend von Aleppo, hervortraten.
|
| – |
und letztlich muß bewußt wahrgenommen werden, daß es auch arabisch-christliche
Gelehrte gab, deren Leistungen von den Muslimen
sehr wohl anerkannt worden sind.
|
|
| Die wichtigster Übersetzer in Bagdad: |
|
|
| Ibn Matar
hat erstmals Euklids Elementa übersetzt (und zwar zweimal, einmal unter Harun-al-Rashid und einmal unter Al-Mamun; beide Übersetzungen sind
verloren), 829/30 übersetzte er den Almagest des Ptolemaios aus dem Syrischen unter dem Titel "Kitab al-mijistis" (woraus
die Bezeichnung "Almagest" entsteht); andere Schriften zur Algebra und Geometrie
folgten: Er wird als Zeitgenosse des Al-Khwarizmi beschrieben.
|
|
|
| Er war Nestorianer, arbeitete zuerst in Jundischapur, dann in
Bagdad, wo er selbst übersetzte und die Übersetzungstätigkeit leitete und auch
korrigierte. Hunain hat selbst die Methode des Übersetzens erläutert und
beschrieben – er ist Anhänger der inhaltlichen Durchdringung und "Nacherzählung",
nicht der sklavischen wortweisen Übersetzung und versucht auch, mehrere
Handschriften mit einander zu vergleichen. Was er nicht versteht, übersetzt er auch
nicht; Hunain gibt auch eine Kritik bereits gelieferter Übersetzungen
anderer.
|
| Hunain sammelte und übersetzte systematisch griechische
medizinische Literatur (Galen, Hippokrates
von Kos, Plato, Aristoteles, Dioscorides, und das Opus quadripartitum des Ptolemaios). Er spielte hinsichtlich der medizinischen Literatur in etwa
die Rolle des Ibn Qurra hinsichtlich der mathematischen und astronomischen
Texte.
|
| Über seine Übersetzungstätigkeit hinaus verfaßte Hunain aber auch
eigenständige Werke, so zur Ophthalmologie und eine vor allem später unermeßlich
weit verbreitete Einführung in Galens „Ars parva“, aber auch Arbeiten zu physikalischen Fragen
(Regenbogen-Theorie, Gezeiten, Meteore etc.). Darüber hinaus war er auch als
Philologe tätig und erarbeitete eine syrische Grammatik, das „Buch der
(diakritischen) Punkte“, und das älteste Wörterbuch zur Erläuterung griechischer
Worte im Syrischen.
|
| Hunain kommt überragende Bedeutung zu; dies kommt auch in
Beurteilungen seitens der neueren Forschung zum Ausdruck, in der er als „Erasmus der
islamischen Renaissance“, als „Cicero der arabischen Literatur“ und ähnlich
bezeichnet worden ist.
|
| Sein gleichnamiger Sohn (gest. 910) führte die Übersetzungstätigkeit
fort.
|
|
|
| Ibn Qurra stammte aus Harran und gehörte der Gruppe der
Sabier von Harran an (Anhänger einer alten mesopotamischen Gestirnsreligion); er war
als Mathematiker, Astronom, Astrologe, Mediziner etc. tätig, vor allem aber auch als
Übersetzer, ja er begründete eine Schule von Übersetzern, meist Familienmitglieder;
er persönlich war einer der wichtigsten Übersetzer aus dem Griechischen in das
Arabische überhaupt. Übersetzte Apollonios, Euklid (erhalten!), Theodosius, Archimedes, Ptolemaios, Galen, Eutrocios, etc. Als Mathematiker entwickelte er die Theorie
verwandter Zahlen, in der Astronomie fügte er den acht Sphären des Ptolemaios eine 9. Sphäre hinzu für die irrig angenommene Schwankung der
Äquinoktien (er ist für die Verbeitung dieses Irrtums verantwortlich). Schrieb
selbst auf Arabisch und auch in Syrisch (Aramäisch).
|
|
Um 900 waren in einem etwas über hundert Jahre
dauernden Prozeß die wichtigsten griechischen Autoren ins Arabische
übersetzt.
|
| Das zweite Zentrum war nach der Übernahme durch die Umayyaden
982 (bis 1031) die Stadt Cordoba, im 10. Jh nach
Byzanz die größte Stadt Europas236. Der Kalif von Cordoba verfügte über eine Bibliothek von
angeblich 400.000 Bänden.
|
| Der enorme Reichtum der islamischen Herrscher ermöglichte es ihnen, an
ihren Höfen Wissenschaftler in großer Zahl zu halten, und auch sie selbst
beschäftigten sich vielfach sehr ernsthaft mit wissenschaftlichen Studien. In
besonderem Maße gilt dies für die Astronomie, die besondere Förderung erfuhr, sodaß
die Observatorien in Bagdad, in Maragha und in Sarmakand große Gelehrtenzentren
waren, an denen Astronomie und Mathematik gepflegt wurden.
|
|
|
| Die früheste Systematik ist bei al-Kindi (800-873) erkennbar, der seinen „Brief über die Zahl der Bücher des
Aristoteles und was für das studium der Philosophie nötig ist“ mit der Reihung der
Werke des Aristoteles beginnt237:
Logik > Physik > Metaphysik > Theologie > Moral >
Sonstiges. Das Studium der Philosophie müsse beginnen mit der Mathematik – Arithmetik
> Geometrie > Astronomie > Musik.
|
| Eine frühe Systematik erstellten die in der 1. H. des 10. Jhs in der
Mitte zwischen Ultraorthodoxen und Ultramodernen stehende und der Bewegung der
Mutaziliten zuzurechnende Gruppe der Getreuen von
Basrah, auch als "Lautere Brüder" bezeichnet, die eine relativ verworrene,
vielfältig eklektizistische aus 51 Abhandlungen bestehende Enzyklopädie der Wissenschaften (Ihwan al-Safa) erarbeiteten, die
letztlich aristotelisch und in vier Gruppen gegliedert ist:
|
| 1 |
Propädeutik und Logik, |
| 2 |
Physik und Anthropologie, |
| 3 |
Lehre von der Weltseele, |
| 4 |
Theologie. |
|
| Ihre Wissenschaftssystematik sieht neun Bereiche vor: 1 Der
Schöpfer, 2 Der Intellekt, 3 Die Seele, 4 Die Materie, 5 Die Natur, 6 Der Körper,
7 Die Sphären, 8 Die vier Elemente, 9 Die irdische Welt: Minerale, Pflanzen,
Tiere.
|
| Muhammed ibn Ahmad al-Khwarizmi (Ende 10. Jh, nicht zu verwechseln mit dem berühmten
Mathematiker) stellte u.a. eine umfassende systematisierende Enzyklopädie zusammen:
Die Schlüssel der Wissenschaft, in welchem Werk er
die Wissenschaften in zwei Gruppen teilt, die klar einen kulturbezogenen Hintergrund
haben:
|
| 1 |
die genuin arabischen Disziplinen: Jurisprudenz,
(muslimisch-)scholastische Theologie, Grammatik, Sekretärswesen–Administration,
Prosodie und Dichtung, Geschichte, und
|
| 2 |
die exotischen, rezipierten Disziplinen: Philosophie, Logik,
Medizin, Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musik, Mechanik (Lehre von den
Erfindungen), Alchemie.
|
|
| Die Systematiken so bedeutender Gelehrter wie al-Farabi und Avicenna sind klar von Aristoteles beeinflusst und unterscheiden jeweils zwischen einer
theoretischen und einer praktischen Ausformung der einzelnen Disziplinen.
|
| Al-Farabi (870–950) listet in seiner Abhandlung „Ihsa al-ulum“
(Die Aufzählung der Wissenschaften) auf:
|
| – |
Sprachwissenschaft im Sinne |
|
| • |
des Verständnisses dessen, was die Nationen und die Wissenschaften
inhaltlich heißen sollen
|
| • |
des Wissens um die Regeln, die dem Sprachgebrauch der Nationen
zugrunde liegen
|
|
|
|
| • |
der Überlegungen, die man für sich selbst anstellt, |
| • |
der Regeln, die der Rede, also der Auseinandersetzung mit anderen,
zugrunde liegen
|
|
| – |
Mathematische Wissenschaften |
|
| • |
Arithmetik |
|
– praktisch und theoretisch |
| • |
Geometrie |
|
– praktisch und theoretisch |
| • |
De aspectibus, d.h. wie die Dinge uns erscheinen (was einen
Unterschied macht zu dem, was und wie sie sind)
|
| • |
Astronomie |
|
– Ordnung der Gestirne, die Prognose gestattet und mathematische
Behandlung des laufes der Gestirne
|
| • |
Musik |
|
– praktisch und theoretisch |
| • |
Wissenschaft vom Gewicht und davon, wie es festgestellt wird (von den
Waagen)
|
| • |
Wissenschaft von der Herstelllung von Instrumenten, Waffen, Gebäuden etc.,
wozu man die Mathematik benötigt
|
|
| – |
Physik, d.h. Naturwissenschaften – von den natürlichen Körpern,
al-Farabi bezieht sich konkret auf Aristoteles |
| – |
Theologie oder Metaphysik |
| – |
Politische Wissenschaften – alles, was den Menschen und sein
Verhalten betrifft.
|
|
| Auch Avicenna hat – unter dem Einfluß des Aristoteles und in der alexandrinischen spätantiken Tradition stehend – in
seinem Hauptwerk eine Gliederung der gesamten Philosophie vorgenommen, die er in
anderen Werken inhaltlich ausgeweitet hat:
|
| A |
Logik |
|
Eisagoge, Kategorien, De Interpretatione, Syllogismus (= Erste
Analytik), Beweis (= Zweite Analytik), Dialektik (= Topik), Sophistik, Rhetorik und
Poetik
|
| B |
Theoretische Philosophie resp. Wissenschaften |
|
Höchste Wissenschaft: die Theologie, Metaphysik |
|
|
„Mittlere“ Wissenschaften: |
|
|
Mathematik: Primäre = reine Mathematik: Arithmetik, Geometrie;
Sekundäre = angewandte Mathematik: Rechnen, Algebra, Flächenmessung. Mechanik,
Zugkraft, Waagen und Gewichte, Graduierte Meßgeräte, Optische Apparate und
Spiegel
|
|
Astronomie: Primäre = reine theoretische Astronomie; Sekundäre =
angewandte Astronomie: Aufstellung von astronomischen Geräten und geographischen
Tabellen
|
|
Musik: Primäre = reine Musik: Musik (Theorie); Sekundäre Musik:
Musikinstrumente
|
|
Physik: Primäre = reine Physik: Wissenschaft von Materie, Form
und Bewegung, von den primären Körpern, aus denen die Welt besteht, von den
Elementen, vom Entstehen und Vergehen, von den Himmelskörpern und Meorologie, von
den Mineralien, von den Geschöpfen, von den Pflanzen, von den Tieren, von der Seele
und ihren Fähigkeiten, von der menschlichen Seele, von der tierischen Seele;
Sekundäre = angewandte Physik: Medizin, Astrologie, Physiognomik, Traumdeutung,
Alchimie, Magie
|
|
| C |
Praktische Philosophie resp. Wissenschaften |
|
Wiss. von der Verwaltung der Städte (= Politik) |
|
Wiss. von der Führung der Hauswirtschaft (= Ökonomie) |
|
Wiss. vom Menschen (= Ethik) |
|
| In seiner Schrift zur Traumdeutung hat Avicenna bereits die drei später in der abendländischen Aufklärung zur
Grundlage der Systematik gemachten Fähigkeiten des menschlichen Geistes unterschieden:
|
| – |
Gedächtnis: memoria,
|
| – |
Verstand: ratio,
|
| – |
Einbildungskraft: imaginatio |
|
| Avicenna bemerkt dazu: "Vom Gedächtnis
wahrgenommene Erscheinungen werden durch Einbildungskraft aufgenommen, dem
Denkzentrum gemeldet, und das Denkzentrum stellt pflichtgemäß die Richtigkeit oder
Irrtümlichkeit der eingeprägten Erscheinunge fest und behält sie im Gedächtnis, um
sich im erforderlichen Augenblick an sie zu wenden."
|
| Avicenna hat damit genau jene Kriterien benannt, die später die
abendländischen Klassifikationen bei Huarte, bei Francis
Bacon und der Enzyklopädisten bestimmen.
|
|
|
| Die muslimische Philosophie bedient sich der hellenistischen
Denk- und Diskussionsweise und wird auch im Zusammenhang mit der Rezeption intensiv
betrieben, um die griechisch-hellenistischen wissenschaftlichen Arbeiten besser
verstehen zu können.
|
| Für die philosophische Rezeption ist wesentlich, daß die Muslime von
vornherein nur einen neuplatonisch interpretierten Aristoteles kennenlernten und auch auf vermeintlich aristotelischen
Schriften aufbauten wie auf der sogenannten „Theologie des Aristoteles“, die in
Wahrheit eine Kompilation aus Plotins „Enneaden“ war, und auf dem „Buch der Gründe“ (eine Kompilation auf
Grundlage von des Proklos Elementen der Theologie).
|
| Alle philosophischen Bemühungen wurden letztlich immer wieder von
religiös-teleologischen Aspekten überwölbt. Bereits ab dem 9. Jh kommt es zu einer
engeren Verbindung zwischen Philosophie und Mystik.
|
|
|
| Al-Kindi gilt als der erste und größte aller arabischen
Philosophen; er stammte aus einer vornehmen arabischen Familie und trug den Beinamen
„Philosoph der Araber“. Als Prinzenerzieher am Abbasidenhof in Bagdad befand er sich
an der Quelle und vermochte so beträchtliche Kenntnisse der griechischen
Wissenschaft und Philosophie zu erwerben, er studierte eingehend – vom
neuplatonischen Gesichtspunkt aus – den Aristoteles, galt auch weiterhin den Muslimen als der erste und
entschiedene Aristoteliker; seine Originalität wird allerdings nicht als sonderlich
hoch eingeschätzt. Von Al-Kindi sind 265 großteils verlorene Werke zur Mathematik,
Astrologie, Physik, Musik, Medizin, Pharmazie und Geographie bekannt; nur 30 Werke
in arabischer und 4 in lateinischer Sprache sind erhalten; vieles ist von Gerhard von
Cremona ins Lateinische übersetzt worden. Noch nach 1945 sind 24 Schriften
al-Kindis neu entdeckt und in Kairo gedruckt worden. Al-Kindi war auch selbst interessiert und beteiligt an Übersetzungen aus
dem Griechischen in das Arabische. Noch Cardano hat Al-Kindi zu den 12 größten Gelehrten gezählt, s.w.u.
|
| Die zwei bedeutendsten überlieferten Schriften Al-Kindis sind
|
| – |
Fi l-aql – De intellectu, eine kurze, aber sehr einflußreiche Schrift,
die die weitere muslimische und auch scholastische Philosophie maßgeblich
beeinflußt hat, da sie bereits im 12. Jh zweimal ins Lateinische übersetzt worden
ist; die darin angestellten Überlegungen beruhen auf der neuplatonischen
Interpretation des tätigen Intellekts bei Aristoteles; al-Kindi nimmt drei Stufen des Intellekts, d.h. der Erkenntnis in den
einzelnen Seelen an: potentieller Intellekt (= Denkvermögen an sich),
aktualisierter oder erworbener Intellekt (= verfügbares, aber im Augenblick nicht
tätiges Wissen) und der Intellekt, der das erworbene Wissen anwendet und damit
nach außen hin manifest wird. Diese Vorstellung ist von nachfolgenden muslimischen
Philosophen wie Al-Farabi, Avicenna
und Averroes fortgeführt und ausgebaut worden.
|
|
–
|
Fi l-falsafa al-ula – Über die
erste Philosophie, dies ist das um 840 entstandene Hauptwerk Al-Kindis; es ist unvollständig, bildet aber als „erstes Buch“ in sich
eine geschlossene Einheit. Philosophie wird hier definiert als „das Wissen um das Wesen der Dinge, soweit es dem Menschen möglich
ist“. Al-Kindi differenziert klar zwischen theoretischer und
praktischer Philosophie und fordert – Aristoteles z.T. wörtlich übernehmend – Erkenntnis ex causis. In diesem Werk findet sich auch die berühmte
Stelle, man dürfe sich „nicht schämen, die Wahrheit
anzuerkennen und zu übernehmen, von wo sie auch komme, und sei es von früheren
Generationen und fernen Völkern“. Al-Kindi schränkt den Bereich der
Philosophie allerdings ein: sie könne den Menschen nur schrittweise an die
Wahrheit heranführen, während in der Offenbarung den Menschen die ganze Wahrheit
zuteil werde, da es sich dabei um göttliches Wissen handle. Alles, was nicht
bewegt sei, ist für Al-Kindi Gegenstand der Metaphysik.
|
|
Die Welt war für al-Kkindi nicht ewig: Gott ist
Schöpfer der Welt, die nicht ewig ist – weil sie von ihm erschaffen wurde; alles
ist endlich außer Gott, er vertritt diesbezüglich Platons Anschauungen – es sei unmöglich, daß die Vergangenheit unendlich
sei, wenn sie aber endlich ist, muß die Welt erschaffen sein, und zwar willentlich
aus dem Nichts. Die äußerste Sphäre des Kosmos ist für ihn lebendig und überträgt
das Leben auf die Welt. Gott hat keine Qualität, Quantität, Relation oder sonst
etwas, er ist die reine Einheit (die sich auch in den Erscheinungen der Natur
erkennen lasse), das Eine an sich, er kann auch nicht als Teil, Alles, Seele oder
Geist oder Bewegung gesehen werden. Die Seele ist ihm eine unsterbliche Substanz.
|
|
| In seiner Philosophie hält sich Al-Kindi an die Dogmen
des Islam und ordnet das rationale Denken im Zweifelsfalle diesen unter. So strebt
er nach einer der Verbindung der islamischen Theologie mit der
aristotelisch-neuplatonischen Philosophie.
|
|
|
| Neben Al-Kindi steht in der 1. H. des 10. Jhs die in
der Mitte zwischen Ultraorthodoxen und Ultramodernen stehende und der Mutazila
zuzurechnende Gruppe der Getreuen von Basrah (zu
deren Wissenschaftssystematik s.w.o.). Den Kosmos fassten die Getreuen von Basrah in
Analogie zum Körper des Menschen auf, und sie entwickeln in diesem Zusammenhang eine
Seinskette, die von der unbelebten Natur, den Mineralien über die Pflanzen und
schließlich die Tiere zum Menschen erstreckt – man hat diese Auffassung
verschiedentlich als eine frühe Form des Darwinismus interpretiert, was aber
insoferne nicht zutrifft, als man sich eine gegeben gestufte Hierarchie und nicht
eine Entwicklung, Evolution vorstellte.
|
| In religiöser Hinsicht waren die Getreuen von Basrah – ihrem
Eklektizismus entsprechend – eher liberal. Ihre Schriften erfreuten sich großer
Beliebtheit.
|
| Dieser Gruppe stand nahe: |
|
|
| Rhases war einer der berühmtesten Ärzte überhaupt; er wurde
als Freidenker, der jegliche Offenbarung ablehnte, angefeindet, weshalb sein Werk
auch nur fragmentarisch und z.T. sekundär aus Kritiken überliefert ist. Rhases
stellt gewissermaßen den Höhepunkt einer „arabischen Aufklärung“ dar (s.w.u.) und
vertrat die Philosophie Platons
|
| – |
as-Sira al-falsafiya – Die
Lebensweise eines Philosophen ist eine Art Rechtfertigungsschrift am Ende
seines Lebens. Philosophie ist ihm eine Nachahmung Gottes durch das Streben nach
Wissen, Ziel ist es, ein Maximum an Lust bei einem Minimum an Leid für sich und
alle anderen Lebewesen zu erlangen, Leid dürfe nur zugefügt werden, wenn daraus
der Menschheit ein größeres Gut entstehe. Die Welt sei aus fünf Urprinzipien
hervorgegangen: Gott, Materie, Seele, Raum, Zeit.
|
| – |
At-Tibb ar-ruhani – die geistige
Medizin, befaßt sich mit ethischen Fragen.
|
|
|
|
| Al-Farabi, auch der Zweite
Meister (nach Aristoteles) genannt; er stammte aus einer türkischen Familie in
Transoxanien und war einer der wegweisenden muslimischen Philosophen, der zwar den
Großteil seines Lebens in Bagdad verbrachte (wo er auch studierte), sich aber bewußt
von der Philosophie al-Kindis absetzte; seinerseits wurde er das Vorbild für Avicenna und Averroes. Al-Farabi stand ganz in der Tradition des Aristoteles, studierte aber auch Platon und die neuplatonischen Kommentare. Er war der Überzeugung, daß
nach den Griechen nun „die islamische Welt die Heimat
der Philosophie sei“ (Volpi-Rudolph). Al-Farabi ist in Damaskus gestorben,
wo sich ebenfalls ein Wissenschaftszentrum nach dem Vorbild Bagdads befand und wohin
er 942 berufen worden war. Er war einer der orginellsten muslimischen Denker und
gilt als erster muslimischer Vertreter einer nominalistischen Auffassung.
|
| – |
Kommentare zu fast allen Werken
des Aristoteles – besonders wichtig sind jene zu verlorenen Werken des
Aristoteles)
|
| – |
Kommentare zu Platons Staat und Gesetzen.
|
| – |
De intellectu et intellecto -
Psychologie – Al-Farabi greift hier die schon von al-Kindi geführte Diskussion um den Intellekt weit umfassender und
kritischer auf und unterscheidet vier Arten des Intellekts: potentialer, aktualer,
erworbener und agens. Dem Menschen ist Freiheit eigen, sie ist das Vermögen zu
wollen, was möglich ist. Wie Al-Kindis Schrift wurde auch seine bereits im
12. Jh ins Lateinische übersetzt und damit nicht nur im muslimischen Bereich,
sondern auch in der Scholastik wirksam
|
| – |
Was man wissen muß, bevor man Philosophie
studiert
|
| – |
Versöhnung zwischen Plato und
Aristoteles – beruht auf einer vermeintlich Aristoteles zugeschriebenen, tatsächlich aber von Plotin stammenden Arbeit
|
| – |
Die Ideen der Bewohner des
Musterstaates, nach Platons Staat, enthält auch ausführlichere metaphysische Überlegungen,
wobei er sich der Plotinschen Emanationstheorie bedient
|
| – |
Ihsa al-Ulum - Aufzählung der
Wissenschaften, wurde von Gerhard
von Cremona übersetzt (s.w.o.)
|
|
| Al-Farabi, der u.a. auch zu Musik und Poetik schrieb,
beschäftigte sich eingehend mit dem Gottesproblem. Erstellt eine Hierarchie der
Seinsarten absteigend vom Einen/Ersten, die 10 Intelligenzen hervorbringt. Wird dann
von Avicenna übernommen. Das Sein gliedert sich ein zufälliges und in ein
notwendiges, das erste hat eine Ursache, das zweite nicht das ist die Grundlage für
den dritten Gottesbeweis bei Thomas von
Aquin: aus der Zufälligkeit der Dinge schließen wir auf ein notwendiges
Wesen, weil sonst alles einmal nicht gewesen sein könnte, nämlich auf Gott = wir
haben nur die Ursache nicht erkannt.
|
|
|
| Auch als Dritter
Aristoteles, als Meister des Wissens, Fürst
unter den Philossophen bezeichnet. Ibn
Sina war ein Schüler des Al-Farabi und ein bedeutender Mediziner. Als
Philosoph war er der größte Vermittler des griechischen Denkens an die Welt des
Islam, wobei er die Philosophie des Aristoteles mit der des Neuplatonismus verschmolz. Ursprünglich wollte er
sich eigentlich von der griechischen Philosophie befreien und eine eigenständige
Philosophie begründen, scheiterte aber daran vollständig und wurde (und blieb) der Peripatetiker unter den arabischen Philosophen.
Den "tätigen Verstand" des Aristoteles faßte er als Weltgeist auf. Sein Hauptwerk ist
|
| – |
Al-Shifa = Sufficientiae, es umfasst Logik, Mathematik, Physik und
Metaphysik, klarer und übersichtlicher findet sich der Stoff in seinem
|
| – |
Al-Najat = Buch der Thesen und Erklärungen
|
|
| Avicenna ist der Höhepunkt der östlichen islamischen Philosophie, er hat
großen Einfluß auf die Philosophie der Hochscholastik, auf Thomas von
Aquin und vor allem auf Albertus
Magnus, ausgeübt.
|
|
|
| Al-Ghazali ist ein entschiedener Gegner des Avicenna wie auch der Mutaziliten. Er war offenbar zuerst Theologe und
Jurist, dann Professor und Leiter einer Schule in Bagdad. Die Berechtigung der
Philosophie sieht er allein in der Vorbereitung auf die Theologie, in der er aber
nicht findet, was er sucht, worauf er sich der Mystik der Sufi zuwendet. Al-Ghazali war ein sehr scharfer Geist, übte starken Einfluß auf die
Dichtung aus und bewirkt einen starken Aufschwung der religiösen, islamischen
Philosophie, in der die Philosophie des Aristoteles nur mehr eine untergeordnete, schwindende Rolle spielt. Unter diesen Aspekten bedeutet Al-Ghazali praktisch das
Ende der „reinen“ Philosophie im Osten. Al-Ghazali hat ein umfangreiches
philosophisches Werk hinterlassen:
|
| – |
Tahafut al-falasifah = Der innere
Widerspruch in dem System der griechischen Philosophie, 1095, diskutiert in
20 Thesen in zwei Abteilungen die Grundpositionen der griechischen und der
islamischen Philosophie, wobei er den Versuch bekämpft, das islamische Dogma aus
der griechischen Philosophie zu begründen (also gegen Al-Kindi). Wendet
sich scharf gegen die Vorstellung einer vor- und außergöttlichen Materie. In
seiner Philosophie unterscheidet er zwei Fragengruppen:
|
|
| 1. |
jene Fragen, die die Phiosophen als Ungläubige erweisen: die
Fragen nach der Ewigkeit der Welt, nach Auferstehung, nach Gottes Kenntnis in
besonderen Dingen (nicht nur in den Universalien).
|
| 2. |
Gruppe: sekundäre Probleme. |
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| – |
Die Intentionen der Philosophen
gibt – in Vorbereitung auf den Angriff – eine Zusammenfassung der Lehren des
Al-Farabi und des Avicenna,
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| – |
Die Inkohärenz der
Philosophen – dieses Werk ist ein sehr spitzfindiger Angriff auf Al-Farabi und Avicenna und erklärt die Philosophen für unfähig; dieses Werk löste den
Angriff des Averroes auf Al-Ghazali mit dem Buch "Die Inkohärenz der Inkohärenz"
aus
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| – |
Ihja ulum al-din = Belebung der
Wissenschaften und der Religion oder Wiederbelebung der religiösen Wissenschaften, dies ist Al-Ghazalis Hauptwerk, in dem er versucht, den Islam von Formalismus zu
befreien und einen gemäßigten Sufismus238 zu
vertreten. Al-Ghazali führt Elemente des Sufismus in die sunnitische
Orthodoxie ein.
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| Die Weiterentwicklung Philosophie vollzieht sich fortan im
Westen, auf der iberischen Halbinsel und im Maghreb, und hier unter jüdischem
Einfluß mit Betonung der Rolle des Einzelnen gegenüber dem Ganzen, der Gesellschaft,
was schließlich in die Soziologie Ibn
Khalduns mündet.
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| Avempace ist der erste Aristoteliker in Spanien, er
verfasste zahlreiche Schriften in vielen Disziplinen, er war auch Arzt; zu erwähnen
sind
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Kommentar zu Aristoteles' De anima
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| – |
Die Leitung des Einsamen, ist
sein Hauptwerk, in dem er seine Vorstellung entwickelt, wie der Mensch durch die
Wissenschaft zur geistigen Vollendung gelangt.
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| Ibn Tufail war Wesir und Leibarzt des Almohadenherrschers im
Süden der iberischen Halbinsel, besaß eine große Bibliothek und betätigte sich auch
als Poet und als Amateurphilosoph. Sein Bestreben ist es die überlieferte
griechische Wissenschaft und orientalisches Wissen zu einer modernen Weltsicht zu
vereinigen. Er greift auf Avicenna zurück und vertritt in neuplatonischer Haltung die Vollendung des
Indivduums hin bis zur Gottesschau, was er in seinem philosophischen Roman
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| – |
Hai ibn Yaqzan – Der Lebende, Sohn des Wachenden (d.i. Gottes)
(andere Titelformen: „Philosophus autodidactus“, „Der von sich selbst gelehrte
Weltweise“) beschreibt, in dem ein auf einer einsamen Insel ausgesetztes und von
einer Gazelle gesäugtes Kind durch Beobachtung und Reflexion zu den höchsten
Stufen der Natur- und Gotteserkenntnis gelangt – es ist nicht bewiesen, daß dieser
Roman die Vorlage für Daniel Defoes „Robinson Crusoe“ abgegeben habe. Der Roman wurde jedenfalls ab
1671 in den verschiedensten Sprachen herausgegeben, das erstemal in Oxford,
mehrere englische Auflagen um 1700 bezeugen die große Verbreitung, die erste
deutsche Ausgabe wurde von Johann Gottfried Eichhorn veranstaltet unter dem Titel "Der Naturmensch oder Geschichte
des Hai Ebn Yokdhan" (Berlin 1782).
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| Averroes ist der wichtigste Philosoph des muslimischen Westens und stellt
insgesamt die Vollendung der islamischen Philosophie dar. Seine Werke werden mit nur
geringer zeitlicher Verzögerung in das Lateinische übersetzt (vor allem durch Jakob
Anatoli, 1194-1256) und bewirken die Strömung der Averroisten (s.w.u.).
Averroes wirkte in einer Zeit, in der auch im Westen bereits eine
religiöse Bewegung gegen die zu freie Entfaltung der Wissenschaft und zu große
Unabhängigkeit von der Religion eingesetzt hatte. Ibn Tofail hat ihn dem
Almohadenherrscher vorgestellt, und es ist ein Bericht über diese erste Begegnung
erhalten, wobei aus der Gesprächsführung bereits erkennbar ist, dass die Situation
relativ delikat war. Ibn Rushd war Arzt239 und Jurist und einige Zeit hindurch
auch Richter in Sevilla, dann in Cordoba, bis er 1195 wegen angeblicher
Koranfeindlichkeit seiner Philosophie in Ungnade fiel, als das Studium der
griechischen Philosophie überhaupt verboten wurde, da Allah das höllische Feuer für
sie bestimmt habe; logische und metaphysische Schriften wurden damals verbrannt.
Später wurde er wieder zu Hof gelassen240.
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| Als Philosoph war Averroes – der wenig Eigenständiges erbracht hat – von fast religiöser
Verehrung für Aristoteles erfüllt, der ihm die höchste Vollendung der menschlichen Natur
war und von dem er nur als der Philosoph sprach.
Seine umfangreichen Aristoteles-Kommentare waren im Mittelalter "der Kommentar", Averroes selbst schlichtweg „der
Kommentator". Averroes war auch gar nicht bestrebt, selbst ein neues philosophisches
System aufzustellen, sondern lediglich bemüht, Aristoteles seiner Mitwelt besser bekannt zu machen, weshalb er eine Reihe
von Aristoteles-Kommentaren (meist dreifach) schuf. Durch diese Kommentare übte er großen Einfluß auf das christliche
Mittelalter und auf die weitere Entwicklung der Philosophie aus. Die
Kommentare existieren zum großen Teil nur in hebräischer und in lateinischer
Überlieferung, nicht aber auf Arabisch. Es ist bei Averroes zwischen drei Arten von Aristoteles-Kommentaren zu unterscheiden:
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| 1) |
Große Kommentare, arab. sharh = der Aristoteles-Text wird als Ganzes reproduziert und Stück für Stück
erläutert, kommentiert wurden: die Metaphysik (auch auf arabisch überliefert), De
coelo und De anima, 1560-62 in 11 Bänden in Venedig gedruckt
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| 2) |
mittlere Kommentare, arab.
talklis, lat. media expositio oder paraphrasis =
freie Paraphrasen zum Text, z.B. die Rhetorik,
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| 3) |
Epitome, arab. jawami, lat. paraphrasis resolutissima = einfache Zusammenfassung ohne unmittelbaren
Bezug zum Aristoteles-Text.
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| An selbständigen philosophischen Werken des Averroes sind zu nennen
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| – |
Tahafut al-tahafut – Destructio
destructionis – Die Inkohärenz der Inkohärenz, es ist dies die Antwort auf
al-Ghazalis Angriff auf al-Farabi und Avicenna; Averroes agrumentiert, die Philosophen hätten das Recht, die
Religion im Lichte der Vernunft zu interpretieren, denn die Religion gesteht uns
das Recht zu, die Vernunft zu gebrauchen.
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| – |
Die Übereinstimmung zwischen der
Religion und der Philosophie: Die Religion treibt uns zur Erkenntnis des
Wahren; das Wahre kann sich nicht dem Wahren widersetzen, der Philosoph strebt
nach dem Wahren, also müssen Religion und Vernunft übereinstimmen, wo das nicht
der Fall ist, müsse die Religion im Sinne der Vernunft interpretiert werden; die
religiösen Texte enthielten zweierlei Sinn: einen äußeren für die Masse und einen
inneren für den Denker – daraus leitete man im Christentum den Vorwurf gegenüber
Averroes ab, er lehre zweierlei Wahrheiten, die "doppelte Wahrheit"241.
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| In den drei großen Fragen, die die Philosophie damals
beschäftigten: Ewigkeit der Welt, Freiheit Gottes oder Kausalität in der Natur und
Unsterblichkeit der Seele, vertrat Averroes die Ewigkeit der Welt in dem Sinne, daß die Materie in ihrer
Potenz immer schon vorhanden war und sein wird; sie bedarf aber der Form, die sie im
Schöpfungsakt Gottes erhält. So ist die Welt ewig und dennoch von Gott erschaffen –-
das ist der Kern des Averroismus in der Hochscholastik. Die ganze Welt wird durch
notwendig wirkende Naturgesetze beherrscht, deshalb kennt die Wissenschaft nicht die
Wunder der Theologie. Das Individuum, die einzelne Seele ist nicht unsterblich,
unsterblich ist nur der tätige Verstand, der für alle Menschen nur einer, nämlich
Gott ist – dies ist die zweite Grundthese des Averroismus.
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| Er wagte es, den Koran nach den Lehren des Aristoteles zu modifizieren, und sah in der Logik für den Menschen den
einzigen Weg, zu Glückseligkeit zu gelangen.
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| Damit ist Averroes vollständig dem Aristoteles gefolgt und hat die Dogmen des Islam preisgegeben. Er ist
deshalb von den Orthodoxen angegriffen worden und versuchte, durch die
Interpretation, der Koran habe mehrere Inhalte – einen buchstäblichen für die Masse
und einen hermetischen für die Denker –, sich den Angriffen zu entziehen; dies
führte zum Vorwurf der doppelten Wahrheit: es
könne, was für einen ungebildeten Gläubigen wahr ist, für einen Philosophen falsch
sein, weil für ihn etwas anderes wahr ist. Da aber sowohl die Lehre des Aristoteles als auch der Koran auf göttliche Eingebung beruhten, könne –
so argumentiert Averroes – zwischen beiden kein wirklicher Widerspruch existieren, weshalb
auch deshalb der Vorwurf der doppelten Wahrheit nicht zutreffe.
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| Mit dem sukzessiven Untergang der muslimischen Herrschaft auf
der iberischen Halbinsel nach der Schlacht von Las Navas de Tolosa (1212) geht auch
die arabische Philosophie unter, wenn es auch im Osten noch eine gewisse Nachblüte
gibt.
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| In Rezipierung, Auseinandersetzung und Fortführung des
naturwissenschaftlichen (insbesondere astronomischen) und mathematischen Erbes des
klassischen Altertums und der dann auch aus Indien, Südostasien und auch aus China
hinzukommenden Kenntnisse haben die muslimischen Denker – ähnlich wie es etwas
später im christlichen Abendland auch geschah – über die fachspezifischen
Vorstellungen hinaus von den theologischen Aspekten abgesonderte Vorstellungen
bezüglich rational orientierten wissenschaftlichen Handelns entwickelt, was sie
naturgemäß in Widerspruch zu traditionellen Vorstellungen und insbesondere zur
Offenbarungslehre bringen musste. Dies sei an zwei Beispielen skizziert:
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| al-Razi (lat. Rhazes, 865– 925) war der wohl größte Kliniker nicht nur der
Muslime, sondern des Mittelalters überhaupt. Er verkörpert den rational denkenden
Wissenschaftler im muslimischen Bereich schlechthin. Als skeptischer und rational
orientierter Philosoph und Arzt trat er gegen Kurpfuscher und Quacksalber auf und
vertrat öffentlich die Ansicht, dass auch ein noch so guter Arzt nicht alle
Krankheiten heilen könne; dem entsprechend unterschied er zwischen heilbaren und
unheilbaren Krankheiten und verwies in diesem Zusammenhang auf Krebs und Lepra.
Ursprünglich überzeugt von der Möglichkeit der alchemistischen Transmutation
minderer Metalle in Silber und Gold, soll er erklärt haben, er glaube (nach langen
Versuchen) nicht mehr an diese Möglichkeit. al-Razi hat entschieden jegliche Autorität zurückgewiesen und auf
kritischer Betrachtung aller Bereiche bestanden. Bezüglich der Medizin hat er das so
erläutert: „Medizin ist Philosophie
[=Wissenschaft] und das ist nicht vereinbar mit der
Zurückweisung von Kritik, auch nicht hinsichtlich führender Autoren“, wie
eben Galen, den er selbst der Kritik unterzieht – so sei auch Aristoteles von seinen Schülern kritisiert worden. So wie
wissenschaftliche Dogmen hat er auch religiöse Dogmen zurückgewiesen – die
religiösen Wunder beruhten nur auf Tricks der Propheten der drei großen
monotheistischen Religionen wie der Manichäer. Männer der Wissenschaft wie Euklid und Hippokrates
von Kos seien deshalb weit bedeutender als irgendwelche Propheten. Auf die
Frage, wie ein Philosoph es mit durch Propheten geoffenbarter Religion halte,
antwortete al-Razi: „Wie kann jemand philosophisch
denken und gleichzeitig doch Altweibererzählungen lauschen, die auf Widersprüchen
verstockter Unwissenheit und auf Dogmatismus beruhen?“. Von ihm ist eine
Autobiographie erhalten, die näheren Einblick in seine Wissenschaftsauffassung
bietet. Es ist bezeichnend für diese frühe Phase der muslimischen Welt, dass al-Razi trotz seiner erstaunlichen Ansichten keine ernstlichen
Schwierigkeiten bekam.
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| Ein anderes sehr bedeutsames Beispiel wissenschaftlichen Verhaltens ist
die Auseinandersetzung um die ptolemaischen Planetentheorie in der muslimischen
Astronomie. Der Mann, der die Kritik an Ptolemaios in besonderem Maße forcierte, damit eine Zäsur in der
muslimischen Astronomie bewirkte und dabei auch die Prinzipien wissenschaftlichen
Handelns ansprach, war al-Haytham, der im Westen vor allem in Bezug auf die Optik bekannt
geworden ist, nicht weniger aber enormen Einfluß in der Entwicklung der Astronomie
ausgeübt hat. In seinem Werk „al-Shukuk ala Batlamyus“ (= Kritik an Ptolemaios),
weist er aus eigener kritischer Auseinandersetzung mit Ptolemaios und in Reaktion auch auf von anderen Astronomen geübte Kritik
dem alexandrinischen Astronomen diverse Inkonsequenzen nach, aus denen schließlich
in vielen Details die Unmöglichkeit des ptolemaischen System resultiert. Al-Haytham erhebt den Vorwurf, der Almagest sei ein abstraktes Werk, in
dem Ptolemaios zur „Rettung“ theoretischer Ansätze geometrische Konstruktionen
eingeführt habe, die der physikalischen Wirklichkeit nicht gerecht würden242. Mit Al-Haythams Einwendungen verliert der Almagest
des Ptolemaios im Bereich der professionellen Astronomen seine unangefochtene
Position und man bemüht sich in der muslimischen Astronomie (insbesondere dann al-Tusi in Maragha), eine neue Theorie zu entwickeln, die sich an den
physikalischen Aspekten orientiert243. Für Al-Haytham, der auch in der Optik Kritik an Ptolemaios geübt und in beiden Bereichen bessere Theorien gefordert hat,
war klar, dass diese Forderungen erst von künftigen Generationen eingelöst werden
würde. Wissenschaft war für ihn bereits ein letztlich offener Diskussionsprozess.
Seine Kritik ist im Speziellen wie auch als ein generelles Phänomen sowohl im Osten
als auch im Westen des muslimischen Raumes von namhaften Denkern aufgegriffen
worden, die sich vielfach auf ihn beziehen.
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| An der Auseinandersetzung mit Ptolemaios entzündeten sich sehr interessante, ein allgemein kritische und
wissenschaftliches Vorgehen reflektierende Äußerungen al-Haythams, in der es um die Zielsetzung von Theorien ging, nämlich um
die Frage, ob eine Theorie die Erscheinungen „retten“ soll (wie dies schon bei Platon in Zusammenhang mit der Erklärung der Planetenbewegung als Problem
aufgetreten war244) oder ob sie die den Erscheinungen zugrunde liegende
Gegebenheiten erklären soll. Es ist bezeichnend für die Schwierigkeiten, denen
wissenschaftshistorische Untersuchungen und damit auch Darstellungen immer wieder
ausgesetzt sind, dass die Interpretation des in diesem Zusammenhang bei al-Haytham gegebenen Wortlautes einiger essentieller Passagen Gegenstand
laufender Auseinandersetzungen ist245. Al-Haytham entwickelt in seiner Kontroverse mit Ptolemaios das Bild einer Wissenschaft, die ein offenes und in steter
Entwicklung befindliches System ist, innerhalb dessen der einzelne, keineswegs
fehlerfreie Wissenschaftler agiert246; sein Vorwurf gegenüber Ptolemaios ist, dass er dieser gewissermaßen die Möglichkeit einer besser
Theorie als der seinen leugnet. Dies führt ihn zur Feststellung: „A person, who studies scientific books aiming at the knowledge of the
real facts, ought to turn himself into an opponent of everything that he studies,
he should thoroughly assess its main as well as its marginal parts, and oppose it
from every point of view and in all its aspects. And while thus engaged in his
opposition, he should also be suspicious of himself and not allow himself to
become abusive or be indulgent (in his assessment). If he takes this course, the
real facts will be revealed to him, and the possible shortcomings and flaws of his
predecessors’ discours will stand out clearly.”
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| Es zeugen diese Beispiele von einer hohen und fortgeschrittenen
Auffassung von wissenschaftlichem Handeln, die in Zusammenhang auch mit der kaum
abschätzbaren Intensität wissenschaftlicher Tätigkeit247 Zeugnis ablegt von einem lebhaftem
Wissenschaftsleben im muslimischen Bereich, das sich vom ausgehenden 8. Jh bis in
das 13., in Ausläufern bis in das 14. Jh erstreckt, dann allerdings weitgehend
erlischt.
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| Die Überleitung der im muslimischen Bereich erarbeiteten Erkenntnisse
in den lateinischen Westen ist für manche Autoren bzw. Fachgebiete einigermaßen
Geklärt (so z.B. in der Optik), in anderen wieder Gegenstand hitziger Diskussion (so
in Hinblick auf den zu vermutenden oder nicht unwahrscheinlichen, jedoch nicht
nachweisbaren Einfluss auf Kopernikus hinsichtlich der Planetentheorie, nicht jedoch
hinsichtlich der Heliozentrik), in wieder anderen Bereichen dürfte die Schwierigkeit
der Materie der Tradierung Grenzen auferlegt haben (dies ist für die Mathematik,
insbesondere die höhere Algebra, anzunehmen). Nicht übersehen werden darf, dass sich
ab dem 12. Jh Tradierung klassischer wie älterer muslimischer Autoren im Wege des
Übersetzungswerkes und Neuentwicklung im muslimischen Bereich zeitlich
überlappten.
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| Unter jüdischer Philosophie wird in der Regel eine Verbindung von
wissenschaftlicher Philosophie und jüdischer Theologie verstanden. Hier ist
zurückzugreifen auf die jüdisch-hellenistische Philosophie in Alexandreia
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| Philon von
Alexandria ist um den Ausgleich zwischen der griechischen Philosophie und der
jüdischen Religion bemüht, er erstellt eine komplette Gotteslehre, in der der Logos
der ältere Sohn, die Welt der jüngere Sohn Gottes ist. Der Logos ist Ort der
platonoischen Ideen und Vermittler zwischen Gott und der Welt. Kommentiert den
Pentateuch, die Genesis etc., wobei er zur allegorischen Deutung übergeht, um die
Inhalte mit philosophischen Vorstellungen in Einklang zu bringen. Was mit dem
Pentateuch absolut nicht zu koordinieren war, verwarf er. Philon von
Alexandria, der die jüdischen religiösen Vorstellungen zu verteidigen suchte,
scheint mehr Wirkung bei den Christen als bei den Juden gehabt zu haben.
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| Eine so zu bezeichnende jüdische Philosophie gibt es in
weiterer Folge erst wieder im Zusammenhang mit der Entwicklung von Philosophie im
Islam – eine Folge der Akkordierung des Islam mit der griechischen Philosophie in der
Frühzeit und der Assimilierung der Juden im muslimischen Bereich, die ja auch zur
Folge hatte, dass nicht wenige jüdische Philosophen erst im 19. und 20. Jh als solche
erkannt worden sind, nachdem sie zuvor für Araber gehalten worden waren.
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| Auch für die jüdische Philosophie nimmt Aristoteles im weiteren lange eine zentrale Stellung ein. Man kann für das
Mittelalter in etwa in folgende Richtungen gliedern:
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| – |
transformierter platonisch-aristotelische Philosophie, s.
Gebirol
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| – |
die mystische Richtung der Kabbala mit den beiden Büchern Jezirah
(= Schöpfung, 9. Jh) und Sohar (= Glanz, 12. Jh, vielleicht 1300 durch Mose ben Schem Tob
de Leon niedergeschrieben), einzelne kabbalistische Grundlehren sind älter,
daher gibt es auch unterschiedliche, z.T. weiter zurückgehende Datierungen.
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| stammte aus Ägypten, war jüdischer Philosoph und ab 928 Leiter
der rabbinischen Akademie in Sura bei Babylon, wo er auch gestorben ist (nach seinem
Tod verlagert sich das Zentrum der jüdischen Gelehrsamkeit von Babylon nach Spanien).
Gaon
ist der Begründer der jüdischen Religionsphilosophie; stand aber offensichtlich unter
dem Einfluß der islamischen Mutaziliten. Er schrieb teils arabisch, teils hebräisch,
schuf eine arabische Übersetzung des Alten Testaments, die bis heute verwendet wird,
sowie talmudische Kommentare und auch juristische Werke. Seine Hauptleistung ist
das
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| – |
Buch von Glaube und Wissen,
gewissermaßen ein apologetisches Essay zugunsten der jüdischen Religion, in dem
Gaon
das menschliche Wissen und seine Quellen erläutert: die Sinne, die Vernunft (sie
erkennt aus sich heraus wahren Sätze), die Schlußfolgerung und verläßliches Zeugnis.
Die ersten drei Wege stehen für ihn mit der Religion in Einklang. Deshalb ist ihm
die menschliche Vernunft auch befähigt, ohne göttliche Offenbarung die grundlegenden
ethischen Wahrheiten und Prinzipien zu erkennen. Die Welt ist für ihn geschaffen,
kann nicht von jeher existiert haben, denn dann müßte ja vor der jeweiligen
Gegenwart bereits ein unendlich langer Zeitraum verstrichen sein – das ist ihm aber
nicht möglich; und dies ist ihm gleichzeitig Beweis der Existenz eines
Schöpfers.
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| Gaon war in vieler Hinsicht ein Pionier, er gründete eine neue Schule der
biblischen Exegese, die rationale, wissenschaftliche Untersuchung der Inhalte wie der
Texte gekennzeichnet ist; wobei er stets den gesamten Text zu betrachten bemüht ist.
Gaon
kann auch als Begründer der hebräischen Philologie gesehen werden, er verfaßte die
erste hebräische Grammatik und ein kleines hebräisches Wörterbuch, das in der Bibel
nur selten verwendete Wörter verzeichnet, mit dem Titel Agron (= Zusammenstellung),
das viel verwendet wurde und als Grundstein der hebräischen Lexikographie und auch
einer komparativen Philologie gilt (Gaon
erklärte hebräische Begriffe mit Hilfe des Arabischen); der Titel Agron war lange ein
Synonym für „Wörterbuch“; das Werk entstand im Zusammenhang mit der gleichsam
endgültigen Erstellung des hebräischen Textes des Alten Testaments durch ben Asher von
Tiberias, dessen Text, die Masorah, der der später gedruckten Fassungen
ist.
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| Yisraeli wurde wie sein Zeitgenosse Gaon in
Ägypten geboren und war ein angesehener Mediziner (insbesondere Ophthalmologe), dessen
Werke 1087 in das Lateinische übersetzt und in Salerno verwendet wurden; 1515 sind sie
in Lyon gedruckt worden. Er verfasste neben naturphilosophischen Schriften (über die
Elemente, über die Substanzen) auch ein
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| – |
Buch der Definitionen, aus
welchem Werk Thomas von
Aquin seine Definition des Begriffes „Wahrheit“ übernimmt, was er auch
durch ein Zitat belegt.
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| Yisraeli ist stark vom Neuplatonismus beeinflußt, den er in die jüdische
Philosophie einführt. Er vertritt die Auffassung, daß Gott die Welt aus den Nichts
erschaffen habe. Yisraeli unterscheidet zwischen den Erleuchteten, die die göttliche Wahrheit
unmittelbar verstehen, und den anderen, die nur das verstehen können, was ihnen in den
Bildern der Sinnenwelt übermittelt wird.
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| Gabirol gilt als "der jüdische Platon"; Platon
ist der einzige bei Gabirol namentlich genannte Philosoph! Gabirol wurde von den
christlichen Scholastikern für einen Araber (Abu Ajjub Soleiman ibn Jahja ibn Gabirul)
gehalten – die Gleichsetzung bzw. seine jüdische Herkunft ist erst 1846 durch einen
Fund in der Pariser Nationalbibliothek geklärt worden. Gabirol war nicht nur
Philosoph, sondern auch ein gefeierter Dichter und wurde von den muslimischen
Herrschern in Spanien gefördert. Er war einer der ersten Vertreter des Neuplatonismus
in Europa und hat seine Philosophie konsequent von jüdisch-religiösen Vorstellungen
frei gehalten, dem entsprechend hat er im Judentum keine Wirkung erzielt, wohl aber in
der christlichen Philosophie großen Einfluß ausgeübt, indem sein Werk zum Streitpunkt
zwischen den platonistischen Franziskanern und den aristotelischen Dominikanern wurde,
wobei Gabirol für einen Christen gehalten wurde. Sein Hauptwerk
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| – |
Mekor Chayim – Fons vitae – Quelle des Lebens (auch unter dem inhaltsbezogenen
Titeln „De materia et forma“ bzw. „De materia universali“) besteht eigentlich aus
fünf Arbeiten und wurde ursprünglich in arabischer Sprache geschrieben; es enthält
eine weitgehend platonische Philosophie in Dialogform (Lehrer-Schüler) und hat
bedeutenden Einfluß auf die Scholastik ausgeübt. Das Original ist verloren, es
existieren nur lateinische Übersetzungen (eine in Lilienfeld in Niederösterreich).
Gabirol setzt die neuplatonische Philosophie bereits voraus, er nimmt eine
universale Materie an, die eigentlich immateriell ist und erst in Zusammenhang mit
Form materiell wird – universale Materie + universale Form = universal Seiendes. Das
Bindeglied ist der Wille Gottes. Alles andere sind individuelle Ausformungen. Gabirol vertritt also eine strikt dualistische Metaphysik.
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| – |
Vervollkommung der Eigenschaften der
Seele – eine kleine, aber originelle Ethik, die 1045 in Saragossa entstanden
ist und ein System abseits religiöser Vorstellungen entwirft.
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| Die jüdische Philosophie wird im 12. Jh vom Aristotelismus
erfaßt – allerdings von dem durch die Muslime betriebenen neuplatonisch eingefärbten
Aristotelismus: der Erste Beweger des Aristoteles ist weitgehend schon der Eine des Neuplatonismus. Der
berühmteste jüdische Philosoph des Mittelalters ist
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| Wurde und wird auch einfach RaMbaM genannt. Maimonides – sein arabischer Name lautet: Abu Imran Musa ibn Maimun ubn Ubad
Allah – war ein Zeitgenosse des Averroes und wurde in Cordoba geboren; als dieses von einer fanatischen
muslimischen Sekte übernommen wird, flieht die Familie und läßt sich schließlich 1159
in Fez in Marokko nieder, zog dann 1165 nach Jerusalem, dann nach Alexandria und
schließlich nach Kairo, wo Maimonides Oberhaupt der jüdischen Gemeinde in Ägypten und Leibarzt des
Sultans wird. Er verfügte trotz aller Schwierigkeiten über eine exzellente Ausbildung
und wird ein führender jüdischer Rechtsgelehrter, der sich um eine systematische
Kodifikation des Rechts bemüht. Der Medizin widmete sich Gabirol erst in späten
Jahren aus finanziellen Gründen. Maimonides bewundert Al-Farabi; seine eigenen philosophischen Schriften
sind nicht übermäßig originell, haben aber ganz wesentlich dazu beigetragen, daß die
Juden sich eingehend mit der aristotelischen Philosophie zu beschäftigen begannen,
wodurch sie ja schließlich zu ihrer hervorragenden Rolle im Übersetzungswerk befähigt
wurden.
|
| – |
Dalalat al-Hairin – More Nebuchim –
Dux perplexorum – Führer der Umherirrenden, der Unschlüssigen; dieses Werk
wurde um 1190 vollendet, war ursprünglich arabisch geschrieben, wurde aber noch zu
des Maimonides Zeiten vom Samuel ben Tibbon ins Hebräische übersetzt und schwer angegriffen als Verrat an der jüdischen
Religion zugunsten der griechisch-muslimischen Philosophie. Die „Unschlüssigen“ sind
wohl jene, die nicht wußten, wie sie die Philosophie mit dem Glauben in
Übereinstimmung bringen sollten; der „Führer“ ist Aristoteles, der von den Propheten abgesehen, die höchste Stufe
menschlicher Erkenntnis erstiegen habe und dessen Werk die Grundlage für alles
wissenschaftliche Erkenntnisstreben sei,
|
|
Lediglich in der Frage des Ewigwährens der Welt verwirft Maimonides die Auffassung des Aristoteles, beharrt beim Glauben und nimmt die Erschaffung der Welt aus
dem Nichts an. Maimonides, der in seinen Schriften primär nach der Erklärung unklarer
Stellen im Alten Testament und bei den Propheten strebt, findet allerdings, daß der
Großteil der Naturwissenschaften und die Wissenschaft von Gott von der Masse der
Menschen ferngehalten werden sollten, weil diese nicht fähig seien, sie
verstandesmäßig zu erfassen. Maimonides meint, daß wir von Gott eher erfassen, was
er nicht ist; denn was er ist, ist er in solcher Vollendung, daß es uns unerfassbar
ist. In Zusammenhang mit seinem Gottesbeweis stützt er sich auf 25 Hypothesen, die
von Aristoteles und anderen nach ihm bewiesen worden seien, und fügt eine
26. These selbst dazu, nämlich die der Ewigkeit der Welt, die er mit der Annahme
eines Schöpfungsaktes auszugleichen sucht. Die aristotelische, durch Avicenna wirksam verbreitete Ansicht, daß alles vom unbewegten Beweger
ausgehe, also eine außerordentlich starke, wenn nicht überhaupt alles beherrschende
Determinierung vorhanden sei, hat Maimonides dahingehend abzumildern gesucht, daß er von der freien
Schöpfung der Welt durch Gott (nach dem Pentateuch) ausgegangen ist, Gott habe die
Welt nach seinem freien Willen so und nicht anders, und nicht aus Notwendigkeit
geschaffen.
|
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Der „Dux perplexorum“ ist im 13. Jh ins Lateinische übersetzt
worden und übte großen Einfluß auf christliche Philosophen, vor allem auf Thomas von
Aquin, aus; später noch auf Spinoza, der ihn im seinem „Tractatus theologico-politicus“
kritisierte.
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| Maimonides verfasste außerdem noch zehn medizinische Arbeiten in arabischer
Sprache, darunter ein vergleichendes Wörterbuch für 2000 Heilmittel in arabischer,
griechischer, persischer, spanischer und berberischer Benennung, aber ohne genau
Beschreibung.
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| Maimonides hatte große Auswirkung nicht nur auf die nachfolgenden jüdischen
Gelehrte, sondern auch auf christliche – Thomas von
Aquin zitierte ihn als "Rabbi Mose". Alle der rationalen Philosophie
anhängenden Juden waren entweder dem Maimonides (konservativ) oder dem Averroes verhaftet, dies waren im weiteren die beiden Hauptrichtungen in der
jüdischen Philosophie, wobei die Maimonides folgende Richtung überwog.
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| Im Judentum gibt es im 13. Jh vor allem in Frankreich, in
Italien und auch in Böhmen hervorragende Talmudisten.
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| In Frankreich lebte Nicholas Donin
von La Rochelle ( – ), ein zum Christentum übergetretetener Jude, der durch
Verleumdungen des Talmud beim Papst etc. maßgeblich zur Judenverfolgung im 13. Jh
beigetragen hat; 1240 hat Ludwig der Heilige alle Juden in Frankreich aufgefordert,
ihre Talmud-Handschriften abzuliefern, und arrangierte dann eine öffentliche
Talmud-Diskussion zwischen vier Rabbis und Donin,
die am 12. Juni 1240 begann und an der auch Albertus
Magnus teilgenommen hat. Sie endete mit der Verdammung des Talmud und der
Verbrennung zahlreicher Exemplare und anderer jüdischer Bücher in Paris. 1247/48 gab
es eine neuerliche Diskussion, die rasch durch eine neue Verurteilung des Talmud
beendet wurde – dies alles hat die Talmudstudien in Frankreich schwer getroffen248, hat aber das
Interesse der Nichtuden am Hebräischen, um den Talmud selbst lesen zu können, eher
gesteigert. Schwere Verfolgung erlitten die Juden aber auch in Spanien durch die
Dominikaner und in England, wo Edward I. die Juden mit 1. November 1280
ausgewiesen hat.
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| In der 1.H. 13. Jh kam es zur weiteren Ausformung der Kabbala vor allem bei den spanischen, aber auch bei den deutschen
Juden (Judah Ha-Hasid von Regensburg und Eleazar von
Worms, der das Sefer ha-roqeah, Das Buch der Wohlgerüche schrieb).
|
| Bei den Juden ist zu unterscheiden zwischen den spanischen, den
katalanischen, den provencalischen, den italienischen und den deutschen Juden. Unter
den Provencalen sind Moses Ben Tibbon und Jacob Ben
Mahir hervorzuheben, die zu den besten
Kennern der griechischen und arabischen Welt dieser Zeit zählten und neben ihrer
intensiven Übersetzungstätigkeit mit dem Talmudismus befasst waren und enormes
Interesse an philosophischen Fragen bewiesen.
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| Die jüdische Philosophie ist bezüglich der
aristotelisch-muslimischen Philosophie und Weltauffassung gespalten, es gibt glühende
Verteidiger und Verdammer.
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| Gerson war ein Anhänger des Averroes. Er wurde in Südfrankreich geboren, lebte meist in Orange, Avignon
und in Perpignan. Obgleich er verschiedentlich als Rabbi bezeichnet wurde, hat er
diese Funktion nie ausgeübt. Er war Mathematiker und Astronom, verfaßte aber auch
einen Kommentar zum Pentateuch und zu anderen biblischen Schriften. Gerson
hat sich kritisch mit Aristoteles auseinandergesetzt und sich ihm in dieser Kritik wohl mehr
genähert als die meisten anderen jüdischen Autoren. Gerson vertritt die
Erschaffung der Welt aus freiem Willen Gottes, aber nicht aus dem Nichts; sondern aus
einer ewigen unerschaffenen Materie; die Zeit beginnt für ihn mit dem Schöpfungsakt.
Gerson bewahrte sich bei aller Anerkennung des Averroes und des Aristoteles in seinem Ringen um eine Synthese von Talmud und Aristotelismus
dennoch seine Unabhängigkeit als Denker und steht offen zu Widersprüchlichkeiten. Er
ist deshalb seitens der Orthodoxie der Häresie bezichtigt worden. Obgleich von ihm nur
ein größeres Werk bekannt ist, gilt Gerson doch als neben Maimonides bedeutendster jüdischer Philosoph des Mittelalters. Sein
Hauptwerk ist
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| – |
Sefer Milhamot Adonai – Die Kämpfe
Gottes, entstanden zwischen 1317 und 1329; er behandelt darin eine Reihe von
seiner Meinung nach von Maimonides und anderen nur unbefriedigend und unvollständig behandelten
Fragen bezüglich der Materie, der Prädestination, der Seele u.a.m. und befasst sich
im letzten Buch auch mit der Astronomie.
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| Gerson hat darüber hinaus eine Reihe von Kommentaren, vor
allem zu Aristoteles, verfasst.
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| Crescas entstammte einer Gelehrtenfamilie in Katalanien; er bewertete die
Absicherung der jüdischen Religion gegenüber der rationalen griechisch-muslimischen
Philosophie durch Gaon, Maimonides oder Gerson als zu schwach. Neben anderen Schriften verfasste er
vor allem
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Or Hashem – (Or Adonai) – Das Licht des Herrn, eine interessante Kritik der
Physik des Aristoteles, indem er zwischen Ort und Raum unterscheidet, was Aristoteles in ungenügender Weise getan habe, Crescas streift dabei auch das Vakuum-Problem. Und kritisiert Gerson
hinsichtlich der Zeit: unendliche Zeit sei auch endlich zu denken, denn es gebe
ausgewählte, willkürliche Zeiteinheiten wie Tage, vor denen liegen andere endliche
Zeiteinheiten, und das eben unendlich. Die Frage, ob die Welt von Ewigkeit her
geschaffen sei oder nicht, ist ihm zweitrangig, wichtig ist ihm die Anerkenennung
des Schöpfers, und dessen Haupteigenschaft sei nicht, wie bei Aristoteles das Denken, sondern die Gutheit – Crescas geht von der rationalen Ebene zurück auf die ursprüngliche, die
religiöse. Er diskutiert neuerlich Determiniertheit und freien Willen, Abhängigkeit
bzw. Unabhängigkeit vom Willen Gottes, damit verbunden die Frage nach dem Bösem bzw.
dem Sinn von Strafe – wenn alles determiniert ist, ist Strafe sinnlos. – In mancher
Hinsicht gelangt Crescas zu jener Position, die auch Al-Ghazali eingenommen hat: der
Philosophie komme hinsichtlich der Erfassung Gottes keinerlei Kompetenz zu. Er hat
auch noch Spinoza beeinflußt.
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| Die Versuche, einen Ausgleich zwischen dem Gesetz Mosis und der
Philosophie des Aristoteles zu schaffen, wurden von nicht wenigen orthodoxen Juden als
Ausdruck der Unterwerfung unter den Rationalismus der Philosophie bewertet – die
Philosophen seien in erster Linie Philosophen und erst in zweiter Linie vielleicht
jüdische Gläubige.
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| Der reflektierende Verstand aber konnte sich immer weniger bereit finden,
die stark anthropomorphen Aussagen der Bibel über Gott wörtlich zu nehmen – so öffnete
sich wie im Islam und im Christentum die Kluft zwischen fides und ratio. Im jüdischen Bereich
entwickelte sich daraus die Tendenz, den eigentlichen Sinn der Offenbarungstexte
hinter der vordergründigen Aussage zu suchen, also eine spirituelle, hermetische
Bedeutung des Textes aufzuspüren. Dies dies ist der Weg zur Entwicklung der Kabbala (=
Tradition), die eine Mischung aus jüdischem, persischem, hellenistischem und
gnostizistischem Gedankengut ist. Sie versteht sich trotz der Verwendung
philosophischer Elemente als über der rationalistischen Philosophie stehend und
begründete eine neue mystische und theosophische Richtung – was durchaus in der
Tradition auch des Neuplatonismus zu sehen ist. Die Bewegung der Kabbala verdichtete
sich nach Anfängen in der Antike im 12. Jh in Frankreich und Spanien und mehr noch im
13. Jh249.
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| Auf Grund ihrer besonderen Situation – in Assimilation oder in
die Eigenständigkeit betonender Hinwendung zum religiösen Tradition des Judentums –
haben die Juden, die ja auch rein zahlenmäßig in keiner vergleichbaren Situation
waren, eine eigenständige rational wissenschaftliche Betätigung nicht in dem Ausmaß zu
entwickeln vermocht, wie dies bei den Muslimen und später im Christentum der Fall war;
sie sind vielmehr im einen wie im anderen Bereich integriert worden.
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| Bezüglich des Wiedereinsetzens wissenschaftlichen Lebens und
Denkens im lateinischen Mittelalter und in der Frühen Neuzeit sind drei Phasen zu
sehen:
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| 1) |
Die Zeit des Neubeginns aus der direkten Überlieferung im Wege der
Spätantike heraus (auf der Grundlage von Autoren wie Boethius, Isidor von Sevilla, Donat) und – nachdem es zuvor lange keine
größeren und schon gar nicht kulturell mächtigen staatlichen Gebilde in Kerneuropa
gegeben hatte – ausgeweitet in der karolongischen Renaissance bis hin in das 11. Jh,
bis zum Einsetzen des Übersetzungswerkes; inhaltlich handelt es sich dabei um die
mühselige Wiedererarbeitung der Basiskenntnisse in der Logik, der Mathematik und der
Astronomie und um die Erringung eines bereits beachtlichen Niveaus der Kritik, die
sich auf Grundlage der Logik vor allem im Sprachlichen bemerkbar macht.
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| 2) |
Die Zeit des Übersetzungswerkes und damit der Rezipierung des Aristoteles; diese Phase, die vom 11. bis in das ausgehende 13. Jh währte,
eröffnete weitgehend den Zugang zu den Errungenschaften des klassischen Altertums und
im späteren Verlauf auch der diese fortführenden, erweiternden muslimischen
Leistungen; dabei ist jedoch nicht zu übersehen, dass es sich dabei nicht um einen
homogenen und problemslosen Prozess handelt, sondern um eine Durchdringung des bis
dahin Erarbeiteten durch neue Inhalte in höchst unterschiedlicher Qualität, da ja
anfangs viele klassische Autoren nur in mangelhaften oder überhaupt nur sekundären und
im Lichte späterer Entwicklungen interpretierten Überlieferungen oder Kommentaren
zugänglich waren und erst sukzessive die ursprünglichen Fassungen erkannt werden
konnten (wozu u.a. im 13. Jh der Rückgriff auf griechische Überlieferungen beigetragen
hat). In dieser Phase entwickelt sich auf Grundlage des kritischen
Grundverständnisses, wie es in der ersten Phase entstanden ist, und der enormen
Entwicklung der logischen und sprachlichen Instrumentariums neuerdings eine rationale
Philosophie bzw. Wissenschaft, die sich erfolgreich von der Theologie zu lösen vermag
und die Grundlage bildet für die gesamte weitere Wissenschaftsentwicklung.
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| 3) |
Die Zeit ab der Wende vom 13. zum 14. Jh bis in das beginnende
17. Jh, in der das eigenständige Erarbeiten in Fortführung des Übernommenen zu
überwiegen beginnt und – in den verschiedenen Bereichen unterschiedlich – eine
autochthone Entwicklung einsetzt, die schließlich über die klassischen wie die
muslimischen Errungenschaften hinausgeht. Diese Phase ist wesentlich bestimmt von der
teils harmonischen, teils aggressiven Loslösung von den Traditionen – von Aristoteles einerseits und dem Einfluss der Theologie andererseits.
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| Der Großteil des hier zu behandelnden Zeitraumes fällt in eine
Periode, die unter christlich-theologischem Aspekt als Scholastik bezeichnet wird. Mit
dem Begriff Scholastik ist in Europa in der Regel die lateinische Scholastik gemeint,
der jedoch eine zumeist übersehene griechische Scholastik vorangeht, die bis zur
Schließung der Schulen in Athen (der „platonischen Akademie“) im Jahre 529 dauert, und
neben der auch eine arabische Scholastik steht, mit ihren Häuptern Avicenna und Averroes.
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| Unter „Scholastik“250 wird ein über mehr denn ein halbes Jahrtausend währender
und in vier Stufen251 gegeliederter Prozeß bezeichnet, der bei aller Vielfalt
seiner Erscheinungen geprägt ist
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| – |
von einem engen Naheverhältnis von Religion und Philosophie;
andererseits aber ist sie die Zeit der Ablösung der Philosophie von der Theologie –
wobei zu berücksichtigen ist, daß der Begriff „Philosophie“ damals noch alle
wissenschaftlichen und künstlerischen Disziplinen in sich birgt;
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| – |
von der griechischen Philosophie des Altertums, erst der Platons,
dann vor allem der des Aristoteles, aber auch durch neuplatonische und nicht geringe
arabische Einflüsse im Wege der Rezipierung der Übersetzungen aus dem Arabischen und
durch die umfassenden Aristoteles-Kommentare vor allem des Averroes, der stark auf Thomas von
Aquin einwirkt;
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| – |
der seine eigenen Methoden ausformt und gewissermaßen als die
Vorbereitungsphase für die Abspaltung der wissenschaftlichen Disziplinen aus der
mittlerweile von der Theologie gelösten Philosophie zu sehen ist.
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| In Bezug auf die weitere Entwicklung von Wissenschaft ist der
Scholastik enorme Bedeutung zuzumessen: im Zuge der Übernahme, der Ausarbeitung bzw.
Umgestaltung und Fortführung der klassischen antiken Philosophie – vornehmlich
Platons, des Aristoteles und der Stoa – im christlichen Sinne bis hin zur Entwicklung
einer eigenständigen Auffassung und Weiterentwicklung von Philosophie wurden unter dem
Einfluss des Aristoteles vor allem die Formen und Strukturen des Denkens in bis dahin
wohl nur in der griechischen Klassik erreichter Weise ausgelotet und in logischer wie
sprachlicher Hinsicht jene begriffliche Schärfe und sprachliche Differenzierung
erarbeitet – die scholastische Philosophie der Hochblüte ist wesentlich
Sprachphilosophie252 –, die unabdingbare
Vorbedingungen waren für die eigenständige und über das Alte hinausgehende
wissenschaftliche Arbeit. Infolge der Schaffung dieses sogar die Theologie erfassenden
rationalen Instrumentariums erlangt die Philosophie (und mit ihr alle Wissenschaft) im
Wege der Reduzierung auf den rein rationalen, natürlichen Bereich im Verlaufe der Zeit
eine von der Theologie getrennte und auf eigenen Prinzipien und Methoden beruhende
Stellung und beginnt sich auch in eigenständiger Weise auszuformen.
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| Die Scholastik baut ursprünglich auf dem in unmittelbarer Kontinuität aus
der Antike übernommenen Wissen auf – es ist ziemlich genau bekannt, was bis zur Aristoteles-Rezeption an philosophischem Schrifttum bekannt war und in der
Lehre verwendet wurde:
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| Daraus wurde ein fester Kanon geformt, der jahrhundertlang, bis
in das 12./13. Jh, die Schulen beherrschte. Im 13. Jh setzt die Übernahme des Aristoteles und anderer Autoren in die Ausbildung im universitären Bereich
wirksam ein – ein Ausdruck dieses Vorganges ist z.B. die Verurteilung bzw. das Verbot
diverser Thesen, insbesondere im Jahre 1277. Inhalt und Umfang, Qualität und
Intensität des Wissens und der wissenschaftlichen Fragestellungen nehmen ab dem
letzten Drittel des 13. Jhs sprunghaft zu, das 14. Jh ist insoferne in vielerlei
Hinsicht bereits eine neue Zeit.
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| Dieser immer wieder verwendete Begriff ist mehrdeutig. Es
können darunter verstanden werden:
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| – |
die Anwendung der (rationalen) Philosophie auf die Theologie |
| – |
wissenschaftliche und logische Methoden, mit denen man in der
Scholastik arbeitet, und zwar sowohl in der Philosophie als auch in der Theologie;
ihr oberster Zweck ist der der geistigen Aneignung des an sich schon vorhandenen
Materials und seine Ordnung in einem wissenschaftlich begründeten System, sowohl,
was die Theologie als auch die Philosophie anlangte. Dieses Streben nach Systematik
findet seinen höchsten Ausdruck in den gewaltigen „Summen“ und Enzyklopädien des
13. Jhs.
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| Die klassischen angewendeten Operationen sind die des
Definierens, „Dividierens“, Distinguierens254, Klassifizierens auf der Grundlage von
Syllogismen und Deduktionen aus obersten Definitionen oder Axiomen der geradezu
vollkommenen Logik des Aristoteles
255. Das Beispiel
schlechthin dafür waren die Euklidschen Elementa; more geometrico
bezeichnete die absolut ideale Beweisführung; dadurch wird die mathematische
Beweisführung, die mathematische und hier wieder die ad
oculos ostensible geometrische Methode die wissenschaftliche Methode
schlechthin (und bleibt es bis in weit in die Neuzeit). Somit beherrscht die Deduktion
die Entwicklung – nur bei wenigen führenden Köpfen des 13. Jhs zeigt sich bereits ein
Bedürfnis nach empirischer Analyse, nach Induktion, das im 14. Jh rasch ausgeweitet
wird (der Übergang von der Deduktion zur Induktion ist nicht nur ein philosophischer
Wandel, sondern markiert auch das Zurückdrängen des Autoritätsverfahrens).
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| Das Lehr- und Unterrichtsverfahren der Scholastik, im wesentlichen in
drei Formen: lectio, disputatio und Autoritätenmethode nebst dem Sic et non-Verfahren Abaelards:
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| – |
lectio = Kommentierung eines
vorgegebenen Textes
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| – |
disputatio: disputatio
ordinaria und disputatio de quo libet, in festen Formen ausgeprägt und später zu oft eher
leerem Geplänkel entartet, was zur abschätzigen Beurteilung der Scholastik in der
Neuzeit wesentlich beigetragen hat
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| – |
Autoritätsverfahren: Aussagen unbestrittener Autoritäten werden
als Prämissen auf allen Ebenen angenommen und untersucht bzw. als Grundlage für
forttführende Diskussionen herangezogen – hier bildet sich in der Philosophie
dasselbe Verfahren wie in der Theologie heraus.
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–
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Sic et non – dies ist der
Titel des Hauptwerkes von Peter Abaelard (s.w.u.), das eine
Zusammenstellung von dogmatischen Widersprüchen der Kirchenväter ist und dessen
Heranziehung immer wieder als „Methode“ angesprochen wird; gemeint ist damit das
systematische kritische Gegenüberstellen des Für (sic) und Wider (non) bezüglich einer
Aussage, einer Auffassung bei den anerkannten Authoritäten – also skeptische Kritik,
die damit auch schon die Authoritäten in Frage stellt.
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| Die christliche Position erforderte eine kritisch-dogmatische
Auseinandersetzung mit den aus der paganen Antike übernommenen philosophischen Lehren.
Diese konnten, soferne sie mit der christlichen Position nicht übereinstimmten,
entweder zurückgewiesen oder aber im Wege mehr oder weniger subtiler Argumentationen
adaptiert werden. Es ist klar, dass sich manche Lehren dafür besser eigneten als
andere – bezüglich des Neuplatonismus war dies bei Augustinus
paucis mutatis verbis möglich (s.w.o.).
Wesentliche „Adaptierungsschritte“ in der Philosophie waren die „Harmonisierung“ des
Aristoteles einmal mit dem seit Augustinus im Christentum dominierenden Platon
und zweitens mit dem christlichen Dogma, woraus die aristotelisch-thomistische
Schulphilosophie resultierte, die im katholischen Bereich bis weit in die Neuzeit
hinein dominierte. In diesem Sinne ist die Diskussion der alten, schon im klassischen
Altertzum zentralen philosophischen Fragen zu verstehen.
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| In den meisten Vorstellungen über die Erschaffung der Welt
vollzieht sich der Schöpfungsprozeß aus vorgebenem Material – durch Teilung, durch
Differenzierung und Formgebung. Für den Schöpfunsgbericht im Alten Testament gibt es
zwei Interpretationsvarianten:
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| – |
Gott schuf die Welt aus dem
Chaos, dem Tohuwabohu, einem vorgebenen wüsten Anfangszustand, d.h. aus
vorgegebener, unerschaffener Materie
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| – |
Gott schuf die Welt aus dem Nichts
– die creatio ex nihilo. |
|
| Bereits in der Zeit der babylonischen Gefangenschaft wird die
creatio ex nihilo in den Vordergrund
geschoben, im 2. Jh wird sie durch Irenäus256 zum christlichen Dogma erhoben, zumal
sie ja – da sie nichts Seiendes voraussetzt – viel besser die uneingeschränkte
Allmacht Gottes erweist257. Wesentlich
ist dabei die Beibehaltung des mythisch-magischen Elements des Wortes: die
Erschaffung der Welt geschieht durch das Wort: „Und
Gott sprach: es werde Licht! Und es ward Licht.“
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|
|
| Die Welt ist das von Gott Erschaffene, das sein Produkt
bleibt und deshalb auch an sich gut, an sich vollkommen (und damit natürlich im
Prinzip unveränderlich) ist. Der Mensch wird in diesem Zusammenhang verstanden
gleichermaßen als
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| – |
Teil des Erschaffenen, als „Mitgeschöpf“ aller anderern
Naturerscheinungen – Franz von Assisi spricht von Bruder Sonne und Schwester
Mond etc.
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| – |
Herr über alles andere Erschaffene: |
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| * |
Liber Genesis 1,28: „macht euch
die Erde untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter
dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriechet“
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| * |
Galaterbriefe 4,1-7: Der Mensch ist als Kind und Erbe Gottes
Herr über alle Güter der Welt
|
| * |
Korintherbriefe 6,12: alles stehe in der Macht des Menschen,
nicht alles aber sei ihm zuträglich
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|
| Darin liegt eine radikale Neuerung gegenüber der griechischen
Ontologie. Das kontemplativ orientierte Denken Platons – der Mensch gelangt durch
Einsicht in die Harmonie der Welt zur eigenen inneren Ordnung und zum Gleichklang
mit dem Kosmos – wird nun ersetzt durch ein konstruktives Verfügungs“wissen“, zu dem
dann auch ein Verfügungsanspruch tritt – Produktion und Technik werden zum Ziel der
Erkundung der Welt.
|
| Der Apostel Paulus spricht im Römerbrief von einer dreifachen
Offenbarung Gottes:
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| – |
durch das Gesetz und die Propheten bei den Juden |
| – |
durch das Evangelium bei den Christen |
| – |
durch die Natur bei den Heiden |
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| Die Natur ist wie die Heilige Schrift ein Werk Gottes – so
wird sie gleichnishaft immer wieder mit dem Buch gleichgesetzt: legere in libro naturaeAugustinus spricht von zwei Büchern: liber scripturae und liber creaturae. Die Buch-Metapher zieht sich das ganze
Mittelalter hindurch und ist bis heute sprichwörtlich vorhanden – Buch der
Natur, in einem Menschen wie in einem Buch lesen etc.. Der Natur an
sich wird – anders als bei den Griechen – keine Selbständigkeit zugebilligt, sie ist
allein Manifestation Gottes, bei Johannes Scotus Eriguena erscheint sie sogar als
Theophanie, als Spiegelbild Gottes. Die Erforschung der Natur ist daher ursprünglich
Gottesdienst – und zwar ausschließlich, sie hat keinem anderen Zweck zu dienen als
der Ergründung, dem Lob und Preis Gottes. Deshalb sind auch alle Erscheinungen in
der Natur als den Menschen heilbringend belehrend gedacht – Petrus Damiani schreibt
im 11. Jh: „Gott, der allmächtige Schöpfer der Dinge,
hat, wie er die Erde zum Gebrauch der Menschen schuf, so auch durch jene
natürlichen Kräfte und notwendigen Bewegungen, welche er den wilden Tieren eingab,
dafür Sorge getragen, den Menschen heilbringend zu belehren“
|
| Die sich in dieser Auffassung abzeichnende Stagnation wird überwunden
nicht nur mit Hilfe der Vorstellung von der Herrschaft des Menschen über die Natur,
sondern mehr noch durch die Anwendung der hermeneutischen Methode der
Schriftinterpretation auch auf das zweite Buch. Nach der seit Origines entwickelten Vorstellung eignen der Heiligen Schrift vier
Inhalte, die es zu erschließen gilt:
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| – |
sensus historicus: er
öffnet den Zugang zu den historischen Fakten
|
| – |
sensus allegoricus: er
interpretiert das Historisch-vordergründige in Hinblick auf Gott, geht also einem
verborgenen Inhalt nach
|
| – |
sensus tropologicus: er
bezieht sich auf das Wort zur Umkehr, das Gott an den Menschen richtet
|
| – |
sensus anagogicus: er geht
der Verheißung der Gemeinschaft des Menschen mit Gott nach.
|
|
| Indem nun diese Vorstellung auf die Natur angewendet wird –
wie dies z.B. bereits bei Isidor von
Sevilla geschieht – wird die Natur zu einem autonomen Bereich der
Gotteserfahrung, dem forschendes Bemühen zu widmen ist, nicht nur staunende
Betrachtung; sich bei der Erklärung der Naturphänomene auf Gott als causa prima zu berufen, wird bald als ungenügend
abgetan – Wilhelm von
Conches formuliert, daß dies nur eine Ausflucht bedauernswerter Menschen,
ein refugium miserorum, sei.
|
| Aus dieser Differenzierung heraus eröffnet sich einerseits die
Berechtigung zur Erforschung der Natur und andererseits die zunehmende Kluft
zwischen dem Inhalt der Offenbarung aus der Schrift und dem aus der Interpretation
der Natur sich ergebenden Sachverhalten, also die Differenz zwischen Glauben und
zunehmend empirischer Auseinandersetzung mit den sensibilia. |
| Die Vorstellung von der Herrschaft des Menschen über die Natur, wie sie
vor allem durch die Stoiker vertreten wird, bewirkt eine intensive Diskussion
platonischer Vorstellungen vom Gesetz und von den Ideen, die bereits mit Augustinus
eine für das Mittelalter bis in das 13. Jh leitende Ausformung erfährt. Augustinus
unterscheidet zwei Arten von Gesetz
|
| – |
das von Gott gegebene und in der Natur wirksame Gesetz |
| – |
eine übernatürliche Ordnung, da Gott als allmächtiger
Gesetzgeber nicht an das Gesetz gebunden gedacht sein kann und daher stets vom
natürlichen Gesetz abweichen kann.
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|
| Erst in der Aristoteles-Rezeption wird die Vorstellung einer
von übernatürlichen Erscheinungen, von Wundern freien Natur, die einem cursus communis naturae folge, gestärkt und damit
der Weg gewiesen, zu einer „Verselbständigung“ der Natur und zur Annahme
allgemeingültiger Naturgesetze.
|
| Bezüglich der Ideen erhebt sich neuerlich die schon bei
Platon diskutierte Frage, wie es sich mit den Ideen im Zusammenhang mit Artefakten
verhalte. Woher stamme die Idee vom Löffel, den ein Mensch schnitzt? Der Löffel
kommt in der Natur nicht vor, so folgert Nikolaus
von Kues in seiner Schrift „Ydiota de mente“. Die Frage wird damit
beantwortet, daß der Mensch dank seiner Ebenbildlichkeit gegenüber Gott und dank
seiner Herrschaft über die Natur als alter
deus zu sehen sei – der Mensch, der sein
Vorbild im schöpferischen Geist Gottes hat, verfüge über die virtus fingendi und sei Imitator der ars infinita Dei.
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|
| Die Vorstellung Platons in bezug auf die Bedeutung der
Mathematik wird erst im Spätmittelalter wirksam
aufgegriffen. Nikolaus
von Kues leitet das Wort mens von mensura ab und betrachtet Erkennen als Messen des
Ähnlichen mit Ähnlichem – er erkennt, daß der Vergleich die Ur- und Grundoperation
des menschlichen Denkens ist, was freilich in der lange vor ihm schon umfänglich
geübten Proportionenlehre vorbereitet ist. Die mathematische Fassung allein gewährt
Sicherheit in dieser Operation; so gewinnt der im Mittelalter bereits vorhandene
Begriff „more geometrico“ weiter an Bedeutung,
man versucht, qualitative Erscheinungen auf quantitative zu reduzieren, um sie
mathematisch in den Griff zu bekommen259. Es ist klar, daß diese Vorstellungen mit der Idee der
dem Kosmos eigenen Harmonie eng verbunden sind. Der Neuplatonismus des ausgehenden
Mittelalters und mehr noch der Renaissance wird dies wesentlich aufwerten.
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| In diesem Zusammenhang ist auch auf die Veränderung
hinzuweisen, die sich hinsichtlich der Interpretation der Welt im Spätmittelalter
vollzieht. Aus der Auseinandersetzung mit dem Begriff des Unendlichen und mit der
Vorstellung von der Allmacht Gottes als einer unerschöpflichen und unauslotbaren
Schöpferkraft wird nun von einigen führenden Denkern (wie Nikolaus
von Kues und später Giordano Bruno, der dafür auf der Piazza Navona
verbrannt werden wird) die der Allmacht Gottes gegenüber zwangsläufig als endlich
empfundene Welt als nur eine von vielen möglichen Welt-Erscheinungsweisen, also als
eine von vielen möglichen Welten verstanden – so verändert sich der Charakter der
Schöpfung, der Natur, des Kosmos von dem eines unveränderlichen, abgeschlossenen und
stabilen Kosmos hin zu dem eines unabgeschlossenen, dynamischen, unendlichen und
offenen Systems.
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| Ähnliches gilt für die Vorstellung von der Welt als Maschine – eine Metapher, die bereits in der Stoa, bei Lukrez in „De rerum natura“ auftaucht, vor allem aber beim
Platon-Übersetzer Calcidius für den Kosmos gebraucht wird (praeclara ista machina visibilis), womit der Begriff im
Mittelalter allgemein wird, da die Übersetzung des Calcidius bis in das
13. Jh hinein die einzige Überlieferung des Timaios war. Die Metapher machina mundi wird allgemein und wandelt sich von
der ursprünglich organischen Auffassung – für Platon ist der Kosmos ein beseelter
Organismus – mehr und mehr zu einer anorganischen, mechanistischen Vorstellung, der
der Charakter des Instrumentellen hinzugefügt wird (mechane = griech. List, Mittel, Anwendung von Werkzeug), zumal die Natur
eben auch als Instrument der niedrigste Stufe der Vorsehung interpretiert wird – natura est infimum providentiae instrumentum
(Ficino). Mit dem Zurücktreten der aristotelischen Vorstellung von den der
Materie eigenen, sie von innen heraus organisierenden Kräften im 14. und 15. Jh
blieb mehr und mehr die Vorstellung von einem Mechanismus zurück, der von außen her
bewegt wird – eine Maschine; schon im 14. Jh wird der Kosmos mit einem Uhrwerk
verglichen.
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| In Ermangelung der größeren staatlichen Strukturen haben sich
bis auf Karl den Großen im Abendland nur auf der Grundlage kirchlicher,
insbesondere klösterlicher Gemeinschaften Freiräume für wissenschaftliche Betätigung
ausbilden können, die den politischen Gegebenheiten, der geringen Mobilität und den
geringen Informationsmöglichkeiten entsprechend relativ isoliert von einander
existierten.
|
| Es haben aber diese Ansätze ziemlich direkt mitunter an antike
Traditionen angeschlossen und auch Leistungen hervorgebracht, die lange im
Mittelalter als Autoritäten gegolten haben. Zentrum war der Hof Karls
dG. 781 traf Karl in Parma auf den aus York stammenden Gelehrten Alkuin (735-804), den er in seine
Dienste nahm und beauftragte, die seit 774 bestehende Palastschule in Aachen zu
reformieren, deren Leitung Alkuin dann 782 übernahm. Alkuin war in der Folge für die gesamte Neugestaltung des Bildungswesens
und damit auch mit für die „karolingische Renaissance“ verantwortlich. Vermutlich
unter seinem und Theodulfs von Orleans260 Einfluß beanspruchte
Karl ein universales theologisch-dogmatisches Lehramt; in den „Libri
Carolini“ ließ er von Alkuin und anderen Interpretationen wichtiger Dogmen ausarbeiten, tadelte
Ostrom und den Papst, es entstehen Texte, die Dokumente des Werdens einer neuen
politischen Philosophie sind. Im Wege des Unterrichts der septem artes, vorerst primär der Dialektik und der Rhetorik
werden die klassischen alten Bildungselemente vermittelt und wieder belebt. Alkuin scheint der erste Autor nach Isidor von
Sevilla zu sein, der ein Interesse an Logik zeigt, dem wenigstens indirekt
– über Boethius (dessen Consolatio philosophiae
er zitiert) – die Eisagoge des Porphyrios und das Organon des Aristoteles irgendwie bekannt gewesen sein dürften; er kennt weiters des
Cassidor Enzyklopädie und des Aristoteles Schrift „Peri hermenias“ („De interpretatione“). Mit Alkuin setzt ein, was man gewissermaßen als „Rückeroberung“ der
philosophischen Tradition bezeichnen könnte. Sehr bescheiden, aber eben doch und –
vor allem – nicht mehr abbrechend. Alkuin führt den Augustinismus in die karolingische Welt ein und sichert
damit das Fortbestehen der Wirksamkeit des Augustinus. Mit Alkuin setzt aber auch ein gewisses Maß an „Rationalismus“, an rationalem
Denken ein. Die ganze Entwicklung ist getragen von der Akzentuierung gegenüber
Ostrom – die Pfalzkapelle von Aachen ist eine Kopie von San Vitale in Ravenna, Karl
will Ostrom konkurrenzieren, steht auch mit Harun al-Raschid in Kontakt etc. Um
Alkuin existierte ein nicht besonders gut bekannter Kreis.
|
| Alkuin verließ Aachen noch vor 800 und ging definitiv nach Tours, wo er ab
796 als Abt wirkt und die dortige klösterliche Lehranstalt zu einer Art Hochschule
für antike Wissenschaft und Theologie ausbaut. In der Folge wurde dies durch eine
Fülle von Klöstern nachgeamt: Lorsch, Fulda, Kremsmünster, Reichenau, St. Gallen,
Bobbio, Laon, Corbie etc. Ein aus dem Jahr 822 datierter Bibliothekskatalog der
Reichenau weist bereits die Eisagoge, die Kategorien, De interpretatione (in
Boethius’scher Übersetzung) aus. Eine starke irische Einwanderung unterstützt den
anlaufenden Prozeß der Erneuerung. Die ersten Neuerungen vollzogen sich naturgemäß
in der Theologie – z.B. Prädestinationslehre Gottschalks des Sachsen – die auf
Augustinus aufbaute. Es kommt zu den ersten gelehrten theologischen
Kontroversen.
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| Alkuins Werk wurde durch seinen Schüler Hrabanus Maurus,
776-856, vor allem in Fulda und Mainz fortgeführt, indem er die Reform der
klösterlichen Ausbildung in Deutschland einleitete und Fulda zu einer der
hervorragendsten Überlieferungsstätten des klassischen Altertums machte, was ihm den
Beinamen "praeceptor Germaniae" eintrug. Er
selbst schrieb eine auf Isidor von
Sevilla zurückgreifende Enzyklopädie "De rerum naturis" oder "De universo
libri xxii sive etymologiarum opus", die bereits gewisse Kenntnisse des Hebräischen
und des Griechischen verrät. In „De clericorum institutione“ (819) bespricht er die
artes liberales und erläutert, warum die
Kleriker wissenschaftlich ausgebildet werden sollen. Darin gibt er auch eine auf
Augustinus zurückgehende Rechtfertigung der Mathematik. Hrabanus verfaßte auch das erste uns bekannte lateinisch-griechische
Wörterbuch.
|
| Die philosophische Diskussion kam im Umfeld der
karolingischen Palastschule, über deren geographischen Ort man für die Zeit nach
Karl
des Großen kaum etwas weiß, in Schwung durch Gottschalk den Sachsen
und mehr noch durch den von Gottschalk angegriffen Johannes Scotus
Eriugena, der in seinem Hauptwerk „De divisione naturae“ (862-66)
neuplatonische und christliche Philosophie mit stark pantheistischem Einschlag
vereinigte (und deshalb auch im 13. Jh verboten wurde261): Gott ist unerkennbar, unbenennbar, ist
„superessentiell“ (ausgezeichnet durch die „Überseiendheit“), steht über allem, auch
über den Kategorien262. Seine eigenen
Werke sind z.T. äußerst schwierig zu lesen bis partienweise unverständlich.
Folgenreich blieb seine – unter Berufung auf Augustinus vorgenommene – Gleichsetzung „Die wahre Philosophie ist nichts
anderes als die wahre Religion, und umgekehrt ist die wahre Religion nichts anderes
als die wahre Philosophie“, die den Anspruch der Herrschaft der Theologie über die
Philosophie (philosophia ancilla theologiae) in
der Folge stärkte. Diese Vorstellung wurde von Anselm von
Canterbury fortgeführt: credo, ut
intelligam, womit das Glauben vor das Denken gereiht wird; Glaube steht vor
Vernunft, beide sind aber eng miteinander verbunden: fides quaerens intellectum, der Glaube sucht die Vernunft. Eriugenas Prädestinationslehre wurde bereits zu seinen Lebzeiten 849
verboten, was für ihn aber keine Folgen zeitigte. Eriugena leitet die systematische Wieder-Erarbeitung der antiken
Philosophie in der Scholastik ein. Daß er erst im 12. Jh wiederentdeckt worden sei,
ist ein verbreiteter Irrtum. Seine Werke sind in Florilegien und über Glossen
verbreitet worden, wurden offenbar bereits im 9. Jh als Lehrbücher herangezogen,
obgleich ansonsten wenig neue Texte hinzutraten – der Stock der zur Verfügung
stehenden philosophischen Texte blieb bis in das 12. Jh hinein sehr beschränkt;
manches – wie etwa die Kategorienlehre – wurde nur teilweise verstanden und deshalb
auch nur partiell weitergegeben.
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| Die Intensivierung der Auseinandersetzung mit den klassischen
Autoren einerseits und die Entwicklung der „Nationalsprachen“ lösten erste
Übersetzungen in diese und die Erstellung der dafür nötigen Glossare und
Wörterbücher aus. Für das Deutsche erlangte diesbezüglich Notker
Labeo (Teutonicus, 950-1022) in St. Gallen als Übersetzer
lateinischer (auch philosophischer) Werke größte Bedeutung, zumal seine Werke zu den
frühesten deutschen Schrift- oder besser Sprachdenkmälern zählen. Außerdem hat er
durch das Übernehmen lateinischer Worte die Entwicklung einer
philosophisch-wissenschaftlichen Fachsprache eingeleitet – es war damals natürlich
nicht möglich, alles zu übersetzen, da das Deutsche dafür noch längst nicht
hinreichend differenziert war, daher blieb nur die Möglichkeit der Übernahme des
lateinischen Wortes in den Gebrauch der deutschen Sprache.
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| Das 8. und das 9. Jh brachten insgesamt mit der
karolingischen Renaissance, durch die Gesetzgebung Karls dG eine
wesentliche Ausweitung des Bildungswesens auf der Ebene der bischöflichen und
parriochalen Schulen, die bis in das 11. Jh die Entwicklung bestimmte. Eine Reihe
von bedeutenden neuen Zentren entwickelt sich: Tours, Fulda, Reichenau, St. Gallen,
Lorsch, Fleury, Saint-Riquier und Corbie als Klosterschulen, Laon, Orleans, Paris,
Metz, Cambrai, Reims, Auxerre und Chartres im bischöflichen Bereich. Von ihnen aus
schritt die Erneuerung weiter nach dem Osten und Südosten fort. Die
vereinheitlichende Reform der Schrift und ein neuer einheitlicherer Kanon der
Ausbildung bewirkten langsam ein Zusammenarbeiten der lange isoliert gewesenen
Zentren. Es wird die Textemendation wieder geübt, es erfolgt eine neuerliche
Annäherung an das Griechische. In dieser Zeit wird erstmals die mittlerweile
entwickelte Differenz zwischen dem geschriebenen und dem gesprochenen Latein, die
Bildung der Vernacularsprachen, der frühen romanischen Sprachen bewußt
wahrgenommen.
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| Eine Neuerung war die Heranziehung der Artes zur Bibelexegese. Dazu dienten vor allem Grammatik und Rhetorik, denn
die Dialektik war damals nicht viel mehr als eine menmotechnische Übung und nicht
eine intellektuelle Disziplin – daran hatte auch Alkuin nichts zu ändern vermocht. Erst im 11. Jh ändert sich das durch die
Entdeckung der sogenannten „Logica nova“ des Aristoteles: erst mit der Wiederentwicklung der Dialektik im eigentlichen
Sinne vollzieht sich auch die Ausweitung der Grammatik hin zur spekulativen
Grammatik, d.h. zur Theorie der Grammatik.
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| Da die Domschule zu Aachen nicht sehr lange bestanden hat, waren es in
der Folge vor allem die Klöster, an denen sich mitunter weithin wirksame Schulen
ausgebildet haben: St. Martin de Tours, St. Gallen, Fulda, Bobbio, Cluny, Morimond
u.a. Im Rahmen der in den führenden Klöstern gebotenen Ausbildung263 wie in der eigenständigen
geistigen, wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem überlieferten klassischen
Kulturgut vollzog sich im Verlauf der folgenden Jahrhunderte die neuerliche
Verbreitung der klassischen Autoren – wie etwa des Cicero –, ihre Neuinterpretation in christlichem Sinne und damit ihr
Einbau in eines neues Geflecht von Bildungsinhalten. Bei der Bewertung dieses
Vorganges ist natürlich zu berücksichtigen, daß die Qualität der anfangs zur
Verfügung stehenden Texte mitunter miserabel war und oft erst im Zuge des
Arbeitsprozesses und dann insbesondere im Gefolge des Übersetzungswerkes tragfähig
wurde. Nach und nach kam es – wesentlich als eine Folge der von Cassiodor initiierten und das Mittelalter hindurch fortgeführten
Abschreibtätigkeit der Mönche – zum Aufbau großer Bibliotheken, in denen bestimmte
Texte gewissermaßen als Garanten der Bildung immer greifbar waren: Martianus
Capella, Donatus, Priscian, Boethius, Isidor von
Sevilla und Beda
Venerabilis; von den Klassikern Cicero, Vergil, Horaz, Ovid,
Statius und Lucanus. Damit wird wieder ein gewisser gemeinsamer Standard
hergestellt, was die spätere enorme Mobilität im 13. Jh fördern sollte.
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| Gelehrte wie Hrabanus Maurus, Lupus von Ferrieres,
Johannes Scotus Eriguena, Heinricus von Auxerre und Remigius von
Auxerre und die ottonische Renaissance im 10. Jh haben die Bemühungen der
karolingischen Renaissance fortgeführt und vor dem Absterben bewahrt – Otto I. umgab sich ähnlich wie Karl dG mit zumeist aus Italien
stammenden Intellektuellen wie z.B. Liutprand von Cremona. Otto II. besetzte 983
die Abtei Bobbio mit Gerbert
von
Aurillac, der dann auch seinen Sohn Otto III. beraten hat und dessen
Schüler Fulbert 990 die berühmt gewordene Schule von Chartres gründet; Gerbert selbst wird als Sylvester II. Papst. Durch diese Lehrtätigkeit,
die letztlich aus der Nachahmung der Palastschule in Aachen hervorgegangen ist und
die als in der kirchlichen Sphäre stehend durch das ottonische Reichskirchensystem
gefestigt wird, wurde nach und nach der Kreise jener erweitert, die sich
professionell dem Studium der Theologie und der Philosophie – und damit auch der
Wissenschaft – widmeten. So tritt um 1000 eine neuerliche, deutlich erkennbare
Ausweitung ein – die ottonische Renaissance.
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| Gleichzeitig wird aber zweierlei bemerkbar: |
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die Kluft gegenüber dem Osten, Byzanz, weitet sich, die
Kenntnis des Griechischen wie der griechischen Autoren und der griechischen
Philosophie geht wieder zurück,
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| – |
die Heranziehung paganer Autoren oder solcher, die für
heidnisch gehalten werden, bedarf nun besonderer Begründung; die Distanz zur
paganen Antike wird größer; Boethius wird umstritten, auf Grund seiner Schrift „De consolatione
philosophiae“ wird er nicht mehr als christlicher Autor akzeptiert; andererseits
nimmt man eher dankbar als vermeintliches Faktum zur Kenntnis, daß Platon ein
Enkelschüler Mosis gewesen sei oder wenigstens sein Wissen direkt aus dem Alten
Testament bezogen habe, das er in Ägypten kennengelernt habe264. Was sich christianisieren ließ, wurde
christianisiert, es bahnte sich eine Phase der Orthodoxie an (wie etwa
gleichzeitig im muslimischen Bereich auch); sie erreicht im 11. Jh einen
Höhepunkt, indem alles heidnische Schrifttum abgelehnt und durch die sogenannten
„Antidialektiker“ auch die Logik bzw. die Dialektik abgelehnt wurde – denn: wenn
wesentliche Teile der Glaubenswahrheit ohnedies der menschlichen Vernunft
unzugänglich und in ihrer „Übervernünftigkeit“ jeglicher Logik unzugänglich seien,
wozu sollte die Logik dann dienen? Es bleiben dies aber temporäre Erscheinungen,
und der Aufbauprozeß mit Hilfe der über Augustinus und Boethius vermittelten Tradition der klassisch-antiken Philosophie geht
weiter265.
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| Ab dem ausgehenden 11. Jh entwickelt sich eine neue
kulturelle Einheit in Westeuropa, die von Schottland bis Sizilien und von Lund über
Mainz bis Toledo reicht und durch ein einheitliches Bildungsideal ausgezeichnet ist,
das im magister artium definiert erscheint. Dies
wird bezeugt durch die enorme Mobilität der führenden Köpfe266.
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| Drei Phänomene erwiesen sich als für diese Entwicklung
grundlegend bedeutend:
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| – |
die Anwendung der Logik, der Dialektik auf die Theologie als
ein Faktor der Rationalisierung, der unabdingbare Vorbedingung war für die
Differenzierung der Theologie und der Philosophie im 13. Jh,
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| – |
die Wiederentdeckung der aristotelischen Schriften und |
| – |
die Entwicklung der Universitäten. – der Begriff facultas wurde bereits von Boethius verwendet, der damit eine bestimmte wissenschaftliche Disziplin
bezeichnete; im 12. Jh wird der Begriff dann in der Schule von Chartres geläufig
und dürfte von dort auch verbreitet worden sein. Für 1219 ist er erstmals für die
Universität Paris nachweisbar – es ist in diesem Zusammenhang bereits von vier
Fakultäten die Rede: facultas theologorum, facultas
artium, facultas decretistarum und facultas
medicorum. In der facultas artium sind
die septem artes zusammengefaßt, wobei aber
bereits eine Dominanz der Dialektik gegeben ist. In der Praxis liegt der
Schwerpunkt der Philosophie in den Anfängen natürlich noch bei den Theologen, die
über die besten Lehrer verfügen; erst im 14. Jh bleiben Lehrende willentlich an
der Artistenfakultät und steigen nicht in eine der höheren Fakultäten auf .
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Wesentlich ist in diesem Zusammenhang, |
| – |
daß die Theologie überhaupt von den anderen Diszipinen
abgesetzt erscheint und
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| – |
daß die Theologie gleichzeitig als Wissenschaft in das System
eingebaut ist, auf das – mit Thomas von
Aquin bewusst und definitiv – die aristotelischen Prinzipien von
Wissenschaft angewendet werden: denn damit soll die Theologie als rationale
Wissenschaft betrieben werden, und es bildet sich ein eigener Stand
wissenschaftlicher Theologen heraus.
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| Im 11. Jh werden die ersten Konsequenzen der Modernisierung
und Intensivierung der Ausbildung an den Kathedralschulen in Aufsehen erregender
Weise erkennbar, wenn die beiden Mitglieder der Schule von Chartres, Berengar
von Tours und Lanfranc die Abendmahlfrage diskutieren: Berengar versuchte, die Abendmahllehre mit Hilfe der Dialektik (= Logik)
als eine vernünftige Wahrheit aufzubauen; Lanfranc widersetzte sich dem267. Gegenstand der Auseinandersetzung war die rein
sprachlogische Interpretation der Konsekrationsworte „Hoc est corpus meum“ und die daraus abgeleitete Behauptung,
daß in der Eucharistie eine substantielle Verwandlung in Leib und Blut, wenn
überhaupt, nicht durch die in der Liturgie vorgesehenen Wandlungsworte stattfinde.
Diese damals geradezu ungeheuerlich wirkende Behauptung wurde allein aus Gründen
der Grammatik und Semantik erhoben268! Berengar wandte sich gegen die Auffassung, daß der Leib
Christi in der Hostie substantiell anwesend sei. Berengars
Argumentation war von höchster sprachlicher Subtilität, indem er feststellte, daß
„Hoc“ sich allem Anschein nach auf das Brot
beziehe. Da aber an der Identität des Subjekt wenigstens für die Dauer des Satzes
festzuhalten sei, könne nicht gleichzeitig der Leib Christi Subjekt des Satzes
sein – der Satz sei also logisch falsch, und man ehre Gott nicht, wenn man den
menschlichen Geist, dessen Regeln in Logik und Grammatik formuliert sind, entehre.
Der Mensch sei als denkendes Wesen Gottes Ebenbild und dürfe sich dieser Würde
nicht begeben; der Respekt vor den Denkgesetzen habe auch einen religiösen Sinn.
Berengar beweist nun aus den Kirchenvätern Ambrosius und
Augustinus, daß sie das Abendmahl nur als heiliges Zeichen verstanden hätten.
Berengar fordert die ratio fidei.
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| In ganz ähnlicher Weise hat sich um 1090 Roscellinus, der
Lehrer Abaelards, kritisch zur Trinitätsfrage geäußert und diese aus
sprachlogischen Gründen in Frage gestellt.
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| Die Forderung – der Glaube habe vernünftig zu sein – hat wenig später
auch der berühmteste Schüler Lanfrancs erhoben, nämlich Anselm von
Canterbury. Die Diskussion erregte ungeheueres und folgenreiches
Aufsehen, bis hin zur Stützung der Zölibatsforderung (Priesterhände, die den Leib
Christi brechen dürfen, können keine Frau berühren etc.) und zur Diskussion, was
geschehe, wenn Mäuse eine Hostie fressen etc. Es ging um den Versuch des Anselm von Canterbury,
allein aus Vernunft – sola ratione, sola cogitatione – zu den Glaubensinhalten
vorzustoßen. Anselm, berühmt für seinen seit Kant „ontologisch“ geheissenen Gottesbeweis269 in seiner Schrift „Proslogion“
(der auch Ergebnis dessen ist, was ihn im Zusammenhang mit der Entwicklung von
Wissenschaft bedeutsam macht) verfolgte das Ziel, das im Glauben Geglaubte auch
auf Grund innerer Einsicht und schauenden Verstehens – intellectu et contemplatione – freudig bejahen zu können. Er
geht dabei soweit, daß er als sein Ziel angibt, nicht nur sola ratione (allein aus
Vernunft), sondern auch remoto Christo (also gewissermaßen unter Hintanstellung
Christi), zu den Glaubensinhalten vorstoßen zu können. Damit wird die ratio zu einem Instrument der Theologie und zu
dessen Handhabung bedarf es selbstverständlich der Logik, der Dialektik. Insoferne
führt Anselm durch seine Arbeit und
insbesondere durch die außergewöhnliche Leistung seines so berühmt gewordenen
Gottesbeweises die Logik und die Dialektik in die Theologie ein und bewirkt damit
eine dauerhafte Rationalisierung der Theologie und der Metaphysik. Indem aber die
Theologie rationalisiert wird, wird sie erst in die Lage versetzt, die Problematik
der Philosophie sui generis zu akzeptieren und
schließlich auch der rationalen Erkenntnis neben der Offenbarungserkenntnis einen
eigenständigen Wert zuzugestehen, wie dies durch Thomas von
Aquin in der Mitte des 13. Jhs geschehen wird270. Gegen Anselms Gottesbeweis
trat der ansonstens unbekannte Mönch Gaunilo von Marmoutier271 auf, der einer
der hellsten Köpfe seines Jahrhunderts gewesen sein muß und eine strikt empirische
Auffassung vertrat, wenn er entgegnete, man brauche kein Narr zu sein272, um eine atheistische
Position einzunehmen, man müsse nur – modern ausgedrückt – Empirist sein. Gaunilo gilt als Verfasser der Schrift „Quid ad haec respondeat quidam
pro insipiente“ (Was man als Anwalt des Unwissenden antworten kann, in
Zusammenhang mit der Frage, ob Gottes Nicht-Sein gedacht werden könne). Darin warf
er (spätere Einwände vorwegnehmend) Anselm vor, daß er sich als
Realist273 allein auf der Ebene der voces bewege, aus denen allein aber reale Erkenntnis nicht zu
gewinnen sei – aus einer sprachlichen Äußerung könne nicht auf wahrhafte Existenz
geschlossen werden274.
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| Die Aktivitäten Anselms von Canterbury sind
nicht isoliert, sondern im Zuge einer zunehmenden Beschäftigung mit theologischen
Fragen und – vorläufig auch untrennbar von diesen275 – philosophischen Fragen vornehmlich
an den französischen Kathedralschulen, aber auch Klosterlehranstalten im heutigen
Frankreich und Deutschland zu sehen. Die wohl wirkungsmächtigste dieser Schule war
jene von Chartres (s.u.), die am Neubeginn der Naturwissenschaften im Abendland
steht. Die Themata, um die es aber vornehmlich, ja letztlich langehin fast
ausschließlich ging, waren naturgemäß theologisch: die Frage nach der Berechtigung
des „filioque“ im Zusammenhang mit der Natur
des Heiligen Geistes276 und vor
allem die Frage nach dem Charakter der Konsekrationsworte „hoc est enim corpus meum“. Das zunehmende Eindringen
rationaler Verfahren bedeutete allerdings nicht, daß sogleich auch die Inhalte
rationalisiert wurden. Z.B. trägt Abaelard zwar wesentlich zur Methodenentwicklung bei, bleibt aber
dennoch ein Gegner des theologischen Rationalismus seiner Zeit.
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| Zu einer alle Intellektuellen bewegenden Frage wurde in
dieser Zeit das Universalienproblem. Es entzündet sich ernsthaft an der berühmten
Einleitungsstelle der Eisagoge des Porphyrios277 in der Übersetzung durch Boethius und an dem gleichermaßen weitverbreiteten Kommentar des Boethius, in dem dieser feststellte, daß die Logik von Worten handle.
Diese Äußerung des Boethius wird, indem sie von den Scholastikern akzeptiert wird, die
Ausgangsbasis für den Durchbruch zum Nominalismus, da demnach der
Kategorientraktat des Aristoteles nicht von Dingen, sondern von Worten handle, was nahelegte,
daß die Gattungen und Arten der Kategorienlehre nur Singularien bezeichneten und
nicht Universalien seien – universalia sunt
nomina. Tatsächlich hat bereits – aber nicht als erster – Roscellinus (1050-1125), der Lehrer
Abaelards, diese nominalistische Position eingenommen, indem er
formulierte: universale est vox. |
| Es wird nochmals auf den Ausgang des Universalienstreits
zurückzukommen sein278. Festzuhalten ist jedoch, daß dieser
langwierigen philosophischen Auseinandersetzung als einem überregionalen,
allgemeinen und ob seiner fundamentalen Bedeutung mit enormer Hartnäckigkeit
geführten Argumentationsprozeß – ungeachtet des natürlich noch bedeutsameren
Ausgangs des Prozesses, der dazu beitrug, den Weg für die Wissenschaft
freizumachen – enorme Wichtigkeit für die weitere sprachlich-terminologische
Verfeinerung und die Handhabung des Instruments der Dialektik zukommt und daß in
diesem Prozess eine Fülle von Problemen diskutiert und aufgearbeitet wird, deren
Bewältigung Freiraum für die Aktivitäten nach dem Durchbruch des Nominalismus bzw.
Ockhamismus schuf.
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| Die Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens in der
Scholastik ist wesentlich mit bestimmt worden durch Peter Abaelard, der
mit dem ihm eigenen Scharfsinn die kritische Analyse wesentlich gefördert und das
bereits vor ihm geübte Verfahren der systematischen Gegenüberstellung von
Autoritäten für das Für und für das Wider einer Auffassung wesentlich verfeinert
und zum allgemein verwendeten Instrument gemacht hat – zu dem mit seinem Namen
verbundenen Verfahren des Sic et non (des Für
und Wider). Abaelard war ein Meister der Dialektik und im Wesentlichen
Sprachlogiker, als der er auch eine entschieden nominalistische Position
eingenommen hat279. Durch seine bewußte
kritische Analyse, seinen methodischen Zweifel280 –
„durch Zweifel kommen wir zum Forschen, durch
Forschen zur Wahrheit“ – bewirkt er bedeutenden Fortschritt. Ausgehend vom
Wort, von der vorliegenden sprachlichen Widergabe eines Problems analysiert er
kritisch die logische Bewertung und Beurteilung der Aussagen – damit stellt sich
Abaelard gegen die a-priori-Anerkennung der Autoritäten; seine eigenen
Schriften werden von ihm in zahlreichen rasch auf einanderfolgenden Versionen
ständig erneuert. Abaelard erkennt das Problem, daß man stets das denkende und handelnde
Subjekt zu berücksichtigen habe. Entgegen der ansonsten zu seiner Zeit gegebenen
Haltung setzt sich Abaelard sachlich mit den Juden und mit dem Islam auseinander, ja er
zieht sogar – in der Zeit seiner ärgsten Verfolgung durch Bernhard von
Clairvaux – seine Emigration in das maurische Spanien in Betracht, da er
dort auf mehr Toleranz hoffen zu dürfen meinte. Als er bei Peter Venerabilis in
Cluny Unterschlupf findet, entsteht dort die erste lateinische Übersetzung des
Korans. Zu Pfingsten 1140 findet eine große – lange zuvor öffentlich angekündigte
– Disputation zwischen ihm und Bernhard von Clairvaux in der Kathedrale von
Sens statt, zu der sogar der König von Frankreich erscheint. Was man Abaelard zum Vorwurf machte, war, daß er versuchte“die gesamte Gottheit mit der menschlichen Vernunft zu umfassen. Er
steigt auf bis in den Himmel; er steigt ab zu den Abgründen. Nichts ist, was ihm
entginge, weder in der Tiefe der Hölle noch droben in der Höhe. Der Mensch ist
groß in seinen Augen“, klagt Bernhard von Clairvaux gegenüber
dem Papst. Besonderen Anstoß erregte seine Abstrahierung der Trinitätslehre – Gott
Vater als Macht, Sohn als Weisheit und Hl. Geist als Güte; die Begriffe Vater,
Sohn und Hl. Geist betrachtete er als „uneigentlich“ (inproprie) – diese Vorstellung ist später von Joachim
von Fiore aufgegriffen worden. Auch in der Gnadenlehre hat Abaelard gewissermaßen rationale Wege beschritten, indem er es ablehnte,
mit Augustinus anzunehmen, daß Gott jedem Menschen vorherbestimme, ob er der
Gnade teilhaftig werde oder nicht, sondern die Auffassung vertritt, daß Gott wie
ein Kaufmann seine Ware dem Menschen seine Gnade anbiete, die der Mensch dann
durch den Gebrauch der Vernunft, mit deren Hilfe er das Böse vom Guten
unterscheide, und aus freiem Willen annehme – die Vernunft könne deshalb auch
Gnade genannt werden. Ähnlich rational argumentierte Abaelard in der Ethik hinsichtlich des Problems Sünde: eine Sünde aus
Unwissenheit könne es nicht geben, wer unwissend handle, sündige nicht; als
Beispiel gab er – horribile auditu – an: Wenn
die Henker, die Jesus ans Kreuz schlugen, dabei glaubten, sie erfüllten
damit den Willen Gottes, so sündigten sie nicht nur nicht, sondern waren moralisch
gehalten, Jesus zu kreuzigen. Wenn Heiden oder Juden den
christlichen Glauben verwerfen, weil sie glauben, dieser stamme nicht von Gott, so
müssen sie, moralisch gesehen, an ihrem Glauben festhalten und sind deshalb nicht
zu tadeln. Damit werden völlig neue, am Menschen orientierte, Wertmaßstäbe
gesetzt.
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| Man hat Abaelard als Schöpfer der scholastischen Methode bezeichnet,
was überzogen ist, da diese Methode im Prinzip bereits vor ihm geübt wurde, doch
insoferne auch wieder berechtigt ist, als er dieses Verfahren durch Formalisierung
– quaestio, interrogatio etc. – bewußt zu
einem Verfahren der Wahrheitsfindung macht, unabhängig vom Gegenstand, um den es
geht. Thomas von Aquin hat verschiedentlich, z.T. wörtlich, auf Abaelard zurückgegriffen, ebenso ist Wilhelm von Ockham
stark von ihm beeinflusst.
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| Diese Schule wurde 990 von Fulbert
von Chartres, einem Schüler Gerberts von Aurillac, gegründet und ist dadurch ausgezeichnet, daß
man sich hier zuerst im Abendland wieder mit Naturphilosophie – Naturwissenschaft
– beschäftigte, Hippokrates von Kos und Galen kennenlernte und in der 2.H. des 11. Jhs vorerst noch vage
Informationen über die Neuerungen im islamischen Bereich erhielt.
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| Constantinus Africanus, der 39 Jahre lang den Orient bereist haben soll,
übersetzte (vermutlich um 1060/70) erstmals griechische und arabische medizinische
Autoren in das Lateinische. Diese Übersetzungen wurden zuerst in Salerno und in
Chartres genutzt bzw. die Auseinandersetzung mit ihnen gefördert. Tatsächlich wird
die naturwissenschaftlich orientierte Arbeit fortgeführt und verschiedentlich
beteiligen sich auch Schüler von Chartres am Übersetzungswerk – wie etwa Hermannus
Dalmatus – und es erfolgt auch eine inhaltliche Ausweitung auf
Astronomie, die Disziplinen der septem artes
generell und natürlich auch auf die Grammatik im Sinne der Sprachlogik bzw. der
Sprachphilosophie – immer noch eng vermengt selbstverständlich mit theologischen
Arbeiten. Diese Entwicklung führt dazu, daß einige Autoren sich mit dem Verhältnis
zwischen Theologie und Philosophie zu befassen beginnen, also Philosophie – und
damit ist nun bereits Wissenschaft in einem umfassenderen Sinne gemeint – .als
einen von der Theologie differenzierten Bereich zu verstehen beginnen: Magister
Clarenbaldus (fl. 1150-1170)
unternimmt offenbar als erster seit langer Zeit den Versuch, eine Art
Wissenschaftslehre zu erstellen. Das Verhältnis zwischen Theologie und Philosophie
bestimmt er dabei dadurch, daß er die Theologie als als den vornehmsten, zentralen
Teil der Philosophie bezeichnet – theologizari est
philosophari. Damit erscheint die Philosophie letztlich der Theologie
übergeordnet! Eine Metaphysik im engeren Sinne kennt er nicht, diese Aufgabe wird
durch die speculatio mathematica und die speculatio theologica wahrgenommen. Darüber
hinaus befaßt er sich noch mit der Physik – speculatio physica, bestehend aus terrestris, sublimis und caelestis. |
| Durch die Aktivitäten wesentlich der Schule von Chartres, anfänglich
auch der Schule von St. Victor in Paris, die sich aber später der Mystik zuwendet,
verändert sich das Bild im Verlaufe der ersten Hälfte des 12. Jhs relativ rasch –
mehr und mehr werden Astronomie, Mathematik, „Physik“, Psychologie und Physiologie
im naturwissenschaftlichen Bereich rezipiert und diskutiert, während andererseits
die Beschäftigung mit sprachphilosophischen Fragen fortgeführt und bald auch die
historische Reflexion aufgenommen wird (Otto von
Freising). Nach wie vor aber bindet die Theologie einen erheblichen Teil
der Kapazität, zumal man durch die zunehmenden Kontakte mit dem Islam und durch
das Auftreten von Sekten einen Bedarf an glaubensverteidigenden Argumentationen
verspürte, den es zuvor so gut wie nicht gegeben hatte.
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| Die zunehmende Ausweitung und Differenzierung des Wissens
regte im 12. Jh bereits zur Erstellung einer Übersicht an. Hugo von St. Victor,
der ansonsten eher als Verfasser mystischer und theologischer Schriften bekannt
ist, hat auch eine Wissenschaftslehre verfaßt, die einen Teil seiner wichtigen
Schrift „Eruditionis didascalicae libri VII“ bzw. „Didascalio(c)on“ ausmacht, die
ihrerseits eine Einführung in die Theologie und in die septem artes sein will. Hugo betrachtet die Wissenschaften
als dem Menschen von Gott gnadenhalber als gegen die durch die Erbsünde
verursachten Schwächen an die Hand gegebenes Hilfsmittel. So gibt er auch an,
welche Schwächen (Unwissenheit, Ungerechtigkeit, körperliche Gebrechen und
Sprachfehler) womit bekämpft werden sollten:
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| – |
Unwissenheit: theoretische Wissenschaften |
| – |
Unrecht: praktische Wissenschaften (Ethik) |
| – |
körperliche Gebrechen: Mechanische Künste |
| – |
Sprachfehler: Fächer des Triviums (Grammatik, Dialektik,
Rhetorik)
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|
| Er entwickelt höchst interessante Gedanken – so nähert er
sich der Vorstellung von der Erhaltung der Energie, wenn er in seinem Traktat „De
generibus et speciebus“ wie andere Zeitgenossen auch die Vorstellung von der
atomistischen Struktur der Materie nach Demokrit vertritt und dabei meint, daß die Materie erhalten bleibe: bei
allem Wechsel in der Erscheinung entstehe nichts und vergehe nichts; nicht die
Wesenheit der Dinge verginge, sondern nur ihre Form, und selbst diese wechsle nur
den Ort und die Zeit!
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| Hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Glaube und Wissen formuliert
er – in Anlehnung an Augustinus und an Boethius – die Vorstellung, daß der Mensch über ein dreifaches Auge
verfügt habe:
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| – |
das Auge des Fleisches: es übersteht den Sündenfall und kann
allein die Welt schauen und die Dinge in ihr; mehr vermag es aber nicht zu
sehen, das Übersinnliche bleibt ihm verschlossen
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| – |
das Auge der Vernunft: es wird durch den Sündenfall getrübt,
so daß sein Visus dubie sei
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| – |
das Auge der Kontemplation: zur Schau Gottes, es ging durch
den Sündenfall gänzlich verloren.
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| Aus diesem Verlust an Erkenntnismöglichkeit (der Trübung
des zweiten und dem Erblinden des dritten Auges) resultiere die Notwendigkeit des
Glaubens, den er in berühmt gewordener Weise definiert: Fides est certitudo quaedam animi de rebus absentibus supra
opinionem et infra [!] scientiam constituta – Glauben ist eine Gewissheit des Geistes
hinsichtlich von Nicht-Gegenwärtigem über dem Meinen und unter (innerhalb) des
Wissens bzw. von Wissenschaft angesiedelt. In Zusammenhang damit analysiert Hugo
die genera cognitionis:
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| – |
die Negation: qui audita
statim animo repellunt ..., hi sunt negantes |
| – |
das Meinen: eligunt partem ad
existimationen, sed non approbant ad affirmationen, hi sunt
opinantes |
| – |
das Glauben: partem approbant,
ut eius approbationaem etiam in assertionem assumant, hi sunt
credentes |
| – |
das Wissen: Post ista genera
cognitionis illud perfectius sequitur, cum res non ex auditu solo, sed per
suam presentiam notificatur. Perfectius enim agnoscunt, qui ipsam rem ut est
in sua presentia comprehendunt: hi sunt scientes. |
|
| Damit ist das Wissen, die rationale Erkenntnis für Hugo
die vollkommenste Erkenntnisform und über dem Glauben eingestuft; im Anschluß an
Augustinus wird das Wissen bestimmt als Erfassung eines gegenwärtigen Dinges,
während der Glaube über abwesende Dinge sich erstreckt. Im Zusammenhang mit der
weiteren Analyse hinsichtlich des Glaubens unterscheidet Hugo zwischen
Gegenständen
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–
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ex ratione:= necessaria = völlig evident, kannt nicht
geglaubt werden, wird gewußt
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–
|
secundum rationem = probabilia = kann geglaubt werden
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–
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supra rationem = mirabilia = kann geglaubt werden
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–
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contra rationem = incredibilia = kann nicht geglaubt
werden.
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| Die Systematik des Bereiches „Wissenschaft“ nimmt Hugo
in Anlehnung zwar an Aristoteles, aber letztlich doch noch reichlich eigenwilliger Weise
folgendermaßen vor:
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| Theorie |
| Theologie |
| Mathematik |
Logik, ihre Aufgabe sei es, die von erfahrungsmäßigen
Wirklichkeit abstrahierte Quantität festzustellen, die als solche allein dem
Denken und der Wissenschaft angehört, sie soll die konfuse Wirklichkeit mit
Hilfe der Vernunft inconfuse betrachten – in
der Wirklichkeit der Dinge gibt es keine Linie ohne Oberfläche oder ohne Körper;
die ratio des Mathematikers betrachtet aber
die Linie rein für sich, nicht weil es in Wirklichkeit so ist, sondern weil die
Vernunft die Dinge nicht immer so betrachtet, wie sie sind, sondern wie sie sein
können, und nicht in sich selbst, sondern in Beziehung auf die Vernunft;
Arithmetik: beschäftigt sich mit den Dingen unter dem Aspekt des
Zahlenmäßigem;Musik: beschäftigt sich mit den Dingen unter dem Aspekt der
Proportionen; Geometrie: beschäftigt sich mit den Dingen unter dem Aspekt der
Ausdehnung; Astronomie: beschäftigt sich mit den Dingen unter dem Aspekt der
Bewegung
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| Physik |
Sie beschäftigt sich mit den Dingen unter dem Aspekt der
inneren Qualitäten, mit der Natur der Dinge; der Physiker habe die Aufgabe, die
vermischte Wirklichkeit der Dinge ungemischt zu betrachten; die wirklichen
Körper existieren nur als eine Zusammensetzung aus den vier Elementen; die
Physik hingegen betrachtet die Elemente rein und für sich, die reine
Wirklichkeit des Feuers, der Erde, der Luft, des Wassers; und sie urteilt auf
Grund der an sich betrachteten Natur eines jeden Elementes über das konkrete
Ganze und seine Wirksamkeit.
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| Praxis |
Ethik, Ökonomie, Politik |
| septem artes illiberales |
Hugo hat neben den septem
artes liberales auch die septem artes
mechanicae (also die illiberales) in
sein System aufgenommen – zu ihnen zählen die Webekunst, die Schmiedekunst, die
Baukunst, die Schiffahrt, die Landwirtschaft, die Jagd, die Schauspielkunst und
die Heilkunst
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| Logik |
sie hat es nicht mit den Dingen, sondern mit dem intellectus zu tun und ist unerläßliche
Voraussetzung für jegliche wissenschaftliche Tätigkeit; in der Vernunft allein
(in sola ratione) ist der Quell der
Wahrheit, während die Erfahrung (experimentum) der Täuschung ausgesetzt ist. Logik und Mathematik sind
die Instrumente der Erkenntnis der Erfahrungswirklichkeit, sie müssen beherrscht
werden, ehe man an die Naturbetrachtung herantritt
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| Grammatik |
| Ratio disserendi |
| – |
Demonstratio: Gewißheitslehre |
| – |
Pars probabilis: Wahrscheinlichkeitslehre |
| – |
Pars sophistica: Sophistik |
|
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| Ausdruck der Ausweitung der Ausbildung, aber auch der
Bedeutung von geistiger Arbeit ist das zusammenfassende Schrifttum, wie es im
12. Jh entsteht. Zuerst vollzog sich das in den „Libri senteniarum“281 und
dann in den Summen282 – beides inhaltlich anfangs natürlich primär für die
Theologie und mitunter inhaltlich weit überholt. Für die Sentenzen formte sich
nach Abaelards Schule eine eigene Form aus, die seinem sic et non entsprach. Das berühmteste Sentenzenwerk, das
gleichzeitig den Abschluß einer Entwicklung, stammt von Petrus
Lombardus (+1160), der mit seinen
„Libri quattuor sententiarum“ (1150-1152) eines der einflußreichsten Werke des
gesamten Mittelalters geschaffen hat, das bis in das 16. Jh hinein als Lehrbuch in
vielerlei Bereichen verwendet wurde, das Werk war zwar primär theologisch,
tatsächlich aber weit ausgreifend und in vier Bücher gegliedert283; inhaltlich stammten etwa 90 % des Materials allerdings
noch aus Augustinus! Die Erklärung der Sentenzen des Petrus
Lombardus zählte an der Universität Paris zu den Erfordernissen für das
Doktorat der Theologie. Bereits in der 2.H. des 12. Jhs begann man die Sentenzen
des Petrus
Lombardus mit Glossen zu versehen, also mit Kommentaren auszustatten.
|
| Origineller als Petrus
Lombardus war allerdings Robert von Melun (+1167), der seinerseits ein gewaltiges Sentenzenwerk, praktisch schon eine
Summa vorlegte, die deshalb interessant ist, weil Robert von Melun
großen Wert auf methodologische Fragen legt, und hier insbesondere den
methodischen Zweifel und seine Bedeutung hervorhebt. Er gibt außerdem eine
Wissenschaftslehre:
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| – |
Das Trivium behandle die „compositio sermonum“, die
sprachlichen Ausdrucksmittel
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| – |
Die mathematischen Disziplinen behandeln die
Eigentümlichkeiten (proprietates) der Dinge
nach außen und nach innen
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| – |
Das Quadrivium befasse sich mit den äußerlichen Aspekten der
Dinge
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| – |
Die Physik erforscht die inneren Aspekte der Dinge |
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| Alle diese Disziplinen sind für das Verständnis der Bibel
notwendig, haben aber die Oberhoheit der Theologie anzuerkennen.
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| Die Disklussion um das Verhältnis zwischen Glauben und
Vernunft, die in allen Religionen unausweichlich auftritt, ist im Christentum
maßgeblich durch Augustinus und seine Vorstellung bestimmt, dass die Glaubensinhalte auf
Grund ihrer im Wege der Offenbarung gewiesenen Allgültigkeit sich – bei rechtem
Vorgehen – auch aus der Vernunft (sola
ratione, wie es bei Anselm von
Canterbury heißt) ergeben müssten; Philosophie und Theologie können für
Augustinus nur dann ihre Vollendung erreichen, wenn ihre Inhalte
vernunftsmäßig zur Deckung gebracht werden können. Diese Vorstellung bestimmt das
theologische Philosophieren das gesamte Mittelalter hindurch. Das Offenbarwerden,
dass dieses Ziel unerreichbar sei, das immer deutlicher werdende
Auseinanderklaffen zwischen den Inhalten der Offenbarungstexte und den Ergebnissen
der Erforschung der Natur führt schließlich zur Vorstellung vom doppelten
Schriftsinn, von doppelter Wahrheit und zum Argumentieren mit Hilfe des Buches der
Natur bzw. der von Gott gegebenen Vernunft und im weiteren zur Differenzierung von
Theologie und Philosophie. Es hat dieser Prozess im Islam und weit mehr noch im
Christentum ungeheuren Auwand an Argumentationsarbeit konsumiert. Im 13. Jh hat im
christlichen Bereich die Philosophie im Sinne von Wissenschaft sich ihrerseits von
den Glaubensfragen zurückgezogen und sich auf die Befassung mit den Gegebenheiten
der Natur beschränkt; damit ist ein für die weitere Entwicklung zentraler Schritt
gesetzt worden.
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| Augustinus stellt die auctoratias
(der Bibel) und die ratio gegenüber.
Dabei vertritt er die Auffassung, daß weder die Autorität Christi noch die der
Bibel, noch Tradition oder regula fidei etwas
lehrten, was nicht auch durch bloßen Vernunftgebrauch erkannt werden könnte.
Glaubensaussagen gäben der ratio nur Hinweise,
wo die Lösung eines Problems zu suchen sei; die fides biete so eine heuristische Grundlage für ein grundsätzlich
unbegrenztes Feld vernunftgeleiteter Wissenssuche284. Augustinus lehrt weder eine Überlegenheit der Fides noch postuliert er
eine die Vernunft dominierende Wahrheitsrelevanz des Glaubens285. Gombocz vertritt die Ansicht, daß des Augustinus Lehre „durch mögliche Deutung
und Fortsschreibung seiner Spätphilosophie, ganz eigentlich seiner
Spättheologie, zu Fall gebracht“ zu werden prädestiniert gewesen sei286, was dann auch tatsächlich geschehen
ist, als der Fideismus durch Pseudo–Dionysius–Areopagita in die christliche
Theologie eingebracht und durch Johannes Scotus Eriugena gefördert wird, somit
sehr wohl wirksam wird. Er ist später von Anselm von
Canterbury ausgebaut worden, auf den die gängigen Formulierungen „fides quaerens intellectum“ und „credo ut intelligam“ zurückgehen, die immer
wieder in Zusammenhang mit Augustinus verwendet werden.– bei Anselm heißt es diesbezüglich sogar
„sola ratione“ aus „unbezwingbarer Vernunft“. Augustinus bestimmt das mittelalterliche Denken bis zur Aristoteles-Rezeption, die Großtat des Thomas von
Aquin ist die für die christliche Welt „definitive“ Synthes von Augustinus und Aristoteles.
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| Im 12. Jh setzt das Übersetzen aus dem Arabischen ein, und das
13. Jh ist geprägt von der vollen Entfaltung der im Wege des Übersetzungswerkes und
der damit Hand in Hand gehenden Rezipierung klassischer wie muslimischer Autoren, die
nach der vorlaufenden Phase der Erarbeitung von logischen Verfahren, philosophischen
Erkenntnissen und den inhaltlichen Grundlagen in einzelnen Disziplinen erst die volle
Entfaltung und damit das Wiedererlangen des Wissensstandes des klassischen Altertums
vermehrt um die muslimischen Errungenschaften ermöglichte, sodaß man im 14. Jh und
mehr noch späterhin daran gehen konnte, über diesen Rahmen hinauszugehen.
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| Das wohl bedeutendstes Phänomen des 12. und 13. Jhs war die
Übersetzungstätigkeit primär aus dem Arabischen in das Lateinische, wodurch die
wissenschaftlichen Autoren287 des klassischen Griechenland im lateinischen Europa erstmals
breiter bekannt wurden288.
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| Als frühe Übersetzer sind uns bekannt Jakob von Venedig, der
1128 die beiden Analytiken, die Topik und die Elenchik289 des Aristoteles ins Lateinische übersetzte, womit erstmals die ganze Logik
zugänglich war. 1140 ist die aristotelische Logik durch Thierry von Chartres
offenbar erstmals in den Unterricht einbezogen worden, womit man endlich über die im
Wege des Boethius und einiger anderer kleiner Schriften überlieferten logischen
Fragmente hinauskam; Constantinus Africanus hat für Salerno übersetzt. |
| In großem Stil nahm der Übersetzungsprozess seinen Ausgang von der
iberischen Halbinsel, wo der Kontakt zwischen Christen und Muslimen am engsten war;
das erste Zentrum dieser Aktivitäten war Toledo290 mit dem Hof des Erzbischofs Raymund von Toledo
(1126-1151) an dem Aristoteles, arabisch-jüdische Philosophie und Naturwissenschaften aus dem
Arabischen ins Lateinische übersetzt wurden:: Dominicus Gundissalinus, Johannes
Toletanus (ursprünglich Ibn Dawud, ein zum Christentum übergetretener
Jude) leiten die Blütezeit in Toledo ein; Gerhard von
Cremona (1134-1187) war der wohl
bedeutendste Übersetzer aus der Schule von Toledo; er kam 1160 – auf der Suche nach
dem „Almagest“ des Ptolemaios – nach Toledo, wo er Arabisch lernte und ab 1170 in großem Stil
zu übersetzen begann: vor allem Aristoteles, Euklid, Archimedes, Apollonios, Ptolemaios und Galen
– Philosophie, Astronomie, Astrologie, Mathematik, Physik und Medizinisches; doch
nicht alle unter seinem Namen bekannten Übersetzungen stammen wirklich von ihm.
Weiters sind zu erwähnen: Alfred Sharshel, auch Alfred Anglicus, der meist
in Spanien lebte, übersetzte "De vegetabilibus" = "De plantis" des Aristoteles, eine
Arbeit, die damals dem Nikolaus Damascenus291 zugeschrieben wurde, den alchemistischen Teil von
Avicennas Liber de congelatis; er verfasste selbst Kommentare zur
Meteorologie des Aristoteles, die Roger
Bacon benützte, sowie eine Arbeit „De motu cordis“ (Cor domicilium est vitae ... cor igitur animae domicilium est)
auf Grundlage griechischer, arabischer und salernitanischer Vorstellungen; Hermannus de
Carinthia resp. de Dalmatia, Robert von Retine, Michael
Scotus in seiner Frühzeit292 und Hermannus
Alamannus sind hier tätig gewesen; sie übersetzen gemeinsam arabische (und
jüdische) Philosophen – z.B. den „Fons vitae“ des Ibn
Gabirol und muslimische "Klassiker" wie Al-Khwarizmi, Avicenna, Al-Ghazali und andere, insgesamt eine große Anzahl
philosophischer, arithmetischer, astronomischer, astrologischer, medizinischer293 Werke aus dem Arabischen ins Lateinische: Dominicus gab in seinem Werk „De divisione philosophiae“ eine
Neueinteilung der Wissenschaft, die für den Unterricht grundlegend wurde.
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| Von der iberischen Halbinsel weitete sich der Prozess des
Übersetzungswerkes in die Provence, aber – in geringerem Maße – auch nach
Mittelitalien aus und fand ein weiteres Zentrum in Sizilien, wo bereits unter den
Normannen der Kontakt zu den Muslimen relativ eng war und unter friedrich II. weiter intensiviert wurde. Durch dieses zweite
Übersetzungswerk, durch das nun das durch die Muslime aus dem Griechischen
Übernommene und in das Arabische Übersetzte und zusätzlich zahlreiche originär
muslimische Arbeiten in das Lateinische übertragen wurde, verhalf dem lateinischen
Westen innerhalb von etwa 150 Jahren zu einem völlig neuen Kenntnisstand in nahezu
allen Wissenschaftsbereichen der damaligen Zeit, wobei die Rezipierung vor allem der
Werke des Aristoteles eine zentrale und die gesamte Entwicklung im Abendland
tiefgehend beeinflussende Rolle einnahm. Dieser Übersetzungsprozess aus dem
Arabischen in das Lateinische ist um die Mitte des 13. Jhs um Übersetzungen aus noch
vorhandenen griechischen Handschriften ausgeweitet und durch Übersetzungen auch in
und aus anderen Sprachen, wie das Hebräische, das Kastilianische, Katalanische etc.
flankiert worden.
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| Adelard von
Bath
(1. H. 12. Jh), der nach seiner Ausbildung in Laon
und Tours weite Reisen in den muslimischen Raum unternahm, erwarb für seine Zeit
sehr gute Kenntnisse der naturwissenschaftlichen Schriften des Aristoteles und bemühte sich in langwieriger und mühevoller Arbeit um eine
brauchbare lateinische Fassung der „Elementa“ des Euklid sowie um die Übersetzung vor allem astronomische Schriften; Adelard übernahm vermutlich von Wilhelm von
Conches294 die Atomtheorie
des Demokrit und versuchte bereits, im Universalienstreit zwischen Platon und Aristoteles zu vermitteln.
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| Peter
Abaelard hat die ersten wissenschaftlichen Aristoteles-Kommentare des lateinischen Mittelalters verfasst und Otto von
Freising brachte die Kunde von der neuen Logik in den deutschen Raum.
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| Im 13. Jh wird die Übersetzungstätigkeit in vielfältiger Weise
fortgesetzt. Die Zentren, natürlich mit unterschiedliche Bedeutung, waren.
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Spanien; hier nahm die
Entwicklung, wie bereits angedeutet, ihren Anfang.
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Von großer Bedeutung ist im 13. Jh der Hof des Königs Alfons X. el Sabio (= der Weise) von
Kastilien (1221-1284) zu verweisen, der dem Friedrichs II. ähnelte und die Fortsetzung der Schule von Toledo
darstellte. Alfons war ebenfalls ein wirksamer Vermittler zwischen der
arabischen, jüdischen und christlichen Welt, er ließ sich den Koran,
Kabbalistisches und den Talmud ins Kastilianische übersetzen (das er auch zur
Verwaltungssprache machte) und organisierte eine Bibelübersetzung (fertiggestellt
wurde nur das Alte Testament). Sein spezielles Interesse galt der Übersetzung
astronomischer Werke aus dem Arabischen ins Kastilianische: Ptolemaios wird übersetzt samt diversen arabischen Kommentaren, auch
astronomische Werke des Al-Haitham – und es entstehen in Verfolgung
seiner aktiven astronomischen Interessen die Alfonsinischen Tafeln. Seine
wichtigsten Mitarbeiter waren Judah Ben-Moses, Isaac Ibn Sid und
Abraham von
Toledo. Alfons ist gewissermaßen der Begründer der
christlich-spanischen wissenschaftlichen und literarischen Tradition.
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Von den im spanischen Bereich bedeutenden Übersetzern und
Autoren seien erwähnt:
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Arnold von Villanova (=
Barcelona), 1234-1311, der als Physiker, Alchemist, Astrologe, Mediziner,
Diplomat, Sozialreformer, Anhänger des Joachim
von Fiore, Enzyklopädist und antiklerikaler Theologe mit Hang zum
Okkulten tätig ist295. Er ist ein
hervorragender Kenner der arabischen Literatur und Übersetzer medizinischer Werke
aus dem Arabischen ins Lateinische, er beherrschte sogar etwas Griechisch und
Hebräisch und übersetzte auch ins Spanische.
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Ramon
Lull, Doctor illuminatus, 1231-1316, aus Palma auf Mallorca; Lull
war eine der originellsten Figuren seiner Zeit; er schrieb z.T. auf Arabisch,
übersetze aus dem Griechischen und war ebenfalls ein hervorragender Kenner der
griechischen und arabischen Literatur. Er beherrschte Griechisch, Arabisch,
Katalanisch und Lateinisch.
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Petrus
Hispanus296 – unter diesem Namen sind verschiedene
Schriften überliefert, wobei die Zuordnung zu einer einzigen Person fraglich ist;
große Bedeutung erlangte eine nicht näher fassbare Person dieses Namens als
Verfasser der „Summulae logicales“, die bis in die Neuzeit das klassische Handbuch
der Logik und das erfolgreichstes Logikbuch aller Zeiten überhaupt waren (166
Druckausgaben bis 1946); das Werk bietet auch eine logischer Analyse der
sprachlichen Begriffe und ist auf weiterer Ebene bahnbrechend für die Sprachlogik;
Dante erwähnt den Verfasser im Paradies der Divina comedia als einen der
großen Lehrer.
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| – |
Montpellier, die Provence:
hier sind es vor allem jüdische Übersetzer, die Medizinisches und Astronomisches
bearbeiten.
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| – |
Mittelitalien: Averroes' Kommentare zum Organon des Aristoteles und zu arabischen mathematischen Schriften, Verbesserung der
Euklid-Übersetzungen
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| – |
Sizilien: Hier setzte die
Übersetzungstätigkeit am normannischen Hof in Palermo auf Sizlien unter Wilhelm I., also bereits im 12. Jh, also lange vor Friedrich II., ein; die bedeutendsten Übersetzer waren: Henricus
Aristippus, der vor allem das 4. Buch der Meteorologie des Aristoteles aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzt, und Eugen von
Palermo; übersetzt werden: Platon, Aristoteles, Euklid, Ptolemaios, Hero, Proklus etc., von besonderer Bedeutung sind die
naturphilosophischen Schriften des Aristoteles: die Physik, De generatione et corruptione, De anima sowie
Teile der Metaphysica vetus und der Ethica vetus.
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Später ist dann der Hof Friedrichs II. gleichsam ein
internationaler Umschlagplatz der Gelehrsamkeit. Der Kaiser selbst – eine höchst
aufgeklärte und säkulare Persönlichkeit – ist an allem interessiert: er
experimentiert in der Physiologie, in Bezug auf Sprache, verfasst mit „De arte
venandi cum avibus“ ein bis heute mit großem Respekt betrachtetes ornithologisches
Werk. Friedrich korrespondierte mit bedeutenden Gelehrten seiner Zeit in den
verschiedensten Kulturen. In seinem Umfeld wirken Michael
Scotus, der spanische Muslim Ibn Sabin, der Jude Joseph Ibn
Aqin, der zumeist in Ägypten und Syrien lebte und auch als „Philosoph
Friedrichs II.“ bezeichnet wurde. Ihnen legte der Kaiser ihn
interessierende wissenschaftliche Fragen zur Beantwortung vor – einige Fragen, die
der Kaiser Ibn Sab'in Abd ul-Haqq vorgelegt hat, die „Quaestones Sicilianae“
sind uns erhalten297. Über
Michael
Scotus, der in Toledo begonnen hatte und eigentlich die Schule des Gerhard
von Cremona fortsetzte, hat Friedrich II. den christlichen Averroismus gefördert. Aus dessen Zeit
bei Friedrich II. kann man für Michael
Scotus mit Sicherheit nur die Übersetzung einer Abbreviatio de animalibus
des Avicenna nachweisen, die er Friedrich II. (domine mundi)
gewidmet hat, sie war 1232 fertiggestellt. Scotus hat aber, wohl nach 1228,
auch die aristotelische Schrift De caelo et mundo samt dem Averroes-Kommentar aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzt, wobei
er sich der Unterstützung eines Juden bediente, der des Arabischen besser mächtig
war als er – die Qualität seiner Übersetzungen ist von Zeitgenossen ebenso wenig
günstig beurteilt worden, wie sein Hervorheben seiner Person, zumal er wesentlich
von sprachkundigeren Mitarbeitern abhängig war298. Diese Übersetzung ist in mehreren Exemplaren an italienische
Universitäten ausgeschickt worden und auch nach Paris – insoferne war Michael
Scotus gewissermaßen ein Wegbereiter des Averroes in der Scholastik299, und zwar zu einer Zeit, da die (verpönten) Schriften des
Averroes im islamischen Bereich noch unbekannt waren. Averroes wird ab 1240 von Albertus
Magnus in größerem Stil zitiert. Unsicher ist, ob Michael
Scotus des Maimonides’ Hauptwerk Dux perplexorum übersetzt habe, das
in der 1. H. des 13. Jhs im Christentum rezipiert wurde und auf Thomas von
Aquin und den Mystiker Eckhart großen Einfluß ausgeübt hat. Bei aller
Kritik ist festzuhalten, dass Michael
Scotus nicht mehr ein Übersetzer im alten Stil war, er dachte und
arbeitete bereits weit selbständiger, als die Übersetzergeneration vor ihm. Er war
in Spanien ausgebildet, hatte zuvor Toledo gearbeitet und setzte eigentlich die
Schule des Gerhard
von Cremona fort. – Neben Michael
Scotus übersetzte Theodor von Antiochien einen Falkenjagd-Traktat
aus dem Arabischen und einen Physikkommentar des Averroes; selbst verfaßte er einen medizinischen Traktat. – Etliche
Übersetzungen speziell für Friedrich II. wurden in Neapel gearbeitet, so etwa die Averroes Kommentare durch den aus Marseille stammenden Jacob
Anatoli 1232, der auch übersetzte das Moreh nebukim und die Kommentare
des Averroes ins Hebräische, den Almagest des Ptolemaios, dessen verlorenen arabischen Kommentar des Averroes und die Astronomie des Al-Farghani, die er aus arabischen
und lateinischen Texten übernimmt!
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Friedrichs Tradition wird von seinem natürlichen Sohn und Nachfolger
Manfred bis zu dessen Tod in der Schlacht von Benevent 1266 fortgesetzt.
Für Manfred arbeiteten u.a. Bartholomaeus von Messina und Johann von
Capua, ein konvertierter Jude, der sehr viel Medizinisches und Maimonides übersetzte. Diese Tradition wurde nach 1266 durch die Anjous fortgesetzt.
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| Bedeutsam waren auch die Übersetzungen aus dem Griechischen
ins Lateinische, die nach einem ersten Aufleben im 12. Jh wieder zurückgegangen war,
obgleich das lateinische Kaiserrreich in Byzanz (1204-1261) eigentlich eine Belebung
hätte erwarten lassen. Diese trat erst mit der Übernahme Athens als eines fränkische
Herzogstums300ein, aus dem zwei Engländer Manuskripte nach dem Westen bringen:
nämlich John Basingstoke, der dort das Griechische erlernte und eine Reihe von
Manuskripten nach England brachte (darunter ein Griechischlehrbuch des Donat), und vor allem sein Freund Robertus
Grosseteste der eine Fülle bedeutendster Werke nach Frankreich brachte,
darunter die Nikomachische Ethik des Aristoteles, die er 1241 erstmals samt diversen Kommentaren ins
Lateinische übersetzte, so wie andere Schriften und Auszüge aus Aristoteles, Dionysios
Areopagita, Johannes
von Damaskus etc. Beide waren für den Beginn der Griechischstudien im
Westen von großer Bedeutung und selbst die besten westlichen Kenner dieser Sprache
unter den Gelehrten301. Die zentrale
Persönlichkeit des Übersetzungswerkes aus dem Griechischen im 13. Jh war jedoch
Wilhelm
von Moerbeke, ein flämischer Dominikaner, Freund und philologischer Berater
des Thomas von
Aquin, der ihn zur Übersetzungstätigkeit anregte; Moerbeke übersetzt
wesentliche Teil des Aristoteles neu, überarbeitet alte Übersetzungen; 1241 übersetzt er
erstmals die Nikomachische Ethik des Aristoteles samt diversen Kommentaren, um 1260 erstellte er eine neue
Übersetzung der Metaphysik des Aristoteles aus dem Griechischen, die als translatio nova bezeichnet wird und die den weiterhin allgemein in der
Scholastik gebrauchten Text darstellt302;
des weiteren übersetzt er Aristoteles-Kommentare, aber auch wichtige neuplatonische Autoren wie
Proklos, zahlreiche Schriften des Hippokrates, Archimedes, Heron, Galen, Simplicios und Pseudo-Aristotelisches neu aus dem
Griechischen; durch Moerbekes Arbeit wird in weiten Bereichen eine neue
Textgrundlage gewonnen und ein enormes Wissensmaterial in die christliche Welt
eingebracht; in gewisser Hinsicht kann seine Arbeit auch als ein (vorläufiger)
Abschluss des Übersetzungswerkes betrachtet werden.
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| In der 2. Hälfte des 13. Jhs trat neben das Übersetzen ins
Lateinische auch das Übersetzen in das Hebräische303 und in die sich herausbildenden Nationalsprachen, wie sie am
Hofe Alfons X. früh in Gang gekommen war. Es geschah dies, weil sich im Westen
mehr und mehr ein adeliges, interessiertes Publikum auch für wissenschaftliche
Schriften herausbildete, das – im Unterschied zu den Gelehrten – des Lateinischen
nicht mächtig war304. Vor allem
bestand Bedarf an nationalsprachlichen Übersetzungen medizinischer Werke. Im 14. Jh
wurden diese Aktivitäten noch wesentlich gesteigert und weiteten sich im mittel- und
osteuropäischen Raum aus. So entstanden Übersetzungen aus dem Arabischen ins
Spanische, aus dem Lateinischen in das Portugiesische, ins Persische, Syrische und
Armenische und besonders rege und wichtig aus dem Arabischen in das Hebräische –
diese Übersetzungstätigkeit konzentrierte sich vor allem auf den spanischen Raum,
die Languedoc und die Provence; man übersetzte hier Aristoteles, Galen
und Maimonides, um nur die wichtigsten Autoren zu nennen.
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| Die hier erwähnten Prozesse überlagerten sich teilweise
zeitlich, und nicht wenige der wichtigsten Übersetzter dürften einander gekannt oder
wenigstens von einander gewußt haben.
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Jacob Anatoli aus Marseilles, der auch am Hofe Friedrichs II. arbeitete, übersetzte das „Moreh nebukim“ und die
Kommentare des Averroes ins Hebräische, den Almagest des Ptolemaios, den zugehörigen heute verlorenen arabischen Kommentar von
Averroes und die Astronomie des Al-Farghani, die er aus arabischen
und lateinischen Texten übernahm.
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Zu den größten Übersetzern des Mittelalters überhaupt zählte
Moses
Ibn Tibbon, Mitte-2.H. 13. Jh, aus Marseille, er war ein Spezialist im
Bereich der Astronomie und Mathematik sowie der Physik, übersetzte aber außerhalb
seines engeren Fachbereiches auch Philosophie und Theologie sowie Medizin. Die
umfangreiche Liste der als von ihm übersetzt festgestellten Werke findet sich bei
Sarton (Link !!!!)
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| Zu diesen aus dem Altertum stammenden Autoren traten noch
Texte muslimischer Autoren, die die klassischen Texte kommentierten und
eigenständige fortführten305.
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| Es ist schwer vorstellbar, welche Konsequenzen dieser hier
nur flüchtig skizzierte Prozess in rein praktischer Hinsicht gehabt haben muss –
eine Flut von neuen Texten, dann bald auch von Überarbeitungen bereits übersetzter
Texte brach über die Interessierten herein. Bei der Bewertung dieser Vorgänge ist zu
bedenken, dass die Vorlagen für die Übersetzungen organisiert werden mussten, wobei
man nicht selten (und dies ist insbesondere für Aristoteles wichtig) gar nicht auf die ursprünglichen Fassungen der Texte
stieß, sondern oft genug auf Überarbeitungen im Lichte anderer philosophischer
Strömungen; weiters ist zu bedenken, dass die Materien, um die es ging, den
Übersetzern zumeist wenig geläufig, ja oft genug wohl auch völlig fremd und fachlich
einfach nicht nachvollziehbar waren, wenn es sich um schwierige philosophische oder
mathematische Texte handelte. Zu berücksichtigen ist auch der Vorgang der
schriftlichen Vervielfältigung und Verbreitung der Texte, über den viel zu wenig
bekannt ist.
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| Die wissenschaftlich-inhaltliche Rezipierung der neuen, höchst
anspruchsvollen Materien erforderte zweifellos enorme Arbeitskapazitäten (zumal die
Texte wohl nicht selten mit Schwierigkeiten verursachenden Fehlern behaftetet
gewesen sein dürften), sie ist aber nur in kleinen Bereichen einigermaßen
nachvollziehbar, da ja wie im muslimischen Bereich auch in Europa erhebliche Teile
des handschriftlichen Materials überhaupt nicht gesichtet, geschweige denn
bearbeitet sind. Für so zentrale Texte wie die „Elementa“ des Euklid ist der Prozess der Übersetzung und der Rezipierung rekonstruiert
worden306, bezüglich
der Masse der Texte fehlen derartige Informationen natürlich ebenso wie darüber,
inwieweit überhaupt alle wesentlichen Texte erfasst bzw. übersetzt worden sind.
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| Unzweifelhaft ist, dass es sich um einen in seinem Kernbereich über
eineinhalb Jahrhunderte erstreckenden Prozess gehandelt hat, der den eben erst
wieder aufkeimenden Wissenschaftsbetrieb in Europa auf völlig neue Grundlagen
gestellt hat und damit als ein die Wissenschaftsentwicklung katalysierender, ja
eigentlich wohl mit konstituierender Vorgang zu bewerten ist.
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| Im christlichen Mittelalter stand man bis in das 12. Jh
(wesentlich unter dem Einfluß des Augustinus, der Aristoteles seinem Lehrer Platon nachgereiht hatte) Platon viel näher als Aristoteles, obgleich man Platons Schriften praktisch nicht kannte. Man hatte den Eindruck, daß
seine Auffassung auf das Übersinnliche und Überirdische gerichtet sei307 und deshalb dem Christentum weit mehr entspreche als
der vermeintlich rein weltlich orientiert erscheinende Aristoteles, den schon die Kirchenväter der Irrlehre bezichtigt hatten.
Dem entsprachen auch einige Zitate aus älteren Autoren, etwa in einem Kommentar des
Calcidius zu Platons „Timaios“, in dem Aristoteles absichtliche Dunkelheit in seinen Äußerungen vorgeworfen
wurde, weshalb er Heraklit gleichzustellen sei; Aristoteles wurde so im früheren Mittelalter – einem Wort des Boethius übrigens folgend – als turbator
verborum abgelehnt.
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| Ein wirklich positives Urteil gibt erst Peter Abaelard ab: "philosophus ille omnium
perspicacissimus, princeps peripateticorum". Johannes von Salisbury
(1110-1180, ein Schüler Abaelards) bezeichnet Aristoteles hymnisch als „den“ Philosophen schlechthin308 und sein
„Metalogicus“ ist die erste scholastische Einführung in das ganze aristotelische
Organon. Salisbury rühmt besonders an Aristoteles, daß er auf allen Gebieten der Philosophie (d.h. Wissenschaft)
tätig gewesen sei und Normen gesetzt habe, vor allem in der Logik, die gewissermaßen
seine Wissenschaft sei.
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| Der im Zusammenhang mit dem Übersetzungswerk (und damit auch
als eine Spätfolge des Aristotelismus im muslimischen wie im jüdischen Bereich) im
christlichen Westen aufblühende Aristotelismus blieb nicht unwidersprochen, und es
entwickelte sich aktive Gegnerschaft.
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| Man hielt anfangs den „Liber de causis“ – ein neuplatonisches Werk –
für eine Schrift des Aristoteles und sah vor allem auf Grund dieser Schrift einen großen
Gegensatz zwischen Aristoteles und der christlichen Auffassung gegeben. Daran entzündete sich
die Auseinandersetzung. Bereits 1210 wurde auf einer Provinzialsynode in Paris die
Verwendung der naturwissenschaftlichen Schriften des Aristoteles bei öffentlichen und privaten Vorlesungen verboten309. 1215 wurde auch die Metaphysik verboten.
Während 1229 noch für die eben päpstlicherseits gegründete Universität Toulouse mit
der Lehrfreiheit (gerichtete gegen das in Paris geltende Aristoteles-Verbot) geworben worden war, ordnete Papst Gregor IX. 1231 für Paris eine Überprüfung der „Philosophia naturalis“ des
Aristoteles auf ketzerische Inhalte hin an, und bis zur Entscheidung über
diese Frage wurden überhaupt alle Schriften des Aristoteles verboten. Gleichzeitig aber fanden bereits die Schriften des
Averroes in der Übersetzung durch Michael
Scotus Verbreitung. 1245 wurde das Verbot auf die Universität Toulouse
ausgedehnt, und 1263 hat Papst Urban IV. das Verbot neuerlich eingeschärft.
Dieses Verbot war allerdings nicht einheitlich – so setzte sich schon in den 1240er
Jahren Albertus
Magnus an der Universität Paris mit den Werken des Aristoteles auseinander, und 1252 und 1255 wurde an der Universität Paris
die Lehre aller Werke des Aristoteles nicht nur erlaubt, sondern etliche seiner Werke sogar als
Lehrbücher vorgeschrieben310. Die Bemühungen Urbans IV.
um eine Ausweitung des Verbots wurden nur halbherzig umgesetzt, ja blieben vielfach
wirkungslos. Zu dieser Zeit waren nahezu alle Werke des Aristoteles übersetzt311. Im Wege dieses Prozesses wurden natürlich auch die Aristoteles-Kommentare des Averroes und des Avicenna wie die Schriften des Maimonides und zahlreicher anderer nichtchristlicher Autoren bekannt, die
in die Philosophie eingebracht wurden.
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| De facto vollzog sich trotz der diversen Verbote letztlich ein
ungehemmter Siegeszug des Aristoteles, dessen Schriften nun durch die Übersetzungen durch Robertus
Grosseteste und Wilhelm
Moerbeke nach besseren griechischen Überlieferungen genauer und in reinerer
Form bekannt waren, so daß man langsam den eigentlichen Aristoteles von den neuplatonischen Auslegungen zu unterscheiden
vermochte. Roger
Bacon berichtet, daß das Verbot de facto nur bis 1237 relevant gewesen sei
und daß es vornehmlich „propter aeternitatem mundi et
temporis et propter librum de divinatione somniorum“ erfolgt sei, und bemerkt
dann dazu bezeichnenderweise, daß überhaupt „multa
alia erronee translata“ gewesen seien, was dann schließlich ausgemerzt wurde
und das Bild des Aristoteles in christlicher Sicht wieder viel klarer erscheinen ließ,
sodaß Albert Magnus (wie zuvor schon Averroes) Aristoteles uneingeschränkt huldigen konnte, nachdem seine Vereinbarkeit
mit der christlichen Lehre erkannt war312. Man sprach nun von Aristoteles als einem "Vorläufer Christi in
der natürlichen Weisheit" und stellte ihn damit neben Johannes den Täufer als
"Vorläufer Christi in der geoffenbarten
Weisheit". Des Averroes‘ Urteil: "Die Natur hat diesen
Menschen als die Norm aller Wahrheit hingestellt und uns in ihm die höchste
Entfaltung des menschlichen Verstandes gezeigt", wurde von Albertus
Magnus übernommen313. So stellte sich in der Mitte des 13. Jhs nach
der muslimischen und nach der jüdischen Philosophie auch die Philosophie im
abendländisch-christlichen Bereich im Wesentlichen auf die Grundlage der Lehre des
Aristoteles und es bahnte sich eine für die weitere Entwicklung
grundlegende Entscheidung an, die wesentlich durch Albertus
Magnus und in ihrer fortdauernden Wirkung vor allem durch Thomas von
Aquin herbeigeführt wird.
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| 1215 wurden auf der Vierten Lateransynode zwei Reformorden
unterschiedlicher Prägung bestätigt, jener der Franziskaner und jener der
Dominikaner. Beide haben an der Entwicklung, die es hier zu beschreiben gilt,
wesentlichen Anteil genommen, indem ihre geistig maßgeblichen Mitglieder um 1250
führende Positionen an der Universität Paris erringen und 1256/57 gegen heftigsten
Widerstand des Weltklerus („Mendikantenstreit“) erreicht wird, dass sie
Professuren an der Sorbonne einnehmen dürfen. In der Folge tragen ihre führenden
Mitglieder wesentlich zur Entwicklung von Philosophie und Wissenschaft bei.
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| Die frühen Schulen beider Orden waren noch dem Augustinismus
zugewandt. Erst Albertus
Magnus und Thomas von
Aquin bringen innerhalb der Dominikaner den Durchbruch des
Aristotelismus314, der dann
später im lateinischen Averroismus (s.w.u.) seine Kulmination erfährt. Unter dem
Einfluß des Aristotelismus bildet sich eine erste Schule der Naturphilosophie bzw.
der Naturwissenschaften im 13. Jh heraus: Petrus
Peregrinus, Roger
Bacon, Heinrich
Bate, Witelo.
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| Es ist von bis heute großer Bedeutung, daß der Dominikanerorden, als
einer der führenden kirchlichen Faktoren des damaligen christlichen Europa, sich
für den Aristotelismus entschied und sich damit vom Platonismus bzw. vom
Augustinismus abwandte. Aristoteles wird für die Dominikaner zur obersten Autorität, der sich in
Sachen Philosophie auch Augustinus unterwerfen muß. Dieser Umschwung, der von Thomas von
Aquin und Albertus
Magnus getragen wird, bewirkte eine tiefgehende Aristotelisierung aller
Bereiche des Denkens und auch der Theologie. Albertus
Magnus stellt dies vollkommen eindeutig klar: "Wo es sich um Lehren des Glaubens und der Sitte handelt, kommt
Augustinus, wo um Medizinisches, dem Galenus und Hippokrates, wo
um Naturwissenschaftliches, dem Aristoteles die größte Autorität
zu"315.
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| Im Gegensatz zu den Dominikanern haben die Franziskaner, die vor
allem in England dominierten, am Augustinismus und mit ihm auch eher am
Platonismus festgehalten und den Kampf gegen den Aristotelismus aufgenommen. Sie
sind letztlich unterlegen316 – der Thomismus wird in Gestalt der
aristotelisch-thomistische Philosophie die verbindliche katholische Lehre.
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| Wesentlich und kurzfristig von Vorteil für die
Wissenschaftsentwicklung ist, daß es zu einer Konkurrenzierung zwischen den Orden
kommt, die ihrerseits die besten Wissenschaftler anziehen bzw. ausbilden. Als
Negativum ergibt sich, daß die Orden rasch ihre eigenen Doktrinen ausbilden und
ihre Mitglieder mit schwersten Drohungen (bis hin zur Einkerkerung) auf diese
einschwören – die Dominikaner als Anhänger des Thomas von
Aquin, die Franziskaner als Anhänger des Duns
Scotus, was in Zusammenwirken mit den Ordensprofessuren an der Sorbonne
eine starrer werdenden Indoktrinierung auch im Bereich der Universitäten förderte
und einen Niedergang in Erstarrung einleitete, der später für die Scholastik als
typisch angesehen wird und das Schicksal der Universität auf lange Zeit hinaus
wesentlich bestimmt.
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| Eine dritte, ab 1250 an der Pariser Artistenfakultät sich
bildende und sehr bedeutende Gruppe war die der lateinischen Averroisten317 um
Siger von
Brabant318 und Boethius
von Dacien, die ohne jede Orientierung am christlichen Dogma für die –
wie sie irrig meinten – ursrpüngliche Form der Lehren des Aristoteles eintraten, wie sie ihnen durch Averroes vermittelt schien: Lehre von der Ewigkeit der Welt, These von
der Einheit des Intellekts in allen Menschen, Akzeptierung der doppelten Wahrheit
und damit des Widerspruchs zwischen Theologie und Philosophie. 1272 hatte Boethius
von Dacien seine Schrift „De aeternitate mundi“ veröffentlicht, in der er
– was weit mehr Anstoß erregte als die im Titel ausgedrückte These – die
Unabhängigkeit der Philosophie, d.h. der Wissenschaft, von der Theologie
postulierte. In der der nachfolgenden Auseinandersetzung mit dem Bischof von
Paris, Stephan Tempier, äußerte Boethius von Dacien hinsichtlich
der Vorwurfes zweierlei Wahrheiten zu vertreten, die Ansicht, es bestehe kein
Widerspruch zwischen Theologie und Philosophie. Auch hinsichtlich der Ethik
vertrat Boethius von Dacien in seiner Schrift „De summo bono“ eine Anstoß
erregende Auffassung, indem er behauptete, die menschliche Glückseligkeit bestehe
im Erkennen des Wahren und in gutem Handeln, und das auf Erden.
|
| Die in vieler Hinsicht modern anmutenden Auffassungen der Averroisten
wurden auf Grund franziskanischen Betreibens ab 1267 im Jahre 1270 in Gestalt
einer Liste von 95 Irrlehren angeprangert und in 13 Thesen durch den damaligen
Bischof von Paris, Stephan Tempier, verurteilt, ohne dass dabei Namen genannt
wurden (diese Verurteilung hatte einen Beschluß der Artesfakultät zur Folge, dass
sich ihre Mitglieder nicht mehr zu theologischen Fragen äußern durften319). Als die
durch diese Diskussionen an der Universität Paris ausgelösten Unruhen (zu denen
die Predigten des Bonaventura beigetragen haben) anhielten, wies der Papst
im Jänner 1277 den Bischof von Paris an, der Frage der Irrlehren nachzugehen; die
nachfolgende, berühmt gewordene Verurteilung von 1277 durch den selben Bischof
unter Beratung durch eine Theologenkommission der Paris Fakultät fiel nun
inhaltlich weit umfangreicher und schärfer aus und war klar gegen die Averroisten
Siger von
Brabant und Boethius von Dacien gerichtet (die auch nach außen hin
abschworen, ohne sich jedoch tatsächlich von ihrer Linien abbringen zu lassen); es
wurde damit die Lehre des Inhaltes von 219 Thesen (ABB Thesen) mit der
Exkommunikation belegt320. Der z.T. sicherlich für die damalige
Zeit schockierende und heute noch erstaunliche und an Aufklärung gemahnende Inhalt
dieser Thesen signalisiert klar den hohen Anteil an Rationalismus in den
inneruniversitären Diskussionen jener Zeit, die sich weit entfernt hatten von der
traditionellen Linie der Kirche. Diese Verurteilung – auch als „Syllabus des
Bischofs Tempier“ bezeichnet – hatte an sich nur für Paris
Rechtswirksamkeit, fand aber weithin im christlichen Bereich Beachtung,
insbesondere auch insoferne, dass sich nachfolgend Autoren bis in das 15. Jh
hinein mit großer Vorsicht von den Inhalten der 219 Thesen distanzierten – dies
ist bei Buridan, bei Oresme und anderen Autoren deutlich erkennbar; Ockham erklärt – offensichtlich noch unter Anspielung auf die Thesen –
in seiner Einleitung zum Kommentar zur Physik der Aristoteles, es müsse
ohne Gefährdung für die Seele erlaubt sein, das Vorhaben eines Autors verschieden
und gegensätzlich zu interpretieren, und es müsse dabei jedem, ohne daß er
irgendeine Gefahr fürchten müßte, das Recht auf freies Urteil zustehen; auch
berichtet er von einem Dominikaner in Oxford, der sich darum nicht gekümmert habe,
was jenseits des Meeres geschehen sei. Sogar noch im 17. Jh ist in Zusammenhang
mit Galilei der Umstand herangezogen worden, daß sogar Thomas von
Aquin in Lehren im Bereich des Syllabus verwickelt gewesen sei321. Die Verurteilung des Averroismus blieb aufrecht und ist noch im
17. Jh aktiv gehandhabt worden322.
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| Der Syllabus stellt – auch bei vorsichtiger Beurteilung – einen
bedeutsamen Wendepunkt in der Entwicklung insoferne dar, als hier ausdrücklich
benannt und zusammengefasst wurde, was nicht gedacht werden sollte, was verboten
und gleichwohl als „modernes“ Gedankengut bereits mündlich und teilweise auch
schriftlich wirksam in Umlauf war, und eben deshalb seitens der Kirche als
gefährliche, das christliche Dogma unterhöhlende Lehre zu bekämpfen war.
Tatsächlich manifestiert sich im Syllabus die zuvor schon vage, nun aber immer
deutlicher werdende und letztlich ja von Thomas von
Aquin „abgesegnete“ Loslösung der Philosophie von der Theologie; dies
zeigt sich auch im Vorwurf der „doppelten Wahrheit“, dass nämlich etwa im Sinne
der Philosophie wahr sein könne, was aus Sicht der Theologie zu verwerfen sei323. Die Gültigkeit der vom Bischof von Paris – und nicht
vom Papst – ausgesprochenen Verurteilung außerhalb des Bistums Paris war
umstritten. Mehrheitlich wurde sie auch außerhalb von Paris beachtet, freilich gab
es auch Gegenstimmen. Letztlich hat der Akt von 1277 die Entwicklung nicht
aufhalten können. 1296 hat Gottfried von Fontaines an der Universität
Paris offen die Frage diskutiert, ob der Nachfolger von Tempier nicht eine
Sünde begehe, wenn er die Verurteilung nicht korrigiere.
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| Eigenständigere Positionen nehmen dann ein Duns
Scotus324, von dem sich die Scotisten ableiten
(z.B. Walter Burleigh und Thomas Bradwardine), und Wilhelm von Ockham,
der als Begründer des Nominalismus, besser des Occamismus, gilt und am Anbeginn
einer neuen Naturphilosophie (resp. frühen Naturwissenschaft) steht, die vor allem
mit den Namen Thomas Bradwardine, Johannes Buridanus, Nicole
Oresme, Heinrich
von Langenstein und Heinrich von Oyta verknüpft ist.
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| Im 13. Jh erreich nicht nur das Übersetzungswerk seine
Kulmination und es vollzieht sich in Zusammenhang damit nicht nur die
Aristoteles-Rezeption, sondern auch eine Ausweitung im Denken und in der
„philosophischen“ (= wissenschaftlichen) Betrachtung hinein in den Bereich der
Naturwissenschaften. Es ist in diesem Zusammenhang vor allem auf drei Personen
hinzuweisen: auf die Franziskaners Robertus
Grosseteste und Roger
Bacon und auf den Dominikaner Albertus
Magnus325.
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| Grosseteste326 war über seine bereits erwähnte
Übersetzungstätigkeit hinaus einer der bedeutendsten Wissenschaftler des
ausgehenden Hochmittelalters und auch Lehrer des ebenfalls sehr originellen und
wegweisenden Roger
Bacon. Von Grosseteste, der zeitweise in Paris studiert hatte und
dann in Oxford lehrte, ist eine Fülle naturwissenschaftlich-astronomischer und
philosophischer Schriften überliefert und er ist in Zusammenhang mit Spiegeln und
Linsen verschiedentlich – freilich überbewertend – als ein „Erfinder" des
Experiments apostrophiert worden. Er hat zahlreiche Werke zur Philosophie – zu den
artes liberales, zur Metaphysik –, zur Psychologie (hinsichtlich der
Willensfreiheit) und vor allem zu naturwissenschaftlichen Themen327
verfasst und erklärte in Zusammenhang mit letzteren, daß die Naturphilosophie die
Mathematik zur Voraussetzung habe, ohne die es keine Naturerkenntnis geben könne:
alle Naturerscheinungen müßten mit Hilfe von Linien, Winkeln und Figuren
dargestellt und formuliert werden, die zudem im gesamten Universum gültig seien –
„quoniam impossibile est scire naturalem
philosophiam sine illis. Valent autem in toto universo et partibus eius
absolute“. In seiner Kosmologie entwickelte es erstaunlich anmutende
Vorstellungen: Grosseteste stellt sich das Licht – Basilius und
Augustinus, insbesondere aber Alhazen folgend – als eine ganz feine Substanz
vor, die als Träger von Kraft und Kraftwirkungen fungiert; das Licht ist ihm
zugleich die erste körperliche Form, die in der materia prima geschaffen wurde. Grosseteste postuliert eine Art big
bang: Licht entsteht aus sich, schafft eine Lichtkugel aus einem Punkt und gibt
der an sich ausdehnungslosen Materie dreidimensionale Ausdehnung und schafft auch
den Raum; es entstehen schließlich 13 Sphären (9 himmlische und 4 für die
Elemente), alles entsteht aus Licht, durch das auch die Seele auf den Körper
einwirkt.
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| Doctor mirabilis. Roger
Bacon, ein Schüler des Grosseteste am Oxforder Franziskanerstudium und
wie dieser ein Franziskaner; er war unter den vielen Engländern, die in dieser
Zeit nach Paris gegangen sind, das immer mehr ein Zentrum der Wissenschaft wird,
wohl der berühmteste und in seiner Vielseitigkeit und Innovationsfreudigkeit einer
der führenden Intellektuellen der 2. H. 13. Jhs. Er wird heute als ein Propagator
der experimentellen Methode und einer der Pioniere moderner Wissenschaftlichkeit
gesehen, obgleich er – was nicht übersehen werden sollte – in
theologisch-kirchlicher Hinsicht eher traditionell orientiert war. Er war an
praktischer Anwendung interessiert, strebte nach Fakten, wollte Texte möglichst in
ihrer Entstehungssprache lesen und verstehen, weshalb er den Zeitgenossen
mangelnde Sprachkenntnisse vorwarf, und investierte erhebliche private Mittel in
seine Forschungen. Bacon forderte nachdrücklich mehr Experimente, war aber
selbst – außer einigen optischen Experimenten – wohl kaum wirklich als
Experimentator tätig. Er befasste sich u.a., z.T. bereits unter Heranziehung auch
muslimischer Autoren wie etwa al-Haythams, in sehr bedeutender Weise mit der Optik (wobei er im
Unterschied zu Grosseteste die Endlichkeit der Lichtgeschwindigkeit
postuliert) und auch mit der Mechanik. Roger
Bacon war erstaunlich visionär: er glaubte nicht nur an die
Umsegelbarkeit der Erde, sondern prophezeite auch Schiffe, die durch mechanische
Maschinen angetrieben würden, die Möglichkeit des Fliegens, die Verwendung des
Schwarzpulvers. Von ihm ist eine Fülle von Schriften überliefert, deren Inhalte
wesentlich in seinem „Opus maius“ enthalten sind, dem – teils als Kurzfassungen
teils als Ergänzungen – ein „Opus minus“ und ein „Opus tertium“ zur Seite stehen.
Roger
Bacon stand nicht an, sich gegen überkommene Theorien zu stellen und auch
eigene Unkenntnis einzugestehen. Da er in den Verdacht geriet, gefährliche
Neuerungen zu lehren, wurde er vermutlich ab 1278 (ein Jahr nach den Verurteilung
der Thesen) inhaftiert. Um seine Person, die erstaunlich Ähnlichkeit mit Francis
Bacon am Übergang vom 16. zum 17. Jh aufweist, rankten sich früh
Legenden, die bis heute wirksam sind.
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| Der neben seinem Schüler Thomas von
Aquin führende Vertreter der Dominikaner war Albertus
Magnus328; eigentlich Albrecht
von Bollstädt, ausgezeichnet mit dem Beinamen Doctor universalis. Er widmete sich vor allem dem Studium des
Aristoteles, schrieb Kommentare zu fast allen aristotelischen Werken,
die er mit neuen Gedanken, Erweiterungen durchsetzte – seine Werke können als eine
gewaltige Aristoteles-Paraphrase gesehen werden. Einen wesentlich Teil machen
seine Arbeiten zur philosophia realis aus –
allein 22 Titel zur Physik (Astronomisches, Chemie, Meteorologie und Klimatologie,
besonders originell zur Geologie und Mineralogie, z.T. auf eigenen Beobachtungen,
z.B. auch in Bergwerken und Laboratorien beruhend), Arbeiten zur Botanik und eine
in 26 Bücher gegliederte Zoologie, die teils auf Aristoteles, teils auf eigenen Beobachtungen beruht, also mehr ist als
eine bloße Erneuerung der „Historia animalium“ des Aristoteles. Weiters hat er eigenständig zur Medizin und auch zur
Astronomie gearbeitet. Albertus
Magnus ist damit der bedeutendste Vertreter der beschreibenden
Naturwissenschaften des christlichen Mittelalters.
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| Im 13. Jh bahnte sich die Lösung der alten und sich stetig
verdichtenden, dringlicher werdenden Frage des Verhältnisses zwischen
Offenbarungsinhalten und rationalem Denken an, indem einerseits die Heranziehung des
Verfahren des rationalen, aristotelisch dominierten Denkens für die Theologie
legitimiert wird und andererseits nachfolgend unter dem Aspekt, dass das rationale
Denken sich für Glaubensfragen unzuständig erklärt und in diese sich nicht
einzumengen beabsichtigt, die Selbständigkeit des rationalen Denkens, der
Philosophie, welcher Begriff damals noch alle „Wissenschaft“ in einem neueren Sinne
einschloss, von der Theologie akzeptiert wird. Es ist dies ein Prozess, der in der
Mitte des 13. Jhs einsetzt und in der Mitte des 14. Jhs einigermaßen abgeschlossen
erscheint. Zentrale Figuren sind dabei der Dominikaner Thomas von
Aquin und – zwei Generationen später – der Franziskaner Wilhelm von
Ockham.
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| Doctor angelicus, doctor
communis, doctor universalis. Thomas von
Aquin, der stark beeinflußt ist von muslimischer Philosophie, vor allem
von Al-Ghazali und Ibn
Ruschd-Averroes, gegen den er sich stellt, aber auch von jüdischen Autoren wie
Gabirol und Maimonides (obgleich er selbst Antisemit war) erkannte den Gegensatz
zwischen Aristoteles und dem Neuplatonismus und bemühte sich um beider
Akkordierung mit dem christlichen Dogma, was ja vor ihm schon Muslime und Juden in
Hinblick auf ihre Theologien getan haben. Im Wesentlichen bestand seine Leistung
in der Mäßigung der einander kontrovers gegenüberstehenden Standpunkte des
Aristotelismus im Sinne noch des Averroismus einerseits und des extremen
Anti-Aristotelismus andererseits. Alle seine Arbeiten zeichnen sich durch
einheitliche Methode, Präzision, Klarheit und Scharfsinn aus329.
|
| Eines von Thomas‘ Hauptthemen ist das Verhältnis zwischen dem Glauben und der Vernunft, der nicht alle
Wahrheiten zugänglich seien. Er bewertet aber Wahrheitssuche und Erkenntnis an
sich als gut: „Jede Art von Wissenschaft oder
Erkenntnis ist etwas Gutes; sonst könnte Gott, in dem nichts Böses sein kann,
nicht in Kenntnis alles Guten und alles Bösen sein; und daher ist das Streben
nach jeder Art von Wissenschaft oder nach der Kenntnis aller Arten von Dingen –
seien sie von guter oder böser Natur – an sich gut; doch kann dieses Streben
durch verschiedene zusätzliche Umstände gut oder böse werden: Der Unterschied
wird meist durch die Zielsetzung bedingt“330. In Fragen wie
"Utrum sacra doctrina sit scientia" (Artikel
2 der Summa Theologica) den aristotelischen Wissenschaftsbegriff auf die
Glaubenslehre an (dazu Link Thomas von Aquin Kessler
Nr 89), demzufolge Wissen eine aus obersten Prinzipien auf dem Wege der
Beweisführung abgeleitete Erkenntnis bedeutet. Die Frage "Utrum sacra doctrina sit argumentiva" zielt darauf ab,
festzustellen, inwieweit das in der Artistenfakultät übliche streng
wissenschaftliche Verfahren auf das theologische Gebiet übertragbar sei; Thomas geht davon aus, daß das Licht des Glaubens das Licht der Vernunft
nicht zerstöre. Wenn auch das Licht der Vernunft unzureichend sei, die
übernatürlichen Glaubensgeheimnisse aufzuhellen und zu begreifen, so könne doch
kein Widerspruch zwischen den von Gott geoffenbarten im Lichte des Glaubens
erkannten Heilswahrheiten und zwischen den Licht der Vernunft erkennbaren
natürlichen Wahrheiten bestehen. Da im Unvollkommenen sich eine gewisse partielle,
wenn auch unvollkommene Nachbildung des Vollkommenen finde, fänden sich in den
rationalen naturbezogenen Erkenntnisinhalten gewisse similitudines, Analogien des Übernatürlichen, das durch den
Glauben erkennt werde. Wenn sich in den Aussprüchen der Philosophen
Glaubenswidriges finde, so sei dies nicht Sache der Philosophie, nicht ein Makel
der Philosophie an sich, sondern Mißbrauch der Philosophie331.
|
| Eine Frage besonderen Gewichtes im Bereich der fides quaerens intellectum (Eriguena) war auch,
ob etwas zugleich Gegenstand der Glaubens und des Wissens sein könne. Augustinus hatte sich dazu nicht explizit geäußert, die Frage ist aber
auf Grundlage seiner Vorstellung in der Folge diskutiert worden, z.B. von Petrus
Lombardus: Sic aliqua sciuntur, quae
creduntur. Utrum fides sit de visis? Si fides de scriptis? Si fides sit
scientia?, und wurde von etlichen bejaht. Thomas von
Aquin verneint diese Frage: im Wissen
stimmen wir einer mit einer allen Zweifel ausschließenden Festigkeit Wahrheiten
zu, welche evident sind und unmittelbar oder
mittelbar sich auf die obersten von selbst einleuchtenden Prinzipien zurückführen
lassen. Auch im übernatürlichen Glaubensakt geben wir Wahrheiten eine fest
sichere, allen Zweifel ausschließende Zustimmung, aber diese Sicherheit und
Gewißheit habe ihren Grund nicht in der Evidenz der Glaubenswahrheiten, die ja als
übervernünftige Wahrheiten für uns nicht evident sind, sondern in der
Glaubensgnade und in der Autorität des sich offenbarenden Gottes dem Menschen
zukämen.
|
| Indem Thomas von
Aquin den viel präziseren und enger gefaßten aristotelischen
Wissenschaftsbegriff auch auf theologische Fragen anwendet (gegenüber dem weiteren
und unbestimmteren Wissenschaftsbegriff des Augustinus) prägt er die gesamte weitere Entwicklung.
|
|
|
| Neben dem Thomismus und dem Averroismus ist in der
Scotismus332 zu erwähnen, der eine Aufwertung des
freien Willens und der Bedeutung des Individuums vertrat – Duns
Scotus lehrte den Vorrang des Willens und der Liebe vor der Vernunft; der
Wille ist im Menschen das Vermögen der Freiheit und Selbstbestimmung, während die
Vernunft an die Struktur des Erkannten gebunden, gewissermaßen naturabhängig ist –
dies bedeutet die Preisgabe der objektiven Vernunft der Metaphysik, nimmt gewisse
Aspekte der neuzeitlichen Kritik vorweg, und bedeutet weiters eine Aufwertung der
Individualität des Einzelnen, der bis dahin als ein eher zufälliges Ensemble von
Eigenschaften gesehen wurde; nun aber wird das Individuum als Individuum aus sich
selbst heraus, aus eigenem Willen aufgefaßt.
|
|
|
| Ein immer noch in allen philosophischen Schulen
diskutiertes und die Scholastik dominierendes Thema war die aus Platons Philosophie resultierende Frage nach dem Charakter der
Universalien333.
|
| Im 13. Jh wurde auch die Frage nach dem Ursprung der menschlichen
Erkenntnis aufgeworfen, ob sie apriorisch sei oder a posterori. Grosseteste vertrat im Anschluß an Augustinus und an Anselm von
Canterbury die Auffassung, die Erkenntnis sei nur im Lichte der höchsten
Wahrheit möglich – damit verhalte es so wie mit den vom Licht der Sonne
beschienenen Körpern, die man sehen könne, nicht aber die Sonne selbst. Auch sei
für die Erkenntnis der Wahrheit ethische Vollkommenheit nötig. Immerhin schied
Grosseteste aber, wie dann Thomas von
Aquin auch, die veritas rerum von der
veritas orationis enuntiativae, womit
Elemente der Argumentation etwa Abaelards berücksichtigt erscheinen.
|
| Die Entscheidung im Sinne des Nominalismus, dass nämlich die
Universalien nichts anderes als lediglich Bezeichnungen, „Namen“ seien,
verdichtete sich im 13. Jh und wurde definitiv mit dem Auftreten Wilhelm von
Ockham im 14. Jh. Es ist dies für die weitere Entwicklung des
wissenschaftlichen Denkens von größter Bedeutung.
|
| Die Positionen, die im Laufe der Jahrhunderte in dieser Diskussion
eingenommen wurden, waren (in etwa in chronologischer Reihenfolge):
|
| – |
Platon: universale sunt realia Idealismu = in der
Universalienfrage als auf die Namen bezogen als „Realismus“ bezeichnet
|
| – |
Aristoteles: universale ante rem et in re = gemäßigter
Realismus
|
| – |
Boethius: bezeichnet die Logik als eine Wissenschaft von
Worten
|
| – |
Avicenna: von den Universalien kann ein Dreifaches ausgesagt
werden: sie seien
|
|
| 1 |
im göttlichen Verstande vor den Einzeldingen |
| 2 |
in bezug auf die Verkörperung in der Wirklichkeit in den
Dingen
|
| 3 |
in den Köpfen der Menschen als von ihnen gebildete Begriffe
nach den Dingen
|
|
| – |
Roscelinus: universale est vox - flatus vocis |
| – |
Abaelard: :universale est vox - universale est sermo-
universale est significatio
|
| – |
Albertus Magnus vertritt eine Avicenna nahestehende
Auffassung:
|
|
| 1 |
universale est ante rem im Geiste Gottes gemäß
Neuplatonismus
|
| 2 |
universale in re nach der Auffassung des Aristoteles |
| 3 |
universale post rem im Sinne des subjektiven Begriffes, auf
den sich der Nominalismus und der Konzeptualismus beschränken
|
|
| Daraus resultierten für die nachfolgende Zeit die drei
Hauptrichtungen
|
| – |
Thomismus: universalia sunt realia et in re = gemäßigter
Realismus
|
| – |
Scotismus: universalia sunt realia = Realismus
|
| – |
Ockhamismus: universalia sunt nomina = Nominalismus,
|
|
| Von diesen drei Richtungen überlebt trotz des zeitweiligen
Wiedererstarkens des Thomismus im 15./16. Jh nur der Nominalismus.
|
|
|
| Im 14. Jh nahm Wilhelm von Ockham mit Hilfe der
Logik des Petrus
Hispanus („De proprietate terminorum“) den Kampf gegen den Realismus auf,
indem er das Gegebensein von durch die Vernunft erweisbaren theologischen Sätzen
gänzlich verwarf, nur das Einzelne als real gegeben anerkannte und das Universale
lediglich als bloßen Begriff des denkenden Geistes akzeptierte. Damit wird die
induktive Erforschung aller physischen Erscheinungen angebahnt und die Grundlage
geschaffen für die Entwicklung der Naturwissenschaften.
|
| Der Begriff Nominalismus kommt wie bereits erwähnt aus dem
Universalienstreit und tritt dort schon im 12. Jh auf. Er bezeichnet in einem
engeren Sinne die Position "universalia sunt
nomina", in einem weiteren Sinne ist der Begriff unter modernen
Gesichtspunkten natürlich diffizil und umstritten wie viele andere Begriffe auch,
es besteht jedoch immerhin Übereinkunft darüber, ihn für die Geschichte der
Philosophie des 14. Jhs anzuwenden.
|
| Der Nominalismus bestreitet die von Platon und auch von Aristoteles
postulierte Beziehung zwischen Ding und Allgemeinbegriff, also eine innere
Entsprechung zwischen Begriff und Sache. Realität wird nur dem Einzelnen, der
individuellen Ausformung einer Sache zuerkannt, nicht mehr dem Begriff. Die
Annahme einer allgemeinen Natur, deren Aussagbarkeit auf einem realen Fundament in
den Dingen beruht, wird als überflüssig abgelehnt – es wird nun als gegeben
angenommen, daß die Einzelerscheinungen intuitiv, d.h. durch Wahrnehmung, und
direkt erkannt werden, nicht mehr über den Umweg über ein Universale. Durch diese
Veränderungen wird das in der „Wirklichkeit“ Vorfindliche abgekoppelt von einer
übernatürlichen Ebene, es wird das Interesse auf die Existenz der einzelnen Dinge
und auf den Funktionszusammenhang zwischen den Dingen gelenkt und damit verlagert
sich auch die Methodik von der Metaphysik hin zu solchen Disziplinen, die der
Darstellung des Funktionalen dienen, sei es in der Sache, sei es in der Erkenntnis
und Aussage, also Mathematik und Naturwissenschaften, Logik und Sprachtheorie.
Diese Entwicklung schlägt bald auch bei jenen durch, die an sich selbst nicht
unbedingt Nominalisten sind; diese Bewegung erfaßt rasch Paris und Oxford.
Konkrete Folgen sind u.a. die Entwicklung der von Aristoteles losgelösten, unabhängigen und Galilei vorbereitenden Impetustheorie durch den gemäßigten Ockhamisten
Johannes Buridanus334 oder Bradwardines bedeutendes Werk "De proportionibus velocitatum motuum".
Damit vollzieht sich ein tiefgreifender Wandel von der Wesenserkenntnis fort und
hin zur Erfahrung und zum Experiment.
|
| Bahnbrechend im Sinne des Nominalismus wirkte der Franziskaner |
|
|
| Inceptor venerabilis,
der nach seinem Studium in Oxford 1317-1319 wie üblich die Sentenzen des Petrus
Lombardus vorträgt und dabei völlig neue Anschauungen entwickelte; später
lehrte Ockham in London und Paris. Ockham beendet gewissermaßen die Herrschaft der von Platon herrührenden Vorstellung von der strukturstiftenden Macht der
Sprache, der Begriffe, die Vorstellung, daß die Welt eine innere Beziehung zu
Begriffen haben müsse, damit Begriffe auf sie angewendet werden könnten – womit
Wissen als ein Abbilden des Weltaufbaus in der Seele verstanden wurde. Ockham versteht nun Wissen „als die Gesamheit selbstgebildeter Begriffe, die
streng kohärent und möglichst einfach konstruiert“ sind und „deren Ausgangspunkt in individueller Erfahrung
gesichert ist“335.
Sein Hauptwerk ist die
|
| – |
Summa totius logicae, um
1323, die vor allem auf dem Organon des Aristoteles aufbaut. Ockham vertritt die Ansicht: „Es ist
unmöglich ... irgendeine Wissenschaft zu betreiben ... ohne die Kenntnis der
Logik"; Logik ist für ihn in Sinne des Aristoteles ein streng verbales Instrument, sprachliche
Differenzierung war eines seiner Hauptanliegen. Ockham stützt seine Erkenntnis auf einen unmittelbaren
Kausalzusammenhang zwischen Begriff und intuitivem (im Sinne Ockhams gebraucht, s.w.u. gebraucht) Erkenntnisakt bzw. dem ihm
unmittelbar gegenwärtigen Objekt –Wahrheit wird für ihn in jenen Sätzen
erreicht, die aus Begriffen bestehen, die unmittelbarer Gegenstand unserer
Erkenntnis sind, wobei die Wirklichkeitstreue durch den Kausalnexus zwischen dem
signikativ gebrauchten Begriff und dem Bezeichneten begründet wird. – Ockhams Vorgangsweise ist wesentlich sprachkritisch!336 |
|
| Ockham kennt zwei Erkenntnisweisen:
|
| – |
cognitio abstractiva =
nur ein Denkvorgang, dessen Begriffen keine Realexistenz zukomme (nur flatus vocis), und der
|
| – |
cognitio intuitiva (=
unmittelbare, direkte Erfassung eines Einzelnen auf unmittelbarer Anschauung,
konkreter Beobachtung beruhend337), die ihm zweifelsfreie Gewißheit
des Existierenden verschafft, er spricht in diesem Zusammenhang von der "absoluten Singularität alles Wirklichen",
womit er einen aristotelischen Standpunkt einnimmt – nicht die Menschheit
existiere, sondern allein der einzelne Mensch; Menschheit ist eine allgemeine
Struktur, die wir erst in unserem Denken und Sprechen nachträglich ausbilden338. Die Erkenntnis gehe von den
Einzeldingen aus und die Wissenschaft muß den Weg von ihnen zu sinnvollen
Abstraktionen kritisch darlegen! Auch damit wird die unmittelbare Nähe des zu
untersuchenden Objekts gefordert, das empirische Element gestärkt. Die Annahme
und Einschaltung von Begiffen wie Species und Abstraktion erübrigt sich für ihn,
Ockham lehnt Begriffe wie Woheit, Wannheit, Qualität und Quantität ab
und spricht nur von wann?, wo?, wie? wieviel? Dieser Grundhaltung entspricht
auch das als "Ockhams razor" bezeichnete
Ökonomie- oder Sparsamkeitsprinzip, das ihm zugeschrieben wird, obgleich es sich
bereits bei früheren Scholastikern wie u.a. Grosseteste und Duns
Scotus findet; Ockham hat es formuliert mit: "Pluritas
non est ponenda sine necessitate" oder "nunquam ponenda est pluralitas sine necessitate"339,. Ockham hat dieses Prinzip zu einer allgemeinen Methodenvorschrift in
den Wissenschaften erhoben: nur solche Begriffe und Entitäten sind zuzulassen,
die der ratio naturalis evident sind – damit
werden alle scholastischen Universalien ausgeschieden340.
|
|
| Ockham unterzieht auch die sinnliche Wahrnehmung einer konstruktiven
Kritik. Er, der keine Ahnung haben konnte von den uns bekannten astronomischen
Gegebenheiten, schrieb: „Die Anschauung des Sterns
kann bleiben, auch wenn der Stern zerstört ist“, d.h. es kann intuitive,
also unmittelbare Erkenntnis nicht-existierender Dinge geben. Sehen und Gesehenes
sind unterschiedliche und selbständige, für sich absolute Dinge (res absoluta). Erkenntnis und ihr Gegenstand sind getrennte
Dinge. Indem er auf die Gefahr der Sinnestäuschung verweist, argumentiert Ockham: in einem fahrenden Boot könne man glauben, stillezustehen und
das Ufer bewege sich. In aller Schärfe und Ungeheuerlichkeit des Beispiels hat er
Aussagen über Künftiges zurückgewiesen: wer Gott im Jenseits direkt schaut, kann
deswegen nicht wissen, ob diese Seligkeit ewig währen werde – ein zukünftiges
Ereignis könne man erst wissen, wenn es eingetreten sei: „Wenn ich zweimal an einer weißen Mauer vorbeigegangen bin und ich
gestern und heute sah, daß sie weiß war, kann ich nicht sicher wissen, ob sie
morgen weiß sein wird“.
|
| Ockham plante eine große Naturphilosophie, vermochte aber nur Teile zu
realisieren. Bedeutend ist seine Definition von Wissenschaft und von
Naturphilosophie resp. Naturwissenschaft, die er in der Einleitung zu seinem
Kommentar zur Physik des Aristoteles gibt (Link Ockham Was ist
Wissenschaft):
|
| „Zuerst soll untersucht werden, was
Wissen im allgemeinen ist; zweitens sollen einige Unterscheidungen des Namens
»Wissen« getroffen werden; drittens sind aus dem Gesagten einige Schlüsse zu
ziehen und viertens soll dann die Naturwissenschaft im besonderen untersucht
werden. Zum ersten Punkt ist zu sagen, daß das Wissen entweder eine subjektiv in
der Seele existierende Qualität oder eine Ansammlung einiger derartiger, die
Seele bestimmender Qualitäten ist. Ich spreche nur vom Wissen des Menschen […]
Was den zweiten Punkt betrifft, muß man wissen, dass »Wissen« (scientia) in
verschiedenen Bedeutungen gebraucht wird; es gibt mannigfaltige, einander nicht
untergeordnete Unterscheidungen des Wissens.
|
| Ockham unterscheidet Wissen als „eine
sichere Erkenntnis von etwas Wahrem“, Wissen als Bezeichnung „für eine evidente Erkenntnis […], nämlich wenn etwas nicht nur wegen des Berichtes
von Zeugen als gewußt bezeichnet wird“, und bezeichnet auch die „evidente Erkenntnis eines Notwendigen“ als
Wissen.
|
| „Die Frage, welches das Subjekt der
Naturphilosophie sei, gleicht der Frage, wer der König der Welt sei. So wie es
keinen König der Welt, sondern nur Könige einzelner Reiche gibt, ebenso verhält
es sich mit den verschiedenen Subjekten der verschiedenen Teile des Wissens. Das
Wissen – wenn man darunter eine Ansammlung versteht – hat nicht eher ein
(einziges) Subjekt als die Welt von einem König regiert wird oder als es in
einem Reich nur einen Graf gibt. […] |
| Viertens muß nun die Naturwissenschaft
im Besonderen untersucht werden. Und zwar wollen wir zuerst sehen, wovon sie
handelt, inwiefern sie sich von den andern Wissenschaften unterscheidet, zu
welchem Teil der Philosophie sie gehört […]
Zum ersten (Punkt) ist zu sagen, daß die Naturphilosophie von den sinnlichen
Substanzen handelt, und zwar in erster Linie von den aus Stoff und Form
zusammengesetzten [und] in zweiter Linie von
gewissen abgetrennten Substanzen. [… Weiters] ist zu sagen, daß diese Wissenschaft zum größeren Teil theoretisch ist, denn
jede Wissenschaft, die nicht von menschlichen Werken handelt, ist theoretisch.
Aber diese Wissenschaft ist von dieser Art, wie es klar ersichtlich ist. Also
ist ihre Erkenntnis theoretisch. Wenn es indessen einen gewissen Teil der
Naturphilosophie gibt, der von menschlichen Werken handelt, dessen Erkenntnis
diese Werke leiten kann, so ist dieser Teil praktisch und nicht
theoretisch.“Ockhams Auffassung, die auch dahingehend interpretiert werden konnte
und verschiedentlich auch interpretiert wurde, dass es überhaupt keine
Wissenschaft gebe, sondern dass nur von einander isolierte Einzeaussagen
möglich seien, sodaß nur eine collectio
singularium vorliege, ist diesbezüglich um 1600 in Diskussion gezogen
worden als die Frage der Einheit und Gesamtheit von Wissen diskutiert wurde.
Dazu Peter Schulthess in Die Philosophie des 17. Jahrhundert I, hg von
Jean-Pierre Schobinger, Basel 1998 (= Grundriss der Geschichte der Philosophie
gegr. von Friedrich Ueberweg) 65f.
|
| Ockham ist vom Kanzler der Universität Oxford, John Lutterell, der
Häresie angeklagt worden, mußte vier Jahre (1324-1328) auf den Urteilsspruch
warten und floh schließlich 1328 mit seinem Ordensoberen, der die apostlische
Armut der Kirche durchzusetzen bemüht war, nach Pisa, wo er sich dem Schutz Ludwigs des Bayern unterstellte, an dessen Hof in München er Marsiliuis
von Padua, den Verfasser des „Defensor pacis“ traf. Ockham wurde exkommuniziert, seine Lehre aber war auch durch diverse
Verbote (zuletzt noch 1473 an der Sorbonne!) nicht mehr eindämmbar:
Ockham eröffnet mit seiner Lehre die via
moderna, die in Gegensatz steht zu herkömmlichen, traditionellen Lehre, die
deshalb im weiteren als via antiqua bezeichnet
wird. Mit der via moderna setzt eine Erneuerung, Modernisierung des
Universitätsbetriebes ein, dem sich freilich nicht alle Universitäten anschließen,
einige haben beide Curricula angeboten.
|
| Neben Ockham stehen Robert Holcot und der Dominikaner William Crathorn, der die semantische und sprachtheoretische Analyse weit
vorantreibt und z.B. zwischen "verbum vocale",
"verbum dictum" und "verbum mentale" unterscheidet, wobei er sich auf Augustinus beruft, der sogar von einem "verbum nullius linguae" sprach.
|
| Ockham bedeutet in Hinblick auf die
Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens in gewisser Hinsicht das Ende des
Mittelalters, den Beginn der Neuzeit. Augustinus hatte Wissen als göttliche Erleuchtung verstanden, die sich
in meditativer Lektüre der Bibel und der Autoritäten einstell. Diesen
Wissenschaftsbegriff hat Petrus Abaelard zerstört, der – auf Avicenna und Averroes aufbauend – Wissen als Nachzeichnen der göttlichen Ordnung des
Universums verstand, wozu der Mensch durch seine Vernunfttätigkeit – den „tätigen
Intellekt“ – beitrug. Ochkhams Wissenschaft ist nicht mehr vorgegeben, sondern
ist ausschließlich Menschenwerk, das sich an vorgegebenen Strukturen zu
orientieren hat und deshalb unabgeschlossen und vielfach bedingt ist. Aus dem an
sich gegebenen Gefüge der göttlichen Ordnung, das zuvor gewissermaßen als Teil
eines feststehenden Ganzen nach und nach zu erkennen sein sollte, macht Ockham eine Ansammlung von Fakten, deren Interpretation dem kritischen
Geist und damit letztlich auch steter Veränderung obliegt.
|
| Die Befassung mit Gott, die die Scholastik des 13. Jhs noch unter
Heranziehung rationaler wissenschaftlicher Verfahren betrieb und weiter betreiben
wollte, ist für Ockham kein Gegenstand von Wissenschaft mehr. Da Gott durch keinerlei
Sinneswahrnehmungen oder durch das Denken an sich faßbar ist, stehen alle
Glaubensinhalte und Dogmen außerhalb des Wissbaren, außerhalb von Wissenschaft.
Theologie und rationale Philosophie resp. Wissenschaft sind damit von einander
getrennt, Glauben wird ein "willentlich
Für-wahr-halten". In seinen späten Jahren hat Ockham die Unfehlbarkeit des Papstes und andere Ansprüche schärfstens
zurückgewiesen. Gott verstand er in einer bis dahin ungekannten Weise als
allmächtig, indem er die ketzerische Ansicht vertrat, daß Gott dem Menschen auch
befehlen könne, ihn zu hassen. Ockham hat nachweisbar Wicliff und Luther beeinflusst.
|
|
|
| Die konkreteren Vorstellungen hinsichtlich dessen, was
Ockham in bezug auf Wissenschaft als Philosoph entwickelt hatte, finden
sich bei seinem nominalistischen Parteigänger, dem hochangesehenen Pariser
Naturphilosophen Johannes Buridan. Dieser erachtet die Naturphilosophie,
d.h. das Studium der Naturwissenschaften als einen selbständigen Studien- und
Forschungsbereich und definiert Ziele und Methoden von Wissenschaft im Sinne Ockhams in Unabhängigkeit von den Dogmen der Theologie und der
Metaphysik, ohne der Verdammung zum Opfer zu fallen. Er hat seine Auffassungen in
seinen Quaestiones zur Metaphysik und konkreter in den Quaestiones zur Physik
ausgeführt: er erkennt in Hinblick auf wissenschaftliche Erkenntnis dem
Induktionsverfahren eine geradezu zentrale Rolle zu: die Prinzipien der
Naturwissenschaft seien nicht unmittelbar evident, man könne lange an ihnen
zweifeln; sie seien aber als Prinzipien anzuerkennen, weil sie nicht
demonstrierbar und nicht von Prämissen abgeleitet oder durch irgendeine anderes
formales Verfahren deduziert werden können, aber doch zu akzeptieren seien, weil
sie in vielen Fällen als wahr und in keinem als falsch erkannt worden seien. Das
Induktionsverfahren ist für Buridan das naturwissenschaftliche
Beweisprinzip schlechthin, er bezeichnet es als principium in scientia naturali. Das Problem des Induktionsbeweises
bewältigt er folgendermaßen: „Erfahrung ist
[…] nichts anderes als eine Induktion aus vielen
einzelnen Sinneswahrnehmungen, durch welche der Intellekt […] auf Grund seiner natürlichen Neigung zur Wahrheit
gezwungen wird, einem allgemeinen Satz zuzustimmen“ – wer derartige Beweise
in Natur- und Moralwissenschaft nicht anerkennen will, sei es nicht wert, als
Wissenschaftler ernst genommen zu werden: „inductio
in multis singularibus, per quam intellectus non videns instantiam nec rationem
instandi cogitur ex eius naturali inclinatione ad veritatem concedere
proporitionem universalem. Et qui non vult tales declarationes concedere in
scientia naturali et morali, non est dignus habere in eis magnam partem“342. Freilich fordert Burdian eine inductio experimentalis, eine auf eigener Erfahrung beruhende
Erkenntnis.
|
| Diese Auffassung bedeutete eine Zurückweisung der auf Aristoteles begründeten Auffassung, dass die Prinzipien der Natur, der
Physik, in der Metaphysik begründet seien. 1277 noch hatte Widerspruch gegen die
überkommene Auffassung zur Verurteilung durch Bischof Etienne Tempier und die Universität von Paris geführt. Buridans
Argumenatation, die auf einer Generalisierung der Induktion beruhte, war nicht
wirklich angreifbar, zumal er bewusst, expressis
verbis, auf die absolute Evidenz der Naturerkenntnis verzichtete und sich
mit einer wahrscheinlichen oder hypothetischen Evidenz der Erkenntnis zufrieden
gab. Dies war wesentlich, weil er damit die Möglichkeit übernatürlichen
Eingreifens nicht ausschloss und die geltende theologisch-schulphilosophische
Lehre nicht angriff. Durch diesen Kompromiss erlangte die Naturphilosophie eine
der Theologie gegenüber eigenständige Stellung und ging nun doch auch über die
bloße Erläuterung der Lehren des Aristoteles hinaus. Diese Loslösung erlaubte es auch, sich freier als
bis dahin mit delikaten Fragen zu befassen, denn man erhob ja keinen Anspruch in
theologischer Hinsicht mehr und trat damit gewissermaßen aus dem gesamtheitlichen
System heraus, in dem alle naturphilosophische Erörterung angesiedelt war: dies
äußert sich auch in den Umstand, dass nun vermehrt Einzelfragen in Gestalt von
„Quaestiones“ – gewissermaßen „Forschungsarbeiten“ der damaligen Zeit, isoliert
diskutiert wurden, was auch die Verfänglichkeit in Hinblick auf die
Rechtgläubigkeit minderte. Es galt um 1300 als mittlerweile legitim, mit dem
Glauben nicht vereinbare Vorstellungen als Hypothesen zu diskutieren – solange man
sich ihnen nur nicht anschloss oder vergass, abschließend darauf hinzuweisen, dass
man sich aber doch der Glaubenswahrheit anschließe. So konnte Oresme die an sich alte kosmologische Frage, ob es mehrere Welten geben
könne (es war dies die These 34 der 1277 verbotenen Sätze), aufgreifen und die
Ansicht vertreten, dass Gott in seiner Allmacht eine solche Vielfalt schaffen
könnte und dass es kein Argument gebe, das Gegenteil zu beweisen; er schließe sich
aber doch der aristotelischen Auffassung von einem alles umfassenden Kosmos an.
Auch hinsichtlich der Frage der Geozentrik, die ja im Wege der Frage nach der
Erdrotation längst im Raum stand, haben Naturphilosophen wie Oresme durchblicken lassen, wie sie insgeheim dazu stünden, wenn Oresme – wie z.B. schon zuvor al-Battani – die Ansicht vertritt, dass die Daten der astronomischen
Tafelwerke und daraus abgeleitete Intepretationen nicht in Frage gestellt würden,
nähme man an, dass die Erde rotiere und nicht das Firmament343; die Frage sei durch kein Argument entscheidbar, sondern
nur in Glaubensüberzeugung; und dieser schließt er sich an344.
|
| Buridans Einschätzung der Induktion entspricht es auch,
wenn er neue Vorstellungen hinsichtlich von Kausalität und Wahrscheinlichkeit
aufgreift und die dichotomische Auffassung bei Aristoteles hinsichtlich des Eintretens eines Ereignisses aufgibt: Aristoteles hatte geschlossen, dass wenn A, dann immer B (ut semper); nun fügte man in Bezug auf die
absolute necessitas hinzu die Möglichkeit
eines ut frequenter (häufig) und eines ut raro (selten) – ein Mensch mit fünf Fingern
ist kein ut semper, sondern ein ut frequenter, hat er aber sechs Finger, dann
ist er ein Beispiel für ut raro; es wird also
nicht mehr eine absolute necessitas der
Fünffingrigkeit angenommen, sondern man geht von einer sehr hohen
Wahrscheinlichkeit, nicht aber aber zwingenden Gewissheit aus.
|
| Damit hängt aber auch die Frage der Erkenntnisgewissheit zusammen.
Buridan vertritt bereits die Auffassung, dass wissenschaftliche
Gewissheit eine graduelle Abstufung haben könne und dass es sinnlos wäre,
mathematische Exaktheit und damit Erkenntnisgewißheit für die scientiae naturales et morales – d.h. sowohl für die natur-
wie auch für die Geisteswissenschaften – fordern zu wollen, hier reiche eine
hinreichend gesicherte Erfahrung aus, was heißt, dass die induktive Methode
ausreiche. Oresme erweitert dies, indem er in „De proportionibus“ zu ersten
Ansätzen der Wahrscheinlichkeitsrechnung findet, wenn er Begriffe wie verisimile, probabile / probabilius, improbabile / improbabilius, verisimile / verisimilius / maxime verisimile und possibile
equaliter heranzieht – in diesem Sinne hat Buridan die
überkommenen Lehren des Aristoteles als Arbeitshypothesen akzeptiert, nicht aber als sakrosankte
und unkorrigierbare Dogmen einer unanfechtbaren Autorität. Im 16. und mehr noch im
17. Jh wird der Probabilismus anfangs – und das insbesondere in Spanien – als ein
primär moralisches Problem behandelt; es ist aber sicher nicht ohne Bedeutung
geblieben, dass man die Zulässigkeit, sich einer nur wahrscheinlichen Meinung
anschließen zu dürfen, eingehender Diskussion unterzogen und damit neuerlich gegen
den Gewissheitsanspruch vorgebracht hat345.
|
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| Die Aristoteles-Rezeption und die in Zusammenhang mit der sich in der
Scholastik entwickelnden Diskussionskultur aufkommende Flexibilität wirkten sich
auch hinsichtlich der Staatsauffassung aus. Schon für Aristoteles war der Mensch ein „zoon
politikon“, ein soziales Wesen gewesen. Indem Thomas von
Aquin auch diese Lehre des Aristoteles
übernahm und seinerseits die natürlichen Gegebenheiten des Menschen akzeptierte,
verwarf er die Augustinische Lehre vom Staat als einer nach dem Sündenfall
notwendigen Zuchtrute oder als „göttliche
Strafanstalt für Erbsünder“ (so Flasch) und entwarf eine Staatsauffassung, die den Staat als eine
naturgegebene Notwendigkeit für den Menschen als soziales und politisches Wesen
interpretierte, das gewisser natürlicher Hilfen entbehrte, über die die Tiere (mit
Zähnen und Klauen etc.) verfügten, das aber doch vermöge der ihm von Gott
gegebenen Vernunft in der Lage sei, sich mit seinen Händen alles Notwendige
herzustellen und zu beschaffen – dies allerdings nur in der Gemeinschaft und nicht
als Einzelner; deshalb sei es für den Menschen natürlich, in Gesellschaft zu
leben. Unter diesem Aspekt benötigt der Mensch auch die Sprache – er sei ja
kommunikativer als die Ameisen oder die Bienen. Und in der Gesellschaft benötige
der Mensch auch politische Führung. Als Ziel der Politik, der Staatsführung
definierte Thomas von
Aquin die Erwirkung irdischer Glückseligkeit im Sinne des aristotelischen
Ideals des Gemeinwohls, allerdings mit dem weiteren Ziel der Hinwirkung auf die
jenseitige Glückseligkeit, d.h. unter der irdischen Oberhoheit auch des Papstes,
der deshalb auch die Tätigkeiten der weltlichen Herrscher beurteilen sollte.
|
| Anders war das Bild vom Staat, das Dante in seiner Schrift „De monarchia“
und auch in der „Göttlichen Komödie“ entwarf. Er wendet sich gegen den Papst und
gegen Thomas von
Aquin, stützt sich auf Averroes und entwickelt eine umfassende Kultur- und Friedensphilosophie,
deren Ziel eine Steigerung der allgemeinen Lebensqualität unter voller Entfaltung
der dem Menschen innewohnenden Fähigkeiten abzielt. Das Ziel der irdischen
Glückseligkeit, der universelle Friede, wird durch die Vernunft erreicht, das Ziel
der jenseitigen Glückseligkeit durch die Offenbarung. Oberste Instanz für die
Erreichung der Ziele ist der Kaiser, der direkt von Gott abhängt und nicht vom
Papst, dem – um ihn als spirituelle Autorität zu erhalten – keinerlei politische
Gewalt zukommt.
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| Dantes Vorstellung ist von Marsilius
von Padua überholt worden, der in seinem „Defensor pacis“, weit
revolutionäreren Vorstellungen entwickelte. Der Staat wird nun zum System
freiwilliger Selbstbindung, beinahe schon im Sinne Kants. Die Gesetze haben vom Volke auszugehen, der Staat soll im Sinne
des Aristoteles als eine vollkommene Gemeinschaft in einem säkularen Sinne
realisiert werden. Der Staat des Marsilius ist kein sozialtechnisches Gebilde,
sondern eine ethische Konzeption, die ebenfalls auf das aristotelische Gemeinwohl
abzielt. Aristoteles Staatsideal war allerdings die Monarchie gewesen. Marsilius korrigiert dies zugunsten der Demokratie – was offenbar auch
Thomas von
Aquin angepeilt, aber nur nicht selbst vollendet hatte346.
|
| So vollzog sich innerhalb weniger Jahrzehnte auch eine tiefgreifende
Wandlung der Staatsvorstellung und der Politiklehre ingesamt. Auch die Lehre vom
Staat tritt damit im Weiteren in den Bereich der Erkenntnisarbeit, die Diskussion
über die ideale Staatsform, bis hin zum idealen Fürsten Macchiavellis, setzt ein.
|
| Ockhams Philosophie bewirkte natürlich keine schlagartige Änderung. Und
auch die etwa zeitgleich sich vollziehenden Neuerungen in der spätscholastischen
Naturphilosophie, wie sie die Oxford Calculators, Buridan, Oresme vor allem erarbeiteten, indem sie das Buchstabenrechnen im
Zusammenhang mit der schon lange in hohem Ansehen stehenden Proportionenlehre
einschließlich geometrisch-graphischer Lösungsversuche als eine Art Brücke
zwischen Logik und Mathematik ausbauten, und auch die Vorstellungen des Marsilius
von Padua wiesen zwar in eine neue Zeit, doch sollte es noch bis in das
17. Jh dauern, bis die alten Denkmuster, die Tradition der Autoritäten (wenn es
nun auch die des Aristoteles vor allem war) sowie des deduktiven Denkens und vor allem
die seit dem 12. Jh gegebene Dominanz der Logik und die damit eher abstrakte
Behandlung naturwissenschaftlicher Themen wirklich überwunden wurden. Man stand
gewissermaßen an der Schwelle, vermochte aber den entscheidenden Schritt noch
nicht zu tun. Noch im 17. Jh wird sich das Nachwirken der im 14. Jh bereits
erschütterten Dogmen in erstaunlichem Maße erweisen.
|
| So kommt der Zeit von der Mitte des 13. Jhs bis in die Mitte des
14. Jhs als Abschluß und Überwindung der Scholastik in geistesgeschichtlicher
Hinsicht große Bedeutung zu: es vollzieht sich eine enorme Verdichtung der
geistigen Arbeit, die weit über alles hinausgeht, was es zuvor gegeben hatte und
die auch die bis dahin traditionellen Grenzen überschreitet, es bahnt sich in
diesem Zeitraum die Entwicklung der moderenen Wissenschaft in ihren Grundzügen
an347.
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| Der Zuwachs an Wissen im Zusammenhang mit dem
Übersetzungswerk bewirkte im 13. JH die Zusammenstellung neuerer enzyklopädischer
Werke, die inhaltlich über die alten Sentenzen hinausgriffen und im Unterschied zu
diesen nicht mehr primär unter theologischen Ausbildungszielsetzungen geschaffen
wurden. Das diesbezüglich klassische Werk schuf der Dominikaner Vinzenz von
Beauvais348 († 1264) auf
Veranlassung Ludwigs des Heiligen. Sein riesiges „Speculum maius“ oder
„Speculum universale“
349 sollte alle Dinge zu allen Zeiten behandeln. Vinzenz verfügte über beste Bibliotheken und über eine Schar von
Mitarbeitern (das Werk kann in dieser Hinsicht wohl mit den gigantischen arabischen
und chinesischen Enzyklopädien verglichen werden), es präsentiert eine Fülle von
Exzerpten aus rund 450 lateinischen, griechischen, hebräischen und muslimischen
Autoren, die auch zitiert werden; nur die lateinischen Autoren kannte Vinzenz unmittelbar. Der Text wurde in den Jahren 1244-1254 erstellt,
später überarbeitet und zusätzlich mit zahlreichen Zitaten aus Albertus
Magnus und Thomas von
Aquin versehen. Das Werk ist eher bezüglich seines Umfanges als seiner
Qualität wegen bedeutend, da es zwangsläufig eine eher anspruchlose Kompilation ist,
die naturgemäß nichts Neues enthält und auch nicht am neuesten Stand sein konnte,
was vielleicht auch gar nicht notwendig war, da es sich ja nicht an die aktiv
Forschenden wenden konnte, sondern gewissermaßen an Bildungsbefliessene – leisten
konnte sich das ungeheure Werk in der Praxis allerdings niemand. Es gliedert sich in
folgende Teile:
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| – |
Das Speculum naturale hat die
Form eines riesigen Kommentars zur Genesis – 32 Bücher mit 3718 Kapiteln –
Meteorologie, Geographie, Geologie, Astronomie, Chemie, Botanik, Zoologie,
Anatomie, Physiologie, Psychologie (mit langer Erörterung der Natur der Träume)
und Astrologie, die aber nicht mit der Astronomie vermengt wird.
|
| – |
Das Speculum doctrinale hat
17 Bücher mit 2374 Kapiteln und faßt die theoretische und praktische Kenntnis im
Bereich Literatur, Moral, Mechanik, Physik, Mathematik und Theologie zusammen und
enthält auch ein Wörterbuch. Grammatik, Logik, Landwirtschaft, Recht und
Regierung, Handel, Medizin, Chronologie, Astronomie und Astrologie, Musik, Maße
und Gewichte, Entdeckungen.
|
| – |
Das Speculum historiale ist
eine Universalgeschichte vom kirchlichen Standpunkt aus bis in das Jahr 1244,
später bis 1254. Es ist in 31 Bücher mit 3793 Kapiteln gegliedert. 1244 schrieb er
auch eine kürzere Fassung „Memoriale omnium temporum“ in 80 Kapiteln.
|
| – |
Das Speculum morale stammt
nicht mehr von Vinzenz selbst, es wurde von einem unbekannten Autor erst
1310-1325 zusammengestellt, also nach Vinzenzs Tod; es ist eigentlich
eine Zusammenfassung des Thomas von
Aquin, wird aber immer im Rahmen des Gesamtwerkes gedruckt und angeführt.
Es besteht aus 3 Büchern mit 381 Abschnitten: Leidenschaften und Tugenden,
Inkarnation und Leiden Christi, Tod, Purgatorium, Jüngstes Gericht, Auferstehung,
Hölle, Paradies, Sünden und Strafen.
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|
| Das gesamte Werk, das wie erwähnt für eine wirklich weite
Verbreitung viel zu umfangreich und kostspielig war, wurde 1473 in sieben
Foliobänden gedruckt (es ist die größte bekannte Inkunabel) und blieb trotz seiner
Mängel für Jahrhunderte die Enzyklopädie im
abendländischen Bereich, bis sie im 18. Jh durch Zedler und dann die Encyclopédie
endgültig abgelöst wurde.
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| Neben Vinzenz schufen auch andere mehr oder weniger
große Enzyklopädien: so der Dominikaner Thomas von Chantimpre (1201-1263),
dessen Enzyklopädie „Liber de natura rerum“ ähnlich wie die des Bartholomaeus Anglicus weitverbreitet war. Dieses unkritische Werk war wie
jenes des Vinzenz zum Zeitpunkt der Fertigstellung hoffnunglos überholt, was aber
nach mittelalterlichen Vorstellungen keine Rolle spielte. Es wurde ebenfalls über
Jahrhunderte benützt und überliefert sozusagen das klassisch
mittelalterlich-konservative Gedankengut. Eine weitere, sehr verbreitete und relativ
„moderne“ Enzyklopädie schuf der Minorit Bartholomaeus Anglicus (fl. 1230) mit seinem Werk „De proprietatibus
rerum“ (in 19 Büchern), in dem die Naturwissenschaften vorherrschen350
und das ins Französische, Englische und Spanische, also in die damals wichtigsten
Vernacularsprachen übersetzt wurde. Auch er hat sehr viel aus arabischen Autoren
übernommen.
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| Neben den diese Realenzyklopädien des mittelalterlichen Wissens trat
eine Reihe von großen Summen für spezifische Fachgebiete, z.B. des Thomas von
Aquin für die Theologie oder des Guilelmus
Durandus für das Rechtswesen.
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| Auf der Grundlage der Aneignung der Logik und der Entwicklung
differenzierender Betrachtungsweisen im Wege des Rezeptionsprozesses sind nach den
sprachlogischen Erörterungen des 11. und 12. Jhs in der 2. H. der 13. Jhs Phänomene
untersucht worden, die im Grunde genommen bereits Gegenstand rationaler Arbeit hätten
sein können, doch sind Fragen der Optik, der Bewegungslehre u.a. immer noch auf
Grundlage logischer Deduktionen erörtert worden, auch wenn Männer wie Roger
Bacon bereits eine zwar noch unklare, letztlich aber darüber hinausgehende
Vorstellung entwickelt hatten. Man könnte überspitzt formulieren, dass das
scholastische Instrumentarium als solches eigentlich ausgereizt war – nicht umsonst
hat sich Roger
Bacon wie früher schon Abaelard gegen das abstrakt-theoretische Verfahren gewendet.
|
| Strukturelle Grundlage des wissenschaftlichen Denkens war
selbstverständlich das Organon des Aristoteles. Inhaltlich suchte man nun jedoch, darüber hinaus zu gelangen.
Albertus
Magnus bemühte sich ja nicht nur um eine Summa der aristotelischen
Naturlehre, sondern auch um deren Ergänzung, soweit sie ihm möglich war. Das war dort
verhältnismäßig einfach, wo eindeutige Aussagen vorlagen wie etwa im Bereich der
beschreibenden Naturwissenschaften. Wo dies nicht der Fall war, und sich im Werk des
Aristoteles verstreut Aussagen zur Thematik fanden (dies eher hinsichtlich
theoretischer Ausführungen, z.B. im Zusammenhang mit der Bewegungslehre) ging es
wesentlich immer noch darum, zu eruieren, was Aristoteles eigentlich gemeint habe – die Überlieferungslage war damals weit
mehr noch als heute schwierig; eine Fülle von Übersetzungen und eine noch größere
Fülle von Kommentaren wucherte um das, was aristotelischer Text und Aussage sein
mochte – und all dies in Zusammenhang mit sprachlich und logisch kompliziertesten
Überlegungen. Einigkeit darüber herzustellen, war und ist alles eher denn einfach: die
Frage, welches nun der „richtige Aristoteles“ sei, steht heute noch in durchaus
wichtigen Bereichen in offener Diskussion. Dieser Umstand hatte zur Folge, dass
Auffassungen als aristotelisch weiteren Überlegungen zugrundegelegt wurden und so den
Ausgangspunkt für die weitere Behandlung des Themas bildeten, die heute ohne
kritischen Bezug zu dem, was man heute als „eigentliche“ Aussage des Aristoteles angenommen wird, hingenommen werden. Es wird heute die
Auffassung vertreten, dass beispielsweise in der Bewegungslehre Thomas von
Aquin die „eigentliche“ Argumentation des Aristoteles vertreten, Duns
Scotus diese aber fehlinterpretiert habe, worin ihm Ockham
gefolgt sei, und dass in weiterer Folge ein in Bezug auf Aristoteles gänzlich „falscher“ Ansatz vertreten worden sei351.
|
| Die Unterschiedlichkeiten in der Interpretation des Aristoteles erwies sich zwar insoferne als fruchtbar, als dadurch die
kritische und zunehmend rationale Auseinandersetzung mit der Materie der Schriften
gefördert und so zunehmend von der Theologie unabhängige Lehrmeinungen entwickelt
wurden, aber: den Schritt, die Sache unabhängig von Aristoteles und den zahllosen mittlerweile diskutierten Deduktionen
unmittelbar anzugehen, das unternahm man doch nicht, wenn man auch – wie etwa Buridan
und Oresme
– gelegentlich empirische Erkenntnisse einbrachte352.
|
| Die verheissungsvollen Neuerungen der Oxford Calculators, der
Naturphilosophie Buridans und Oresmes
in der Mitte des 14. Jhs fanden keine rechte Nachfolge, auch wenn die Diskussion – auf
kleiner Flamme gewissermaßen und im Wesentlichen in Italien – fortgeführt wurde. In
Paris griff man die Neuerungen der via moderna
ebenso wenig auf wie in Oxford. So verlagerte sich der Schauplatz bedeutender
Neuerungen auf universitärer Ebene zu Ausgang des 14. Jhs teilweise nach Wien, wohin
sich maßgebliche Lehrer aus Paris in Konsequenz des Schismas von 1378 begeben hatten,
teilweise bahnten sich Neuerungen in Italien an, wo sich gelehrte Mediziner und
Juristen intensiver mit mathematischen und physikalischen Problemen zu befassen
begannen und sich auch bald die Praxis des sich entwickelnden Bankwesens Konsequenzen
zeitigte. Hauptschauplätze waren nach wie vor die Astronomie und die Mathematik; beide
standen nach wie vor unter der Einwirkung der muslimischen Autoren, deren Materialien
nur langsam, mühsam und auch nur partiell erschlossen werden konnte – ein Vorgang,
über dessen Abhängigkeitsverhältnisse trotz aller Forschungsbemühungen immer noch zu
wenig bekannt ist.
|
| Man diskutierte neuerlich und in veränderter Weise die alten Fragen des
Unendlichen, des Kontinuums und des Vakuum – eine Diskussion, die im 11. Jh bereits
aufgenommen worden und in aller Spitzfindigkeit, deren man fähig war, geführt wurde
und die doch nicht essentiell bereichert wurde.
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| In der Wiener Mathematisch-astronomischen Schule des 15. Jhs wird
annähernd der Stand der muslimischen Astronomie erreicht, bis auf Kopernikus vermag man darüber nicht wirklich hinauszukommen, und bezüglich
der Leistung des Kopernikus steht die Bedeutung des muslimischen Einflusses der Astronomen
von al-Haytham bis al-Tusi und al-Schatir in Diskussion, wenn ihm auch die Neuerung des
heliozentrischen Weltbildes nicht abgesprochen werden kann. Erst mit Tycho
Brahe und Kepler wird wirklich Neuland betreten. Kepler
ist das eklatante Beispiel für die nach wie vor gegebene Dominanz des philosophischen
Unterbaus, wenn er lange – und natürlich vergeblich – um die
platonisch-aristotelischen Kreisbahnen kämpft, und Giordano Bruno und Galilei
sind es für die nach wie vor gegebene Ingerenz der Theologie in kosmologischen
Fragen.
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| Waren es im 13. und auch noch in der ersten Hälfte des 14. Jhs
die Universitäten Paris und Oxford vor allem gewesen, an denen die Angehörigen der
Reformorden die Entwicklung vorangetrieben hatten, so schieden die Universitäten gegen
Ende des 14. Jhs weitgehend und mit dem Ausgang des 15. Jhs nahezu gänzlich aus dem
Ringen um wissenschaftlichen Fortschritt aus353.
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| Doch mittlerweile ereigneten sich andere Neuerungen, die zur Folge haben
sollten, dass die Frage wissenschaftlicher Erforschung der Welt schwerpunktmäßig auf
ein anderes Feld verlagert wurde. Beide Neuerungen gingen von Italien aus:
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| – |
die Ausformung praxis- bzw. technischorientierter
Auseinandersetzung mit der Natur und im Zusammenhang damit auch mit der Mathematik
bzw. dem Rechnen; dies führt zur Entwicklung dessen, wofür man um 1500 bereits den
Begriff „ingegnere“ heranzog und was dann später als Ingenieurswesen bezeichnet
wird, und
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| – |
der Humanismus, der die Anfänge dessen brachte, was man später
als Geisteswissenschaften bezeichnen wird.
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| Um das Jahr 1300 – zur Zeit zu der am Merton College auf
konstruktivem Wege versucht wird, sich mit Bewegung und Geschwindigkeit zu
befassen – stellt der italienische Maler Giotto (1267-1336) erstmals räumliche
Gegebenheiten in korrekter Weise dar, und um 1400 fertigte Filippo Brunelleschi (1377-1446), der Erbauer
der Kuppel des Doms von Florenz, leider nicht erhaltener, in der Überlieferung
aber gut geschilderte perspektivische, geometrisch konstruierte Zeichnungen an,
was sehr rasch in der Malerei umgesetzt und vom Architekten Leon Battista Alberti (1404-1472) theoretisch
untermauert und vom Mathematiker Piero della Francesca354 mathematisch begründet
wurde. Damit ist nicht nur ein bedeutender Beitrag zum Verständnis der räumlichen
Wahrnehmung geleistet worden, sondern es sind auch die Grundlagen eines technisch
verwertbaren Konstruktionswesens entwickelt worden, wie es in weiterer Folge in
der Ingenieurstechnik, insbesondere im Befestigungswesen, im Kanalbau aber auch in
der Architektur allgemein verwendet wurde und wie es in zahlreichen Zeichnungen
Leonardo
da Vincis zu erkennen ist.
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| Hatten bereits im 12. und 13. Jh die kirchlichen Großbauten
die Entwicklung technischer Fertigkeiten – des Konstruktionswesens, der Statik
etc. – gefördert, so traten im 14. und mehr noch im 15. Jh weltliche Bauten auch
unter wirtschaftlichen Aspekten hinzu: der Bau von Kanälen, von Befestigungen, von
Brücken u.a.m. Es wurde dadurch die praktische Anwendung bislang kaum theoretisch
erörterter Probleme der Statik, der Mechanik, der Hydraulik etc. forciert und
damit wiederum die Ausweitung der diesbezüglich nötigen Kenntnisse im Wege der
Erfahrung bewirkt, sodaß zu Ende des 15. Jhs eine erstaunliche Ausweitung dieser
Bereiche erreicht wurde, die in der Person Leonardo da Vincis
kulminierte, der neben seiner künstlerischen Tätigkeit auch als ein Prototyp des
genialen Ingenieurs gesehen werden kann. Unzählige Skizzen legen Zeugnis ab von
der Vielfalt seiner Ideen und dem technischen Verständnis, das ihn zur
Konstruktion von Geräten befähigt, die z.T. erst im 20. Jh realisiert werden
sollten. Es ist in dieser Entwicklung zweifellos ein Element zu sehen, das den
Umgang mit den in der spätscholastischen Naturphilosophie erörterten
physikalischen Fragen wesentlich erleichtert und eine vom philosophisch-logischen
Dogma gelöstere Behandlung ermöglicht hat – Galilei ist auch in dieser Tradition zu sehen, war er doch auch ein
erfolgreicher Instrumentenbauer, ein ingegnere.
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| Die Perspektive als Konstruktion der „Wirklichkeit“ und die Mechanik,
wie sie aus der Praxis heraus entwickelt wurde, wurden nun als angewandte
Geometrie verstanden, was nicht nur für die Ingenieurspraxis, sondern auch für die
Entwicklung in der Mathematik bedeutsam war und darüber hinaus zu einer starken
Mechanisierung der Weltauffassung beitrug. Hierin ist ein für die weitere
Entwicklung der Physik und damit auch für die Loslösung der Physik aus der alten
Naturphilosophie wesentlicher Faktor zu sehen, der die grundlegende Veränderung
von der spätscholastischen Naturphilosophie, die nach dem Wesen der Dinge fragt,
zur Naturwissenschaft des ausgehenden 17. Jhs bewirkt, die viel mehr danach fragt,
wie uns die Dinge erscheinen – Galilei und noch viel mehr Newton befassen sich primär auf dieser Ebene mit den Naturerscheinungen.
In dem Sinne, dass diese veränderungen doch reflektiert werden, kommt es
gewissermaßen zu einer Zusammenführung der theoretischen Physik im Sinne der
Naturphilosophie und der neueren praktischen Physik355.
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| Die wirtschaftliche Entwicklung, insbesondere die des
Bankwesens stimulierte im ausgehenden 15. Jh die Entwicklung nicht nur des
Buchhaltungswesens, sondern auch im Wege der französischen und italienischen
Mathermatiker, die fern der Universitäten ihren Ideen nachgingen, eine
Intensivierung der Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Zahlen an sich und –
unter starker deutscher Beteiligung – des Ausbaus des praktischen Rechnens im Wege
der sogenannten Coss. Zu den Konsequenzen dessen zählen die Modernisierung der
mathematischen Schreibweise, die Ausweitung des Zahlbegriffs in Bezug auf
irrationale, negative Zahlen bis hin zu den komplexen Zahlen, die Ausweitung des
Rechnens mit Exponenten bis hin und zur Entwicklung der Logarithmen; insgesamt
findet damit und im Wege der Entwicklung der Algebra, die nun über die
muslimischen Errungenschaften hinausgeht, wie der messenden und rechnenden
Geometrie einschließlich der mathematischen Kartographie eine enorme Ausweitung
des mathematischen Bereiches statt.
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| Insgesamt akkumulierte sich das zu einer geradezu stürmischen
Entwicklung, die sehr rasch – im Wesentlichen im 16. Jh noch – hinführte zur
Entwicklung erster Rechenmaschinen und hinwies auf die Wahrscheinlichkeitsrechnung
und auf das Problem der Infinitesimalrechnung. Wohl kaum ein Wissenschaftsbereich
hat innerhalb so kurzer Zeit eine inhaltlich derartig reichhaltige Entwicklung
genommen, die sich in einer freien Sphäre, außerhalb institutioneller Felder und
ohne große Theorien vollzog. Es kann dies gewissermaßen als Vorbereitung auf die
großen Neuerungen des 17. Jhs verstanden werden.
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| Im 15. Jh regte sich vermehrt an den Universitäten und auch
außerhalb dieser Widerstand gegen den dort herrschenden, mittlerweile vielfach
scholastisch erstarrten Lehrbetrieb, den viele fortschrittliche Geister als zu sehr
an der Lehre des Aristoteles orientiert sahen; vielfach begnügte man sich ja immer noch
damit, das möglichst genau zu erfassen und zu diskutieren, was unter seinem Namen
lief und was man vielfach immer noch als das Maximum des an Wissen Erreichbaren
einschätzte. Der Ruf nach unabhängig von Aristoteles anzustellenden Untersuchungen vor allem im Bereich der
Naturphilosophie, wie er sich schon im 14. Jh bemerkbar gemacht hatte, wurde immer
lauter und mündete im 16. Jh sogar in den Versuch, die aristotelische Logik zu
überwinden, und überhaupt in eine z.T. recht abstrakte Methoden- und
Theoriediskussion, in deren Rahmen der Mathematik neuerlich ein besonderer
Stellenwert zuerkannt, der mos geometricus in
den Vordergrund gerückt und als Modell für andere Wissenschaftsbereiche gefordert
wurde.
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| Diese Entwicklung, die sich eigentlich nicht gegen Aristoteles selbst, sondern gegen die Aristoteliker wandte, kulminierte im
16. Jh, vor allem im Wirken von Luis Vives und – wesentlich aggressiver – Pierre Ramée.
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| Vives, ein Anhänger des Erasmus
von
Rotterdam, der sich als Philosoph und Pädagoge intensiv mit Fragen der
Erziehung und der Lehre befasste, forderte in den 1520er Jahren eigenständigere
und auf Experimente gestützte wissenschaftliche Arbeit – ohne allerdings selbst in
diesem Zusammenhang tätig zu werden.
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| Ramée wird von seinem Biographen eine Magisterthese
zugeschrieben, die er 1536 verteidigt und deren Titel 1536 gelautet haben soll:
„Quaecumque ab Aristotele dicta essent commentitia esse“, alles was Aristoteles gesagt hat, sei erlogen; vermutlich dürfte diese
Thesenverteidigung zwar nie stattgefunden haben, doch mag der Titel für die
Intensität der Kritik signifikant sein. Er prangerte den morbus scholasticus an und versuchte sogar, in seinen
„Institutiones dialecticae“ die Logik des Aristoteles durch eine Neuschöpfung zu ersetzen, was freilich nur von
sehr zeitlichem Erfolg war356. Zu Ramées Ehre muß aber
hinzugefügt werden, dass er ähnlich wie Vives sehr wohl imstande war, die Person und die Leistungen des Aristoteles von dem zu trennen, was man aus ihnen gemacht hatte; dem
entsprechend forderte er in seinen „Collectaneae praefationes epistolae“ dazu auf,
die Aristoteliker zu ignorieren und zu Aristoteles zurückzukehren357.
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| Telesio wendet sich gegen den vor allem in Oberitalien
blühenden Aristotelismus seiner Zeit und – als einer rigorosesten Kritiker seiner
Zeit die Metaphysik zurückweisend – gegen den Anspruch, die Erscheinungen der
Natur aus der Vernunft ableiten zu können, sowie gegen die Physiologie und
Psychologie Galens. Telesio entwickelt früh eine klar empiristische Position,
die Forschung habe von den Sinnesempfindungen auszugehen und die Natur sei aus den
ihr eigenen Prinzipien heraus zu erklären – „De rerum natura iuxta propria
principia“ ist deshalb auch der Titel seines in neun Bücher gegliederten
Hauptwerkes (Neapel 1586). Er entwickelt – geradezu in einem Rückgriff auf die
ionische Naturphilosophie – die Vorstellung , dass alles in der Natur aus zwei
Kräften bzw. Prinzipien zu entwickeln sei, nämlich Wärme und Kälte, in welchem
Zusammenhang er eine mechanistische Theorie der Sinneswahrnehmung entwickelt, die
für ihn nicht aus der Wahrnehmung von formae
oder species (wie bei Roger
Bacon) beruht, sondern auf Impulsen durch das Licht oder die Luft, wobei
er relativ gute Vorstellungen hinsichtlich der Übertragung der Reize in das Gehirn
entwickelt: Sinneswahrnehmung könne ausschließlich durch externe Aktivitäten
ausgelöst werden, die den Geist, die Seele verändern oder bewegen. Hinsichtlich
der Ksomologie geht Telesio von der aristotelischen Zweiteilung in sublunar
und supralunar ab, nimmt einen Raum per se und auch das Vakuum an. Telesios Gottesvorstellung ist ähnlich jener Oresmes: Gott habe als der beste Mechanikus die Welt erschaffen und in
Gang gesetzt und brauche nicht einzugreifen.
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| Telesio, der selbst nicht
experimentell-naturwissenschaftlich, sondern rein theoretisch gearbeitet hat,
repräsentiert eine Gruppe von italiensichen Autoren des späten 16. JHs, die
gewissermaßen das Feld vorbereiten, das dann Galilei bearbeiten wird; er hat – teils über seine Schüler wie Tommaso
Campanella358 – wesentlichen Einfluß ausgeübt auf Giordano Bruno und Francis
Bacon (der ihn als einen der ersten Neuerer in seinem Sinne anspricht).
Seine Schriften sind bald nach seinem Tod auf den Index gesetzt worden – es haben
ihn wohl nur seine guten Beziehungen zu höchsten Klerikern zu Lebzeiten vor
Verfolgung bewahrt.
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| Campanella war ein Schüler des Telesio und hat gewissermaßen alle
Verfolgung erlitten, die seinem Mentor erspart geblieben ist. Campanella, der vor allem durch seine Schrift „Civitas solis Idea
republicae philosophiae“ dauerhaft berühmt geworden ist, hat Telesios Vorstellungen dahingehend adaptiert, dass er die heisse Sonne
zum Zentrum der Welt machte und den Himmel als kalten Gegenpol betrachtete. In
seiner Schrift „Apologia pro Galileo“ ist er für dessen heliozentrische
Vorstellung eingetreten und bemühte sich Galileis Vorstellungen
philosophisch-theologisch zu untermauern, was überhaupt nicht Galileis Vorstellungen entsprach, der natürlich rein von den
Beobachtungen ausging und solche Begründungen für überflüssig, ja störend
erachtete. Die theologische Rechtfertigung wollte Campanella bewirken mit der Forderung, man müsse mit offenen Augen im
Buch der Natur lesen und dieses allen anderen Büchern vorziehen359.
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| Telesio und Campanella stellen insoferne zwei Vorläufer Galileis dar, als sich Telesio massiv gegen den Aristotelismus seiner
Zeit stellt und rigoros eine neue Grundlage der Naturbetrachtung postuliert,
während Campanella zwar die Konsequenz der Anschauung Telesios – in Gestalt
der des Galilei – unterstützt, aber durchaus noch im alten Sinne zu untermauern
sucht. Es erweist sich darin die noch immer gegebene Wirksamkeit der Vorstellung
von der Begründung der Naturphilosophie in der Metaphysik, wie sie ja auch bei
Galilei selbst noch erkennbar ist, wenn er immer noch eine Affinität zur
aristotelischen Kreisbewegung hegt360 und andererseits sein Bild in der Beurteilung durch die neuer
Wissenschaftsgeschichte zwischen den Extremen eines grandiosen selbständigen
Erneuerers am Beginn einer neuen Epoche (so Ernst Mach und hundert jahre später Stilman Drake) und eines simplen Weiterentwicklers der spätscholastischen
Naturphilosophie eines Buridan und eines Oresme (so Pierre Duhem) schwankt, oder von Alexander Koyré überhaupt als Platonist, der in Wahrheit nur gedanklich
experimentiert habe und keineswegs ein Begründer einer neuen Wissenschaft gewesen
sei361, eingestuft wird, was dann 1998 von William R.
Shea zusammenfassend mit der Formulierung kommentiert wird, „dass die Wahrheit irgendwo zwischen den von Mach und
Duhem vertretenen Extremen“ liegen dürfte362. Es zeigt dies, wie außerordentlich
schwierig es ist, das eigentliche Wesen der Veränderung zu erfassen, die sich
zwischen dem 14. und dem 17. Jh vollzieht.
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| Mit der Entwicklung des Humanismus und mit der Wahrnehmung
des Mittelalter als einer in der Mitte zwischen Altertum und einer – von Willibald
Pirckheimer etwa jubelnd begrüßten – neuen Zeit liegenden Epoche setzte
eine Historisierung ein, die ihren Ausdruck fand nicht nur in einer Fülle
historiographischer Bemühungen der italienischen und dann auch anderer Humanisten,
sondern auch darin, dass nach der ersten Einrichtung einer Professur für Geschichte
an der Universität Mainz im Jahre 1500 der praecptor
Germaniae, Philipp Melanchthon, das Fach der historia an
den Universitäten des reformierten Bereiches einführte. Die Befassung mit der historia war nicht Teil der septem artes gewesen, und wenn man sich mit ihr
auseinandergesetzt hatte, dann wesentlich zu dem Zweck, ihr positive oder negative
Beispiele für ein moralisches Verhalten zu entnehmen. Der Gang der Ereignisse in der
Weise, wie er bereits bei Polybios angesprochen worden war, hatte noch nicht wieder zur Debatte
gestanden, zumal der Ablauf der Geschichte als Teil der Heilsgeschichte wahrgenommen
worden war. Das änderte sich relativ rasch, und es war – nach den humanistischen
Anfängen in Italien und nach deren Nachahmung in vor allem den westeuropäischen
Ländern – Frankreich, wo noch im 16. Jh eine (freilich noch wenig beachtete)
national betonte Geschichtsforschung nach
durchaus wissenschaftlichen Prinzipien praktisch in Gang kam.
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| In erkenntnis- und wissenschaftstheoretischer Hinsicht verlief die
Entwicklung allerdings weniger günstig: während einerseits Humanisten Sturm liefen
gegen die Dominanz eines verknöcherten Aristotelismus an den Universitäten und im
Ausbildungswesen überhaupt, schufen andererseits eben die Humanisten des 16. Jhs
einen neuen Aristotelismus, indem sie nämlich auf schmaler Textgrundlage die
rigorose Auffassung von vollständigem und absolute Gewissheit gewährendem Wissen in
jenem Sinne, wie es Platon und mehr noch Aristoteles selbst als in der Praxis nicht einlösbar bezeichnet hatten,
zum Ideal erhoben363. Dem entsprechend betrachteten sie die
Gewinnung von Erkenntnis aus der Historia als ars und nicht als scientia und gestanden
damit der im Wege der historia humana gewonnenen
Erkenntnis lediglich den Charakter einer cognitio
incerta et confusa zu, wie dies Jean Bodin 1566 formuliert hat, wenn er der historia divina die Gewinnung der cognitio
certissima und der historia naturalis die
Erlangung einer cognitio certa zuerkannte364. Indem die Humanisten damit die
„Geisteswissenschaften“ kontrastierend von den „Naturwissenschaften“ abhoben,
begründeten sie zwei große, die Wissenschaftsdiskussion der Neuzeit beherrschenden
Mythen, nämlich den Mythos von der (nahezu) absolute Gewissheit verschaffenden
Naturwissenschaft und den von der tiefgehenden erkenntnistheoretischen
Unterschiedlichkeit zwischen Geistes- und Naturwissenschaften. So entstand in einem
neuerlichen vermeintlichen Rückgriff auf Aristoteles die große, bis heute wirksame Dichotomie365.
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| Man griff nämlich auf Platons Unterscheidung zwischen Wahrem und Fiktivem zurück, wonach alle
Rede entweder wahr oder falsch sei; wahre Rede sei Historia, fiktive Rede sei
Poesie. Nachdem Aristoteles in seiner Poetik (Kap. 9) den Unterschied zwischen Poesie und
Historie dahingehend definiert hatte366, dass der Dichter es mit dem Allgemeinen und dem Möglichen
(d.h. dem Fiktiven), der Historiker aber mit dem Besonderen, dem Individuellen und
Tatsächlichen zu tun habe, und nun aber im striktesten Sinne von Platon wie Aristoteles Wissen beschränkt war auf das, wovon man auch in Bezug auf das
Allgemeine, das universale, Kenntnis erlange,
konnte das aus der Historie Gewonnene nicht Wissen sein. Deshalb sprach man von der
ars historica, nicht von einer scientia, und betrachtete die Historiographie
anfangs überhaupt als eine Species der schönen Literatur.
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| Daraus entwickelte sich eine intensive Theorie- und Methodendiskussion
um die Historia, die in ihrer Subtilität durchaus in spätscholastischer Tradition
sich entwickelte und sich unter französischer, italienischer und deutscher
Beteiligung vom 16. bis in das 18. Jh367 erstreckte und in der es letztlich um
die Überwindung dieses neuen Aristotelismus und die Gewinnung einer
wissenschaftstheoretisch korrekten und doch auch die menschlichen Erwartungen
einigermaßen zufriedenstellenden Position ging. Ergebnis dieses Prozesses ist ein
Historia-Begriff, der – entgegen der ursprünglichen Auffassung368 – auf die Menschheitsgeschichte beschränkt ist, und die
Entwicklung eines zwischen den Naturwissenschaften und den Geisteswissenschaften
differenzierenden Wissenschaftsbegriffes. Unter dem Gewicht des neuen, engeren
Historia-Begriffes bleibt die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nicht bloß
eine Kunst oder eine Kunde – die Erhebung der Historia zur Wissenschaft und damit
die Sicherstellung der aus ihr gewonnenen Erkenntnis ist ein zutiefst menschliches
Anliegen und führt schließlich zu einer Veränderung des Wissenschaftsbegriffes
selbst, der damit wieder zu dem wird, was schon Platon und Aristoteles als dem
Menschen möglich erkannt hatten und worüber man im Bemühen um Wissen in einem
perfekten Sinne unbedingt hinausgelangen wollte. Erst im 20. Jh wird dies in der
Theorie – beileibe nicht in der Praxis – akzeptiert.
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| Trotz der Schwierigkeiten brachte es die Historia schon um 1500 zu
hoher Wertschätzung: sollte die Lektüre der Historiographen erst nur moralisch
belehren, so wird sie bald auch als politisch belehrendes Element gesehen, dessen
man besonders in Krisenzeiten bedürfe369. Im 16. Jh werden bereits
vielfältige Anforderungen an die Historia gestellt: spanische Neuscholastiker wie
der Dominikaner Melchior Cano
(+1560) unterzogen unter dem Einfluß der Reformation die altchristlichen Traditionen
und Heiligenlegenden einer ersten Kritik. Luther und Melanchthon erkennen die Bedeutung der historischen Dimension370,
da diese Einblick gewähre in das Walten Gottes. Auch von seiten der Juristen, die in
Frankreich sehr früh – um 1300 – die Welt des Rechts und der Verfassung als eine
geschichtlich gewordene erkannt hatten, „die nur
durch die Zeit geheiligt und ursprünglich nur auf Gewalt begründet“ sei und
nicht göttlich gesetzt, erwuchs im Frankreich des 16. und 17. Jh vor allem
rechtshistorisches Interesse. Auch die zunehmend und insbesondere durch den
Buchdruck an Bedeutung gewinnende Publizistik bedient sich der Historia bzw.
historischer Fakten als Instrument. So kommt es zu Beginn des 16. Jhs zu einer
„Historisierungswelle“, die zu einer enormen de facto-Aufwertung führte, wenn 1519
der Italiener Alciatus die Geschichte als Königin der Wissenschaft bezeichnet, der alle
anderen Bereiche untertan seien. Fox Morcillo wollte schon um 1500 sogar die Mathematik als einen Teil der
Historia betrachten371 (was
auch andere Autoren des 16. Jhs ins Auge fassten); 1531 hat Luis Vives die Abhängigkeit aller Wissenschaften, auch der Medizin, von der
Historie behauptet, und der französische Historiker und Staatsmann Guilleaume de
Bellay (+1543) forderte, daß jeder Geschichtsunkundige für unfähig erklärt
werden sollte, ein öffentliches Amt zu versehen. Einen ersten Höhepunkt erreichte
dieser Historisierungsprozess mit der Entwicklung von Geschichtsforschung im letzten
Drittel des 16. Jhs in Frankreich372.
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| Die praktische Wertschätzung änderte allerdings nichts an der
Diskussion um die Qualität historischer Erkenntnis, die das ganze 16. Jh hindurch
bis in das 17. Jh hinein andauerte und schließlich zu einem relativ unauffälligen
resignierenden Übergehen der vermeintlichen aristotelischen Forderungen führte, ehe
die Frage von Kant
neuerlich aufgegriffen wurde. Sukzessive erfolgte auch eine Ausweitung der
Problematik über die historische Erkenntnis hinaus auf die
nicht-naturwissenschaftliche, auf den Menschen bezogene Erkenntnis. Die Frage der
vermeintlich absoluten Erkenntnisgewissheit der Naturwissenschaften ist, obgleich
die Problematik der Sinneswahrnehmung nicht nur von Descartes aufgegriffen worden war, nicht ernstlich in die Diskussion mit
einbezogen.
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| Die Tätigkeit der Humanisten bewirkte jenseits der
erkenntnistheoretischen Erörterung im Wege der Praxis eine bedeutsame Ausweitung
wissenschaftlichen Denkens und Tuns. Ihre Auseinandersetzung mit dem klassischen
Altertum vollzog sich
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in der Betrachtung klassischer Autoren ohne vermittelnde und
damit auch mitbestimmende Einwirkung von Zwischenträgern, indem man sich mit der
Poesie und mit der Historiographie, nicht so sehr mit der Philosophie
befasste;
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| – |
in Hinblick auf die Qualität der Sprache, die – obgleich Latein
– nun eine ganz andere war als jene, die etwa Buridan oder Ockham geschrieben hatten, und damit sehr rasch im Zusammenhang mit der
Entwicklung von philologischer Kritik, die ihrerseits zur Grundlage der
historischen Kritik wird.
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| So traten andere Aspekte in das Blickfeld: die lateinischen
Klassiker wie Livius, Horaz, Ovid,
Seneca und natürlich Cicero und viele andere, dann aber auch die großen griechischen Tragiker
wie Aischylos, Sophokles und Euripides und die großen Epen Homers, durch die neue Fragestellungen jenseits der überkommenen
philosophischen Diskussionen, moralische und ästhetische Fragen aufgeworfen wurden,
die in die studia humanitatis mündeten, die nach
und nach Eingang finden sollten auch in die Universitäten, vor allem der
konfessionell reformierten Bereiche.
|
| In Zusammenhang mit der Wissenschaftsentwicklung ist zu beachten, dass
sich eine an den antiken Klassikern geschulte Textkritik entwickelt, die sich an der
Wende vom 15. zum 16. Jh mit Erasmus von Rotterdam und anderen auch auf
Offenbarungstexte zu erstrecken beginnt, indem man diese als unvollständige,
korrumpierte Textgestalten begriff, die der Korrektur bedurften. Später sollte sich
daran der Übergang von der philologischen Kritik zu einer historischen, zu einer
inhaltlichen Kritik anschließen, was in die massive Bibelkritik des 17. Jhs mündete,
indem die Differenzen zwischen dem Wortlaut des Alten Testamentes und rational
vorstellbaren Inhalten aufgezeigt und zur Diskussion gestellt wurden. Schritt für
Schritt führte dies im Wege wissenschaftlicher Kritik zu einer Relativierung und
Säkularisierung wenige Jahrhunderte zuvor noch sakrosankter Texte.
|
| Dieselbe Kritik, die gewissermaßen zur „Demontage“ von Quellen führte,
ermöglichte es aber auch, das aus den Quellen bezüglich der weltlichen Vergangenheit
zu gewinnende Bild zu erforschen und kritisch zu schärfen. Dazu leistete sogar die
neue Skepsis, wie sie durch Descartes und andere gegen die Historia vorgebracht wurde, einen
wertvollen Beitrag, indem sie zu einer Verbesserung korrekteren Anwendung der Kritik
beitrug.
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| Auf diese Weise entstand ein riesiger neuer Bereich wissenschaftlicher
Betätigung, der – obgleich er in der Theorie um seine Anerkennung kämpfen musste –
in der Praxis rasch an Bedeutung gewann und sich zu dem entwickelte, was später als
Geisteswissenschaften und noch später als Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften
bezeichnet und zum unverzichtbaren Reflexionsinstrument für das menschliche Handeln
werden sollte.
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| Die die Neuerungen einleitende Arbeit begann mit Francesco
Petrarca (1304-1374); der als erster
systematisch Abschriften praktisch aller damals bekannten und bekanntwerdenden
Manuskripte sammelte, denen er mit seinen Freunden in Italien und in Südfrankreich
vor allem nachspürte, und damit eine über 100 Jahre anhaltende Entwicklung
einleitete. Er entdeckte so zahlreiche bis dahin unbekannter Werke, darunter Briefe
Ciceros, und erarbeitete an ihnen einen bis dahin ungekannten
Kenntnisstand der klassischen Literatur. Petrarca fühlte sich als Nachkomme der Römer und war durch und durch von
der lateinischen Literatur beeinflußt, an der er anfangs die sprachlichen
Qualitäten, dann mehr und mehr aber auch die philosophischen Inhalte schätzte. Seine
Sprachbeherrschung und sein Sprachempfinden ermöglichten es ihm, über die reine
Rezeption und Nachahmung hinaus sich kritisch mit den klassischen Autoren
auseinanderzusetzen und auf ihnen als Dichter wie als Philologe aufzubauen. Als
Historiker hat er sich erstmals kritisch mit Livius auseinandergesetzt373. In seinem späteren Leben befasste er sich auch mit den
homerischen Epen., und von Cicero übernahm er die Einschätzung der Griechen als genus humanissimum und als ein Beispiel für alle Völker aller
Zeiten bezeichnet, Petrarca hat diese von ihm übernommen.
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| Über Petrarca ist der Begriff der humanitas
und der litterae neu belebt und der Begriff
studia humanitatis, wenn nicht kreiert, so doch eingeführt worden. Er ist der
eigentliche Schöpfer der Verbindung zwischen der von ihm neu belebten kritischen
Philologie und der Idee der humanitas, die für
Petrarca identisch war mit der philanthropeia; seine Nachfolger haben den Begriff humanitas für seine Studien angewendet, eben für die Verbindung
der beiden Elemente. Ebendiese Verbindung ist im 19. Jh unter Aspekten der
Erziehungstheorie wieder betont worden und im Neuhumanismus sind die Leistungen
umfänglich gewürdigt worden374.
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| Neben noch Petrarca und seinem vertrauten Freund Giovanni Boccacio wirkte eine immer
größer werdende Schar von vor allem italienischen Humanisten, deren intensiver
Arbeit, Suche nach unbekannten Manuskripten375, Textkritik und
Rezeptionsleistung auf der Grundlage der klassischen Literatur über die Rezipierung
der wissenschaftlichen Literatur in der Scholastik hinaus die Kultur des klassischen
Altertums zu erfassen begannen – ein Prozess der natürlich mit der Ausweitung der
Griechischkenntnisse einherging und nahezu bis in das 20. Jh angedauert und wie kaum
ein anderer die „westliche“ Kultur geprägt hat376.
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| Waren Petrarca und Boccaccio noch von Gönnern abhängige Literaten ohne irgendeine offizielle
Position, so rückten ihre Nachfolgergeneration bereits in hohe und höchste
staatliche Ämter auf und erlangten in diesen und beratenden Funktionen im weltlichen
wie geistlichen Bereich nach und nach aller europäischer Staaten hohe Wirksamkeit,
die sich auch in Institutionen wie diversen Akademien und in den Niederlanden in der
Errichtung des Collegium trilingue an der Universität Löwen 1517, mit der Gründung
der Universität Leiden 1575 und analogen Einrichtungen unter königlicher Patronanz
in Frankreich. Es ist diese Entwicklung natürlich durch den Buchdruck377 enorm gefördert
worden, da durch den Druck ein einmal sorgfältigst korrigierter Text ohne weitere
Fehlerquelle vervielfältigt werden konnte und damit die Motivation zu einer
eigehenden kritischen Bearbeitung der Texte erhöht und der Variantenreichtum der
handschriftlichen Überlieferungen beseitigt worden sind378. Damit wird eine neue Ebene der
Qualität des wissenschaftlichen Arbeitens nicht nur mit Texten erreicht.
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| Zu den Personen, die in gewisser Hinsicht Altes und Neues in Synthese
verbanden, zählte der Kardinal Nikolaus
von Kues (1401-1464), der einerseits in mittelalterlicher Gottesvorstellung
mit neuplatonischen und z.T. aus der Mystik abgeleiteten Elementen fußt,
andererseits aber Elemente der Renaissance wie Machtwille, neue Naturauffassung,
Optimismus und Individualismus aufnahm und zu wesentlichen neuen Vorstellungen
gelangt, die er auf Grund der Vielfalt seiner Tätigkeiten weit weniger entwickelte
als es ihm ansonsten wohl möglich gewesen wäre. Er versuchte, von einer höheren
Position aus die Gegensätze zu überwinden und auszugleichen, gelangte zur
Vorstellung von der docta ignorantia, der
Wissenschaft vom Nichtwissen379, und trat für eine mathematisch gestützte
naturwissenschaftliche Forschung ein380, wobei
er als einer der ersten sich gegen die üblich gewordene starre aristotelische
Argumentation wandte. Die Welt, die Natur umfasse alles, was nicht Gott sei, d.h.
alles, was beschränkt, gegensätzlich, unterschiedlich sei.
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| cccccccccccccccccccccccccc |
| Zu den Kräften geistiger Veränderung sind die Ausweitung des
erfahrbaren geographischen Raumes nicht nur im Wege der Entdeckund Amerikas, des
Seeweges nach Indien etc., sondern auch in der Erschließung der eruasischen
Landmasse, die Konsequenzen der über Jahrhunderte sich im Wege der Entwicklung von
„Sekten“ sich anbahnenden Kirchenreform, die letztlich in der Reformation
kulminiert, zu zählen.
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| Eine bedeutsame Veränderung im
Wege des Humanismus ist der Übergang von der Vita contemplativa zur Vita activa.
Wenn im Mitelalter die Universitäten gewissermaßen nebenher Absolventen
ausgebildet haben, die eine praktische Anwendung als Beamte, Richter etc. fanden,
dann war dies eben ein Nebenprodukt und nicht die eigentliche Absicht.
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| Im Humanismus wird dies zum eigentliche Ziel, und zwar nicht im Sinne
des Utilitarismus des 18. Jhs und im Wege der Schaffung von spezifischen
Ausbildungsstätten oder einer forcierten "Eroberung" der Universitäten, sondern viel
mehr in dem Sinne, daß man Neues entdecken möchte, um auch die Position des Menschen
innerhalb der Welt zu verändern – man begann, Wissenschaft als „Entdeckungsfahrt“ zu
betreiben, die Erkundung neuer Horizonte wird Motivation des Erkenntnisprozesses,
und es entwickelt sich ein neues, weit dynamischeres Wissenschaftsverständnis. Auf
dem Titelblatt von Francis
Bacons „Novum Organon“ (1620) sind Schiffe zu sehen, die durch die Säulen
des Herkules auf den offenen Ozean vorstoßen unter der Devise „multi transibunt et augebitur scientia“ - viele werden
hinausfahren und die Wissenschaft wird gemehrt werden.
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| Die Neuerungen der Zeit werden in der ersten Hälfte des 16. Jhs sehr
bewußt in ihrer Tragweite interpretiert. Vadianus schreibt in seiner Wiener
Zeit (1514-1517), daß, seit „Vespucci Amerika
entdeckte [sic]" und die Portugiesen Kalkutta erreichten, die alten
Vorstellungen von einer am Äquator wegen der Hitze unbetretbaren Erdkugel endgültig
überwunden sei, und auch die Existenz der Antipoden sei nun entgegen der Meinung der
Kirchenväter Laktanz und Augustinus erwiesen.
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| Nicht nur in Italien, sondern auch in anderen Ländern herrscht um 1500
Aufbruchsstimmung. Ulrich von Hutten schreibt 1518 an Willibald Pirckheimer: "O saeculum! o litterae! iuvat
vivere; etsi quiescere nondum iuvat, Bilibalde! vigent studia, florent ingenia,
Heus tu, accipe laqueum, barbaries, exilium prospice!" ("O Jahrhundert, o
Wissenschaft! Es ist eine Lust zu leben; doch darf man noch nicht ausruhen,
Willibald! Die Studien blühen auf, die Geister regen sich. He du, Barbarei, nimm
einen Strick, mach dich auf dein Exil gefaßt!"). Der Baseler Botaniker, Anatom und
praktische Mediziner Felix Platter (1536-1614)
schrieb über sich selbst: "Auf erden war dies mein beruf,/ von allem dem, was Gott erschuf, /
etwas zu erfahren und zu wissen, / Hab ich von Jugend mich beflissen / Und solches
anwenden tun und lehren /Ins Menschen Nutz und Gott zu ehren". Ähnlich äußert sich Pierre de la Ramée
(1515-1572), wenn er in einer Rede 1546 meinte, daß ein Professor, der vor 100
Jahren gestorben sei, vermöchte er nun plötzlich wahrzunehmen, wie es an der
Universität aussehe, eine ihm kaum faßbare Blüte registrieren müßte, Leute die
fließend Griechisch sprächen (während man zu seiner Zeit nur sagte: Graeca sunt, non leguntur – das ist Griechisch,
das versteht man nicht), eine Fülle von ihm unbekannten Texten der Alten, noch dazu
in ihrer Sprache zu hören etc.; es müßte ihm sein, als jemandem, der aus der Erde
komme und erstmals Sonne, Mond und Sterne erblicke381).
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| Die Neugierde (curiositas), die
zuvor als eine Untugend gewertet wurde, wurde nun gemeinsam mit Rastlosigkeit,
Durchhaltevermögen neben die traditionellen Tugenden der Ruhe, Selbstbescheidung und
Kontemplation gestellt. Es tritt ein völlig neues Selbstwertgefühl der Individuen
auf, das u.U. auch auf nationale Gefühle übergriff, wie dies beim französichen
Humanismus zu Beginn des 16. Jhs der Fall sein sollte – der Schlüssel hiefür war die
Ausformung einer nationalsprachlichen Literatur als Grundlage des Erstarkens der
Nation; ähnlich, wenn auch nicht so ausgeprägt, in Spanien. Die Neuheit von
Erkenntnissen wird hervorgehoben und als wichtig gewertet: nova methodus, nova philosophia, scienzia nova, novum organon, New
Atlantis. Neuigkeiten zu verbreiten wird im 16. und 17. Jh ein wesentliches
Ziel, alles Alte wird beiseite geschoben: 1665 wird das Medium der Briefe und der
Newen Zeittungen der Fugger ergänzt durch die ersten wissenschaftlichen
Zeitschriften: im Jänner 1665 erscheint in Paris das Journal des Savants, im März
1665 in London das Organ der neuen Royal Society, die Philosophical Transactions,
1684 erscheinen Pierre Bayles Nouvelles de la republique des Lettres. In der
Folge überschwemmt eine Fülle von Neuen Zeitungen Europa.
|
| Die Vorstellung, Neues zu schaffen und aktiv zur Bewältigung des Lebens
beizutragen, ließ es natürlich auch geboten erscheinen, über die rein
sprachlich-moralische Erziehung hinauszugehen und "die Kenntnis des Himmels und der Welt", also die Naturwissenschaften in das
Bildungsprogramm miteinzubeziehen, wie dies beispielsweise Pierre de la
Ramé in seinem Programm von 1550 verlangte.
|
| Die Humanisten streben darnach, für möglichst alle Bereiche Idealformen
anzugeben: der ideale Fürst, der ideale Gesandte, die beste Staatsform etc. Justus
Lipsius gibt aus der Analyse klassischer Autoren heraus Anregungen zur
modernen Regierungs- und Kriegskunst; seine Werke werden von den Verantwortlichen
studiert und ihre Anregungen höchst wirkungsvoll verwirklicht. Auf die Spitze treibt
all dies Bartholomäus Keckermann (1572-1608) in Danzig mit seinen auf die praktische Anwendung
zielenden "Systemen" der verschiedenen Disziplinen382.
|
| In der Renaissance wird im Zusammenhang wissenschaftlicher Erörterungen
die, an sich nicht neue Dialogform in den Vordergrund gerückt; sowohl in der
Literatur als letztlich auch im wichtigsten Kommunikationsmittel dieser
Jahrhunderte: den Briefen.
|
| Walter Rüegg
hat 1988 die ciceronianische Dialogform als einen der bedeutendsten Kulturexporte in
den Norden Europas während des 16. Jhs bezeichnet383 – sie erlaubte dem Schreiber, Anschauungen zu vertreten, mit
denen er sich nicht zwangsläufig identifizieren muß – Galilei in seinen Discorsi, drückt aus, was er für richtig hält, ohne es
angreifbar als seine persönliche Meinung erscheinen zu lassen; Giordano
Bruno macht in seinen Dialogen "La cena de le ceneri" (Aschermittwochsmahl)
die Oxforder Professoren lächerlich; sein Dialog "De l'infinto, universo e mondi"
hat ihn freilich 1600 auf den Scheiterhaufen gebracht. Der Dialog wird die
klassische Form des Lehrgesprächs, der belehrenden Literatur bis in das 19. Jh.384,
|
| Daneben wird, dank der Intensivierung der allgemeinen Kommunikation und
des Transportwesens, der Brief zum Instrument persönlich-individueller Kontakte und
Diskussionen unabhängig von den allgemeinpolitischen Erscheinungen: Budaeus schreibt 1518 an Vadianus nach St. Gallen, daß er ihn als seinen
Freund erachte und mit ihm korrespondiere, daran werde sich auch nichts ändern,
falls demnächst ein Krieg zwischen Frankreich und der Schweiz ausbreche – dieses
Beispiel ließe sich leicht durch andere ergänzen, viele Gelehrte haben über die
Fronten hinweg erstaunlich unbehindert korrespondiert und sich nicht darum
gekümmert, daß der Partner eigentlich „Feind“ sein sollte. Bei nicht wenigen
bedeutenden Persönlichkeiten stellt die Korrespondenz in ihrer Gesamtheit die
vielleicht wichtigste wissenschaftliche Leistung dar385. Es ist seit den
Tagen Petrarcas – dessen Briefe z.T. während seiner Lebzeiten in Druck gingen –
eine ungeheure Zahl von Briefen erhalten, von denen ein erheblicher Teil noch
unbekannt ist. Der Brief ist nicht nur heute eine der wichtigsten Quellenkategorien
der Neuzeit bis in die Ära des Telefons und der e-Mail, die ihm nahezu ein Ende
bereiteten, sondern er ist ein wichtiges wissenschaftliches Instrument und war
zeitweise – auch in Gestalt fiktiver Briefe – eine Literaturgattung.
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| Der Humanismus entsteht in Italien außerhalb der
Universitäten, seine Träger sind hohe städtische, päpstliche, königliche Beamte,
Notare, Pädagogen, Könige, Kirchenfürsten, Ordensleute, Bankiers und Großkaufleute
sowie Verleger. Freilich waren sie zumeist auch Universitätsabsolventen. Der
Humanismus ist eine kulturell-literarische, keine philosophische Bewegung. Er
entspringt normativen Bedürfnissen. Es entwickelt sich eine neue Qualität des
geschriebenen und des gesprochenen Wortes. Colluccio Salutati wurde nachgesagt, daß seine humanistische Feder den Gegnern der
Signorie von Florenz mehr geschadet habe als tausend Reiter.
|
| Erst zwischen 1400 und 1450 vermag sich das humanistische Programm an
den italienischen Universitäten fest zu verankern. Poetik, Geschichte und
Moralphilosophie treten zu den älteren Disziplinen der septem artes und zu den drei Philosophien386. Im 16. Jh dringt der Humanismus auch außerhalb Italiens langsam
in die Universitäten vor, nachdem es bereits in der 2.H. des 15. Jhs
verschiedentlich – vor allem im naturwissenschaftlich-medizinischen Bereich –
starken Widerstand gegen die überkommenen Formen des als scholastisch, als erstarrt
empfundenen Wissenschaftsbetriebes gegeben hatte. Es besteht natürlich ein
Unterschied zwischen humanistischer Auffassung und Ausbildung einzelner führender
Persönlichkeiten und der Umgestaltung des Curriculums in einem humanistischen
Sinne.
|
| Was war nun der Inhalt der studia humanitatis? Wenngleich, wie Rudolf Pfeiffer feststellt,
Petrarca nicht auf Philologie in einem engeren Sinne aufbaute, wenn er
seine Studien als studia zum Zwecke der bonitas verstand und als bonum et salubre studium, studium literarum, mitunter auch nur
als literae, bonae, honeste artes verstand und
sie damit gegenüber den artes liberales
abgrenzt, so spielt doch die philologischer Arbeit – mag dieser Begriff hier
natürlich auch anachronistisch verwendet werden387 – eine erstrangige Rolle. Sie macht einen wesentlichen Teil
der effektiven Arbeit aus und ist gewissermaßen das tragende Substrat für alles
andere388.
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| In Zusammenhang mit der Philologie kommt in den humanistischen Fächern
der Rhetorik und der Eloquentia in Zusammenhang mit der sapientia im 16. Jh. eine besondere Stellung zu389. Die Form der Rede und insbesondere des Gesprächs, die Kunst
des Überzeugens mit Hilfe immer mehr perfektionierter emotionaler und rationaler
Elemente, wurde so sehr als wesentliches Instrument der Erkenntnisarbeit erachtet,
daß eine Reihe von Lehrstühlen für diese Bereiche eingerichtet worden sind, die noch
im 18. Jh die Bezeichnung Eloquentia, Rhetorica etc. führten. In gewisser Hinsicht
handelt es sich um eine gemeinsprachlich perfektionierte, mitunter geradezu
formelhaften Charakter annehmende logisch strukturierte sprachliche Behandlung von
Problemen. Die Bedeutung dieser Form unterstreicht, daß Erasmus 1519/22 „Familiarum colloquiorum formulae“ (= Modelle vertrauter
Gespräche) veröffentlicht hat; das Werk hat größten Anklang und Verbreitung
erfahren; Melanchthon veröffentlicht 1519 sein Buch „Loci communes“, das
gewissermaßen die Formen aller Dinge und Begriffe zu beschreiben sucht, "die nicht willkürliche Erfindungen sind, sondern ihren
Ursprung im Innersten der Natur haben und die Urbilder oder die Normen der Dinge
sind", wobei für diese Beschreibung literarisch-rhetorische Ausformungen bei
ausgewählten Authoritäten herangezogen werden – es handelt sich also gewissermaßen
um vorbildhafte Denkformen. 1538 hat der Straßburger Schulreformator Johannes Sturm das Bildungsideal der "sapiens atque
eloquens pietas" in die Statuten der neugegründeten Universität Helmstedt
hineingeschrieben, es hat in der Folge das Studienprogramm der katholischen wie der
reformierten Universitäten mitbestimmt.
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| Es bedeutet dies auch eine Säkularisierung des Denkens und der Rede,
der Sprache, die mehr und mehr der Sphäre der Theologie und der Religion
entgleiten390.
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| Im 15. Jhs schon wird die philologische Arbeit als
förderliches Instrument hinsichtlich der Eruierung und Erstellung neuer oder der
Verbesserung bereits bekannter textlicher Überlieferung erkannt, indem man nochmals
die klassischen Texte überarbeitet und sie z.T. in Druck bringt, ehe man dann
inhaltlich endgültlich über sie hinausgeht; tatsächlich sind im 16. Jh großartige
Texteditionen entstanden, nach denen heute noch zitiert wird391. Dies spielt sich in der Medizin so ab, in der
Mathematik, in der Astronomie, in der Physik und auch in der Jurisprudenz. 1518 hat
der mit Erasmus befreundete Freiburger Jurist Ulrich Zasius (1461-1535) festgestellt, daß die
Quellen wichtiger seien als die mittelalterlichen Kommentare. Mit dem Rückgriff ad fontes treten die Gegenstände an sich wieder in
den Vordergrund, es wird wieder ein unmittelbarer Zugang zu den Erscheinungen
abgebahnt, die Fülle der mittelbaren Wahrnehmungen – Kommentare, Kommentare zu den
Kommentaren etc. – tritt zurück, wird bald belanglos: man liest wieder Aristoteles
und nicht Averroes oder einen drittklassigen Kommentar-Kompilator des
Spätmittelalters! Erasmus hat hierzu wesentlich beigetragen, als er in der Hoffnung auf eine
Neubelebung der christlichen Frömmigkeit durch die antike humanitas die humanistisch-philologischen Arbeit auf den
christlichen, den biblischen Bereich übertrug und mit der Bearbeitung vor allem des
Neuen Testaments eine gänzlich neue Ära einleitete392. Wenn Melanchthon 1518 Erasmus für die Rückführung der Theologie auf die Quellen rühmt, dann
stellt dies – auch wenn es natürlich dem Reformationsgedanken hochwillkommenen und
nahe liegend war – einen bedeutenden Akt der Kritik dar und damit der
Säkularisierung dar – es geht um die weitgehende Überwindung der Kirchenväter und
des ganzen Wustes sekundärer und tertiärer Schriften, der sich um eineinhalb
Jahrtausenden um den eigentlichen Bibeltexte angelagert hatte. Melanchthon war der Überzeugung, die Theologie ist teils hebräisch, teils
griechisch, deshalb müsse man diese Sprachen erlernen, um das Original lesen zu
können, in dem allein sich der eigentliche Glanz und Wert und Sinn der Worte
erschließe, "erst dann können wir beginnen, Christus
zu verstehen!"
|
| Diese – freilich unter verschiedenen regionalen Aspekten verlaufenden
Veränderungen fanden ihren Niederschlag auch in Institutionen, was den
philologischen Betrieb festigte und gewissermaßen zu einem Rückgrat
nicht-naturwissenschaftlicher Arbeit machte:
|
| 1499 |
An der 1499 von Ximenes gestifteten und 1508
eröffneten Universität von Alcalá wird von Beginn an in humanistischem Sinne
gearbeitet: Ergebnis ist die 1517 gedruckte und 1523 ausgelieferte
Polyglottenbibel mit der Vulgata samt ihren hebräischen, syrischen und
griechischen Quellen; daran schließt Bibelkritik an, wie sie etwa Juan Ginéz Sepulveda (1491-1572) an Hand vatikanischer Handschriften
durchführt.
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| 1511 |
inauguriert Erasmus in Cambridge das Studium des Griechischen an einem von der
Königinmutter gestifteten theologischen Lehrstuhl.
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| 1517 |
stiftet Busleyden, ein Freund des Erasmus in Löwen das Collegium trilingue, das zu einem europäischen
Schwerpunkt humanistischer Universitätsstudien werden sollte
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| 1530 |
Franz I. gründet auf Anregung des Guilleaume Budé‚ nach dem Vorbild des Collegium trilingue das Collège des Lecteuers
Royaux für Latein, Griechisch und Hebräisch, die Vorläuferinstitution des Collège
de France
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| 1540 |
erfolgt die Errichtung von Professuren für Griechisch und
Hebräisch an der Universität Cambridge durch den König
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| 1546 |
Errichtung von Professuren für Griechisch und Hebräisch an der
Universität Oxford durch den König.
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| Bald folgten frühe orientalistische Studien, und vor allem
die Universität Leiden erlangte diesbezüglich und überhaupt eine erstrangige
Position. Zur selben Zeit etwa bewirkt die humanistische Auffassung eine höchst
bedeutsame Erneuerung der bis dahin strukturell unverändert gebliebenen
Artes-Fakultäten, als Melanchthon in seinen Programmen der Universität Marburg (1529) und der
Universität Wittenberg (1536) nicht weniger als 10 Professuren für die
Artistenfakultät vorsieht, während die oberen Fakultäten sich mit 1-3 Lehrkanzeln
zufriedengeben müssen. Zu den traditionellen Artes-Lehrstühlen Grammatik, Dialektik,
Mathematik, Physik und Astronomie traten nun Professuren für Hebräisch, Griechisch,
Geschichte (was völlig neu war) und Poesie sowie zwei Lehrkanzeln der Eloquenz. Im
Gefolge dieser Veränderungen, der enormen Ausweitung der humanistisch-philologischen
Studien vor allem in Frankreich und nachfolgend in den Niederlanden vollzieht sich
noch im 16. Jh die Ausweitung der Studien über die engeren philologischen Interessen
hinaus über die als Hilfsmittel wesentliche Chronologie hin in das, was am besten
schon mit dem Begriff „Altertumswissenschaften“ zu umschreiben ist – früh
repräsentiert durch Joseph Justus Scaliger. |
| Ab etwa 1450 wirkt aber die Grundhaltung der studia humanitatis über die ursprünglichen Fächer hinaus auf
die Naturwissenschaften und die Philosophie ein. Dies resultierte aus der
Erkenntnis, daß einerseits die humanistischen Studien die Grundstufe bilden müssten,
ehe man sich anderen Studien zuwende, und andererseits aus dem Umstand, daß auch die
Humanista erkannten, daß ein gründliches Studium der mittlerweile durch den
Nominalismus erneuerten Naturphilosophie resp. Naturwissenschaften auch für die studia humanitatis unabdingbar notwendig sei –
dies lag besonders im deutschen Raum nahe, wo der Humanismus eine deutlich
realistischere Ausprügung erfahren hatte als in den romanischen Ländern, wo der
literarisch-poetische Effekt überwog. Die Philosophie war ursprünglich kein
integrierender Bestandteil der studia
humanitatis.
|
| So entwickelt sich aus dem Humanismus heraus im 16. Jh eine umfassende,
trotz aller Differenzen auch über die Konfessionen hinwegreichende, europäische
Dimensionen gewinnende Gelehrsamkeit393, die weit über ihre Vorstufe in
der Scholastik hinausgeht und in der auf Grund der nach den rationalen Überlegungen
der spätscholastischen Naturphilosophie nun wirksam werdenden relativierenden und
säkularisierenden sprachlich-philologischen und schließlich inhaltsbezogenen
Kritik394, wie
sie im 17. Jh auch den Bereich der Theologie erfasst, der einst dominierende
theologische Aspekt zurücktritt und sich noch vor der Aufklärung die Dominanz der
Dualität Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften anbahnt, auch wenn den
„Geisteswissenschaften“ in Gestalt der Historia unter erkenntnistheoretischen
Aspekten noch die Gleichwertigkeit abgesprochen wurde.
|
| Diese Entwicklung einer humanistisch
orientierten Wissenschaftlichkeit, die weitestgehend unabhängig und frei sich
entfaltet und sich vom Aristotelismus löst, geht – und dies wird in der Regel
völlig übersehen – der aufseheneregenden Akzelerierung der Entwicklung der
Naturwissenschaften ab etwa 1600 voran! Wesentlicher Träger war die
(klassische) Philologie als ein Constituens auch der sich entwickelnden Respublica
litterarum.
|
|
|
| Schon im 16. Jh ist eine deutliche Intensivierung
empiristischer Anschauungen zu registrieren, wozu vor allem die Mediziner
beigetragen haben. Die bedeutendste Figur im Zusammenhang mit den denkerischen
Neuerungen ist aber der Engländer Francis
Bacon.
|
| Wieder wird – wie schon einmal im 13. Jh der Begriff experientia zu einem Schlüsselwort, unter dem nun all das zu
verstehen ist, was dem Menschen im Wege seines Bewusstseins widerfährt; es ist dies
die philosophische Grundlage aller nichtbegrifflichen Erkenntnis von Wirklichem.
Alle Wissenschaft muss auf Erfahrung zurückgehen, wenn sie ihrer selbst sicher sein
will. Die Erfahrung muss allerdings durch das Denken geordnet, verglichen, verknüpft
und mitunter sogar korrigiert werden. Kant
schreibt in seiner „Kritik der reinen Vernunft“: „Erfahrung ist das erste Produkt unseres Verstandes, mit ihr fängt alle Erkenntnis
an“. Sie gewährt aber niemals Allgemeines im strengen Sinne, sondern
lediglich verhältnismäßige Allgemeinheit, d.h. Erkenntnis in bedingtem,
wahrscheinlichem, verhältnismäßigem Maße (es ist dies ein Problem, das aus dem
Vergleich resultiert, der eine Grundoperation in den historischen bzw. außerhalb der
Formalwissenschaften ist). Dilthey formuliert deshalb: Alle Wissenschaft ist Erfahrungswissenschaft.
Erfahrung ist aber natürlich kein primärer Akt, sondern setzt neben der Wahrnehmung
„gewisse Formen“ des Verstandes voraus und ist letztlich ein ständiger
Rückkoppelungsprozess.
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|
|
| Bahnbrechend war Francis
Bacon
de
Verulamio, der ähnlich wie Ramus die in Cambridge immer noch tradierten aristotelisch-thomistischen
Philosophie ablehnte und ihre Erneuerung bzw. Ersetzung für unumgänglich notwendig
hielt (ohne dass er des Aristoteles Verdienste schmälerte)395 und
zum Begründer des wissenschaftlichen Empirismus in der Philosophie (nicht in der
praktischen Naturforschung396) wurde397. Das Ziel seines
Strebens ist die Erweiterung der Macht des Menschen mit Hilfe der Ausweitung des
Wissens (weshalb ihm das – so nicht überliefert – Dictums „Wissen ist Macht“
zugeschrieben wird)398.
Bacon kämpfte gegen „the contemplative old regime
of knowledge“ an – ein ehrenwertes, aber rein statisches System, dem keine
Kraft der Transformierung des Wissens, seiner permanenten Erneuerung, keine
Vorstellung von Fortschritt innewohnte. In der abergläubischen Verehrung des
Überkommenen – wesentlich in Gestalt der aristotelischen Lehren – erblickte er das
wesentliche Hindernis für die Erneuerung des Wissens. Bacon versteht Philosophie,
welchen Begriff er nahezu mit „Naturwissenschaft“ gleichsetzt, als „a form of inquiry“, also als einen Akt der
Befragung der Natur, des Forschens. Ziel ist die Herbeiführung systematischen,
kontinuierlichen Fortschreitens in der Erkenntnis in Bezug auf alle
Wissenschaftsbereiche. Als Mittel dazu will er eine neue Methode zur Befragung,
zur Erforschung der Natur, eine neue Logik schaffen. Auf diesem Wege will er zu
neuen Graden der Gewissheit der Erkenntnis gelangen, zu gesichertem und
demonstrablem Wissen. Schlussstein sollte die Erkenntnis auf Grundlage genereller
Prinzipien, Axiome und Ursachen, allerdings rationaler Natur sein.
|
| Religion sah Bacon streng von Wissenschaft getrennt. Als
Kennzeichen der wahren Philosophie erachtete er die Verwerfung des Mystischen.
Erkenntnis beruht bei ihm auf empirischer Erfahrung und rationalem Denken. Dem
gewissermaßen professionellen Skeptizismus – der Kritik als einer Philosophie –
hat sich Bacon nicht angeschlossen, da er der Meinung war, dass der Mensch mit der
Zeit alle Hindernisse auf dem Weg zur Erkenntnis (einschließlich der
Sinnestäuschungen) überwinden werden können und übertriebener Skeptizismus dem nur
im Wege stehen könne399.
|
| Bacon hat seine Überlegungen und Zielsetzungen in einer
Reihe von Werken veröffentlicht400 – u.a. 1605 De dignitate
et augmentis scientiarum (erst englisch, vervollständigt dann lateinisch
1623), 1612 Cogitata et visa, erscheint
überarbeitet 1620 als Novum Organon
scientiarumDzt
beste deutsche Ausgabe: Francis Bacon. Neues Organon (lateinisch-deutsch), hg.
und mit einer Einleitung von Wolfgang Krohn, 2 Bde Hamburg 1990 (= Meiner
Philosophische Bibliothek 400a + 400b). – dieses erscheint
gemeinsam mit anderen, kleineren, Werken Bacons als zweiter Teil unter dem Titel
„Magna Instauratio“.
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|
|
| Die Magna instauratio
(scientiarum) war ein Vorhaben, dessen
Verwirklichung er 1623 erneut fordert und beginnt, obgleich er die Instauratio magna als ein opus im Sinne eines erst und nicht von ihm allein zu vollbringenden großen
Werkes versteht. Bacon hat aber einen vollständigen Plan veröffentlicht, die Distributio operis; dieser zufolge sollte die
Instauratio magna aus sechs Teilen
bestehen:
|
| 1) |
Partitiones scientiarum: Die Einteilung der
Wissenschaften
|
| 2) |
Novum organon sive indicia de interpretatione naturae:
Anleitungen zur Interpretation der Natur
|
| 3) |
Phenomena universi sive historia naturalis et experimentalis
ad condendam philosophiam: Natur- und Experimentalgeschichte als Grundlage der
Philosophie
|
| 4) |
Scala intellectus: Stufenleiter der Erkenntnis |
| 5) |
Prodromi sive anticipationes philosophiae secundae: Vorläufer
oder Antizipationen der zweiten Philosophie
|
| 6) |
Philosophia secunda sive scientia activa: Zweite Philosophie
oder aktive Wissenschaft
|
|
| Ab 1597 erschienen seine „Essays moral, economical and political“402. 1627
erscheint seine berühmte Utopie „Nova Atlantis“, deren Haus Salomonis zum Vorbild
für die Royal Society wurde. Eine Fülle von Arbeiten, die Vorarbeiten und Skizzen
waren, hat Bacon selbst überhaupt nicht veröffentlicht.
|
| Bacon hat seine Werke z.T., vor allem aber das Novum Organon in Form
von Aphorismen verfasst und hat dies auch begründet: „Solange die Erkenntnis in Aphorismen und Beobachtungen besteht,
wächst sie. Wenn sie erst einmal in zusammenfassende Methoden gepresst worden
ist, kann sie vielleicht noch aufpoliert und geschmückt werden, nimmt aber an
Umfang und Substanz nicht mehr zu“; der Leser wird gleichsam in die Arbeit,
in die Realisierung des verfolgten Zieles miteingeschlossen.
|
| Schon vor Descartes hat sich Bacon mit der Frage der Methode des Denkens und des
Erkennens beschäftigt403 – ihre Erörterung ist der
Gegenstand des Novum Organon, das eine
Methodenlehre ist. Als Mittel der Erkenntnis akzeptiert Bacon nur die Induktion,
d.h. die Analyse von Singularien, die zur Erkenntnis in Gesetzesform
fortschreitet. Für Bacon gibt es Wissenschaft nur auf Grundlage der Erfahrung;
alle anderen Vorstellungen, auf kürzeren Wegen zu den eigentlichen Ursachen, zu
den Axiomen zu gelangen, hält er für Wahnvorstellungen; der Mensch müsse sich von
diesen Irrtümern, die die Ursache des Stillstandes seien, befreien404. Damit geht Bacon in
grundlegender Weise über Aristoteles hinaus, dem er ja auch vorwirft, er habe die Dialektik über
die Erfahrung gestellt und damit alles blockiert405 – ein Vorwurf, den man
auch noch in der modernen Literatur finden kann. Dennoch hat Bacon noch einen Rest
mittelalterlicher Metaphysik bewahrt, wenn er neben dieser neuen Wissenschaft noch
die Vorstellung einer von der experientia
geschiedenen scientia bewahrt hat (die
Theologie). Damit steht er in Gegensatz zu den nachfolgenden Skeptikern aus der
Schule des Descartes bzw. zu Bayle, Gassendi, Buffon, für die die scientia historia seu
experimentalis alles menschenmögliche Wissen enthält, über das hinaus keine
scientia denkbar sei (nur fides).
|
| Die essentia, die causa steht für Bacon weit hinter den
Erscheinungen und kann nur mit Vorsicht und in harter Arbeit zum Vorschein
gebracht werden. So gelangt er zur historischen Empirie: die Historie habe wohl
noch Wissenschaft über sich, aber auch diese sei existentiell auf das Fundament
der Historie – darunter versteht er wohl durchaus noch die reflektierende und
wertende Sammlung der Materials im Sinne des alten historia-Begriffes – angewiesen, der damit eine höchst bedeutende, ja
zentrale Funktion zugeschrieben wird: Wissenschaft ohne Historie sei absolut
unmöglich! Das weist auf Francis
Bacons Vorstellung von der Prozesshaftigkeit von Wissenschaft – in steter
Ausweitung und Rückkoppelung soll die Erkenntnisarbeit voranschreiten, wie es
schon Xenophanes formuluiert hatte: „mit der
Zeit finden die Menschen suchend Besseres“. In diesem Sinne ist es auch
zusehen, wenn Joachim Jungius, Logiker und Bahnbrecher der Empirie in Deutschland, an Bacon anknüpfend die Historia als „locuplentissimum compendium alienae experientiae“ bezeichnet. So wird
gewissermaßen durch die Empiristen die Historisierung der Erkenntnisarbeit
propagiert.
|
| In der Widmung des „Novum Organon“ hat Bacon an den König adressiert:
„Übrig bleibt, eine Bitte auszusprechen,
[...], die mehr als alles andere das
berührt, was hier Gegenstand ist [...],
nämlich Sorge zu tragen für eine Natur- und Experimentalgeschichte, wahr und
streng (keine Philologie), so geordnet, dass aus ihr eine Philosophie
hervorgebracht und vollendet werden kann, wie ich sie an gegebenem Ort
beschreibe“. Bacon hatte 1605 schon ein ähnliches Ansinnen vorgebracht, als
er den König aufgefordert hatte, die Lehrpläne zu reformieren, Sammlungen und
Experimentierlaboratorien einzurichten und ein freies Kollegiat von Gelehrten zu
stiften, in dem die Wissenschaften und Künste die professorale Gelehrsamkeit
ablösen und eine fraternity in learning and
illumination für den Austausch von Erfahrung über nationale Grenzen hin
zulassen sollten – Bacon ist mit „Nova Atlantis“ zum ideellen Vater der Royal
Society geworden! Da aber diese Basisarbeit so lange vernachlässigt worden sei,
forderte Francis
Bacon gewissermaßen eine Unterbrechung der Arbeit in der scientia, bis die erforderliche historia naturalis auf den erforderlichen Stand
gebracht sei – dies sei die eigentliche Aufgabe seiner Zeit! Wenn das geschafft
sei, würde sich die philosophische Einsicht von selbst einstellen – die Historie
(be)schafft die Gegenstände für die rationale Erkenntnis! Dies ist im 18. Jh dann
selbstverständlich und bedeutet eine wesentliche Historisierung der Welt.
|
| Als Gegensatz zur unterhaltenden Historia narrativa fordert Bacon auch eine Historia inventiva, die sich selbst verleugnend das Material beschaffe und
deren bevorzugter Gegenstand nicht das Besondere, das Ausgefallene, sondern das
Normale sein müsse. Dem habe sie mit Hilfe von Experimenten nachzugehen, und dabei
habe sie wiederum nicht die praktisch verwertbaren (frugifera), sondern die erkenntnisfördernden, theoretisch
aufschlussreichen (lucifera) auszuwählen;
alles, was an Fabeln, Zitaten, an philologischem Zierrat existiere, sei als unnütz
und nicht zum Zweck gehörig beiseite zulassen.
|
| Analog sollte sich die Historia
civilis – dies in etwa die Historie in einem modernen Sinne – verhalten,
die der neuen doctrina de homine – der Lehre
vom Menschen – dienen solle und die er ihrerseits in unterschiedliche Bereiche
gliedert406.
|
| Auf Bacon geht die in der Neuzeit so fruchtbare und auch von den
französischen Enzyklopädisten übernommene Wissenschaftssystematik zurück. Ihr
zufolge sind die drei wesentlichen geistigen Fähigkeiten des Menschen die
Grundlage aller Erkenntnisarbeit: ratio, memoria und imaginatio.
|
| Als ein Beispiel seiner Differenzierung nach den Zielsetzungen sei
die Natural philosophy angeführt, die er
entweder als auf die Erkenntnis gerichtet, d.h. spekulativ, oder als auf die
Anwendung der Naturgesetze zielend, d.h. operativ, sieht. Unter dem spekulativen
Aspekt ist sie ihm Physik im eigentlichen Sinne, soferne sie die wirkenden
Ursachen untersucht, aber Metaphysik, soferne sie die Zwecke betrachtet. Die
operative Naturphilosophie ist hinsichtlich der Anwendung der Physik Mechanik,
hinsichtlich der Anwendung der Metaphysik „natürliche Magie“.
|
|
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|
|
| Aus der scholastischen Sprachphilosophie heraus und unter
dem Einfluß der Erarbeitung des „neuen Aristoteles“ befaßten sich die Späthumanisten wieder mit der Frage nach
der Sprache an sich. Im Grunde genommen handelte es sich um eine Fortführung des
Universalienproblems unter anderen Vorzeichen. Es stellte sich die Frage nach der
puren Sprache, nach einer Sprache, die ausschließlich der Logik, also einer
vor-sprachlichen Ebene entspringen und damit frei sein sollte von den in den
natürlichen Sprachen transportierten spezifischen Inhalten jenseits des reinen
„Begriffes“ – solche Sprachen bezeichnet man als „apriorische Sprachen“. Es ist
dies ein Thema, das seit dem 16. Jh anhängig ist – immer wieder haben
Wissenschaftler gegen die "Diktatur der
Sprache" aufgerufen (dies ist eine Feststellung Gottlieb Freges407). Alle diese Versuche (die wesentlich aus der
Logik hervorgingen und die nicht nur die Sprache, sondern auch die Arithmetik aus
der reinen Logik abzuleiten suchten408) haben letztlich die Kenntnis von Sprache zu erweitern
geholfen und sind notwendige, integrierende Bestandteile unserer Erkenntnis über
Sprache geworden, die mit dazu beigetragen haben, jene Position zu erringen, in
der wir heute stehen.
|
| Einer der bedeutendsten frühen Akteure auch auf diesem Gebiet war
Francis
Bacon. Ihm ging es um eine vorbedingungslose Sprache, um die Ausrottung
der idola, die wir in unserer Sprache mit uns
herumschleppen, und die uns ständig beeinflussen, indem sie sich uns durch unsere
Wörter aufdrängen - "Die Wörter werden den Dingen
nach dem Verständnis der Menge zugeordnet. Daher knebelt schlechte und törichte
Zuordnung der Wörter den Intellekt in außerordentlicher Weise", man müsse
also, um wissenschaftlich sprechen zu können, erst eine Therapie der Sprache
vornehmen. Der in Oxford lebende Schotte George Dalgarno ("Ars signorum", 1661) sagte deshalb: "Die Arbeit des Philosophen muß der des Linguisten
vorausgehen". Hobbes verweist 1651 in seinem "Leviathan" darauf, daß den verschiedenen
Gebrauchsweisen der Sprache ebenso viele Arten des Mißbrauchs entgegenstünden.
Locke äußert sich 1690 in seinem "Essay concerning human understanding"
zum selben Thema: "Da die Wörter willkürliche und
gleichgültige Zeichen irgendwelcher Ideen sind, kann der Mensch beliebige Wörter
verwenden, um für sich persönlich seine Ideen zu bezeichnen; und es wird ihnen
keinerlei Unvollkommenheit anhaften. [...] Da der Hauptzweck der Sprache beim Kommunizieren der ist, daß man verstanden
wird, eignen sich die Wörter für diesen Zweck nicht gut [...], wenn ein Wort beim Hörer nicht dieselbe Idee erweckt,
die es im Geist des Redners darstellt".
|
| Francis
Bacon wollte auch die Schrift für die Schaffung einer apriorischen
Sprache heranziehen. Er postulierte zwei Arten von Schriftzeichen:
|
| – |
ikonische wie die Hieroglyphen nach damaliger Vorstellung,
indem sie gewissermaßen ein Abbild des Bezeichneten darstellen, oder
|
| – |
gänzlich freie, konventionelle Zeichen (für letztere nimmt
Bacon irrig die chinesischen Schriftzeichen als Beispiel), d.h.
Zeichen, die eine Idee ausdrücken (man könnte etwa beschließen, daß "o" Himmel
bedeuten solle, dann hat das nichts mit dem Laut „o“ zu tun, sondern nur mit der
Idee Himmel, der in einer Ebene rund erscheint).
|
|
| Auf dieser Grundlage konstruiert Bacon 1622 sein
"Abecedarium Novum Naturae". In diesem Alphabet bedeutet z.B. das griechische ά
"denso et raro", das ε "de volatile et fixo" etc.
|
| Zur selben Zeit hat sich auch Jan Amos Comenius mit diesem Problem befaßt,
wobei rosenkreuzerisches Gedankengut mitspielte. Dasselbe gilt für Descartes und Mersenne, welch letzterer 1629 Descartes das Projekt einer "nouvelle
langue" eines sprachbegabten Advokaten übersandte. Descartes wurde dadurch zu Überlegungen hinsichtlich der "wahren"
Philosophie angeregt: es sollte möglich sein, die grundlegenden einfachen Gedanken
zu formulieren, aus denen sich alle anderen generieren ließen. Die grundlegenden
Gedanken müßten numeriert werden. Er empfand aber schließlich doch, daß die
Aussichten für die Anwendung einer solchen Sprache gering seien, sodaß sich der
Aufwand nicht lohnte. Descartes hat allerdings in seinen "Principia philosophiae" Listen von
Elementarbegriffen erstellt und auch ein Nummernsystem; weiter ist er jedoch nicht
gegangen.
|
| In weiterer Folge ist – wesentlich in England – eine intensive
Diskussion zum Problem einer Universalsprache geführt worden, das schließlich auch
Leibniz aufgegriffen hat, das in Verbindung steht mit der schon von Roger
Bacon aufgeworfenen Frage nach einer universalen Grammatik und das bis in
die Gegenwart als zentrales Problem der Kommunikation ein erstrangiges
wissenschaftliches Problem ist.
|
|
|
| Für die Zeit vom 14. bis in das 17. Jh kann man folgende
wesentliche Entwicklungsstränge sehen:
|
| – |
Die eher unspektakulären Loslösung von dem in der Scholastik in
Fortführung alter philosophischer Traditionen neu geschaffenen Aristotelismus, wie sie
für den Übergang von der Naturphilosophie zu den Naturwissenschaften des 17. Jhs
notwendig war; allgemein haben das reine „Bücherstudium“ und die Schulphilosophie, die
wesentlich als eine Historie der Philosophie verstanden wird, zu Beginn des 17. Jhs an
Ansehen verloren, ja Descartes rät sogar vom Umgang mit Gelehrten ab. Malebranche schreibt, die
wahre Philosophie (Wissenschaft) sei nicht eine Philosophie der Meinungen oder eine
philosophie de mémoire, sondern eine philosophie d’ esprit
409. In Differenzierung zu ihren
Vorgängern bezeichnen sich auch Naturwissenschaftler von Anspruch – die nicht nur
einer Wirkung halber experimentieren, sondern um den Dingen auf den Grund zu gehen –
als Philosophen, als experimental philosopher,
auch als virtuosi, und diese sehen sich in einem
Gegensatz zu den rational philosophers, die noch
im alten Sinne, gewissermaßen unter dem Diktat der Logik und der Tradition
Naturphilosophie betreiben.
|
| – |
Die Entdeckung der Historia, die Historisierung der Welt im
Zusammenhang mit dem Humanismus, die gleichermaßen den Beginn der Säkularisierung
bringt wie die „Ergänzung“ der Erkenntnisarbeit um den auf den Menschen sich
beziehenden Teil, um die späteren Geistes- und Sozialwissenschaften
|
| – |
Die Aufwertung der Praxis und ihr Einwirken auf die
Naturphilosophie, wodurch diese von einer Betrachtung der Natur zu einer aktiven und
auch beherrschenden Auseinandersetzung mit der Natur wird, was wohl wesentlich die
Wendung bewirkt –die Royal Society hat sich ursprünglich ausschließlich der
anwendungsorientierten Forschung gewidmet. Es haben die Praktiker, die Ingenieure,
erfolgreich stimulierend gewirkt.
|
|
|
|
| Im ausgehenden 16. Jh wird Wissenschaft mehr denn je als eine
Einheit, als ein System aufgefasst. Man bemüht sich um eine logische Gliederung der
Dsiziplinen in sich und zueinander. Die Auseinandersetzung um die Erkentnnisgewissheit
der Historia im 16. Jh (und darnach) ist Ausdruck dieses Strebens, die Einheit
herzustellen bzw. zu bewahren, die naturalis
philosophia und die historia
zusammenzuführen.
|
| Die Intensivierung der Diskussion führt in Fortführung der im
Spätmittelalter durch die Universitäten repräsentierten Universalität und Zusammenhang
mit der Intensivierung der Kommunikation schon im 16. Jh zur Entwicklung dessen, was
bereits im Beginn des 15. Jhs von Poggio Bracciolini als res publica litteraria bezeichnet worden ist, im Sinne des Erasmus
eine res publica litteraria et christinana wird
und heute als scientific community bezeichnen
wird410.
|
|
|
| Die Entwicklung der Kritik, wie sie von der Sprachlogik der
Hochscholastik ausgeht, ihre Ausformung findet in der Entwicklung der
spätscholastischen Naturphilosophie und wie sie dann unter anderen Aspekten im
Humanismus entwickelt wird, erlangt im 17. Jh eine allgemeine, alles umspannende
Dimension und wird damit zur Basis wissenschaftlichen Denkens, das im Zusammenhang mit
der durch die Kritik geförderten Säkularisierung die Aufklärung einleitet und damit
auch die Kontinuität der modernen Wissenschaftstradition.
|
| Der Bildungskanon der septem artes
war die Klammer, die die scheinbar unterschiedlichen Komponenten zusammenhielt. Die
Universitäten waren zwar im 15. und 16. Jh nicht die dominierenden Orte des
wissenschaftlichen Fortschritts, die von ihnen vermittelte Ausbildung alten Stils411 bildete
aber gleichwohl den gemeinsamen Hintergrund jener, die sich wissenschaftlich forschend
zu betätigen suchten und in neuen Kongregationen versammelten – sowohl im Bereich der
Naturwissenschaften wie, früher schon, im Bereich der Philologie und der Historia.
Beide Bereiche werden sich im 18. Jh wie selbstverständlich gemeinsam in einem
größeren Raum, dem der Akademien der Wissenschaften treffen.
|
|
|
| 1 |
Brunschwig Jacques / Lloyd Geoffrey (unter Mitarbeit von Pierre
Pellegrin), Das Wissen der Griechen. Eine Enzyklopädie, Deutsche Übersetzung München
2000 (= Le savoir grec. Dictionnaire critique, Flammarion 1996 = WdG) 60.
|
| 2 |
WdG
93f.
|
| 3 |
Nach dem Historischen Wörterbuch der Philosophie s.v. Wissen und
nach Jacques Brunschwig, Erkenntnis in WdG 98-115.
|
| 4 |
Platon stellt fest, dass man Wissen nur haben könne von etwas, das
wahr sei – und die Wahrheit „rühre an das Sein“. Deshalb sind die Diskussionen
um das Sein mit den Problemen der Wissenschaftslehre eng verknüpft. Darüber
hinaus wird die Erkenntnistheorie auch als ein Mittel der Selbsterkenntnis
aufgefasst – „um sich selbst zu erkennen, muß man
sich als jemand erkennen, der etwas erkennt“ und über die Erfahrung
nachdenkt.
|
| 5 |
Hier ist es hilfreich, sich daran zu erinnern,
dass das Französische und das Deutsche zwischen „wissen“ (savoir) und „kennen“ (connaître) unterscheiden. Im Griechischen ist das nicht der Fall – es
wird sprachlich nicht zwischen der Kenntnis einer Sache und der Kenntnis eines
Sachverhaltes unterschieden („ich weiß, dass Sokrates tot ist“ wird wörtlich
übersetzt ausgedrückt durch „ich kenne Sokrates, dass er tot ist“). Diese
sprachliche Gegebenheit hat möglicherweise mit die wichtige Vorstellung
begünstigt, „dass jemand, der weiß, dass eine
Sache dies oder jenes ist, damit auch schon die Sache selbst kennt“, d.h.
dass im Wesen der Sache an sich die Ursache läge, dass sie dies oder jenes sei –
daraus wieder würde überspitzt folgen, dass man nicht wissen könne, dass
Sokrates sitzt, da er ja wieder aufstehen kann und dennoch Sokrates bleibt (denn
Sitzen würde im Falle von Wissen wesensbestimmend und damit unabdingbar zur
„Sache Sokrates“ gehören). – Die Unmittelbarkeit der Wahrnehmung in Bezug auf
Wissen wird aber noch in der Neuzeit ein enorme Denkkapazität bindendes Problem
sein – in der Entwickung der historischen Kritik.
|
| 6 |
Sehen muß nicht Wissen sein,
da man sehen kann, ohne zu wissen, was das Gesehene wirklich ist: dass der
Bettler Odysseus ist, ist die beste Erklärung, auf die aus den gegebenen
Tatsachen geschlossen werden kann. Wissen wird hier aus Zeichen, aus Indizien
gewonnen. Bereits Anaxagoras formulierte laut Demokrit: „Anblick der
nichtoffenkundigen sind die erscheinenden Dinge“ (Brunschwig 105f.). –
Dieses Wissen entspricht ebenfalls nicht dem radikalen Wissensbegriff im Sinne
der Deduktion.
|
| 7 |
Die Differenzierung zwischen Meinung und Glaube
erfolgte erst viel später, definitiv in der frühen Neuzeit bzw. in der
Aufklärung, als Kant sie säuberlich scheidet.
|
| 8 |
Diesbezüglich ist zu vergegenwärtigen, was
„wahrscheinlich“ heißt: wahrscheinlich ist etwas, für dessen Zutreffen mehr
plausible Gründen als für dessen Nichtzutreffen, d.h. das Adjektiv bezeichnet
etwas, was nach sorgfältiger Prüfung gebilligt werden kann (daher „probabilis“),
was also gewissermaßen der Wahrheit ähnlich ist („quasi veri simile“ – dem Wahren ähnlich, den Anschein des Wahren
haben).
|
| 9 |
Die Aussagen der Überredung können wahr sein, müssen es aber
nicht sein.
|
| 10 |
Platon tut dies vor allem in Gorgias, Phaidon, Staat und in Phaidros.
– Wesentlichen Anteil an der Entwicklung des Beweisverfahrens hatte Parmenides, der in seinem Lehrgedicht „Weg der Wahrheit“ die erste
überlieferte deduktive Beweiskette vorbringt und enormen Einfluss auf die
nachfolgende Philosophie ausgeübt hat. – Viel später hat der Mediziner Galen in 15 leider verlorenen, inhaltlich aber einigermaßen
rekonstruierbaren Büchern über den Beweis gehandelt und in seinen medizinischen
Werken die strenge Beweisführung auch (nicht selten eher paradoxer Weise)
exekutiert (wenn auch die Medizin damals von der Gewinnung unwiderlegbarer
Schlüsse weit entfernt war) und die empirische Arbeit nachrangig
bewertet.
|
| 11 |
Aristoteles,
Philosophische Schriften in sechs Bänden, 6 Bde, Darmstadt 1995: Bd 1:
Kategorien. Lehre vom Satz. Lehre vom Schluss oder Erste Analytik. Lehre vom
Beweis oder zweite Analytik, übers. v. Eugen Rolfes, Darmstadt 1995, dort 71b
11f. S.w.u.
|
| 12 |
Hinter dieser Problematik steht der unerfüllbare
regressus ad infinitum, die uneinlösbare
Frage nach den Ursachen der Ursachen, die letztlich zurückführt auf die
Gottesfrage, die Frage nach dem Ursprung des Kosmos.
|
| 13 |
Diese Frage würde in den regressus ad infinitum münden.
|
| 14 |
Axiome sind entweder allgemeine Gesetze, die Prinzipien
formulieren, auf denen jede Kommunikation aufbaut oder sie sind spezifisch für
bestimmte Sachgebiete (z.B. das Kongruenzaxiom: wenn gleich Figuren von gleichen
entfernt werden, bleiben gleiche übrige). Als Gesetze, auf denen die
Kommunikation aufbaut sind hervorzuheben die drei Gesetze des Denkens: (1) Der
Satz der Identität, das principium
identitatis: Begriffe müssen stets die gleiche Bedeutung haben; (2) der
Satz vom Widerspruch: er besagt als principium
contradictionis, dass die gleichzeitige Bejahung und Verneinung einer
Aussage unmöglich ist; (3) Der Satz vom ausgeschlossenen Dritten: er besagt,
dass von zwei einander widersprechenden Aussagen, zumindest eine zutreffen muss,
dass es dazwischen keine dritte Möglichkeit gibt (tertium non datur, es ist auch vom principium exclusi tertii sive medii
inter duo contradictoria die Rede)
|
| 15 |
Hypothesen beziehen sich hier auf die Existenz
definierter Gegenstände (z.B. wird festgestellt, dass es Punkte
gibt).
|
| 16 |
In diesem Zusammenhang können
Definitionen auch solche sein, die der Wirklichkeit des Objektes entsprechen
(z.B. was bedeutet „Punkt“).
|
| 17 |
Mit diesem Sachverhalt steht
auch die Vorstellung in Verbindung, dass man nur wisse, wenn man von Allem
wisse; nur eine einzige Sache zu kennen, heißt sie nicht zu kennen.
|
| 18 |
Aristoteles verwendet sogar in verschiedenen Zusammenhängen
verschiedene Begriffe des Beweises; hier ist vor allem der rhetorische Beweis
(enthymem) zu nennen, den er in seiner
Rhetorik darlegt und der nicht unwiderlegliche Konklusionen begründet, sondern
Überzeugungen stärken soll.
|
| 19 |
Lloyd
251 in WdG.
|
| 20 |
Lloyd 257 in WdG. |
| 21 |
Vgl. dazu HistWörterbuch der Philosophie s.v.
„Wissen“.
|
| 22 |
Man unterscheidet zwischen (a)
dem Wissen von den Dingen, (b) dem Wissen, das in Sätzen über Dinge besteht und
(c) dem Wissen um den propositionalen Gehalt von Sätzen über Dinge, d.h. um die
bezüglich der Dinge getroffenen Aussagen.
|
| 23 |
Glauben ist subjektiv zureichendes Fürwahrhalten, Meinen subjektiv wie objektiv
unzureichendes Fürwahrhalten.
|
| 24 |
HistWörterbuch der Philosophie s.v. „Wissen“ Sp. 885. Das Adjektiv „intuitiv“
kann hier in etwa wie „analog“ verstanden werden.
|
| 25 |
Glauben =
subjektiv zureichendes Fürwahrhalten. Meinen = subjektiv wie objektiv
unzureichendes Fürwahrhalten.
|
| 26 |
Das Folgende nach dem
Historischen Wörterbuch der Philosophie s.v. Wissenschaft.
|
| 27 |
Wissenschaft als „Gesamt von Aussagen spezifischer Charakterisierung und
Begründung über einen spezifischen Bereich“ (U. J. Jensen, Wissenschaft. In:
H.J. Sandkühler (Hg.), Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und
Wissenschaften. Bd. 4: R-Z, Hamburg 1990, 911-921. 1990) oder als „aus einer
Vielzahl unterschiedlicher, aber miteinander verbundener Praktiken und
Tätigkeitsformen, die alle dem gemeinsamen Ziel dienen, allgemeine Merkmale und
gesetzmäßige Beziehungen [...] zu benennen“; Alwin Diemer (Hg.), Der
Wissenschaftsbegriff: historische und systematische Untersuchungen. Vorträge und
Diskussionen im April 1968 in Düsseldorf und im Oktober 1968 in
Fulda, Meisenheim am Glan 1970.
|
| 28 |
Als wesentliche Elemente für die Ausformung
wissenschaftlicher Arbeit und wissenschaftlichen Denkens können wir erachten:
(a) bewußtes Denken (einschließlich des Anspruches auf Intersubjektivität) – s.
w.u. Nr. 8 (b) Sprache – ist für die Akkumulierung von Wissen und für die
Fortführung der Untersuchung unabdingbar notwendig (c) Schrift – letztlich
unabdingbar für die Akkumulierung (d) Messen: Zählen, Wägen und Längenmessung –
Messen setzt die Anwendung eines Standards, einer Einheit voraus, beruht damit
auf der Basisfunktion des Vergleichens (e) Schaffung von Denkmodellen: Logik,
Deduktion – Induktion (f) Ordnen = Definieren und Klassifizieren als höhere
Formen des Vergleichens (g) Annahme von Gesetzen, Hypothesen und auch Theorien
(e) Schaffung von Geräten, Hilfsmitteln für die Untersuchung, für das
Experiment
|
| 29 |
Natural philosophy bezeichnet
die frühen Naturwissenschaften, die dann allein als science bezeichnet werden.
|
| 30 |
In der Spätantike ist die Philosophie
verschiedentlich als die Kunst aller Künste, die Wissenschaft aller
Wissenschaften angesprochen worden; diese Vorstellung wird in der Scholastik
teils auf die Dialektik (d.h. die Logik), teils auf die Metaphysik
bezogen.
|
| 31 |
Es ist
hier an den Titel von Newtons Hauptwerk zu erinnern: Principia mathematica philosophiae naturalis.
|
| 32 |
Ursprünglich als „Wissenschafter“; die Form „Wissenschaftler“ wird anfangs als geringschätzendes Deminutiv
verstanden, verdrängt später aber die ursprüngliche Form. Im 20. Jh wird die
Form „Wissenschafter“ anstelle von „Wissenschaftler“ vor allem in der Schweiz
und in Österreich zeitweise verwendet, wobei auch ideologische Aspekte mit eine
Rolle spielen.
|
| 33 |
HistWörterbuch der Philosophie s.v. „Wissen“ Sp. 901. |
| 34 |
S. dazu Karen Gloy, Das
Verständnis der Natur, 2 Bde, München 1995-1996
|
| 35 |
Cassirer Ernst, Philosophie
der symbolischen Formen, 3 Bde, 9. Aufl. Darmstadt 1994, 2,19.
|
| 36 |
„Methode zur besseren Gewinnung
von Erkenntnis aus der Geschichte“; den Begriff „historia“ können wir hier mit
„Geisteswissenschaften“ gleichsetzen.
|
| 37 |
Hier akzeptiert Bodin für den Fall einer „mathematischen Handhabung“ der Materie auch
„cognitio certior“.
|
| 38 |
Vgl.
dazu auch das Sonnengleichnis und das Liniengleichnis in Platons Staat.
|
| 39 |
Im Mittelalter tritt auch noch
der Begriff theorica> theoricus <
theoreticus auf, der im 16. Jh wieder durch theoria verdrängt wird.
|
| 40 |
Hypothese,
lateinische Synonyme sind suppositio und conjectura, heißt das, was „daruntergelegt“ wird; wir verstehen hier unter Hypothese
eine begründete Annahme, die sich als zutreffend oder nicht zutreffend erweisen
kann.– Berühmt ist die polemische Verwendung des Hypothesebegriffs bei Newton – „hypotheses non fingo“.
|
| 41 |
„spekulativ“ leitet sich her
von lat. speculari = ausspähen,
auskundschaften, untersuchen, erforschen. Das Wort wurde aber in zwei
unterschiedlichen Denktraditionen verwendet, nämlich in einer
platonisch-augustinischen Auffassung für die Gottesbetrachtung – daher rührt die
heutige wissenschaftsferne Belegung des Begriffes; die zweite Tradition ist
aristotelische, in der die speculatio in
Gegensatz zur Praxis gesetzt wird. In der Neuzeit setzt dann Kritik an der
speculatio ein, die ihrerseits wieder Gegenstand von Kritik wird und zu einer
neuerlichen positiveren Besetzung im deutschen Idealismus und schließlich zu
neuerlicher negativer Belegung führt. Heute ist der Begriff kaum mehr in
Verwendung. Seine Geschichte macht aber deutlich, wie vorsichtig mit den Termini
umzugehen ist.
|
| 42 |
Griech., dann lat. methodus (ist ein Femininum, daher ja auch die
Methode).
|
| 43 |
Mehr dazu im Zusammenhang mit
den Geisteswissenschaften.
|
| 44 |
Dementsprechend erstreckt sich das Lemma „Zeit“ im 2004
erschienen letzten Band des Historischen Wörterbuchs der Philosophie über die
Spalten 1186-1262, wobei sich die reichhaltigen Ausführungen jedoch auf die
historische Darstellung von Zeitvorstellungen in den unterschiedlichen Kulturen
und Epochen konzentrieren und nur eher knapp die Vorstellungen aus der Sicht der
Physik bzw. anderer Wissenschaften berühren. Eine leicht fassliche Behandlung
der Thematik unter unterschiedlichen Aspekten bietet Heinz Gumin und Heinrich
Meier, Die Zeit. Dauer und Augenblick, 3. Aufl. München 1992 (= Serie Pieper
1024).
|
| 45 |
„Geschlossene Systeme gehen von unwahrscheinlicheren
Mikrozuständen zu wahrscheinlicheren über“ = Energie/Wärme kann nicht von
selbst von einem kälteren Körper auf einen wärmeren übergehen, sondern es bahnt
sich ein Energieausgleich vom wärmeren Körper zum kälteren Körper an
|
| 46 |
Er
berechnete auf Grundlage seiner Interpretation des Zweiten Hauptsatzes die
Wiederkehrzeit eines bestimmten Zustandes (etwa der Verteilung der Moleküle in
einem bestimmten Gasvolumen) und erhielt das Ergebnis, dass eine Wiederkehr
(Reversibilität) desselben Zustandes der Molekülverteilung im Prinzip möglich,
in der Realität aber in höchstem Maße unwahrscheinlich sei, aber nicht definitiv
unmöglich – für einen konkreten Fall (von wenigen Molekülen) errechnete eine
Wiederkehrzeit von 101010,000,000,000,000,000.000 Jahren.
|
| 47 |
Einige Zitate mögen die
Unsicherheit darlegen, die diesbezüglich herrscht: Aristoteles: „Es ist unklar, ob es Zeit
gäbe, wenn es kein Bewusstsein gäbe“. Augustinus in seinen Confessionen: „Was
also ist Zeit? Wenn mich niemand danach fragt, dann weiß ich es; wenn ich es
aber jemandem erklären möchte, dann weiß ich nichts mehr. Dennoch behaupte
ich, zuversichtlich zu wissen, dass es eine vergangene Zeit nicht geben würde,
wenn nichts verginge, eine zukünftige Zeit nicht sein könnte, wenn nichts auf
uns zukäme, und die gegenwärtige Zeit nicht erfahrbar wäre, wenn nichts
existierte". Albert Einstein: „Raum und Zeit sind
Denkweisen, die wir benutzen; Raum und Zeit sind nicht Zustände, unter denen
wir leben". Richard Feynman: „Zeit ist, wie lange wir
warten. Worauf es dem Physiker schließlich ankommt, ist nicht, wie man Zeit
definiert. sondern wie man sie misst“. Manfred Eigen: „Zeit ist das, was uns fehlt,
wen sich zuviel ereignet“.
|
| 48 |
Falls nicht ein bei
Antikythera gefundenes Gerät nicht wirklich geklärter Funktion im Hellenismus
dies bereits geleistet hat.
|
| 49 |
Eine
Feststellung von Otto
von Freising Omnis doctrina consistit in duobus: in fuga et
electione.
|
| 50 |
Die Geschwindigkeit der
Informationsverbreitung hat sich natürlich im Verlaufe der Zeit drastisch
verändert und hat im irdischen Bereich im Internet praktisch zur Annullierung
des Problems geführt.
|
| 51 |
Nach Stephen
Hawkins, Eine kurze Geschichte der Zeit. Die Such nach der Urkraft des
Universums, Reinbeck bei Hamburg 1988, 43-45.
|
| 52 |
Ernst Mach, Analyse der Empfindungen und das Verhältnis des
Physischen zum Psychischen, Leipzig 1886.
|
| 53 |
Zitat nach Erhard Scheibe, Die
Philosophie der Physiker, München 2006, 52f.
|
| 54 |
Schluss vom bekannten Einzelnen auf andere unbekannte Singularien oder auf das
unbekannte Ganze, der aber trügerisch sein kann („alle (einzelnen) Schwäne, die
ich kenne, sind weiß“ → „alle Schwäne sind weiß“); da wir aber immer nur eine
begrenzte Zahl von Singularien kennen, können wir nur Hypothesen aufstellen, und
nicht Gesetze.
|
| 55 |
Ein
Problem für die Rekonstruktion sind (scheinbar) sinnlose Taten, auch sie werden,
wenn sie als solche erkannt sind, kausal erklärt – Geisteskrankheit,
Sinnesverwirrung etc.
|
| 56 |
Für die Gesetzmäßigkeit bedarf es der
Gleichförmigkeit, der Regelmäßigkeit, einer allgemeinen Form und Typik des
Prozesses.
|
| 57 |
Ursachen bei Aristoteles: (a) Form oder Wesen = causa formalis = Verwirklichung
der Anlage; (b) Stoff oder Substrat = causa materialis = die Anlage, die
Möglichkeit; (c) bewegende oder wirkende Ursache = causa efficiens (((sie
„überlebt“ als einzige)); (d) bezweckende Ursache = causa finalis oder causa
teleologis. Ein Haus entsteht demzufolge aus Steinen (materiale U.), im Wege der
Formgebung (formale U.), des Bauvorganges (bewirkende U.) und folgend dem
Gedanken an den Zweck (Zweck-U.)
|
| 58 |
Die Existenz unbegründeter Tatsachen schließt
Leibniz aus, weil sie sich, da sie beziehungslos sind, rational gar
nicht denken lassen.
|
| 59 |
Dort im 1. Bd im
Abschnitt „Über Wissen und Wahrscheinlichkeit“. Erstmals 1739 publiziert. S.
dazu Reinhard Brandt, Einführung. In: David Hume. Ein Traktat über die
menschliche Natur. Buch I: Über den Verstand, übersetzt, mit Anmerkungen und
Register versehen von Theodor Lipps. Mit neuer Einführung herausgegeben von
Reinhard Brandt, Hamburg 1989, xxiv-xxviii.
|
| 60 |
Das „mehr“ bezieht sich u.a. auf die Schweidlerschen Schwankungen, wie man anfangs die Unregelmäßigkeit im
radioaktiven Zerfall verzeichnete.
|
| 61 |
Reichenbach Hans, Gesammelte Werke in 9 Bdn, hg von Andreas
Ramlah und Maria Reichenbach, Bd 5: Philosophische Grundlagen der
Quantenmechanik und Wahrscheinlichkeit, Braunschweig 1989.
|
| 62 |
Heute werden verschränkte Teilchen über große
Strecken transportiert, ohne dass die Verschränkung verlorengeht.
|
| 63 |
Dazu
Carl von Clausewitz, Vom Kriege, Berlin 1832, 14: es gebe keine Tätigkeit, die
„mit dem Zufall so beständig und so allgemein
in Berührungstände, als der Krieg“; durch Zufall erweitere der Krieg sein
Wahrscheinlichkeitskalkül zum Spiel und lasse dem Glück und Unglück ihren Raum.
|
| 64 |
Man denke hier an die Lösung
komplexer geometrischer Fragen mit Hilfe von Seifenblasen.
|
| 65 |
Mit der mathematischen
Eliminierung von Zufall befasste sich der Mathematiker Friedrich Gauss, als er die Streuung von Messwerten untersuchte und die
Korrektur etwa (von, durchaus auch subjektiven, nicht nur atmosphärischen
Rahmenbedingungen stark abhängiger) astronomischer Messwerte ermöglichte
(Gauß’sche Glockenkurve).
|
| 66 |
Manfred Eigen und Ruthild Winkler, Das Spiel. Naturgesetze
steuern den Zufall, 9. Aufl. München-Zürich 1990 (= Serie Pieper
410)
|
| 67 |
Stanislaw Lem, "Eine Art
Credo" (1973, hier zitiert aus: Mehr phantastische Erzählungen, hg von Franz
Rottensteiner, Frankfurt/Main 1989 (= Suhrkamp Phantastische Bibliothek Band
232), 7f.).
|
| 68 |
Bei Albertus
Magnus und Thomas
von Aquin wird dem Willen eine von der Vernunft losgelöste Wirkung
zugeschrieben, die ihn frei mache. Die Franziskaner, vor allem Duns
Scotus beharren auf dem Primat des Willens.
|
| 69 |
Im Dialog „Parmenides“ heißt es: „Das Eine [das gesamte System] lässt sich nicht denken, denn wenn man es denkt,
stellt man sich ihm gegenüber und grenzt es ab, sodass es das Eine Ganze nicht
mehr ist“.
|
| 70 |
Hans Sachsse, Kausalität -
Gesetzlichkeit - Wahrscheinlichkeit. Die Geschichte von Grundkategorien zur
Auseinandersetzung des Menschen mit der Welt, 2. Aufl. Darmstadt
1987.
|
| 71 |
Weil eben der Mensch den Determinismus nicht wahrnehmen
kann.
|
| 72 |
Die Entwicklung der Wahrscheinlichkeitsrechnung setzt mit Blaise
Pascal ein, die Verbindung mit dem Glücksspiel besteht aber schon viel
früher (der Begriff „Hasard“ stammt aus dem Arabischen und wurde mit der
Rezeption vor allem in das Französische übernommen). Pascal arbeitet mit Pierre Fermat zusammen, später nahm Christiaan Huyghens wesentlichen Anteil an der Weiterentwicklung, die hierauf auf
lange Zeit durch Jakob Bernoulli bestimmt wurde, der in seinen
„Meditationes“ 1685/86 dieses Thema aufgegriffen und auch in anderen Arbeiten
verfolgt hat. Seine Verwandten Nikolaus I. Bernoulli und Daniel
Bernoulli haben sich ebenfalls mit diesen Fragen befasst, die dann im
18. Jh in einem weiteren Sinne in der Physik und anderen Fächern relevant
geworden sind.
|
| 73 |
S. dazu The
Probabilistic Revolution, 2 Bde (Bd 1: Ideas in History, Bd 2: Ideas in
science), hg. Von L Krüger, L J Daston and M Heidelberger, Cambridge, Mass.: MIT
Press/ Bradford Books 1987 (Paperback edition 1990)
|
| 74 |
Auch ein niedriger Grad der
Wahrscheinlichkeit kann nicht ausschließen, dass das betreffende Ereignis
bereits bei nächster sich bietender Gelegenheit eintritt (z.B. im Würfelspiel).
Der Engländer John Craig hat die Wahrscheinlichkeit der Tatsächlichkeit eines Ereignisses
als Folge von Überlieferungsschritten zu ermitteln gesucht – wenn beispielsweise
ein Ereignis 2000 Jahre zurückliege und sich die Überlieferungskette über sehr
viele Einheiten erstrecke, dann sei es höchst unwahrscheinlich, dass das
Ereignis in der überlieferten Form oder überhaupt stattgefunden
habe.
|
| 75 |
Dazu
Martin Lintzel, Voraussetzungen des Individuums, in: Archiv für Kulturgeschichte
36 (1956) 172f.
|
| 76 |
Natürlich als Erneuerung des Organon des Aristoteles gemeint.
|
| 77 |
"In der Natur
existiert nämlich nichts wahrhaft außer den einzelnen Körpern mit ihrer
besonderen reinen, gesetzmäßig hervorgebrachten Wirksamkeit; in den
Wissenschaften ist eben dieses Gesetz, seine Erforschung, Auffindung und
Erklärung die Grundlage des Wissens wie des Wirkens. Dieses Gesetz nun und
seine Bestimmungen verstehe ich unter dem Namen Form", d.h. der "Form-Ursache"
des Aristoteles.
|
| 78 |
Daran waren
beteiligt: die Forderung Descartes, dass jede Aussage über die Natur (res extensa) zu quantitativen Aussagen führe, weiters der
Umstand, dass die als ideal angesehenen mechanischen Geräte (z.B. der Hebel)
keine Freiheitsgrade besaßen, d.h. exakte Prognosen über ihr Funktionieren
ermöglichten; weiters die von Descartes wirksam vertretene Vorstellung, dass alle Zweitursachen
durch mechanische Berührung wirkten, und der Umstand der Affinität zu unseren
primären Erfahrungen. Die mechanistische Deutung ist bis an das Ende des
19. Jhs als selbstverständlich akzeptiert worden – 1695 schreibt Huyghens, man müsse alle Hoffnung aufgeben, jemals in der Physik
etwas zu begreifen, wenn man die mechanische Begründung aufgebe. Newton, der den Begriff der Kraft einführt und auch die actio in distans (fernwirkende, nicht
mechanisch wirkende Kraft), löste die Mathematisierung von der Mechanik ab
("Ich habe bisher die Erscheinungen der Himmelskörper und die Bewegungen des
Meeres durch die Kraft der Schwere erklärt, aber ich habe nirgends eine
Ursache der letzteren angegeben."). Die mathematische Behandlung der Probleme
weist nur Ordnungszusammenhänge auf, während die Vorstellung von der
allgemeinen Mechanik letztlich metaphysischen Charakters ist. Jedoch, als es
bereits um die Erfassung elektromagnetischer Phänomene ging, suchten sich
Maxwell und Boltzmann immer noch mit mechanischen Modellen zu helfen (z.B. das
sogenannte Bizykel für Phänomene der Induktion, Bizykel
Originalskizze, Bizykel
Nachbau). An der Wende vom 19. zum 20. Jh haben die mechanistischen
Vorstellungen unter dem Einfluss der elektromagnetischen Theorie Maxwells, der Feldtheorien, der Radioaktivität und schließlich der
Quantentheorie ihrem Anspruch auf Allgemeingültigkeit eingebüßt.
|
| 79 |
Eine Aussage über das Allgemeine ist erst machbar und tragfähig,
wenn man alle Singularien, aus denen es sich zusammensetzt, untersucht
hat.
|
| 80 |
Diesem Problem
steht das Faktum nahe, dass kein historisches Ereignis in der Totalität seiner
Prämissen und Zusammenhänge, d.h. vollständig beschreibbar ist.
|
| 81 |
Provozierend „klassisch“ ist noch die Auffassung Gerhard Ritters 1957: „Die geschichtliche Welt
besteht aus einer unendlichen Fülle von Individualitäten; keine Persönlichkeit
gleicht völlig der anderen, und kein historischer Augenblick kehrt, einmal
vergangen, jemals wieder. Angesichts der unendlichen Fülle und Verschiedenheit
historischer Individualitäten und Situationen hat der Historiker schon sein
Bestes getan, wenn er wenigstens einiges davon wirklich verstanden
hat“.
|
| 82 |
Collingwood Robin George, Philosophie der Geschichte, Stuttgart 1955.. |
| 83 |
Stegmüller Wolfgang, Probleme
und Resultate der Wissenschaftstheorie und analytischen Philosophie. Bd 1:
Wissenschaftliche Erklärung und Begründung, Berlin-New York 1969.
|
| 84 |
„diskursiv“
bedeutet, dass man über logisches Denken zur Erfassung eines Sachverhaltes
gelangt.
|
| 85 |
Der Begriff ist von Wilhelm Moerbeke geprägt worden, findet sich in Ansätzen aber auch schon bei
Plotin, Boethius, dann bei Thomas
von Aquin und bei Ockham.
|
| 86 |
Ein berühmtes Beispiel ist die Schilderung Otto
Loewis, wie er zur grundlegenden Erkenntnis des Mechanismus der
Übertragung des Nervenreizes gelangte, die ihm 1936 den Nobelpreis eintrug –
die „Erleuchtung“ kam ihm gewissermaßen im Schlaf.
|
| 87 |
Idiosynkrasie = Abneigung. |
| 88 |
Gerard Radnitzky, Bedeutung
des Objektivitätsbegriffes in Wissenschaftstheorie und Forschungspolitik. In:
Werner Becker und Kurt Hübner (Hgg), Objektivität in den Natur- und
Geisteswissenschaften, Hamburg 1976, 189-223.
|
| 89 |
Droysen nach Igor S. Kon, Die
Geschichtsphilosophie des 20. Jahrhunderts. Kritischer Abriss, 2 Bde, Berlin/DDR
1964, 1, 55.
|
| 90 |
Karl Acham, Grundlagenprobleme der
Geschichtswissenschaft, in Enzyklopädie der geisteswissenschaftlichen
Arbeitsmethoden, München-Wien 1974, 1-76, hier 36.
|
| 91 |
Igor S. Kon, Die Geschichtsphilosophie des 20.
Jahrhunderts. Bd. 1. Die Geschichtsphilosophie der Epoche des Imperialismus, 2.
Aufl. Berlin 1966.
|
| 92 |
Alan Montefiore (Hg.) / Graham Andrew, Neutrality
and impartiality. The university and political commitment, London
1975.
|
| 93 |
Frege sah es als eine Aufgabe der Philosophie an, "die Herrschaft des
Wortes über den menschlichen Geist zu brechen, indem sie die Täuschungen aufdeckt,
die durch den Sprachgebrauch über die Beziehungen der Begriffe oft fast
unvermeidlich entstehen, indem sie den Gedanken von demjenigen befreit, womit ihn
allein die Beschaffenheit des sprachlichen Ausdrucksmittels behaftet". ... "So
besteht denn ein großer Teil der Arbeit des Philosophen – oder sollte wenigstens
bestehen – in einem Kampf mit der Sprache"; Wittgenstein 1931: "Wir stehen im Kampf
mit der Sprache".
|
| 94 |
In dieser Hinsicht ähnelt die Situation jener der Araber in ihren
Anfängen.
|
| 95 |
Dieser Grundzug wird auch durch den Fall des Sokrates und durch die Gefährdung, der sich Aristoteles ausgesetzt sah, nicht wirklich in Frage
gestellt.
|
| 96 |
Dazu s. Lindner – eshandelte sich bei den Freien um 84.000 Vollbürger und 40.000
Metöken.
|
| 97 |
Gleichzeitig etwa die jüdischen Propheten des AT, indische
Buddhas, Konfuzius im 5. Jh., später Lao-Tse im 3.
Jh.
|
| 98 |
Die grundlegende Substanz ist ihm Wasser, alles
sei im Grunde genommen Wasser (ist alles nur aus Aristoteles
erschließbar).
|
| 99 |
Es können bis in die Zeit um 400 keine Zuweisung
an Einzelpersonen vorgenommene werden, weshalb es sich empfiehlt, von den
Pythagoräern als einer Gruppe zu sprechen. – Die Pythagoräer übten wie
Pythagoras selbst in Kroton in Unteritalien nicht unerheblichen politischen
Einfluß aus – sie vertraten antidemokratisch-aristokratische Positionen und
wurden deshab mit dem Erstarken der demokratischen Vorstellungen aus
Unteritalien vertrieben. Durch Emigration in das griechische Mutterland faßte
der Pythagoreismus auch dort Fuß. Die pythagoräischen Bünde, Hetärien, standen
auch Frauen offen. Die Lehrinhalte wurden weitgehend geheimgehalten, selbst
Mitglieder der Bünde wurden nicht wirklich eingeweiht – dadurch gewann das
Ganze einen quasi-religiösen Charakter. Individuen sind kaum faßbar, lediglich
Philolaos
von
Kroton und Archytas
von
Tarent, der nach der Vertreibung in prominenter Weise in Tarent
wirkte. Pythagoras selbst hat wohl nie eine Schrift verfaßt, hat nur mündlich
gewirkt. – Die Pythagoräer vertraten die Unsterblichkeit in Form der
Seelenwanderungslehre: erst wenn sich die Seele von allen Einflüssen der
Körperlichkeit freihalten kann, durchbricht sie den Kreislauf der Geburten und
kehrt in die Sphäre des Götttlichen zurück. Daraus wurden aberwitzige Tabus
abgeleitet – Fleischverbot, Verbot, sich mit Jägern und Fleischern zu
unterhalten, keine Bohnen zu essen, jeden Weg mit dem linken Fuß zu beginnen
etc.
|
| 100 |
Huffmann 839 in WdG. Jori im Werklexikon der Philosophie
erwähnt den nach Pythagoras benannten Satz nicht einmal – er war ja auch schon
lange zuvor im babylonischen Bereich bekannt und geübt. Den Beweis für den
Satz hätte Pythagoras vermutlich nicht erbringen können.
|
| 101 |
Die Zahlenharmonie
ließ die Pythagoräer in der Kosmologie zur Theorie der Gegenerde gelangen,
damit es 10 Himmelskörper gebe (Erde, Sonne, Mond, die fünf damals bekannten
Planeten und die Fixsternsphäre ergaben nur neun astronomisch-kosmische
Einheiten). Im Zentrum des Kosmos steht nicht die Erde, sondern das von der
Erde aus unsichtbare Zentralfeuer. Philolaos hat die Erde als Planet erkannt. – Ihrem
Harmoniebedürfnis zufolge nahmen die Pythagoräer auch an, daß die Abstände
der Planeten harmonischen Proportionen entsprächen, die in ganzen Zahlen
ausgedrückt werden könnten; diese Vorstellung hat sich bis in die Neuzeit
gehalten (Kepler, Bode-Titius-Reihe). Philolaos baut von einer Strecke ausgehend die fünf nachmals als
„platonisch“ bezeichneten Körper auf.
|
| 102 |
Mit Hilfe eines Monochords (angeblich auch auf Grund der
Wahrnehmung der Klänge in einer Schmiede) – Grundton Oktav durch
Saitenlängenhalbierung, Quint, Terz etc.
|
| 103 |
Pythagoras soll nach einigen Autoren das mathematische Beweisverfahren eingeführt
haben. Jeder Satz wird aus dem vorangehenden
logisch abgeleitet. Da der Ausgangssatz gesichert ist, muß alles
Nachfolgende in sich korrekt sein = Deduktion. Dabei dürfte es sich aber um eine anachronistische
Rückprojektion handeln – s.o.
|
| 104 |
Grenze-Unbegrenztes; Ungerade-Gerade (= Teilbares); Eines-Vieles;
Rechtes-Linkes; Männliches-Weibliches; Ruhendes-Bewegtes; Gerades-Gekrümmtes;
Licht-Finsternis; Gutes-Böses; Quadratisches-Rechteckiges
|
| 105 |
Nietzsche Friedrich, Werke. Kritische
Gesamtausgabe, begr. v. Colli Giorgio / Montinari Mazzino. Abteilung 3, Bd 2:
Nachgelassene Schriften 1807-1873, hg. v. Colli Giorgio / Montinari, De
Gruyter 1973, 316.
|
| 106 |
Der ruhende Pfeil: nimmt man das Gegebensein einer distinkten,
aus kleinsten Teilchen zusammengesetzten Zeit an, so ist der Pfeil in diesen
Zeiteinheiten unbewegt; da zwischen den Zeiteinheiten aber keine Zeit und
damit auch keine Bewegung ist, ruht der Pfeil. – Achilles und die Schildkröte:
während einer bestimmten Zeiteinheit verringert sich der Abstand zwischen
Achilles und der Schildkröte zwar, da Zenon von Elea aber unendlich
viele Zeiteinheiten annimmt, in denen unendlich kleine Verringerungen
stattfinden, holt Achilles die Schildkröte nie ein. - Eine saubere Lösung
dieses Paradoxons ist erst 1994/95 (!) gelungen! Aristoteles hat Zenon von Elea als den Begründer der Logik
im engeren Sinne bezeichnet.
|
| 107 |
Sophistai = kundige
Männer.
|
| 108 |
Sie wurde ungeachtet ihrer enormen Bedeutung wie diese als
Spiegelfechterei, Wortverdreherei etc. schlechtgemacht.
|
| 109 |
Ueberweg 2/1
28-43.
|
| 110 |
S.
Ueberweg 2/1 44-53.
|
| 111 |
Ueberweg 2/1 82. |
| 112 |
Es sind hiezu auch die
Ausführungen in den vorangehenden Ausführungen zum Thema Wissen
heranzuziehen.
|
| 113 |
Klaus Döring, Sokrates, die Sokratiker und die von ihnen
begründeten Traditionen. In: Die Philosophie der Antike Bd 2/1 Sophistik.
Sokrates. Sokratik. Mathematik.Medizin, hg. von Hellmut Flashar, Basel 1998 (=
Grundriss der Geschichte der Philosophie, begründet von Friedrich Ueberweg),
139-364, 141.
|
| 114 |
Alle Zitate aus Platons Schriften sind der der Ausgabe Platon. Werke in acht Bänden
griechisch und deutsch, hg von Günther Eigler, Darmstadt 1990 (wbg)
entnommen.
|
| 115 |
Kubus = Erde; Ikosaeder =
Wasser; Oktaeder = Luft; Tetraeder = Feuer.
|
| 116 |
Auch Galilei hat ganz ähnliche Auffassungen vertreten, wenn er in seiner
Arbeit „Il Saggiatore“ meinte, das Buch des Universums sei in mathematischer
Sprache geschrieben, deren Buchstaben Dreicke, Kreise etc. seien,
|
| 117 |
Gloy 100. |
| 118 |
In der nach seinen Vorstellungen und genauer bei Aristoteles
entwickelten Kosmologie ist alles innerhalb der Fixsternsphäre eingeschlossen
und der Kosmos später als Gesamtorganismus verstanden worden (z.B. noch bei
Giordano Bruno).
|
| 119 |
Timaios 27c-28a. |
| 120 |
Dabei handelt es sich wohl um ein
Mißverständnis, dem selbst Aristoteles unterlegen ist und das seither
weitergegeben worden ist und das das philosophische Problem der Vermehrung der
Welten bis ins Unendliche zur Folge hatte (regressus ad infinitum). Den Ideen bei Platon kann wohl kein
An-sich-Sein zugeschrieben werden; sie sind rein funktional als Bedingungen
und Bestimmungsgründe der sinnlich wahrnehmbaren Welt zu
verstehen.
|
| 121 |
Zum besseren Verständnis der Natur bedient er
sich der Vorstellung von einem Schöpfungsmythos: der Demiurg erschafft nach
den im Ideenkosmos vorgegebenen Vorstellungen die materiellen Erscheinungen in
der Natur (ein zweiter Schöpfungsakt): „Wessen
Form und Wirkkraft der Erzeuger nun gestaltet, indem er auf das sich stets
gleich Verhaltendes hinblickt und etwas Derartiges als Vorbild benutzt, das
muß so zwangsläufig insgesamt schön gestaltet werden, wessen Form und Kraft
er jedoch gestaltet, indem er auf das Gewordene hinschaut und indem er ein
Gewordenes als Vorbild benutzt, das nicht schön.“ „Der ganze Himmel aber – oder die Welt oder welcher Name sonst
ihm dafür am meisten belieben mag – damit sei er von uns genannt -, von ihm
wir zuerst erwägen, was es am Anfang bei jedem zu erwägen gilt, ob er stets
war und keinen Anfang seines Entstehens [sic!] hat oder ob er, von einem
Anfang ausgehend geworden ist. Er ist geworden; denn er ist sichtbar und
bestastbar und im Besitz eines Körpers. Alles Derartige aber ist durch die
Sinne wahrnehmbar; das durch die Sinne Wahrnehmbare aber, das durch ein
Meinen in Verbindung mit Sinneswahrnehmung zu erfassen ist, erwies sich als
Werdendes und Erzeugtes; von dem Gewordenen aber behaupten wir ferner, daß
es notwendig aus einer Ursache hervorging.“ (Timaios
28b+c).
|
| 122 |
Timaios
30a+b.
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| 123 |
Platon hat diese Frage in Phaidon erörtert.
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| 124 |
Platon verdeutlicht die Problematik auch am Beispiel des
Raumes, den er als unbestimmtes räumlich-materielles Substrat als Ursache für
die Verzerrung des Abbildes in der Widergabe des Vollkommenen betrachtet: kein
in der Natur vogefundener, kein noch so penibel vom Menschen gezeichneter
Kreis entspreche dem Idealbild des Kreises – der Raum verhindere dies. Wohl
aber gibt es eine unendliche Fülle von Annäherungen. Die Realität sei schon
deshalb immer nur eine verzerrte und verstellte Widergabe der idealen
Strukturen. So kann der Mensch, als innerhalb des Kosmos stehender, das eine
ideale, absolute System nur aus dessen unendlich vielen verschiedenen
Anwendungen resp. Abbildungen zu erschließen suchen. Umgekehrt erschließt er
auf diesem Wege unendlich viele verschiedene Formalsysteme als approximative
Annäherung an das eine ideale Formalsystem.
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| 125 |
So bei Lévy 731f. in WdG. |
| 126 |
Mit dem dritten
Scholarchen, Arkesilaos, ist die Akademie vom Dogmatismus zum Skeptizismus
übergegangen. Karneades behauptet, nichts wissen zu können und sich des Urteils
enthalten zu müssen Zur weiteren Geschichte der Akademie s. Lévy.
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| 127 |
So Gloy. |
| 128 |
Auf
diesem berühmten Bild in den Stanzen des Vatikan deutet Platon in diesem Sinne gegen den Himmel, Aristoteles an seiner Seite auf den Boden als Symbol des
Irdischen.
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| 129 |
So sammelte er beispielsweise Verfassungen, soweit er ihrer
habhaft werden konnte.
|
| 130 |
Geschichte der Philosophie,
hg von Wolfgang Röd, Bd 2, 2. Aufl. München 1993, 268.
|
| 131 |
Regressus ad infinitum, spielt auch bei Platon schon eine
wichtige Rolle.
|
| 132 |
Von ihm stammt eine Reihe
von Aristoteles-Kommentaren; eine seiner grammatischen Schriften war im
Mittelalter als Schulbuch verbreitet. Auch die älteste erhaltene Beschreibung
des planispären Astrolabiums stammt von ihm.
|
| 133 |
Die
Frage, ob man vier oder fünf Elemente anzunehmen habe, ist jahrhundertelang
diskutiert worden.
|
| 134 |
Den
Seelen kommt je ein spezifischer Zweck zu: der vegetativen das Wachstum, der
animalischen die Bewegung, der rationalen die Kontemplation, wobei diese
Stufenleiter auch eine Akkumulierung bedeutet – der Mensch verfügt über alle
drei Stufen. Das Ziel der rationalen Seele liegt in der der Erreichung
höchster Vollendung, die durch Gott verkörpert wird, der der "unbewegte
Beweger" des Weltsystems ist – das primum
mobile – ein theozentrisches System, das die Übernahme der Lehre des
Aristoteles durch das Christentum in der Scholastik erleichtert,
wenn nicht erst ermöglicht hat. Der Mensch ist Zweck und Mittelpunkt des
Ganzen, in ihm gelangt das göttliche Empfinden zum Bewußtsein.
|
| 135 |
Der Mensch ist für Aristoteles das „naturgemäßeste
Tier“.
|
| 136 |
Die aristotelische Logik ist erst durch Frege im 19. Jahrhundert erweitert worden! Nach etwa 2200
Jahren!!!
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| 137 |
Im 18. Jh finden sich Sprüche wie, man sei 2000 Jahre vor
Aristoteles auf dem Bauch gekrochen, sei nicht eines Nagels breit von seiner
Lehre abgewichen und deshalb nicht weitergekommen etc. Noch im 20. Jh wird
Aristoteles von nicht wenigen Naturwissenschaftlern aus der Überheblichkeit
einer vermeintlich absoluten Erkenntnisgewissheit und in Nichtbeachung der
Historizität deshalb mit nachgerade unvollstellbarer Geringschätzigkeit
beurteilt.
|
| 138 |
Es ist bezeichnend, wenn
jemand wie Alfred North Whitehead 1929 in seiner Arbeit „Process and Reality.
An Essay in Cosmology. Gifford lectures delivered in the University of
Edinburgh during the session 1927-1928”, New York 1929, 53, die Feststellung
trifft: „The safest general characterization of the European philosophical
tradition is that it consists of a series of footnotes to Plato" und der
amerikanische Philosoph Richard Rorty zu Ende des 20. Jhs darum ringt, die
Welt der Philosophie aus der Knechtschaft Platons und Kants zu befreien.
|
| 139 |
S.
dazu Sven Müller, Naturgemäße Ortsbewegung. Aristoteles’ Physik und ihre
Rezeption bis Newton, Tübingen 2006.
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| 140 |
Zenon von Kition war semitischer Abstammung und seine
Muttersprache war Phönizisch, darin erblickt man den Hintergrund dafür, daß er
als stoischer Philologe bezüglich des Griechischen neue Fragen aufwirft, auf
die ein Grieche vielleicht erst gar nicht gekommen wäre.
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| 141 |
An der Nordwestseite der Agora, wir wissen sogar, wie sie
ausgemalt war – mit diversen Historiengemälden aus der athenischen
Geschichte.
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| 142 |
Wolfgang L. Gombocz, Die Philosophie der ausgehenden Antike und des frühen
Mittelalters (= Wolfgang Röd Hg, Geschichte der Philosophie Bd 4, München
1997) 43.
|
| 143 |
Die Annahme, dass der als Platoniker geltende
Apuleius von Madaura, der Autor
des Romans „Der goldene Esel“, auch die mittlerweile tatsächlich dem jüngeren
Aristoteles zugeordnete Schrift „Peri Hermeneias“ (= De
interpretatione) verfasst habe, ist obsolet.
|
| 144 |
Plotin (203-269) studierte bei Ammonios Sakka in Alexandreia -
der die neue Richtung begründete, selbst aber nichts geschrieben hatte - lebte
dann in Rom und hoffte mit kaiserlicher Unterstützung in Kampanien die
Ideal-Stadt Platonopolis zu errichten.
|
| 145 |
(1) von der höchsten Ebene
sei nur zu sagen, daß es das Eine und Gute sei und erhaben über Sein, Tun und
Denken; (2)die zweite Ebene ist der Nus, Sitz der Ideen, Denker und Gedachtes
zugleich und Schöpfer der (3) dritten Ebene, der Seele, die ihrerseits das
Sinnliche schafft und damit die Brücke zwischen dem Übersinnlichen und dem
Sinnlichen darstellt. Durch diese Stufenleiter von der Materie zum Licht des
Einen verwandelt Plotin den Dualismus Platons in einnen Monismus, was dem Christentum
natürlich - trotz der erklärten Gegnerschaft der Neuplatoniker - später sehr
entspricht und die Rezipierung ermöglicht. Ziel des Lebens ist in dieser Lehre
die Verähnlichung mit Gott und die unmittelbare Anschauung und das Einswerden
mit ihm in der Ekstase.
|
| 146 |
Ueberweg-Praechter 1, 610. – Zum
Wortlaut dieser Stelle s.w.u. (Universalienproblem).
|
| 147 |
Dazu s.w. |
| 148 |
Ein unter diesen Aspekten ebenfalls höchst bedeutender Schritt
war die Akzeptierung eines letztlich trotz gewisser Einschränkungen doch
allgemein gültigen und geeichten Maßsystems mit dem metrischen System; denn
dadurch erst wurde der Vergleich von Messungen über große Distanzen
unmissverständlich möglich, was in der Zeit davor wegen der ungeurern Vielzahl
von Systemen höchst schwierig und oft genug irrig war.
|
| 149 |
Nietzsche Friedrich, Werke. Kritische Gesamtausgabe, begr. v.
Colli Giorgio / Montinari Mazzino. Abteilung 3, Bd 2: Nachgelassene Schriften
1807-1873, hg. v. Colli Giorgio / Montinari, De Gruyter 1973, 316.
|
| 150 |
Der Begriff „Organon“ wird in der Neuzeit verschiedentlich
aufgegriffen: Novum Organon bei Francis
Bacon (London 1620), bei R. Burthooge Organon vetus et novum (London 1678), J.H. Lambert, Neues Organon (1764), William WHEWELL Novum Organon renovatum
(1858).
|
| 151 |
Ein einfaches
Beispiel für die Deduktion ist: A „alle Menschen sind sterblich“, B „alle
Könige sind Menschen“, daher: C alle Könige sind sterblich.
|
| 152 |
Beispiel für einen
Induktionsschluß: A „Mensch, Pferd, Maulesel sind langlebig“, B „Mensch, Pferd
und Maulesel sind gallenlos“, daher: C „gallenlose Tiere sind
langlebig“.
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| 153 |
Der
lateinische Begriff „inductio“ stammt von
Cicero: „Haec ex pluribus perveniens
quo vult appelatur inductio, quae graece epagoge nominatur“.
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| 154 |
regressus ad
finitum – die Rückführung auf die causa prima, die Erste Ursache, die unweigerlich auf eine
Gottesannahme hinausläuft. = Gottheit.
|
| 155 |
Vgl. dazu Kanitscheider, Raum – Zeit – Materie unter www.uni-giessen.de |
| 156 |
Aristoteles unterscheidet zwischen potentiellem und aktualem Sein;
diese Unterscheidung führte er zur Erklärung des Phänomens der Bewegung ein.
Unter kinesis versteht Aristoteles nicht nur die Bewegung von einem Ort zum anderen, sondern
auch Änderungen der Quantität oder der Qualität: ein Marmorblock ist der
Möglichkeit nach eine Statue; wenn der Bildhauer sie herausarbeitet, wird das
der Möglichkeit nach Seiende ein Seiendes in der Wirklichkeit (entelecheia, actus) –
das ist Bewegung.
|
| 157 |
“Jetzt
zuförderst vernimm des Alls vierfältige Wurzeln: Feuer und Wasser und Erd
und des Äthers unendliche Höhe. Daraus ward, was da war, was da sein wird
oder was nun ist". – Empedokles wies auch nach, daß Luft ein Stoff ist; er legte eine
Rangordnung der Elemente fest: Erde, Wasser, Luft, Feuer. Wasser ist ihm
weiblich, Feuer männlich, sie wirken aufeinander und schaffen so die Stoffe
der natürlichen Welt, auch Erde und Wasser. Die Elemente befinden sich
keimhaft in allen Substanzen und haben ganz spezifische Eigenschaften, die
sie diesen mitteilen: trocken, feucht, kalt, warm, schwer,
leicht.
|
| 158 |
Die Frage, ob es ein Vakuum geben könne oder nicht, hat die
naturwissenschaftlichen und philosophischen Diskussionen bis in das 20. Jh
maßgeblich bestimmt - noch im 20. Jh arbeiteten vor allem die englischen
Physiker mit der Vorstellung von der Existenz eines Äthers. Der horror vacui findet sich in vielen
Bereichen – bis hin zu Buchmalerei.
|
| 159 |
Erde = Würfel, Feuer = Tetraeder, Luft =
Oktaeder, Wasser = Ikosaeder. Daß die letztgenannten aus Dreiecken
zusammengesetz sind, garantiere ihre Unwandelbarkeit. Aus zwei Teilen Feuer
könne ein Teil Luft entstehen, aus 2,5 Teilen Luft ein Teil Wasser. Erde
könne nicht umgewandelt werden. Unveränderlich sei auch der aus Fünfecken
bestehende Dodekaeder, dessen Gestalt sich Gott für das Weltganze bediene
(Timaios).
|
| 160 |
Diese sind: kalt + trocken = Form Erde / kalt
+ feucht = Form Wasser / warm + feucht = Form Luft / warm + trocken = Form
Feuer.
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| 161 |
Diese Trennung in der
Dynamik wird zwar bereits im 14. Jh in Frage gestellt, aber dennoch bedeutet
es einen enormen Fortschritt, wenn Kepler und Newton im 17. Jh eine einheitliche Mechanik für den gesamten
Kosmos annehmen.
|
| 162 |
„Ein Körper bewegt
sich im luftleeren Raum – da Luft Widerstand leistet, nur in diesem – mit
gleicher Geschwindigkeit immer weiter, oder aber bleibt weiter in
Ruhe“.
|
| 163 |
Aristoteles ist in manchem
zu sehr der Dialektik erlegen, wie er sie von Sokrates und Platon gelernt hat, obgleich gerade die Aufwertung
der Empirie gegenüber der Dialektik seine wesentliche Leistung gewesen ist.
– Interessant ist, daß die Griechen, die es in der Astronomie so unglaublich
weit gebracht haben, keinerlei Versuch unternommen haben, die Dynamik der
Himmelskörper zu ergründen. Sie haben sich auf Grund der philosophischen
Vorgaben damit nicht beschäftigt. Die Griechen haben mit wenigen Ausnahmen
den Schritt von der Naturbeobachtung zum Experiment nicht getan. Die
peripatetische Dynamik läßt eigentlich sogar die Naturbeobachtung vermissen
– allein schon die genauere visuelle Beobachtung eines Wurfes hätte abhelfen
können. Mögliche Ausnahmen, die uns bekannt sind, könnten sein Pythagoras,
der mit dem Monochord die Saitenlängen für bestimmte Tonhöhen bestimmt haben
soll (was aber möglicherweise legende ist), und Empedokles, als er die Körperhaftigkeit der Luft nachwies, indem
er zeigte, daß das Wasser eine senkrecht eingetauchte mit Luft gefüllte
Röhre nicht auszufüllen vermag und umgekehrt (Stechheber; ein ganz ähnliches
Experiment wird Anaxagoras zugeschrieben); er vertrat überdies auch die Ansicht,
daß das Licht sich mit endlicher Geschwindigkeit ausbreite, was er natürlich
nicht beweisen konnte. Andere Beispiele gibt es im medizinischen
Bereich.
|
| 164 |
Aristoteles kennt keine actio in
distans, keine fernwirkende Kraft – der Kraftbegriff ist in der
Antike, ja bis in die Neuzeit irrational belegt; auch fehlt es an einer
präziseren Auseinandersetzung mit dem Begriff
„Geschwindigkeit“.
|
| 165 |
Aristoteles beschäftigt sich mit der Schwere,
kommt aber zu dem irrigen Schluß, daß schwere Körper schneller fallen als
leichte. Er hat kein diesbezügliches Experiment angestellt, das hat erst
Galilei getan!
|
| 166 |
Man nahm ein nicht
mehr ganz zu verstehendes "Gravitationsaccidens" an, das man als generans bezeichnete, das der Masse ihre Schwere verleihen
sollte.
|
| 167 |
Der Korrektheit halber muß
festgehalten werden, daß die peripatetische Dynamik nicht durchwegs so
widersinnig ist, wie sie uns auf den ersten Blick erscheinen mag. Es gibt
nämlich durchaus Bewegungsvorgänge, deren Deutung durch die peripatetische
Dnamik zum selben Ergebnis führt wie im Falle der Deutung durch die
Newtonsche Mechanik. Die peripatetische Dynamik hat aber letztlich groteske
Folgen gehabt, bis in das 16. Jh hinein herrschen über Geschoßbahnen die
skurilsten Vorstellungen. Maß für die Bewegung ist die zurückgelegte
Strecke. Für die Anwendung der Kraft gelten Proportionen: halbe Kraft für
halbe Last oder halbe Strecke, doppelte Kraft, doppelte Last bewegbar
etc.
|
| 168 |
Ein wesentliches Problem hinsichtlich der
Endlichkeit oder Unendlichkeit des Raumes waren die Vorstellungen bezüglich
seiner Grenze – wie habe man sich diese vorzustellen? Prallt ein gegen sie
geworfener Speer an ihr ab, durchdringt er sie, wenn ja wohin?
|
| 169 |
Darüber w.u. |
| 170 |
Herodot überliefert ein Experiment des Pharaos Psammetich, der
einen Hirten zwei Kinder ohne Sprache aufziehen läßt. Sie sprechen schließlich
von sich aus das phrygische Wort für Brot, weshalb die Ägypter die Phrygier als
älteres Volk akzeptieren. Salimbene von Parma überliefert in seiner
Chronik, daß Kaiser Friedrich II. Kinder ohne Sprache habe aufziehen lassen, um
herauszufinden, ob sie hebräisch, griechisch, lateinisch oder arabisch oder am
Ende die Sprache ihrer jeweiligen Eltern sprechen würden. "Doch er bemühte sich vergebens, denn die Kinder starben
alle."
|
| 171 |
In
seinen "Principia mathematica" konzipierte Bertrand Russell 1910-1913 gemeinsam mit seinem Lehrer Alfred North Whitehead eine wissenschaftlich exakte Idealsprache – eine Idee, die
später vom Wiener Kreis und vor allem von Wittgenstein) fortgeführt worden ist = Ideal Language Philosophy.
Diese Idealsprache steht im Gegensatz zu der sich im Alltagsgebrauch bewährenden
Normalsprache, auf die G.E. Moore seine Philosophe zu beschränken suchte (= Ordinary Language
Philosophy).
|
| 172 |
Im
Detail wird über dieses Thema im Rahmen der Erörterung der Entwicklung der
Geisteswissenschaften zu handeln sein.
|
| 173 |
Es sei hier noch vermerkt,
daß das griechische Alphabet das erste war, dessen Schrift unabhängige
Buchstaben sowohl für Konsonanten als auch für Vokale hatte. Es wurde aus
einem nordsemitischen Alphabet entwickelt, und man verwendete einfach
überflüssige Konsonantenzeichen als Vokale.
|
| 174 |
Der Begriff Philologie wurde
erstmals von Platon verwendet, aber ohne terminologische Festlegung, dann
später in Athen für die Freude am gesprochenen Wort schlechthin, mitunter auch
als Synonym für Philosophia. Epikur spricht von einer philologos
synthesis als einer gelehrten Untersuchung und wissenschaftlichen
Debatte. Im Hellenismus, bei Eratosthenes vor allem wird das Wort verwendet für Gelehrsamkeit in
ihrem ganzen Umfang, einschließlich der Naturkunde - Philologe steht für den
Gelehrten. Der Philologe im engeren Sinne wird als grammatikos bezeichnet, anderweitig auch als kritikos. Das Wort philologos wird sogar als Eigenname verwendet oder als
Epitheton. Im Lateinischen findet sich das Wort zuerst bei Ennius, dann
mehrfach bei Cicero, wo es für wissenschaftlich-philosophische Studien in Zeiten
der Muße, der Verbannung steht. Sehr häufig findet sich das Wort bei Plutarch
für Gelehrsamkeit und Bildung; im christlichen Bereich steht es für Liebe zum
göttlichen Wort. Wesentlich für die Auffassung im Mittelalter ist die
Enzyklopädie der sieben freien Künste des Martianus Capella (5. Jh nach), der von der Hochzeit der Philologia
mit Merkur spricht = Titel der Enzyklopädie, die eine bizarre Rahmenhandlung
hat - was zu einer mittelalterlichen Einschätzung als amor vel studium rationis – Liebe zu Wissen und Weisheit –
führt.
|
| 175 |
Kratylos vertritt dabei die Auffassung, daß jegliches Seiende
eine ihm von Natur aus zukommende Benennung habe, vertritt also die
Übereinstimmung von Sache und Benennung. Sein Diskussionspartner Hermogenes
vertritt die gegenteilige Ansicht: Benennungen seien Konvention. Eine
Mittlerposition nimmt der Dioalogpartner Sokrates ein, der argumentiert, daß
die Sprache ein Instrument, ein Werkzeug sei, mit dessen Hilfe wir einander
belehren und die Dinge durch Worte scheiden und unterscheiden. Die Worte sind
Mittel der Benennung und das Benennen ist praktischer Umgang mit den Dingen.
Die Qualität des Werkzeuges Wort könne nicht jener am besten beurteilen, der
das Werkzeug herstellt, sondern der, der es gebraucht – und das ist im Falle
der Worte der Dialektiker. Sokrates stimmt schließlich Kratylos‘ Ansicht zu,
daß den Dingen die Worte von Natur aus zukämen, daß das Wort anzeige, die eine
Sache beschaffen sei. Der zweite Teil des Dialoges dient dazu, diese These mit
Hilfe der Eytmologie zu untermauern. Das geht dann freilich hin bis zur
Behauptung, daß das Rho das geeigenete Werkzeug zum Ausdruck von Bewegung sei,
weil die Zunge bei seiner Artikulierung nicht stillstehe, das Iota drücke das
Feine und Zarte aus, das am leichtesten durch alles hindurchgeht
etc.
|
| 176 |
Hennigfeld Jochem,
Geschichte der Sprachphilosophie. Antike und Mittelalter, Berlin-New York
1994, 49.
|
| 177 |
Dies führt bereits auf den Vergleich als Grundoperation und auf
die Problematik der Beschreibung des Einmaligen, des Individuellen, dem ob
seiner Natur mit Hilfe des Vergleiches nicht beizukommen ist.
|
| 178 |
Schwierig ist die
Interpretation von Platons Siebenten Brief, der mit manchen seiner Aussagen
jenen der Dialoge diametral gegenübersteht und der deshalb auch in seiner
vollständigen Echtheit in allen Teilen nicht unumstritten ist. Es wird in
diesem Brief erörtern, daß sich im Erkenntnisprozeß fünf Momente unterscheiden
ließen: (a) das Wort = Kreis; (b) Satz = Der Kreis ist dasjenige, dessen
äußere Umgrenzung überall denselben Abstand zur Mitte hat; (c) das Bild =
gezeichneter Kreis; (d) die Erkenntnis und wahre Ansicht (alethes doxa) =die Erkenntnis des Kreises hat ihren Ort in
der Seele, (e) das Erkennbare selbst in seinem wahrhaften Sein = das Sein des
Kreises an sich
|
| 179 |
Timaios 29a-d. |
| 180 |
Dieses Werk hat aber eine Reihe von einschlägigen Arbeiten der Peripatetiker
und der Stoiker ausgelöst und wir wissen, daß er darin drei Arten der Rede des
Rhetors definiert hat: die beratende Rede, die Gerichtsrede und die
Festrede.
|
| 181 |
Hennigfeld 100. |
| 182 |
Die ganze Arbeit hat mit 17 Kapiteln nur 23 Druckseiten im
Oktavformat.
|
| 183 |
Aristoteles. Philosophische
Schriften in sechs Bänden, Bd 1 Hamburg 1995, Porphyrius: Einleitung in die
Kategorien 1-23, 1 (übersetzt von Eugen Rolfes)
|
| 184 |
Lloyd 224 in
WdG.
|
| 185 |
Man unterscheidet zwischen (a) dem Wissen von den Dingen, (b) dem
Wissen, das in Sätzen über Dinge besteht und Lloyd 224 in WdG.
|
| 186 |
Lloyd
234 in WdG.
|
| 187 |
Der Begriff „Gnostiker“ ist sehr
schwierig. Im Sinne von griech. „gnosis“
(Erkenntnis) bezeichnete man damit in der frühchristlichen Zeit Intellektuelle
durchaus unterschiedlicher – jüdischer, christlicher wie paganer – Provenzienz.
Später ist der Begriff religiös auf nichtchristliche Richtungen eingeengt worden,
die christlicherseits angegriffen und in die Nähe der Häresie gerückt wurden, bis
man den Begriff überhaupt zusammenfassend für alle Häretiker anwandte.
|
| 188 |
Gombocz 243f. |
| 189 |
An den genannten nichtchristlichen Institutionen nahmen die
Neuplatoniker bald eine führende Stellung ein. Hier wirkten Heron von Alexandria
(um 60 n.), Ptolemaios (um 150 n.), Diophant (um 250 n.), Pappos (um 300 n.), Theon
von
Alexandria (Ende 4. Jh) und seine Tochter Hypatia. Wenn auch relativ wenig Originäres geschaffen worden ist, so
sind doch in sehr umfassenden und kritischen Kommentaren die Arbeiten der
Autoritäten wie Aristoteles, Archimedes etc. weiter verfeinert worden.
|
| 190 |
Gombocz 23. |
| 191 |
In die moderne Diktion übersetzt heißt dies, daß die
septem artes grundlagenorientiert und alle
anderen Disziplinen anwendungsorientiert seien.
|
| 192 |
Grammatik war in der
Unterrichtspraxis Latein, Lektüre einiger weniger Autoren und Verfassen dürftiger
Reime. Rhetorik war Abfassen von Briefen, Urkunden, Geschäftsstücken, eventuell
auch etwas Kanonisches Recht. Dialektik ist bald formale Logik, um "alle Spitzfindigkeiten der Ketzer zu sehen und
imstande zu sein, ihre gefährlichen Sophismen zu widerlegen" (Hrabanus
Maurus)
|
| 193 |
In
seinen Übersetzungen hat Boethius infolge des Ungenügens des lateinischen Wortschatzes
hinsichtlich der philosophischen Ansprüche eine Reihe von Neubildungen
vorgenommen, die sich rasch durchgesetzt haben.
|
| 194 |
Der Begriff Quadrivium wurde von
Boethius geprägt – „Hoc igitur illud
quadrivium est …“ heißt es in De
institutione arithmetica.
|
| 195 |
Dem entsprechend
gibt es auch zwei „Übersetzungen“ des Begriffs: septem artes liberales als die sieben freien Künste (der Freien) im
Gegensatz zu den artes illiberales, den
mechanischen, handwerklichen Künsten, die von den illiberales, den Unfreien, ausgeübt wurden.
|
| 196 |
Es sind dies: Differentiae
(Liste von Bedeutungsdifferenzen zwischen semantisch ähnlicher Wörter), Synonyma,
De rerum natura (ausgewählte Fragen zur Geographie und Astronomie), Liber
numerorum und die Etymologiae.
|
| 197 |
Man unterscheidet eine
Frühperiode von 395 bis 640, 640-840 Stillstand (Bildersturm etc.), 840-1453 große
Enzyklopädistik, literarische Hochblüte; das Schul- und Studienwesen erreicht im
12. Jh seinen Höhepunkt - großer Unterschied zur Entwicklung im Westen. Dennoch
aber vollzieht sich eine gewisse Erstarrung und es gelingt kein Durchbruch zu
wirklich bleibenden, originellen Leistungen.
|
| 198 |
Diese Institution wird verschiedentlich als
„Universität“ angesprochen, was jedoch zweifellos zu hoch gegriffen
ist.
|
| 199 |
In einer Fülle von Schriften – Apologien – wird das Christentum
gegen die vorgebrachte Anwürfe (Inzest, Kannibalismus, Anbetung der
Geschlechtsorgane des Oberpriesters, Kindesmord etc.) verteidigt.
|
| 200 |
Der - gescheiterte -
erste Versuch einer christlichen, aber auch jüdischen, hellenistischen
Religionsphilosophie, der zu einer Gefahr für die Kirche und deshalb abgelehnt
wird.
|
| 201 |
Auf ihn geht die Lehre vom verborgenenen Schriftsinn zurück, die
durch Beda
Venerabilis, Abaelard und bernhard von Clairvaux wieder aufgegriffen und später zur
Lehre vom vierfachen Schriftsinn ausgebaut wird.
|
| 202 |
Dieser Begriff ist nicht genau definiert. Als patres ecclesiae gelten jene Autoren, denen antiquitas competens (gehöriges Alter), doctrina orthodoxa), sanctitas
vitae und die ausdrückliche oder stillschweigende approbatio ecclesiae zukommt. Aus ihnen wurde eine kleinere
Zahl von Kirchenlehrern – doctores ecclesiae –
benannt, die durch eruditio eminens
ausgezeichnet scheinen; zu ihnen zählen Gregor der Große, Augustinus, Ambrosius und Hieronymus, später dann auch Hilarius
von
Poitiers, Petrus Chrysologus, Leo der Große und Isidor von
Sevilla sowie aus dem Osten Athanasius, Basilius der Große,
Cyrill von Jerusalem, Gregor von Nazianz und Johannes
von Damaskus. Den Titel doctor ecclesiae
erhielten weiters noch Beda
Venerabilis, Petrus Damiani, Anselm von
Canterbury, Bernhard von Clairvaux, Thomas von
Aquin, Bonaventura, Franz von Sales und Alfons von
Liquori.
|
| 203 |
Der Vorname Aurelius ist
nirgendwo aus der Zeit bezeugt, Gombocz 275.
|
| 204 |
Diese vertraten den Dualismus von Gut und Böse,
ließen auch in das Böse einen Teil des Göttlichen eingehen.
|
| 205 |
Gombocz 295 bezeichnet
Augustinus, den er für z.T. maßlos überschätzt hält, als „lateinischen Zettelkastenplatoniker“.
|
| 206 |
Mit großem
Erstaunen registriert er eine große Übereinstimmung zwischen Platon und der Heiligen Schrift; dies veranlaßt ihn zur Annahme, Platon
habe in Ägypten den Propheten Jeremias gehört. Als er findet, daß Platon erheblich
später gelebt haben muß als Jeremias, hält er es für möglich, daß Platon sich
durch einen Dolmetscher das Alte Testament habe übersetzen lassen; schließlich
hält er es sogar für möglich, daß Platon durch seine Erkenntnis der Welt von sich
aus der christlichen Aufassung so nahe gekommen sei.
|
| 207 |
Diese
seine Interpretation wurde angeregt durch die Eroberung Roms durch den
Westgotenkönig Alarich 410. Das Werk in 22 Büchern entstand in den Jahren
413-426.
|
| 208 |
Die Grundidee des Augustinus war, daß durch den Abfall von Engeln der Gottestaats in
seiner Bevölkerung dezimiert worden sei und nun durch Menschen aufgefüllt werden
müsse, die eben dieser Gnade teilhaftig werden sollen. Gombocz 300-305, hält das
Werk für „nur mit Mühe verständlich“,
bezeichnet es aber doch als das wichtigste des Augustinus.
|
| 209 |
Zitat nach Kessler Uni München Nr 14 (De
doctrina christiana II,60, edd. G. Combes und M. Farges, Paris 1990,
330).
|
| 210 |
Die Abbasiden lösten 750
die vielfach als zu weltlich angesehenen Umayyaden ab und leiteten eine unerhört
fruchtbare wirtschaftliche, soziale und kulturelle Aufwärtsentwicklung ein, die
gewissermaßen die Blütezeit des Islam schlechthin darstellt, allerdings im 9. Jh
bereits an Kraft verlor. Das Abbasidenreich begann zu zerbröckeln, 1258 eroberte
Hulagu (ein Enkel des Dschingis Khan) Bagdad. Die Abbasiden fristeten
als Dynastie ihr weiteres Dasein in Ägypten, verloren aber erst zu Beginn des
16. Jhs das Kalifat an die Osmanen.
|
| 211 |
Er beginnt mit den Worten: „Lies im
Namen deines Herrn. Der erschuf. Erschuf den Menschen aus einem Klumpen Blut.
Lies, denn dein Herr ist der Allgütige. Der den Menschen lehrt durch die Feder.
Den Menschen lehrte, was er nicht wußte."
|
| 212 |
Dazu Mohamed Mansour, Wissenschaft
und Tradition im Islam. In: Wissenschaft und Tradition, hg von Paul Feyerabend und
Christian Thomas, Zürich, 1983, 39-43. Dieselbe Auffassung findet sich sehr ähnlich
schon bei Augustinus, wenn er die Auffassung vertritt, dass man sich bedienen solle,
wo man Brauchbares finde: man solle von den Platonikern übernehmen, „als wären sie unrechtmäßige Besitzer“, s. Kessler
in Uni
München |
| 213 |
Jakob Teichmann, „Gepriesen seist Du, der Du das
Wissen gibst“. Tägliches Gebet.: In: Wissenschaft und Tradition, hg von Paul
Feyerabend und Christian Thomas, Zürich, 1983, 23-27.
|
| 214 |
751 fallen einem Untergebenen des Kalifen von Bagdad
bei einem Streifzug gegen die Turkstämme an der chinesischen Grenze zwei
Spezialisten in die Hände, die der (von den Chinesen geheimgehaltenen)
Papiererzeugung kundig sind. Sofort nahm man in Bagdad und kurz darauf auch in
anderen Städten des arabischen Bereiches die Papiererzeugung auf. Da man aber nicht
über die in China dafür verwendeten Pflanzen verfügte, mengte man Hadern, Lumpen und
Leim bei, womit das Baumwollpapier erfunden war. Bereits 794 wird in Bagdad eine
"Reichspapierfabrik" eröffnet, wenig später eine zweite in Damaskus. Aber erst um
1150 eine in Spanien, von wo aus die Transferierung in den christlichen Bereichen –
Italien und Frankreich zuerst – erfolgt.
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| 215 |
Julius Ruska, Zur ältesten arabischen Algebra und Rechenkunst, in: SB
Heidelberg 1917,1-125 – hier nach Sezgin 5, 8.
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| 216 |
In seiner Einleitung zum Kommentar
der aristotelischen Physik schreibt Averroes: „Aristoteles [...] war [...] der Erfinder dieser
drei Wissenschaften, nämlich der Wissenschaft der Logik, der göttlichen
Wissenschaft [Metaphysik] und der Wissenschaft
von der Natur und hat sie selbst vollendet. [...] nachdem die Bücher dieses Mannes bekannt geworden waren, wurden die
Bücher seiner Vorgänger verworfen und abgeschafft. Von den Büchern aber, die vor
ihm über diese Dinge als wissenschaftliche Lehrbücher veröffentlicht wurden,
kommen ihm am nächsten die Bücher Platons [...] niemand von denen, die nach
ihm [Aristoteles] kamen bis auf unsere Zeit,
d.h. in fast 1500 Jahren, war in der Lage, dem, was er behandelt hat, irgendetwas
hinzuzufügen oder irgendetwas, was von Gewicht oder erwägenswert gewesen wäre,
dagegen einzuwenden [...] Solches aber in einem einzigen Individuum anzutreffen
ist befremdend und höchst wunderbar. Wenn man das aber tatsächlich in einem Manne
findet, muß man es eher einem göttlichen als einem menschlichen Wesen zuschreiben.
Und deshalb nannten ihn die Alten’göttlich’“, nach Kessler Uni München Nr 60, dort
nach der Averroes-Ausgabe Venedig 1562-1574, Reprint Frankfurt 1962, IV 4-5. In
seiner „Destructio destructionum“ formuliert Averroes: „Die Lehre des Aristoteles ist die höchste Wahrheit; denn
sein Intellekt war die Vollendung des menschlichen Intellektes. Deshalb sagt man
richtig von ihm, dass er geschaffen und uns von der göttlichen Vorsehung geschenkt
wurde, damit wir nicht unwissend darüber blieben, was gewusst werden kann“.,
nach Kessler Uni München Nr 62
zitiert nach Jacob Brukker, Historia Critica Philosophiae, Leipzig 1766, III,
105.
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| 217 |
Dieses
Wort bedeutet soviel wie Separatist, Sektierer, bezeichnet somit jemanden, der von
der allgemein anerkannten Lehre abweicht.
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| 218 |
In späteren Zeiten, etwa ab 1000
sind die Wissenschaftler – wie etwa Avicenna
und später dann Ibn
Khaldun – allerdings in Ermangelung ernsthafter Financiers sehr oft
Fahrende, ja auch Flüchtlinge in den Wirrnissen der rasch und vielfältig sich
ändernden politischen Verhältnisse und despotischer Herrscher.
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| 219 |
1936 hat der Ägypter Ahmad Amin erklärt: "Die Zurückweisung der Mu'tazila war das größte Unglück, das die
Muslime traf. Sie haben damit ein Verbrechen gegen sich selbst verübt" (Toby
Lester, What Is The Koran? p.
13; aus Wikipedia).
|
| 220 |
Nicht wenige
Entwicklungen, die wir aus der Rezeptionsgeschichte der griechischen Philosophie
durch das Christentum im Mittelalter kennen, haben sich auch im Islam vollzogen: der
Universalienstreit, die Hinwendung zur Mystik und eben auch die Auseinandersetzung
zwischen ratio und fides.
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| 221 |
S. dazu
Francoise Michaud, Scientific institutions in the medieval Near East. In: EHAS III
985-1007.
|
| 222 |
Kurt Flasch, Einführung in die Philosophie des Mittelalters, 3.Aufl.
Darmstadt 1994, 117.
|
| 223 |
Ein Beispiel ist Shibab al-din
Abu-l’Abbas Ahmad ibn Abd al-Wahhab Al-Nuwairi al Bakri al-Kindi al-Shafii (1279-1332), ein ägyptischer
Enzyklopädist und Historiker, war in der mameluckischen Verwaltung tätig. Er
arbeitete 20 Jahre an seinem Werk, einer riesigen enzyklopädischen Kompilation in
fünf, ihrerseits feiner untergliederten Büchern mit dem Titel „Nihayat al-arab fi
funun al-adab“: 1 Kosmologie und Geographie, 2 Der Mensch – Ethik und Politik,
3 Tiere, 4 Pflanzen, 5 Geschichte. Link Abb aus Sarton 3,620f.
|
| 224 |
Kairo ist als Hauptstadt
des Fatimidenstaates (969–1171) groß geworden. Die bedeutenste Persönlichkeit war
der Kalif al-Hakim (996-1021), dessen Bild in der Quellen recht widersprüchlich ist
– es schwankt zwischen dem eines blutrünstigen, wahnsinnigen Tyrannen und einem
Förderer der Wissenschaften. Institutionell war der Wissenschaftsbetrieb in den
Medresen angesiedelt. S. dazu Bärbel Köhler, Die Wissenschaft unter den ägyptischen
Fatimiden, Hildesheim 1994 (= Arabistische Texte und Studien 6).
|
| 225 |
Dazu s.w.u. den Abschnitt
zur Entwicklung der Naturwissenschaften bei den Muslimen.
|
| 226 |
Es ist dies eine – im
Wesen sicherlich zutreffende – Einschätzung aus wesentlich französischer und
zugleich muslimischer Sicht, die Roshdi Rashed 1993 im Vorwort der von ihm
herausgegebenen Encyclopedia of the History of Arabaic Science, 3 Bde London –
New York 1996, I ixf. formuliert: „[…] German
Romantic philosophy, and the German school of philology […] had given considerable impetus to the philological and historical
disciplines. The history of Arabic science gained from this rapid expansion,
before becoming its victim: the study of Greek or Latin scientific texts could not
longer eschew the Arabic works; but the snare of history through languages
[…] enmeshed the history of Arabic science and
bore it into retreat.”
|
| 227 |
Ein berühmtes Beispiel dafür ist
der bedeutende französische Wissenschaftshistoriker Pierre Duhem, der das so
formulierte: “Die Inspiration durch die Erkenntnisse
der Griechen [...] endete mit dem Almagest des
Ptolemaios [...] Darnach setzte der Niedergang
der alten Gelehrsamkeit, deren Werke [...]
ausgetrockneten Samen gleich auf den Augenblick warteten, in dem ihr die
lateinische Christenheit einen neuen fruchtbaren Boden bieten würde, auf die sie
neuerlich blühen und Früchte tragen konnten“; er sprach den Muslimen jegliche
Originalität ab. Arthur Koestler 1968 in seinem Buch „The Sleepwalkers“, London
1968, 105: „But the Arabs had merely been the
go-betweens, preservers and transmitters of the heritage. They had little
scientific originality and creativeness of their own. During the centuries when
they were the sole keepers of the treasure, they did little to put it to use. They
improved on calendrical astronomy and made excellent planetary tables; they
elaborated both the Aristotelian and the Ptolemaic models of the universe; they
imported into Europe the Indian system of numerals based on the symbol zero, the
sine function, and the use of algebraic methods, but they did not advance
theoretical science. […] With Euclid,
Aristotle, Archimedes, Ptolemy and Galen recovered, science could start again
where it had felt off a millennium earlier. As soon as it was reincorporated into
Latin civilization, it bored immediate and abundant fruit“. Ähnlich hatte
zuvor Thomas S. Kuhn geurteilt:”The Moslems
were seldom radical innovators in scientific theory. Their astronomy, in
particular, developed almost exclusively within the technical and the cosmological
tradition established in classical antiquity. Therefore, from our present
restricted viewpoint, Islamic civilisation is important primarily because it
preserved and proliferated the records of ancient Greek science for later European
scholars“, Kuhn, The Copernican Revolution: Planetary Astronomy in the
Development of Western Thought, Harvard University Press 1957, 101. – Diese Zitate
nach der Arbeit von Hassan Tahiri, The birth of scientific controversies.
The dynamics of the Arabic tradition and its impact on the development of science:
Ibn al-Haytham’s
challenge of Ptolemy’s Almagest (Université de Lille 3, MSH Nord-Pas de
Calais)
|
| 228 |
So
Mohammad Abdallah in www.fontaene.de, wo es
heißt: „In der islamischen Welt und im Rest der Welt
sind die Leistungen muslimischer Wissenschaftler sogar noch unbekannter als im
Westen. In arabischer Sprache ist nahezu kein ernsthaftes modernes Werk von
allgemeiner Natur über die islamische Wissenschaft erhältlich. Und nur sehr wenige
Forschungsarbeiten der vergangenen 50 Jahre sind in der islamischen Welt
bekannt“.
|
| 229 |
Man unterscheidet
zwischen (a) dem Wissen von den Dingen, (b) dem Wissen, das in Sätzen über Dinge
besteht und Lloyd 224 in WdG. Fuat Szegin, Geschichte des arabischen Schrifttums, 13
Bde Frankfurt am Main 1967-2000 (= ab 2000: Veröffentlichungen des Instituts für
Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften, hg von Fuat Sezgin): Bd 1:
Leiden 1967: Qur’ânwissenschaften, Hadît, Geschichte, Fiqh, Dogmatik, Mystik bis ca.
430 H.; Bd 2: Leiden 1975: Poesie bis ca. 430 H. Bd 3: Medizin, Pharmazie, Zoologie,
Tierheilkunde bis ca. 430 H., Leiden 1970; Bd 4: Alchimie, Chemie, Botanik,
Agrikultur bis ca. 430 H., Leiden 1971; Bd 5: Mathematik bis ca. 430 H. , Leiden
1974; Bd 6: Astronomie bis ca. 430 H. , Leiden 1978 Bd 7: Astrologie, Meteorologie
und Verwandtes bis ca. 430 H. , Leiden 1979; Bd 8: Lexikographie bis ca. 430 H. ,
Leiden 1982; Bd 9: Grammatik bis ca. 430 H. , Leiden 1984; Bd 10: Mathematische
Geographie und Kartographie im Islam und ihr Fortleben im Abendland, historische
Darstellung, Teil 1, Frankfurt 2000 Bd 11: Mathematische Geographie und Kartographie
im Islam und ihr Fortleben im Abendland, historische Darstellung, Teil 2, Frankfurt
2000; Bd 12: Mathematische Geographie und Kartographie im Islam und ihr Fortleben im
Abendland, Kartenband, Frankfurt 2000.
|
| 230 |
Eine besondere Stellung nimmt dabei die Bewertung des Einflusses der
muslimischen Astronomen in Maragha auf Kopernikus ein.
|
| 231 |
Al-Mamun machte 827
die Auffassung der Mutaziliten, daß der Koran vom Menschen erschaffen sei, zur
Staatsdoktrin.
|
| 232 |
Es war dies jene Einrichtung, in die ein Teil der 529 in Byzanz
durch die Schließung der „Akademie“ und die Verfolgung paganer Lehrer heimatlos
gewordenen neuplatonischen Wissenschaftler emigrierte (sie kehrten allerdings
schon nach etwa einem Jahr wieder in den Westen zurück). In
Jundischapur/Gondeschapur (im südwestlichen Iran, ca. 10 km südlich vom heutigen
Dezful, nördlich des Schat-el-Arab) wurden zahlreiche Texte zur Philosophie,
Medizin, Mathematik, Astronomie und Astrologie aus dem Griechischen, dem Sanskrit
und dem Chinesischen in Pahlewi (Mittelpersisch) übersetzt. Eine besondere
Errungschaft war, daß diese Anstalt über ein eigenes Lehrkrankenhaus (das älteste
bekannte) verfügte und überhaupt in der Medizin eine hervorragende Stellung
einnahm. Sie wurden von den Muslimen übernommen und bestand bis in das
10. Jh.
|
| 233 |
Nestorius war um 428 Patriarch von Konstantinopel und bekämpfte die
Aufassung, daß Jesus göttlicher Natur sei, für ihn war er Mensch, in dem die
göttliche Natur wie in einem Tempel wohnte; deshalb lehnte er auch die
Marienverehrung ab; auf dem Konzil von Ephesos 431 wurde seine Lehre verurteilt
und er nach Ägypten verbannt, wo er 450 starb. Seine Anhänger gingen nach Syrien,
ins Perserreich der Sassaniden (wohin auch die 529 aus Athen vertriebenen
Akademiemitglieder gingen) und nach Indien.
|
| 234 |
Im Rahmen eines
Friedensvertrages mit Byzanz hat Al-Mamun den Byzantinern auferlegt, ihm von
jedem in den byzantinischen Bibliotheken vorhandenen Werk ein Exemplar zur
Übersetzung zu überlassen! Unter diesen Werken befand sich auch der
Almagest.
|
| 235 |
Der berühmte arabische
Mathematiker Al-Haytham pflegte jährlich einmal den Euklid und den Almagest in Übersetzung abzuschreiben und zu verkaufen,
um davon zu leben!
|
| 236 |
Rom war damals ein besseres
Dorf.
|
| 237 |
Zu dieser Thematik s. Jean
Jolivet, Classification of the sciences. In: EHAS III 1008-1025.
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| 238 |
Sufismus (arab.
Tasawwuf): mystische Bewegung ab 700, die von endzeitlichen Drohungen im Koran
ausgeht (möglicherweise auch christliche und buddhistische Einflüsse);
bestimmt von der Liebe zu Gott, der alleinwirkend ist - Ausartung hin bis zu
völliger Sorg- und Tatenlosigkeit im Kismet; verschiedene Richtungen. Predigt
Verinnerlichung gegenüber der starken Gesetzlichkeit des Islam.
|
| 239 |
Averroes wandte sich in späteren
Jahren der Medizin zu, für welche er die große Enzyklopädie Colliget <
arab. Kullijat = Universalia verfaßte, die der des Rhases und des
Avicenna zur Seite zu stellen ist. Averroes hat u.a. die Funktion der Netzhaut erkannt. Er hinterließ
auch astronomische Schriften.
|
| 240 |
Man unterscheidet
zwischen (a) dem Wissen von den Dingen, (b) dem Wissen, das in Sätzen über Dinge
besteht und Lloyd 224 in WdG. Fuat Szegin, Geschichte des arabischen
Schrifttums, 13 Bde Frankfurt am Main 1967-2000 (= ab 2000: Veröffentlichungen
des Instituts für Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften, hg von
Fuat Sezgin): Bd 1: Leiden 1967: Qur’ânwissenschaften, Hadît, Geschichte, Fiqh,
Dogmatik, Mystik bis ca. 430 H.; Bd 2: Leiden 1975: Poesie bis ca. 430 H. Bd 3:
Medizin, Pharmazie, Zoologie, Tierheilkunde bis ca. 430 H., Leiden 1970; Bd 4:
Alchimie, Chemie, Botanik, Agrikultur bis ca. 430 H., Leiden 1971; Bd 5:
Mathematik bis ca. 430 H. , Leiden 1974; Bd 6: Astronomie bis ca. 430 H. ,
Leiden 1978 Die Biographie des Averroes ist außerordentlich schwierig, weil sein Großvater, sein
Vater und sein ältester Sohn jeweils genau denselben Namen führrten, sodaß diese
Personen nur sehr schwer von einander zu unterscheiden sind: (a) Großvater:
abu-l-Walid Muhammed ibn Ahmed ibn Rushd; (b) Philosoph: abu-l-Walid Muhammed
ibn Ahmed ibn Muhammed ibn Rushd. So ist die Namenskette in vier Gliedern
identisch, beide waren außerdem ebenfalls Juristen und Kadis.
|
| 241 |
Über diese doppelte Wahrheit kann man in der Literatur höchst
Unterschiedliches lesen, ja sie wird für den echten, arabischen Averroes sogar geleugnet und als Mißinterpretation dargestellt. Im
Prinzip geht es darum, dass Philosophie und Theologie von einander separiert
und mit jeweils eigenem Wirkungskreis gesehen würden, womit letztlich beide
selbst im Falle des Widerspruchs auf ihre Weise Recht haben könnten. Diese
Vorstellung ist kirchlicherseits 1513 und 1870 durch Konzilien verworfen
worden..
|
| 242 |
Al-Haytham argumentiert: “It becomes clear, from all that we have shown so far, that the configuration,
which Ptolemy had established for the motion of the five planets, is a false
configuration, and that the motions of these planets must have a correct
configuration, which includes bodies moving in a uniform, perpetual, and
continuous motion, without having to suffer contradiction, or be blemished by
any doubt. That configuration must be other than the one established by
Ptolemy.” Nach Hassan Tahiri, The birth of
scientific controversies (s.o.), der diese Auseiandersetzung eingehend
behandelt.
|
| 243 |
Saliba, G.: ‘Arabic versus
Greek Astronomy: A Debate over the Foundations of Science’, Perspectives on
Science 8.4, pp. 328-341, 331 (nach Tahiri 24).
|
| 244 |
S. dazu w.u. die Ausführungen zur griechischen
Astronomie. – „Die Rettung der Erscheinungen“, „ΣΩΖΕΙΝ ΤΑΦΑΙΝΟΜΕΝΑ: Essai sur la
notion de théorie physique“, ist auch der Titel der 1994 erschienenen
Kurzfassung von Pierre Duhems zehnbändigem Hauptwerk Le système du
monde. Histoire des doctrines cosmologiques de Platon à Copernic, Paris (Tahiri
35).
|
| 245 |
Tahiri 22-24 erörtert
eingehend Interpretations- und Übersetzungsprobleme bezüglich zentraler Stellen
des arabischen Wortlautes, wie dies in ganz ähnlicher Weise etwa im Zusammenhang
mit der Bewegungslehre in Bezug auf Aristoteles und andere Autoren der Fall ist..
|
| 246 |
„God has not preserved the scientist from error and has not
safeguarded science from shortcomings and faults.“, Tahiri
25.
|
| 247 |
Es
wird in der einschlägigen Literatur immer wieder auf den Umstand hingewiesen,
dass eine enorme Fülle von Manuskripten in arabischer und persischer Sprache
noch nie eingesehen, d.h. überhaupt nicht in den wissenschaftshistorischen
Arbeitsprozess einbezogen worden ist, sodass eine abschließenden Beurteilung
nicht möglich ist.
|
| 248 |
Bis in das 20. Jh wurde in den Synagogen ein von Meir von
Rothenburg (hatte den Beinamen "Licht des Exils"), der Zeuge dieser
Vorgänge war, im Gedenken daran verfaßtes Lied gesungen.
|
| 249 |
Moses ben Shentob (ca. 12501305, war ursrpünglich ein Schüler des Maimonides) gilt als Verfasser der wichtigsten jüdisch-kabbalistischen
Schrift, des Sohar (Buch des Glanzes), das in der Gestalt eines Kommentars zum
Pentateuch eine Zusammenfassung der kabbalistischen Lehren bietet (es ist in
aramäischer Sprache verfasst und dürfte wesentlich ältere Teile verarbeitet
haben). Ein Großteil der kabbalistischen Schriften ist anonym oder pseudonym. –
Später ist der Begriff Kabbala auch über die jüdische Mystik hinaus verwendet
worden, man spricht auch von einer christlichen Kabbala etc.
|
| 250 |
Der Begriff Scholastiker, mit
dem die Lehrer der septem artes liberales
bezeichnet wurden, wird bald ausgeweitet auf alle, die sich schulmäßig mit
den Wissenschaften beschäftigen - der Begriff selbst findet sich schon bei Theophrast, und gelangt über die römische Welt in das
Mittelalter.
|
| 251 |
Man unterscheidet zwischen (a)
dem Wissen von den Dingen, (b) dem Wissen, das in Sätzen über Dinge besteht und
Lloyd 224 in WdG. Fuat Szegin, Geschichte des arabischen Schrifttums, 13 Bde
Frankfurt am Main 1967-2000 (= ab 2000: Veröffentlichungen des Instituts für
Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften, hg von Fuat Sezgin): Bd 1:
Leiden 1967: Qur’ânwissenschaften, Hadît, Geschichte, Fiqh, Dogmatik, Mystik bis
ca. 430 H.; Bd 2: Leiden 1975: Poesie bis ca. 430 H. Bd 3: Medizin, Pharmazie,
Zoologie, Tierheilkunde bis ca. 430 H., Leiden 1970; Bd 4: Alchimie, Chemie,
Botanik, Agrikultur bis ca. 430 H., Leiden 1971; Bd 5: Mathematik bis ca. 430 H. ,
Leiden 1974; Bd 6: Astronomie bis ca. 430 H. , Leiden 1978 Die Biographie des
Averroes ist außerordentlich schwierig, weil sein Großvater, sein Vater
und sein ältester Sohn jeweils genau denselben Namen führrten, sodaß diese
Personen nur sehr schwer von einander zu unterscheiden sind: (a) Großvater:
abu-l-Walid Muhammed ibn Ahmed ibn Rushd; (b) Philosoph: abu-l-Walid Muhammed ibn
Ahmed ibn Muhammed ibn Rushd. Es werden folgende Epochen der Scholastik
unterschieden: (a) Vorscholastik =karolingische Renaissance > ca1050/1100;
(b) Frühscholastik =ca. 1. H. 11. Jh bis ca.1240 = Zeit der Grundlegung und
Vorbereitung; (c) Hochscholastik = 1240-1300 = Zeit der großen Systeme; (d)
Spätscholastik = 1300 bis in die Renaissance = Ausbildung fester Schulsysteme,
Erstarren und Zerfall Hier nach Gombocz 236; Grabmann setzte die
Anfänge der einzelnen Phasen etwas früher an (Hochscholastik z.B.
1200-1344).
|
| 252 |
Manche der Methoden werden
bereits aus der griechischen Scholastik übernommen, so z.B. die Literalkommentare,
die den Text Wort für Wort begleiten.
|
| 253 |
Gaius Marius Victorinus war in der Mitte des 4. Jhs ein
gefeierter Rhetoriklehrer in Rom, der ein Lehrbuch der Grammatik, Übersetzungen
und Kommentare von Platon und Aristoteles schuf und nach seinem Übertritt zum
Christentum dieses mit der neuplatonischen Metaphysik in Einklang zu bringen
suchte.
|
| 254 |
Die beiden
letztgenannten Begriffe beziehen sich auf die Zerlegung eines Problems in
Teilprobleme bzw. die Bloßlegung unterschiedlicher
Argumentationsstränge.
|
| 255 |
Ein schönes Beispiel für eine klassisch scholastische Erörterung
eines Problems gibt Kessler 77!!!! mit Radulphus Brito († 1320): Quaestiones super
Priscianum minorem, q. 1; 2 Bde., edd. W. Enders / J.Pinborg (Grammatica
speculativa 3) Stuttgart-Bad Cannstatt 1980, Bd. 1, 89: (1) In Hinblick auf den
Priscianus Minor wird zuerst gefragt, ob die Grammatik eine Wissenschaft
(scientia) ist, und es wird argumentiert, daß sie es nicht ist, denn jede
Wissenschaft geht aus Notwendigem hervor (est ex necessariis) und die Grammatik
geht nicht aus Notwendigem hervor, also usw. Der Obersatz ist offenbar aufgrund
der Analytica posteriora [I, 2; 71 b 9-18 s.oben, Nr. 53]. Denn Wissenschaft geht
aus dem hervor, was sich unmöglich anders verhalten kann, wie offenbar ist durch
die Definition der Wissenschaft, die dort gegeben wird, so daß jenes, von dem es
Wissenschaft gibt, sich unmöglich anders verhalten kann und folglich notwendig
ist. Der Untersatz ist offenbar, da die Sprache (sermo), von der die Grammatik
handelt, nicht etwas Notwendiges ist, da sie nach unserem Willen ist (est ad
voluntatem nostram) [Vgl. Aristoteles: De interpretatione 2; 16a19: "Nomen ergo
est vox significativa secundum placitum sine tempore": Der Name ist also ein nach
Belieben und ohne Zeitangabe bezeichnender Laut, vgl. auch oben, Nr. 56) und etwas
Derartiges nicht notwendig ist. (2) Ebenso: Jede Wissenschaft ist ein und dieselbe
bei allen. Die Grammatik ist nicht ein und dieselbe bei allen. Also usw. Der
Obersatz ist offenbar. Beweis des Untersatzes: denn eines ist die Grammatik im
Griechischen und etwas anderes im Lateinischen...
|
| 256 |
Irenaeus, 137/140, ab 177/8 BF von Lyon, verfaßte wesentliche
Schriften gegen die Gnostiker: der menschliche Geist könne zwar durch Vernunft
und Offenbarung zu Gotteserkenntnis gelangen, könne Gott aber nicht begreifen;
das angebliche Wissen der Gnostiker um die unaussprechlichen Geheimnisse Gottes
und um das wahre menschliche Schicksal sei nichts als Hochmut und Selbstbetrug
von Häretikern, Gombocz 244.
|
| 257 |
Daß Platon im Timaios ohne die
creatio ex nihilo auskommt, wird ihm in
dieser Zeit bereits als ein ernster Fehler vorgeworfen.
|
| 258 |
Augustinus spricht von zwei Büchern: liber scripturae und liber creaturae. Die Buch-Metapher zieht sich das ganze
Mittelalter hindurch und ist bis heute sprichwörtlich vorhanden – Buch der
Natur, in einem Menschen wie in einem Buch lesen etc.
|
| 259 |
Dazu w.u. zu den
Oxford calculators und zu Nicole Oresme. Im 16. und 17. JH gewinnt der mos geometricus neuerlich als Ideal der Erkenntnisgewissheit an
Bedeutung.
|
| 260 |
Dieser dürfte
im Wesentlichen der Verfasser der „Libri Carolini“ gewesen sein, Alkuin hat zweifellos mitgearbeitet.
|
| 261 |
1225
wurde der Besitz seiner Schrift von PP Honorius III. mit Todesstrafe
bedroht, vorhandene Schriften waren zur Verbrennung nach Rom zu übersenden; 1684
wurde De divisione naturae in den Index librorum prohibitorum aufgenommen,
Gombocz 372.
|
| 262 |
Wir können nur drei Dinge über
ihn aussagen: daß er ist, weise ist und Leben ist.
|
| 263 |
Im Verlaufe des Hochmittelalters verlieren die Klosterschulen
gegenüber den Domschulen an Boden. Außerdem entsteht, vor allem in Norditalien,
eine größere Zahl von städtischen Schulen und schließlich kommen Studia
generalia, die Unversitäten auf.
|
| 264 |
Hugo von St. Victor schreibt beispielsweise in seinem Didascalion
„Die Schriften der Philosophen strahlen wie
eine Wand aus Schlamm, die weiß getüncht ist, gewaltig nach Außen im Glanze
der sprachlichen Formulierungen, denn wenn sie manchmal auch den Schein der
Wahrheit vorschützen, so ist ihm doch das Falsche beigemischt, und so
verdecken sie den Schlamm des Irrtums, als würden sie ihn mit einer äußeren
Farbe überziehen“. Nach Kessler Uni
München Nr 42, zitiert aus der Ausgabe von Ch. H. Buttimer,
Washington 1939, 70, 12-16.
|
| 265 |
Gombocz 383-388. |
| 266 |
Johannes
von Salisbury geht von Paris nach Benevent, Canterbury und Chartres,
Thomas
von Aquin lehrt in Köln, Paris und Neapel, Johannes Duns
Scotus in Oxford, Paris und Köln, William of Ockham lebt in Oxford,
Avignon und München.
|
| 267 |
Das einzig überlieferte Exemplar von Berengars Antwort
auf Lanfranc hat Gotthold Ephraim Lessing in Wolfenbüttel
entdeckt.
|
| 268 |
Gombocz
390.
|
| 269 |
Dieser geht aus von der Gottes-Definition „id
quo nihil maius cogitari potest“ (Gott sei, worüber hinaus nichts
Größeres gedacht werden könne); in einem rein logischen Schlußverfahren
erweist Anselm, daß dieses „worüber hinaus nichts Größeres
gedacht werden könne“ real existieren müsse. Dieser Gottesbeweis beschäftigt
seit nun 900 Jahren die Philosophen, auch wenn er als nicht wirklich schlüssig
betrachtet werden kann, was auch schon Anselms Zeitgenosse Gaunilo und später Kant festgestellt haben, der bemerkte, daß aus dem Denken heraus ein
Sein Gottes in der Wirklichkeit nicht folgen müsse. „Die Einsprüche gegen Logik und Semantik sowie die
Widerlegungsversuche des Proslogionbeweises sind ebenso Legion wie Argumente
gegen die eine oder andere axiomatische Voraussetzung Anselms – und das seit
900 Jahren!“, Gombocz 407.
|
| 270 |
Darüber hinaus ist Anselm als hervorragender Sprachphilosoph
innerhalb der Scholastik einzustufen. Im Universalienstreit nahm er eine
strikt realistische Position ein.
|
| 271 |
Über Gaunilo von Marmoutiers, gest. 1083, ist
außer seinem Todesdatum und seiner in Auseinandersetzung mit Anselm
von Canterbury verfassten Schrift nichts bekannt. Anselm hat aber angeordnet, dass künftig die Kritik Gaunilos samt seiner (Anselms) Entgegnung dem
Proslogion als Anhang hinzuzufügen sei; damit war die Überlieferung
sichergestellt.
|
| 272 |
Anselm hatte einen Narren als Dialogpartner gewählt, der die
Position des Atheisten zu vertreten hatte.
|
| 273 |
Hier natürlich in Bezug auf das
Universalienproblem.
|
| 274 |
Dazu das „Insel-Beispiel“,
s. Burkhard Mojsisch, Anselm von Canterbury. In: Philosophen des Mittelalters.
Eine Einführung, hg. Von Theo Kobusch, Darmstadt 2000, 42-53,
50f..
|
| 275 |
Gombocz 392 bemerkt treffend, dass vor dem 13. Jh „eine Trennung des christlich-abendländischen Denkens in die
Provinzen von Theologie und Philosophie weder opportun noch wirklich
möglich“ gewesen sei.
|
| 276 |
In der Ostkirche war –
unbemerkt vom Abendland – als Dogma formuliert worden, daß der Hl. Geist „aus dem Vater“ hervorgehe, während im
Westen, bei Augustinus vor allem) die Ansicht vertreten wurde, „aus dem Vater und dem Sohn“ (filioque). Unter dem Einfluß des Schismas
von 1054 wurde die Beibehaltung bzw. Weglassung des filioque intensiviert argumentiert.
|
| 277 |
Porphyrios schreibt im ersten Kapitel: „Mox de generibus ac speciebus illud quidem, sive subsistunt,
sive in solis nudisque intellectibus posita sunt, sive subsistentia
corporalia sunt an incorporalia, et utrum seperata a sensibilibus ac in
sensibilibus posita ac circa ea constantia, dicere recusabo“ - „Was, um
gleich mit diesem anzufangen, bei den Gattungen und Arten die Frage angeht, ob
sie etwas Wirkliches sind oder nur auf unseren Vorstellungen beruhen, und ob
sie, wenn Wirkliches, körperlich oder unkörperlich sind, endlich, ob sie
getrennt für sich oder in und an dem Sinnlichen auftreten, so lehne ich es ab,
hiervon zu reden, da eine solche Untersuchung sehr tief geht und eine
umfangreichere Erörterung fordert, als sie hier angestellt werden
kann.“.
|
| 278 |
Zur Geschichte des
Unversalienstreit nunmehr Alain de Libera, Der Universalienstreit. Von Platon
bis zum Ende des Mittelalters, München 2005 (Originalausgabe: La querelle des
universaux, Paris 1996).
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| 279 |
„Est autem universale vocabulum“, dann „universale est vox“ und schließlich – ungleich präziser –
„universale est sermo“, indem er
zwischen vox als physischem Laut und sermo als Wort nach dem vom Menschen
willkürlich festgelegten Sinn unterscheidet.
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| 280 |
Abaelard beruft sich dabei auf Aristoteles, Kategorien Kap. 7, wo es
zum Anschluß heißt: „Es ist vielleicht schwer,
sich über diese Fragen bestimmt auszusprechen, ohne sie wiederholt erwogen
zu haben. Jedenfalls ist es nicht ohne Nutzen, die Zweifel hervorzuheben,
die hier bezüglich der einzelnen Punkte bestehen können“.
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| 281 |
Unter Sentenzen verstand man ursprünglich die Sammlung von
Zitaten aus der Bibel und aus den Kirchenvätern, den auctoritates, in systematischer Anordnung.
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| 282 |
In der Frühzeit besteht
zwischen Sentenzen und Summen kein wesentlicher Unterschied, später formt sich
die Summa im Gegensatz zu den Sentenzen zu einer selbständigen systematischen,
aber eher kurze, überschaubaren Darstellung eines bestimmten Bereiches
aus.
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| 283 |
I Gott als das absolut Gute, II die Kreaturen, III die
Menschwerdung, Erlösung und Tugenden, IV die sieben Sakramente und die letzten
Dinge.
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| 284 |
So
Gombocz in seinem Kapitel „Kein Fideismus“ 315-317 – und damit in Gegensatz zu
gängigen Darstellungen, z.B. bei Martin Grabmann, Mittelalterliches
Geistesleben. Abhandlungen zur Geschichte der Scholastik und Mystik, 2 Bde
München 1926-1936, darin in 2. Band: Augustins Lehre von Glauben und Wissen
und ihr Einfluß auf das mittelalterliche Denken, II 35-62.
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| 285 |
Es gibt allerdings Formulierungen bei Augustinus, die einer fideistischen Interpretation, d.h. der
Vorstellung von dere Dominanz des Glaubens über die Vernunft, günstig
sind.
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| 286 |
Gombocz 317. |
| 287 |
Es ist in diesem Zusammenhang
daran zu erinnern, dass das erste Übersetzungswerk wegen des Desinteresses der
Muslime an der klassischen Poesie und Historiographie fast ausschließlich
philosophische und mathematisch-naturwissenschaftliche Arbeiten erfasst hatte,
sodaß z.B. die antiken Tragiker erst in der Renaissance bekannt
wurden.
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| 288 |
Martin Grabmann, einer der
besten Kenner der Scholastik, spricht vom Übersetzungswerk als von einem mächtig
angeschwollenen Strom, der wild dahinbrausend die von der traditionellen
augustinischen Theologie aufgeführten Dämme und Schutzwälle niedergerissen habe,
aber schließlich, durch Albertus
Magnus und Thomas
von Aquin in ein festes Flußbett gebracht, durch die fruchtbaren
Gefilde der Hochscholastik geflossen sei.
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| 289 |
Sophistici elenchi – sophistische Widerlegungen – die Arbeit handelt von dem
Missbrauch des Schlussverfahrens durch die Sophisten und von
Trugschlüssen.
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| 290 |
Toledo war
neben Cordoba die bedeutendste Stadt der iberischen Halbinsel, zwischen 400 und
701 fanden dort allein 18 Kirchenkonzile statt. 712 wurde die Stadt durch die
Mauren erobert, unter denen sie besonders ab 1036 ein Zentrum der Wissenschaft
wurde. 1085 wurde Toledo nach vierjähriger Belagerung durch Alfons VI. von
Kastilien mit Hilfe des Cid erobert; in der Folge wurde es sechsmal erfolglos
von den Mauren belagert. Es war dann bis in das 16. Jh Residenz der Könige von
Kastilien.
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| 291 |
Nikolaus Damascenus
(64 vChr – 10 nChr) war ein Vertrauter des Herodes und verfaßte eine
Weltgeschichte in 144 Büchern sowie eine Biographie des Augustus.
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| 292 |
Ehe er nämlich 1224-1227 an
den päpstlichen Hof ging und ab 1227 bis zu seinem Tod 1235 als Hofastrologe
Friedrichs II. diente; Michael
Scotus hat in Toledo hat er zwei umfangreiche Werke aus dem Arabischen
ins Lateinische übersetzt: die Sphaera des Alpetragius im Jahre 1217 und die
von Avicenna zusammengefassten zoologischen Werke des Aristoteles – diese letztere Übersetzung war maßgeblich für die
Kommentare des Petrus
Hispanus und für Albertus Magnus. |
| 293 |
Eine sehr wertvolle Liste der wichtigsten Übersetzungen
muslimischer medizinischer Literatur findet sich bei Danielle Jacquart, The
influence of Arabic Medicine in the medieval West. In: EHAS III 963-984,
981-984.
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| 294 |
Dieser war ein Schüler des
Bernhard Von Chartres, extremer Realist.
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| 295 |
Er erkannte einigermaßen die
Bedeutung der Naturwissenschaften, denen er in der Erziehung mehr Gewicht
verleihen wollte, hatte aber einen Hang zum Okkulten, wurde als Arzt von
vielen Königen konsultiert. Verfaßte an die 100 Werke.
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| 296 |
Ob er mit dem gleichnamigen
Papst Johannes xxi. ( 1210/20 – 1277), der ab 1267 pontifex
maximus war, gleichzusetzen ist, ist unklar, nach neueren Forschung eher zu
verneinen.
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| 297 |
Man unterscheidet zwischen
(a) dem Wissen von den Dingen, (b) dem Wissen, das in Sätzen über Dinge
besteht und Lloyd 224 in WdG. Fuat Szegin, Geschichte des arabischen
Schrifttums, 13 Bde Frankfurt am Main 1967-2000 (= ab 2000: Veröffentlichungen
des Instituts für Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften, hg von
Fuat Sezgin): Bd 1: Leiden 1967: Qur’ânwissenschaften, Hadît, Geschichte,
Fiqh, Dogmatik, Mystik bis ca. 430 H.; Bd 2: Leiden 1975: Poesie bis ca. 430
H. Bd 3: Medizin, Pharmazie, Zoologie, Tierheilkunde bis ca. 430 H., Leiden
1970; Bd 4: Alchimie, Chemie, Botanik, Agrikultur bis ca. 430 H., Leiden 1971;
Bd 5: Mathematik bis ca. 430 H. , Leiden 1974; Bd 6: Astronomie bis ca. 430 H.
, Leiden 1978 Die Biographie des Averroes ist außerordentlich schwierig, weil sein Großvater, sein
Vater und sein ältester Sohn jeweils genau denselben Namen führrten, sodaß
diese Personen nur sehr schwer von einander zu unterscheiden sind: (a)
Großvater: abu-l-Walid Muhammed ibn Ahmed ibn Rushd; (b) Philosoph:
abu-l-Walid Muhammed ibn Ahmed ibn Muhammed ibn Rushd. Es werden folgende
Epochen der Scholastik unterschieden: (a) Vorscholastik =karolingische
Renaissance > ca1050/1100; (b) Frühscholastik =ca. 1. H. 11. Jh bis
ca.1240 = Zeit der Grundlegung und Vorbereitung; (c) Hochscholastik =
1240-1300 = Zeit der großen Systeme; (d) Spätscholastik = 1300 bis in die
Renaissance = Ausbildung fester Schulsysteme, Erstarren und Zerfall 1. "Der weise Aristoteles lehrt in allen seinen
Schriften die Existenz der Welt von Ewigkeit. Niemand zweifelt, daß dies
seine Meinung gewesen. Wenn Aristoteles dies bewiesen hat, welches sind dann
die Argumente, die er dafür anführt? Wenn er aber keinen stringenten Beweis
dafür erbracht hat, welchen Wert haben dann seine Argumente?
2. Welches ist der Zweck der Metaphysik?
Welches sind die ihr notwendig vorausgehenden Wissenschaften, wenn sie
solche hat?
3. Was sind die Kategorien? In welcher Weise
dienen sie als Schlüssel für die verschiedenen Wissenschaftszweige? Welches
ist ihre wahre Zahl? Kann man sie vermehren oder vermindern? Welche Beweis-
und Gedankengänge kommen hiebei in Betracht?
4. Welches ist der Beweis für die
Unsterblichkeit der Seele, wenn sie unsterblich ist?“
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| 298 |
Albertus Magnus schreibt: „In rei
veritate nescivit naturas, nec bene intellexit libros Aristotelis“,
Roger
Bacon: „Similiter Michael Scotus
ascripsit sibi tranlationes multas. Sed certum est, quod Andreas quidam
Judaeus plus laboravit in his“. Es darf nicht außer Acht gelassen
werden, dass diese Kritik von der Warte der Spezialisten aus abgegeben worden
ist.
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| 299 |
Einer Legende
zufolge sollen sich die Söhne des Averroes am Hofe Friedrichs II. aufgehalten
haben.
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| 300 |
Im 13. Jh gründete der burgundischer Ritter Otto de
la Roche das Herzogtum Athen, das bis 1308 in seiner Familie verblieb,
dann aber 1326 an das Königreich Sizilien fiel, bis es 1386 von den Florentinern
erobert und schließlich unter venezianische und schließlich türkische Herrschaft
kam.
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| 301 |
Der Hinweis auf die Gelehrten
ist zu betonen, denn es gab ja – was nicht zu übersehen ist – in Unteritalien
nach wie vor eine große griechische Kolonie; die Constitutionen von Melfi mußten
zu ihrer Kundmachung ins Griechische übersetzt werden.
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| 302 |
Bis dahin arbeitete
man zuerst mit der „Metaphysica vetus“, einer
bei Thomas
von Aquin als „translatio Boethii“
Fassung, die zumindest 11 der 12 Bücher umfaßte. Dann muss weiters noch eine translatio media existiert haben, die Albertus
Magnus benützt und wohl auch Thomas gekannt hat.
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| 303 |
Der vielleicht
bedeutendste Übersetzer aus dem Arabischen ins Hebräische war Moses Ibn
Tibbon (Mitte-2.H. 13. Jh) aus Marseille; er war Physiker, Astronom und
Mathematiker und einer der größten Übersetzer des Mittelalters überhaupt, er
übersetze außerhalb seines Fachbereiches auch Philosophie und Theologie sowie
Medizin. Die Liste der Titel der von ihm übersezten Werke ist bei SARTON
gedruckt im Quartformat zweieinhalb Seiten lang!! und enthält das Beste vom
Besten.
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| 304 |
Eines der ersten Werke, die
ins Französische übersetzt wurden, war des Boethius „De consolatione
philosophiae“ – es war dies das erste Werk der Antike überhaupt, das vollständig
ins Französische übersetzt wurde; es wurde höchst populär und erlebte zahlreiche
weitere Übersetzungen, die maßgeblich zur Ausbildung der philosophischen
Fachsprache im Französischen beigetragen haben. Einige Werke Ramon
Lulls wurden noch zu dessen Lebzeiten übersetzt.
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| 305 |
Interessanterweise entwickelte
sich zur selben Zeit – als eine Konsequenz der vielfältigen politischen
Turbulenzen – auch im Osten eine rege Übersetzungstätigkeit: z.B. wurde aus dem
Persischen in das Arabische übersetzt (darunetr das „Schahname“ des Firdusi); Kublai Khan ließ in großem Stil aus dem Chinesischen und
Tibetanischen ins Mongolische übersetzen, als glühender Anhänger des Lamaismus
setzte er eine Übersetzungskommission von 29 Gelehrten ein, die die
entsprechenden Schriften zwischen Sanskrit, Chinesisch und dem Tibetischen
vergleichen sollten.
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| 306 |
S. dazu DSB s.v. Euklid. |
| 307 |
Dies kommt ja auch noch in Raffaels „Schule von Athen“
zum Ausdruck.
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| 308 |
Johannes von Salisbury schreibt: "Die Sonne schien vom Himmel gefallen zu sein, als Platon, der Fürst der Philosophen, aus
dieser Welt schied. Alle diejenigen, die durch ihr philosophisches Streben den
Thron der Weisheit, auf dem er so lange geherrscht, nahestanden, sind in
Klagen darüber ausgebrochen, daß die Leuchte der Welt ausgelöscht sei. Als nun
sein Schüler Aristoteles, ein Denker von
ausgezeichneter Fähigkeit, Platon zwar an Beredsamkeit nicht
gleich, aber vielen überlegen [ein Urteil des Augustinus] den Lehrstuhl des Meisters
bestieg, da leuchtete er hell auf wie ein Morgengestirn und erhellte durch
seine philosophischen Lehren wie mit vielen Strahlen der Weisheit den Erdball,
er verscheuchte vor dem Geistesauge die Finsternis und befähigte den
Menschengeist zum Schauen der Wahrheit".
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| 309 |
Im gleichen Jahr wurden zehn Anhänger des Amalrich von Bena
als Häretiker verbrannt.
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| 310 |
1254 wurde bezüglich der
Lehrveranstaltungen in der Artisten-Fakultät in Paris verfügt: „Im Jahre des Herrn 1254. Es mögen alle wissen, daß
wir, alle und jeder, Magister der Freien Künste in völliger Übereinstimmung,
ohne jeden Widerspruch, ob der neuen und unkontrollierbaren Gefahr, welche
unserer Fakultät droht - manche Magister eilen, ihre Lehre früher zu beenden,
als es die Länge und die Schwierigkeit der Texte erlaubt, weshalb beide,
Lehrer beim Lesen und Schüler beim Hören weniger Fortschritte machen - in
Sorge über den Niedergang unserer Fakultät und im Wunsch, unsere
Studienordnung zu verbessern, zum gemeinen Nutzen und zur Wiederherstellung
unserer Universität, zur Ehre Gottes und der katholischen Kirche beschlossen
und angeordnet haben, daß alle und jeder einzelne Magister unserer Fakultät in
Zukunft gehalten sein wird, die Texte, die am Fest des Heiligen Remigius
(1.Oktober) begonnen wurden, an den unten genannten Tagen und nicht früher zu
beenden: Die Alte Logik, d.h. das Buch des Porphyrius, die Kategorien, die
Lehre vom Satz, die Divisionen und die Topik des Boethius mit Ausnahme des
vierten Buches am Fest Mariae Verkündigung (25. März) oder dem letzten
Vorlesungstag davor. Den Priscianus maior und minor, die Topik und
Sophistischen Widerlegungen, die Ersten und Zweiten Analytiken müssen in der
gleichen oder in entsprechender Zeit abgeschlossen werden. Vier Bücher der
Ethik in zwölf Wochen, wenn sie mit einem anderen Text gelesen werden; wenn
allein und ohne einen anderen Text, in der halben Zeit. Drei kurze Texte,
nämlich die Sechs Prinzipien, Barbarismus und Priscian über die Akzente, wenn
zusammen gelesen und ohne weitere Texte, in sechs Wochen. Die Physik des
Aristoteles, die Metaphysik und die Lehre von den Tieren am Fest Johannes des
Täufers (24. Juni); Über den Himmel und Über die Welt, das erste und vierte
Buch der Meteorologie an Himmelfahrt; Über die Seele, wenn mit den Büchern
über die Natur gelesen, an Himmelfahrt, wenn mit den logischen Texten, am Fest
Mariae Verkündigung (25. März); Über Werden und Vergehen am Fest des Stuhles
St. Peters (22. Februar); De causis in sieben Wochen; Über die Wahrnehmung und
das Wahrgenommene in sechs Wochen; Über Schlaf und Wachen in fünf Wochen; Über
die Pflanzen in fünf Wochen; Über Erinnerung und Gedächtnis in zwei Wochen;
Über den Unterscheid zwischen Spiritus und Seele in zwei Wochen; Über Tod und
Leben in einer Woche[...] Es wird niemandem erlaubt sein, die genannten Texte
in weniger Zeit abzuschließen, aber jeder kann sich, wenn er will, mehr Zeit
nehmen.“, zitiert nach Kessler Uni München Nr 90
dort nach Lynn Thorndyke: University Records and Life in the Middle Ages, 2New
York 1971, p. 64.
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| 311 |
Als letztes offenbar, 1266
durch Wilhelm
Moerbeke, die komplette Logik (Liste mit Jahresangaben bei Sarton
2,859).
|
| 312 |
Immer noch aber schien
ein Vergleich mit Platon geboten; in der Mitte des 13. Jhs ist in einer anonymen,
fälschlich Grosseteste zugewiesenen „Summa philosophiae“ eine
derartige, sehr signifikante Gegenüberstellung der beiden Philosophen erfolgt:
„Die berühmtesten der jonischen Philosophen
waren Platon und Aristoteles. Platon hat durch die lichte Klarheit seines
Genies, durch die Schärfe seines Intellekts, durch die Anmut seiner
Beredsamkeit und durch die ethische Grundhaltung seiner Philosophie nach dem
Zeugnis fast des ganzen Altertums es zu unvergleichlichem Ruhm und Ansehen
gebracht. Aristoteles aber ist unvergleichlich gelehrter gewesen und hat in
seiner Philosophie einen viel sicheren Standpunkt eingenommen. Platon hat mehr
durch das Gewicht seiner Persönlichkeit, durch seine philosophische Autorität,
als durch streng wissenschaftliche Beweisführung sein philosophisches Denken
zu Stützen verstanden, er hat die erfaßte Wahrheit klar darhgestellt und hat
sich nicht die Mühe genommen, die Irrtümer anderer Philosophen bis ins
einzelne zu verfolgen und zu widerlegen. Aristoteles hat hingegen die Ursachen
und Gründe dessen, was er in seinen philosophischen Schriften entwickelt, sehr
sorgsam erforscht, ist den Irrtümern irriger Lehren früherer Philosophen
scharf auf den Leib gerückt und hat seine Philosophie in streng
wissenschaftlicher Beweisführung mit syllogistischer Konsequenz aufgebaut. Er
hat die Grundsätze und Grundlehren der Dialektik, der Naturphilosophie, der
Ethik und auch der Metaphysik, die zuvor nur unbestimmt und ungeordnet
vorgetragen und überliefert waren, in ein wissenschaftliches, streng
methodisch geordnetes und vollständiges System gebracht und viel vom eigenen
Denken hinzugefügt."
|
| 313 |
Bei Averroes heißt es: „Credo enim, quod
iste homo fuerit regula in natura et exemplar, quod natura invenit ad
demonstrandum ultimam perfectionem humanam" bei Albert: „quod natura hunc hominem posuit quasi regulam
veritatis, in qua summam intellectus humani perfectionem
demonstravit“.
|
| 314 |
Im Dominikanerorden bildet
sich eine Opposition gegen Thomas
von Aquin, auch andere treten gegen ihn auf: Robert Kilwardby,
Stephan Tempier und Johannes Peckham.
|
| 315 |
Albertus Magnus: "Wir fällen nicht
den Entscheid nach der Berühmtheit oder Zahl derer, die eine Meinung
vertreten, sondern auf Grund der inneren Erhärtung einer Ansicht" (De
animalibus 281, Simonyi) und (II. Sententiarum 247).
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| 316 |
Die eher liberalen
Franziskaner lehnten ursprünglich das Studium überhaupt ab und hingen eher dem
Platonismus an, wie er das frühe Christentum beeinflußt hatte, ihr wichtigster
Vertreter in der Pariser Schule des Augustinismus ist Johannes Fidanza, i.e. Bonaventura
(+1274), dieser Mystiker entwickelte (Grosseteste
folgend) eine eingehende Lichtmetaphysik – Licht ist die forma communis etc. In der empirischen Richtung der
Oxforder Schule sind Robertus Grosseteste und Roger
Bacon zu nennen. später folgt Johannes Duns
Scotus.
|
| 317 |
Den Begriff „Averroisten“ hat als erster offenbar Thomas
von Aquin verwendet, als er um 1269/1270 gegen deren Lehre von einem
einen und allgemeinen Intellekt argumentierte – die Averroisten redeten über
das Christentum, als ob sie nicht dazu gehörten, und sie sollten ihre Lehren
nicht nur im geheimen verbreiten, sondern öffentlich vortragen; dazu Flasch,
Aufklärung im Mittelalter ? 36f. Im 19. Jh wird von Ernest Renan der Begriff „Averroismus“ eingeführt, womit jener Bereich der
Aristoteles-Rezeption bezeichnet wird, wie er durch den muslimischen
Philosophen und Aristoteles-Kommentator Ibn
Ruschd (lat. Averroes) bewirkt worden ist; der Averroismus, der nicht scharf
fassbar ist, vertrat die Distanzierung vom christlichen Dogma und dezidiert
den Vorrang der Philosophie vor der Theologie. Wesentliche Punkte der Lehre
sind: es gibt nur einen einzigen einheitlichen Intellekt, an dem alle Menschen
Anteilo nehmen, weshalb die individuelle Seele nicht unsterblich ist, sondern
mit dem Körper vergeht; das Universum ist ewig; es dominiert die Vernunft
(gegenüber dem Glauben), das menschliche Handeln ist in vielen Bereichen
determiniert. Hauptvertreter waren Boethius von Dacien, auch Siger
von Brabant, Petrus
Hispanus, John Garland und Raimund Lull; diese Richtung
läuft im späten Averroismus des 14. Jhs mit Johannes von Jandun und Marsilus von Padua aus, hat
aber noch in der italienischen Renaissance Wirkung gezeigt.
|
| 318 |
Sigers
„Quaestiones in tertium [librum] de anima [Aristotelis]“, um 1265, sind das
erste Zeugnis der averroistischen Position, das allerdings nicht so sehr
Zeugnis eines dogmatischen Festhaltens an Aristoteles in der Deutung durch Averroes ist, als vielmehr eine rational bestimmten
Auseinandersetzung mit den anstehenden Fragen.
|
| 319 |
Noch Buridan, der nur an der Artesfakultät
gelehrt hat, distanzierte sich von theologischen Fragen.
|
| 320 |
Der vollständige Text der
Verurteilung findet sich lateinisch und deutsch bei Kurt Flasch, Aufklärung im
Mittelalter? Die Verurteilung von 1277. Das Dokument des Bischofs von Paris
eingeleitet, übersetzt und erklärt, Mainz 1989; s. auch Peter Grabher, Die
Pariser
Verurteilung von 1277. Kontext und Bedeutung des Konflikts um den
radikalen Aristotelismus, Diplomarbeit Universität Wien 2005 und Kurt Flasch
und Udo Reinhold Jeck, Das Licht der Vernunft. Die Anfänge der Aufklärung im
Mittelalter, München 1997.
|
| 321 |
Tatsächlich sind nach der Heiligsprechung des Thomas
von Aquin 1323 im Wege einer Korrektur einige Thesen aus der Liste
herausgenommen worden, weil sie von diesem vertreten worden waren.
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| 322 |
1619 wird Cesare Cremoninis vom venezianischen Inquisitor wegen averroistischer Lehre
zur Rechenschaft gezogen und gibt die klassich geworde Antwort: „Ich kann und will die Ausführungen des
Aristoteles nicht anders auslegen, denn ich verstehe ihn so, und ich werde
bezahlt, um ihn zu erklären, wie ich ihn verstehe, und wenn ich das nicht
täte, wäe ich zur Rückgabe des Lohnes gezwungen“ – Ugo Baldini in Die
Philosophie des 17. Jahrhundert I, hg von Jean-Pierre Schobinger, Basel 1998
(= Grundriss der Geschichte der Philosophie gegr. von Friedrich Ueberweg)
647.
|
| 323 |
So heisst es in der Einleitung zum Syllabus von 1277: „Sie sagen nämlich, diese Irrlehren seien wahr im
Sinne der Philosophie, nicht aber im Sinne des christlichen Glaubens, als
gäbe es zwei gegensätzliche Wahrheiten und als stünde gegen die Wahrheit der
Heiligen Schrift die Wahrheit in den Schriften der gottverworfenen
Heiden“, Flasch, Aufklärung im Mittelalter?; dazu auch Anneliese Maier,
Das Prinzip der doppelten Wahrheit. In: Metaphysische Hintergründe der
spätscholastsichen Naturphilosophie, Rom 1955, 1-44. – Zusätzlich zu den 217
Thesen wurden etliche Schriften zu Themen wie Nekromantie, Zauberei etc.
verboten.
|
| 324 |
Auf Duns
Scotus geht maßgeblich die – nach Sven Müller
irrige – Interpretation der Bewegungslehre des Aristoteles zurück, die in Gegenstaz zu der
Aristoteles-Interpretation durch Thomas
von Aquin steht; Ockham ist Duns
Scotus gefolgt.
|
| 325 |
Eine nähere Darstellung ihres Wirkens findet sich
in den Ausführungen zur Naturwissenschaft.
|
| 326 |
Auch genannt als
Capito, Greathead, 1175 Stradbrook, Suffolk – 1253, ausgebildet in Paris, dann
Magister regens und Kanzler der Universität Oxford, wo er das dortige
Franziskanerstudium begründete, Bischof von Lincoln, „homo magnus in sanctitate vitae, claritate
sapientiae“.
|
| 327 |
Weitere Werke: De generatione sonorum, De sphaera, De
generatione stellarum, De cometis, De impressionibus aeris – Meteorologie, De
lineis angulis et figuris, De natura locorum, De iride, De colore, De calore
solis, De differentiis localibus, De impressionibus elementorum, De motu
corporali, De motu supercaelestium, De finitate motus et temporis
|
| 328 |
Dominikaner (OPraed),
studierte in Padua, lehrte an diversen deutschen Dominikanerschulen, 1245-1248
in Paris, bis 1254 in Köln, ab 1254 Ordensprovinzial für Deutschland, BF von
Regensburg etc., blieb aber in Köln, daher auch Coloniensis. S. auch
Marc-Aeilko Aris, Albertus Magnus (ca. 1200-1280). In: Lateinische Lehrer
Europas. Fünfzehn Portraits von Varro bis Erasmus von Rotterdam, hg. Von
Wolfram Ax, Köln-Weimar-Wien 2005, 313-329. S. auch Martin Grabmann,
Mittelalterliches Geistesleben. Abhandlungen zur Geschichte der Scholastik und
Mystik, 2 Bde, München 1926-1936.
|
| 329 |
Die
Lehre des Thomas
von Aquin nimmt in der katholischen Kirche eine zentrale Stellung
ein: sie wurde als ein Triumph der Kirche gesehen; Thomas wird auf dem
Altarblatt in Santa Catarina in Pisa als Triumphierender abgebildet, Averroes liegt ihm zu Füßen. Am Konzil von Vienne 1311-12 wurde
Thomas der Titel Doctor communis
zuerkannt; 1323 erfolgte seine Heiligsprechung. Beim Konzil zu Trient
liegt die „Summa theologica“ auf dem Altar neben der Bibel und den Dekretalen,
von Pius V (1566-1572) wird er zum fünften Kirchenvater neben Ambrosius, Augustinus, Hieronymus und Gregor dem
Großen, 1879 von Leo XIII. zum „Chefideologen“ der Katholischen Kirche
und zum Patron aller katholischen Schulen erhoben, Gründung der Accademia
Romana di S. Tommaso und Neuausgabe seiner Werke, etc. Neuthomismus,
Neoscholastik im 19. Jh.. All dies bedeutete natürlich auch die Sicherung des
thomistischen Aristotelismus im christlichen Bereich auf Jahrhunderte! – Seine unvollendete „Summa theologica“
(1267) war ursprünglich für Anfänger gedacht, denen alles, was zur
christlichen Religion gehört, vorgestellt werden sollte. Da dies aber sehr oft
unter eingehender Heranziehung der Philosophie geschieht, wird die „Summa“ zu
den wichtigsten philosophischen Werken des Thomas
gezählt.
|
| 330 |
Thomas von Aquino, Quaestiones quodlibet. IV 9 16. |
| 331 |
Dies ist nicht die Lehre von den zwei
Wahrheiten (Siger
von Brabant), denn nach dieser könne etwas philosophisch wahr sein,
was theologisch falsch sei und vice versa.
|
| 332 |
So benannt nach dem Franziskaner Duns Scotus, Doctor subtilis et Marianus, um 1265-1308,
der, in Paris und Oxford ausgebildet, in Paris und Köln lehrte. Ihm werden
viele Werke zugeschriebene, deren Beurteilung schwierig ist, zumals über ihn
so gut wie nichts bekannt ist. Er war der Anti-Thomist, Gegenpol des Thomas
von Aquin, beeinflußt von Ibn
Gabirol,
Duns
Scotus vertritt auch die Idee einer intuitiven Erkenntnis der
Realien, wie sie später von Ockham ausgeweitet worden ist. Seine Revolution gegen Thomas (u.a.-
Streit um die Unbefleckte Empfängnis, die die Dominikaner ablehnten, dauerte
550 Jahre, 1854 zum Dogma erhoben) hatte ein Anwachsen der Aversion gegen
Theologie und die weitere Loslösung der Philolosophie und der Wissenschaft von
der Theologie zur Folge.
|
| 333 |
Zum Universalienstreit s.
die große Monographie von Alain de Libera, Der Universalienstreit
(s.o.).
|
| 334 |
Buridan hat diese
Theorie übernommen – sie leitet sich ursprünglich von Johannes Philoponus her (s.o. Aristoteles-Dynamik).
|
| 335 |
Flasch 155. |
| 336 |
Ockhams Philosophie wird heute verschiedentlich als Ockhamismus
vom Nominalismus differenziert (was hier aber unbeachtet bleiben kann). – Im
19. Jh wird der Begriff „Ockhamisten“ geprägt, der eigentlich von der in den
Acta facultatis verzeichneten Bezeichnung "doctrina Okannica" oder "errores
Ockanici" herrührt und als eine Bezeichnung dient, die eine weitere
Differenzierung innerhalb des Nominalismus ermöglicht.
|
| 337 |
Dies ist der ursprünglich
Gehalt des vom lat. intueri = anblicken,
wahrnehmen abgeleiteten Begriff, der heute eine andere, hier nicht
angebrachte Nuancierung hat.
|
| 338 |
Eine klassische Widerlegung der realistischen
Position im Universalienstreit findet sich in der Summa logicae I,15 (dt. v.
Ruedi Imbach in: W.v.O: Texte zur Theorie der Erkenntnis und der
Wissenschaft, lt./dt. hg.,übers. u. komm. v. R. Imbach, Stuttgart, Reclam,
1984, 67 f.) hier nach Kessler - Uni München Nr 121: „Kein Universale ist eine Einzelsubstanz und der Zahl nach
eine. Behauptete man das Gegenteil, dann ergäbe sich, daß Sokrates ein
Universale wäre, weil es keinen einleuchtenden Grund gibt, wieso ein
Universale eher eine Einzelsubstanz wäre als eine andere. Keine
Einzelsubstanz ist also ein Universale Aber jede Substanz ist der Zahl
nach eine und eine Einzelsubstanz, weil jede Substanz entweder (1) ein
Ding ist und nicht viele oder (2) mehrere Dinge. (1) Wenn sie ein Ding ist
und nicht mehrere, dann ist sie der Zahl nach eine; dies nämlich wird von
allen das der Zahl nach Eine genannt. (2) Wenn aber eine Substanz mehrere
Dinge ist, dann ist sie (2.1) mehrere Einzeldinge oder (2.2) mehrere
Universalien. (2.1) Wenn das erste gilt, dann ergibt sich, daß eine
Substanz mehrere Einzelsubstanzen wäre; aus dem gleichen Grunde könnte man
sagen, daß eine Substanz mehrere Menschen sei. Und dann folgt, daß,
obschon das Universale von einem Besonderen unterschieden würde, es von
den Besonderen nicht unterschieden würde. (2.2) Wenn hingegen eine
Substanz mehrere Universalien wäre, dann nehme ich eines davon und frage:
Entweder ist es mehrere Dinge oder eines und nicht mehrere. (2.2.2) Im
zweiten Fall ergibt sich, daß es ein Einzelding ist.“ (2.2.1)Im ersten
Fall frage ich: Entweder handelt es sich um mehrere Einzeldinge oder um
mehrere Universalien. Es ergibt sich dann entweder ein unendlicher
Prozess, oder man kommt zu dem Schluß, daß keine Substanz ein Universale
ist, so daß sie nicht ein Einzelnes ist. Daraus ergibt sich, daß keine
Substanz universal ist.“
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| 339 |
Die häufig zitierte Fassung "Entia non sunt
multiplicanda praeter necessitatem" ist bei Ockham nicht belegt.
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| 340 |
Später hat Mach ein ähnliches ökonomisches Prinzip entwickelt.
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| 341 |
Ockhams Auffassung, die auch dahingehend interpretiert werden konnte
und verschiedentlich auch interpretiert wurde, dass es überhaupt keine
Wissenschaft gebe, sondern dass nur von einander isolierte Einzeaussagen
möglich seien, sodaß nur eine collectio
singularium vorliege, ist diesbezüglich um 1600 in Diskussion gezogen
worden als die Frage der Einheit und Gesamtheit von Wissen diskutiert wurde.
Dazu Peter Schulthess in Die Philosophie des 17. Jahrhundert I, hg von
Jean-Pierre Schobinger, Basel 1998 (= Grundriss der Geschichte der Philosophie
gegr. von Friedrich Ueberweg) 65f.
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| 342 |
Anneliese Maier, Ergebnisse der spätscholastischen
Naturphilosophie. In: Ausgehendes Mittelalter. Gesammelte Aufsätze zur
Geistesgeschichte des 14. Jahrhunderts, Bd 1 Rom 1964 (= Storia e letteratura
97) 425-457, 455. Das Zitat richtet sich gegen Nicolaus d’Autrecourt, der
– wie später die Humanisten – nur absolute Gewissheit gelten lassen
wollte.
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| 343 |
Er
widerlegt sogar die Argumente des Aristoteles gegen die Erdrotation und erörtert die aus der Bibel
ableitbaren Argumente. In seiner Conclusio tritt er auch aus Gründen der
„Ökonomie“ für die Erdrotation ein: es sei viel weniger aufwendig die Erde um
sich rotieren zu lassen, als das gesamte Firmament in Bewegung zu
halten.
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| 344 |
Näheres zu diesem Bereich im Abschnitt Naturwissenschaften. |
| 345 |
Wenn auch Chladenius in der Mitte des 18. Jhs gegen die idola probabilitatis wettert.
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| 346 |
Thomas von Aquins Schrift „Über die Fürstenherrschaft“, die
ursprünglich monarchistisch angelegt war, wurde um 1310, also lange nach
Thomas‘ Tod (1274) von Ptolomaeus von Lucca im demokratischen
Sinne fertiggestellt.
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| 347 |
Nicht uninteressant ist in diesem Zusammenhang,
dass Oresme einen erheblichen Teil seiner wissenschaftlichen Arbeiten
bereits in französischer Sprache schreibt und Alberti das Latein als für die Darstellung neuer theoretischer und
praktischer Errungenschaften unzulänglich sei; s. dazu Vilem Mudroch und
Wolfgang Rother in Die Philosophie des 17. Jahrhundert I, hg von Jean-Pierre
Schobinger, Basel 1998 (= Grundriss der Geschichte der Philosophie gegr. von
Friedrich Ueberweg) 49ff.
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| 348 |
Vinzenz war auch
Lehrer und Bibliothekar der königlichen Familie, schrieb als solcher „De
eruditione filiorum regalium“ für die Frau Ludwigs des Heiligen, in 51
Kapiteln, eines auch über körperliche Erziehung.
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| 349 |
Es läuft auch
unter dem Namen „Speculum quadruplex: naturale, doctrine, morale,
historiale“.
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| 350 |
S. Kap. Bibliotheks- und Wissenschaftssystematiken. |
| 351 |
Dazu Sven Müller, Naturgemäße Ortsbewegung (s.o.). |
| 352 |
Wie etwa der Art,
dass sich eine Töpferscheibe ohne körperliche Einwirkung des Töpfers auch dann
weiterbewege, wenn man sie mit einem Tuch bedecke, womit man die Übertragung der
Bewegung durch die Luft für ausgeschlossen erachtete...
|
| 353 |
Beispielsweise wurden
1627 die Professoren der Universität Salamanca eidlich verpflichtet, in der Lehre
ausschließlich Augustinus und Thomas von
Aquin zu folgen. Es war diese Maßnahme zwar nur für die Theologen
vorgesehen und gegen die „Entrartung der theologischen Lehre im übrigen Europa“
und vor allem Jesuiten gerichtet, die Verpflichtung wurde aber auch von den
anderen Fakultäten unterzeichnet; dies leitete den Niedergang der Universität ein;
s. dazu Enrique Venera de Ventosa in Die Philosophie des 17. Jahrhundert I, hg von
Jean-Pierre Schobinger, Basel 1998 (= Grundriss der Geschichte der Philosophie
gegr. von Friedrich Ueberweg) 358. – Aber auch ohne derartiges Vorgänge
stagnierten in dieser Zeit die Universitäten in Paris und in
England.
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| 354 |
Zu ihm s. Kapitel Mathematik |
| 355 |
S.
dazu auch Schulthess in Die Philosophie des 17. Jahrhundert I, hg von
Jean-Pierre Schobinger, Basel 1998 (= Grundriss der Geschichte der Philosophie
gegr. von Friedrich Ueberweg) 83-91.
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| 356 |
Die Dialektik des Ramus war das vermutlich einflussreichste Lehrbuch des 16. und des
beginnenden 17. Jhs und erlebte bis zum Tode ihres Verfassers mindestens 39
Auflagen – Schulthess in Die Philosophie des 17. Jahrhundert I, hg von
Jean-Pierre Schobinger, Basel 1998 (= Grundriss der Geschichte der Philosophie
gegr. von Friedrich Ueberweg) 70.
|
| 357 |
S. dazu die Stanford
Encyclopedia of Philosophy s.v. Petrus Ramus.
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| 358 |
Dieser verfasste unter dem
Eindruck Telesios eine „Philosophia sensibus
demonstrata“.
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| 359 |
Pavel Floos in Die Philosophie des 17. Jahrhundert I, hg von
Jean-Pierre Schobinger, Basel 1998 (= Grundriss der Geschichte der Philosophie
gegr. von Friedrich Ueberweg) 569-600.
|
| 360 |
Wenn sich etwas auf
der Erde geradlinig fortzubewegen scheint (wie in horizontal fliegender Körper
oder ein Schiff auf einem See), dann bewege es sich in Wirklichkeit ja auf
einer Kreisbahn, nämlich parallel zur Erdoberfläche rund um die
Erde.
|
| 361 |
Alexander Koyré hat Galileis Experimente als Akte der Bestätigung vorgefasster
mathematisch erfasster Vorstellungen intepretiert, nicht aber der
systematischen Suche nach neuen Erkenntnissen; er steht damit in scharfem
Gegensatz zu Drake.
|
| 362 |
Shea in in Die Philosophie des 17. Jahrhundert I, hg von Jean-Pierre
Schobinger, Basel 1998 (= Grundriss der Geschichte der Philosophie gegr. von
Friedrich Ueberweg) 808f.
|
| 363 |
Die wesentlichen Grundlagen,
auf die man sich berief waren die großen Historiker der Antike wie Herodot, Thukydides, Livius, Tacitus (sine ira et studio) u.a.,
insbesondere aber die „Norm“ des Polybios und Lukians „Historik“ neben Ciceros berühmten Aussagen zur Geschichte (primam esse historiae
legem, ne quid falsi dicere audeat, ne quid veri non audeat“, das erste Gesetz
der Geschichtsschreibung ist, daß man nicht wage, Unwahres zu sagen und Wahres
zu verschweigen; historia lux veritatis, historia vitae magistra, historia
nuncia veritatis) und die w.u. zu erwähnenden Passagen bei Platon und bei Aristoteles.
|
| 364 |
Etwas über der historia
naturalis rangierte noch die cognitio certior, deren man mit Hilfe der
Mathematik habhaft werden konnte.
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| 365 |
Näheres hiezu findet sich im Abschnitt über das Problem der
Geisteswissenschaften.
|
| 366 |
Als Kontrast stellte
er fest, dass der Unterschied nicht in der gebundenen bzw. ungebundenen Rede
liege, denn man könnte Herodot in Verse setzen und es bliebe noch immer
Geschichte.
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| 367 |
Die Darstellung folgt
im wesentlichen Arno Seifert, Cognitio historica. Die Geschichte als
Namengeberin der frühneuzeitlichen Empirie, Berlin 1976 (= Historische
Forschungen 11), weiters Friedrich Bezold, Zur Entstehungsgeschichte der
historischen Methodik, in: Internationale Monatsschrift für Wissenschaft, Kunst
und Technik 8 (1914) 274-306.
|
| 368 |
Ein
Problem stellten nämlich die diversen naturales
historiae klassischer Autoren dar, die historia als als Gesamtheit des Realwissens präsentierten, wozu Giorgio
Valla um 1501 schon feststellte: „historiae nomen apud Graecos latius patuit quam hodie capi fere soleat ab
omnibus“ – das griechische Wort historiai bedeutete ja ganz allgemein „Erkundung,
Erforschung“.
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| 369 |
Eckhard Kessler,
Petrarca und die Geschichte, München 1978.
|
| 370 |
Melanchthon formulierte: „ist einer
eine grobe Sau, qui non delectatur cognitione historiarum“.
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| 371 |
Sein Argumentationsgang
lautete: das wesentliche an der Historia sei die memoria, und deshalb lasse sich keine Art der Erkenntnis von ihr
separieren, denn was heiße Kenntnis anderes als Erinnerung an frühere Einsicht?
Insoferne sei deshalb jede Disziplin in gewisser Weise auch historia – „sic denique
scientiae omnes historiae et sunt, et appellari recte possunt“. Dies ist
praktisch eine Umkehrung des bis dahin üblichen Gedankenganges, Historia wird so
ein umfassender Oberbegriff für Erkenntnis und Wissenschaft.
|
| 372 |
1577 hat der französische
Historiker Loys de Roy den Plan einer großen Kulturgeschichte
entwickelt, die praktisch alles umfassen sollte: Sprachen, Religionen, Aufstieg
und Niedergang der Künste und der Wissenschaften, Erfindungen, Entdeckungen etc.
Sin Kollege Henri La
Popelinière erhob 1599 expressis
verbis die Forderung nach einer „nouvelle
histoire“, die alle historischen Ereignisse vollständig erklären, die
gesamte Geschichte Frankreichs erfassen und in ein einziges großes Ganzes ihrer
Ursachen und Motive zurückführen sollte – „l’histoire digne de ce nom doit estre generale“.
|
| 373 |
Eine Arbeit, die Lorenzo
Valla an derselben Handschrift übrigens 100 Jahre später in seinen
„Emendationes Livianae“ fortgesetzt hat. Diese - große - Handschrift, die Petrarca auf seinen Reisen mit sich geführt hat, ist noch
erhalten.
|
| 374 |
Dem entsprechend sind auch im
19. Jh die großen Arbeiten über die Entwicklung des Humanismus erschienen: Georg
Voigt "Die Wiederbelebung des classischen Altertums oder das erste Jahrhundert
des Humanismus" (1859), Jacob Burckhardt "Die Kultur der Renaissance in Italien"
(zuerst 1860); auch der Begriff Renaissance ist in diesem Zusammenhang erstmals
für die in Rede stehende Epoche gebraucht worden, vermutlich von Jules Michelet
(1855, Histoire de la France Bd 7).
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| 375 |
Allein Giovanni
Aurispa soll auf zwei Reisen 1405–1413 und 1421–1423 über 300
griechische Manuskripte nach dem Westen gebracht haben, darunter eine komplette
Ilias mit Scholien, Sophokles, Aischylos etc. Insgesamt sind
tausende Handschriften neu entdeckt und zugänglich gemacht worden. Papst Nikolaus V. (1447-1455) eröffnete auf dieser Grundlage die Abteilung
klassischer Handschriften in der vatikanischen Bibliothek, Fürsten wie die Medici und reiche Handelsherren wie die Fugger sammelten
Codices und beschenkten einander mit wertvollen Manuskripten, die dadurch
gerettet, erhalten und sehr früh auch öffentlich zugänglich gemacht wurden.
Bessarion allein schenkte im Jahr 1486 der Signorie von Venedig 800
Handschriften, darunter 500 griechische – sie wurden zum Grundstock der
Bibliotheca Marciana. Dazu kam die Wirkung des 1465 durch zwei deutsche Drucker
in Italien eingeführten Buchdrucks, die begannen, die editiones principes der Klassiker mit höchstem ästhetischem
Qualitätsanspruch zu drucken, der allerdings noch nicht immer in der Qualität
des Textes eine Entsprechung fand.
|
| 376 |
Es waren diese
Studien, die das viel weniger weit zurückliegende Mittelalter verblassen und
"dunkel, finster" werden ließen.
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| 377 |
Und damit zusammenhängend natürlich auch durch das entstehende
Verlagswesen und nachfolgend durch den sich entwickelnden Buchhandel. Noch vor
1500 entstanden bedeutende Verlage (die 1488 von Johannes Petri in Basel
begründete Offizin existiert als Verlag Schwabe heute noch), im 16. Jh
entfaltete die Verlegerfamilie Etienne eine für die klassische Philologie
unschätzbare Editions- und Publikationstätigkeit.
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| 378 |
Salutati hatte schon um 1400 angemerkt, daß die ganze Textkritik mit
systematischem Handschriftenvergleich etc. verlorene Liebesmühe sei, da ja jeder
Abschreiber neue Fehler einbaue.
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| 379 |
Seine Hauptwerke sind „De
docta ignorantia“ und „De coniecturis“ (entworfen auf der Rückreise von Byzanz,
erschienen 1440). Nikolaus von Kues stellt fest, daß alles verstandesmäßige Erkennen auf
dem Vergleich beruhe, auf einer Gleichung zwischen Bekanntem und Unbekanntem.
Dies sei aber nur für endliche Gegenstände möglich, niemals könne etwas
Unendliches in eine Proportion zu Endlichem gesetzt werden. Da nun Gott
zweifellos ein absolut Größtes und aktual Unendliches sei, sei er für den
endlichen menschlichen Verstand nicht erfaßbar – die menschliche Erkenntnis
Gottes verhalte sich so wie ein einem Kreis eingeschriebenes Polygon zu einem
Kreis: wie viele Seiten man auch annimmt, es wird doch niemals ein Kreis.
Versteht man unter Wissen das Auffassen durch den diskursiven Verstand, so könne
es von Gott immer nur ein Nichtwissen, ignorantia, geben. Über dem Verstand stehe aber die Vernunft – ihr sei
es möglich, eine gewisse Anschauung vom Unendlichen zu erlangen. Dies beruhe
darauf, daß das Unendliche eine conincidentia
oppositorum sei (das aktual Unendliche birgt alle Gegensätze, Kleinstes,
Größtes etc., in sich) und daß die Vernunft über den Satz des Widerspruches
hinaus, die Gegensätze zur Einheit zusammenzuschauen vermöge. Indem Gott, der
Unerkennbare, die Ursache der Welt sei, sei auch diese nur soweit erkennbar wie
Gott, d.h. unser Wissen von der Welt sei nur eine coniectura – eine Mutmaßung. Indem das akutal Unendliche gleichzeitig
Einheit, Gleichheit und Verbindung in einem sei, sei es dreieinig. Das einzige
Annäherungsmittel an diese Probleme sei die Mathematik, allerdings nicht in den
üblichen Elementen: vergrößere man eine Seite eines Dreicks ins Unendliche würde
es zur Geraden, dasselbe passiert mit dem Kreis – insoferne beinhaltet die
unendliche Linie alles, was im endlichen Bereich an geometrischen Figuren
existiere. Die unendliche Linie beinhalte Peripherie, Durchmesser und Zentrum
des Kreises in einem.
|
| 380 |
Im Anschluß an Archimedes unternahm er Infinitesimalbetrachtungen in der Geometrie,
beschäftigte sich mit Fragen der Atomistik und – ähnlich wiederum wie Archimedes mit der Bestimmung von Substanzen mit Hilfe des
spezifischen Gewichts. Nikolaus von Kues war einer der ersten, die öffentlich die Möglichkeit
der Bewegung der Erde vortrugen und vertraten; er zeichnete auch die erste Karte
Deutschlands, machte fruchtbare Vorschläge zur Kalenderreform und verbesserte
die Alfonsinischen Tafeln. Obgleich er ein hoher Repräsentant der Kirche war,
bezweifelte er die Echtheit der konstantinischen Schenkung.
|
| 381 |
Walter Rüegg, Themen, Probleme, Erkenntnisse. In: Rüegg Walter Hg, Geschichte
der Universität in Europa, dzt. 3 Bde, München 1993-2004,
2,27.
|
| 382 |
S.
s.v. Systema im NUC oder das Werksverzeichnis Keckermanns in
[http:www.bautz.de/bbkl/k/Keckermann.shtml//::www.bautz.de]; s. auch W.
Schmidt-Biggemann, Topica universalis. Eine Modellgeschichte humanistischer und
barocker Wissenschaft, Hamburg 1985, 89-94.
|
| 383 |
Rüegg/Rüegg
2,38.
|
| 384 |
Bis in die 1. Hälfte des 19. Jhs erscheinen Lehrbücher in
Dialogform, als Frage- und Antwortspiel, nach dem auch geprüft
wird.
|
| 385 |
Hier
ist auf Petrarca zu verweisen, in neuerer Zeit u.a. auf den
Sprachwissenschaftlers Hugo Schuchardt. |
| 386 |
Logik, Ethik und Physik bzw. Logik praktische und theoretische Philosophie. –
Dies ist außer an Abrechnungen für Vorlesungshonorare auch erkennbar an der 1444
entworfenen Klassifikation für die Bibliothek des Cosimo de'
Medici.
|
| 387 |
Auch spätere
Humanisten wie Poliziano bezeichnen sich selbst nicht als Philologen, sondern als grammatici, die sich mit der ars sive ratio corrigendi antiquorum librorum beschäftigen;
wenn damals das Wort philologia verwendet
wird, hat es eher enzyklopädischen Charakter. Erst der Franzose Guilleaume Bude‚ (1467-1540) verwendet das Wort Philologie in einem neueren, uns
geläufigen Sinne, wobei er von einer orbicularis
doctrina spricht, die alle anderen Disziplinen umfasse. - Zu Budé‚ weiter
unten.
|
| 388 |
Nicht zu den studia
humanitatis gezählt wurden ursprünglich die Logik, Naturphilosophie und
Metaphysik, Mathematik, Astronomie, Medizin, Jurisprudenz und
Theologie.
|
| 389 |
Dort ist ja auch die professionelle Tätigkeit zahlreicher
Humanisten verankert. Gut schreiben und sprechen zu können, war zu allen Zeiten
wesentlich. In der Renaissance sah man diese Fähigkeit vom Studium der
klassischen Autoren abhängig. Aus der Verbindung hin zur Profession wird auch
der starke Anreiz für die Beschäftigung mit den alten Autoren
erlärbar.
|
| 390 |
Luis Vives hat 1532 in seiner Schrift „De ratione dicendi“ die jeweilige
Sprache als sacrarium, Schatzkammer, eines
Volkes angesehen, durch die erst man Zugang gewinne zu den Kulturgütern und zum
Wissen eines Volkes.
|
| 391 |
Es
sei hier nur auf die Platon-Ausgabe Henri II. Etiennes von 1578
verwiesen.
|
| 392 |
Erasmus kämpfte für die Erhaltung der Einheit von Religion und
Bildung. Die Revision antiker Texte, gegründet auf eine bessere Kenntnis der
klassischen Sprachen, war für Erasmus die höchste Aufgabe, denn durch die Einbeziehung der
christlichen Texte und die Bibel handelte er damit von den Quellen des
religiös-sittlichen Lebens. Durch die Reinigung der alten Texte von der
„Verderbtheit“ durch die Zeit sollte der Verderbnis der Gegenwart Einhalt
geboten werden. 1516 hat Erasmus im Vorwort zum Neuen Testament seine Ratio seu methodus compendio perveniendi ad veram theologiam
veröffentlicht, also die Grundlagen seiner Interpretationsmethode. "Gott wird nicht durch grammatische Fehler
beleidigt, aber er hat doch auch keine Freude daran", "Warum sich über Interpunktionen aufregen? Aber ein falscher Punkt
oder ein Komma, solche eine Kleinigkeit, kann eine Häresie erzeugen",
ohne philologische Kritik führte ihm kein Weg zu den reinen Quellen
evangelischer Wahrheit, der veritas
evangelica. – Ein bekanntes und griffiges Beispiel für die Konsequenzen
eines einzigen Beistrichs findet sich im Text eines Kreuzliedes des Hartmann
von Aue, wo es heißt: „und lebt min
herre Salatin und al sin her / dien brachten mich von Vranken niemer einen
fuoz“; die Interpretation und Aussage dieses Textes hängt davon ab, ob
man nach herre und vor Salatin ein Komma setzt oder nicht. Wird der Beistrich nicht
gesetzt, dann ist Saladin (+1193) tot; wird er gesetzt, dann ist der Herr
des Dichters tot. Davon hängen, da nun nur das Sterbejahr Saladins bekannt
ist, die Datierung des Liedes und die Lebensdaten des Dichters und seines Herrn
ab (nach Zatloukal, Handschriftenkunde, in: Ältere deutsche Literatur, hg v.
Alfred Ebenbauer und Peter Krämer, 121-140, 134f.).
|
| 393 |
Erasmus schrieb an Zwingli: "ego
mundi civis esse cupio […]“.
|
| 394 |
Es sei hier nur auf die Bibelkritik des
Oratorianers Richard Simon (1638-1712) verwiesen, der 1678 er seine „Histoire critique du
texte du Vieux Testament“ mit revolutionären Aussagen über Moses und den
Pentateuch sowie über die Chronologie ganzer Teile des Alten Testaments
veröffentlichte und auch das Neuen Testaments als einen antiken Text der Kritik
unterzog. Alle seine Werke wurden sofort auf den Index gesetzt.
|
| 395 |
Vgl.u.a. auch
Perez Zagorin, Francis Bacon, Princeton University Press 1998.
|
| 396 |
Francis Bacon hat Giordano Brunos und Keplers Werke vermutlich nicht gekannt, obgleich er ansonsten
zahlreiche moderne Wissenschaftler seiner Zeit erwähnt. Bacon war reiner
Materialist und beschäftigte sich früh mit der Frage des Atomismus, wobei er
sich an Demokrit hielt, und betrachtete Bewegung als das fundamentale
Prinzip aller Erscheinungen. Was die Mechanik anlangte, so vertrat er entgegen
den Meinungen seiner Zeit die Ansicht, dass zwischen der sublunaren und der
supralunaren Welt kein Unterschied bestehe (1612 A Description of the
Intellectual Globe, Descriptio Globi Intellectualis). Kopernikus´ Lehre hat Bacon als einen rein mathematischen Kunstgriff
zur Erklärung der Planetenbewegung zurückgewiesen. – Andererseits wurzelt
Bacon tief in der Tradition des Handwerks, des Machers, des schaffenden
Menschen, des homo faber, der nicht nur betrachtet und interpretiert, sondern
auch handelt. Man könne nur verstehen, was man mache, tue, reproduziere, man
lerne im Schaffen – learning by doing.
|
| 397 |
Man hat Bacon den Luther der Welt der Wissenschaft genannt. Sein Motto ist: Der Mensch aber ist der Diener und Interpret der
Natur: was immer er tut und weiß, er tut es nur und ausschließlich, weil er
die Gesetze der Natur beachtet – im Handeln wie im Denken. Darüber hinaus
weiß der Mensch nichts und kann auch nichts tun. Denn die Kette der Ursachen
und Wirkungen kann nicht gelockert oder unterbrochen werden, noch kann die
Natur anders erforscht werden, als indem man ihr gehorcht. Die
Selbständigkeit [sovereignity] des
Menschen liegt verborgen im Wissen.
|
| 398 |
Wissenschaft wird in
Zusammenhang damit bei Bacon identifiziert mit Herrschaft über Natur, der
Fähigkeit, die Natur zu manipulieren, das garantiere allein die Gewissheit
wissenschaftlicher Erkenntnis. Wenn nicht etwas Neues geschaffen würde, dann
handle es sich nicht um wirklich zutreffende philosophische =
naturwissenschaftliche Erkenntnis. Diese Naturauffassung steht der der Stoa
nahe, in der der Mensch gewissermaßen die Vollendung der Natur, die „zweite
Natur“ schafft, gewissermaßen das göttliche Werk auf seine Weise adaptiert und
vollendet. – Bacon unterschied drei Grade des wissenschaftlichen
Ehrgeizes: Nutzen für persönliche Macht und Ansehen im eigenen Land, Nutzen
für das Vaterland in Bezug auf andere Länder und schließlich als wahres Ziel
Nutzen in Bezug auf die Herrschaft des Menschen über die Natur.
|
| 399 |
Ähnlich wie Kepler war Bacon aber dennoch dem Okkulten verbunden, obgleich er
z.B. die Alchemie als in höchstem Maße unzulänglich erachtete. Astrologie und
Alchemie erachtete er in The Advancement of Learning als Produkte der
Imagination denn der Vernunft. Auch esoterischen Aspekten stand er nahe, das
hermetische Element der Verweigerung höheren Wissens gegenüber Unwürdigen
erscheint auch bei ihm immer wieder, insbesondere in Nova Atlantis, wo die
Hüter von Salomos Haus auch die Hüter der Geheimnisse des Wissens
sind.
|
| 400 |
Erste Gesamtausgabe
Amsterdam 1663, die umfassendste von Speeding in 6 Bdn London
1862-1872.
|
| 401 |
Dzt
beste deutsche Ausgabe: Francis Bacon. Neues Organon (lateinisch-deutsch), hg.
und mit einer Einleitung von Wolfgang Krohn, 2 Bde Hamburg 1990 (= Meiner
Philosophische Bibliothek 400a + 400b).
|
| 402 |
Sie sind
später lateinisch als „Sermones fideles“ herausgekommen.
|
| 403 |
Descartes frühestes Werk zu diesem Thema datiert aus 1628: Regeln
für die Ausrichtung des Geistes. Der berühmte und bahnbrechende Discours de la
Method ist erst 1637 erschienen
|
| 404 |
Es sind dies die idola, deren er vier benennt: (1) Das Idol der
Zunft = Vorurteile, die allen Menschen eigen seien. (2) Das Idol der Höhle =
„Eigengötzen“, die individuellen Vorurteile, z.B.: Aristoteles habe die Naturerkenntnis ganz der Logik verkauft und sie
noch dazu durch die Dialektik verdorben (3) Die idola fori, die Idole des
Marktes, der Gesellschaft = Fülle von leeren und falschen Begriffen, die aber
dennoch verwendet würden (4) Die idola theatri = die irrigen Schulmeinungen,
sie habe sich der Mensch sauer erworben und deshalb säßen sie auch so tief,
dass sie kaum überwindbar seien.
|
| 405 |
S.
Aphorismen S. 27,8, 9+11+12, vor allem 19.
|
| 406 |
S. dazu die Ausführungen zu den
Geisteswissenschaften.
|
| 407 |
Auch Wittgenstein nahm eine
derartige Position ein, wenn er meinte, die Philosophen stünden im Kampf mit
der Sprache; auf der ihm im Trinity College in Cambridge gewidmeten
Gedenktafel stehen die Worte „rationem ex
vinculis orationis vindicandam esse rerum naturam sic magis magisque
pernosci sensit atque exemplis docebat“, Illustrierte Geschichte der
westlichen Philosophie, hg von Anthony Kenny, Frankfurt – New York 1995 (=
deutsche Ausgabe der „The Oxford Illustrated History of Western Philosophy,
Oxford 1994) 287
|
| 408 |
Dazu Bertrand Russel
und Alfred North Whitehead, Principia mathematica, 3 Bde
1910-1913.
|
| 409 |
S. dazu Helmut Holzhey in Die Philosophie des 17. Jahrhundert I, hg
von Jean-Pierre Schobinger, Basel 1998 (= Grundriss der Geschichte der Philosophie
gegr. von Friedrich Ueberweg) 11ff.
|
| 410 |
S. dazu Hans Bots in Die Philosophie des 17.
Jahrhundert I, hg von Jean-Pierre Schobinger, Basel 1998 (= Grundriss der
Geschichte der Philosophie gegr. von Friedrich Ueberweg) 31ff.
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| 411 |
Diese Bild änderte sich in den katholischen Ländern bis weit in das
18. Jh hinein nicht, während in den reformierten Bereichen – wie bereits erwähnt –
die Curricula bald nach der Reformation modernisiert wurden.
|
|