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Noch feinde mögen ietz, noch waffen mehr erschrocken
Da Virmondts Helmen mich, und creutze thut bedecken.

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Historische Nachricht
von der Röm. Kayserl.
Groß⸗Botschafft
nach
Constantinopel,
welche auf allergnädigsten Befehl
Sr. Röm. Kayserlichen und Catholischen Majestät
Carl des Sechsten/
nach glücklich vollendeten zweyjährigen Krieg,
Der Hoch⸗ und Wohlgebohrne des H. R. Reichs Graf
Damian Hugo von Virmondt /
rühmlichst verrichtet.
Worinnen ganz besondere Nachrichten von der Türken Policey, Religion,
Griechischen Antiquitäten und andern merkwürdigen anderswo vergeblich gesuchten
Sachen / zu finden; dabey vieles mit den accuratesten Kupfern erläutert ist.
Aufgesetzt von
Gerard Cornelius von den Driesch /
Sr. Excellenz Secretair und Historiographus.
Nürnberg /
zu finden bey Peter Conrad Monath. 1723.
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Der
Hoch⸗ und Wohl⸗Gebohrnen
Frauen /
Frauen Maria
Elisabeth
Reichs⸗Freyin von Burscheid /
Des Reiligen Römischen Reichs verwittibter
Gräfin von Virmondt /
Meiner Gnädigsten Frauen.

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Hoch⸗ und Wol⸗Gebohrne Reichs⸗Gräfin,
Gnädigste Frau Frau!


NAchdeme ich mich einmal entschlossen /
die vor mehr denn einem Jahr in La
teinischer Sprach heraus gegebene
Beschreibung der Kayserl. Groß
Botschafft an die Ottomannische
Pforte ins Teutsche zu übersetzen /
war es unnöthig / mich lang darauf zu besinnen/ wo
hin meine Zuschrifft müste gerichtet seyn; sintema

len

)( 3
- 12 -
DEDICATIO.

len sich alsobald meinen ersten Vorstellungen eine
vornehme Reichs⸗Gräͤfin praesentirte / welche an dem
Lob dieser rüͤhmlichst verrichteten Gesandtschafft kei
nen geringen Theil nimmt: verstehe aber darunter nie
mand anders / als Eu. Hoch Gräfl. Excellenz,
meine Gnädigste Frau / die / gleichwie Sie an un
serm unvergleichlichen Helden und Staats⸗Mann
Damian Hugo / des Heil. Römischen Reichs Grafen
von Virmonde/ als Jhrem ehedessen hochschäͤtzba
ren Gemahl selbsten / also auch an dessen Verrich
tungen / Glück / Ruhm und Ehre den grösten An
theil hat / daß derowegen Eu. Excellenz die
Zuschrifft solcher Ubersetzung von mir als eine un
umgängliche Schuldigkeit billig fordern köͤnnen.
Die unvergleichlichen Thaten dieses unsers Teut
schen Cyneas sind bekannter / als daß ich selbige der
Welt erst offenbahren solte / auch mehr und grösser /
als daß ich sie alle zu erzehlen und zu wiederhohlen
geschickt wäre: Ja wer sich unterstehen wolte/ de
nenselbigen einen neuen Glanz beyzusetzen / wurde
eben so viel ausrichten/ als wann er Wasser in den
Strom / oder Hitze zu der Sonnen / zu tragen ge
dächte: So haben mich auch schon andere dieser - 13 -
DEDICATIO.

dieser Mühe überhoben / welche durch öffentlich heraus
gegebene Schrifften solche der Welt laͤngstens vor
Augen gelegt. Doch der letzt zu Passarowitz her
gestellte Friede/ und die der ganzen Christenheit dar
durch zugewachsene Vortheile/ samt denen den Erz
Herzoglichen Hauß Oesterreich zugefallene König
reiche und Läͤnder sind solche Dinge / um welcher
willen Ihme auch nach dem Tod nicht allein wir /
sondern die ganze Nach⸗Welt biß zu ewigen Zeiten
sich zu aller Dankbarkeit und Ruhm billich verbun
den erkennen muß.
So geruhen demnach Eure Hoch⸗Gräfliche
Excellenz diese von mir aus dem Lateinischen ins
Teutsche übersetzte Türkische Reiß⸗Beschreibung ei
ner Kaiserlichen Groß⸗Botschafft / welche auf solchen
vortheilhaftigen Frieden erfolget / und von dem Frie
dens⸗Stiffter selbst mit seinem höͤchsten Ruhm und
Ehren geendiget worden / Euerer Hoch⸗Gräflich.
Excellenz aber aus vielfäͤltigen Ursachen allein
gebuͤhret/ in Gnaden an und aufzunehmen / als die den
Herrn Groß⸗Botschaffter / Höchstseel. Andenkens /
mit seinen klugen Anschlägen/ tief ausgesonnenen
Reden / und vornehmen Unternehmungen uns wie

der

)()(
- 14 -
DEDICATIO.

derum gleichsam lebendig vorstellen. Womit zu
Eu. HochGräfl. Excellenz beständiger Wol
gewogenheit mich gehorsamst recommandire/ und
mit unterthänigsten Respect verharre


Eu. Hoch⸗ und Wol⸗Gebohrnen /
Meiner Gnädigsten Frauen /


schuldigst⸗gehorsamster,
Gerard Cornelius von den Drisch.

- 15 -


Vorrede
An den geehrten Leser.


DJejenige / welche gegenwäͤrtige Historie zu
lesen sich gefallen lassen / belieben vor
allen Dingen sich zu versichern / daß
sie darinnen nichts finden werden / was
nicht mit der Wahrheit uͤbereinstimmet;
sintemahlen ich entweder selbst meinstens
darbey gewesen / wann sich etwas zugetragen / und
es mit Augen angesehen: oder zum wenigsten von de
nenjenigen vernommen/ die durch langen Auffenthalt
in diesen Läͤndern solches aus der Erfahrung gewust.
Noch vielweniger aber wird darinnen was anzutreffen
seyn / welches nur auf blossen Muthmassungen / die /
wie es öfters geschiehet / aus andern Buͤchern heraus
gezogen sind/ oder auf des gemeinen Mannes ungegrüͤn
deter Einbildung beruhet / welche letztere so unwahrschein
lich / als jene verstümmelt ist: daher es dann kommt /
daß / weil mancher nur nachsagt oder schreibt / was ande
re vor ihm gesagt oder geschrieben / ohne daß er seiner Mei
nung einen rechten Grund hatte / so viele Unwarheiten
in der Welt herum fliegen; angesehen immer eine Falsch
heit aus der andern entstehet / welche / ob sie gleich An

fangs

)()( 2
- 16 -
Vorrede.

fangs nicht viel zu bedeuten scheinet / doch nach und nach
einen merklichen Zusatz bekommt / und unter dem Deck
Mantel der Warheit sich so lang verstecket / biß diese end
lich mit grosser Mühe herfüͤrbricht / und jener die Masque
abziehet. Und dieser Warheit / welche die Historie am
meisten zieren muß / werde ich mich sorgfäͤltig befleissigen /
im uͤbrigen aber unbekümmert bleiben / ob einige vielleicht
dieselbige nicht wol vertragen köͤnnen. Gleichwol
soll diese bey vielen so verhasste Sache nicht aller Annehm
lichkeit beraubet seyn / indem die Erzehlungen fremder Sit
ten / als etwas / das die meisten nicht ungerne hoͤren /
allenthalben mit eingemischt werden; und wann al
so die mancherley Eigenschafften der Menschen sich dem
Leser vor Augen stellen / kan er dasjenige / was ihm
am besten duͤncket / auslesen / und sich eigen machen / das
übrige aber / als etwas unanständiges verwerffen. Dann
man muß nicht meynen / als ob einiges Volk in der Welt so
barbarisch / oder von der Erbarkeit und wol⸗anstäͤndigen
Sitten so gar entfernet wäre / noch auch das allgemeine
Verderben sie so gar unbändig gemacht haͤtte / daß sie
nicht auch noch vieles an sich haben solten / wordurch
man etwas lernen und zu seinem Vortheil anwenden koͤn
te / wann wir es nur selbsten darzu gebrauchen wolten.
Sind nicht die so vielfäͤltige Reisen in fremde Laͤnder von
unsern Vorfahren darzu angestellet / und heranwachsen


der
- 17 -
Vorrede.


der Printzen und adelicher Jugend einiger Zweck in der
gleichen Vornehmen dahin gerichtet / daß sie verschiedener
Völker Gebraͤuche und Sitten dabey erlernen / und das⸗
jenige an ihrer eigenen Person vorstellen sollen/ was sie
angemerket / daß andere beliebt und ansehnlich machet?
Dann eben daher entstehet der Nutzen von so vielfältigen
Fatiguen auf der Reise / und die Jhrigen empfangen sie
bey ihrer Zuruckkunft mit so viel groͤsserer Freude / je mehr
sie gute Sitten mit nach Hauße bringen. Kluge Reisen
de sollen demnach denen Bienen nachahmen / welche nur
den Thau und das Honig aus denen Blumen samm
len / nicht aber denen Spinnen / die nichts als Gifft dar
aus zu ziehen wissen. Diejenige / welche eher die Laster
als Tugenden an denen Nationen gewahr werden / las
sen sich gemeiniglich auch von ihnen zum Bösen verleiten /
weil man in anderer Leute Untugenden nicht geschwin
der vollkommen wird/ als wann wir dieselbige mitma
chen. Wann aber hier meines Thuns nicht ist / jemand
zu unterrichten / oder zu bestraffen / so wende ich mich viel
mehr wiederum zu derjenigen Materie / welche ich vor
habe. Man erwarte demnach keinesweges von mir /
was andere bis zum Eckel schon vor mir zu thun ge
wohnt gewesen / daß sie alle Kleinigkeiten / die ein jeder
aus ihnen täglich verrichtet / und andere nichts bedeuten
de Dinge aufs genauste erzehlen. Jch habe mir vorge
nommen / gelehrten und verständigen Personen eine Hi

storie

)()( 3
- 18 -
Vorrede.

storie zu schreiben / nicht aber dem gemeinen Pöbel / Kin⸗
dern und alten Weibern etwas vorzuplaudern / als mit
welchen Sieben⸗Sachen unsere Buchläden ohne dem biß
zum Uberfluß angefuͤllt sind. Ich werde aber daselbst
meine Erzehlung anfangen / wo ich meine Reise ange
tretten. Dann ob ich schon nicht läͤugne / daß die Erzehlun
gen des vorhergehenden Kriegs; die Ursache und Folge
rung desselben; die Zeit / da man zum Friedens⸗Tractaten
geschritten; den Ort / die Gerechtsame und andere darzu
gehörige Sachen / nicht unfuͤglich mit angebracht werden
könnten: so habe ich doch solches allhier darum uͤbergan
gen / weil noch alles davon bey jederman im frischen An
denken / und uͤber dieses schon zum oͤftern gedruckt wor
den ist. Anbey habe auch dafüͤr gehalten / daß es billich sey /
unsern in die Kaiserliche Residentz⸗Stadt Wien so praͤch
tigen und dergleichen noch nie gesehenen Einzug dieser
Beschreibung mit beyzufüͤgen / weil es dessen Kostbar
keit wol verdient / und die Verwandtschafft mit der
Haupt⸗Materie erfordert.


Noch eines / geliebter Leser! welches ich zu erst hat
te melden sollen: Ich habe vor einiger Zeit das aus mei
ner lateinischen Beschreibung gezogene teutsche Com
pendium,
so zu Augspurg edirt ist/ in die Hande be
kommen / und aus dessen Vorrede so viel verstanden /
daß der Verleger desselbigen für meine Arbeit nicht ge
ringen Estime bezeigt / wofür ich ihn auch verbunden;

- 19 -
Vorrede.


doch kommt mir dieses bedenklich vor / wann er un
ter andern setzt / daß man dem Herrn Auctori solcher
teutschen Beschreibung das Zeugnis geben müͤsse / wie
er sich dabey accurat, verständig und deutlich erwiesen
habe: Ich finde aber im Ansehen der Accutatesse noch
sehr vieles auszusetzen / also daß es scheinet / der Ubersetzer
müsse mich an vielen Orten nicht recht verstanden haben /
ohnerachtet die Worte im Lateinischen der geringsten
Schwürigkeit nicht unterworfen; und weil diejenige/
so nicht Latein verstehen / gar leicht die daselbst vorge
laufenen Fehler mir imputiren koͤnten/ wäre dieses ei
nige schon capable gewesen / mich zu einer neuen und
accuraten Ubersetzung zu obligiren/ damit ich nicht an
derer Versehen mir unverschuldet muͤsse aufbuͤrden las
sen; damit man aber das bekannte Sprichwort dißfalls
gegen mir nicht gebrauchen darf / si accusare sufficit,
quis innocens erit
,
will ich aus einer grossen Anzahl
nur ein paar Exempel zu meinem Beweiß anfuͤhren / und
den geneigten Leser das Urtheil anheim stellen / aus was
für einer Quelle solche gar grobe Fehler moͤgen geflossen
seyn: Es setzt nemlich der Verfasser des Compendii
pag. 159.
wo ich von der zu des Grafen von Oettingen
Zeiten entstandenen Feuers⸗Brunst gedenke: so brann
ten daselbst kurz vor seiner Ankunfft 1072. Haͤusser
auf einmal ab; und dieses soll eben dasjenige heissen /
wann ich in meiner Lateinischen Historie gesetzt: Modi-
cum
- 20 -
Vorrede.

cum ante Oetingii Comitis in urbem adventum do
morum LXXII CIC uno incendio deflagrarunt
: Viel
leicht hat er sich nicht einbilden köͤnnen / daß auf einmal
so viel Haͤuser abbrennen sollen / weswegen er auch vor
her / da er die Zahl zu benennen gleichfalls noͤthig gehabt
hätte / nur gesagt / daß unglaublich viel Häͤusser und
Palläste / nemlich im Jahr 1718. in die Asche gelegt wor
den; Doch wie es heißen muß / kan in gegenwartiger Be
schreibung p. 173. nachgesehen werden. Aus einerley
Quelle schreibt sich muthmaßlich derjenige Fehler her / wel
cher bald darauf / nemlich p. 168. folgt / wo er vorgibt /
die Botschaft hätte nach dem Aufbruch von dem Groß⸗
Vizir einen andern Weg nehmen muͤssen / dieweil sich
eine von denen Sultaninen / an einen gewissen Ort
begeben häͤtte / diesen Fug in verborgenen mit anzusehen.
Wann ich dieses also angesetzt / wuͤrde ich mir haͤßlich wie
dersprechen / weil ich an einem andern Ort gedacht / daß
sich keine von ihnen aus dem Serrallien begeben duͤrfe:
es lauten aber meine Lateinischen Worte ganz anders /
und zwar also: discedentes admonebamur, via nobis
alia esse redeundum: expectare in propinguo aliquà
Sultanum, qui videre nos desideret.
Solte es einem wol
zu verdenken seyn / wann man auf die Gedanken käme /
das Wöͤrtlein aliquà habe den Ubersetzer in den Kopf ge
bracht / es muͤße durch Sultanum eine Weibs⸗Person ver
standen werden? Doch ich bekenne es selbst / das wäre gar
zu
- 21 -
Vorrede.

zu grob geschlägelt / sintemaln ja die Lineola über den
Buchstaben à und das nachfolgende qui ein anders an
zeigen. Es sey nun aber wie ihm wolle / so ist gleichwol
gewiß / daß es kein Druck⸗Fehler / und meine Lateini
sche sehr deutliche Worte auch keine Gelegenheit zu sol
chen Verfall haben geben köͤnnen. Wie nun aber aus
diesen Kleinigkeiten / wie absonderlich das letztere in An
sehen der Materie / keineswegs aber in Regard des
Grammaticalischen Jrrthums ist / sich von dem übrigen
leicht ein Concept formiren laͤßt: also siehet man doch
daraus / daß der Verfasser mich / will nicht sagen die
Sprach / an vielen Orten nicht recht verstanden / und
könnte ich ohne Muͤhe noch wichtigere Fehler vorbringen /
wann es gegenwäͤrtig die Zeit / und der noch uͤbrige Raum
des Papiers zulassen wolte; ich will es aber hiemit zu
meiner benoͤthigten Defension, daß man mir die daselbst
vorgelauffene Fehler nicht imputiren solle/ genug seyn las
sen / und nur noch mit ein paar Worten zeigen / daß oft
gemeldter Verfasser jenes Compendii auch nicht fidel
gehandelt / und wo er einen Ubersetzer abgeben sollen /
vieles darzu gesetzt / woran ich niemalen gedacht / und
seinen Gedanken einen gar zu freyen Lauf vergöͤnnet.
Was das erste anbelanget / daß er nemlich vieles darzu
gesetzt / was mir auch nicht einmal im Traum beyge
fallen / so mag zum Beyspiel dienen / wann er pag. 89.
von einem Mann erzehlt / der seiner Frauen / welche in
des

)( )( )(
- 22 -
Vorrede.

des Herrn Botschafters Quartier ihre Zuflucht genom
men / nachgelauffen / und wegen dieser Frechheit von
den Tuͤrcken in die Eisen geschlagen / aber doch auf sein
Verlangen dem Herrn Botschafter ausgeliefert worden.
Gewiß! ich weiß von allen diesen nichts / ist auch in
meiner Lateinischen Erzehlung nicht mit einem Wort da
von gedacht worden; solte er es aber von einem andern
haben erzehlen hören / so wäre es nöthig gewesen / wann
er dergleichen hie und da zusammen geraftes Zeug dem
Leser communiciren wollen / den Titul ganz anders
einzurichten / und meinen Namen dabey zu menagiren.
Daß er aber seine Gedanken allzufrey herum spatzieren
lassen / beweiß ich daher / weil er z. E. wo ich des Orts
Jenihaan gedacht / und angemerckt / daß man es auch
Novihaan nenne / er gleich die Derivation aus dem La
teinischen genommen / und gemeinet, dieses Wort seye
aus Novi und Haan zusammen gesetzt / und müͤsse so viel
bedeuten / als das neu⸗gebaute Han/ da ich doch mit
bessern Recht dafür halte / man müsse die Bedeutung
eines solchen Worts von der Landes⸗ und nicht der Rö
mer Sprach herfüͤhren. Doch habe ich mich in meiner
Beschreibung unbekuͤmmert gelassen / wo das Wort
Jenihaan seinen Ursprung her hat / kan auch nicht ei
gentlich sagen / wann es nach seiner Art Jinehan ge
schrieben wird / ob man alsdenn mit der Etymologie
vird zurecht kommen können. Er pflegt sich aber der

glei
- 23 -
Vorrede.

gleichen Freyheit / welche ich ihm zwar nicht mißgönne /
in Benennung der Wöͤrter hin und wieder zu gebrauchen /
und Wusta Bassa Palankese / Sarebrud / Serembe rc.
zu schreiben / wo ich mich ganz anderer Namen bedie
net; allein / wann er dieses thun / und sich für einen so
guten Kenner der Tuͤrkischen Namen darthun wollen /
hätte er sich / da er hin und wieder so weit von meinem
lateinischen Original abgewiechen / nicht für einen Uber
setzer desselben ausgeben sollen. Von dergleichen
Schrot und Korn ist es auch / wann er vorgibt / die
Bulgarischen Weibs⸗Personen müsten in dem ersten
Jahr ihres Eh⸗Standes / das von dem Bräutigam für
sie erlegte Geld an ihrem Leib tragen / da sie es doch
freywillig thun / und für eine sonderbahre Zierde hal
ten / wann sie viel anhaͤngen köͤnnen / angesehen nach
deren Menge ihre Schoͤnheit und Stand estimiret wird.
Jedoch ich erinnere mich / daß ich mit niemand zu con
troverti
ren/ sondern nur mich zu defendiren / und ande
rer Leute Fehler von mir zu decliniren habe; daß aber
welche in meine eigene Arbeit eingeschlichen / wird
nachfolgendes Register zeichen / so zum theil die Eilfer
tigkeit des Druckers verursacht / und der geneigte Leser
auser einigen andern hier nicht angezeigten / nach
seiner Höflichkeit vor Durchlesung dieses Werks
corrigiren wird;

- 24 -
Vorrede.


Am Blat 89. Linie 1. ließ: für und; liesen. lin. 10. ließ: Princeßin des
Kaisers rc. am Bl. 96. lin. 25. ließ: für gaben; geben. am Bl. 99. lin.
30. ließ: Donau. am Bl. 102. lin. lezt ohn eine l. der die Mühle. am
Bl. 103. lin. 13. l. diesen. am Bl. 104. lin 23. u. 24. l. Jenihaan einen.
am Bl. 105. lin. 10. l. zärter. am Bl. 112. lin. 25. l. für ziehen; nehmen.
am Bl. 124. lin. 22. l. Verschnittenen. am Bl. 129. lin. 26. l. nicht.
am Bl. 161. lin. 16. l. Jaour. lin. 19. l. Fasten. am Bl. 170 lin. 33. l. aus
ihren Landen. am Bl. 208. lin. 7. l. gegen das End. am Bl. 215. lin. 11.
l. für auch; uͤber. am Bl. 220. lin. 27. l. Ordens⸗Tracht. am Bl. 228.
lin. 20. Quarantaine. am Bl. 239. lin. 30. l. nach. am Bl. 242. lin. 15.
setz ein (,) am Bl. 290. lin. 32.l. haben alsobald. lin. 33. bleibt haben weg.
am Bl. 297. lin. 14. l. Vetter. am Bl. 304. lin. 20. l. Quarantaine am
Bl. 346. lin. 12. l. kommen. am Bl. 473. lin. 6. nochmaln.


Anbey habe dem geehrten Leser den rechten und vollständigen Ti
tul desjenigen Buchs communiciren wollen, dessen der Patriarch zu
Jerusalem gedacht, als einige von den Unsrigen zu Sophia mit ihm ge
sprochen (siehe p. 450.), damit diejenige, so Liebhaber von dergleichen
Nachricht sind, eigentlich wissen mögen, wovon solches handele, und
wann es zum erstenmal edirt worden, weil aus angefüͤhrten Patriar
chens Worten nichts zuverlässiges hiervon kan geschlossen werden.
Es ist demnach derselbige folgendes Innhalts: Synodus Jerosalymi
tana
adversus Calvinistas haereticos, orientalem Ecclesiam de DEO
rebusque divinis haeretice, ut sentiunt ipsi, sentire mentientes, pro reali
potissimum Praesentia, Anno M. DC LXXII. sub Patriarcha Jerosolymo
rum Dosithaeo celebrata. Interprete Domno M. F. è Congregatione
Sancti Mauri, Ordinis Sancti Benedicti. Parisiis M. DC. LXXVIII.
Hier
aus ist nun so viel zu sehen, wider wem eigentlich die Schrift gerichtet,
was darinnen tractirt wird, und daß nicht vor ungefehr 20. biß 30. son
dern vielmehr vor länger als 40. Jahren dieselbe von gedachten Pa
triarchen, wie aus der Vorrede des Buchs zu sehen, dem Frantzösischen
Gesandten zu Constantinopel dasselbige zugestellt, und zum Druck re
commendirt
, auch endlich 1676, das erstemal, wegen seiner häͤuffigen
Druckfehler aber bald darauf, nemlich 1678. noch einmal in Griechi
scher und Lateinischer Sprach aufgelegt worden. So viel mag auch
hievon für diesesmal genug seyn. Der geehrte Leser lasse sich meine
Arbeit gefallen, und bleibe gewogen


Dem Auctor.

- 25 - - 26 -
- 27 -


Historische Nachricht
Von der
Röm. Kaiserl. Groß⸗Botschaft
nach Constantinopel.
Erstes Buch.


Erste Abtheilung.


ALs die von Jhro Röm. Kaiserl. Majestät
angesetzte Zeit zu dem sehr prächtigen Einzug
Jhro Excellenz Grafen von Virmonds /
Kaiserl. Groß⸗Botschafters an die Otto
mannische Pforte/ herbey gekommen, und
vorhero alle benöthigte Anstalten auf das sorg
fältigste gemacht worden, hat der Herr Botschafter den 26.
Der Ein
zug der
Kaiserl.
Groß⸗Bot
schaft in
die Stadt
und nacher
Hof.

April, 1719. an einem Mitwochen solchen durch die Stadt nach
der Burg auf das prächtigste gehalten. Alles hat sich üͤber densel
bigen verwundert, und wird man auch wol, so lang Wien stehet
davon reden.


Es haben die Wol⸗Ehrwüͤrdigen Patres, Augustiner⸗Or
dens / nahe bey Wien, in der Vorstadt, auf der Land⸗Strassen
nach Ungarn, einen Garten, wohin sich der Herr Botschafter
in aller Frühe mit seinem gantzen Adel, Bedienten, Edel⸗Knaben /
Knechten, Heyducken, und allen übrigen, so diesen Einzug zieren
helfen solten, begeben; woselbst sich auch viele Freunde und Clien
A
ten
- 28 -
2

Erstes Buch / Erste Abtheilung /

ten von Jhm eingefunden, bey demselbigen ihr Compliment abzu
legen, und ihre Reverenz zu bezeugen. Hierauf wurde ohngefehr
um 10. Uhr/ nachdem einem jeden sein Platz, welchen er in dem
Zug halten muste, angewiesen worden, zu dem voͤlligen Einzug der
Die Stadt⸗Garde
und derer
Führer.

Anfang gemacht. Den Vorzug hatten sechzig Mann von der
Stadt⸗Garde, unter Anführung des Herrn Stadt⸗ und Kaiserl.
Führer. Leib⸗Garde⸗Hauptmanns, Jacob Victor von Picky, und Herrn
Hauptmann, Wacht⸗Meister Lieutenant von Rosenfeld, welchen
vier Leibschützen: 12. Hautboisten, Fagotisten und Wald
hornisten, ein Pfeiffer und vier Trommelschläger aber den Fuß

Der Vor
laufer.
Knechten vorgiengen. Diesen folgte ein Vorlaufer / Christian
Kraft, dessen wir uns nachgehends auf der Reise statt eines Quar

Die Kai
serl. Cour
riers.
tier⸗Meisters bedienet haben. Hierauf kamen zwey Kaiserl. Orien
talische Courriers, Jsaac de Luna, und Johann Georg Jorkowitz,

Die Stall
Knechte.
in schöͤnen rothen mit Gold bortirten Kleidern zu Pferd. Her
nach ritte ganz allein des Herrn Groß⸗Botschafters Stallmeister,
Johannes Brinckmann, auf einen mit silbernen Zeug schoͤn aufge
butzten Rappen: deme vier Reit⸗Knechte paar und paar in des

Die Hand
Pferde.
Herrn Groß⸗Botschafters Livrée folgten. Diesen wurden zwölf
von Seiner Excellenz eigenen Hand⸗Pferden, welche mit
roth⸗sammeten und etlichmal mit breiten guͤldenen Borten ver
bremmten Decken aufs kostbarste gezieret waren, von eben so viel

Die Trom
peter und
Paucker.
Reit⸗Knechten nachgeführet. Alsdann kamen acht Trompeter
Paucker. und ein Paucker zu Pferd, deren Namen sind: Jacob Jaroch,
Franz Reichard, Joseph Schmied, Andreas Rieß, Albrecht und
Augustin Sesler, Gebrüdere; Franz Sondermar, Philipp Schab
schneider, Anton Winkler, deren silberne Trompeten mit silbernen
und güldenen Quasten gezieret, die Paucken aber gleichfalls von
Silber und mit einer sehr reich von Gold und Silber gestickten Pau
cken Fahne behenkt waren, auf welcher letztern der Kaiserl. Adler, in
dessen Mitte aber das Oesterreichische Ertz⸗Hertzogliche Wap
pen von Gold und Silber gestickt zu sehen gewesen. Alle erst erzehlte
Personen waren in roth⸗mit Gold und Silber verbraͤmten gefluͤgel
ten Röcken, gelb⸗sammeten mit Silber starck verbortirten Fut
ter⸗Hemdern, und weisen Federn auf den Huͤten, gekleidet.



Die Haus
Officiers.
Bald darauf zeigte sich der Hof⸗Meister, Johann Michael
Kern, mit noch funfzehen andern des Herrn Groß⸗Botschafters
Hauß
- 29 - 3
Von des Hn. Groß⸗Botschafters Einzug in Wien.

Hauß⸗Officiern, je drey und drey zu Pferd, in roth-ganz mit Gold
besetzter Kleidung; es sind aber selbige gewesen: Franz Jacob Zaun,
Paul Michael Zwenhof, beiderseits Cammer⸗Diener; Jgnatz A
dam Mayer, Johann Gottlieb Haueisen, zwey Speiß⸗Meister;
Johann Baptist Cervi, Zuckerbecker; Johann Georg Wolfa
rum, Kuchelmeister; Niclas Frankenberg, Apothecker: Anton
Morelli, Feldscheerer; Johann Semler und Joseph Ernst Schmied,
zwey Mahler; Bertrand Dierna, Canzelist; Swibert Holzbauer,
Capell⸗Meister; Johann Bernhard Meyer, Adam Meyers Bru
der / Johann Henrich Heckmann / Gerhard Cornel von den Driesch,
des Herrn Groß⸗Botschafters Secretarien: hierzu kom
men noch die zwey Leib⸗Aertzte Hr. Andreas Dorscheus, und Daniel
Lambert von Hulin, wovon der erste diesen Einzug zwar nicht mit
beygewohnet, weil er aber nachgehends bey allen andern Ein⸗ und
Auszügen diesen Platz bekleidet, haben wir seiner nirgend füͤglicher
als hier gedenken koͤnnen. Denen jetztgedachten folgten in reicher
teutscher Kleidung, von unterschiedenen Farben, sechs neu⸗ ange
nommene und drey alte in Tuͤrckischer Tracht gekleidete Kaiserl.
Sprach⸗Knaben, davon die ersten sechse heisen: Johann Latour, Die Orien
talische
SprachKnaben.

Ludwig Toutsaint, Anton Seleskowitz, Franz Joseph Meyer,
Carl Ludwig Momartz, Heinrich Christoph Penkler; die drey letz
tern aber: Carl Momartz, des vorigen Bruderl, Johann Petro
witz, und Johann Götz. Zu diesen stoßten diejenige, welche der Die Can
zellisten
und übrige
vom HofKriegsRath.

Hof⸗Kriegs⸗Rath zu des Herrn Botschafters Diensten mitgeschi
cket hat, als: Urban Holtzbauer, Uhrmacher; Ferdinand Eurich,
Franz Xavier Kemmeter, Johann Christoph Kastner, Canzelisten;
Hermann Paul Cramer, Cassirer; ingleichen die zwey Kaiserl.
Die Doll
metsch.
Dolmetschen der Orientalischen Sprachen: Johann Henrich Vor
ner von Sonnenhold, dies Orts anwesender Aeltere zur rechten,
und der erst neulich darzu erwehlte Johann Godschalk, zur linken,
auf Türckisch gezierten Pferden, zwischen ihren auf Tüͤrckisch ge
kleideten Dienern zu Fuß: zu welchen beiden zu Belgrad noch der
dritte, Namens Niclas Theyls, angenommen worden, der vor
diesem den Holländern in dergleichen Verrichtung lang gedienet,
und derowegen zu vermuthen war, er muͤsse eine grosse Erkäͤnntnis
in den Tuͤrckischen Affairen erlangt haben. Nicht lang hernach
Der HofMarschalk.præsentirte sich der Hof⸗Marschalk, Herr Carl Ludwig, Baron
von

A 2
- 30 -
Erstes Buch / Erste Abtheilung.

4

von Seebach, Obrist⸗Wachtmeister unter dem Graf Virmondti
schen Regiment, und zwar ganz allein zu Pferd, in einem überaus
reich mit Gold verbräͤmten rothen Kleid, dessen zwey eigene Die
Die La
quayen der
Edelleute.
ner neben dem Pferd hergiengen. Nechst diesem erschienen der
Edelleute Laquayen zu Fuß, je drey und drey neben einander, alle
in gelben Futter⸗Hemden / und rothen reich bordirten Röcken ge⸗
Die Edel
leute.
kleidet; und hierauf der zweyte Adel selbst, wiederum drey und
drey, nemlich die Herrn: Ferdinand von Schopen, Anton
Joseph von Weipler, Anton Jgnatz Jmhof von Schillsberg und
Schwambach, Jacob Mattoni / Ferdinand Steger, Ferdinand
Preitenacher von Preitenau, Theodor Managetta von Lerchen
au, Michael Sautermeister, Johann Ludwig Camber, Philipp
Wilhelm Franken, Franz Christoph Joseph von Demerath, Her
mann Adolph Aussem, Christian Philipp Freyherr von Glimberg,
Adam Friederich Freyherr von Studenitz, und Adam Dominicus
Freyherr Locherer von Lindenheim.
Diese Zahl wurde erstlich zu Wien noch vermehret durch Abel
von Wettstein, zu Preßburg aber von Franz Anton Freyherrn von
Schmiddegg, und letztlich zu Grichisch⸗Weisenburg von Otho
Friederich von Obschelwitz / Kaiserl. Ingenieur-Hauptmann, alle
in den kostbarsten Kleidern und reichsten Pferd⸗Zeug. Der Mit
lere in der ersten Linie füͤhrte an einem roth⸗sammeten und mit Gold

Die Fahn
und der
Fähndrich
der Edel
leute.
rings um besetzten Pandalier eine roth⸗seidene und von Gold be

schwehrte Standart, so auf der einen Seiten des Hn. Groß⸗Bot
schafters Stamm⸗Wappen præsentirte, auf der andern aber war
eine durch die Wolken herfuͤrbrechende Sonne zu sehen, und in der
Luft zeigten sich zwey in einander geschlossene Hände, unter wel
chen ein Lorbeer⸗Cranz gemahlt war, welcher auf der Welt⸗Kugel
ruhete, mit dieser Beyschrifft: Mutuis officiis, durch wechsels
weise Freundschaft; davon die Bedeutung unschwehr zu erra
then, als welche um des gemeinen Volkes willen in so leichten Wor
ten verfasset war, und anzeigte, daß, gleichwie die Sonne nach
vertriebenen Wolken klärer herfür scheinet, und denen untern Ge
schöpfen ihren Einfluß kräftiger mittheilet: also auch nicht zu zwei
feln sey, es werde nach beygelegter Kriegs⸗Unruhe die nunmehro
glänzende Friedens⸗Sonne denen Menschen bessere Zeiten verschaf
fen, und die Gemüther der beiden Kaisere dermassen vereinigen,
daß
- 31 -
5

Von des Hn. Groß⸗Botschafters Einzug in Wien.

daß Sie anjetzo mit noch einmal so fester Freundschaft einander zu
gethan seyn werden, als sie vorhero in Feindschaft wider einander
gestanden, woraus dann nicht geringer Nutzen so wol füͤr ihre eige
ne Person, als auch für ihre Länder zu hoffen stehet.


Aber wiederum auf die Haupt⸗Sache zu kommen, so praesenDer Secre
tair von der
Botschaft.

tiret sich auf das neue Hr. Joseph von Dierling, des Heil. Röm.
Reichs Ritter, und dermaln Legations-Secretair, auf einen schön
gezierten und wol gewachsenen Pferd / in einem roth⸗weislecht mit
Gold reich gesticktem Kleid. Dieser trug, nachdem der Herr Groß
Botschafter von Jhro Röm. Kaiserl. Majestät die Ab
schieds⸗Audienz genommen, und gnädigst entlassen worden, oͤffent
lich in der rechten Hand Jhro Majestät Credenz⸗Schreiben in
einem weiß gewöͤlkten mit Gold schoͤn ausgestickten Umschlag, so wol
da wir zu Jhro Majestät der regierenden Kaiserin / und
beiden verwittibten Kaiserl. Höfen / als zu letzt durch die Stadt
zuruck kehrten. Gleich auf selbigem folgte die Geistlichkeit, oder die Die Geist
lichkeit.

Ehrwürdigen Väter, und Hr. Joseph Lovina, aus der Gesell
schaft Jesu; Robert Leeb, aus der Abtey vom H. Creutz im Wie
nerwald; Johann Adam Müller, aus dem Stift Borken in West
phalen; und Stringarius de Nano, welche alle Geistliche bey der
Gesandtschaft waren; ingleichen der Hochwürdigste, Hoch⸗ und
Wolgebohrne Graf Ernst von Schrattenbach / Benedictiner Or
dens⸗Abt zu Domben, Prälat bey der Gesandtschaft, und Seiner
Eminenz des Hn. Cardinal⸗Priesters Hanibal Graf von Schrat
tenbach, wie auch Bischoffen zu Olmütz Herr Bruder, und Seiner
Ertz⸗Bischöflichen Gnaden von Salzburg Franz Anton Grafen
von Harrach geheimder Rath: jene zierte die geistliche Eingezogen
heit besser, als Sammet und Purpur: der Herr Prälat aber liesse sich
anbey in einem seidenen vielfaͤrbigen Kleid, und langen Mantel mit ei
nem auf der Brust herab hangenden kostbaren Creutz, und grüner
seidener Schnur auf dem Hut sehen. Zu Grichisch⸗Weißenburg
kam noch ein anderer Priester aus der Gesellschaft Jesu darzu, mit
Namen Miroslawitz; und schon zu Wien fanden sich noch zwey
andere ein, die zwar nicht bey dem Einritt, jedoch aber bey dem
Kaiserl. allergnädigsten Hand⸗Kuß gewesen, aus dem Orden der
PP. Trinitarier, nemlich Josephus a Jesu Maria, und Andreas a S.
Ger

A 3
- 32 -
Erstes Buch / Erste Abtheilung /

6

Gertrude, denen ein Lay⸗Bruder, Dionysius, mit gegeben wurde,
welcher ihnen auf der Reise Handreichung thun solte. Nebst die
sen war auch ein Armenianischer Priester aus der Grichischen Kir
che zugegen, samt noch einem andern aus dem Orden des H. Fran
cisci, welcher Capistranus geheissen, und aus Päbstlichen Befehl
forthin sich als Missionarius in Orient um der daselbst befindlichen
Catholischen willen aufhalten wird.



Die La
quayen des
ersten Adels
Nach diesen nun kamen 13. Laquayen des Adels vom ersten
Rang je drey und drey zum Vorschein, welche an Kostbarkeit der
Livrée die von dem zweyten Rang uͤbertroffen. Kurz hierauf folg
ten die Herrn Cavaliers selbsten, deren einer Jhro Röͤm. Kai
serl. und Cathol. Majestät würklicher Cammer⸗Herr, die
andern aber unterschiedliche vornehme Ordens⸗Ritter, Obrist⸗Lieu
tenants, Rittmeistere, Hauptleute, und alle von Haus aus gebohr
ne Grafen und Freyherrn aus denen vornehmsten und aͤltisten Ge
schlechten waren. Es sind aber solche gewesen: Graf Olaguer Se
bastida, Graf Franz Bertram Arnold von Neßelrode und Rei
chenstein, Emanuel Graf von Kollovrath, Freyherr Otto von
Rhomberg, Bertram Ludwig Freyherr von Zweifel, Georg Jo
hann Raban Gottlob Freyherr von Hörte, Philipp Joseph Jo
hann Leopold Graf von Königl, Michael Victor Graf von Bielins
ki, Maximilian Graf von Scherffenberg, Michael Graf von
Thierheim, Michael Emanuel Graf von Althan, Carl Graf von
Bathyani, und Johann Marggraf von Besora. Diesen fügte sich
noch vor unserer Abreiß aus Ungarn bey Graf Norbert von Kollo
Die Fahn
und der
Fähndrich
des ersten
Adels.
vrath, obgedachten Emanuels Hr. Bruder. Absonderlich machten
des H. Röm. Reichs Graf Franz Bertram Arnold von Neßel
rode und Reichenstein, einem nahen Anverwandten des Hn. Groß
Botschafters / welcher der mittelste in der ersten Ordnung gewe
sen, seine holdselige Gebehrden, und die Jhm und Seinem Ge
schlecht angebohrne Annehmlichkeit und edelste Sitten nicht weniger
Ansehen, als seine kostbahre vom rothen Tuch mit Gold gestickte
Kleidung. Das Pferd, worauf er gesessen, ware schwarz⸗braun
lecht, muthig, und reich aufgebutzt; uber die linke Schulter hienge
Jhm ein von weisem Sammet mit Gold reich gestickter und rings
mit schwehren guldenen Franzen besetzter Bandelier: auf dem Kopf
hatte
- 33 -
Von des Hn. Groß⸗Botschafters Einzug in Wien.
7
hatte Er eine ganz weise Parucke und einen mit Gold reich besetzten
Feder⸗Hut; in der rechten fuͤhrte Er ein auf weisen Atlas mit Gold
und Silber / wie auch allerhand lebhaften Farben gestickte und mit
guldenen Quasten behenkte Reuter⸗Fahne, so auf einer Seite die un
befleckte Empfangnis der allerreinesten Jungfrau und Mutter GOt
tes, auf der andern aber das Erz⸗Herzogliche Stamm⸗Wap
pen deren Oesterreichischen Kaisere mit einem weisen Balken in
einem rothen Feld vorstellte: Die Beyschrifft war aus dem hohen
Lied genommen: Et macula non est in te, zu teutsch: und kein
Mackel ist in dir. Der uͤbrigen Kleidung war nach eines jeden
Gefallen eingerichtet, und einige davon mit Gold oder Silber ge
stickt, andere mit Spanisch⸗oder Französischen Borten aufs reich
ste besetzt, denen die kostbarsten Pferde mit ihren fuͤrtreflichen
Schmuck noch ein schoͤneres Ansehen gegeben. Bald darauf folgten Des Groß
Botschaf
ters La
quayen.

des Hn. Groß⸗Botschafters eigene Laquayen, welche an der Zahl
dreisig ausmachten, und zu Fuß in ihren gelben mit Silber ausge
machten Futter⸗Hemdern, rothen mit guldenen Borten besetzten
Röcken, weisen Federn auf den Hüten und Haar⸗Beuteln verse
hen einher tratten.


Endlich sahe man auf einem hohen und stolz⸗trabenden Pferd Der GroßBotschaf
ter.

Jhro Excellenz den Herrn Groß⸗Botschafter selbst in eigener
Person herankommen. An Kostbarkeit der Kleidung und uͤbrigen
Schmuck übertraf er die andern alle. Ein Spanisches Mantel
Kleid, welches auf neue Art und von dem reichsten guldenen Zeug
verfertiget war, aus welchem mehrerer Annehmlichkeit halber zwi
schen dem Gold die hohe rothe Feuerfarb ein wenig hervorblickte,
und mit mehr den Hand⸗breit silbernen Spitzen rings herum Falten
weis belegt war / zierete seinen Leib. Der Mantel, von gleichem
Zeug und auf gleiche Weise behenkt, ware inwendig mit Purpur
Seiten belegt; der Umschlag aber mit gleich reichen und breiten
Spitzen besetzt. Auf seinem Haupt stutzte ein in grader Hoͤhe stehen
der grosser weiser Feder⸗Busch, dessen Spitzen roth gefaͤrbt, er selbst
aber von einer sehr kostbarn Diamantenen Schlinge zusammen ge
halten wurde. Das Pferd, welchem an Muth, Ansehen und Kunst
ohne dem keines gleich, machten die guldene mit schwehren Crepinen
gezierte Decken oder Waldrappen, die Trensen, Mähn⸗Flecht und
Schnal
- 34 - 8
Erstes Buch / Erste Abtheilung /

Schnallen von gleicher Kostbarkeit, noch eine bessere Parade. Es
liesse sich führen, regieren, und wenden, wie es seinem vornehmen
Bereiter beliebte. Bald machte es niedrige, bald hohe Sprünge, wie
es das Schul⸗Recht mit sich brachte, und stolzierte mit seinem Herrn so
gravitätisch daher, gleich als ob es wüste, weme es zu tragen die Ehre
hätte. Neben dem Steigbügel gingen linker Hand zu Fuß der Hr.
Der Berei
ter.
Bereiter Daniel Zeckmann, Fähndrich unter dem Virmondtischen

Regiment, in Gold verbräͤmter Kleidung, hinter ihm zwey wol auf
gebutzte dem Hn. Botschafter zugehörige Stall⸗Knechte, deren ei
ner eine roth⸗sammete mit goldenen Borten besetzte Pferd⸗Decke auf
Die Hey
ducken.
der Achsel nach trug. An statt der Trabanten gingen zu beiden
Seiten zwölf grose auserlesene Heyducken, welche mit einem bis auf
die Hüfte kurz⸗gelben Wammes, und langen rothen mit Silber aus
gemachten Mantel bekleidet waren, deren Kostbarkeit die von Sil
ber gegossene Knoͤpfe und Blatten, wie auch die mit des Herrn Bot
schafters Wappen gezeichnete Taschen, mit Silber beschlagene
Wehrgehenk, Schwerdter⸗Hefte und Scheiden verdoppelten; wo
bey sie in der Hand einen silbernen Pusikan oder Streit⸗Kolben mit
einem schwehren Knopf führten. Auf dem Kopf trugen sie roth
sammete Hauben mit Silber umfasset, denen die weiß und schwarz
vermischte in die Hoͤhe stehende Straussen⸗Federn noch ein besseres
Ansehen gaben.


Zu nechst hinter dem Herrn Botschafter riete der Ober
Der Ober
Stallmei
ster.
Stall⸗Meister Sixtus Anton Ostmann, Freyherr von Leyh in ei

nem Silber⸗reichen Kleid. Auf diesen folgten unmittelbar 14. Edel
Die EdelKnaben. Knaben / deren Ober⸗Röcke von Scharlach mit Gold⸗durchbroche
nen Borten reichlich besetzt, die Unter⸗Kleider aber von Silber
Stücken mit seidenen Blumen waren: auf den Huten spielten weise
mit Gold gezierte Federn / und führten roth⸗sammete stark mit Gold
verbrämte Pferdes⸗Decken. Jhre Namen sind folgende: Leopold
Anton Pernöber, Johann Baptist Kempf, Johann Plum, Wil
helm Rieß, Christoph Kimling, Franz Joseph Pfoder, Adam Ru
pert, Caspar Drit, Franz Alexander Holz⸗Bauer, Johann Fer
dinand Altmann, Max. Vrinz, Joseph Neveu, Joseph Freyherr
Die Leib
wacht.
von Tiefenbach, und Joseph Freyherr von Rueßenstein. Dann
zeigte sich des Herrn Groß⸗Botschafters Leib⸗Wacht, welche aus
dreisig Granadierern bestunde, in gleicher Ordnung und einerley
Klei
- 35 -
Von des Hn. Groß⸗Botschafters Einzug in Wien.
9
Kleidung, die von zweyen Rottmeistern oder Corporaln und einem Die Offi
ciers der
Leib
wacht.

Feldwaibel geführet, und von Hn. Carl Joseph von Melzern / vor
maln gewesenen Obrist Wachtmeistern, commandiret wurde, unter
welchem Herr Friederich Anton Schötteler als Fähndrich stunde.
Jhre Kleider waren von Scharlach, und mit Silber praͤchtig aus
gemacht; über die Schultern hinge eine schwehre silberne Schnur
herab, der Guͤrtel war von gleichem Werth und Gattung, die La
dungs⸗Tasche zum Pulver und Bley schoͤn von Silber gestickt, das
Degen⸗Gehang von gelben Sammet und gleicher Kostbarkeit: auf
dem Kopf sasse eine rare von Bären⸗Peltz zugerichtete Haube, wor
an sich vorne ein üͤbersilberter Adler zeigte, von hinten aber der
schöne lange Schweif herunter hinge. An der Seiten hatte ein je
der seinen Degen, in der rechten Hand aber entweder die Fahnen
Spitze, oder eine scharf geladene Flinte mit aufgeflanztem kurzen
Seiten⸗Gewehr; in welcher Positur auch alle Unter⸗Officiers un
ter ihnen zu sehen waren. Vorher gingen zwey Hautboisten, zwey Die Musi
canten der
Leibwacht.

Fagotisten, und zwey Waldhornisten, ein Pfeiffer und Trommel
schläger mit einer messingen Trommel: diese alle waren mit schoͤnen
neuen Kleidern, von rothen und gelben Tuch, mit Gold und Sil
ber verbrämt, mundirt, und mit schwarz⸗ und gelben Federn auf den
Hüten versehen: der uͤbrigen Granadiere Schilde bestunden aus
Massiv⸗Silber, worzu noch die Patron⸗Taschen mit silbernen Bor
ten reichlich besetzt gewesen. Die vorgetragene Fahne zeigte zu beiDeren
Fahne.

den Seiten im Obern⸗Theil die unzertheilte H. Dreyfaltigkeit /
im unteren einen doppelten Adler mit den gluͤckseeligsten Anfangs
Buchstaben des Glorwuͤrdigsten Namens Seiner Römisch
Kaiserl. und Königl. Majestät / C. VI. bemerket. Der
Mannschaft, die gewiß die auserlesenste ware, hatten die borsteten
Hauben, so ihren Kopf bedeckte, ein noch heroischeres Ansehen ge
macht. Weiter kamen acht ausbüͤndig geschmuckte Maul⸗Thiere, Die MaulThiere.
welche mit schönen Reiger⸗Federn aufgebutzt, und mit roth⸗samme
ten mit Gold verbortirten Decken, gleich den Hand⸗Pferden, belegt
waren; am Hals hiengen ihnen an einer aus Gold und Seiden ge
würkten Schnur und Quasten verguldete Gloͤcklein, anbey waren
sie mit roth⸗sammeten, von Gold gestickten Maul⸗Köͤrben versehen.
Dieser Aufbutz hat denen sonst niedertraͤchtigen Thieren gleichsam B
einen
- 36 -
10

Erstes Buch / Erste Abtheilung /

einen neuen Geist und Muth mitgetheilet, welches sie mit ihren stol
zen und hochtrabenden Gang gar merklich angezeiget. Sie wur
den von dreyen darzu gehörigen Knechten gefuͤhret, deren schoͤne
Livrée mit dem obbeschriebnen uͤbereinkame; der erste aber von ih
Der Fal
ken⸗Mei
ster.
nen ist auf einen absonderlichen Maul⸗Thier voran geritten. Zu
letzt kam noch ein Falken⸗Meister, Jacob Brooms, zu Pferd, auf

Jäger⸗Art angekleidet / mit einem Hirsch⸗Fänger an der Seite, und
einer grün⸗sammeten mit goldenen Borten besetzten Falkner⸗Taschen;
Die OberKöche. deme noch vier Ober⸗oder Meister Köche Claudius Page, Michael
Zecha, Christian Groß⸗Mejer, und Johann Pichard in der Ord
StadtGarde. nung folgten. Den völligen Aufzug aber beschlossen abermal unter
An⸗ und Aufführung des Hn. Stadt⸗Garde⸗Lieutenants, Martin
Minkowitz / 40 Fuß⸗Knechte von der hiesigen Stadt⸗Militz.


Nun in dieser Ordnung, wie sie von mir jetzt beschrieben wor
Der Zug
nach der
Burg.
den, sind wir aus oben bemeldten Garten zum Stuben⸗Thor hin
ein, um den Bischofs⸗Hof über den Graben und Kohlmark die Mi
chaeler Kirchen vorbey zwischen der Reichs⸗Canzley, dem Dietrich
steinischen Haus und Minoriten⸗Closter durch das nechst daran
stossende offene Thor auf den Burg⸗Platz unter Trompeten⸗ und Pau
cken⸗Schall auch übrigen klingenden Spiel, mit fliegenden Fahnen und
erhöheten Standarten eingeritten, wobey uns jederzeit eine unbe
schreibliche Menge Volkes begleitete / welche so wol die Weege der
Vorstadt, als auch alle Gassen und Ringmauern der Stadt, ja so
gar die Fenster in den Haͤußern eingenommen und angefuͤllt, so daß
es nicht anders ließ, als wann alle Einwohner vors Thor hinaus ge
lauffen / an statt ihrer aber anders woher Leute bey tausenden in die
Stadt gebracht worden wären.



Ankunft
auf den
BurgPlatz.
Bey Anlangung auf den grossen Burg⸗Platz stellte der Mar
schalk die, so in der Livrée waren, in schöͤnste Ordnung, die uͤbrige
aber ritten fast bis zu der Brücken der innern Burg, stiegen daselbst
ab, und begleiteten so dann den Hn. Groß⸗Botschafter / der nun
allein ritte, zu Fuß über besagte Brücke in die innere Burg, allwo
derselbige gleichfalls abstieg, und mit Vorhergehung aller Vorbe
nannten die grosse Stiegen hinauf gieng, da immittelst die Ubrigen
von dem Gefolg in der von dem Marschalk gestellten Ordnung bis
zu des Herrn Groß⸗Botschafters Zuruckkunft auf dem grosen
Burg⸗Platz stehend geblieben, und die ganze Zeit hindurch mit der im - 37 -
Von des Hn. Groß⸗Botschafters Einzug in Wien.
11
im Gewehr stehenden Stadt⸗Militz ihre Musicanten sich tapfer höͤren
lassen. Jm Hinauf und Vorbeygehen der Trabanten und Hatschie
ren, welche beiderseits im Gewehr stunden, wurde der Herr Groß
Botschafter von allen den Seinigen bis an die Ritter⸗Stuben, wo
die Pagen, Haus Bedienten, und üͤbrige Canzley⸗Verwandte bis
zu Seiner Ruckkehr auf Jhn warteten, von den Edelleuten aber
bis in die erste Anti-Chambre, in welchem selbige gleichfalls stehend
geblieben, und von dem ersten Adel bis in die zweyte Anti-Chambre
begleitet. Daselbst ist der Herr Groß⸗Botschafter von Einfüh
rung zur
Audienz.

Jhro Röm. Kaiserl. und Cathol. Majestät würklich
geheimen Rath / Obrist⸗Cammerern und Rittern des gul
denen Vlieses / Hn. Rudolph Sigismund / des Heil. Rom.
Reichs Erb⸗Schatz⸗Meister / Grafen von Sinzendorf /
empfangen, bald auch hernach bey Sr. Kaiserl. Majestät
durch denselbigen angemeldet, auch auf so gleich allergnädigst ertheilte
Bewilligung in die Raths⸗Stuben zur Audienz eingeführt worden;
daselbst von Seiner Kaiserl. Majestät der Hr. Groß⸗Bot
schafter das an den Groß⸗Sultan gestellte Creditiv-Schrei
ben, welches auf weiß Pergament mit guldenen Buchstaben ge
schrieben, und von der Kaiserl. geheimen Hof⸗Kriegs⸗Canzley ge
wöhnlicher massen ausgefertiget war, eigenhaͤndig empfangen, und
von Seiner Röm. Kaiserl. und Catholischen Majestät
sich beurlaubet, so dann bey dem verstatteten Kaiserl. Hand⸗Kuß
die allerhöchste Gnade sich ausgebetten, daß Seine Kaiserl.
Majestät allergnädigst geruhen moͤgte, dem ersten und zweyten
Adel, wie auch übrigen Vornehmern seines Gefolgs den Kaiserl.
Hand⸗Kuß gleichfalls zu verstatten, welches auch Jhro Kaiserl.
Majestät allergnädigst verwilliget: worauf vor Se. Kaiserl.
Majestät welche in einem schwarzen Mantel⸗Kleid vor einem
mit einem roth-sammeten Teppich bedeckten Tisch gestanden, alle
nach der Ordnung zum Hand⸗Kuß gelassen worden. Jndem aber
dieses vorging, stunde zu Jhro Kaiserl. Majestät linker Hand
der Herr Groß⸗Botschafter / welcher bisweilen mit dem Finger
andeutete, was für ein Amt ein jeglicher bey der Botschaft verwaltete.
Von

B 2
- 38 -
12

Erstes Buch / Erste Abtheilung /

Von Seiner Römisch⸗Kaiserl. Majestät begab sich
der Hr. Groß⸗Botschafter mit seinem Gefolg zu Jhro Ma
jestät / der regierenden Römischen Kaiserin Elisabetha
Christina: von dar zu der Kaiserl. Frau Mutter / der ver
wittibten Römischen Kaiserin Eleonora Magdalena, wie
auch zu der gleichfalls verwittibten Römischen Kaiserin Ama
lia Wilhelmina / weiland Sr. Majestät / Kaiser Josephs /
Glorwürdigsten Andenkens / hinterlassene Kaiserl. Frau Ge
mahlin; folgends zu der regierenden Kaiserl. Majestäten
Durchlauchtigsten Erz⸗Herzoginnen Maria Theresia /
und Maria Anna / so fort auch zu denen weyland Kaiserl.
Majestäten Joseph und Leopold Glorwürdigster Gedächt
nis hinterlassenen Durchläuchtigsten Erz⸗Herzoginnen / Ma
ria Josepha, Seiner Durchlaucht des Chur⸗Prinzens
von Sachsen nunmehro Durchlauchtigsten Gemahlin, und
Maria Amalia / des Chur⸗Prinzen aus Bayern gleichfalls
Durchlauchtigsten Gemahlin / wie auch Maria Elisabeth
und Maria Magdalena / um von Jhnen ebener massen die Ur
laubs⸗Audienz zu nehmen. Zu denen verwittibten Roͤmischen
Kaiserinnen / und vier letzt gedachten Erz⸗Herzoginnen sind
wir durch deren Obrist⸗Hof⸗Meistere und Kaiserl. Geheime
Räthe und Cammerer die Hochgebohrne Herren Joseph
Folk des H. R. Reichs Fürst von Cardona, Max. Guidobald
des H. R. Reichs Graf von Martinitz / Joseph Jgnatz
des H. R. Reichs Graf von Paar / Gundacker Poppo des
H. R. Reichs Graf von Dietrichstein / Gotthard Helfried
des H. R. Reichs Graf von Weltz / zu denen zwey erst ge
nannten Erz⸗Herzoginnen aber von deren Frau Aya Anna
Dorothea des Heil. Röm. Reichs verwittibter Gräfin
von Thurn und Valsaßina / gebohrnen Gräfin Ratuit
von Suches, welche auch im Namen Jhrer Durchlauchten
wegen deren noch zartesten Alters bey dem Hand⸗Kuß die Abschieds
Complimenten empfangen, und beantwortet. So sind auch von der
regierend⸗ und denen verwittibten Kaiserinnen allergnädigst, und - 39 -
Von des Hn. Groß⸗Botschafters Einzug in Wien.
13
und von sämtlichen Durchlauchtigsten Erz⸗Herzoginnen / in Ge
genwart allerseits Hof⸗Damen gnädigst zum Hand⸗Kuß gelassen
worden nicht nur der Kaiserl. Herr Groß⸗Botschafter bey der
gehabten Audienz, sondern auch dessen Cavaliers, Edelleute, in
gleichen die Hauß⸗Officier und übrige andern alle.


Indeme wir nun so beehrt und begluͤckt entlassen worden, hat
ein jeder wider seine vorige Stelle eingenommen, und sich üͤber die
Brücke bey der Schweitzer⸗Wache nach seinem Pferd begeben, wel
che durch das lange Ausruhen noch muthiger worden: der Herr
Groß⸗Botschafter aber hielte so lang auf der Brucken auser der
Schweitzer Wacht, und sahe seine Suite vorbey gehen, bis die Hey
ducken eintrafen, da dann Derselbige in seinen vorigen Platz sich ver
fügte, und in derselbigen Ordnung unter Trompeten⸗ und Paucken
Schall und klingenden Spiel fort ritte; wobey Er das allerhöch
ste Glück gehabt, dem gröͤsten Monarchen auf Erden zum
zweytenmal das angenehmste Spectacul zu machen; wie dieser
Monarch dann Sein allergnädigstes Belieben an Seines MiniDes Kai
sers Ver
gnügen.

sters und Botschafters Aufzug gar merklich bezeiget, da Er
Sich allergnädigst gefallen lassen, von der Tafel aufzustehen, und
mit Seiner Kaiserl. Gemahlin zum zweytenmal zuzuschauen:
hat Sich auch in vieler Gegenwart ausdruͤcklich allergnädigst ver
nehmen lassen, wie Er heute in allen, und mehr als Er gehoffet,
vergnügt worden.


Anjetzo halte ich unnoͤthig zu seyn in der Beschreibung des Ruck
wegs mich aufzuhalten, angesehen solcher mit dem Anzug vollig uͤber
einkommt, auser daß wir dabey einige Oerter vorbey marchiret, wel
che wir anfangs nicht beruͤhret, und also den Weg etwas anders,
als zu erst, ausgetheilet; sintemaln wir durch das obere Burg
Thor zwischen dem Ball⸗Hauß und Kayserl. Hof⸗Cammer zum zwey
tenmal über den Kohlmarck, aber von dar durch das Pailer⸗Thor
bey den Tuch⸗Läden und Schranen oder Stadt⸗Gericht vorbey und
den Hohen⸗Markt hinunter gezogen, von dar wir uns nach der
Obern⸗Becker⸗Strassen durch den Schwibbogen über der untern
Jesuiter⸗Kirche nach dem Stuben⸗Thor, und so dann nach anfangs
bemeldten Augustiner⸗Garten auf die Land Strassen gewendet, wo
bey wir dann gleiche Ordnung mit der ersten gehalten, und in Be

B 3

gleitung
- 40 -
14

Erstes Buch / Zweyte Abtheilung /

gleitung einer unbeschreiblichen Menge Volkes, so uns fast den Weg
verlegt, daselbst gluͤcklich wiederum angekommen.



Gastierung
der Bot
schaft.
Hierauf wurde nun die ganze Botschaft, samt noch einigen
andern / so aus der Stadt darzu gekommen von dem Herrn
Groß⸗Botschafter aufs herrlichste und köͤstlichste tractiret. Un
ter wehrender Tafel haben sich die Trompeter und Paucker, wie in
gleichen die üͤbrigen Musicanten, sonderlich bey dem Gesundheit
Trinken, lustig hören lassen, so daß sich endlich diese ganze Ceremo
nie mit einem propren und freudigen Gastmal in aller zulässigen Er
götzlichkeit geendiget, und grosse Hofnung hinterlassen, es werde
das Ende mit dem so vergnuͤgten Anfang nach Wunsch uͤberein
stimmen: wie dann solches der Erfolg nachmaln genugsam bezeiget,
wann man aus Orient von nichts anders als den sonderbaren praͤch
tigen dem Herrn Groß⸗Botschafter erwiesenen Ehren Bezeigun
gen gehöret, dergleichen von der Ottomannischen Pforten vorhero
keinem erwiesen worden.



Zweyte Abtheilung.


NUnmehro wird es Zeit seyn die Reise nach Constantinopel
selbsten mit unserer historischen Feder zu entwerfen. Wir
machen uns demnach auf den Weg / zugleich aber den An
fang unserer Erzehlung mit der Abreiß aus Wien. Es ist sonst ge
bräuchlich, daß die völlige Abreise, nicht lang nach dem Einzug
aufgeschoben werde, weswegen auch der Herr Botschafter
gänzlich dafür gehalten, Er werde nun in wenig Tagen die Reise
antretten koͤnnen; nichts destoweniger sind einige Hindernuͤssen dar
zwischen gekommen, so Jhn wider Verhoffen länger als gebräuch
lich in der Kaiserlichen Residenz arêtirt, wie man uns denn nach
diesem drey und mehr Wochen noch in Wien herum gehen sehen.
Indem aber gleichwol inzwischen alle Anstalten zu einer so weiten
und beschwehrlichen Reise vorgekehret, und die darzu benoͤthigten
Sachen unterdessen in die Schiffe gebracht wurden, erhielte man
unvermuthete Nachricht, daß der Türkische nach unserm Hof be
stimmte Botschafter mit einer grossen Anzahl Tüͤrken auf dem Her
weg begriffen, und schon nicht weit mehr von der Gräͤnze seye, wo

selbst
- 41 -
15

Reise von Wien bis nach Ofen und Lora.

selbst er unsere Ankunft abwartete. Weshalben unser Herr Bot
schafter seine Geschäffte folgends in aller Eil expedirte, und end
lich den 17. Maji um vier Uhr nach Mittag mit allen den Seinigen
zu Schiffe gieng, und kurz hernach vom Lande abstossen liesse. Hier
war nun fast die ganze Wien⸗Stadt wieder auf, davon einige ihre
Curiosité zu vergnuͤgen suchten: andere aber ihre nach der Tüͤrkey
abgehende Freunde nochmaln sprechen, und ihren wolmeinenden
Glückwunsch bey ihnen ablegen wolten, welcher um so viel herzli
cher war, je leichter sie vermuthen kunten/ daß sie nicht alle wiederum
zuruck kommen duͤrften; begleiteten indessen diejenige mit dem Ge
müth, bey welchen sie dem Leib nach nicht mehr zugegen seyn kunten.


Hier waren nun abermal beide Ufer der Donau von Leuten Zulauf des
Volks.

unterschiedlichen Alters, Geschlechts und Standes häͤufig besetzt.
Was man nur immer in der Stadt von Kobel⸗Wäͤgen und Pfer
den hat zusammen bringen können, das wurde heute alles aufge
sucht und um gut Geld bezahlt, welche uns zum Theil bis nach
Preßburg begleiteten. Der mehreste und vornehmste Adel/ ja so
gar die Durchlauchtigsten Josephinischen Erz⸗HerzoginErz⸗Herzo
ginnen
Gegen
wart in
Prater.

nen selbst, als die nur allein in der Stadt Wien waren, sintemaln
die Leopoldinische samt der Aller Durchlauchtigsten Kaiserli
chen Frau Mutter Sich dazumal zu Baden aufhielten. Hat
ten sich nach dem nechst uͤber der Donau bey der Stadt liegenden
und bey dermaligen Früͤhlings⸗Zeit angenehmen Prater⸗Wald er
hoben, allwo Sie aus einem Kaiserlichen Lust⸗Hauß die in schoͤn
ster Ordnung rangirten Schiffe vorbey streichen sahen, wovon der
grösten an der Zahl zwey und siebenzig, und alle oben bedeckt, auch Anzahl der
Schiffe.

nicht nur zu der aufhabenden Nothwendig⸗ sondern auch Gemäch
lichkeit von dem Kaiserlichen Schiff⸗Lieutenant zu Wien sehr wol
verfertiget waren; worzu die Kähne nicht gerechnet sind, deren viele
an die grossen Schiffe angebunden und auf des Herrn Bot
schafters Befehl zur Zufuhr der Victualien und Ubersetzung der
Leute von einem in das andere Schiffe verordnet waren.


Unter allen præsentirte sich das Leib⸗Schiff, so den Herrn Leib⸗Schif
fes Be
schaffen
heit.

Groß⸗Botschafter führte ungemein wol, als welches mit man
cherley Farben und Gold ausgeziehret auf dem hintern Theil einen
Adler mit dem guldenen Vlies umgeben, auf dem Vorder⸗Theil
aber
- 42 -
16

Erstes Buch / Zweyte Abtheilung /

aber den Jupiter auf einem Adler führete der in der linken Hand
einen Oel⸗Zweig, als das Zeichen des Friedens, darreichte: der Ad
ler aber, als der Koͤnig unter den Voͤgeln, præsentirte sich auf ei
ner verguldeten Erd⸗Kugel, üͤber welche er seinen Kopf aus dem Schiff
über das Wasser streckte, und in der einen Klauen den Blitz hielte,
auf seinen Rucken aber den mit Lorbeer gekröͤnten und zwischen
zweyen Meer⸗Fräulein befindlichen Götter⸗Vater Jupiter aufhatte,
welcher durch seine ganze Kleidung und dieser Nymphen suͤssen Ge
sang, oder vielmehr derselben wunderbahren Harmonie, welche sie
durch ihre in den Häͤnden haltende Noten zu verstehen gaben, den
gestiftete Frieden anzeigten. Das Ansehen dieses Schiffes ver
mehreten die vierzehen schwarz⸗ und gelb⸗seidene auf lange Stangen
aufgesteckte Fahnen / als der Occidentalischen Kaisere gewöhn
liche Farbe, auf deren einer Seite der doppelte Adler / auf der
andern aber das Durchlauchtigste Oesterreichisch⸗Erz⸗Her
zogliche Wappen gemahlt stunde; von welchen auf den übrigen
Schiffe nur eine, oder auf denen vornehmern, zwey aufgesteckt wa
ren. Die zwischen jene herum gestellte Musicanten belustigten die
Ohren auf mancherley Weise, worzu auch die zwölf auf Schiffs
Manier gleich gekleidete Boots Knechte, mit ihren gewöhnlichen
Schiffer⸗Gesang das Jhrige mit beygetragen, welche mit ihren
schwarz⸗ und gelb⸗angestrichenen und hiemit von den andern Schiffen
distinguirten Rudern das Schiff fort getrieben.



Favorables
Wetter.
Das an dem Tage unserer Abreise so schöne heitere Wetter
prognosticirte alsobald eine vom Himmel beglüͤckte Schiffarth, welches
auch den ganzen Tag durch getauert, und erst dazumal, als wir bereits
in Sicherheit und zu Fischament angelangt waren, sich in ein mit
Blitz und Wetterleuchten vermengten Regen verwandelt hatte.
Fischa
ments Ge
legenheit.
Es ist aber Fischament ein von Wien ohngefehr drey Meil ent
fernter und an dem Donau⸗Strand gelegener Ort, deme eine nicht

unangenehme Jnsul gegen über lieget, worinnen sich bey dieser
Frühlings⸗Zeit die Nachtigalln und andere Vögel uͤberaus an
muthig hören lassen.


Bis dahin hatten die Hochgräfliche Fräulein Maria
Des Herrn
Botschaf
ters beider
Fräulein
Töchter
Abschied.

Louisa / und Maria Anna ihren allerliebsten Herrn Vater / de
me Sie beide an Sitten und Verstand, die Juͤngere aber auch an
der Gestalt ganz ähnlich, begleitet; von daraus sie, nach herzlichem
Wunsch
- 43 -
Reise von Wien bis nach Ofen und Lora.

17

Wunsch zur glücklichen Reise und empfangenen vätterlichen See
gen, mit bethränten Augen ans Land gestiegen, und noch selbigen
Abend mit der Post nacher Wien zuruck gekehrt: und dieses war
zugleich die erste Nacht, welche wir auf dem Wasser in den Schiffen
zugebracht.


Des andern Tages sind wir gleich früͤhe nach angehöͤrter MesAbreise
nach Preß
burg.

se, als worzu uns vor allen der eingefallene Himmelfarths⸗Tag un
sers Heylandes obligirte, bey gegebenen Zeichen aus den Trompe
ten, welche Gewohnheit nachgehends beständig so wol zu Wasser als
Land gehalten wurde, unter stillem Wind nach Preßburg/ der
Haupt⸗Stadt in Ober⸗Ungarn abgefahren; wohin die Freyherrn
von Locher und Studenitz in aller frühe mit einem Jagd⸗Schiff
voraus geschickt worden, damit sie die Ankunft des Herrn GroßNachricht
von des
Herrn Bot
schafters
Ankunft an
dem Köni
glichen
Stadthal
ter zu Preß
burg.

Botschafters dem Königl. Stadthalter, den die Ungarn Pa
latin nennen, ankündigen solten, wir selbst aber sind um den Mit
tag allda angelangt, nachdem die im Gewehr stehende Burger
schaft samt der Besatzung schon drey Tag auf uns gewartet hatte.
So bald das Leib⸗Schiff vom Schloß aus kunte gesehen und von
den andern recht deutlich unterschieden werden, wurden die Cano
nen rings herum dreymal abgefeuert, welchem die an dem Ufer steDessen Be
willkom
mung.

hende Büͤrger und Soldaten mit ihrem Gewehr eben so oft geant
wortet: und da dieses noch nicht vollig aufgehöͤret, und von unserer
Flotte die Helfte kaum angeländet, da zeigte sich schon der Koͤnig
liche Stadthalter / der Hochgebohrne Graf Niclas Palfi /
in einem mit sechs Pferden bespannten Wagen, welcher von unter
schiedlichen Ungarischen Bischöffen / dem Königlichen Obrist
Richter / und noch mehr andern vornehmen Stäͤnden des Köͤnig
reichs, die eben dazumal dem jäͤhrlich⸗gewöͤhnlichen Land⸗Tag da
selbst beywohneten, nebst verschiedenen vornehmen Graͤfinen und
Frauen vom ersten Rang, wie auch dem Stadt⸗Rath mit ihrem
Burger⸗Meister begleitet war, und alle dem Herrn Groß⸗Bot
schafter im Namen des ganzen Adels in der Stadt die Bewillkom
mungs⸗Complimenten machten. Nachdem sie hierauf eine zeit
lang von unterschiedlichen Sachen mit einander gesprochen, und des
Herrn Groß⸗Botschafters prächtige Logirung auf dem Schiff
genugsam betrachtet, ist derselbige von dem Graf Palfi in seinen
Wagen zu tretten ersucht, und darauf nach der Stadt gefüͤhret wor
den, C - 44 -
Erstes Buch / Zweyte Abtheilung /

18

den, wohin dessen Hoch⸗Gräfliche Frau Gemahlin unter Be
gleitung des vornehmsten Adelichen Frauen⸗Zimmers in einem gleich
falls mit sechs Pferden bespannten Wagen gefolget. Mehr andere
mit zwey und vier Pferden bespannte Wägen brachten ebenermas
sen den übrigen Adel in des Herrn Stadthalters Behausung,
woselbst eine für einen so hohen Gast und vornehmen Gefehrten
prächtig zubereitete Tafel fertig stunde, auf welcher die Menge der
Speisen mit denen kostbar⸗ und netten Geschirren sehr wol überein
kamen. So fehlte es auch nicht an Musicalischen Jnstrumenten,
womit das Knallen der losgebrannten Canonen bey dem Gesund
heit⸗Trinken beständig abwechselte / und den Appetit zu denen ohne dem
sehr delicaten Gerichten noch mehr reitzten.


Nachdem die Tafel endlich aufgehoben worden, sind schon die
Wägen wiederum bereit gestanden, die vornehmen Gäste nach dem
nah gelegenen Berg zu füͤhren, und auf denselben das gleichsam über
die Stadt hangende Schloß etwas eigentlicher zu betrachten, wobey
man ihnen zugleich den Thurn gezeigt, worinnen die Königl. Cron
mit vielen Schloͤssern verwahrt und aufbehalten wird. Nach die
sem hat man sich in den ohn weit der Stadt gelegenen Lust⸗Garten
des Herrn Stadthalters begeben, allda der angenehme Früh
lings⸗Luft und anderer Bequemlichkeiten zu geniesen. Bey der Zu
ruckkunft hat man sich wieder zu Schiffe begeben, um daselbst, wie
die vorige Nacht, das Nacht⸗Lager zu halten, auser etlichen weni
gen, welche von ihren Freunden eingeladen worden, und deswegen
ihr Quartier die Nacht über in der Stadt genommen.


Den Tag darauf, als den 20ten dieses Monats, ist die
Des Herrn
Botschaf
ters Frau
Gemahlin
Abschied
von ihrem
Herrn.
Hoch⸗ und Wol⸗gebohrne Frau Maria Elisabeth / Freyin
von Burscheid / Seiner Excellenz wehrteste Gemahlin / wel
che Jhren innig geliebtesten Ehe⸗Herrn bis hieher begleitet, nach
wechsels⸗weisen Abschieds⸗Complimenten und zärtlichster Umhal
sung, um 9. Uhr Vormittag, nicht ohne innerliche Gemüͤths⸗Be
wegung mit der Post wiederum nacher Wien abgegangen, wir aber
haben hierauf unter abermaliger Loßbrennung der Canonen unsere
Reise weiter fortgesetzet.


Ehe ich mich aber von Preßburg weg begebe, muß ich noch
etwas, das ich daselbst beobachtet, mit wenigen anmerken; ob ich
schon
- 45 -
Reise von Wien bis nach Ofen und Lora.

19

schon nicht zweifle, daß einige von den Lesern solches bereits gehöͤret,
aber doch nicht mit Augen gesehen haben:


Jn der Grafschaft Comorn auf des Graf Zichi Gütern, in Zwillinge /
so an ein
ander ge
wachsen.

dem Dorf Szany, sind von eines Bauern Eh⸗Weib, welche, da
ich dieses schreibe, mit ihrem Mann noch bis auf diese Stunde lebet,
im Jahr 1701. den 26. des Weinmonats, Zwillinge weibliches
Geschlechts gebohren worden, welche mit dem Ruckgrad an einan
der gewachsen, also daß eine der andern, wo sie sich hinwendet, fol
gen muß, sonst aber nicht haͤßlich wäͤren, wann sie nur diese Zusam
menwachsung nicht entsetzlich und ungestalt machte. Sie haben bei
de zwey Hände, so viel Füsse, eine jede ihren besondern Kopf und
Leib, können beiderseits ihre Glieder gebrauchen, und fehlt ihnen
auch im geringsten nicht an Verstand, so daß, wann man sie nur
sitzen siehet, und keine weitere Nachricht von ihnen hat / nichts un
gestaltes an ihnen zu bemerken ist. Die Aeltere, so drey Stund eher
gebohren, nennet sich Helena, die Juͤngere Juditha, welche vor
ohngefehr drey Jahren von einem Schlag⸗Fluß gerührt worden
wodurch sie an der Sprach und Vernunft Schaden gelitten, und
dahero anjetzo etwas einfältig scheinet. Die Aeltere aber, so allezeit
ihre gesunde Vernunft behalten, ist an Gesicht und Sitten wol be
schaffen, und bewegt billig jederman zum herzlichen Mitleiden, weil
sie bey vollkommener Gesundheit und Vernunft, ihre Schwester
bruͤnstig liebet, den Stand, in welchen sie ist, wol erkennet, und auf
solche Weise doppelt elend zu nennen, angesehen sie an ihrem und der
Schwester Unfall Theil nimmt. Sie sind noch in ihrer Kindheit
von einem Ungarischen Arzt, Namens Csuszi, mit der Eltern Er
laubnis, welchen er ein Stuck Geld dafuͤr bezahlet, um ihm die Kin
der auf eine gewisse Zeit zu überlassen, durch unterschiedliche König
reiche und Länder / nemlich durch Teutschland, Engelland, Frank
reich, Welschland, Pohlen, Bajern, Oesterreich, Mähren und Ungarn
geführet worden; wie sie dann auch noch Teutsch, Französisch und
Ungarisch reden koͤnnen, die uͤbrigen aber haben sie aus Mangel der
Ubung und wegen ihrer damaln noch zarten Jugend, wiederum ver
gessen. Es hat aber gleichwol Jhro Eminenz und Durchlaucht
der Cardinal Augustus von Sachsen⸗Zeitz und Erz⸗Bi
schof zu Gran / den seine Beständigkeit im Glauben, Furcht Got
tes, und Liebe des Nechsten genugsam bekannt gemacht, das ge
C 2
dunge
- 46 -
20

Erstes Buch / Zweyte Abtheilung /

dungene Geld dem Arzt zuruck zahlen, und die Kinder von ihm wieder
abfordern lassen, weil Er besorgt, es moͤgte das lange Umziehen dieser
Mägdlein ihnen einen schlechten Vorrath an guten Sitten zu wegen
bringen, vielmehr aber ihre Unschuld, wie es gemeiniglich bey der
gleichen Gelegenheit zu geschehen pflegt, dardurch verlohren gehen;
damit nun aber solche in bessere Sicherheit gestellt wäre, ist Er dem
besorgten Ubel noch bey Zeiten vorgekommen, hat sie besagtem Arzt
noch in einem Alter von neun Jahren abgenommen, und denen Ur
selinern zu Preßburg mit Vorstreckung der hierzu nothwendigen Un
kosten zu weiterer Erziehung übergeben; von denen sie erst Lesen
und Schreiben gelernet, und in der Religion, wie auch unterschiedli
cher Hand⸗Arbeit, als Sticken, Spitzen glöckeln rc. unterrichtet
worden. Jch habe etwas von ihrer Arbeit gesehen, welches für ein
Meister⸗Stück passiren kunte.


Sie sind in dieses Closter im 1710ten Jahr den 21. Merz auf
genommen, nunmehro bis in das eilfte Jahr erhalten, und anjetzo zu
dem zwanzigsten ihres Alters gebracht worden. Von der Zeit an,
da sie in dieses GOttes⸗Hauß gekommen, sind sie beständig darin
nen geblieben; wie man ihnen dann auch eine geistliche Jungfrau
zugegeben, welche immer um sie seyn, sie uͤberall hinfüͤhren und auf
ihr Thun und Lassen Achtung geben, auch von solchem auf Befra
gen Rechenschaft geben muß. Von dieser habe ich in Abwesenheit
anderer alles dasjenige, was ich in diesem Punct zu wissen verlangt
erfahren; weil sie nach der Warheit dafuͤr gehalten, daß meine so
genaue Nachfrag nicht aus Vorwitz, sondern Amts halben und dem
gemeinen Wesen zum Nutzen geschehe; wie ich dann zu dem Ende
alle andere weg gehen heisen, damit sie, wann niemand als ich allein
zugegen mit gröͤsserer Freyheit mir dasjenige erzehlen moͤgte, wovon
sie sonst durch die Schamhaftigkeit wegen der Gegenwart junger
Leute würde seyn abgehalten worden.


Habe demnach von ihr vernommen, daß jene die Theile des Lei
bes, welche Scham und Erbarkeit zu nennen verbiethen, und
durch welche Speiß und Trank, nebst dem uͤbrigen s. v. Wust und
Unflat abgeführet wird, nicht an den gewöͤhnlichen Orten stehen,
sondern daselbst, wo es andere Menschen haben, alles verschlossen
ist; hingegen von unten, wo die Zusammenwachsung anhebt, sind
ihnen diese Theil des Leibes gemein / jedoch also, daß gleichwol,
wann
- 47 -
Reise von Wien bis nach Ofen und Lora.

21

wann z. E. eine dasjenige, was sie incommodiret, von sich zu
schaffen benöthiget ist, die andere darum eben nicht so fort desglei
chen thun darf, sondern eine jedwede absonderlich von der Natur
deswegen erinnert wird, so daß, wann sich eine von den verdauten
Speisen entlediget, die andere bisweilen nur die Blase von der
überflüssigen Feuchtigkeit reiniget. Jhre monatliche Reinigung
stellt sich auch nicht zu gleicher Zeit bey ihnen ein, sondern manquirt
oft um acht und mehr Täge von der andern. Es kommt wol, daß
wann eine schlaͤfft, die andere wachet; und wann diese arbeitet, die
andere ruhet. Es isset wol eine, wann die andere trinket, oder was
anders vor hat: Hingegen sitzen, stehen, gehen und liegen sie allezeit
zusammen mit groser Beschwehrnis, weil die Zusammenfuͤgung der
Cörper es nicht anders zu lässet. Wann sie mit einander reden
wenden sie einander mit gebogenen Häͤlsen das Gesicht zu. Sie kuͤs
sen sich zusammen aus Liebe, schlagen sich aber auch tapfer mit Fäͤu
sten, wann sie boͤß sind. Wann ein Streit zu der Zeit, da sie beider
seits noch bey guten Kräften gewesen, zwischen ihnen entstanden,
hat diejenige, welche sich stärker zu seyn glaubte, die andere üͤber die
Achsel genommen und davon getragen: jedoch sind sie vielmehr eines
stillen und sanftmuͤthigen Wesens, als daß sie sich oft erzürnen sol
ten, und tragen ihr gemeines von GOTT aufgelegtes Creutz mit
Christlicher Gelassenheit.


Als vor drey Jahren die Jüngere gefährlich erkrankte, wovon
oben schon etwas gemeldet worden, hat man die Aeltere gleichfalls zu
einem seligen Tod bereitet, und durch einen Priester Christ⸗Catho
lischen Gebrauch nach mit allen Sacramenten versehen lassen, weil
die meisten Medici dafür gehalten, daß die eine nach Absterben der
andern nicht lang mehr werde leben koͤnnen: welches sie auch hier
aus behaupten wollen, weil, so oft sich eine nicht wol befunden, die
andere ebenermassen, ob sie schon mit gleicher Krankheit nicht behaf
tet war, einige Unruhe in dem Gemuth, Schwachheit der Sinnen
und unordentliche Bewegungen der innern Theile des Leibes verspuͤh
ret. Gleichwol aber ist nicht zu zweifeln, daß diese so wunderlich
gestaltete Cörper von zweyen Seelen begeistert werden: dann wir
moͤgen gleich das Herz oder das Haupt fur den Sitz und eigentlichen
Wohn⸗Platz der Seelen angeben, so wird doch keines von beiden
unsere Meinung umstossen, absonderlich da noch so vielerley unter

C 3

schie
- 48 -
22

Erstes Buch / Zweyte Abtheilung /

schiedene Verrichtungen, einander zu wider laufende Gedanken, und
mancherley Gemüths⸗Bewegungen hiebey zu schulden kommen.
Noch eines habe ich zu melden vergessen, daß nemlich nach dieser so
wunderwuͤrdigen und schwehren Geburth die Mutter gleichwol von
eben diesen Vater noch andere Kinder gebohren, die aber alle gesund
und wolgestaltet sind, und nichts unnatuͤrliches an sich haben.
Allein ich muß nun wiederum nach dem Strom zu eilen, wo
Reise nach
Comorn.

ich nicht noch einmal die Flotte versäumen, und in einem andern
Schiff derselbigen kümmerlich folgen will, wie mir dazumal würk
lich geschehen / da ich mich mit gedachter Jungfräulichen Zucht
Meisterin in ein so weitläuftiges Gespräch wegen ihrer seltsamen
Untergebenen eingelassen. Auf diesem aber schwimmet die völlige Flot
te schon Anker loß herum, und nimmt ihren Lauf gerades Wegs nach
Comorn zu / allwo wir doch erst den 21ten May Nachmittag an
gelangt, nachdem wir den vorigen Tag unser Nacht⸗Lager in der
Gegend der Jnsul Schütt zu Avazar auf den Fluß gehalten.
Allenthalben, wo wir vorbey fuhren, stunde das Volk Haufen⸗weis
MühlKnechte
springen
ins Wasser.
am Ufer; so sprangen auch einige Müͤhl⸗Knechte, die selbst halbe
Schif⸗Leute waren, vom freyen Stücken ganz nackend ins Wasser,
und schwamen dem Leib⸗Schiff zu, um ein Trank⸗Geld davon zu
tragen. Wir indessen haben heute so wol, als gestern / auf dem
Schiffe gespeiset, und, um keine Zeit zu verliehren, unter beständi
Die von
Comorn
entgegen
geschickte
Schiffe.
gen Fortfahren das Mittag⸗Mal eingenommen. Da wir noch bey
drey Stunden von Comorn entfernet waren, kamen uns schon
viere von ihren Schiffen entgegen, so die Ungarn Tschaicken nen
nen, und theils 16. theils 14. Ruder führen, welche die neu an
kommenden Gäͤste mit ihren aufhabenden Stucken und Doppelha
cken lustig bewillkommeten, sich so dann vor das Leib⸗Schiff setzten,
und den Herrn Botschafter bis an die Stadt bekleideten. Der
jenige, so selbige commandirte, hatte Denselbigen im Namen
des Commendanten complimentirt: dessen Schiff mit wol exer
cirten Kaiserlichen Soldaten, die übrigen aber nur mit Land⸗Volk
Ankunft
vor Co
morn.
besetzt waren. Da wir aber noch nicht völlig vor den Stadt⸗Mau
ern angelangt, kunten wir schon das Donnern der Carthaunen höͤ
ren, welches auch nicht eher nachließ, bis die ganze Flotte einge

lauffen.

Bald - 49 -
Reise von Wien bis nach Ofen und Lora.

23


Bald hierauf kame der Commendant von der Vestung
Herr Graf von Welz / in eigener Person, mit einigen Hand
Pferden versehen, und von seinen Bedienten und unterschiedlichen
Officiern aus der Besatzung begleitet / deme so gleich die Vornehm
sten aus der Grafschaft, der Stadt⸗Rath und etliche Geistliche aus
der Gesellschaft Jesu folgten / welche letzten dem Herrn Groß
Botschafter theils in ihrem, theils anderer Namen mit folgender
in Eil entworfenen, aber in Lateinischer Sprach verfaßten Rede, zu
seiner glüͤcklichen Ankunft gratulirten:


Da Eu. Excellenz, Jhro Römisch⸗Kaiserlich⸗ auch in
Teutschland, Spanien, Ungarn und Böheim Königlichen
Rede der
Priester
aus der
Gesellschaft
Jesu.

Majestät / des an Tugend⸗ und Thaten warhaftig grossen
CARLS des VI. Geheimer Rath, General-Feld⸗Mareschal, und
Groß⸗Botschafter nach der Pforten, an unserm Gestad glüͤck
lich angelanget/ lege ich im Namen der Loͤblichen Ge
spanschaft von Comorn, deren Herrn Prælaten, Ständen,
Freyherrn und Adels dieser Academie, wie ingleichen der Stadt,
und letzlich auch unserer geringsten Gesellschaft Jesu mei
nem ergebensten Wunsch darzu ab. Der Höchste lasse
Eu. Excellenz wie bisher / also auch noch ferner Dero Rei
se nach Wunsch fortsetzen / und das Constantinopolita
nische Ufer gluͤcklich erreichen; Er segne Dero hohe Ver
richtungen/ damit derjenige Friede / welcher durch Euer
Excellenz das vorige Jahr zu Passarowitz nach aller Ver
gnuͤgen geschlossen worden/ anjetzo zu Constantinopel noch
mehrers befestiget werde; und gebe/ daß alles zuvoͤrderst
zu Seines allerheiligsten Namens Ehre, und dann zu des Al
ler Durchlauchtigsten Oesterreichischen Hauses beständi
gen Sicherheit des H. Röm. Reichs unverbesserlichen Nu
tzen / der ganzen Christenheit höchst⸗erwünschten Wachs
thum / nicht weniger auch zu aller Seiner Kaiserlichen
Majestät getreuen Vasallen Trost und Zufriedenheit aus
schlage. Jch finde auch an glücklicher Erfüllung meines
so wolgemeinten Wunsches so viel weniger Ursach zu
zweifeln / je mehr ich solche an Euer Excellenz Schiff sol

che
- 50 -
24

Erstes Buch / Zweyte Abtheilung /

che bereits abgeschildert sehe. Dann was will der Lö
wen⸗Kopf auf dem Vorder⸗Theil des Schiffes anders
anzeigen / als die Stärke? was solte man sich wol na
türlichers durch die Welt⸗Kugel vorstellen können / als
die Beständigkeit? was könnte uns der auf dem Römi
schen Adler sitzende Jupiter mit seinem in der linken Hand
führenden aber mit Lorbeer gecrönten Blitz / und welcher
mit der rechten denen Meer⸗Fräulein ein Zeichen zum sin
gen gibt/ sicheres Versprechen / als einen nach aller
Wunsch bestättigten Frieden? Daß nun demselben Euer
Excellenz sieg⸗prangend zurück bringen und bestättigen
auch hoͤchst beglüͤckt nach denen Oesterreichischen Erb⸗Landen
umkehren und zugleich den best⸗verdienten Lohn Jhrer so
grosen Bemuͤhung empfangen moͤgen / wuͤnsche Euer Ex
cellenz in Namen dieser Löblichen Gespanschaft, Academie,
Stadt / und unserer geringsten Gesellschaft mit ergeben
sten Gemüth / Dero Gnade und Gewogenheit Sie aller
seits demüthig empfehlend.



Beschrei
bung der
Vestung
Comorn.
Nach diesem haben wir den übrigen Theil des Tags in Be
schauung der noch nie eroberten Stadt und Vestung zugebracht;
wobey wir auf Befehl des Commendanten von einem daselbst in
Besatzung liegenden, und in Kriegs⸗Sachen und andern passirten
Dingen nicht unerfahrnen Soldaten über die Stadt⸗Mauern durch
die Werker, Wälle und Gräben, Fläche und Abschnitte geführet
worden, welche wir alle mit guter Bequemlichkeit observiret haben.
Am merkwuͤrdigsten schiene uns eine in Stein gehauene Amazonin,
welche ihrer Feinde spottete, und in der linken Hand das gewoͤhnli
che Sieges⸗Zeichen, nemlich einen Lorbeer⸗Cranz hielte, wordurch
die Nachkommen solten erinnert werden, daß diese Stadt, so ehedem
vom Kaiser Ferdinand dem I. erbauet worden, bishero
von denen Türken nicht habe köͤnnen eingenommen werden. Sie
liegt vortreflich wol auf einem Huͤgel, so daß man ihr nicht leicht
beykommen kan, und wird auf beiden Seiten von der Donau und
der Wage umgeben; wo sie aber ans feste Land stosset, ist sie mit
vielen Gräben, Morast und Werkern versehen, so daß es schwehr
fallen wuͤrde, wann man daselbst Minen anlegen wolte, wie man
dann
- 51 -
Reise von Wien bis nach Ofen und Lora.

25

dann auch ohne die gröste Mühe keine Stüͤcke zum beschiessen da
hin bringen kan. Man gibt vor, als ob die Vestung ihren Namen
daher bekommen, weil, da sie einsmals vom Feind aufgefordert
worden, der Commendant, welcher ein Teutscher war / ihme, so
oft er angefragt, zur Antwort gegeben: Komm Morgen; wo
mit er so lang angehalten / bis der Feind aus Verdruß seinen Ab
schied wieder genommen, und die Belägerung aufgehebt. GOtt
und alle Schutz⸗Heiligen von ganz Ungarn geben, daß ich ein glück
seliger Prophet seye, und nachgesetztes zu einer guten Stund
schreibe:


Es wird diese Vestung allezeit ihrer Köͤnige sicherster
Schirm und Verthaidigung / hingegen der Feinde Schre
cken seyn / wann anderst ihre Commendanten nicht da
durch sicher werden / weil sie wissen / daß wir durch wie
der eroberte oder erst in Botmaͤßigkeit gebrachte Läͤnder
auch zugleich neue Vestungen dem Koͤnigreich zugebracht;
sondern die eingegangene Werker fleißig repariren / alle
Nothwendigkeiten anschaffen / und nichts / was zu einer
tapfern Gegenwehr erfordert wird / unterlassen / und die
ses eben so fleißig / als wann es die äusserste Gränz⸗Ve
stung und letzte Zuflucht waͤre.


Des andern Tages sind wir bey anbrechender Morgen⸗Röͤthe Gran.
unter mehrmaliger Abfeurung des Geschuͤtzes nacher Gran/ wel
che Vestung ihren Namen von dem vorbey laufenden Fluß hat, ab
gefahren, allwo wir mit aller gewöhnlichen Ehren Bezeugung aber
mal empfangen worden; wie dann hernach allezeit zu Ofen / PeEhren⸗Be
zeugungen
der Gesand
schaft in
Städten
und Ve
stungen.

terwardein / Belgrad und allen übrigen Städten, so wol bey
unserer Ankunft als auch bey unsern Aufbruch die Stüͤcke gelöͤset
worden. Es kamen uns hier, wie gestern bey Comorn/ noch un
ter weges einige Tschaicken entgegen, worauf wiederum die Loß
brennung des Geschüͤtzes, die Ankunft des Commendanten Ba
ron von Kuchenländer, und eine von den Herrn Jesuiten der
gestrigen nicht ungleiche Lob⸗Rede erfolgte.



Beschrei
bung der
Vestung
Gran.
Die ungestuͤmmen Wellen verhinderten uns an fernerer Fortse
tzung unserer Reise, und gaben mir zugleich Gelegenheit, mit den an
dern ans Land zu steigen, und meinen Gebrauch nach mich umzuse
hen, ob mir nichts sehens⸗ oder merkwürdiges aufstossen werde;
wes

D
- 52 - 26
Erstes Buch / Zweyte Abtheilung.

weswegen ich diesesmal mit einigen von unsern Leuten nach dem
Schloß hinauf gieng, welches mehr durch die Natur als Kunst be
Die Kirche
zu Gran.
festiget ist. Jn der Mitten desselben stunde eine sehr alte verwüͤste
te Kirche, von welcher die noch hier und da übergebliebenen alte
Mauren und Stücke von dem Gebäͤu zeigen, daß deren Eingang /
die Mauren, Säulen, Bilder, Porten, ja die ganze Kirche von
gehauenen Marmor, so nur zwey Stunden von dar soll gegraben
werden, aufgeführet gewesen: So zeigen sich auch gleich bey dem
Eingang die Bildnüͤsse der Heil. Propheten altes Testaments und
kan man noch die aus der Heil. Schrifft beygefügte Sprüͤche lesen
welche die Bilder desto erkaͤnntlicher machen, daß billig zu muthmas
sen, diese Kirche seye von den Christen zu erst erbauet, und dem
Heil. Adalberto geweihet worden, nach der Zeit aber und durch den
Krieg samt der Stadt und dem Schloß in der Tüͤrken Hände gekom
men, welche diesen alten Erz⸗Bischöflichen Sitz verwuͤstet, die Hei
ligthümer zerstört, die Bilder, wie es ihr Gesetz mit sich bringt, so
weit sie reichen koͤnnen, zerstuͤmmelt und ausgekratzt, und den Platz
zu einer Moschee gemacht; weil sie aber etwan durch die Kaiserliche
Sieg⸗reiche Waffen einesmals aus dem Feld geschlagen, oder mit
einer scharfen Belagerung heimgesucht worden, und dahero dieselbe
sich nicht läͤnger zu behaupten getrauet, haben sie muthmaßlich den
grösten Theil davon verbrannt: wie dann von einem so prächtigen
Gebäu unter einem so grossen Stein⸗Hauffen nichts mehr uͤbrig ge
blieben, als eine kleine Capell, deren anfangs sieben sollen gewesen
seyn / ohne das Schiff, oder den mittlern innern Theil, die bedeckten
Gänge, Vorgebäue, Eingang und Sacristey. Diese Capell hat
ein Erz⸗Bischoff aus dem Geschlecht der Grafen Esterhasi aus
einer Türkischen Moschee zur Kirche des wahren GOttes wiederum
geweihet; der grose Kirchen⸗Fürst aber und Cardinal Thomas
Bakacs / ein naher Befreunder der Grafen Erdödi / aus son
derbarer Freygebigkeit mit einem kupfernen Dach bedecken und noch
darzu viele Kostbarkeiten zur Auszierung reichen lassen. Dieser Kir
che stehet etwas zur rechten ein gleichfalls sehr altes Gebäu auf ei
nem Felsen, welches von dem Pfarrer dieses Orts bewohnet wird;
in demselbigen soll jenes Gemach anzutreffen seyn, worinnen der
Des Heil.
Stephani
Geburts
Ort.
H. Stephan König in Ungarn / dem gemeinen Ruff nach, ge
bohren worden. Uber dem Schloß liegt noch ein anderer Berg,
von
- 53 -
Reise von Wien bis nach Ofen und Lora.

27

von der Kirche des Heil. Thomas, so dieser Orten gar sehr verehrt
wird, und welche darauf gebauet ist, der Thomas⸗Berg genannt.
Man findet so wol in der Stadt als herum liegenden Gegend noch
von vorigen Zeiten her viele traurige Merkmale der Türkischen
Grausamkeit, welche, woferne Ungarn nicht ein so gesegnetes Land
wäre, schwehrlich wiederum hergestellt werden koͤnnten. So siehet
man auch da herum wenig Haͤuser, welche zierlich und nach der
Kunst gebauet, sondern entweder nur von Leimen und Holz, oder
ungehauenen Steinen ohne einige Ordnung aufgefuͤhret sind. Es
hat aber nunmehr die gesegnete Jesuiter Gesellschaft, die bekanntli
cher massen auf ihres Nechsten Wolfarth und die Unterweisung der
Jugend jederzeit eifrig bedacht ist, auf ein neues und schoͤnes Gebäͤu
gedacht, welches weit ansehnlicher als das vorige seyn und zu ihrer
Bewohnung und einer bequemen Schule füͤr ihre anvertraute Ju
gend dienen wird; und wann dasselbige seine Vollkommenheit er
reicht, und der Höchste neue Wolthäter und Goͤnner erwecket, wor
zu sie grosse Hofnung haben, werden sie auch um die Auferbauung
einer Kirche besorgt seyn, wordurch alsdann die Stadt ein besseres
Ansehen bekommen duͤrfte. Als wir von dem Berg zurüͤck gekom
men, haben wir mit denen andern das Mittagmal eingenommen,
wovon wir uns bishero durch unsere Curiositè abhalten lassen. Den
Nachmittag passirten einige mit Spatzieren gehen, andere mit Ja
gen, bis endlich Abends gegen sechs Uhr der Wind sich gelegt, und
die Donau stiller worden; weswegen man die, so sich etwas weit
entfernet, durch den Schall der Trompeten von dem Feld ab und zu
den Schiffen geruffen, zu welchen sie sich auch in aller Eil verfüͤgt;
worauf wir unter Abfeurung des kleinen und grosen Geschüͤtzes noch
zwey Stunde selbigen Tags zuruͤck gelegt, auch nach der Sonnen
Untergang zu Zopp angelanget sind. Allhier verehrte die Bauerschaft Geschenk
der Bauern
an den Hn.
Groß⸗Bot
schafter.

dem Herrn Groß⸗Botschafter ein Lamm, mit welchem einfäl
tigen Thier sie ihre eigene Einfalt an den Tag gelegt; doch wurde
es gleichwol mit einem solchen Herzen angenommen, mit welchen es
gegeben worden.


Des andern Tags nahme gleich bey anbrechenden Morgen die
Flotte ihren Lauf gegen Waitzen zu; welche Stadt im vorigen Waitzen.
Jahr⸗hundert der Kirchen wiederum restituiret worden / und durch
die Niederlag des Königs in Polen / Johannes / der dem von
D 2

Wien
- 54 -
Erstes Buch / Zweyte Abtheilung /

28

Wien flüchtigen Feind allzu hitzig nachgesetzet, genugsam bekannt
ist; welchen Verlust aber auch der Herzog Carl von Lothrin
gen bey Parkan an ihnen nachdruͤcklich gerochen. Es liegt bemeld
te Stadt zur linken an der Donau, an einem bequemen und frucht
baren Ort, ist aber durch den Krieg und Türkische Grausamkeit
lange Zeit geplagt, öfters verbrannt, und ihr selbst dardurch ganz
unehnlich worden, so daß sie nun rechtmäͤssige Ursach hat, ihren
vorigen Glanz, den sie unter ihren ersten Bischöffen gehabt, unter
wehmüthigsten Seufzen wiederum zurück zu fordern. Jndem wir
aber die Stadt Waitzen kaum aus unsern Gesicht verlohren, wur
den wir durch einen neu entstandenen Sturm⸗Wind genöthiget, oh
ne Verzug abermal das Ufer zu suchen, und unsere Schiffleute we
gen so lang daurenden Ungewitters zwey ganzer Stunde ausruhen
zu lassen. Nachdem endlich der Sturm etwas nachgelassen, und
man auf den Fluß wieder fort kommen kunte, sind wir durch das
scharfe Rudern, wiewol nicht ohne Gefahr wegen der an einander
stossenden Schiffe, erstlich zu Alt⸗hernach zu Neu⸗Ofen Nachmit
tag zeitlich angelangt.



Empfang
der Groß
Botschaft
von dem
Stadthal
ter und
Rath zu
Ofen.
Hier nun kame ohne langen Verzug aus dem Schloß des Ge
neral Löffelholz / Commendanten zu Ofen / Herr Sohn /
welchen der Herr Vater abgeschickt, weil er selbst wegen heftigen
Schmerzen vom Podagra schon lange Zeit des Betts hüten muste;
weswegen auch der Herr Groß⸗Botschafter seine beiden Aerzte,
die Herren Hulin und Dorschæus, schon den vorigen Tag durch
ein Jagd⸗Schiff abgeschickt hatte, dem Herrn General mit guten
Rath und Hülfs⸗Mitteln an die Hand zu gehen. Jndessen legte der
Sohn im Namen des Herrn Vaters die Begrüͤssungs⸗Complimen
ten ab, und führte den Herrn Botschafter samt allen ihn mit
gegebenen Adel auf drey mit sechs Pferden bespannten Wäͤgen den
Berg nach der Vestung hinauf zum Nachtessen; dabey man sich
dann recht lustig und vergnuͤgt bezeugt, worzu aber die alte Freund
schaft des Herrn Botschafters mit dem Herrn Stadthalter
das meiste beygetragen. Nach aufgehobner Tafel sind die vorigen
Wägen schon wiederum in Bereitschaft gestanden, diejenige, wel
che wiederum nach ihren Schiffen wolten, dahin zu bringen; da
hingegen andere zu den Jesuitern sich begeben, welche von ihnen tref
lich bewürthet worden: wieder andere liessen sich belieben, nach Pest - 55 -
Reise von Wien bis nach Ofen und Lora.

29

Pest, einer Vestung an der Donau, über zufahren, allda ihre
Freunde und Verwandten / die sie zum Theil wol noch nie gesehen
hatten, auch vielleicht nicht wieder sehen duͤrften, zu besuchen. Kaum
aber, als noch vorher der Herr Botschafter an das Land gestie
gen, und noch keinen Fuß in die Stadt gesetzet / machte der Bur
germeister mit dem Stadt⸗Rath seine Aufwartung, und com
plimentirte ihn mit folgenden Worten:


Wann bey Eu. Excellenz glüͤcklichen Anfurth das
aus hiesiger Vestung donnerende Geschütz dem grosen
GOTT das gebührende Lob dafür abgestattet / und das
Gloria in excelsis (Ehre sey GOTT in der Höhe /) deswe
gen angestimmet / fügen wir billig die bekannten Worte
darzu: Et in terra pax hominibus (und den Menschen Frie
de auf Erden); sintemaln wir nunmehro des Friedens
können versichert seyn / welchen vielleicht diejenige noch
für zweifelhaftig, oder wol gar noch weit entfernet
halten / die den Erz⸗Herzoglichen Hauß Oesterreich
nicht gewogen sind. Wir erfreuen uns demnach hier
über in dem HErrn / gratuliren aber Eu. Excellenz mit
demuthigsten Respect; weil Sie / die durch ihren unver
drossenen Fleiß / ungemeinen Klugheit / und ganz auser
ordentlichen Bemuͤhungen den Frieden uns zu wegen ge
bracht / solchen auch durch die auf Sich genommene ho
he Gesandtschaft zu befestigen die wol verdiente Ehre ha
ben. Der Höchste verleihe indessen die benöthigten Kräf
ten darzu / und setze denenselbigen noch mehrere bey / da
mit / was durch die bereits angetrettene mühsame Reise
angefangen ist / durch erwuͤnschten Fortgang noch meh
rers beglückt / und der Hoch Gräflichen Virmondtischen Fa
milie best⸗verdienter Ruhm und Name / von Abend / wo
Sie ihren Ursprung hat / bis gegen Morgen / nebst Eu.
Excellenz eigenen hohen Person ruͤhmlichst bekannt werde /
und beide Reiche anfülle; anbey auch denen unter den
Türkischen Joch seufzenden Christen zu sonderbaren Trost /
denen Ungläubigen aber darzu dienen möge / daß sie er
kennen / wie sie an En. Excellenz denjenigen zu betrach

ten

D 3
- 56 -
30

Erstes Buch / Zweyte Abtheilung /

ten haben / welcher von der Oesterreichischen Sonne
dem Türkischen Mond so viel Glanz mittheilet / als dessen
Unterthanen noͤthig haben werden / in der Finsternis ih
res Aberglaubens / in welcher sie bishero ganz hochmü
thig herum gedappet / das wahre Glaubens⸗Licht und
Christliche Sanftmuth zu erkennen / als die von der un
vergleichlichen Gütigkeit des siegenden Carls nunmehro
den Frieden geniesen. Jndem wir nun um unseres Wun
sches kräftige Erfüllung den grosen GOTT eifrigst anfle
hen, thun in Eu. Excellenz hohen Gnade wir uns in tief
ster Unterthänigkeit empfehlen.



Ofen.
Uber dieses / was andere Scribenten schon vor mir von der
so beruffenen ehmaligen Königlich⸗Ungarischen Residenz
Stadt / und ihrer Gelegenheit, Alter, Fruchtbarkeit des Erd
reichs, Menge der Früchten, Güte des Weins und dessen Uber
fluß, temperirten Himmel, gesunden Luft, vortreflichen und ihrer
Würkung wegen allenthalben berüͤhmten Bäder, der treflich forti
ficirten Vestung rc. angemerket, finde ich noch zu berichten, daß
der Commendant ein so prächtiges Hauß aufbauen lasse, in wel
chem zu residiren sich die alten Ungarischen Koͤnige / wann sie
aus der andern Welt wieder zurück kommen solten / oder auch wol
die heutigen, wo Jhnen die Oesterreichischen Erb⸗Lande nicht
noch mehr beliebten, Sich nicht schämen duͤrften. Die unter-irrdi
sche in Felsen gehauene Hölen, worinnen das Pulver und andere
Amunition aufbehalten wird, versichert dasselbige vor aller Feuers
Gefahr. Das Gießhaus, so unten an der Donau liegt / ist also
beschaffen, daß es die ganze Kaiserliche Armee mit genugsamen Stuͤ
cken versehen kan. Eine schwehre eiserne Kette, welche vormals in
Kriegs⸗Zeiten von Ofen bis nach Pest über die Donau gezogen
worden, die Türkische auf diesen Fluß getriebene Rauberey dar
durch zu verhindern, haͤnget um die aͤusere Mauern des Zeughauses,
und gibt durch dieses ihr muͤssiges Wesen nicht undeutlich zu verste
hen, daß man, nachdem die Feinde von den Gräͤnzen abgetrieben,
und man ihrentwegen nunmehro in guter Sicherheit leben kan, der
selben nun nicht sonderlich mehr noͤthig habe.


Den
- 57 -
Reise von Wien bis nach Ofen und Lora.

31


Den Namen dieser Stadt wollen einige von dem Buda, des
Hunnischen Königes Attila Bruder / herführen, als von wel
chem dieselbige soll erbauet, nachgehends aber von Ovus, welcher
in Ungarn zu Zeiten Kaiser Heinrichs des III. regieret hatte,
mit dem Teutschen Namen Ofen belegt worden seyn. Die vorBibliothec
der Corvi
ner da
selbst.

mals in der ganzen Welt so sehr beruͤhmte Corvinische Bibliothec,
welche zu Busbecs Zeiten noch beysammen und unzerstreuet war /
befindet sich nicht mehr daselbst, sondern hat, wie ich muthmasse,
ihr Quartier in Wien aufgeschlagen. Allhier haben wir unterschied
liche Weine und andere auf der Reise zu Land benoͤthigte Sachen,
welche uns noch abgiengen, eingehandelt; und nachdem solche zu
Schiffe gebracht worden, sind wir den 23. darauf unter mehrmali
ger Lösung der Canonen, mit welchen der Herr Stadthalter die
ser Provinz, General Löffelholz / seinen nach der Türkey ge
henden Freund, den Kaiserlichen Herrn Groß⸗Botschafter /
nochmaln beehrte, nach Lora verreiset. Dieses Lora ist ein
Dorf, zu Ende der Margarethen Jnsul / so die Ungarn in ihMargare
then⸗In
sul.

rer Sprach den Ratzen Markt nennen, gelegen, und welche dem
Durchlauchtigsten Prinzen Eugenius von Savoyen zu stäͤn
dig ist. Diese Jnsul begreift in ihrem Umkreiß ungefehr 20. Meiln,
nemlich sieben in der Lange, und drey in der Breite, welcher zur
rechten der Donau Adon lieget. Daselbst hatte uns zwar das schoͤ
ne Früͤhlings⸗Wetter, der heitere Himmel und angenehme Luft zur
Jagd einen Lust machen sollen; allein die schuldige Ehrerbietung,
mit welcher wir einem so grosen Prinzen verbunden waren, und
die sonderbare Hochschäͤtzung seiner Tugenden und Verdienste, hiel
ten uns billig davon ab; und wann es uns gleich sonsten wäͤre er
laubt gewesen, würden wir doch lieber unserer Ergötzlichkeit etwas
abgebrochen, als die Seinige im geringsten damit verstöͤret haben;
angesehen dieser Prinz ein sonderbarer Liebhaber von denen mit
Wild angefüllten Wäldern ist: haben uns demnach füͤr diesesmal
an der anmuthigen Lage dieser Landschaft und dem Anschauen der so
schöͤn bemahlten Wiesen und Feldern vergnuͤgt, und unsere
Lust auf eine andere Zeit und Gelegenheit
verschoben.

- 58 -
32

Erstes Buch / Dritte Abtheilung /


Dritte Abtheilung.


Empfang
der GroßBotschaft
vom Cardi
nal Czacki.

NUn hat sich der achte Tag unserer Abreise von Wien ein

gestellet, da wir den Weeg bis über Födwar / oder, wie
einige schreiben, Fintuar, welches wir vorbey gefahren,
zuruck gelegt, und nunmehro an dem Gestad der Bathiensischen
Gespanschaft angelangt, von dar der Herr Groß⸗Botschafter
von sieben mit sechs Pferden bespannten Wägen, nebst einer Wurst,
nacher Colocza in des Cardinal Czacki sein Schloß abgeholet wor
den, welches nicht gar eine Meil von der Donau entlegen war. Er
wurde von dem Adel der Botschaft dahin begleitet und von dem
Cardinal auf der Stiegen empfangen, hernach in den innern Pal
last zu einem recht Fürstlichen Gastmal hinein geführet. Unter
wehrender Tafel liesen sich die Trompeten und Paucken lustig hören,
und eine angenehme Tafel⸗Music ergötzte zugleich die Ohren der An
wesenden auf eine sehr anmuthige Art; nebst diesem wurde der Tag
und ein zimlicher Theil von der Nacht mit andern Lustbarkeiten zu
gebracht; und damit auch die Augen ihre Vergnügung haben mög
ten, wurden allerhand Luft⸗ und Freuden⸗Feuer angezündet. Je
doch wie immerzu die Freude mit einiger Widerwäͤrtigkeit begleitet
wird, so gieng es auch hier nicht leer ab, sintemaln der zur Frölich
keit bestimmte Tag mit einem traurigen Todschlag noch müͤssen be
Drey kläg
liche Fälle.
sudelt werden. Dann da das Festin bereits seine völlige Endschaft
erreichet, und der Herr Botschafter samt den Seinigen schon
wiederum in die Wagen gestiegen, um sich gegen 2. Uhr in der Nacht
unter Begleitung der Windlichter nach den Schiffen zu begeben,
kommt einer von der Herren Grafen Laquayen, und versucht zum
öftern auf einen Wagen zu springen, wird aber durch eines andern
Feld⸗Pagen, welcher eher darauf gestanden, etlichmal davon abge
halten, es mag nun seyn, daß der Wagen so viele Personen nicht er
tragen konte, als welcher ohnedem in und ausen beladen war, oder
daß der im Kopf gestiegene Wein die vielleicht schon ehmals gehägte
Feindschaft wiederum erneuert; weswegen es Anfangs unter ihnen
zum Worten und endlich zum Fäusten gekommen, wobey sie die
Schimpf⸗Worte so wenig gesparet, daß dieser von dem Wagen ge
sprungen, den Laquayen in die Enge hinter das Rad getrieben, und mit - 59 -
Reise von Lora bis Belgr. und den Ort der Auswechsl.
33
mit dem Degen so gefaͤhrlich verwundet, daß er kurz darauf den
Geist aufgeben müssen. So ist auch dieser Tag noch für einen an
dern unglücklich gewesen: Es gieng nemlich der Falkner mit seiner
Flinten auf das Feld an die Teiche und Moräste, des Vorhabens,
wilde Enden zu schiessen, welche daselbst nicht rar waren; er mag
aber vielleicht stärker geladen haben, als es sein Gewehr vertragen
können, weswegen die Flinten bey deren Loßbrennung ihm in den
Händen zersprungen, und die linke Hand also zerschmettert und auf
gerissen, daß man auf Gutbefinden des wolerfahrnen Feldscheerers
Morelli ihm noch denselbigen Abend den voͤlligen Arm herab neh
men muste, wolte er anders sein Leben retten / welches aber erst,
nachdem er gebeichtet, und mit allen Heil. Sacramenten versehen
worden, geschehen ist. Es hat auch noch einem andern, nemlich ei
nen von des Herrn Botschafers Heyducken, diesen Tag eine Fa
talité betroffen; dann weil dieser von dem Ungarischen Wein mehr,
als er vertragen koͤnnen, zu sich genommen, und auf dem Schiff ein
geschlaffen, ist ihm der Kopf zu schwehr worden, und er also be
trunken und schlaffend bey der Nacht ins Wasser gefallen, woraus
ihn jedoch, wiewol kümmerlich die Schiffleute wieder gezogen
haben, welches er der Wachsamkeit des Freyherrn von Locher zu
danken, der den Fall vernommen, und die Boots⸗Knechte eilend
vom Schlaff aufgeweckt, um den mit den Wellen ringenden Hey
ducken beyzuspringen. Und also wäͤren wir bey nahe in einem Tag
um drey Personen gekommen, wovon jedoch zwey wiederum durch
der Aerzte Sorgfalt und anderer Bemuͤhung erhalten worden.


Aber warum halte ich den Leser mit traurigen Erzehlungen so
lang auf? wir wollen viel lieber den von Jhro Eminenz zuruck
kommenden Herrn Botschafter begleiten, welcher die zwey fol
gende Täge bey Tolna / Baja und Mohacz / welcher Ort von Mohacz.
der Niederlag des Ungarischen Koͤnigs Ludwig, und hernach
durch den von Herzog Carl aus Lothringen wider den Erb
Feind in vorigen Krieg ansehnlich erfochtenen Sieg nicht wenig be
kannt ist, ferner die Moͤnchen und Brigitten⸗Insul schleunigst vor
bey gefahren, und auf Monastor/ von dar aber nach Peter
wardein fort geeilt. Die Hofnung, daß wir vielleicht das Heil.
Pfingst⸗Fest zu Peterwardein werden begehen koͤnnen, hat ver
E
ursa
- 60 -
Erstes Buch / Dritte Abtheilung /

34

ursachet, daß die Boots⸗Knechte bis in die Nacht um zehen Uhr
und noch länger frisch darauf gerudet, und die Nacht bey nahe zum
Tag gemacht, und duͤrften wir auch wol daselbst um bestimmte Zeit
eingetroffen haben, wann nicht den 27. May ein so starkes Unge
witter und unverhoft entstandener Nord⸗Wind uns zum Anländen
obligirt hätte; wie wir uns dann bemuͤssiget sahen, in der Insul /
BettlerGraben.welche man den Bettlers⸗Graben nennet, schon zum zweytenmal in
aller frühe ans Land zu steigen. Es wird aber besagte Jnsul darum
also genannt, weilen sich allda eine Menge Strassen⸗Räuber und
Mörder aufhalten, so sich Haufen weiß zusammen rotten, und die
Reisenden anfallen und ausplündern, wann sie ihrer mächtig wer
den können. Als vor eben noch nicht gar vielen Jahren der Wol
geborne Freyherr von Nehm / Kaiserlicher General-Feld
Zeugmeister / und neulich gewesener Commendant der Vestung
Peterwardein, alldort von ungefehr vorbey reisete, haben ihn 60.
von dergleichen Gesindel hinterlistig angefallen, und so gar verwun
det, ob er schon 50. Mann in seiner Suite hatte. Als der Him
mel Nachmittag wieder heiter wurde, und der Nord⸗Wind sich
gelegt hatte, nahmen die Boots⸗Knechte ihre Arbeit aufs neue vor die
Hand, worauf wir unsern Cours weiter nach Zunta genommen
wo ohnfern davon sich die Drau in die Donau ergießt / und dem
Sclavo
niens An
fang.
Königreich Slavonien den Anfang machet, darauf wir abends
um 8. Uhr zu Erdöd ankommen, woselbst auf einem Berg das
Stamm⸗Haus der ältesten und Hochgebohrnen Grafen Er
dödi und Palfi zu sehen, so aber in vorigen Zeiten durch die geführ
ten Kriege also zugerichtet ist, daß es anjetzo eher zur Wohnung der
Nacht⸗Eulen und anderer Raub⸗Vögel als der Menschen dienen
kan.


Jch habe aber nicht ohne Ursach gemeldet, daß Erdöd so wol
Stamm
Haus der
Grafen Er
dödi und
Palfi.
ein Stamm⸗Haus deren Grafen Palfi, als Erdödi sey / weilen
das Palfische Haus von dem Erdödischen herstammet, und gegen
wärtig zweyer Geschlechte Sprossen aus einer Wurzel grünen.
Dann da einer aus den Erdödischen Grafen zwey Söͤhne hatte,
davon der eine Petrus/ der andere Paulus hiese, ist des letztern
Sohn nachgehends Palfi genennet worden / welches eben so viel,
als wann wir in unserer Mutter⸗Sprach sagten, der Sohn des
Pau
- 61 -
Reise von Lora bis Belgr. und den Ort der Auswechsl.
35
Pauli (Pál Fi, Pauli Filius); und ist hernach dieser Name den
Nachkömmlingen geblieben, und zu einem neuen Stamm ge
diehen.


Das Schloß liegt zur linken der Donau, auf einem hohen
vorn abgebrochenen Felsen, worzu man fast keinen Weeg fin
den kan; dahero es auch ehmals seiner Feinde vergeblichen Dro
hungen nur spotten kunte, anjetzo aber bey Erinnerung der vorigen
Beschaffenheit seinen Ruin und gänzlichen Untergang beklagen muß. Der Sla
vonischen
Gebäude
Beschaffen
heit.

Auf dem Berg liegt ein Dorf / welches mit dem Schloß gleichen
Namen führet, dessen meiste Häͤuser, wie durch ganz Slavonien,
unter der Erden stehen, und nur mit dem Dach herfür reichen, al
so daß sie den Hoͤlen der wilden Thiere nicht gar ungleich kommen;
im übrigen aber von Baum Aesten oder Stroh⸗Halmen zusammen
geflochten sind. So bald wir hier angefahren, wurde uns befoh
len, den morgenden Tag noch vor der Sonnen Aufgang zum Ge
dächtnis der sichtbarlichen Sendung des Heil. Geistes Messe zu
halten, als dessen Jahrs Tag wir Morgen begehen würden. Nach
gehaltener Messe sind wir den 28. May als am Pfingst⸗Tag unter
guten Wind wiederum abgefahren, und in kurzem zu Bokovar, wel
ches im Ungarischen so viel als die Stadt Boka (vár arx, civitas)
heißt, und an der Donau liegt, angekommen, woselbst wegen des
heiligen Tags noch mehr Messen gelesen wurden, und deren zwar
so viel / als Priester bey uns waren, welche diesen Tag noch keine
gelesen hatten.


Jndem wir nun Christlichen Gebrauch nach dem Gebot der
Kirchen nachlebten, und GOTT in unserm Glauben durch das H.
Meß⸗Opfer verehrten, kam unvermuthet ein Kaiserlicher Courier
von Constantinopel / welcher nach Wien eilte, und dem Herrn Kaiserl.
Courier
von Con
stantinopel.

Botschafter die Nachricht gab, daß sich der Tüͤrkische Gesandte
schon 40. Tage zu Nissa aufhalte, und unserer Ankunft daselbst mit
Schmerzen abwarte; weswegen wir nach abgefertigtem Courier die
ein wenig unterbrochene Reise mit neuem Muth fortgesetzt, im vor
bey fahren auf der rechten Seiten der Donau Jllok, einen vorneh Jllok
men Flecken beobachtet, und denselbigen Tag erst nach der Sonnen
Untergang Futak erreicht, und daselbst uͤbernachtet haben. Allhier ist Futak.
ein Kaiserliches Proviant-Haus, und die bequemste Ebene / ein
Kriegs⸗Heer darauf zu versammlen; wie dann auch in vorigen Krie

E 2

gen
- 62 -
36

Erstes Buch / Dritte Abtheilung /

gen wegen des nahen Stroms, der vielen Wiesen, und Uberfluß der
Sachen, so man hier besser als anderwerts haben kan, unsere Sol
daten ihr erstes Lager allda auszustecken gewohnt waren.



Peterwar
dein.
Den 29. besagten Monats haben wir uns mit nicht geringerer
Eilfertigkeit nach Peterwardein, der Haupt⸗Stadt des Herzog
thums Syrmien und Sclavonien begeben / aber auch daselbst
nicht lang verweilet, sondern uns, nachdem wir bey dem Herrn
Obrist Tiller und anderer Orten das Früh⸗Stüͤck eingenom
men, kaum so viel Zeit genommen, diejenige Stadt, welche
einen Zeugen von der im 1716. Jahr den 5. Augusti über die Tür
ken so merkwürdig erhaltenen Victorie abgegeben, etwas ge
nau zu besehen. Dann da wir nur erst noch auf den Pasteyen wa
ren, und auf derjenigen Seiten stunden, wo anjetzo ein unerhörtes
festes Werk aufgeführet wird, welches vielleicht die alles verzehren
de Zeit selbst trutzen düͤrfte / zugleich aber denjenigen Ort betrachte
ten, wo der an Mannschaft uns weit überlegene Feind unsere erst
über das Wasser setzende Trouppen erwartete, anbey uns verwun
derten, daß, ob sie schon ganz eingeschlossen und noch darzu tiefer
und an einen weit gefährlichern Ort, als jene, stunden, sie doch
gleichwol es auf ihre Tapferkeit und die Anführung des noch nie
überwundenen Heldenmüthigen Prinzen Eugenii ankom
men liessen, und also denen mit ausgebreiteten Fahnen herzu eileten
und zum Treffen begierigen Türken mit ungemeiner Standhaftigkeit
entgegen giengen, siehe / da wurden wir durch öfftere Canonen
Schüsse ermahnet, uns eiligst zu den Schiffen zu begeben, und un
sere Reise weiter fort zusetzen: musten aber einen Uhrmacher⸗Ge
sellen, der denen Pagen zur Bedienung übergeben war, zuruck lassen,
weil er sich wegen beständig anhaltender Krankheit nicht im Stand
sahe, weiter zu folgen, wie er dann auch bald nach unserer Abreise
daselbst gestorben ist. Jndem wir nun vom Ufer abgestossen, und
uns in den Strom begeben, præsentirte sich in derselbigen Gegend
Capell zu
Carlowitz.
zur rechten der Donau eine Capell der allerseeligsten Jungfrau Ma
ria, welche den Namen vom Frieden führet, weil solche auf Kai
serlichen Befehl nach dem Carlowitzischen Frieden an eben das
Ort erbauet worden, wo das grosse Gezelt gestanden, unter wel
chem bey Ausgang des vorigen Seculi der fünf und zwanzig⸗jährige
Stillstand mit dem Türken seine Richtigkeit erhalten. Zur linken
Hand
- 63 -
Reise von Lora bis Belgr. und den Ort der Auswechsl.
37
Hand siehet man Kobila / Titel / und diejenige sumpfichte Oerter,
durch welche die Theiß ihr schleimichtes Wasser in die Donau er
gieset. Um diese Zeit wurde ein Kaiserlicher Courier nach BelKaiserl.
Courier
nach Bel
grad abge
fertiget.

grad an den Grafen von Oduyer, dasiger Vestung Commen
danten, und der in dem Koͤnigreich Servien stehenden Kaiserli
chen Miliz Gränz⸗Generaln abgefertiget, mit der Nachricht,
daß die Kaiserliche Groß⸗Botschaft im Anzug seye, und im
kurzen sich allda einfinden werde, weswegen er sich moͤgte belieben
lassen, dasjenige ohne Zeit Verlust anzuschaffen, was zur Reise über
Land nöthig seyn würde. Wir indessen sind bey Salankement Salanke
ment.

angefahren, welches Ort die Alten Acumincum genennet, und an
jetzo durch die vielen Kriege vollig verheert und in der Asche liegt,
auch wegen des 1681. den 19. Augusti von dem fuͤrtreflichen Feld
Herrn seiner Zeit, Prinz Ludwig von Baden / über die Türken Die
Schlacht
daselbst.

erhaltenen Siegs nicht unbekannt ist, welche Victorie, weil sie an
fangs lang zweifelhaftig gewesen, uns nicht weniger, als jenen
gekostet hat: wiewol es endlich doch darzu gekommen, daß nach ei
nem Verlust von sechs⸗tausend Mann der Unsrigen die Feinde eine
notable Niederlag erlitten, wobey der Groß⸗Vezier, ein Sohn des
grossen Kiuperli selbst geblieben, welcher nur darinnen allein unglüͤck
licher als der Vater gewesen, daß er durch der Feinde Schwerdt
umkommen, da dieser nach einer langen und glüͤcklichen Regierung
auf dem Bette sein Leben geendiget, welches sonst wenigen seines
Standes zu Theil worden.


Der Berg, auf welchen die Schlacht gehalten worden, hat CalvarieBerg.
von den vielen darauf gelegten Menschen⸗Koͤpfen den Namen Cal
varie⸗Berg bekommen, wie dann noch bey Anbauung der Aecker
viel Gebeine von menschlichen Coͤrpern alldort gefunden werden.
Sonst ist dieser Berg daher noch merkwuͤrdig, daß er bey dem Car
lowitzischen Friedens⸗Schluß zur Gränze gesetzt worden; daher es
gekommen, daß, wann etwan aus Nachlässigkeit der Hirten das
Raitzische Viehe über die Gränze nach der andern Seite auf die Wai
de gelauffen, und nicht alsobald zuruck getrieben wurde, man dassel
bige entweder allezeit loͤsen, oder einen jäͤhrlichen Tribut dafür bezah
len müssen.


So bald wir ans Land gestiegen, begab sich der Herr Bot
schafter auf den Berg, diejenige Gegend zu besehen, durch welche
E 3
Er - 64 - 38
Erstes Buch / Dritte Abtheilung /

Er zu Zeiten der Ungarischen Unruhe die Kaiserliche Armée zum
öftern gefüͤhret hatte. Nachdem Er nun etlichemal daselbst auf und
ab spatziret, ist Er wieder zuruck nach seinem Schiff gekehret, wohin Er
sich einen Grichischen Pfaffen ruffen lassen, verschiedenes von ihrer
Religion und Sitten aus ihm zu erfahren; welcher sich auch also
bald unter Begleitung einiger Ehrwürdigen alten Männer einge
stellt, die ich vor Rechts⸗Gelehrte oder Vorstehere und Richter un
ter dem Volk angesehen, und ihme vermuthlich zu dem Ende beyge
sellet waren, damit ihre grauen Haare diesen jungen aber dabey
scil. gelehrten und verstäͤndigen Mann ein desto mehreres Ansehen
geben moͤgten. Hierzu fanden sich auch zwey aus dem ersten Adel
ein, nemlich die Grafen Bathyani, ein Ungar, und Bielinski/ ein
Polack, welche der Sprach dieses Landes kundig, und sich glüͤcklich
schätzten, daß diese Leute ihnen aufgestossen, von welchen sie eben so
wol vieles zu lernen hoften, als ich, der ich mir gleichfalls flattirte,
daß ihre Gegenwart mir nicht geringen Nutzen schaffen wuͤrde. Wir
sind aber leider in unserer Hofnung schaͤndlich betrogen worden, an
Unwissen
heit der
Grichischen
Priester.
gesehen wir an diesem Mann einen so grossen Ignoranten vor uns
hatten, als man uns jederzeit die Grichische Priester, so von den
ihrigen πάππας genennt werden, beschrieben hat, wovon auch, wel
ches höchstens zu bewundern, und schmerzlich zu betauren, die Bi
schöffe und Kirchen⸗Vorsteher selbsten nicht ausgeschlossen sind, wie
wir nachmals aus der Erfahrung und vielen Umgang mit ihnen wol
innen worden.


Endlich sind wir den 30. May nach vierzehen⸗tägiger Reise zu
Belgrad.

Belgrad glüͤcklich angelangt, welche Vestung wir erst im letzten
Krieg von dem Erb⸗Feind wiederum erobert haben. Sie liegt auf
einem Berg zwischen der Sau und Donau, und hat unterschiedli
che dort herum liegende und in das weite Feld sich ausbreitende
Städte unter sich. Auf derjenigen Seiten, auf welcher sie die un
sern angegriffen, wird ein neues Werk verfertiget, damit sie vor de
nen feindlichen Anfällen desto besser gesichert seyn könne. Es ist
nicht nur aller in der letzten Belägerung zugefügter Schaden wieder
um repariret, sondern auch mit neu⸗ angelegten gefütterten Horn
werken, ingleichen mit Cortinen oder Flächen zwischen denen Pa
steyen, Gräben und Wällen also befestiget, daß die Vestung nun
wol dreymal stärker, als sie zuvor gewesen: und wann die Tuͤrken, unter an
- 65 -
Reise von Lora bis Belgr. und den Ort der Auswechsl.
39
andern auch diejenige, welche sich bey der Gesandtschaft nach dem
Römisch⸗Kaiserlichen Hof befinden, und vielleicht ehmals all
da gewohnt, solche wiedersehen / werden sie sich kaum einbilden koͤn
nen, daß sie in ihrem alten Grichisch⸗Weisenburg seyn, sondern duͤrften
wol eher dafür halten, man füͤhre sie durch eine unuͤberwindliche
Vestung, so gar wenig mehr hat sie von ihrer vorigen Gestalt an
sich. Unweit von demjenigen Thurn / in welchem eine Feuer⸗Kugel
das Pulver angezuͤndet, und dadurch die untere Stadt vollig üͤber ei
nen Haufen geworfen, ist anjetzo zu mehrerer Sicherheit dieses schäd
lichen Elements eine doppelte Gruft in einen harten lebendigen Fel
sen gehauen, und durch ihres Commendanten Grafen Oduyers
ungemeine Klugheit, grosse Sorgfalt und unermudeten Fleiß in ei
nen so vollkommenen Stand gesetzet / daß, wo anders GOttes
Wille dabey ist, diese Vestung hinfort jederzeit ihrer Feinde Nach
stellungen wird großmüthig verlachen und vor aller Gefahr sicher
seyn können.


Es schiene unsere Ankunft jederman höͤchst⸗angenehm zu seyn,
wiewol auch solche einem Feuerwerker oder Constabels der BesaUnglück
eines Con
stabels.

tzung zum Nachtheil ausschlug, welcher, weil das kurz vorhero loß
gebrannte Stuck weder genug erkaltet, noch gebuͤhrender massen
ausgewischt und gereinigt war, von dem zur neuen Ladung hinein
geschütteten aber auch zugleich entzuͤndeten Pulver üͤber den Wall
bis an das Ufer disseits der Sau geschmissen, und halb verbrannt
auch ihm noch darzu beide Häͤnde vom Leib geschlagen worden. Doch Empfang
der Kaiserl.
Groß⸗Bot
schaft zu
Belgrad.

gleichwol hat dieser traurige Casus die uͤbrigen angestellten Lustbar
keiten nicht unterbrochen, und wurde zu dem Mittagmal, welche die
ganze Zeit unsers Aufenthalts zu Belgrad für den ganzen Adel auf
das köstlichste und prächtigste zu bereitet war, durch sechs kleine Stuͤ
cke, so in dem Garten gepflanzt stunden, und deren oft wiederholte Loß
brennung, das Zeichen gegeben, wodurch die ganze Nachbarschaft
zugleich versichert worden, daß die Kaiserliche Groß⸗Botschaft
nunmehro angelangt, welche der Herr Commendant von jederman
wolte geehret wissen. Zu diesem nun hat den Herrn Groß⸗Bot
schafter / welcher gleich bey Seiner Ankunft um besserer Gemächlich
keit willen das Schiff verlassen, besagter Commendant in einem mit
sechs Pferden bespannten Wagen in seine Behausung gefüͤhrt, all
wo Seine Excellenz von einer in Gewehr stehenden Compagnie
Grana
- 66 - 40
Erstes Buch / Dritte Abtheilung /

Granadierer empfangen worden, die auch daselbst zur Leib⸗Wacht
verordnet waren. Alle Ergötzlichkeiten, welche gegenwärtige Jahrs
Zeit und dasigen Orts Gelegenheit nur erlaubte, liese der Graf
Oduyer anstellen, den Herrn Groß⸗Botschafter und die uͤbrigen
Gäste damit zu beehren; welche unter andern in angestellten Gesell
schaften, Tänzen und Spielen, die mehrentheils bis in die spate
Nacht tauerten, wie auch Comoͤdien bestunden, so die Soldaten in
Teutsch⸗ und Welscher Sprach agirten, und in welchen der Herr
Groß⸗Botschafter bey Seinem Eintritt alter Gewonheit nach
allezeit mit einer Music beneventirt wurde; welches alles dann der
geneigte Leser ohne Zweifel für solche Sachen halten wird, bey wel
chen sich die Zeit auf das vergnüͤgste passiren laͤsset.


Jndeme wir uns nun zu Belgrad aufhielten, und etwas
zu gut thäten, damit wir zur küͤnftigen Reiß desto geschickter seyn
möchten, anbey uns allerhand erlaubten Kurzweil bedienten, wur
den nichts destoweniger die Kaiserlichen Geschäfte eifrig getrieben,
und von dem Herrn Groß⸗Botschafter und Grafen Oduyer
mit aller Treue und Sorgfalt ausgeführet, so daß die Verweilung
hiesiges Orts kein muͤssiger Aufenthalt, sondern die groͤste Bemü
hung zu nennen war, worinnen sich diese zwey grosse Kriegs⸗Män
ner in Vollziehung der Kaiserlichen Befehle jedesmal finden las
Absendung
eines Kai
serl. Cou
riers nach Nissa.
sen. Man fertigte einen Kaiserlichen Courier nach Nissa ab,
welcher den Tuͤrkischen nach Wien bestimmten Botschafter unse
re Ankunft bedeutete; auf der Gränz suchte man sich einen Platz
aus, wo die Auswechslung geschehen solte; das Lager wurde ausge
stochen, und Zeichen aufgerichtet / üͤber welche die Soldaten nicht
schreiten durften; man bemuͤhet sich mit Einrichtung des Ceremo
niels, wie es nemlich bey der Auswechslung solte gehalten werden,
welches auch nach einigen hin und her schicken mit beider Theile Ver
gnügen zum Stande gekommen; die zur Fortschaffung unserer Perso
nen und Sachen benoͤthigte Wägen wurden vom Land herein ver
schrieben, Küsten und Kasten aufgepackt, das Proviant herbey ge
schafft, und aus unterschiedenen Regimentern Dragoner, Curassiers
und leicht bewafnete Reuter, so die Ungarn Husarn nennen bis
1500. zusammen gezogen, worzu noch 200. Granadierer zu Fuß ge
stossen, so uns begleiten, auch im Fall es nöͤthig wäre, zu unserer Defens
- 67 -
Reise von Lora bis Belgr. und den Ort der Auswechsl.
41
Defension dienen solten, anbey die bevorstehende Reise ordentlich
eingerichtet.


Da nun dieses alles von andern aufs beste versehen worden, bin
ich eintzig und allein darauf bedacht gewesen, wie ich dasjenige, was
hier merkwuͤrdiges zu betrachten, oder auf einige Weiß zu unsers
Großmächtigsten Kaisers und unüberwindlichen Prin
zens mehrern Ruhm gereichen, und unsere Historie vermehren koͤn
te, aufsuchen möͤgte. Zu dem Ende habe ich mich den 2. Junii
auf dasselbige Feld begeben, wo vor wenig Jahren diejenige
Schlacht gehalten worden, welche der ganzen Sache den Ausschlag
geben muste, aber, wie bekannt, vor die Tuͤrken gar ungluͤcklich aus
gefallen ist. Es lag daselbst alles noch voller Toden⸗Beine / welche die
Türken unbegraben hingeworfen oder vielmehr zuruͤck gelassen, und
die der Erden eingeprägte Merkmale erzehlten die Victorien eines
solchen Feldherrns, dessen Tapferkeit die mit Schaden klug gemach
te Feinde furchtsam, uns aber voller Verwunderung darüber ge
macht; von welchen auch nicht leicht jemand anders als mit groͤster
Ehrerbietung und allen Respect reden wird: wie man Jhm dann
auch zu seinem unsterblichen Ruhm wird nachsagen muͤssen, daß er
die schon zweymal verfallene und beynahe verlohrne Sache der
Christenheit ganz allein voͤllig wieder hergestellet. Die von der Do
nau bis an die Sau gefüͤhrte Linie, mit welcher sich unsere Ar
mee zur Zeit der Belagerung vor dem aus allen Theilen der Welt
hertringenden Feind bedecket, ist mit einem breiten und hohen Wall,
aus Erd gemachten Schanz⸗Körben und unterschiedlichen hin und
wieder angelegten Werkern versehen, und siehet einer neuen Ve
stung nicht unähnlich, so daß man anjetzo weder dem Schloß noch
der Stadt beykommen kan, es sey dann, daß uns der Feind vorher
aus diesen Linien vertrieben: und also haben die Kaiserliche Läͤn
der nunmehr eine gedoppelte Vormauer, wo die Tuͤrken vorhero nur
eine einfache gehabt. Es ist nicht ohne innerliche Gemuͤths⸗Bewe
gung anzusehen, wie diejenige Stadt, so vor kurzem vom Tüͤrki
schen Aberglauben angefüllt, und des Mahomets vornehmster
Wohn⸗Platz in diesen Ländern war nunmehro dem Dienst des
wahren GOttes und den Glauben ihrer Christlichen Vorfahren
wiederum offen stehet; wie diejenigen Kirchen, spreche ich worin
nen zwar Anfangs der rechte GOttes⸗Dienst floriret, aber nachge
F
hends
- 68 -
42

Erstes Buch / Dritte Abtheilung /

hends schäͤndlich entheiliget und zu Gotts⸗vergessenen Huren⸗Häu
sern gemacht worden, nun auf das neue ihre vorige Heiligkeit wieder
erlanget; und da sie vorher zu des unverschäͤmtesten Bubens und
Erz⸗Betrügers Gottlosigkeit dienen müssen: zu des Dreyeinigen
GOttes Ehren von der glaubigen Gemeine anjetzo abermal besucht
werden. Hievon kunte man den 4. Junii, als am Fest der Hoch
heiligen Dreyfaltigkeit ein erbauliches Exempel sehen, da das
Heiligen Römischen Reichs Graf Ernst von Schratten
bach / infulirter Abt zu Domben, und Prälat bey dieser Groß
Botschaft, in dem GOttes⸗Hauß der Trinitarier in Beyseyn des
Herrn Botschafters dessen ganzen Hofstatt, und des gesamten all
dorten befindlichen Adels, ein hohes Kirchen⸗Amt hielte, wobey
unsere Musicanten mit allen ihren Instrumenten eine schoͤne und an
genehme Music machten. Auf dieses hohe Amt folgte eine zierliche
Rede, welche ein Priester aus der Gesellschaft Jesu zum Volk hiel
te, und auf die Besserung des Lebens, und andächtigere Begehung
dieses heiligen Festes zielete.



Türkischer
Mönch.
Als ich den 5. Junj ungefehr um die Stadt spatzirte, begegnete
mir ein Türkischer Monch, so sie Dervichs auf ihre Sprach nennen,
und eine Art von ihren Geistlichen ist, deren meiste Ubung im hin
und herwenden bestehet. Er gieng halb nackend, und wohnte in kei
nem Hauß, sondern lag unter freyen Himmel bey Regen und Unge
witter; seine Speise war nichts anders als Kräͤuter und Wurzel, so
er sich selbst zusammen suchte, und mit nichts als dem puren Wasser
abkochte, auch einig und allein mit dem frischen Wasser seinen
Durst löschte. Er sahe niemand an, redete auch mit keinem Men
schen; doch gieng er in der Stadt herum, und wann ihn jemand
freywillig was schenken wolte, so nahme er es mit Dank an, begehr
te aber von niemand etwas. Nicht ferne von der Vestung lage er
in den Grüͤnen unter den Disteln, und rauchte Tobac, oder kochte
sich etwas auf den Mittag, oder verrichtete sein tägliches Gebet,
RosenCränze der
Türken.
führte auch beständig seinen Rosen⸗Cranz in der Hand, welcher den
unsern nicht gar ungleich, nur daß die Coralln daran um ein merk
liches dicker, und auch an der Zahl die unsrigen zu uͤbertreffen schei
nen. An diesem Tag ließ der Graf Oduyer die zweyte Comoͤdie,
Jphigenia genannt, spielen, da Er schon vorher einmal die Bereni
ce agiren lassen; in welcher der Herr Botschafter abermal stracks
bey
- 69 -
Reise von Lora bis Belgr. und den Ort der Auswechsl.
43
bey seinem Eintritt mit einer Music beehret worden: nach derselbi
gen wurde ein Danz in des Graf Oduyers Behausung gehalten,
so bis in die späte Nacht gedauert hatte, welches nachgehends noch
öfters geschehen. Worauf den 6ten der Kaiserliche Ingenieur
Hauptmann Hr. Oebschelwitz mit demjenigen Tüͤrken, welcher
Ceremo
nie in Auf
richtung
der Säulen.

von Nissa aus zur Einrichtung des Ceremoniels an uns gesendet wor
den, nach der Gränz abgereißt, die Aufrichtung der Saͤulen daselbst
zu besorgen, und unsers Kaisers Nutzen dabey zu beobachten. Wo
die Mittlere stehen solte, da musten die Erden auszugraben, und die
Säule aufzurichten und zu befestigen, von einer Parthey so viel Ar
beiter, als von der andern, genommen werden: da hingegen bey
Aufrichtung der äussern einem jeden frey stunde, wie viel er von sei
nen Leuten dazu nehmen wolte. Den 7ten und 8ten Junj kamen
die Wagen an, welche unsere Sachen fort bringen solten, die man
auch in gleiche Theil getheilet, und das meiste davon an Me
dardi Tag nach Krotzka voraus geschickt. So gieng auch der
Hofmeister nebst einigen von Adel mit der Post ab damit jener
die Wohnung in Augenschein nehmen, und den Herrn Botschaf
ter samt dessen Gefolg bequem logiren, diese aber einige Zeit zum
ausrasten gewinnen moͤgten.


Als der 9te Tag des Monats Junii eingebrochen, und das Die Abrei
se der Bot
schaft von
Belgrad.

Mittagmal bey dem Graf Oduyer eingenommen war, ist der
Herr Botschafter mit wenig andern wieder zu Schiff gegangen,
ohnerachtet es den ganzen vorigen Tag und die Nacht, auch selbigen
Vormittag mit Wind und Regen beständig angehalten / woraus uns
die Bauers⸗Leute eine lang⸗daurende Näͤsse prognosticirten, wie
wol es sich Nachmittag wieder ein wenig ausgekläret. Die meisten
von den Unsrigen haben sich zu Land nach Krotzka begeben wollen, Krotzka.
sind aber nicht alle, wie wir wol glaubten, dahin gekommen, son
dern zum Theil durch die eingefallene Nacht von der rechten Stras
sen abgeführt, theils durch andere Zufälle verhindert worden,
daß sie diesen Abend nicht mehr, sondern erst den folgenden Tag bey
aufgehender Sonne / als wir eben schon wieder reißfertig stunden,
angelanget, da sie die Nacht vorher in dem Wald ausdauren
müssen. Zu bemeldtem Krotzka hat der Graf Oduyer laͤnger
F 2

denn
- 70 -
Erstes Buch / Dritte Abtheilung /

44

denn eine Stunde auf den Herrn Botschafter gewartet, weil er
zu Land den Weeg geschwinder zuruck gelegt. Allhier haben wir
Pferde von den Regimentern bekommen, deren wir uns bis an die
Gränzen bedienen konten.


Den 10ten sind wir nacher Kollar aufgebrochen, wohin die

Kollar.
Kaiserlichen Soldaten / die dem Herrn Botschafter mit seinem
Comitat zur Begleitung und Defension dienen solten, theils voran
gegangen, theils aber Demselbigen gefolget. Jn diesem vorzeiten so
ansehnlichen Flecken sind so wol, als in dem ganzen Königreich
wenig Häuser mehr unter den zerstöͤrten Gebäͤuen anzutreffen, wel
che man bewohnen könte. Nicht gar eine halbe Stunde davon zur
linken Hand lieget eine Wiese, worauf ein mit dem hellsten Wasser
angefüͤllter Brunne, wobey sich nach der erst neulich bey Belgrad
gehaltenen Schlacht viel fluͤchtige Tuͤrken niedergelassen, ihre ermat
teten Kräften etwas wieder zu erholen, sind aber von den Unsrigen
eingeholt und alle zusammen nieder gehauen worden. Den 11ten
Haßan
Bascha
Pallanka
haben wir wiederum Kollar verlassen, das Früͤh⸗Stuck zu Haßan
Bascha Palanka, oder in der von Haßan Bascha erbauten
Vestung (sintemaln Palanka eine Vestung bedeutet,) eingenommen,
Potischina und uns weiter nach Potitschina begeben, wohin aber auser dem
Herrn Botschafter die wenigsten gekommen / so wol wegen des
bösen Wetters / als auch weilen die Brucken auf dem Weeg zerbro
chen war / sondern abermal in dem Wald pernoctiren muͤssen:
von dar wir ferner den andern Tag über Devibakerdane nach
Morava
Palanka.
Jagodina / und den 13ten nach Morava Palanka / drey
Stunde über Jagodina hinaus / gerucket; nach welchem Ort der
General Oduyer schon den Tag vorher abgegangen, da wir kaum
zu Jagodina angelangt, aber heute gegen die Nacht erst kurz vor
dem Abend⸗Essen wiederum zu uns gekommen, damit Er die üͤber
Die Brücke
über die
Morava.
die Morava geschlagene Brücke in Augenschein nehmen mögte.
Als wir daselbst angekommen, haben wir länger als drey Stunde
auf dieser Seite des Ufers warten müssen, ehe wir über den Fluß
kommen koͤnnen, weil die erst neu⸗verfertigte Brüͤcke selbige Nacht
durch die Gewalt des Wassers, und der in dem Strom schwim
menden Baͤumen an dreyen Orten Schaden genommen. Nachdem
nun aber solcher in aller Eil repariret ward, und wir üͤber den Fluß
gesetzt, haben wir auf der andern Seiten zwischen zweyen Wassern
aber
- 71 -
Reise von Lora bis Belgr. und den Ort der Auswechsl.
45
abermal still halten muͤssen, weil üͤber die Ravenitz gleichfalls eine
Brucke muste geschlagen werden. In dem ersten Strom, welcher Merkmal
der alten
Brücken
über die
Morava.

viel breiter, als dieser letztere, reichen noch aus dem Wasser einige
Stein⸗Haufen von der vorigen Brüͤcke herfüͤr, welche die Tuͤrken
bey ihrer letzten Flucht von Belgrad nach Nissa, als die aͤusser
ste Retirade an der Gräͤnz, hinter sich abgeworfen, damit die Teut
schen durch den Fluß von weitern Nachsetzen abgehalten wuͤrden.
Dieser Brucken⸗Bau aber ist nicht ohne Ungluͤck abgangen; dann Ein Hand
werks
mann er
sauft.

als einer von den Handwerks⸗Leuten, ein Teutscher, und guter ehr
licher Mann, wie ihm diejenige, die ihn kannten, nachruͤhmten, die
ruinirte Brücke ausbesserte, und einen neuen Balken an den Ort, wo
sie aus einander stunde, mit allen Leibes⸗Kraͤften hinein stossen wolte,
damit solcher nicht weiter als die andern herfuͤr gehen solte, hat er
das Tempo verfehlt, und ist von der Brüͤcke in das Wasser hinab
gestürzet, und von dem Wuͤrbel fort gerissen worden, so daß er im
Angesicht vieler, die ihme gerne zu Hüͤlf gekommen waͤren, wann sie
nur eine Möͤglichkeit vor sich gesehen, ersaufen muͤssen.


Hierauf sind die mehristen von uns noch denselbigen Abend nach Parakin.
Parakin kommen, auser etlichen wenigen, welche mit den schwehr
beladenen Bagage-Waͤgen gefahren, und wegen immer anhaltenden
Regen und schlimmen Weeg an den ohnedem sumpfichten und mo
sichten Oertern nicht fort kommen koͤnnen, und dahero erst den an
dern Tag ganz beregnet und naß zu uns gestossen. Hier hat uns
abermal, wie zu Jagodina, die Moschee zum Speiß⸗Zimmer und
zugleich zur Nacht⸗Herberg dienen müssen, und wurde dem Bac
chus und der Ceres ein Altar allda aufgerichtet, wo vor kurzem der
gottlose Betrieger Mahomet seine Kirche hatte. Den 14ten haben
wir zu Parakin Rast⸗Tag gehalten und zur Auswechslung uns
fertig gemacht; an welchem Tag gegen acht Uhr der neulich nach
Wien abgeschickte Aga mit dem Herrn Schmiedt/ Kaiserli
chen Dolmetsch der Orientalischen Sprachen, von dar wieder zu
ruck kam, den Türkischen Botschafter durch Ungarn und Oe
sterreich nach der Kaiserlichen Residenz⸗Stadt zu begleiten:
welcher auch vor unsern Herrn Botschafter gefüͤhrt worden; und
so bald er seine aufhabende Commission abgelegt, hat er sich eilends
nach Nissa zur bemeldten Türkischen Botschaft begeben. Nach
mittag um fuͤnf Uhr wurde ein anderer Tüͤrkischer Aga vom Seras

F 3

kier
- 72 -
46

Erstes Buch / Dritte Abtheilung /

Ein von
Seraskier
abgeschick
ter Both.
kier Abdola Bascha / Commendanten der Gränz und Vestung
Nissa, mit 20. Reutern abgeschickt, welcher einen auf Pergament
geschriebenen und mit einem seidenen rothen und mit Gold gestickten
Umschlag versehenen Brief, dergleichen sie sich an vornehme Perso
Beschaf
fenheit der
Türkischen
Briefe.
nen, leinene oder wuͤllene aber an einen Unterthanen oder ihres glei
chen bedienen, an den Graf Oduyer mit brachte; den der besagte
Graf durch seinen Dolmetsch, so er nur nebst dem Uberbringer al
lein bey sich im Zimmer gelassen, da die andern indessen bey der Thuͤr
die angekommene Spahi vorwitzig betrachteten, auf alle Puncten
kurze Antwort ertheilte. Der Jnhalt des Briefs aber bestunde
vornemlich darinnen: wie ein und anders in dem Aufsatz des Cere
moniels absonderlich aber dieses zu verstehen wäre, wann wir prae
tendirten, daß man uns unter Paucken⸗ und Trompeten⸗Schall und
mit fliegenden Fahnen durch die Gränz⸗Vestung führen solle? wel
ches ihre Dolmetschen, wie es schiene, nicht recht capirt haͤtten.
Nachdem nun deswegen genugsamer Bericht ertheilt, und zum Zei
chen guter Verständnis und Freundschaft der gewoͤhnliche Caffé
nebst eingemachten Fruͤchten, als eine den Tuͤrken gar angenehme
Sache, vorgesetzt worden, ist er, wie solches verzehrt war,
mit den Seinigen wieder nach Raschna / woher er gekommen
zuruck gekehrt; welchen der Graf Oduyer bey seinem Abschied
aufgetragen, seinem Herrn Botschafter in seinem Namen das
Compliment zu machen, und ihn zu entschuldigen / wann er einen
solchen Gast, als er an Demselbigen bekommen wuͤrde, nicht nach
Wunsch logiren koͤnnte, weil die vornehmsten Haͤuser zu Belgrad
durch die letzte Belägerung ruinirt und in Asche gelegt worden, wel
che bishero noch nicht völlig wiederum aufgebauet werden koͤnnen.
Weil es auch vielen von unsern Leuten sehr wahrscheinlich vorkam,
daß einige von diesen Spahi oder Tüͤrkischen Reutern, welche dieser
Aga bey sich hatte, nebst der Tüͤrkischen auch der Teutschen Sprach
kundig wären, auch solches einiger massen aus ihrem Thun und
Lassen abnehmen kunten, haben wir uns sorgfaͤltig gehuͤtet, daß wir
ja nichts redeten, welches ihnen einigen Verdruß verursachen moͤgte.
Eben dazumal wurden denen Pagen, Heyducken und Laquayen des
Herrn Botschafters, der Leib⸗Wacht und andern, die Kleider aus
getheilt, in welchen sie des andern Tags erscheinen solten.


Je
- 73 -
Reise von Lora bis Belgr. und den Ort der Auswechsl.
47


Jedoch ehe ich in demjenigen fortfahre, was sich bey der Auswechs
lung zugetragen, muß ich noch etwas erzehlen, so derselbigen vor
her gegangen: Es sind die Tüͤrken, als ein sehr ehrgeitziges Volk, Ehrgeitz
der Türken.

jederzeit darauf bedacht gewesen, wie sie diese ihre Gesandtschaft an
sehnlicher, als wir die Unsrige / machen möͤgten; weswegen, hierzu
etwas zu contribuiren, derjenige, welcher zu Belgrad Tüͤrkischer
Seits das Ceremoniel mit einrichten helfen, und ein Quartier
Meister war, so sie Reczep Aga nennen, dem Graf Oduyer im
Namen des Seraskiers 50. Beutel, so bey nahe 10000. Ducaten
ausmachen, versprochen, wann er verschaffen wuͤrde, daß er nach
gethaner Auswechslung entweder die vordere Stelle oder rechte Hand
in der Zuruͤckkehr einnehmen duͤrfte, in Betrachtung, daß er ein
Bascha von drey Roß⸗Schweifen, und unter denen Beglerbey
und Viziren/ oder Stadthaltern deren Provinzen nicht der gering
ste wäre, oder welches ohne dem noch niemaln nach dem letzten
Friedens⸗Schluß geschehen, zu verhindern belieben moͤgte, damit er
nicht nach des Herrn Groß⸗Botschafters Besuchung nöthig
hätte, seine Gegen⸗Visite bey ihm abzustatten. Weme nun des
Herrn Generals standhaftes und unbezwingliches Gemuͤth nebst
seiner Liebe zur Gerechtigkeit und unverfaͤlschte Treue bekannt, wird
leicht errathen, was für eine Antwort auf diesen unvermutheten
Vortrag gefallen ist. Wann mir, ließ Er sich darauf vernehmen,
die ganze Welt vom puren Gold angebotten wuͤrde, koͤnnte noch
dürfte ich dieses gleichwol, in Ansehung meiner öͤffentlichen Bedie
nung, nicht verstatten, wann ich es schon als ein privat-Mann aus
sonderbarer Freundschaft zu lassen wolte. Was aber den Herrn
Groß⸗Botschafter betrifft, führt derselbige einen solchen Cha
racter, daß Er in dessen Betrachtung niemand weichen kan; ist an
bey von solcher Gemüͤths⸗Beschaffenheit und Wüͤrde, daß,
wann Er auch gleich Amts⸗halben nachgeben koͤnnte,
Er es doch nicht wuͤrde thun wollen.

)o(
Vier
- 74 -
Erstes Buch / Vierte Abtheilung /

48


Vierte Abtheilung.


SO sind wir nun, wie gemeldet, den 14. Junj zu Parakin
angelangt, und haben daselbst Rast⸗Tag gehalten; von
dar aber den andern Tag zu demjenigen Ort gekommen,
wo die Auswechslung würklich geschehen. Dieser liegt zwischen

Der Ort
der Aus
wechs
lung.
Parakin und Raschna / als woselbst sich eine lange Wiese befin
det, welche ein kleiner Fluß, Schuppellia genannt, durchschnei
det, und mit Bergen und Wäͤldern auf beiden Seiten umgeben ist:
allda haben wir uns von dem ordentlichen Weeg ab, und etwas auf
die rechte Seiten gewendet, weil dieser Platz am bequemsten war,
unsere Soldaten in Ordnung zu stellen, worauf wir auch in selbi
ger Ebne etliche Stunden stehend geblieben; der Herr Groß⸗Bot
schafter aber hat sich indessen in dasjenige Zelt retirirt, welches der

An uns ab
gefertigte
Türkischen
Bothen.
Graf Oduyer aufschlagen lassen. Als wir noch dahin unter Wee
ges waren, kamen unterschiedliche Tuͤrken bey bemeldten Grafen an,
wegen eines und des andern Bericht einzuholen: und indem wir am
erst⸗besagten Ort campirten, kam auch ein Capigi Baschi / oder

Wechsels
weiser
Gruß der
Herrn Bot
schafter.
Cammer⸗Herr bey denen Türken, unter einer Begleitung von 14.
Pferden zu unsern Herrn Groß⸗Botschafter / welcher Jhm
nach Contestirung öffentlicher Freundschaft in Namen seines Bot
schafters das Compliment machte. Diesem wurde, so bald man
ihn noch von ferne wahrnehmen kunte, der Freyherr von Stu
denitz entgegen gesandt, welcher das Gegen⸗Compliment ablegen
solte, wann er in Erfahrung bringen wuͤrde, daß jener um angezeigter
Ursach willen gekommen; wo er aber eine andere vermerken moͤgte,
könnte er sich nur auch anstellen, als ob er um einer ganz andern
Verrichtung wegen ausgeschickt wäre: angesehen der Herr Bot
schafter dafür hielte, daß es seinem Character nicht zukomme, der
gleichen Bewillkommungs⸗Compliment zu erst ablegen zu lassen;
jedoch aber solches anheut völlig oder über die Zeit zu verschieben
der Wohlstand gleichwol auch nicht erlauben wolle. Weil aber der
Baron seinen Weeg fortgesetzet, und nicht, wie er in Commission
hatte / im Fall der Capigi Baschi einer andern Ursach wegen sich
sehen liesse, wieder zurück gekommen, kunten wir leichtlich daraus
die wahre Beschaffenheit der Sache urtheilen. Es muste aber dersel

bige
- 75 -
Von Parakin und dem Ort der Ausw. bis gen Raschna
49
bige an der Spitze unsers Lagers so lang warten, bis daß dessen An
kunft dem Graf Waldeck, durch diesen aber dem Herrn Bot
schafter selbst angezeigt, und er hernach durch des Herrn General
Oduyer seine Leute vorgefuͤhret wurde. Diesen Abgeordneten em
pfienge der Herr Botschafter sitzend, da jener indessen vor ihm
stehend blieb; an statt dessen der Unsrige mit dem Tuͤrkischen Gesand
ten auf der Sofaus, oder dem in dem Zelt auf der Erden liegenden
länglichten Polster, gesessen: und nechst den Weeg / wo der Türkische
Abgeordnete herkam, und wieder zuruck kehrte, stunde unsere Hof
statt auf beiden Seiten rangirt, um ihren prächtigen Aufzug sehen
zu lassen. Aber laßt uns jetzo einmal, nach einem Aufenthalt von
dreyen Stunden auf vorgedachter Wiese, auch die Auswechslung
selbst ansehen.


Mitten auf der Wiese præsentirten sich in gleicher Linie hinter
einander drey steinerne viereckichte Säulen, welche oben zugespitzt Die GränzSäulen.
waren, und 20. Werk⸗Schuh weit von einander stunden. Bey der
Mittlern sind die beiden Herrn Groß⸗Botschafter einander zu
Fuß entgegen gegangen, und zu dem Ende fuͤnf Schritt vorher von
den Pferden abgestiegen; welche Saͤule auch ins kuͤnftige die Gräͤnz
Scheidung machen wird, so daß disseits des Röͤmischen Kai
sers Gebiet sich hinfuͤhro endigen, jenseits derselbigen aber das von
der Ottomannischen Pforte anfangen wird. Neben diesen
Säulen sind noch Stangen in ungleicher Weite aufgesteckt gewesen,
welche anzeigten, wo jedwede Parthey von ihren Pferden abstei
gen solte. Bey der letztern, welche von der ersten 80. Schritt ab
stunde, ließ sich unser Kriegs⸗Volk in den Waffen sehen, welches
kurz vorher mit dem Grafen Oduyer dahin abgegangen, unsern
Herrn Botschafter zu erwarten; die Ordnung aber, so dabey
gehalten wurde, ware folgende: In der Mitte stunden die zwey
Granadier⸗Compagnien vom Geschwindischen und Prinz Ale
xanders von Wuͤrtenberg Regiment; diese hatten zu beiden
Seiten drey Esquadrons von Dragonern, davon die erste aus dem
Prinz Friedrich Wuͤrtembergischen, die zweyte von Bareu
thischen / und die dritte vom Regiment de Batté gezogen war,
worzu noch zwey Haufen von den Carduanischen und Vasquezi
schen Curassirern kamen, die beiden Fluͤgel aber formirten 500. G
leicht
- 76 -
50

Erstes Buch/ Vierte Abtheilung /

leicht gewafnete und zum Nachhauen versehene Hussaren vom Na
dastischen und Babocsayischen Regiment, welche insgesamt der
Graf von Waldeck, Obrist⸗Lieutenant unter dem Bayreuthi
schen Regiment unter Commando des Grafen von Oduyer
anführte. Vor dieser kleinen Armee wurden 6. kleine zwey Pfund
und vier loͤthige Kugeln fuͤhrende Stuͤcklein hergezogen / damit man
selbige nach geschehener Auswechslung zum Freuden⸗Schiessen, oder
auch, wo es noͤthig, zu unserer Defension, gebrauchen koͤnnte, wel
che erst neulich zu diesem Ende in dem Zeug⸗Hauß zu Belgrad ge
gossen worden. Auf der andern Seite sahe man die Tuͤrkische Cavalle
rie, welche eben so stark, als die Unsrige, und von der Stange in
gleicher Weite entfernet, aber in keiner solchen Ordnung ausgethei
let war, sondern bald hier, bald dort herum schwermete, jedoch nicht
Das Ge
präng der
Auswechs
lung.
über die Gräͤnze noch Stange sich zu ruͤcken getrauete. Der hierzu
verordnete Graf Oduyer, wie auch der Seraskier / Gränz
Commendant, sind bis zur mittlern Saͤulen vorangegangen, nach

dem sie, wie nachgehends auch die Herrn Botschafter selbsten / ih
re Pferde bey der letztern ihre Bediente aber bey der äusersten
Stangen stehen lassen. Allda haben sie sich gegen einander auf zwey
Stüͤhle ohne Lehnen niedergesetzt, welche, nebst noch andern zweyen
gleichfalls ohne Lehnen, der Graf Oduyer aus seinem Gezelt da
hin geschaffet; und nachdem Sie eine zeitlang also mit einander ge
redet, und dasjenige folgends ausgemacht, was in dem Ceremoniel
noch nicht völlig erörtert war, haben sie einander mit Caffé und
Chocolate, und eingemachten Fruͤchten, wie auch wolriechenden
Wassern und Beraͤucherung die gewöͤhnliche Ehre erwiesen.


Nicht lang hernach hat der Graf Oduyer unsern Hn. Groß
Botschafter, der Seraskier aber dem Seinigen wissen lassen,
daß nunmehr die bestimmte Zeit zur Auswechslung herbey nahe;
worauf der Unsrige alsobald durch die Trompeter das Zeichen zum
Aufbruch geben ließ, und sich so fort aus des Grafen Oduyers
Zelt in der ohnläͤngst zu Wien gehaltenen Ordnung nach mehr be
meldten Ort, so noch 1000. Schritt davon entfernet war, begeben.
Wie unser Herr Groß⸗Botschafter nun völlig hinzu kommen,
ist Er von dieser, wie der Türkische von jener Seiten, in gleichen
Schritten mit diesen / zur mittlern Säulen gegangen, doch mit dem
Unterschied, daß der Türkische den Erd⸗Boden eher als der Unsrige
betret
- 77 -
Von Parakin und dem Ort der Ausw. bis gen Raschna.
51
betretten, weil dieser sich anstellte, als ob sein Pferd, welches Er Der Türki
sche Bot
schafter be
tritt den
Erd⸗Bo
den eher/
als der Un
srige.

auf alle Seiten herum lenkte nicht zum Stillstehen zu bringen wä
re, und bald gegen die Saͤule anfuͤhrte, bald unvermerkt wiederum
zuruck gehen machte, ohne daß jemand merken kunte, wie derglei
chen mit Vorsatz von Jhm geschehe; und also stunde der Türk
schon auf der Erden, da unser Herr Groß⸗Botschafter / gleich
als hätte Er sich in die Riemen verwickelt, noch ober den Sattel
sich befand. Als Sie aber zur Säule gekommen, und dieser den
Kopf ein wenig geneigt, jener aber zum Zeichen der Freundschafft
die rechte Hand dreymal auf die Brust gedruckt, haben sie einander
ihrer hohen Principaln Befehl und dieser Botschaft eigentliches
Was unser
Herr GroßBotschaf
ter sei
nem hohen
Principal
und dem
Sultan für
Titul bey
leget.

Absehen zu verstehen gegeben; wobey dieses absonderlich zu bemerken,
daß unser Herr Groß⸗Botschafter / damit Er sich desto deutli
cher expliciren, anbey seinem hohen Principal nichts vergeben
moͤgte, den andern in Lateinischer Sprach angeredet und unter
dem Reden Jhro Römisch⸗Kaiserlichen Majestät den Ti
tul Unuͤberwindlichster und Geheiligster Röͤmischer Kai
ser / beygelegt / und solchen von heute an vindicirt, welches
beides sich sonsten die Tuͤrken, nachdem sie die Stadt Constanti
nopel aus den Häͤnden der Grichischen Kaisere unbefugter Weise
entrissen, aus einem unertraͤglichen Hochmuth allein zu eignen; da hin
gegen / so oft des Sultans zu erwehnen noͤthig war, Er nur den
Titul Aller⸗Durchlauchtigst und Großmaͤchtigst gebraucht.
Es mag aber die Anrede ohngefehr in folgenden Worten bestan
den haben:


Nachdem der zwischen Seiner Geheiligsten, UnuͤberDie Anre
de des Hn.
Botschaf
ters.

windlichsten / Aller⸗Durchlauchtigsten und Großmächtigsten
Römisch⸗Kaiserlichen / auch zu Spanien, Ungarn, Bö
heim, Indien und Sicilien Königlichen Majestät CARL
dem VI. rc. rc. und dem Aller⸗Durchlauchtigsten, Groß
mächtigsten Ottomannischen, Asiatischen und Grichischen
Kaiser Ahmed dem IV. zu Passarowitz neulich geschlossene
Friede durch zwey Groß⸗Botschaften alten Gebrauch nach
soll bestättiget werden / hat mich mein Geheiligster und
G 2

Aller
- 78 -
Erstes Buch/ Vierte Abtheilung /

52

Allergnädigster Kaiser und König hierzu erwehlet / daß
ich nach der erleuchteten Pforte gehen/ und den Aller
Durchlauchtigsten, Großmächtigsten Ottomannischen Kaiser
versichern solle / wie Seine Geheiligte Römische Kaiser
liche Majestät alle in dem Frieden enthaltene Bedingun
gen aufs genauste / und dem Buchstaben nach / auch in den
allergeringsten Stücken zu beobachten gesonnen / so
lang anderer Seits / welches Sie doch nicht hoffen wol
len / denenselbigen nicht wird zu wider gehandelt wer
den. Wie ich nun nicht zweifle / daß Eu. Excellenz in
gleichem Absehen zu Sr. Römisch⸗Kaiserlichen Geheilig
sten Majestät nacher Wien abgefertiget worden: als wer
den sie auch daselbst ein angenehmer Gast seyn; wie ich
dann gleichfalls hoffe / daß meine Ankunft zu Constantinopel
jederman erfreulich seyn werde.


Nachdem nun auf erst beschriebene Weise die erste Zusammen
Auffüh
rung bey
der ersten
Zusammen
kunft.

kunft nach geschlossenen Frieden geschehen, haben sich die beide
Herrn Botschaftere samt ihren Führern bald anfangs auf die ge
setzte 4. Stüͤhle in solcher Positur nieder gelassen, daß einer dem an
dern ins Gesicht sehen kunte, und ein jedweder von den Füͤhrern sei
nem Botschafter zur linken Hand sasse. Allhier unterhielten die
Herrn Botschafter einander eine zeitlang vermittelst ihrer Dol
metschen mit freundlichem Gespraͤch und andern Zeichen einer guten
Verständnis, da indessen das Reiß⸗Geräth auf andere Wägen, de
ren an der Zahl 370. waren, gebracht, und folgends nach einem an
dern Lager geführet wurde. Bey dieser solennen Unterredung ist
nur der erste Adel, welcher bis zur andern 15. Schritt weit von der
mittlern Säule entfernten Stange reuten durfte, im uͤbrigen aber
dem Herrn Botschafter zu Fuß folgte, nebst vier Laquayen, so
das Pferd führten, zugegen gewesen, da die übrigen von der Bot
schaft nicht weit davon auf ihren Pferden zur rechten Seiten hielten:
zwölf aber von dem Adel und Hauß⸗Bedienten des Grafen
Oduyer, samt dessen Stall⸗ und Hof⸗Meister, 4. Pagen, 8. Hey
ducken und 20. Laquayen in rothen Scharlacken mit silbernen Bor
ten besetzten Kleidern, ohne anderes Gewehr, als mit ihren Degen
an
- 79 -
Von Parakin und dem Ort der Ausw. bis gen Raschna.
53
an der Seiten zur linken Hand stunden, und den Ausgang der Forschung /
ob der Tür
kis. Gesand
te Briefe
an Seine
Durchl.
den Prin
zen Euge
nium habe.

Auswechslung erwarteten. Bey dieser Gelegenheit unterließ unser
Herr Groß⸗Botschafter keineswegs, etwas, so er von dem Tür
kischen gerne wissen wolte, auf eine solche Weise heraus zulocken,
nach welcher Er sich keineswegs merken ließ, als ob Er mit Fleiß
darnach fragte, oder Jhme solches zu wissen daran gelegen wäre,
sondern nur seinen Discurs gleich als von ungefehr dahin richtete,
wann er sagte: es gereiche gleichwol zu beider Kaiserlichen Ma
jestäten nicht geringen Splendeur, wann Sie zum Zeichen
wechsels⸗weiser Gewogenheit einander Briefe zu schickten, als auch
zum höchsten Ruhm und Ansehen des Prinzen Eugenii, und des
Groß⸗Vizirs / wann Sie mit Kaiserlichen Schreiben beehret
wuͤrden: Er seines Theils häͤtte noch mehr Briefe an unterschiedli
che Personen bey sich, und zweifle nicht / Jhro Excellenz wuͤrden
mit dergleichen nicht weniger versehen seyn; und dieses thate der
Herr Botschafter nur darum, damit Er erfahren moͤgte, ob je
ner nicht auch von seinem Groß⸗Vizir Briefe an Jhro Durch
laucht den Prinzen Eugenium, als eines Löbl. Hof⸗Kriegs
Raths⸗Præsidenten bey sich führe, welches die Türken, als ein
sehr hochmüthiges Volk, bisher allezeit unterlassen hatten, aber doch
des Prinzen gleicher Character, und der Teutschen rechtmaͤssige
Ehr⸗Begierde / vornemlich aber der letztere Sieg, nunmehro erfor
derte, daß solches ins künftige geschehe, worüber auch schon zu
Wien lang und viel berathschlaget worden: Es gabe auch Seine
Excellenz sich nicht eher zu frieden, bis Sie durch die hin und her
geführten Discurs bereits zum drittenmal deutlich versichert worden,
daß jener dergleichen Briefe bey sich habe. Man muß auch hier Die Kai
serl. Bot
schafter
müssen
Briefe an
den GroßVizier ha
ben.

zum Voraus wissen, daß kein Botschafter ohne dergleichen Schrei
ben zu Constantinopel bey der Pforten etwas handeln kan.
Dann weiln dem Groß⸗Vizir die Aufsicht üͤber das ganze Reich
anvertrauet ist, und er dahero aller ausländischen Potentaten, als
des Kaisers / der Könige und Fürsten Geschäfte, welche das
gemeine Wol betreffen, allein und mit so unumschräͤnkter Gewalt,
als der Sultan selbst, tractiret, also daß dieser alles gutheißt, was
jener dißfalls vorgenommen, so wird keiner füͤr einen Minister von ei
nem offentlichen Character gehalten, der nicht vorhero vor den
Groß

G 3
- 80 -
54

Erstes Buch / Vierte Abtheilung /

Groß⸗Vizir gelassen worden, bey welchem aber der Zutritt ohne
dergleichen Schreiben nicht verstattet wird. Wann demnach der
Botschafter, dessen Namen heißt: Vizir Mückerem Rurnili
Valasi Bajesile Taja Sade Jbrahim Bascha / dergleichen
Brief nicht gehabt hätte, wie er doch so wol an den Prinzen, als
selbst den General Oduyer zu bestellen hatte / würden Seine Ex
cellenz sich Jhn zu persuadiren bemuͤhet haben, daß er sich derglei
chen durch einen nach Orient zurüͤck geschickten Courier, es koste
auch was es wolle, verschaffen solte, wann er anders bey unsern Hof
angenehm und vieler Verdruͤßlichkeiten uͤberhoben seyn wolte. Wä
re aber diese Vorstellung auch nicht nach Wunsch ausgeschlagen,
war der Herr Groß⸗Botschafter entschlossen, dieses aͤusserste und
sicherste Mittel zu ergreiffen, und seine Briefe zwar bey dem Groß
Vizir abzugeben, damit durch deren Zurückhaltung Jhrer Rö
misch⸗Kaiserlichen Majestät Geschäften keine Hindernüsse
im Weeg gelegt wuͤrde, jedoch zugleich zu protestiren, daß diese un
terlassene Schuldigkeit ins künftige zu keiner Nachfolge oder Gesetz
dienen solle.


Dieser Affaire kommt diejenige bey, deren sich der Herr Groß
Botschafter schon vorhero zu Passarowitz zum allerersten unter
nommen hat: Es kamen nemlich die zwey Bevollmaͤchtigte aus der
Des Herrn Botschaf
ters Zumu
then an die
Türkische
Gevoll
mächtigte
Passaro
witz.
Türckey dahin, den Frieden zu schliessen, waren aber mit keiner an
dern Vollmacht versehen, als welche der Groß⸗Vizir allein unter
schrieben und gesiegelt hatte: als sie nun dieselbige den Englischen
und Holläͤndischen Gesandten, als Mediateurs des Friedens, üͤber
geben, solche nach Gewohnheit unsern Gevollmächtigten einzuzu

händigen, wolten Seine Excellenz mit ihnen in keine Conferenz
tretten, es sey dann, daß sie eine andere und von Sultans eigener
Hand unterschriebene Vollmacht aufzeigten; und wo sie keine bey
sich hätten, solten sie alsobald nach Constantinopel jemand abschi
cken, der ihnen solche üͤberbrächte. Sie solten gedenken, daß sie da
wären, den Frieden als Uberwundene zu begehren, nicht aber selbi
gen zu ertheilen; es schickte sich nicht, von denen Gesetze anzuneh
men, welchen man als Uberwundenen nach allem Kriegs⸗Recht selbst
Gesetze geben könnte; so käme es auch der Hoheit seines Aller
gnäͤdigsten Kaisers und Herrn nicht zu, mit andern tractiren
zu
- 81 -
Von Parakin und dem Ort der Ausw. bis gen Raschna.
55
zu lassen, als welche gleichfalls mit Kaiserlicher Vollmacht verse
hen wären: wo sie nun ihrer ohnedem sehr verfallenen Sache mit
Nachdruck rathen wolten, solten sie andere Credentialien, die des
Kaisers Hand selbst unterschrieben, geschwind herbey schaf
fen. Ob nun gleich der Englische und Holländische Gesandte, der
Ritter Robert Sutton und Graf Colyer, alle Müͤhe angewen
det, den Streit beyzulegen, und die Vorstellung gethan, daß die
ses die Gewonheit also mit sich bringe, und bey allen freyen Nationen
für güͤltig erkandt worden, wann der Groß⸗Vizir was unterschrie
ben habe, so war doch nichts auszurichten; und wolten sie den Frie
den haben, mogten sie sich gefallen lassen, nach Constantinopel
zu senden, und des Sultans eigene Vollmacht sich anzuschaf
fen.


Aber was halte ich mich jetzo lang zu Passarowitz auf, wo der
Friede schon längst geschlossen ist; ich wende mich vielmehr wiederum
zu der an der Gräͤnze stehenden Groß⸗Gesandtschaft. Daselbst Auswechs
lung der
Gesandten.

faßte nach einer halb⸗stuͤndigen Unterredung der Seraskier Beig
lerbey, oder wie sein ganzer Name lautet, Rurnili Beiglerbey
Abdola Bascha Dusum Sade / Stadthalter in Thracien, sei
nen Botschafter bey der Hand, und uͤbergab ihn dem Grafen
Oduyer in seine rechte Hand; desgleichen der Graf Oduyer mit
unserm Herrn Botschafter that, und ihme dem Seraskier bey
dessen Ubergebung gar nachdrüͤcklich anbefahl. Nach solcher Ein
händigung sind sie mit ihren Führern und ganzer Suite über die
Gränze gangen, der Graf Oduyer und der Seraskier aber blie
ben auf ihren Gräͤnzen stehen. Hiebey ist nicht auszusprechen, mit
was für Freudens⸗Bezeugungen, als mit ihrem gewöͤhnlichen Ge
schrey, dessen sie sich bey An⸗ oder Abzug ihrer Befehlshabere oder einer
anderer grossen Lustbarkeit insgemein zu bedienen pflegen, mit Hand
Klatschen und Fuß⸗Stampfen, die Türken diese geschehene Auswechs
lung bekleidet haben; worzu noch ihre seltsame musicalische Instru
menten, als Cymbeln, Pfeiffen, kleine und grosse Trommeln, wel
che ihnen gar schön uns aber zu bäurisch geklungen, gekom
men sind, deme sie noch die Abfeurung ihres kleinen und grossen Ge
schützes beygefügt; wobey die Unsrige zwar auch nicht still geschwie
gen, sondern ihr bey sich habendes grobes und kleines Geschuͤtz ta
pfer hören lassen, aber doch ihr unordentliches Geplerr nicht nach

machen
- 82 -
Erstes Buch / Vierte Abtheilung.

56

machen wollen, dafuͤr aber unsere Trompeter und Paucker samt den
andern Musicanten so lustig und anmuthig intonirt, daß die Tüͤrken
daruͤber ganz erstaunt schienen, und es nicht genug bewundern kun
ten: da wir hingegen weder uͤber ihre Waffen noch Pferde, deren
sie 700. bey sich hatten, worunter gewiß einige von ausbündiger
Schönheit waren, noch auch über ihre Medische und Arabische Ca
meel, so sich bis 200. beliefen, und andere Sachen, grosse Verwunde
rung bezeigten, damit wir dieses ohne dem hochmuͤthige Volk da
dadurch nicht noch hochmuͤthiger machten; jedoch sind wir ihnen
im Vorbeyfahren mit aller Höflichkeit und Wolgewogenheit
begegnet.



Der Herrn
Bot
schafter
Abzug.
Nachdem sich nun jetzt beschriebene Ceremonien geendiget,
und beide Herrn Botschaftere von einander nochmaln Abschied
genommen und eine glückliche Reise angewünschet, auch unterschied
liche Begrüssungen an gute Freunde einander aufgetragen haben, ist
der Türkische mit dem Herrn Graf Oduyer nach Belgrad/ un
ser Herr Groß⸗Botschafter aber mit dem Seraskier, oder,
welches eines ist, den auf den Granzen commandirende Feld⸗Her
ren, nach Nissa abgegangen.


Eines hätte ich bey nahe hier zu melden vergessen, daß / als un
ser Herr Botschafter einen Gruß an seine Frau Gemahlin in
Wien dem Tuͤrckischen aufgetragen, dieser nur daruͤber gelächelt,
und es mit Stillschweigen beantwortet, vermuthlich weil er sich nicht
getrauet, Jhme mit dergleichen wieder an seine Gemahlin zu
Constantinopel zu beladen; indem bekannt, daß die Tüͤrken ihr
Frauenzimmer in einen gar engen Arrest halten, und sie nicht leicht
lich vor jemand sehen lassen, angesehen sie, wie es scheinet, alle andere
Völker nach ihren ungezähmten Begierden urtheilen.


Auf dem Hinzug giengen zwey hundert Janitscharn, oder von
Die Ord
nung der
Reise nach
der Aus
wechs
lung.
der Leib⸗Garde zu Fuß, voran, denen unser Adel samt den Be

dienten des Herrn Botschafters folgten. Jn der Mitte befand
sich der Herr Groß⸗Botschafter, den Seraskier zu Nissa
zur Linken habend, auf dessen beiden Seiten die Laquayen, von hinten
zu aber die Pagen und Beschnittene rangirt waren, worauf die
Spahi / ein Volk ohne Ordnung und Disciplin, den Schluß
Türkische
Kuchen.
machten. So bald wir nun den Tüͤrkischen Boden betretten, haben
sich gleich eine grosse Menge Leute eingefunden, welche auf messingen
mit
- 83 -
Von Parakin und dem Ort der Ausw. bis gen Raschna
57
mit Zin uͤberzogenen Platten eine gewisse Art Tüͤrkischer Kuchen
verkauften, so denen Holländischen Buchwaitzen⸗ oder Westphali
schen Gersten⸗Kuchen nicht viel ungleich waren, wiewol sie derglei
chen Geschmack nicht haben, und uͤber dieß sehr unverdaulich sind;
nichts destoweniger assen solche die Tuͤrken mit guten Appetit, als
welche anderer Delicatessen nicht gewohnt, und der meiste Theil
aus ihnen sich derselben nebst denen Fruͤchten zur täͤglichen Nahrung
gebrauchet; wir aber liessen uns gar gerne mit dem Zuschauen ab
speisen.


Jch habe vorher schon etwas von ihrer Gewohnheit gedacht / der Ba
schen
Music

nach welcher ihre Stadthalter oder andere vornehme Personen, wann
sie über Feld ziehen, beständig ihre Music bey sich haben, die vor ih
nen her gehet, und wann sie schon zu gewisser Zeit, nemlich betens
wegen, am Tage still halten, sich nichts destoweniger immer fort hoͤ
ren lässet. Diese Gewonheit ist uns, so lang der Seraskier bey
dem Herrn Groß⸗Botschafer war, ohne Aufhören beschwehr
lich gewesen, als durch welche unsere an die anmuthige Teutsche und
Jtaliänische Music gewöhnte Ohren mehr verletzt als ergötzt worden;
und wann erst noch das entsetzliche Geschrey der Laquayen und BeFreudenGeschrey.
dienten darzu kame, mit welchen sie ihre Herrn / Patronen und
fremden Gäste so wol bey ihrer Ankunft als Abzug beehrten, so
hatte unser Verdruß den höͤchsten Grad erreicht. Sie wolten aber
gleichwol damit vermuthlich den alten Roͤmischen Soldaten nachah
men, welche ihren Kaisern und Feld⸗Herrn zu ruften/ daß Jhr
Vorhaben glüͤcklich und zur guten Stund (feliciter, faustisque omi
nibus) geschehen moͤge, und auf solche Weise Jhnen alles Glück
und Seegen auf den Weeg anwuͤnschten. Was uns anbelangt, Ein Adler
zeigt den
Weeg nach
Constanti
nopel.

machte uns ein Adler, der, so bald die Auswechslung geschehen, be
ständig vor uns herflog, und uns gleichsam den Weeg zeigte, keine
geringe Hofnung, daß wir unsere Reise glüͤcklich wuͤrden zuruͤck le
gen; wie er uns dann auch nicht eher verlassen, als bis wir denje
nigen Hügel erreicht, über welchen wir von dem Seraskier gefuͤh
ret worden, von hieran aber haben wir ihn nicht mehr gesehen, da
ich solchen vorher vielen von unserer Gesellschaft gewiesen habe. Wir
können es indessen für ein gutes Zeichen annehmen, daß wir noch
einmal Constantinopel wieder in unsere Häͤnde bekommen werden,
und dieser das Römisch⸗Kaiserliche Wappen zierende Vogel H
uns
- 84 -
58

Erstes Buch / Vierte Abtheilung /

uns den Weeg habe zeigen wollen, durch welchen wir dahin gelangen
sollen. Daß auch unsers Herrn Groß⸗Botschafters Ankunft
denen Tüͤrken nicht wenig Vergnuͤgen muͤsse gebracht haben, laͤsset
Der Se
raskier er
längert sei
ne Beglei
tung.
sich unter andern auch daraus schliessen, daß der Seraskier oder
Commendant der ersten Gränz⸗Vestung, wie auch Stadthalter in
Thracien, welche Stadthalterschaft bey denen Türken in Europa
die vornehmste ist, im ganzen Reich aber den dritten Rang hat,
denselbigen fünf viertel Stund, und also eine viertel Stund laͤnger,
als in dem Vertrag bestimmt war, begleitet hatte. Worbey er es
aber nicht allein gelassen, sondern Jhn noch uͤber das, nebst bestäͤn
diger Uberlassung der rechten Seite, auf dem nechst gelegenen
Berg in ein zwar kleines doch prächtig zu bereitetes Gezelt gefüͤhrt,
und allda aufs kostbarste bewüͤrthet; woselbst der Herr Botschaf
ter gestifelt üͤber Tüͤrkische mit Gold gestickte Teppichte gegangen,
Türkische
Schuhe.
so sie sonst nicht eher betretten, als bis sie andere Schuhe, die sie
Paposchen nennen, angezogen: allda hat Er wiederum den obern
Platz auf einem mit eben solchen Kuͤßen belegten Lehn⸗Sessel einge
Türkische
Polster.
nommen, deme der Seraskier auf einem Polster, den sie Sofaus
nennen, zur linken Hand sasse. Es sind aber diese Sofaus läng
lichte mit Cameel⸗Haaren oder Wolle angefüllte Polster, und
moͤgen wol den Namen von Sophi, den Persischen Köͤnigen, ha
ben, wie dann diese Weise zu sitzen von den Persern ihren Ursprung
hat.


Weil hier so oft des Vorsitzes gedacht wird, muͤssen wir auch
Die linke
Hand bey
den Türken
die vor
nehmste.

erinnern, daß zwar, nach Zeugnis Busbeck und Rigaut, die lin
ke Hand bey den Turken die vornehmste ist, sie behauptet aber diesen
Rang nur allein in Kriegs⸗Zeiten bey denen Soldaten; bey denen
Staats⸗Männern und Freunden aber hat sie zu Friedens⸗Zeit dieses
Ansehen nicht; wie dann Busbeck nicht uͤbel urtheilet, wann er
dafür hält, daß diese Gewonheit daher komme, weil derjenige, so
auf der linken Hand ist, zugleich des andern auf dieser Seite gegüͤr
teten Degen in seiner Gewalt, er selbst hingegen solchen zu seinem
Gebrauch frey hat.


Nachdem nun hier der Caffé getrunken, und die eingemachte
Früchte genossen waren, wobey man denen beiden Herrn kostbare
Schnuptücher, an statt der Servietten, über die Schooß gebreitet,
wur
- 85 -
Von Parakin und dem Ort der Ausw. bis gen Raschna.
59
wurde eine grosse überguͤldete silberne Platte, welche sonsten nur Gastmal in
des Seras
kier Zelt.

von Holz ist, an statt eines Tisches von zweyen Bedienten aufgestel
let, und hierauf die Speisen, deren bey funfzig waren, zum Mit
tagmal gesetzt. Man trug, ihren Gebrauch nach, nur eine nach der
andern in silbernen und fein Porcellanen Geschirren auf, deren letz
tern Gattung sie sich darum gar vielfäͤltig zu bedienen pflegen, weil
sie glauben, daß selbiges keinen Gift leiden könne. Die meisten
Speisen waren nicht übel zu bereitet, wie der Herr Botschafter
bey unserer Zuruͤckkunft von dem Ort, wo wir gleichfalls speissten,
uns solches zu sagen die Guͤtigkeit hatte; wie Er dann auch dem Se
raskier durch den Dolmetsch versicherte, daß Er sie alle gekostet ha
be, wordurch Er zu verstehen geben wolte, wie Er dieses Tracta
ment mit eben solchen Gemuͤth angenommen/ als es ihm vorgesetzt
worden. Zu gedachten Speisen wurden eben so viel laͤnglichte von
Schild⸗Krot oder Helfen⸗Bein verfertigte Löͤffel aufgelegt, deren
Stiele auf eine ganz neue Façon mit Seiden, Gold und Silber um
wunden waren. Dann die Tuͤrken bedienen sich der Messer und
Gabeln fast niemaln, und lassen die Speisen nicht anders, als ganz
klein zerschnitten, zu Tische bringen, daß sie also derselbigen auch nicht
nöthig haben; und so ja etwas kleiner gemacht werden muͤste, zerrei
sen sie solches mit den Fingern. Bey dieser Malzeit fehlte es an
nichts, als an Wein, dessen Stelle das liebe Brunnen⸗Wasser verDer Türken
Geträͤnk.

sehen muste; welche aber den Scherbeth trinken mogten, kunten des
selbigen nach Belieben haben, wiewol dieses Getrank, das sie aus
Honig, Gewürz, und dem Saft aus Fruͤchten machen, weder mei
nem Geschmack, noch meiner Gesundheit anstehen wolte; und wäͤre
mir eine einige Maß Wein viel lieber, als das grosse Heidelbergische
Vaß mit Scherbeth.


Nach aufgehobener Tafel, und denen mit wolriechenden Was
sern und Rauchwerk verrichteten Ceremonien, hielte sich der Herr
Botschafter noch in etwas auf, und discurirte von ihren sonder
baren Gebräuchen, Einrichtung ihres Regiments, sonderbarer Art
zu sitzen, Kriegs⸗Disciplin und andern Dingen; da es sich dann zu Des Herrn
Botschaf
ters Ge
spräch von
dem Gra
fen Oduyer.

trug, daß sie von ungefehr unsers Gränz⸗Generalen, des Grafen
Oduyer, gedachten, bey welcher Gelegenheit der Seraskier un
terschiedliches von dessen Lebens⸗Art, Sitten und Kriegs⸗Disciplin
wissen wollen, vermuthlich aus keiner andern Ursach, als weil es
ihm

H 2
- 86 -
60

Erstes Buch / Vierte Abtheilung /

ihm schmerzte, daß er an Jhm einen solchen Mann gefunden, wel
cher in Kriegs⸗Wesen wol erfahren war, auf jenes Vornehmen wol
Achtung gab, Seines Kaisers Nuzen zu befördern sich sehr angele
gen seyn ließ, dem Aller Durchlauchtigsten Oesterreichischen
Haus getreu diente, und mit keinem Geld kunte bestochen werden.
Hierauf rühmte der Herr Groß⸗Botschafter Jhm nach Ver
dienst, und ließ sich gefallen, seinen Lebens⸗Wandel von Anfang her
zu erzehlen: Er brachte darbey vor, wie er von Jugend auf im Krieg
erzogen, sich allezeit wol gehalten, bey allen Actionen tapfer und
vorsichtig erwiesen, und nach und nach zu so hoher Charge gestie

Soldaten
Verbre
chen.
gen seye. Diese Erzehlung kame dem Seraskier unglaublich vor,
als welche diesem Kriegs⸗Mann vom allen Versehen frey zehlete,
welcher doch eben so wol ein Mensch und folglich des Fallens unter
worfen wäre; hat aber vielleicht an das bekannte alte Sprichwort
nicht gedacht, daß es nemlich nicht erlaubt sey, zweymal im Krieg ei
nen groben Fehler zu begehen: weswegen der Herr Botschafter
ihm seine Meynung dardurch zu benehmen suchte, wann Er ihm vor
stellte, daß es mit dem Versehen im Krieg öfters eine solche Be
schaffenheit habe, daß daraus dem gemeinen Wesen ein unersetzlicher
Schade zuwachse, bey welchem man sich, wann absonderlich die
Schuld noch darzu kommt, wenig Gnade zu versehen, sondern ins
gemein Ehre, Leib und Leben darüber verlohren gehe: wo dasselbige
aber von geringer Wichtigkeit, und sich noch darzu wol gar wieder
Vermuthen zu getragen, wuͤrde die Straffe nach dem Verbrechen ein
gerichtet, und daure auch nicht länger, als das Verbrechen selbst;
es werde aber gleichwol keiner promovirt, so lang er solches an sich
merken lasse: er muͤsse dasjenige, worinnen er es versehen, noch einmal
vornehmen; und wann er es alsdann verbessert, stehe ihm die Thüͤre
zur Ehre so wol, als andern, offen. Und hierinnen sind wir in der
That von denen Türken unterschieden, als welche auf alle Verbre
chen fast einerley und wol gar die Todes Straffe setzen, absonderlich
wann solches den Staat und das gemeine Wesen betrifft. Diesen
geführten Discours hörte der Bascha zu Nissa aufmerksam und
wol bedaͤchtlich zu, und wann er meinte/ daß etwas seinen Beyfall
verdiente / gab er solches mit Nückung des Haupts zu verstehen;
schiene auch sonsten ein Mann von guten Verstand zu seyn, nur
daß er in den Mahometischen Aberglauben verwickelt war.


- 87 -
Reise von dem Läger gegen Raschna bis nach Nissa.
61


Fünfte Abtheilung.


NJcht lang hernach hat der Herr Groß⸗Botschafter sei
nen Abschied genommen, fuͤr das höͤfliche Traitement sich
bedanket, und durch den Dolmetschen sagen lassen / daß er
verhoffe, ihn im kurzen wiederum zu Nissa zu sprechen, wohin der
Seraskier anjetzo voraus gienge. Hierauf ist er nach dem ohnweit
von dannen geschlagenen Lager gekehret, und sind ihm 200. Spahi
zu seiner Bedeckung mit gegeben worden. Als wir auf den ohngeErstes La
ger in der
Türkey.

fehr eine halbe Stund von dar liegenden Berg gekommen, und uns
von dem Weeg nach Raschna zur linken Hand etwas abgewendet,
kunten wir schon das völlig aufgeschlagene Läger sehen; worinnen
wir diesen und den folgenden ganzen Tag zu bringen muͤssen, bis die
schwehren Bagage-Wagen wegen des schlimmen Wegs und nassen Das einge
fallene Re
genwetter
halten die
Türken für
glücklich.

Wetters endlich wieder zu uns gekommen sind: welche grosse Ver
änderung des Wetters die Tuͤrken gleichwol für ein gutes Anzeichen
gehalten, weil es eben zu der Zeit eingefallen / da die Auswechslung
geschehen / ob schon vorher den ganzen Tag der Himmel ganz heiter
gewesen; dann eben dazumal entstunde ein so entsetzliches Ungewit
ter, daß es schiene, als ob Himmel und Erden daruͤber zu Grund
gehen wolte. Sie nahmen aber ihre Muthmassung daher, weil es
ein sicheres Kennzeichen einer glücklichen Ehe wäre, wann es am
Hochzeit Tag regnete: Nun aber hätte die Auswechslung der
Herrn Botschafter einige Verwandnuͤß mit der ehligen Verbin
dung; Ergò wäre viel glückliches daraus zu vermuthen.


Den 16. Junj blieben wir also, wie gemeldet, in diesem Lager
stehen, nicht nur allein um erst angefuͤhrter Urfachen willen, sondern
auch, damit wir desto bequemer in einem Zug nach Nissa kommen
mögten, und denen Hussaren ihre Pferde / deren wir uns noch zur
Zeit allein bedienet, wieder zuruͤck gesandt werden koͤnnten, weiln ins
künftige die Türken die zur Reiß benöthigten Sachen allein anschaf
fen musten. Allhier hat sich früͤhe zwischen 8. und 9. Uhr zweymal Erdbeben.
ein so heftiges Erdbeben spuͤhren lassen, daß von dem einen die schwehr
beladene Wägen von der Stelle geruckt worden. H 3
Was
- 88 -
62

Erstes Buch / Fünfte Abtheilung /

Was indessen der Türken Sitten und üͤbrige Lebens⸗Art be

Der Türken
Beschaffen
heit.
trifft, habe ich sie nicht so unertraͤglich befunden, als man sie vor
alters beschrieben hat, so daß es scheinet, als ob sie durch so viele er
littene Niederlagen viel tractabler worden, als sie sonst gewesen sind
und wäͤren noch wol eines bessern Glüͤcks und eines gelindern Regi
ments wuͤrdig, wo sie nur ihren Aberglauben mit der wahren Reli

Zum Krieg
tüchtig.
gion vertauschen wolten. Die mehresten unter ihnen sind Leute,
von ungemeiner Leibs⸗Stärke, wolgestalten Leibe / gutem Ansehen,
die viel vertragen koͤnnen, und von solchen Krankheiten nichts wis
sen, welche von uͤbermaͤssigen Essen und Trinken entstehen; kurz zu
sagen: in Betrachtung ihrer Stärke und Leibes⸗Kraften sind sie zum
Krieg sehr geschickt, wann sie nur nicht so ungestümm angefuͤhrt,
sondern in guter Kriegs Disciplin und Gehorsam erhalten wuͤrden;
wiewol es nicht zu wuͤnschen, daß sie solches von den Christen eher
erlernen moͤgten, bevorab sie sich durch den Glauben mit ihnen ver
einiget haben. Sie gewöhnen sich schon von Jugend auf zum
Krieg, und sonderlich lassen sich der Vornehmsten ihre Kinder fast
alle darzu gebrauchen, weil sie dieses für die gröͤste Ehre halten,
welche durch tapfere Thaten in dem Krieg erworben wird. Jch ha
be selbst zu Nissa und anderer Orten mit Verwunderung gesehen,
wie vierjäͤhrige Knaben, als schon wol exercirte Soldaten mit Waf
fen, die schwehrer als sie selbst waren, nebst ihren andern Camera
den mit den Janitscharn, den Kern der Tüͤrkischen Miliz, herum ge
lauffen, und damit sie desto fertiger darzu wäͤren, sind sie eben wie
diese mit einem kurzen Wammes ohne Ermel, weiten ober den Wa
den gebundenen Hosen, rothen oder grüͤnen mit ungebleichter Lein
wand umwundenen Kappel versehen gewesen, den Leib haben sie um
guͤrtet, die Brust nebst Armen und Fuͤssen blos, oder an diesen nur
leichte rothe Schuhe, so sie Gemenni nennen, gehabt: und dieses
alles zu dem Ende, damit sie desto hurtiger in denen Waffen und von
Ungehor
sam der Ja
nitscharen.
Jugend auf der Arbeit gewohnt wuͤrden. So habe ich auch unter de
nen Janitscharn alte ausgediente Leute gesehen, die wider das aus

drückliche Verboth ihrer Officier mit Wissen und Willen gehandelt,
und ihr Schulter⸗Gewehr auf der Strassen zum öftern los gebrannt;
und ob sie schon noch uͤber dieses von einem Chiausen auf des Se
raskiers Befehl nochmaln davon abgemahnet wurden, fehlte es
doch so weit, daß sie solchen hätten pariren sollen, daß sie vielmehr
des
- 89 -
Reise von dem Laͤger gegen Raschna bis nach Nissa.
63
desselbigen nur gespottet, und in dessen Gegenwart noch stäͤrker ge
schossen, so daß es ihre Officiers mit vielen guten Worten kaum dahin
bringen koͤnnen, daß sie es unterlassen haben.


Chiausen
oder Bo
then.

Jndem wir aber hier des Chiausen gedacht, ist zu wissen, daß
dieses Leute sind, welche die Zeitungen und Briefe hin und wieder
tragen; sie haben in ihrer Hand kleine mit Silber beschlagene, bis
weilen auch wol ganz silberne Stecken, die denenjenigen gleich sehen,
deren sich ehedessen die Friedens⸗Bothen bedienet; an den obern
Theil hängen 4. 6. bis 8. oder auch mehr silberne Kugeln an eben so
viel Kettlein: wann diese Staͤblein völlig mit Silber uͤberzogen sind,
nennen sie solche Theugian / die andern aber Topous; dieser be
dienen sich nur die Gemeine, jener aber die Vornehmern, als der
Baschen / Stadthaltere und der Vizir Chiausen. Alles vorerzehl
te aber bestättiget meine Meinung, daß die Tuͤrken keine schlimme
Soldaten abgeben wuͤrden, wann sie nur besser im Gehorsam koͤnn
ten gehalten werden.


Den 17. bekamen wir Alexintza zu sehen, nachdem wir Rasch Alexintza.
na und den Bach Toppolnitz waren vorbey gezogen; daselbst sa
he man auch die Morava / welche aber hier zu Land Banaraioa /
in Bulgarien und Servien aber nach denselbigen Landschaften ge
nennet wird. Und weil diesen Tag viele Sachen durch Nachläͤssig
keit unserer Fuhrleute verlohren gangen, oder wol von ihnen selbst
heimlich weg practicirt worden, haben wir uns bey der Janitscharn
Odabaschi darüber beklagt, welcher versprach, daß alles wieder
herbey geschafft, und ins kuͤnftige nichts mehr vermißt werden solte;
es war aber nichts wenigers, als dieses, und ist insonderheit unserm
Teutschen Gewehr sehr nachgestellet worden, welches wir zwar nicht
so wol den Tüͤrken, als den Grichen und Armenianern schuld geben
kunten; dann jene haben von Natur einen Abscheu vor dem Steh
len, und vermaledeyen dasselbige im höchsten Grad, ausgenommen
bey entstandener Feuers⸗Brunst, wo die Janitscharn alles füͤr erlaubt
halten, und ärger als andere zu greiffen: diese hingegen machen gleich
sam eine Profession vom Lügen, Betrüͤgen und andern schlimmen
Händeln, und muß ihnen diese schäͤndliche Kunst öͤfters an statt der
Waffen dienen: sie verkauffen aber gleichwol hernach dasjenige, was
sie uns gestohlen, denen Türken auf gut Treu und Glauben. Es Teutsches
Gewehr
lieben die
Türken.

ist ihnen auch unser Gewehr lieber, als alles andere, und ist kaum ein
vor
- 90 -
Erstes Buch / Fünfte Abtheilung /

64

vornehmer Janitschar, der nicht mit dergleichen solte versehen seyn.
Nur ist einiger Catholischen Christen Unverstand zu beklagen, die
aus liederlicher Gewinnsucht solches Gewehr an diese Barbarn
verkaufen, da sie doch, wann sie klug wären, leichtlich wuͤrden er
achten können, daß solches nachgehends wieder sie selbsten solte ge
braucht werden.


Damit wir aber nichts übergehen, müssen wir, ehe wir in un
serer Erzehlung fortfahren, vorher gedenken, wer die obbemeldten
Obabaschi
wer sie
seyn.
Odabaschi seyn. Sie sind nemlich Vorstehere dererjenigen Zim
mern, so sie Oda nennen, dergleichen auch die Spahi haben, in
welchen die Janitscharn, die in dem ganzen Reich ausgesandt sind, er
zogen werden, und wo ein jedweder des Tags dreymal, nemlich des
Morgens vor der Sonnen Aufgang, zu Mittag, und auf den
Abend dasjenige bekommt, was er zu seines Leibes Unterhalt benö
thiget ist.


Den 18ten sind wir von Alexintza wieder aufgebrochen, und
in einer zwey Stund vor Nissa zwischen denen Bergen und Wäl
dern liegenden Wuͤsten still gestanden, um uns zu dem am folgenden
Das Quar
tier in der
Stadt Nis
sa wird ab
geschlagen.
Tag bevorstehenden Einzug in Nissa zu schicken. Auf dem Weeg ist
zu uns ein von Seraskier abgefertigter Bothe gekommen, welcher
dem Herrn Botschafter Briefe überbrachte, worinnen gemeldet
wurde, daß wir in Nissa nicht logiren koͤnnten, welches uns doch
bey Accordirung des Ceremoniels versprochen worden; es muste
aber zur Entschuldigung dienen, daß die Pest daselbst grassire, und
die vornehmsten Häuser davon angesteckt waren, weswegen man so
liebe Gäͤste nicht zu bewuͤrthen vermoͤgte. Wir glaubten aber vielmehr,
wie wir auch nachgehends versichert worden, daß es deswegen gesche
he, weil man sich einer Aufruhr von denen Janitscharn besorgte, in
dem ihnen die gefassten Grillen von der verwichenen Schlacht noch
nicht aus dem Kopf wolten; und weil sie ohnedem geschwohrne Fein
de des Friedens sind, und kaum erst mit grosser Noth befriediget
worden, hätten sie leicht treulos werden / und uns, wann wir in den
Stadt⸗Mauern eingeschlossen wären, unvermuthet üͤberfallen düͤrfen.
Andere muthmaßten gleichfalls nicht uneben, daß wir darum nicht ein
gelassen wuͤrden, weil die Tuͤrken nicht haben wolten, daß dieser
Platz, den sie künftig befestigen und mit neuen Werkern versehen
wolten / von uns allzu genau in Augenschein genommen wüͤrde, an
- 91 -
Reise von dem Läger gegen Raschna bis nach Nissa.

65

gesehen es die Gränz⸗Vestung, und derjenige Platz ist, deme es
bey einem neu entstehenden Krieg am ersten gelten duͤrfte. Es hat Wird wie
der ange
tragen.

sich aber der Herr Groß⸗Botschafter nicht eher befriedigen las
sen, bis es Jhm der Seraskier in sein freyes Belieben gestellt
hatte / ob er in der Stadt wohnen wolte; welches Er alsdann höͤf
lich abgeschlagen, und sich also unter die Vestung gelegt, daß er von
den Stucken kunte defendirt werden. Unsere Ankunft aber wurde
dem Seraskier durch den Ingenieur-Hauptmann Hn. OebschelHerr von
Oebschel
witz nach
Nissa abge
schickt.

witz angedeutet, und dieses darum, damit er bey solcher Gelegenheit
die Stadt und den Vestungs⸗Bau desto besser observiren und ent
werfen könte.


Dem darauf folgenden Tag, als dem 19. Junj / da wir die
schwehren Bagage-Wägen bereits voraus geschickt, welche vor der
Stadt bis zu unserer Ankunft halten musten, sind wir zu Pferd in
derjenigen Ordnung, wie zu Wien, der Herr Groß⸗Botschaf
ter aber in einem schoͤn verguldeten Parißer⸗Wagen in die Stadt
eingezogen, und von denen Wäͤllen mit allen Stücken dreymal be
gruͤßt worden. Wir haben uns jedoch nicht lang darinnen aufgehal
ten, sondern wieder heraus zwischen die Vestung und des Se
raskiers Läger begeben, so daß wir dieses zur rechten, jene aber zur
linken Hand hatten.


Es ist aber Nissa ein vornehmer und von den Tuͤrken sehr be Nissa.
wohnter Ort, von mittelmaͤssiger Groͤsse, und die obere und untere
Vestung zusammen gerechnet mag in ihren Umfang etwas mehr aus
tragen, als das Schloß zu Belgrad; und lauft die Nissa, von
welcher die Stadt den Namen füͤhrt, mitten hindurch: sie hat ei
nen hohen Wall, so hin und wieder, vornemlich aber auf der
Wasser⸗Seiten, in dem Graben selbst, mit Ziegeln und alten
Mauerwerk ausgefüttert ist. Um besagten Wall ist gedoppelte Gla
cis oder Anhöhe des bedeckten Weegs, so zugleich den Wall also
bedecken, daß man weder von demselben, noch von der ganzen Stadt,
auser einigen Thuͤrnen von den Tuͤrkischen Moscheen, deren etliche
mit Kupfer bedeckt sind, nebst der Cron von der Brustwehr und
Batterien auf den Spitzen sehen kan. Zwischen dem hohen Wall
und beiden verdeckten Weegen befinden sich trockene Gräͤben gleich
unter ohne Böͤschung ausgegraben. Auf der Seite gegen der Bul
garey zu ist üͤber die Nissava eine Brüͤcke geschlagen, unter welcher J
eine
- 92 -
Erstes Buch / Fünfte Abtheilung /

66

eine grosse Wasser⸗Müͤhle liegt, die mit einem Horn⸗Werk bedeckt
ist, um welches durch den Graben erst besagter Fluß laͤuft. Dieser
Graben ist gleichfalls, wie die andern, ohne Boͤschung ausgeholen
und nicht gefüttert; doch reichen unten an den Fuß des Walls, so
hoch als die Nissava ist, aus dem Fluß dicke Pfäle heraus, so die
Gewalt des Wassers abhalten. Um die auf bemeldten Seiten lie
gende Vorstadt ist eine Linie mit einem Banquette oder Schemel der
Brust⸗Wehr gezogen, drey Schuh und also noch einmal so hoch /
als sonst gebräuchlich, und ein Graben von 8. bis 10. Schuhe breit,
in welchem die Nissava gleichermassen herum fliesset. Die Defen
sion der Linie bestehet in rund herum angelegten kleinen Pasteyen
mit Leisten und Flanquen, und nicht in halben Redouten der Schan
zen, wie ein gewisser Autor dafür halten wollen. Die Länge der
Fläche von einem Käl⸗Punct bis zum andern hat bey die 150.
Schritte. Es kan auch durch das Muͤhlwerk an der Brüͤcke, und
in denen Graͤben obgedachter Werker der Nissava⸗Fluß zwar ge
schwellt, und so wol die Vorstadt, als auch deren aͤusseres Erdreich,
welches niedriger, dann das disseitige ist, gar leicht unter Wasser ge
setzt, doch diese Uberschwemmung durch guten Fleiß und Arbeit auch
wieder abgeleitet werden. Um die ganze Stadt herum ist eine gleiche
Ebene, und wuͤrden der Vestung die in rechter Weite herum liegen
de Berge nichts hindern, wann nicht üͤber selbige zur Zeit der Be
lägerung eine Linie so leicht als vortheilhaftig köͤnnte gefuͤhret wer
den. Nach jetziger Beschaffenheit der Stadt und deren Befestigung
wüͤrde solche nach Eröfnung der Lauf⸗Gräben, wann man sie mit
Gewalt angreifen wolte, ob sie gleich mit allen Behöͤrigen wol und
genugsam versehen wäre, nichts destoweniger in einer Zeit von sechs
Wochen gar leicht zur Ubergab zu bringen seyn.


Es darf sich niemand verwundern, daß ich mich in Beschrei
Nissa die
äusserste
Vestung
gegen Con
stantinopel
bung dieser Granz⸗Vestung laͤnger aufgehalten, als ich bey denen
künftigen vorkommenden Oertern thun werde; sintemaln es derjeni
ge Platz, welcher noch allein zu erobern, und wornach der Weeg
nach Constantinopel voͤllig offen stehet: so ist mir auch des unver
gleichlichen Herrn von Oebschelwitz Arbeit in Beschreibung dieser
Vestung gar wol zu statten kommen, und hat mich der eigenen Mü
he uberhoben. Man darf aber dabey nicht gedenken, als ob von dar
der
- 93 -
Reise von dem Laͤger gegen Raschna bis nach Nissa.
67
der Weeg nach Constantinopel so eben, daß man nur gerades
Fusses dahin lauffen könne, angesehen man noch viel Beschwehrlich
keiten darauf finden wuͤrde; sondern ich verstehe nur damit so viel/
daß man nach dieser Eroberung alsdann keine Vestung mehr zu oc
cupiren uͤbrig habe, welche etwan denen siegreichen Waffen verhin
derlich seyn dürften. Die Häuser daselbst sind, wie in allen andern Türkische
Häuser.

Türkischen Städten, gar klein, und von Leimen und Holz zusam
men gesetzt, deren mehreste Taͤcher man mit der Hand erreichen kan.
Jn der obern Stadt sind die Häͤuser naͤher an einander gebauet, und
mehr bewohnt, als in der Vorstadt, wiewol man auch in selbiger an
vielen Orten zu bauen angefangen, wordurch der Weeg und Gassen
also verlegt worden, daß billig zu befuͤrchten wo ein Feuer auskom
men solte, es duͤrfte die ganze Stadt darauf gehen, ehe man zu Hüͤlf
kommen könnte. Als bey unsern Durchzug das Geschüͤtz los geUnord
nung der
Tuͤrken.

brannt worden, hat man deutlich gemerket, daß diese Leute nichts
ohne Unordnung thun koͤnnen, indem man bald eine, bald zwey, bald
drey, auch wol noch mehrere Stüͤcke auf einmal abfeuren höͤren.
Und wann auch sonst nicht bekannt wäre, was grosse Noth die Mangel
an groben
Geschütz.

Türken nach den zwey auf einander verlohrnen Schlachten an gro
ben Geschuͤtz leiden, wuͤrde man solches allhier zu Nissa mehr als zu
wol verspüͤhret haben. Keine einzige Carthaune war da zu hören
gewesen, sondern nur kleine Feld⸗Stücklein, wie die Armeen uͤberall
mit sich zu fuͤhren pflegen, worunter das groͤste kaum zwoͤlf Pfund
geschossen. Dieses aber ist gleichwol merkwürdig / daß man uns Stärke ei
nes Man
nes.

berichtet, wie ein Soldat aus der Besatzung von solcher Leibes
Stärke gewesen, daß er dergleichen Stuck aus dem Gestell genom
lmen, in seinen Arm gelegt, und es in demselbigen ohne Bedenken
os gebrannt habe; und wo ich nicht irre, haben mich einige von
den Unsrigen versichert, daß sie es mit ihren Augen gesehen
hätten.


Jm wehrenden Durch⸗March stunden die Janitscharn auf beiHaß der
Janit
scharn ge
gen die
Teutsche.

den Seiten im Gewehr, dem Herrn Groß⸗Botschafter damit die
gebuͤhrende Ehre zu bezeugen, welchen sie auch hernach in das Lager be
gleitet haben. Es wolte fast scheinen, als wann denen guten Leuten die
Galle zimlich daruͤber aufgestiegen, da sie den Schall der Trompe
ten vernommen, und die fliegende Fahnen nebst denen Granadie
rern, als des Herrn Groß⸗Botschafters Leib⸗Wacht, in der letz
J 2
ten
- 94 -
Erstes Buch / Fünfte Abtheilung /

68

ten Ordnung ankommen sehen. Diese, sagten sie, sind die garsti
ge Hunde und Feuer speyende Drachen, welche, indem wir uns mit
den andern herum schlagen, nichts anders thun, als mit Feuer
und Schwefel auf uns los werfen. Sie haben auch ihren Haß so
wenig verbergen koͤnnen, daß sie vielmehr mit heftigen Fluchen und
Vermaledeyen uns alles Unglüͤck üͤber den Hals gewuͤnscht, welches
sie uns zwar nur durch ein heimliches Murmeln, wann ihre Officier
ihnen nicht auf der Hauben gewesen, zu verstehen gegeben / wir aber
gleichwol nicht gar undeutlich hören können. Man kunte auch ihrer
leichtfertigen Schmach Reden nicht muͤssig gehen, wann einer von
den Unsrigen allein, oder auch in Gesellschaft anderer herum gienge/
ob wir gleich als Freunde zugegen waren, dann da hieß es gleich:
Der Tür
ken ge
wöhnliche Schmach
Rede.
Ana sen sictim Jaours; ich habe mit deiner Mutter zu thun
gehabt / du Unglaubiger / welche Schmaͤh⸗Worte sie jederzeit
im Munde führen, wann sie einem aus Zorn schäͤnden wollen, oder
sonst nicht güͤnstig sind.


Allhier kamen dem Herrn Groß⸗Botschafter die meisten
Der Spahi
und ande
rer Zu
spruch bey
dem Herrn
Botschaf
ter.

Spahi, und Vornehmsten von der Militz und aus der Stadt mit
ihren grossen Bünden entgegen, deren sie sich nur bedienen, wann
sie gegen jemand ihre sonderbare Hochachtung bezeigen wollen. Die
Weiber, so in den Winkel⸗Gassen uns nur von den Fenstern und
Kleidung
der Wei
ber.
Dächern betrachten durften, hatten lange Röͤcke an, welche ihnen bis
über die Füsse herunter hiengen, und unter denselbigen Hosen, die
aber nicht so weit als der Männer ihre, und unten daran die Schu
he angehefftet waren: den Kopf, Mund, die Nase, Wangen
Stirn / und das ganze Gesicht hatten sie vermoͤg ihrer Gesetze mit
weisen Tüchern also verhüllet, daß nur eine kleine Oefnung übrig
bliebe / wordurch sie sehen und frischen Luft schoͤpfen kunten.


Als kurz vor unserer Ankunft dem Seraskier / welcher, wie
Nachricht
an dem Se
raskier von
unserer An
kunft.
ich vor schon gemeldet, um mehrerer Sicherheit wegen sein Läger
nicht weit von dem Unsrigen aufgeschlagen, da er auser diesem bey der
gleichen Begebenheit sonst in der Stadt zu bleiben gewohnt war,
durch des Herrn Botschafters Hof⸗Marschalk Freyherrn von
Seebach und vier Edelleuten die Herren von Weipeler/ Glim
berg, Wettstein und Demerath wissend gemacht wurde, hat
derselbige alsobald durch seine Dolmetschen sein Compliment wegen
Geschenk
des Seras
kiers.
glücklicher Ankunft machen auch unterschiedliches Obst und Garten⸗
Ge

- 95 -
Reise von dem Laͤger gegen Raschna bis nach Nissa.
69
Gewächs überbringen lassen; der Janitscharn Aga hingegen Des Janit
scharn Aga.

wolte seine Freundschaft auf eine andere Weise bezeugen: Es hatte
nemlich derselbige einen jungen Edelmann, von Geburt ein Venetia
ner mit Namen Stephan Ottoni, der eine Hauptmanns⸗Char
ge bekleidet, aber im letzten Tüͤrkischen Krieg in Morea von dem
Feind gefangen worden; denselbigen haben die Tuͤrken, nachdem sie
die völlige Insul wieder erobert, auf mancherley Weise zu ihren
Glauben zu bringen gesucht, aber doch weder durch Bedrohung
noch Schmeicheley bey ihm was ausrichten köͤnnen, weswegen sie
Gewalt gebraucht, und ihm 500 Streich auf die Fuß⸗Solen geben
lassen, welche er alle mit zu GOTT gerichtetem Gemuͤth aus Liebe
zur wahren Religion, standhaft und gedultig ausgehalten, und dabey
doch nicht weniger als vorhero seinem Herrn, deme er im Krieg zu
Theil worden, redlich gedient; ohnerachtet vorhero zwey Priester,
aus einer gewissen geistlichen Gemeinschaft, da sie kaum 15. Strei
che empfangen, wegen Zärtlichkeit des Fleisches von dem Glauben
abgefallen. Hierauf ist er nach Constantinopel gebracht, und
an einen Herrn zu Adrianopel verkauft worden, bey welchen er ei
ne zeitlang gedienet, von diesem aber dem Janitscharn Aga zu
Nissa überlassen worden. Bey diesem hat sich zu getragen, daß die Treue eines
Sclaven
gegen sei
nem Herrn.

Besatzung rebellirt, wobey er Gelegenheit hatte, seinen Herrn vor
der Soldaten Muthwillen zu schüͤtzen, indem er selbige auf der Stie
gen mit gewafneter Hand von dem Zimmer so lang abhielt, bis jener
aus dem Fenster spruͤngen und durch ein kleines Thuͤrlein sich salvi
ren köͤnnen. Für diesen grossen Dienst hat sein Herr ihn nicht nur Des Herrn
Dankbar
keit dafür.

der Sclaverey entlassen, und in seinen Schutz genommen, sondern
ihme auch seine einige Tochter zur Ehe und alle seine Güter angebot
ten, wann er zu dem Mahometanischen Glauben tretten wolte.
Weil er sich aber auch dardurch nicht zum Fall kunte bewegen lassen,
und den wahren GOTT höher als den Mammon geschätzet, hat
sein Herr ihn gleichwol bey seiner ihm einmal ertheilten Freyheit ge
lassen, und noch darzu versprochen, ihn mit Kleidern, Pferden,
Decken, Geld, und aller Nothwendigkeit zu versehen, wann er ent
weder wieder in sein Vaterland zurück kehren, oder anders wohin rei
sen wolte, welches er nachmals redlich gehalten. Damit aber die
Türken dieses Vorhaben nicht merken solten, als vor welchen ermeld
ter Sclav wegen des Vorgelaufenen sich noch immer zu hüͤten hatte,
faßte

J 3
- 96 -
Erstes Buch / Fünfte Abtheilung /

70

faßte der Aga die Resolution, ihn so lang bey sich zu behalten, bis
der Römisch⸗Kaiserliche Groß⸗Botschafter von Wien an
kommen wuͤrde, deme er solchen anbiethen und selbigen in seinen
Schutz zu nehmen ersuchen wolte, welches auch anjetzo ge
schehen.


Janit
scharn in
tendirte
Aufruhr.
Dieser hat mir auch erzehlet, daß sich einige aus dem Janit
scharn zusammen verbunden / bey unserer Ankunft eine neue Auf
ruhr zu erwecken, und damit sie dieses ihr ungerechtes Vorhaben de
sto hitziger hinaus führen mögten, haben sie sich im Wein vollge
trunken; aber durch des Aga Sorgfalt seye dieser Anschlag zu
Wasser worden, angesehen er auf alle Gassen und Ecken der Stadt
Wachten ausgetheilet, so auf diese unruhige Köpfe fleissig acht ha
Die Janit
scharn zu
Nissa zur
Aufruhr
vor andern
geneigt.
ben solten. Der Geringste unter ihnen findet leichtlich einen An
hang, so ihm nicht bald gewehrt wird, und sollen sie in dem Nisse
nischen Gebieth viel geneigter, als anderswo, zur Aufruhr seyn;
und mag auch dieses wol den vorigen Seraskier bewogen haben,
denen Janitscharn den Scherbeth schlechterdings zu verbiethen, wel
chen auch dieser ihnen gar selten erlaubt/ ob sie solchen gleich an an
Janit
scharn ha
ben zu Frie
dens⸗Zei
ten kein
Gewehr.
dern Orten gar wol trinken darfen. Welches auch vermuthlich die
Ursach ist, warum denen Janitscharn in Friedens⸗Zeiten weder Ge
wehr noch Pulver und Bley zugelassen wird, und die Commendan
ten mehrentheils vor der Stadt unter den Zelten in Laͤgern sich auf
halten, und sich daselbst lieber etlichen tausend Spahi, als denen
Jhre Ur
theil von
der Dauer
haftigkeit
des neuli
chen Frie
dens.
wankelmuͤthigen Janitscharn anvertrauen. Sie scheuen sich nicht,
offentlich zu sagen, daß der neulich geschlossene Friede von schlechter
Dauerhaftigkeit seyn werde, und wofern in sieben oder acht Jahren
anderwerts nicht was vorfallen werde, wuͤrden ihn wenigst die be
nachtbarten Janitscharn selbst brechen. Die neuliche, wie auch die
Urheber
der Auf
ruhr.
letztere Aufruhr haben nur gemeine Leute erreget, welche noch immer
in der Stadt frey herum gehen, und nichts wenigers befüͤrchten, als
daß sie deswegen zur Straffe solten gezogen werden: daher auch die
grosse Freyheit / welche dieses Volk genieset, Ursach ist, daß man sie
mehr fürchtet / als daß sie andere füͤrchten solten. Sie essen und
trinken, was sie selbst moͤgen, ohne ein Absehen auf ihr Gesetz zu
haben; und wann ihre Officiers nicht um sie sind, so schlagen sie zu
auf wen sie wollen, ohne daß sie sich deswegen etwas Widerwärti

ges
- 97 -
Reise von dem Läger gegen Raschna bis nach Nissa.
71
ges befürchten. Jch habe gleich von dem ersten Tag an, da wir in Janit
scharn sind
WeinSaufer.

ihre Gränzen gekommen, beobachtet, daß, wann sie Gelegenheit ha
ben, sie sich alle mit Wein also anfüͤllen / daß sie auf keinen Fuß ste
hen köͤnnen. So groß aber die Freyheit ist, die man diesen Leuten
gestattet, so schwehr ist hingegen die Dienstbarkeit, mit welcher an
dere Unterthanen gedruckt werden. Es befindet sich zu Nissa ein
Bürger, welcher im vorigen Krieg in einer Besatzung gefangen, und
von dar in des Graf Philipps von Diederichstein Hauß ge
bracht worden, woselbst er uͤber fuͤnf Jahr als ein Sclav gedienet;
nachdem aber der Fried wieder erfolgt ist, hat man ihn auch frey
und nach Hauß gelassen. Dieser kunte nicht genug aussagen, wie
grausam die Türken mit ihren Unterthanen verfahren; er versicherte, Scharfes
Traite
ment der
Türkischen
Untertha
nen.

daß bey uns die Dienstbarkeit viel leichter, als bey ihnen die Freyheit
sey, welche ihnen so viel Befehlshaber, als sie uͤber sich haͤtten, mehr
als zu schwehr machten: er wolle lieber hundert Jahr unter den
Christen, als eines unter den Tuͤrken leben; es waͤren betruͤgerische
Leute, denen nicht weiter zu trauen, als man sehen koͤnne; er hielte
es für sein gröstes Unglüͤck, daß er unter diesen Woͤlfen gebohren
und erzogen seye, sein Haußwesen unter ihnen habe, und auch ins
künftige sein Leben unter ihnen zu bringen muͤsse.


Den 20. Junj gaben Seine Excellenz der Herr GroßDes Herrn
Botschaf
ters Visite
bey dem
Seraskier.

Botschafter mit seinem ganzen Comitat dem Seraskier die Visi
te, wobey Er eben diejenige Ordnung hielt, welche Er beobachtet,
als Er zu Wien nach der Kaiserlichen Burg geritten, auser daß
die Musicanten nebst der Leib⸗Wacht im Lager zuruͤck blieben. Der
Seraskier schickte hierzu gleich Morgens früͤhe Pferde ab, deren
wir uns bedienen solten; so stellten sich auch seine Chiausen, Diener,
Hauß⸗ und unterschiedliche Kriegs⸗Officier ein, den Herrn Groß
Botschafter Ehrenthalben zu begleiten: Die Janitscharn giengen Der Janit
scharn
Tracht und
Ursprung.

zu beiden Seiten vorher, mit langen Roͤcken von unterschiedlichen
Farben angethan, die rings herum aufgeguͤrtet waren, wobey zu mer
ken, daß sie nicht, wie es bey uns gebräuchlich, gewohnt sind, in ei
nerley Regimenter auch die Muntur von einerley Farbe zu tragen;
auf den Kopf hatten sie ihre feyertägliche Ordens⸗Hauben / welche
sie Ketche nennen: auf deren vordern Seite gegen die Stirne ein
Stuck vom geschlagenen und mit unterschiedlichen Figuren gezierten
Kupfer fest gemacht ist, so einer Messer⸗Scheide nicht ungleich sie
het; - 98 -
Erstes Buch / Fünfte Abtheilung /

72

het; über den Rucken und Schultern aber hanget ein langer weiser
Filtz herab. Die Manier sich also zu kleiden haben die Janitscharn
daher bekommen: Es hat ein unter den Türken gar beruͤhmter
Mann, Namens Bechtasch, als er nun sterben wolte, einen Er
mel von seinem Rock abgeschnitten, und solchen einem von seinen
Nachfolgern auf dem Kopf gelegt, also daß das End davon über
den Rücken hinab gehangen, worzu er noch diese Worte gebraucht:
Du soltst hinfüro ein Janitschar / oder ein Mit⸗Glied der
neuen Militz seyn; von da an ist ihr Orden entstanden, zu des
sen Zeichen sie sich dieser Ketche bedienen. Bey gegenwäͤrtigen
Seras
kiers Zelt.
Aufzug hatten sie auch Stecken in Händen, mit welchen sie das an

tringende Volk abhielten. So bald sie an das Zelt gekommen, hiel
ten sie still / und liessen uns zwischen sie durchgehen. Dieses Gezelt
ließ sehr propre, und war nach Türkischer Art verfertiget, dessen Stan
gen⸗Knöpfe verguldet, der Boden aber mit Persianischen Teppichen
belegt; vor denselbigen sahe man an dreyen Stangen eben so viel
Tug oder Roß⸗Schweife aufgestecket, welches eines von den groͤ
sten Ehren⸗Zeichen dieser Völker ist, und oben daran gleichfalls
grosse vergüldete Knöpfe. Und dieses hat der Bascha
von Nissa / wie auch ehmals der von Ofen und Belgrad,
vor den andern besonders, daß er drey Roß⸗Schweife in denen
Provinzen, welchen er vorgesetzt/ wann es ihm beliebt, vortragen
lassen darf, da denen andern nur ein einiger erlaubt ist, so daß kei
ner im ganzen Reich, auser dem Groß⸗Vizir, dem Stadthalter
von Babylon / und dem zu Algier, solchen Vorzug praetendi
ren darf, als der diesem ersten Bascha nur allein gebuͤhret. Vor
dem ersten Gezelt, dergleichen noch mehr waren, und die des Seras
kiers Wohnung ganz umringt und eingeschlossen hielten, stieg ein
Empfang
des Herrn
Botschaf
ters in
demselbi
gen.
jeder von seinem Pferd; der Herr Botschafter aber ritte nicht
nur durch den Eingang, sondern durch das ganze vordere Zelt, und
wurde von dem Bascha bey dem Eingang des andern / das um eine
Staffel mehr erhöͤhet war, empfangen, welches die Tüͤrken gar füͤr
eine besondere Ehre hielten, angesehen dieser Beiglerbey keinem
Bascha in diesen Landen, wer er auch immer sey, sondern nur allein
dem Sultan und Groß⸗Vizir/ aufstehet. Die rechte Hand be
hielte der Herr Groß⸗Botschafter / und sasse fast auf gleiche
Weise,
- 99 -
Reise von dem Lager gegen Raschna bis nach Nissa.
73
Weise, wie neulich nach der Auswechslung, neben dem Seras
kier auf der Sofaus.


Als Jhro Excellenz bey Jhm durch den Dollmetsch seinen Anrede an
den Seras
kier.

Gruß abgelegt, verlangte er kurz darauf im Namen Seiner Rö
misch⸗Kaiserlichen Majestät / daß er die nun wiederum herge
stellte Freundschaft auf der Gränz durch seine Gewalt und Autho
rität zu erhalten sich moͤgte belieben lassen, anbey den Kauf⸗Handel
allen Vorschub thun, die gemeine Bothen schuͤtzen, und den übrigen
Umgang unserer Leute mit den Jhrigen auf alle Weise in Sicherheit
stellen. Es sey auch Gegentheils Seiner Römisch⸗Kaiserli
chen und Catholischen Majestät / Seines Allergnädigsten
Kaisers und Herrns ausdrücklicher Wille, der auch allen auf der
Gränz sich aufhaltenden Officiers hinterbracht worden, daß die
mit der Ottomannischen Pforten neu⸗aufgerichtete Freundschaft un
verbrüchlich solle gehalten, und welche darwider zu handelen sich un
terstehen wuͤrden, auf das schäͤrfste gestrafft werden. Es lasse sehr
wol, wann freye Völker, als wie die Teutschen und Tuͤrken wäͤren,
welche vor kurzen wegen neu-entstandener, oder vielmehr von an
dern gestifteten Uneinigkeit mit einander in Krieg verfallen, nun
mehro nach wieder aufgerichteter Freundschaft und gemachten Frie
den einander doppelt so viel Gewogenheit erweiseten, als sie vorher
Feindseeligkeit gegen einander gehägt hätten. Es gefiel Jhm an de
nen Muselmännern vor andern, daß sie ihrem Herrn in Krieg
und Friedens⸗Zeiten alle Treue und Gehorsam erzeigten, und sie
gleichsam wie Göͤtter verehrten. Ach wann wir Teutschen
doch dieses von denen Barbarn lernen wolten / wir wür
den uns gewiß dardurch unuͤberwindlich machen. Nach dem Uberrei
chung des
Prinz Eu
genius
Schreiben
von dem
Freyherrn
von Locher.

der Herr Groß⸗Botschafter auf diese Weise ungefehr seine An
sprach gehalten, hat Er dem Seraskier des Prinz Eugenii Brief
durch den Freyherrn von Locher uͤberreichen lassen, welcher ab
sonderlich zu dieser Verrichtung um der sonderbahren Verdienste
willen seines Seel. Herrn Vatters aus ersehen worden. Dann dieser
hat das Königreich Ungarn zur Zeit der entstandenen Unruhe durch
seine kluge Rathschläge von dem ausersten Verderben und unver
meidlichen Untergang erhalten, die von andern zwar öͤfters aber ver
geblich gesuchte Einigkeit wieder hergestellet, und durch die dem
K

Kai
- 100 -
Erstes Buch, Fünfte Abtheilung /

74
.
Kaiser und Vaterland getreue Dienste sich den grösten Ruhm
und ein unauslöschliches Andenken zu wegen gebracht.


Bey Uberreichung des Briefs ließ sich der Herr Groß⸗Bot
schafter vernehmen, wie der Prinz nicht weniger dahin werde be
dacht seyn, daß hierinnen Seiner Römisch⸗Kaiserlichen und
Catholischen Majestät ernstlicher Wille in allen Stüͤcken er
füllet werde. Er trage auch keinen Zweifel, es werden diese Briefe,
welche von einem solchen Herzog herkommen, der in aller Welt
so berühmt ist, gar angenehm seyn. Nach Endigung dieser Rede
überreichte der Freyherr von Locher das Schreiben, worüber der
Bascha ein ungemeines Vergnügen bezeigte.


Bald darauf gab er seinen Leuten ein Zeichen, daß sie Caffé herein
Des Herrn
Botschaf
ters und
der Seini
gen Bewür
thung von
dem Seras
kier.
bringen und das Mittagmal für den Hn. Botschafter zu richten, wie
auch den Adel und übrige Suite in andere Zelte füͤhren solten. Da
selbst sind wir hernach tractirt worden, wie es bey diesen Leuten der
Gebrauch mit sich brachte. An Speisen war da kein Mangel / aber
die meisten davon mit duͤnnen suͤssen Brüͤhen zugerichtet; die uͤbri

Speisen
der Tür
ken.
gen Trachten bestunden in Reiß, Mehl, Zucker, kleinen Weinbeern,
Mandeln, Brunellen, Oliven, Aepfeln, Birn und mehr andern
Der Janit
scharn Aga
besucht mit
andern den
Hn. GroßBotschaf
ter.
Früchten. Jnzwischen kam der Janitscharn⸗Aga und einige andere
mit ihm, worunter der Zeugmeister und einige Officiers von der
Leib⸗Wacht zu Fuß dem Bericht nach sollen gewesen seyn, welche
den Herrn Groß⸗Botschafter zu sehen verlangten. Diese aber
stiegen vor dem äussersten Zelt von ihren Pferden ab, und begaben
sich zu jener Staffel, bey welcher Se. Excellenz von dem Se
raskier zuvor empfangen worden, als er kaum zwey Schritt von
Respect ge
gen dem
Seraskier.
dem Ort, wo er abgestiegen, fort gegangen war; daselbst aber blie
ben sie stehen, nachdem sie auf Türkische Manier mit gebogenen
Leib und auf die Brust gedruckten Hand ihr Compliment gema
chet. Der Aga aber gieng so gleich darauf die Staffeln gar hinauf,
neigte sich mit dem Haupt bis fast zur Erde und küßte auf das
demüthigste den Saum von des Bascha Rock, wie auch seine Hand,
welcher bey diesem allen gleich einer unbeweglichen Statuen auf sei
ner Sofaus sitzen blieb. Hierauf verfügte sich der Aga wieder zu
denen andern, so bey der Staffel stehend geblieben, und fieng gegen
dem
- 101 -
Reise von dem Läger gegen Raschna bis nach Nissa.
75
dem Herrn Groß⸗Botschafter zu reden an. Fürs erste gab er Rede des
Janit
scharn Aga
zum Hn.
Botschaf
ter.

zu verstehen, wie er laͤngstens gewuͤnscht, demjenigen Mann, von
welchem allenthalben so viel ruͤhmliches gesagt wuͤrde, in dessen Ge
genwart seinen Respect zu bezeugen; nachdem er aber nunmehro
dieser Ehre theilhaftig worden, hätte er es billig vor sein groͤstes
Glück zu achten / das ihm jemaln begegnen koͤnnen. Hierauf legte
der Herr Botschafter seinen Gegen⸗Gruß ab, und dankte so wol
für seine geleistete Dienste, als auch für den gestriges Tages uͤber
schickten Venetianer / rühmte seine Höflichkeit und gute Neigung
gegen die Christen, wuͤnschte anbey Gelegenheit, einen solchen Chri
sten⸗Freund wiederum etwas angenehmes zu erweisen; worauf der
Aga nach wenig hinzu gesetzten Worten, auf eben die Art, wie er
gekommen, vom Seraskier seinen Abschied genommen.
Mehr gedachter Feld⸗Herr hat eine so grosse Gewalt üͤber dieDes Se
raskiers
Gewalt
und Anse
hen.

ses Volk, als nicht leicht einer seines gleichen, wann er auch schon,
wie er drey Roß⸗Schweif führet. Er darf ganze Dörfer und
Land⸗Güter nach Gefallen verschenken, welche auch diejenige, so es
bekommen, (doch nur auf ihre Lebens⸗Zeit, und ohne daß es andere
von ihnen erben koͤnnen,) wiederum an wen es beliebt/ uͤberlassen
darfen. Es versicherte auch des Herrn Groß⸗Botschafters Hoffart der
Tüͤrken.

Dolmetsch, deme der Gebrauch in diesen Läͤndern sehr wol bekannt
ist, daß dieser hochmuͤthige Tuͤrk lieber wuͤrde einen Verlust von
16000. Thalern oder 5000. Ducaten, und mehr verschmerzen, als
vor einen Christen aufstehen, und ihme so weit entgegen gehen. Jm Des Se
raskiers
Geschenk
an den Hn.
Botschaf
ter und des
sen Suite.

Weggehen wurden unter uns 25. Uber⸗Kleider, so sie Caftans
nennen, ausgetheilt, und ließ sich anbey entschuldigen, daß er vor
diesesmal mit mehrern nicht versehen waͤre, sonst wolte er gerne einem
jedweden eines haben reichen lassen/ wann er nur so viel, als hierzu
nöthig gewesen, auf der Gränz finden köͤnnen; da doch sonst unter
der andern Hn. Botschafter Comitat nicht mehr als zum hoͤchsten 15.
ausgetheilt worden. Dem Herrn Groß⸗Botschafter verehrte
er ein vortrefliches Babylonisches Pferd, von Kästen⸗brauner Cou
leur, als welche Farb von ihnen vor andern æstimirt wird. Das
Pferd war über dieses mit dem kostbarsten Türkischen Zeug aufge
butzt, hatte zur Seiten an dem Sattel einen Damascenirten mit
Schmelz⸗Werk zierlich ausgemachten Säͤbel hangend, welches gleich
falls für ein sonderbares Ehren⸗Zeichen bey ihnen gehalten wird.
Hier

K 2
- 102 -
Erstes Buch / Fünfte Abtheilung.

76

Hierzu kam noch ein roth⸗gewässerter und mit Zobel gefütterter
Caftan / den aber der Herr Botschafter, ehe er noch das ihm
verehrte Pferd bestiegen, wiederum ablegte, und hierauf in voriger
Ordnung und Kleidung, in welcher Er gekommen, in sein Gezelt
zuruck kehrte; wobey die Türken ihr gewöhnliches Geschrey aber
mal, wie bey unserer Ankunft, erschallen liessen, wir aber in unse
rer neuen Kleidung einen recht seltsamen und laͤcherlichen Aufzug
machten.



Caftans
Beschrei
bung.
Es ist aber dieses Kleid eine Art von einem langen Rock, so
bis auf die Füß hanget, an welchem zwar Flügel aber keine Ermel
angemacht sind, mehrentheils von weiser Farb, und etwas groben
Faden, dabey sich zwischen dem Weisen gelbe Figuren und einige ganz
dünne Züge von Silber præsentiren. Für einen jedweden derselbi
gen zahlet der Sultan eilf Ducaten, wiewol sie es nicht werth sind;
den Profit aber ziehen die Juden, als welche nur allein damit ihren
Handel treiben. Dann weil niemand vor den Sultan ohne der
gleichen Aufzug gelassen, und solches Kleid auch allen ankommenden
vornehmen Gaͤsten ausgetheilt wird, so laufen die Juden in allen Lä
gern und Städten herum, um deren einige loß zu werden; dahero
es auch kommen kan / daß einem in einem Jahr eben dasjenige
Kleid, welches er bereits schon gebraucht, noch öfters zu Handen
kommt. Als wir kaum in unserm Läger wieder angelangt, hatte
der Janitscharn Aga dem Herrn Botschafter einen Rappen,
welcher dem Babylonier an Schoͤnheit nichts nachgab, nur daß die
ser nicht mit so schoͤnen Pferd⸗Zeug versehen war, zu einer Vereh
rung gesendet; worgegen der Herr Botschafter ihm eine Flinten
mit einem doppelten Lauf nebst ein paar nett ausgearbeiteten Pistoh
len zum Gegen⸗Præsent überschicket. Nach des Herrn Groß
Botschafters Rückkehr von dem Seraskier haben sich die Tüͤrken
nach dem Divan, oder Gericht, verfüͤgt, worzu mit der Trommel
ein Zeichen gegeben worden, und hierauf sich die Pfeiffen und uͤbri
ge Musicanten hören lassen, welches bis auf den späten Abend
gedauret. Mitten in der Nacht entstund ein entsetzliches mit Blitz
und Regen vermengtes Ungewitter, wordurch die Zelter aus der Er
den gerissen, und in der Luft hin und her geführet worden. Zu
gleicher Zeit sahe man im Lager ein gewisses Feuer, welches sich bald
zeigte, bald wieder verlohre, so daß es um dieser Ursach willen einige für - 103 -
Reise von dem Läger gegen Raschna bis nach Nissa.
77
für ein Jrrlicht gehalten haben; andere aber urtheilten ihren Aber
glauben gemaͤß, und hielten es für die Pest, welche sich in Gestalt
einer Flamme nach des Poͤbels Meinung, sehen laͤsset; daß aber das
erstere wahr gewesen, hat sich im Ausgang gezeugt.


Den 21. gabe der Seraskier dem Herrn Groß⸗BotschafSeras
kiers Visite
bey dem
Hn. Bot
schafter.

ter um den Mittag die Gegen⸗Visite, weswegen ihm der Hof
Marschalk, Freyherr von Seebach / mit noch vier Edelleuten,
als den Freyherrn von Locher / Schopen / Jmhof und Stu
denitz / entgegen geschickt wurde, damit sie denselbigen aus seinem
bis in unser Lager begleiten solten. Indessen wurden von dem er
sten Gezelt des Herrn Groß⸗Botschafters bis an das andere
hundert Schritt weit zu beiden Seiten in doppelter Linie der Adel,
die Hauß⸗Bediente, Pagen, Laquayen, und übrige, so bey der Bot
schaft waren, gestellet, und zwar also, daß immer die Vornehmern
dem Gezelt des Herrn Botschafters am nechsten stunden. Der
Marggraf Besora / und Graf Bathyani / wurden beordert,
den ankommenden Gast bey dem grossen Gezelt zu empfangen. Jm Dessen
Comitat.

Herzug giengen die mit leichten Waffen versehene Spahi voran /
blieben aber vor unserm Lager stehend; denen folgten einige Chiau
sen, auf Türkische Manier gekleidet, kurz darauf kamen unterschied
liche Officier von der Militz, nechst diesen des Bascha Hauß⸗Be
dienten in weisen Kleidern, zwischen welchen Er selbst in einem Pur
pur⸗farben Kleid geritten ist, wovon aber viere dessen Pferd regier
ten und ihre Hände zum Theil auf des Pferdes Ruͤcken, theils aber
an den Zaum gelegt hatten: auf beiden Seiten giengen zwey hundert
Janitscharn, welche an statt der Waffen Stecken in den Häͤnden
trugen; gegen denselbigen uͤber bey des Hn. Groß⸗Botschafters
innern Zelt stunde Sr. Excell. Leib⸗Wacht mit aufgepflanzten kur
zen Gewehr in der Hand; hinter ihm aber wurde ein Hand⸗Pferd
geführet, und zu letzt folgten die Troß⸗Buben und Stall⸗Knechte.
Die zu Pferd waren, stiegen alle vor dem ersten Zelt ab; der Se
raskier aber allein ist erst bey dem Eingang des andern abgestiegen,
dessen übrige Leute ihm nur zu Fuß begleitet haben. Hierauf hat Empfang
von dem
Groß⸗Bot
schafter.

der Herr Groß⸗Botschafter ihn bey dem Eingang seines Gezel
tes empfangen, und bey der Hand, doch mit bedecktem Haupt, hin
ein geführt, und auf den ihn bereiteten Sessel angewiesen, und mit
Chocolate und eingemachten Fruͤchten tractiret; dabey des Herrn
Groß

K 3
- 104 -
Erstes Buch / Sechste Abtheilung /

78
.
Groß⸗Botschafters Sessel gerad gegen dem Bascha zur rechten
Ruckkehr. Hand gesetzt war. Als sie nun mit einander von unterschiedlichen
Sachen eine zeitlang geredet, ist der Seraskier nach weitläuftiger
Dank⸗Abstattung für die ihme erwiesene Ehr⸗Bezeugung wiederum
nach seinem Lager zuruck gekehrt: worauf sich der Herr Botschaf
ter entschuldigt, daß er, als ein Reisender, einen so vornehmen
Gast nicht nach Wüͤrden bedienen köͤnnen, deme Er noch bey dem
Kaiserl. Ge
schenke an
dem Se
raskier. /
Abschied einen höflichen Wunsch beygefügt. So bald er nun wie

der im Lager angelangt, folgten ihm die Kaiserliche Geschenke
auf dem Fuß nach, welche durch den Herrn von Melzern, Obrist
Vorstehern der Leib⸗Wacht; Herrn Cramer / Cassierer bey dieser
Groß⸗Botschaft; Herrn Holzmann / Uhrmachern, und Herrn
Vorner / Kaiserlichen Ober⸗Dolmetsch dahin gebracht worden.
Diesen liese der Seraskier drey neue Caftan / welche die vorigen
an Schönheit und Kostbarkeit übertroffen, dem vierten aber ein
Stuck rothes Tuch und etliche Eln Atlas reichen; deme den Nach
mittag ein Pferd nebst einem Beutel mit Gold nachgeschicket wor
den, davon das erstere dem Kaiserlichen Cassierer, der Beutel
aber dem Dolmetsch zu theil worden.



Sechste Abtheilung.


ENdlich sind wir den 22. Junj, an Paulini⸗Tag, wieder von

Abschied
an densel
bigen.
Nissa aufgebrochen, als vorher der Herr Groß⸗Bot

schafter den Hof⸗Marschalk mit zwey Edelleuten, Herrn
Stetzer und Mattoni abgeschickt, von dem Beiglerbey in sei
nem Namen Abschied zu nehmen, und füͤr alle erwiesene Höͤflich
keit den gebüͤhrenden Dank abzustatten. Wann ich aber den Se
raskier, wie schon öfters geschehen, Beiglerbey nenne, geschiehet
solches darum, weil dieses der gemeine Name ist, da hingegen Se
raskier etwas besonders und zwar einen solchen Kaiserlichen Stadt
halter der Landschaften und Köͤnigreiche anzeigt, welcher von den
übrigen Baschen und Sangiaken, so gleichfalls gewissen Grafschaf
ten und Plätzen vorstehen, auch ein oder zwey Roß⸗Schweif füh
ren, damit unterschieden wird. Selbigen Tag kamen wir nicht
weiter als zwey Meilen, an den Fluß Kutinska / wo wir das Dorf
Kori
- 105 - Abbildung: Türkisches Bad
- 106 - - 107 -
Reise von Nissa bis nach Sophia.

79

Koritniac zur linken Hand hatten, und zwar darum, weil noch
heute Courier nach Wien muste abgefertiget werden, Jhro Roͤ
misch⸗Kaiserlichen und Catholischen Majestät von allem
diese Zeit über passirten umständliche Nachricht zu ertheilen. Von
dem Tag an, da wir von Belgrad abgereißt, haben wir noch bis
auf diese Stunde kein schoͤnes Wetter gehabt, sondern sind immerzu
von Wind und Schnee haͤßlich vexirt worden.


Suha⸗Ge
bürg.
Den 23. Junj hatten wir einen gar uͤblen Weeg zwischen dem
Suha⸗Gebürg und dem Nissava⸗Fluß. Dieser Orten gibt es viel
warme Bäder von dem schweflichten und mineralischen Wasser, so
aus den Bergen heraus springet. Der rothe Sand und Steine
verursachen, daß das Wasser ganz gefärbt davon wird. Auf dem Nah bey
sammen
liegende
Bäder von
unterschied
licher Art.

halben Weeg nach Mustapha Bascha Palanka habe ich etwas
curiöses angemerkt: Man findet nemlich am Fuß des Berges ein
Bad, darzu ein viereckichter Stein ausgehauen ist, desselbigen Quel
le, welche Manns dick heraus dringet, ist weder warm noch kalt,
sondern laulicht; wann man aber 60. Schritt weiter gehet, findet
man in eben diesen Thal eine andere Quelle, die ganz hell und klar
und noch darzu Eiß kalt ist; beide führen Salpeter und Schwefel
mit sich, wie es der Geruch gleich anzeigt. Dieses sind diejenige
Berge, die Servien und Bulgarien von einander entscheiden, Gräͤnzen
von Ser
vien und
von Bulgarien.

welches letzte man ehedessen Volgaria nennete, von dem Scythischen
Fluß Volgo / wohin sich die Scythen gefluͤchtet hatten, und
welchen die Völker daselbst Volgari genennet worden; dahero die
jenige Geographischen Scribenten irren, welche Mustapha Ba
scha noch in Servien setzen. Wir hatten unser Lager nicht weiter
als nur einen Canonen Schuß von diesem Ort zwischen der Nissa
va und Luschnitza / und vor uns disseits das Zerniwirer / jen
Luschnitza
Fluß.
seits aber das Ulanitzer Gebürg. Die Luschnitza entspringt in
dem Gebuͤrg, zur rechten der Palanka; und nachdem sie ein Dorf
gleiches Namens und die obere Palanka schnell und mit grossem Ge
räusch vorbey geflossen, ergiesset sie sich in die Nissava. Auf die
Orden des
H. Basilii.

sen Bergen ist ein Closter, worinnen sich Moͤnche von dem Orden
des H. Basilii aufhalten, und nach der Regel ihres Stifters als Ein
siedler leben. Es ist solches der ansehnlichste Orden in der Grichi
schen Kirche, dessen Geistliche durch das ganze Reich des Sultans
aus
- 108 -
80

Erstes Buch / Sechste Abtheilung /

ausgebreitet sind, ihre Clöͤster noch, wie zu Zeiten der Grichischen
Mustapha
Bascha Pa
lanka.
Kaisere, bewohnen, und ein sehr strenges Leben führen. Diese Pa
lanka ist ganz anders als die uͤbrigen angelegt: Jhre Befestigungs
Werker sind nur von Bäumen, gespitzten und vorn abgebrannten
Pfälen aufgeführt, und mit Queer-Stangen etlichmal versehen:
Sie ist mit einer vierfachen Mauer von Quater⸗Stüͤcken umgeben/
die von acht in gleicher Weite entlegenen Thüͤrnen vertheidiget
wird. Zu dieser Zeit war keine Besatzung darinnen; wie sie dann
auch wegen der nechst anstossenden Bergen und Felsen nicht im
Stande wäre, weder eine Armee aufzuhalten, noch sich vor einem
Anfall zu wehren, weil sie daraus nur mit kleinem Gewehr ruinirt
Haan oder
öffentliche
Herberge
der Tür
ken.
werden könnte. Gegen der Palanka über liegt eine offentliche Her
berge, so die Türken Haan, die Asiatischen Völker aber Cara
vansarai nennen, welche in diesen Landen so gemein, daß kaum
ein Dörflein oder auch wol nur etliche Haͤuser, vornemlich an der
Land⸗Strassen, anzutreffen, dabey nicht dergleichen Wohnung zur
Gemächlichkeit und Aufenthalt der Reisenden gebauet ist. Es kehrt
daselbst ein, wer nur will, und kamen auch ohne einige Bezahlung
darinnen üͤbernachten, dann die Türken halten es für ein Liebes
und GOtt⸗gefälliges Werk, dergleichen Häuser, wovon sie keinen
Nutzen haben / aufzubauen, weil sie denenjenigen dienen, welche we
der ein eigenes Dach, noch Geld haben: So wende sie auch nicht
leicht auf etwas so viel, als wie auf dergleichen Gebäͤue, theils
weil deren die Nachkommen unfehlbar geniessen, als eine Sache,
woran man sich nicht vergreifen darf; da sie im Gegentheil wegen
ihrer uͤbrigen Verlassenschaft nicht sicher genug sind / dessen gröͤsten
Theil der Sultan zum öftern ohne angezeigte Ursach zu sich nimmt,
und seine Schatz⸗Kammer damit bereichert: theils, weiln sie nicht
zweifeln, daß man GOtt für diejenige beständig anflehe, durch de
ren Freygebigkeit dergleichen Herberge aufgeführet sind, als wor
durch denen Nothleidenden Hüͤlfe geschiehet, und ihre benöͤthigte
Nacht⸗Ruhe befördert wird. Das Gebäu an sich selber ist zimlich
groß, und durchgehends von Steinen aufgefuͤhrt, welches die Tüͤr
ken sonst nicht gewohnt sind, als die mehrentheils alles von Holz
bauen; es ist etwas länger als breiter, ins gemein mit Kupfer oder
Bley bedeckt: keine Zimmer findet man darinnen, es sey dann,
daß bisweilen ein kleines für die Bascha mit angebauet ist, wann
sie
- 109 -
81

Reise von Nissa bis nach Sophia.

sie darinnen logiren wollen. Im Vorhof ist gemeiniglich ein Brun
nen, zum Waschen und andern Nothwendigkeiten; in der Mitte
aber ein grosser leerer Platz, die Bagage dahin zu bringen, und die
Cameel, Maulthiere, Pferde, Ochsen und anderes Vieh darein zu
stellen. Um die vier Seiten des Gebäͤues ist rings herum eine an
dere Mauer angehenkt so in der Hoͤhe drey, in der Breite aber
bisweilen einen einigen Schuh mehr austrägt: diese ist oben ganz
gleich, durch die Haupt⸗Mauer des Gebäͤues aber sind unterschiedli
[che] Rauchfänge geführt. Erst bemeldte angehenckte Mauer dienet de
nen, welche allhier einkehren, zum Schlaff Zimmer / Speiß Saal,
Tisch, Bett und allem andern, sind auch nur allein durch die Brei
te dieser Mauer von ihrem Vieh abgesondert, welches so gar bis
weilen an den Fuß dieser Mauer in solcher Positur angebunden ist,
daß es mit dem Kopf uͤberhin schauet / und ihren Herrn, welche et
wan bey dem Feuer oder Tisch sitzen, eine kleine Visite gibt, wofüͤr
sie auch zu Zeiten mit einem Stuck Brod oder Ruͤben regalirt wer
den. An statt des Betts breiten sich die Reisende einen Teppich
auf, den sie zu dem Ende hinten auf dem Sattel gebunden mit fuͤh
ren, auf diesen legen sie statt des Unter⸗Betts ihren Regen⸗Man
tel, der Sattel dient ihnen zum Haupt⸗Kuͤssen / und ihr langer mit
Pelz gefütterter Rock, mit dem sie sich bey Tag begleiten, muß ih
nen hier bey der Nacht das Deck⸗Bett abgeben; und wann ihnen
noch darzu die Ausdampfung ihres Viehes die kalte Nacht⸗Luft er
wärmet, so schläͤft mancher dabey ruhiger, als die Koͤnigin Pro
serpina in ihrem Königlichen Bette. Hier kan man nichts heim
lich verrichten, und durch nichts als die Nacht den Augen der An
wesenden in etwas entzogen werden. An einige stossen Bäder, Kir
chen, Kaufmanns⸗Läden und Werkstätte, so daß die Reisende sich
waschen, ihr Gebet verrichten, das Vieh in die Traͤnke fuͤhren, und
was ihnen sonst etwan abgehet, fuͤr baares Geld haben koͤnnen. Jn
einigen
dergleichen
Herbergen
hat man
die Kost
umsonst.

Asien gibt es welche, die mit so reichen Einkuͤnften versehen, daß Jn
man den Reisenden auch die Kost umsonst reicht, welche in ein we

nig Kraut, einer Schuͤssel Gersten oder Reiß, der oft mehr ge

brannt als gekocht ist, einem darauf gelegten Stuͤcklein Fleisch und
rings um die Schuͤssel gelegten Brod, bestehet, worzu bisweilen
noch ein wenig Hoͤnig kommt, dabey man auch des Wassers nach
Vergnüͤgen umsonst trinken kan. Es wird aber dergleichen Kost nicht
etwan

L
- 110 -
Erstes Buch / Sechste Abtheilung /

82

etwan nur den Armen vorgesetzt, gleich als ob es denen Reichen und
Vornehmern nicht gut genug seyn duͤrfte, sondern es wird auch de
nen Baschen und Sangiaken auf ihrer Reiß gereicht; dann
gleichwie diese Herbergen jederman offen stehen, und keinem das
Quartier versagt wird, er seye nun gleich ein Christ oder Tuͤrck, ein
Armenianer oder Jud, ein Römer oder ein Grich, reich oder arm:
also bringt es die Gewonheit mit sich, daß diese Speisen jederman
vorgesetzt werden, von welchem er, will er anders nicht für gar zu
delicat und unhöͤflich gehalten werden, wenigstens etwas kosten muß.
Allhier darf man sich drey Tage aufhalten, ohne daß einer was
bezahlt, aber nach deren Verfliessung muß man sich packen, und ein
ander Ort suchen. Wir haben uns für diesesmal in der Hinreisse
wegen der grossen Anzahl unserer Leute, und der dieser Orten gras
sirten Pest solcher Gelegenheit nicht bedienen koͤnnen, ist auch zum
öftern der Pferde besser als unserer gepflegt worden, welche meisten
theils unter den druckenen Daͤchern stunden, wann wir indessen unter
den leinern und Baumwollenen Gezeltern unser Nacht⸗Quartier
aufschlagen musten. Wir wollen aber nun einmal die Herbergen
verlassen, und wieder auf denjenigen Weeg kehren, von dem wir uns
eine zeitlang abgewendet haben.


Man kan nicht anderst, als nur durch einen einigen Weeg
Unbrauch
barer Weg nach So
phia.
über Scharkioi nacher Sophia kommen / welcher aber wegen der
hohen Berge, grossen Wälder und vielen Lacken für eine Armee im

passabel ist, sonderlich aber zur Früͤhlings⸗ und Herbst⸗Zeit, wann
der auf den Bergen liegende Schnee durch dem darzu kom̃enden Regen
die Thäler mit Wasser anfüllet: daselbst sind einige Oerter von
Natur also beschaffen, daß derjenige, so sie zu erst occupirt, mit
weniger Mannschaft eine ganze Armee abhalten kan. Durch diesen
Weeg sind wir mit grosser Beschwehrlichkeit marchirt, und nach ei
ner Zeit von fuͤnf Stunden, am 24. Juni, als am Johannes⸗Tag,
Die Ve
stung
Scharkioi.
zu Scharkioi ankommen. Diese Stadt hat auf einem Berg, an
welchem die Nissava vorbey fleußt, und worein sich noch zwey ande
re Flüsse, die Duschtina und Sredorek ergiesen, ein Schloß
gleiches Namens, vor welchen im vorigen Tüͤrken⸗Krieg unsere Sol
daten 19. Tag gelegen; allein der gegen überliegende Felsen verhin
dert, daß man bey einer Belägerung die Stadt nicht mit Stucken
beschiessen kan: weil aber der Platz eng / würden die Bomben und
Gra
- 111 -
83

Reise von Nissa bis nach Sophia.

Granaten ohne Zweifel eine desto gröͤssere Würkung thun. Aus
erst bemeldten Felsen quillet an unterschiedlichen Orten das hellste
Wasser herfür, welches durch geheime Röͤhren unter der Erden in
den Stadt⸗Graben und die Stadt selbst geleitet wird. Dann man Die schön
sten Brun
nen sind in
der Türkey.

muß wissen, daß, weil die Tuͤrken, vermoͤg ihres Gesetzes, keinen
Wein trinken, sie an keine Sache mehr Geld, als an Erbau

ung der Brunnen wenden, weswegen auch in der That in ihrem
Lande die allerschoͤnsten anzutreffen sind, und dieses nicht allein in
Städten/ sondern auch auf dem Land und andern unbewohnten
Oertern, damit sich nemlich die Reisende, und diejenige, so auf dem
Feld arbeiten, bey grosser Hitze wieder erfrischen koͤnnen; so geschie
het es auch wol zu Zeiten, daß das Wasser, wann es einen guten
Geschmack hat, viele Meilen mit den groͤsten Unkosten durch Röͤh
ren in die Brunnen geleitet wird. Gemeldte Stadt ist in die Laͤnge ge
bauet, und allenthalben mit Morast umgeben, weswegen man auch
die Land⸗Strassen mit Kieselsteinen pflastern muͤssen, weil ohne die
ses die Wägen nicht wol wuͤrden fort zubringen seyn. Der Weeg
von Nissa her füͤhrt üͤber zwey Brüͤcken, deren eine uͤber die Dusch
tina / die andere üͤber die Nissava geschlagen ist. Hundert Mann Ja
nitscharn liegen darinnen in Besatzung; allein, wann auch gleich noch
mehr darinnen wären, wuͤrden sie doch den Feind an seinen March
nicht hindern, es sey dann, daß er sich selbst dafuͤr mit einer Belä
gerung aufhalten wolte, weil sich der Weeg nach Sophia und Ha
drianopel theilet, also daß sich eine Armee ohne einigen Nachtheil
zur Rechten gegen das Gebürg wenden könnte.


Als die Tüͤrken den Herrn Groß⸗Botschafter anrucken saDer Herr
Botschaf
ter wird be
schossen.

hen, haben sie ihre drey Stuͤcke, dann mehr hatten sie nicht, drey
mal loß geschossen. Indem wir der Stadt naͤher kamen / beobach
tete ich im Vorbey⸗March gegen das Schloß zu eine alte zerfallene
Kirche, die sie ehemals den Catholischen entzogen hatten, welche
unter ihren Ruin ihre Erretter gleichsam mit folgenden Worten an
redete: Ach daß doch die Christlichen Füͤrsten alle Feindse
ligkeiten unter einander moͤgten beyseits legen/ und in gu
ter Verstäͤndnus mit einander leben/ hingegen die Waf
fen / mit welchen sie sich selbst aufreiben, gegen den allge
meinen Feind des Christlichen Namens kehrten, und die
jenige Oerter/ welche er mit groͤstem Unrecht besitzet/
der

L 2
- 112 -
84

Erstes Buch / Sechste Abtheilung /

der Kirchen und ihren rechtmaͤßigen Herrn / welchen es
mit Gewalt entzogen worden / wieder zubraͤchten! Aber
Jhro Röm.
kais. Ma
jestät Sie
ge / durch
einen an
dern Krieg
verhindert.
du wuͤrdest ja wol schon gerochen seyn, und dieses Wunsches nicht
mehr nöthig haben, wo nicht der Aller⸗Christlichste und Gotts
fürchtigste Kaiser durch eines Gotts⸗ und Ehr⸗vergeßnen Men
schen böse Rathschläge, mitten im Frieden, ohne vorher angekündig
ten Krieg / und noch darzu mit solchen Mitteln, die man unter
einem heiligen Vorwand aus den Kirchen⸗Gütern gezogen, in sei
nen Ländern zu derjenigen Zeit wäre angegriffen worden, da Er in
einem andern und heiligen Krieg mit dem Türken war verwickelt
gewesen, wobey Er freylich einer längern Ruhe mit andern nöthig
gehabt hätte, wo nicht der glückliche Fortgang Seiner siegenden
Waffen mitten in ihren Lauf solte gehemmet werden; dann hätte
man Jhm nur noch eine kurze Zeit gegöͤnnet, wuͤrde Er Sich
durch die Göttliche Hüͤlfe bald in den Stand gesehen haben, den
Erb⸗Feind, welchen Er bereits von den Gränzen verjagt, ins kuͤnf
Die Ein
wohner der
Stadt und
Kauf
mannschaft
tige allein gewachsen zu seyn, und dessen Macht zu widerstehen Doch
wir erwarten nun die Erfüllung des gethanen Wunsches zur an
dern Zeit, und wenden uns indessen zu den Einwohnern dieser
Stadt, welche gegenwaͤrtig, wie auch durchgehends in der Türkey,
von Musulmäͤnnern / Raitzen / Grichen und Armeniern be
wohnt ist. Diese treiben Kaufmannschaft unter einander, befleissi
gen sich aber dabey der Redlichkeit vielmehr, als die Christen selbst,
wann diese gleich von einerley Religion sind. Jhre Wahren beste
hen nur in gemeinen und zur Küͤche und Kleidung gehöͤrigen Sachen:
und ihre Häuser sind um etwas weniges gröͤsser, als sonst hier zu
Land gewöhnlich ist.


Wir schlugen unser Lager in einer Ebne bey dem Fluß Sre
doka auf, und waren noch immer mit Bergen umgeben, davon
dieser zur Rechten Baßurat / der zur Linken Widisch genennet
wird, welcher noch zwey andere Namen von zweyen Spitzen füh
Fruchtbar
keit des
Erdreichs
ret, nemlich Bassari und Deposchi. Seit dem wir über die Un
garischen Gränzen kommen, haben wir noch kein fruchtbarer Erd

reich als dieses gefunden, und das also angebauet gewesen ware; sin
temaln die Erde vor Fetten ganz schwarz ist, auch Getraid und
Wein im grösten Uberfluß daselbst wächset. Hierbey ist wol zu


bemer
- 113 -


85

Reise von Nissa bis nach Sophia.

bemerken / daß unter den Grichen oder Raitzen dieses Landes, und Unterschied
der Raitzen
dieser und
anderer Ge
genden.

denen, welche anderswo wohnen, ein doppelter Unterschied seye: der
erstlich, haben sie den Gebrauch, daß, wann sie sich mit dem Heil.
Creutz bezeichnen, sie nach unserer Art die Hand von der linken zur
rechten Seiten fuͤhren, da hingegen die andern von der rechten zur
linken gehen, theils weil sie dafüͤr halten, daß der Heil. Geist vom
Vatter allein und nicht vom Sohn ausgehe; theils, weil insgemein,
und zwar sehr wahrscheinlich, gelehret wird, daß Christus die Ju
den verworfen, und an deren statt die Heyden zu Jüngern ange
nommen habe. Der andere Unterschied bestehet darinnen: daß sie
nach dem Exempel der alten Roͤmer, noch in Geschlechter ausgethei
let sind, also zwar, daß, wann ein Sohn zu einem solchen Alter
kommt, worinnen er sich verheyrathen kan / er auf vätterlichen
Grund für sich und seine Braut ein Hauß aufbaue, wann er nicht
sonst schon ein leeres daselbst findet, und dieses geschiehet so vielmal,
als das väterliche Erb solches zu ertragen geschickt ist; wann aber selbi
ges nicht mehr im Stand, was mehrers zu ertragen, muß er von
dar weichen, und sich eine andere Wohnung suchen. Bey den an
dern Raitzen aber ist es grad umgekehrt, angesehen selbige, so bald
sie sich verheyrathen, mit einem Stuͤck Geld sich muͤssen wegrich
ten lassen, und anders wohin ziehen, damit die gemeinschaftliche
Besitzung der Güter nicht, wie es mehrentheils geschiehet, Uneinig
keit und unversöhnlichen Haß verursache.


Den 25. hielten wir Rast⸗Tag / weswegen der Herr BotHn. Bot
schafters
Einladung
von dem
Cadi zur
Fischerey.

schafter samt seinem Adel und unserm Füͤhrer dem Mehemet
Aga / von dem Cadi oder Richter dieses Orts in einen vor der
Stadt gelegenen Garten zu einer Fischerey eingeladen worden, da
sich unterdessen die andern mit der Jagd divertirten. Als ich die
grosse Zubereitung zur besagten Fischerey machen sahe, bildete ich mir
nicht ohne Ursach ein, es würde da nichts als Salmen, Forellen,
Platteise / Hechte und andere delicate Fische zum besten geben; wie
man aber darzu sahe, waren es zwey kleine Fischlein, welche diese
elende Fischer mit aller ihrer Zuruͤstung erwischt, und wuͤrden sie
auch diese nicht einmal davon gebracht haben, wann der Himmel
nicht gleichsam selbsten ein Mitleiden mit ihrem ungeschickten Wesen
gehabt, und sein helles Wetter, welches sonsten zum Fischfang
nicht wol dienlich ist, mit trüben Wolken verwechselt, und also
die

L 3
- 114 -
86

Erstes Buch / Sechste Abtheilung /

diese vortrefliche Fischer im truͤben Fischen lassen, jedoch gleichwol;
Ein Vene
tianischer
Soldat
nimmt seine
Zuflucht zu
uns.
wegen ihrer Unerfahrenheit, mit schlechtem Vortheil. Unterdessen
kam ein Venetianischer Soldat, von Geburt ein Tyroler, zu

uns, welcher neulich in Morea gefangen worden, jetzt aber sei
nem Herrn heimlich darvon gelaufen ware; dieser suchte seine Zu

flucht bey der Botschaft, welche er auch gefunden, wiewol er sich
schon aus Furcht der Pein und Grösse der Schmerzen zum Abfall
bringen und beschneiden lassen, jedoch nichts destoweniger, seiner
Meinung nach / im Herzen noch ein guter Catholischer Christ ge
blieben.


Der Türki
schen Sol
daten Geil
heit und Muthwill.
Die darauf folgende Nacht, nemlich zwischen den 25. und 26.
Junii, ist kein geringer Lermen in unserm Läger entstanden, daß wir
auch anfangs nicht gewust, was wir davon halten solten; endlich
aber fand sich, daß die Tüͤrkischen Soldaten bey der Nacht unge
fehr zu einigen Bulgarischen Weibern gerathen, und sich ihrer, wie her
nach erzehlt worden, durch Versprechen zu bedienen gesucht; weilen
aber diese sich beständig geweigert / haben sie Gewalt gebraucht: ob
sie sich aber durch ihr Geschrey aus den Häͤnden dieser leichtfertigen
Vögel errettet, haben wir so genau nicht erfahren, noch auch ihnen
in ihrer Noth wegen des darzwischen liegenden Wassers, beystehen
können. Sie haben auch schon dergleichen in dem Lager vor Nissa
tendirt, sind aber dabey noch ungluͤcklicher als hier gewesen; sin
temaln gleich einige aus dem Adel mit dem Degen in der Hand den
Nothleidenden zu Hülf gekommen: wie dann sonderlich die zwey
Grafen von Kollovrath und der Graf von Scherfftenberg
alsobald bey der Hand gewesen, und weil sie nicht wußten, aus was
Ursach der Tumult entstanden, auch wol was gefaͤhrlichers muth
maßten, mit entbloͤsstem Gewehr aus den Zelten gesprungen, ohne
daß sie sich Zeit genommen häͤtten, ihre Kleider anzuziehen, zu ei
nem unverwerflichen Zeugnuͤß, wie sie sich jederzeit wuͤrden bereit
finden lassen, für die Ehre ihres Kaisers / und Sicherheit ihrer
Cameraden das Leben aufzusetzen.


Den 26. dito sind wir durch enge Thaͤler laͤngst der Nissava
Gelegen
heit des
Ortes Sa
ribrod.

fort marchirt, bis wir auf Saribrod gekommen, welcher Name
nach unserer Sprach so viel heißt, als des Kaisers Bart, und ein
an einem nicht gar hohen Berg hangendes Dorf ist. Gegen dem

selbi
- 115 -
Reise von Nissa bis nach Sophia.

87

selbigen über haben wir unser Läger geschlagen, und zur linken
das oben oͤde unten aber und in der Mitte sehr fruchtbare Stara
plamina⸗Gebuͤrg im Gesicht gehabt, welches sich bis nach Widin
erstrecket: am Fuß des Berges ist ein crystallen heller Brunnen,
und zwey uͤber die Nissava geschlagene Brücken, davon die eine von
gehauenen Steinen, die andere aber von Eichen⸗Holz verfertiget ist.
Diese letztere ist viel breiter die erstere aber desto höher, ohne
Zweifel darum, damit im Kriegs⸗Zeiten im Fall der Noth eine Ar
mee in gedoppelter Ordnung, zu Fuß und zu Pferd heruͤber gehen,
und dann auch die Reisende sich der steinernen Brüͤcken bedienen
konnen, wann etwan / wie es öfters geschiehet, und wir auch noch
im Vorbey⸗Zug Merkmal davon gefunden, durch den von Regen
und Schnee geschwellten Fluß das Land samt der hoͤlzernen Brüͤcke
unter Wasser gesetzt worden. Der Commendant dieses Orts ist
unserm Herrn Groß⸗Botschafter mit einigen Reutern entge
gen kommen, hat seine Begruͤssung bey Jhm abgelegt, sich so dann
neben den Wagen verfuͤgt, und ist bis vor die Palanka darbey her
geritten. Diese Commendanten⸗Stelle aber ist ihm mit dieser
Bedingung uͤberlassen worden, daß er den Ort bevestigen solte, wel
ches er auch vortreflich præstirt: Er hat nemlich einen aus Leimen
und Stroh aufgefüͤhrten Bauern Hof mit Pfäͤhlen umsetzt, selbige
mit Binzen zusammen flechten und natuͤrlich einen solchen Zaun da
rum füͤhren lassen, wie bey uns diejenige aussehen, worinnen man
Schaafe und Ziegen auf der Waide gehen laͤsst; wordurch er gleich
wol zu wegen gebracht, daß dieses Befestigungs⸗Werk mit dem Na
men einer Palanka belegt wird, und sich die Fremden leichtlich
einen Concept von einer auserlesenen Vestung im Kopf setzen koͤn
ten. Die Einwohner dieses Orts und deren Benachbarte sind von Der Ein
wohner
Freyheit.

allem Tribut auf ewig befreyet, weilen sie im vorigen Krieg, da
Nissa noch in unsern Häͤnden war, unsere Soldaten, so unter An
führung des Grafen Piccolomini bis nacher Sophia und Phi
lippopoli gestreifet, und die herum liegende Landschaft mit Feuer
und Schwerdt verheeret, in einer Enge umgeben, und bey dem
Dorf Dragoman, als sie sichs am wenigsten versehen / mit Si
chel und Hauen angefallen, und nicht wenig davon zu Schanden ge
macht; den Wald aber / wo dieses vorgegangen, nennen die Tür
ken Capi Dervent, das enge Thor: den üͤbrigen Tag haben wir hier - 116 -
88

Reise von Nissa bis nach Sophia.

Zwey Rin
ger præsen
tiren sich
vor dem
Hn. Bot
schafter.
hier gerastet. Des Nachmittags, da der Herr Botschafter noch
bey der Tafel saß, kamen vor sein Gezelt zwey ganz nackende und
mit Oel bestrichene Ringer / welche auf des Mehemets Befehl
Jhme ein angenehmes Schau⸗Spiel verursachten. Jch habe aber
die Aufführung solcher Leute bey ihrem Kampf ausführlich zu be
schreiben verspahren wollen, bis wir auf den Canal des schwarzen
Meers in ein Kaiserl. Lust⸗Haus kommen, allwo wir auf Befehl
des Groß⸗Sultans in Gegenwart des Groß⸗Viziers Jbra
him Bascha dergleichen Schau⸗Spiel ebenfalls mit angesehen
hatten.


Am 27. Juni haben wir uns durch das felsichte Gebuͤrg Je
schewitz an der Nissava und dem zerfallenen Dorf Dragoman
vorbey, wo der Weeg nach Widin gehet, nacher Chalkali / oder
wie es andere von dem vorbey fliessenden Strom nennen, Slibni
Ursprung
der Nissa
va.
ka begeben. Durch diesen Felsen fließt die Nissava, welche nicht
weit davon aus einem Berg zur rechten Hand gegen Sophia / 4.
Stund von dem vorigen Ort, entspringt, so schmal, daß man ganz
bequem daruͤber hinspringen kan. Weder in diesem Dorf noch in der
ganzen Gegend ist ein fruchtbarer Baum, wegen der Hitz und
schlechten Beschaffenheit des Erdreichs, anzutreffen. Als wir von
dar wieder aufgebrochen, kamen wir den 28. dito nach einer Reise
von sechs Stunden nach Obelia, von dar wir aus unserm Lager
Werbniza, so an dem Bach Philippovza liegt, und besser hin
Der Türken
Hoffarth
und Grob
heit.
Jlianch sehen kunten. Jndem nun von daraus die Grafen Thier
heim und Scherfftenberg in die Stadt Sophia giengen, haben
sie der Türken Hochmuth und ungeschliefenes Wesen zu erst em
pfunden. Dann daselbst kamen sie in eines Bascha oder vornehmen
Mannes Hauß / der seine Freunde auf eine Abend⸗Malzeit zu sich gela
den hatte, von deme sie so gleich zu den Bedienten gewiesen wurden,
bey welchen sie sich nach Gefallen lustig machen solten; weil sie sich aber
billig vor besser achteten, als dieser ihre Herrn selbst, welche vermuth
lich von knechtischen Eltern gebohren, und auf knechtische Weise
tractirt worden, bedankten sie sich zum schoͤnsten füͤr so grosse Höͤf
lichkeit, und nahmen, ohne eine andere Ursach zu melden, ihren Ab
schied. Die Türken muthmaßten hieraus, wie die Sache an sich selb
sten war, daß diese Herren von Adel seyn muͤsten, weil sie nicht mit so - 117 -
Beschreibung der Stadt Sophia.

89

so erbarer Gesellschaft speisen wolten, und sie derowegen wieder zu
ruck ruffen, invitirten sie zu sich räumten ihnen die Ober⸗Stelle
ein, bedienten sie mit Rauchwerk und tractirten sie im uͤbrigen auf
das höflichste. Es wurde auch selbigen Tag der Ingenieur-Haupt
mann Herr von Oebschelwitz, noch in die Stadt geschickt, die
Quartier für uns zu bestellen; worauf wir von Obelia nacher So
phia gangen sind.



Siebende Abtheilung.


DJese Stadt Sophia ist vom Kaiser Justinianus erbauet, Erbauung
der Stadt
Sophia.

nicht aber von einer jüngern Sophia und Prinzeßin von des
Kaisers Justini II. Gemahlin, welche mit jener gleichen Na
men gefuͤhret haben soll, wie doch die Tuͤrken, als welche in der Hi
storie schlecht bewandert, faͤlschlich vorgeben, und noch viel andere
fabelhafte Sachen von dieser Jungfrau, welche wol niemal in re
rum natura gewesen, erzehlen. Dann da sagen sie, es seye dieselbi
ge lange Zeit sehr krank darnieder gelegen, weswegen sie auf Einra
then der Leib⸗Aerzte sich einen erhabenen Ort ausgesucht, wo sie ge
sunde Luft und gutes Wasser antreffen wuͤrde, und weil sie gefun
den, daß sie in beiden Stücken allhier vergnuͤgt worden, angesehen
in der ganzen Tuͤrkey kein besseres Wasser noch gesundere Luft, als
hier, zu finden, habe sie zur Dankbarkeit an diesen Ort eine Stadt
und nachgehends auch eine Kirche aufbauen und nach ihrem Namen
nennen lassen. So wird nicht weniger von ihr erzehlt, daß / als
sie vor ihres Bruders Verfolgung sich in die Kirche retirirt, und er
sie eben bey dem Eingang derselbigen noch ergrieffen, auch ihr mit ei
nem Messer / welches er bereits schon gezuckt / einen tödtlichen
Stoß beybringen wollen, sie in der Kirchen⸗Thuͤr augenblicklich ver
schwunden seye. Sie wird auch deswegen noch für eine heilige Frau
von ihnen gehalten, welche GOTT wegen ihres frommen Lebens
nicht umbringen lassen, sondern von der Gefahr erretten und schnur
stracks in den Himmel nehmen wollen; worzu sie noch setzen, daß
der Bruder nicht weit von hier ein Schloß gehabt, wovon sie einem
noch zur linken Hand, wann man von Nissa kommt, am Ende der
Stadt die Mauern weisen. Die Bojana / welche andere Jscha nen
nen,
M
- 118 -
Erstes Buch, Siebende Abtheilung /

90

Sophia ist
die HauptStadt in der
Bulga
rey.
nen, flieset zum Theil neben der Stadt vorbey, an einigen Orten
aber auch mitten hindurch. Die Stadt selbst ist zimlich groß und
Volkreich, woselbst die Bulgarischen Könige ihren Sitz gehabt,
hernach aber, wo ich nicht irre, die so genannten Despoten des
Königreichs Servien, und dieses so lang, als jene Familie gestan
den, bis endlich Lazarus durch des Sultans Amurath Waffen
erliegen muste. Nunmehr hat der Stadthalter in Thracien seinen
Aufenthalt allhier, wann er im Lande ist, und nicht etwan wegen des
Kriegs oder anderer des Kaisers und des Landes Affairen sich anders
Der Stadt
halter in
Thracien.
wo aufhalten muß. Anjetzo ist dem Türkischen Botschafter, so sich ge
genwärtig bey dem Wienerischen Hof aufhält / diese Stadthalter
schaft gegeben worden, ehe er seine Reise nach Teutschland ange
tretten, führt es aber mehr mit dem Namen als mit der That, nur
damit dieser Groß⸗Botschafter ein groͤsseres Ansehen uͤberkä
me, wann er seine drey Roß⸗Schweife in besagter Kaiserlichen
Residenz vor sich hertragen liesse; dahingegen der Seraskier von
Nissa den Namen mit der That besitzet.


Die Häͤuser sind allhier weit schöͤner als an andern Orten,
worunter auch viele Palläste und Serrallien sind / doch alles nach
Gebäu der
Türkischen
Palläste.

Türkischer Art gebauet. Die Zimmer gehen oder henken vielmehr
oben in einander, so daß man durchs Gegitter von einem ins
andere sehen kan, welches vielleicht wegen der Weiber also einge
richtet ist, damit die eifersuchtigen Mäͤnner auf all ihr Thun und
Lassen Achtung geben koͤnnen; sie sind zimlich klein, und in unter
schiedliche Verschläge und Kästen eingetheilt. Der gröͤste Theil der
Bühne ist ein Werk⸗Schuh hoͤher, als der uͤbrige; weswegen, wann
man selbige besteigen will, man vor erst auf der vorhergehenden die
Schuhe ausziehet; dann man muß wissen, daß die Tüͤrken den Ge
brauch haben, wie ich an einem andern Ort schon gemeldet, wann
sie in ein Zimmer gelassen werden, daß sie vorher die unreinen Schu
he entweder bey der Thuͤr oder dieser Staffel abziehen, welches auch
Unter
schiedliche
Gattungen
der Schuhe
bey den
Türken.
die vornehmen Personen zu thun gewohnt sind: Zu dem Ende haben
sie zweyerley Gattung der Schuhe, davon die innere an die Hosen
geheftet, die äussern aber wie Stifeln gemacht sind, deren sie sich
zum Ausgehen bedienen; so ist auch noch eine dritte Art bey ihnen
gebraͤuchlich, die sie Paposchen nennen, und uͤber die innere anzie
hen, wann sie die aͤussern abgelegt haben: Jener höͤhere Theil aber
ist
- 119 -
Beschreibung der Stadt Sophia.

91

ist mit Persianischen, Babylonischen, Prusianischen oder SmyrZierde der
Türkischen
Zimmer.

nensischen Teppich belegt, nachdem es nemlich eines jedweden Gele

genheit oder Beutel zu läßt. Die Türkische Polster, so auf wölle

nen Matten der Lange nach auf dreyen Seiten herum liegen, formiren
ein eben so langes Bett, so sie Sofaus nennen, worauf sie fast Türkische
Weise zu
sitzen.

den ganzen Tag, wann ihnen sonst nichts daran verhinderlich ist,
müssig sitzen, ihre Fuͤsse, wie bey uns die Schneider / creutzweiß über
einander schlagen, und in solcher Positur geschäftig ihren Toback rau
chen: sie empfangen allhier die Gaͤste, ihre Weiber verrichten ihre
Hand⸗Arbeit darauf, sie essen, schreiben und schlaffen daselbst.
Dann man trifft in den Zimmern der Tuͤrken weder Sessel, noch Türkische
Zimmer.

Bänke, noch einigen andern Haußrath an, als etwan zu Winters
Zeit ein niedriges Geruͤst, das einen Tisch gleichet, und mit einem
dicken Tuch bis auf die Erde bedecket ist, worunter ein irrden mit
Feuer angefülltes Geschirr stehet; auf dem Land aber haben sie zu
weilen in ihren Lust⸗Gärten einen aus Marmel gehauenen Brunnen,
damit sie Wasser zum Waschen bey der Hand haben: in vielen
Zimmern stehet auch in der Mitten ein kleiner Rauchfang, der wie
ein Kegel gespitzt hinauf gehet, und etwas vorwäͤrts haͤngt, welcher
von Gips gemacht, auch zu Zeiten mit Farben angestrichen und mit
Gold ausgeziert ist. Das obere Getäfel nebst den Wäͤnden sind
von Schindeln oder vielmehr hoͤlzernen Leisten, mit Perlen⸗Mutter
eingelegt und mit Gold und Farben auf das zierlichste gemahlt, daß
also manchmal dergleichen Zimmer vor etliche tausend Ducaten zu
stehen kommt. Die Fenster⸗Scheiben sind in Gips oder Kalk gleichTürkische
Fenster.

wie bey uns mit Holz oder Bley, eingefaßt, und sehen den Fenstern
in denen alten Kirchen nicht ungleich, machen eine laͤnglichte Figur,
und sind oben entweder ganz oder laͤnglicht rund, auch mit Gold oder
Farben bemahlt und eingebrannt, durch welche die im Kalk oder
Gips formirte Buchstaben gesehen werden, sind auch manchesmal
doppelt gegen einander den Wind desto besser abzuhalten. Hier
durch nun fället das Licht in die Zimmer, in den Bädern aber wird
solches von oben hinein geleitet; und diese stehen so hoch üͤber den ErdHöhe der
selben.

Boden, als man mit der Hand reichen kan, damit ihre Weiber nicht
überall herum sehen können: wann aber ja zuweilen einige niedri
ger stehen / sind solche entweder voͤllig mit Holz vermacht, oder doch
also mit Gittern verwahret, daß man zwar von innen hinaus aber
von

M 2
- 120 - 92
Erstes Buch / Siebende Abtheilung /

von ausen nicht hinein schauen kan, welches sie abermal um der Wei
ber wegen thun, weil sie dafür halten, daß dieses Geschlecht nicht
genugsam verwahret werden könne; daher es auch kommt, daß sie
ihre Zimmer wol mit hundert Schlössern versperren, und die
Schlüssel darzu keinem Menschen anvertrauen, sondern selbst in ih
Türkischer
Weiber
Verrich
tung.
rer Verwahrung behalten. Dann die Türkischen Weiber beküm
mern sich nicht um das Haushalten, wie bey andern freyen Euro
päischen Völkern, sondern verwenden ihre Zeit nur auf ihre Stü

ckerey / und lassen sich keine andere Sorge anfechten, als wie sie ih
re Schönheit erhalten moͤgen; die üͤbrige Hauß⸗Geschäfte überlas
sen sie alle der Männern, welche auch aus Liebe zu ihren Weibern so
gar die Kuchen versehen. Doch ist dieses nur von denen Vorneh
men und Reichen zu verstehen, da es hingegen mit denen Geringen
eine ganz andere Beschaffenheit hat; dann diese halten die Jhrigen
an einem Ort des Gartens verschlossen, wo ihnen so leicht keiner
beykommen kan, bedienen sich indessen ihrer Handreichung so gut als
Türkische
Weiber be
dienen die
Beschnit
tene.
wir: Die Vornehmern aber gebrauchen zu dem Dienst ihrer Wei
ber und Kebs⸗Weiber keine andere als Verschnittene, und zwar die
Ungestaltesten, als sie nur finden koͤnnen, zu was End, wird ein
jeder gar leicht selbst verstehen; durch diese lassen sie ihnen ihr
Essen, aber gleichwol nur durch ein hoͤlzernes Gitter, reichen, gleich
als bey unsern Closter⸗Jungfrauen gebräuchlich ist, wann ihnen von
ausen etwas zugebracht wird. Dieser Leute darfen sie sich ohne
Scheu zu ihren Bothen, zu ihren Dolmetschen, an ihre Freundin
nen, zu ihren Zeitungs⸗Trägern und endlich gar zu ihren Hauß⸗Nar
ren gebrauchen, wann sie sich nur dabey in acht nehmen, daß sie sich
nicht gemeiner mit ihnen machen, als ihre Männer oder Herrn ver
tragen köͤnnen.


Jn der Mitte des obern Hauses ohnweit der von diesen jetzt
beschriebenen Zimmern gelegenen Stiege ist gemeiniglich ein wei
ter Gang oder Platz für die Bediente, gleichwie unten her für die
Pferd und andere Thiere. Dergleichen Pallast hatte auch der
Des Herrn
Groß⸗Bot
schafters
Logis zu
Sophia
Beschaf
fenheit.
Herr Groß⸗Botschafter innen, welcher so groß war / daß zwey
Cüraßier⸗Regimenter samt Pferde und Wäͤgen, nebst aller Baga
ge Platz genug darinn wüͤrden gehabt haben; nichts destoweniger
räumten sie uns noch mehr andere Häuser ein, damit wir unsere
Bequemlichkeit desto besser haben, und die bevorstehenden Strapaz
zen - 121 -
Beschreibung der Stadt Sophia.

93

zen der noch vor uns habenden Reise desto leichter ertragen koͤnnten.
Der Groß⸗Sultan hat im letzten Krieg, als Belgrad von den
Unsrigen belagert gewesen, mit seiner ganzen Hofstadt hier logirt,
um den Verlauf der Belagerung allda abzuwarten Als der EngelDes Groß
Sultans
Pallast zu
Sophia
wird dem
Engellän
dischen und
Holländi
schen Ge
sandten ab
geschlagen.

ländische und Holländische Gesandte von dem zu Passarowitz ge
schlossenen Frieden wieder zurück gekommen, und nach Adriano

pel wolten, haben sie allhier um diesen Pallast für sich und ihre
Suite Ansuchung gethan, aber nichts erhalten köͤnnen, weil nicht
leicht jemand in eine Kaiserliche Wohnung, wie diese ist, eingelas
sen wird. Jn demjenigen Zimmer, allwo der Herr Groß⸗Bot
schafter Audienz zu ertheilen pflegte, sahe man zur rechten an der
Mauer ein Weyrauch⸗Vaß, als wann es an der obern Schwelle
Gesicht
Wendung
der Türken
bey ihrem
Gebet.
einer Thüͤr hienge, fast auf diejenige Art, wie zu Mecha oder Kib
lach / nach ihrer Art zu reden, bey dem Grab Mahomets dieses
Zeichen vorhanden ist, also daß es zu muthmassen, es seye dieses
Zimmer eine Tuͤrkische Capelle gewesen, wo sie taͤglich ihre gewoͤhn
liche Gebete verrichtet haben. Durch dieses Zeichen aber werden
die fremd ankommende Tuͤrken, welche die Gelegenheit des Orts
nicht recht innen haben, angewiesen, gegen welche Seiten sie sich
bey Verrichtung ihres Gebetes wenden sollen/ nemlich gegen dieje
nige / welche, gegen Ciroccum schauet, und zwischen Orient und
Mittag lieget. Unter dem Weyrauch⸗Faß kunte man diese in Tüͤr
kischer Sprach gesetzte Worte lesen: Bunung deruninde ki
mesne bulunmaz ki hamdii senai chuda ve Resuli etmeje;
welche im Teutschen also lauten: Hier soll sich niemand einfin
den / der das Lob GOttes und seines Propheten nicht aus
spricht. Unsere Priester haben im nechsten Zimmer Messe gelesen,
und sind vielleicht die ersten gewesen, die dergleichen daselbst verrich
tet, weil sonst niemaln eines Christlichen Füͤrsten Gesandter allda
beherberget worden. Aber was machen wir so lang in den Haͤusern,
laßt uns vielmehr wiederum unter freyen Himmel in die Stadt
kehren.


Allda florirt die Handlung gar sehr, welche mehrentheils in deKauf⸗Häu
ser.

nen offentlichen Läden oder Kauf⸗Haͤusern, so sie Bezestene nen
nen, und von puren Stein aufgefuͤhrt, gewoͤlbt und vor dem Feuer
wol verwahrt sind, in schoͤnster Ordnung getrieben wird. Eine jeg
liche Sache hat ihren gewissen Platz; und der meiste Theil der
Kauf

M 3
- 122 -
Erstes Buch / Siebende Abtheilung /

94

Kaufleute sind so wol hier, als zu Constantinopel und anderwerts
Grichen und Armenier, also daß bey nahe alle Sachen der Türken
Janit
scharn trei
ben Kauf
mannschaft
durch Fremde geschlichtet und gehandelt werden. Dann gibt es auch
einige alte Janitscharn durch das ganze Reich, darunter aber viele
ihre Fahne niemal zu Gesicht bekommen, welche Vorkäuffer und
Krämer abgeben. Diese, nachdem sie von ihren Officiern, denen
sie doch niemaln ins Feld gefolgt, vermittelst eines Patrons, eine
Urkund erbettelt, oder solche mit einem Stüͤck Geld erkauft, wer
den von allen Auflagen auf ewig frey gesprochen, hingegen andere
dardurch nur desto mehr beschwehret: es nennen die Tüͤrken solche
Leute Ostorakes / welches eben so viel als Leute, die den Sold und
die Freyheit der Soldaten geniesen, und doch nicht ins Feld ziehen,
so aber dem ersten Ursprung gerad entgegen laͤuft; dann dazu
mal wurden solche Freyheiten denen allein gegeben, welche im Krieg
ihre gesunde Glieder verlohren, und nicht mehr dienen kunten: an
jetzo aber siehet man eine erstaunliche Menge solcher muͤssigen Sol
daten, von guter Gesundheit und Kräften, unter dem Namen der
Ostoraken herum schwermen, und den gemeinen Säͤckel erschöͤ
pfen / anbey des Reichs Einkünften zu was ganz anders, als zu Un
Nissa der
Stadt So
phia sehr
nachthei
lig.
terdruckung der Feinde anwenden. Diejenige / welche vom Türki
schen Policey⸗Wesen gute Erkänntnis haben, wollen schon zum
Voraus sehen, daß durch Wegnehmung der Vestung Belgrad
der Stadt Sophia völliger Ruin bevor stehe, und mit der Zeit
alle Handlung von dar nach Nissa werde gezogen werden; weil
es ganz natürlich, daß es einem Land mehr einträͤgt, wann lieber
der Gränz⸗Platz, als ein anderer / der tiefer im Land liegt, zur
Niederlag der Handelschaft gemacht wird, angesehen von daraus
die Wahren gleich genommen und auch mit geringern Unkosten durch
einen kuͤrzern Weeg wieder hinein gefuͤhrt werden koͤnnen.
Gebäu der
Stadt So
phia.

Die Gassen dieser Stadt seynd sehr enge, ungleich, unflätig,
und nur zu beiden Seiten, wo man gehet, mit Kiesel⸗Steinen ge

pflastert; man siehet auch viel Brunnen darinnen, welche aus der
gemeinen Cassa erbauet und auch daraus erhalten werden. Ein jeg
liches Hauß hat fast seinen Garten, in welchem die Bäͤume und
Stauden in so grosser Menge stehen, daß man von ferne meinen
solte, man sehe in einen Wald, oder in eine mit einem Wald um

gebene
- 123 -
Beschreibung der Stadt Sophia.
95
gebene Stadt. An denen vielfäͤltigen Thuͤrnen auf den Moscheen Der Türken
Moscheen.

solte sich einer auch wol einen steinern Wald vorstellen koͤnnen; die
se, wie auch die runde an die Kirche oft bey 50. angehenkte kleine
Gewölber, sind alle mit Bley bedeckt, die Zinnen darauf verguͤldet,
und machen damit der Stadt von weiten ein propres Ansehen; auf
welchen gedachten Zinnen ein wachsender Mond stehet, gleichwie
wir uns auf unsern Kirchen der Creutze bedienen. Jm uͤbrigen ist die
Stadt weder mit Mauern noch Wall umgeben, ob gleich die Gele
genheit des Orts und Gleichheit des Erd⸗Bodens zu einer Vestung
sie nicht ungeschickt machte: man kan demnach zu Nachts so wol
als bey Tag hinein kommen: wann aber diese Stadt mit Mauern
versehen wäre, koͤnnte man wegen der mit Getrayd besäeten und
mit Weinreben besetzten weiten Feldern vielleicht von ihr sagen, was
jener von einer andern Stadt geurtheilet, daß Ceres und Bacchus
ihre Wohnungen in deren Ring⸗Mauern aufgeschlagen hätte. Der
Hazeln, Dohlen und Turtel⸗Tauben gibt es hier zu Lande so viel,
als bey uns der Fliegen in den warmen Sommer⸗Tägen; und sind
sie dabey durch die ganze Tuͤrkey so zahm, als wie bey uns die Huͤ
ner, Pfauen Gänße und anderes zahme Gefluͤg, welches ohne
Zweifel, sonderlich in Ansehen der Turtel⸗Tauben, daher kommt,
weil die Türken diese vor heilig halten, und es als ein Verbrechen
anrechnen wuͤrden, wann man sie beleidigen wolte, weswegen sie
sich ohne Hindernis vermehren koͤnnen.


Unser Einzug in diese Stadt war, wie alle folgende, demjeniEinzug in
die Stadt
Sophia.

gen, welchen wir in die Stadt Nissa gehalten, ganz gleich: die
Trompeten wurden geblasen, die Paucken liesen sich hören, die
Fahnen flogen an ihren Stangen herum, und die nur mit weisen
Stecken versehene Janitscharn giengen vorher, das Volk abzuhalten.
Wie aber der Kaiserlichen Groß⸗Botschaft zu Ehren der völ
lige Türkische Adel selbiger Provinz, nemlich die vornehmen Kriegs
Officiers, Richter, Geistliche (dann von keinem andern Adel, als
der in dergleichen Bedienungen stehet, wissen die Tuͤrken was,) vor
Der Herr
Groß Bot
schafter
laͤßt sich
anmelden.

die Stadt heraus ruckte: also schickte der Herr Groß⸗Botschaf
ter hinwieder zwey von seinen Edelleuten, den Herrn von Franken
und Managetta / samt einem Dolmetsch zum Landrichter, den sie
Molloch nennen, und zum Mußelim/ der des Seraskiers Stel
le versiehet, im Namen des Herrn Groß⸗Botschafters sie zu
begrüs
- 124 -
Erstes Buch / Siebende Abtheilung /

96

begrüͤssen, und Dessen Ankunft zu vermelden; worauf sich selbige
bald eingefunden und ihre Ergebenheit und Bereitwilligkeit zu allen
Geschenke
derer von
Sophia an
den Hn.
Groß⸗Bot
schafter.
Diensten und Gefäͤlligkeiten dem Herrn Groß⸗Botschafter of
ferirt, und die gewoͤhnliche Geschenke von Blumen und Fruͤchten
durch ihre Leute überbringen lassen. Sie liessen es aber dabey nicht
bewenden, sondern haben Sr. Excellenz noch besondere Geschen
ke gemacht mit einem Aschen⸗farben gesprenklichten Pferd von un
gemeiner Schoͤnheit und Tugend; dann auch einem eisernen zur Reiß
Eiserner
Stuhl ein
wichtiges
Geschenk.
nicht unbequemen Lehn⸗Stuhl, worauf ein Blut⸗rothes atlaßes mit
gelben Franzen umgebenes und eingefaßtes Küͤssen gelegen, mit wel

chen sie nur die Vornehmsten des Reichs, als dem Groß⸗Sul
tan / Groß⸗Vizir / Beiglerbey / Baschen / Sangiacbey /
und üͤbrigen Stadthaltere und Regenten zu beschenken pflegen. Aber
Kostbare
Geschenke
der Edel
leute.
die zwey abgeschickten Edelleute haͤtten sich wol nicht sollen traͤumen
lassen, mit was für einem besondern Praesent sie wuͤrden regalirt
werden; es bestunde aber selbiges in ein paar Taback⸗Pfeiffen, de
ren Röhren mit blauer, Feuer⸗ und Rosen⸗rother, gelber, dunkel
brauner, Aschen⸗ und Viol⸗färbiger duͤnner Seite, wie auch mit ge
triebenen oder geschlagenen Metall etlichmal umwunden gewesen;
und was die Kostbarkeit vermehrt, war dieses, daß diesem Geschenk
ein artiges scheckigtes wol gemäͤstes Kaninchen erst das rechte Ge
wicht und Ansehen geben muste, worein sie sich entweder alle beide
theilen oder darum losen mogten, wessen es seyn solte. Allein es ist
sich daruͤber nicht zu verwundern, angesehen die meisten Geschenke
der Türken von dieser Art sind, da gaben sie einem bald einen halb
gebundenen Blumen⸗Strauß; bald ein halb⸗seidenes Schnuptuch,
davon das Dutzend, wol gerechnet, um ein paar Thaler zu stehen
kommt; einen Sack darein man Taback fassen kan, Käß, Milch, und
was dergleichen Schleckereyen noch mehr sind; und bey aller dieser
Filzigkeit wollen sie noch darzu für sehr freygebig angesehen seyn,
und verlangen, daß man sich verwundern soll, weil sie sich so sehr
Janit
scharn
Wacht.
verunkostet haben. So oft einer aus dem Hauß gehen wolte, sich
etwas einzukaufen, oder sich sonsten umzusehen, nahm er zu seiner
Sicherheit einen Janitscharn mit sich, der den ungestuͤmmen Poͤbel
abhalten muste. Selbige hatten die Wacht vor des Herrn Groß
Botschafters Wohnung / damit niemand anders, als der daselbst
was zu verrichten hatte, sich hinein tringen moͤchte; so wurden auch
in
- 125 -
Beschreibung der Stadt Sophia.

97

in die übrige Häuser Janitscharn verlegt, damit man sie bey der
Hand hätte, sich ihrer im Fall der Noth zu bedienen.


Den 30ten hielten wir zu Sophia still, und wurden indes
sen die Wagen geändert, neue Vorspan ausgetheilt, und ein Both
nach Nissa mit Briefen geschickt, davon einer auch an dem Se
Des Mol
lochs Be
such an den
Hn Bot
schafter.
raskier gerichtet war. Der Landrichter, oder Molloch/ kam
mit seinem fuͤnf oder sechs jäͤhrigen Sohn, dem Herrn Groß
Botschafter eine Visite zu geben, welche beide einen Bund, der
etwas breiter war, als die Gemeinen zu tragen pflegen, auf den
Kopf hatten; und weil auch daran die gruͤne Farb zum Vorschein
kam, solte man daraus abnehmen, daß sie von Muhamet ab
stammeten, weil niemand als dessen Geschlecht solche Farb an ih
ren Bünden führen darf. Vor Zeiten hielte man sehr viel auf
diese Emir / oder Euladi Resuli / wie sie mit einem andern Na
Emir / wer
sie seyn?
men genennt werden, absonderlich da dieses Reich noch in seinem
Anfang und an der Abstammung kein Zweifel war; heut zu Tag
aber ist es in solches Abnehmen und die Geschlechts⸗Linien in solche
Ungewißheit gerathen, daß in Egypten wenig Eseltreiber und
Stall⸗Knechte seyn / welche nicht aus selbigem herzustammen praeten
diren; und wann die Welt nur noch wenige Secula stehen solte,
duͤrfte es wol darzu kommen, daß eben so wol alle Muselmäͤnner Mu
hamets Enenkel genennt wuͤrden, als man uns ins gesamt Adams
Kinder heißt: Und dieses so wol darum / weil dieses Geschlecht durch
die Männer und Weiber fortgepflanzt wird, und derjenige, der ei
ne Mutter aus diesem Geschlecht gehabt, so wol füͤr einen Nach
kommen Mahomets zu halten ist, als derjenige, dessen Vatter da
von herstammet; als auch deswegen, weil sich taͤglich viele von dem
Nakib Eschrel / Vorsteher gedachten Ordens, diese Ehren⸗Zeichen
mit Geld erkaufen, der ihnen dafuͤr falsche Briefe ertheilet, worin
nen er ihr altes Herkommen weitläͤuftig behauptet. Sie werden
aber hierzu desto begieriger gemacht, weil dieses Geschlecht unter Freyheit
der Emir.

ihnen vor heilig gehalten wird, und um eben dieser Ursach willen
von der weltlichen Obrigkeit ihnen grosse Freyheit zu erkannt wor
den, wornach ihnen allen der Mund waͤssert, ob schon die wenig
sten davon deutlich darthun köͤnnen, daß sie von Muhamet ab
stammen. Unter andern Vorzug war dieser nicht der geringste, daß
kein anderer Türk um einiger Ursach willen, bey Verlust seiner
rech
- 126 -
Erstes Buch / Siebende Abtheilung.

98
.
rechten Hand, einen Emir mit Schlägen tractiren durfte; wann
aber dieser einen andern beleidiget hatte, muste man ihn bey ihrem
Vorsteher verklagen, welcher seine eigene Stadt⸗ und Henkers
Knechte hat, und über ihr Leben und Tod wie ehmal, also auch
noch heutiges Tags, richten kan. Aber nunmehro ist diese Furcht,
einen Emir zu schlagen, völlig verschwunden: dann nachdem sie
vermerket, daß ihre Anzahl so wol als ihre Verwegenheit von Tag
zu Tag zu nehme, sintemaln der Nakib ihre Parthey hält, und
dabey solche Freyheiten einem jedweden seines Gefallens überläßt /
nur damit er seine Botmässigkeit desto weiter ausbreite, auch nie
mand öffentlich straffet, damit dem Geschlecht nicht ein Schand
Fleck angehenkt werde, haben sie endlich dieses Joch von sich gewor
fen und hierinnen ihre Freyheit behauptet; wie dann auch
diejenige, welche eine subtilere Nase haben, und hinter die Streiche
dieser Emir gekommen, sich kein Bedenken machen, bey sich ereigne
ten Fall sie mit druckenen Faͤusten oder andere Manier tapfer abzu
schmieren; und damit sie gleichwol Respect vor den gruͤnen Bund
haben, nehmen sie ihnen denselbigen vorher mit aller Ehrerbietung
vom Kopf, und legen ihn mit einem Kuß vor sich hin. Einen an
dern Vorzug aber behaupten sie noch heutiges Tages, daß, wann
der Sultan selbst zu Feld ziehet, oder bey einer öͤffentlichen Ver
richtung sich sehen lässet, der andere Vorsteher ihres Geschlechts /
Alemdar genannt, Jhme die grüne Fahne des Muhamets vor
trägt. Im übrigen köͤnnen sie sich zu allen Aemtern gebrauchen
lassen, wie es auch in der That geschiehet; doch haben die wenigsten
zur Kaufmannschaft ein Belieben, auser zu derjenigen, welche Esir
gi genennet wird, und im Kauf⸗ und Verkaufen der Sclaven bestehet,
worzu sie alle von Natur geneigt sind / weilen dabey von der Auf
nehmung und Behaltung der Christen in die Dienstbarkeit gehandelt
Geilheit
der Emir
wider die
Natur.

wird, welches sie für kein geringes verdienstliches Werk halten. Sie
sind anbey zu nichts so sehr als zur Sodomitischen Suͤnde geneigt,
und der Knaben⸗Liebe überaus ergeben, worinnen sie auch die Tar
tarn selbst übertreffen.


Gespräch
des Hn.
Botschaf
ters mit
dem Mol
loch.

Doch laßt uns wieder zu dem Herrn Botschafter kehren;
diesen treffen wir in einem Gespraͤch mit dem Molloch oder Land
richter von dem Glauben, Gebraͤuchen und Sitten der Juden an,
wie sie, nachdem sie unsern Heyland / welchen die Türken selbsten
für
- 127 -
Beschreibung der Stadt Sophia.

99

für einen grossen Propheten, der nur dem Muhamet allein nach
zu setzen sey, danebst für einen heiligen und vollkommenen Mann hal
en, zum Tod verurtheilet, und an den schäͤndlichen Creutz⸗Galgen
gehenket, zur Straffe ihres begangenen Buben⸗Stuͤcks nunmehr
keinen beständigen Sitz und Aufenthalt unter den Volkern mehr
finden, sondern allenthalben ohne eigenen Heerd und Fuͤhrer herum
irren / und bey nahe aus allen Ländern verstossen sind: wie diese
gottlosen Leute auf nichts anders bedacht, als wie sie jederman mit
Betrug hinter gehen, und ihre Güter an sich bringen moͤgen. Die
sen Discours aber hat der Herr Botschafter um keiner andern
Ursach willen vorgenommen, als den Landrichter allgemach dahin
zu disponiren, daß er ihm zur Erledigung einer Christin, welche,
wie Er vernommen, von einem Juden in seinem Hause eingeschlos
sen und gefangen gehalten wuͤrde, desto willfaͤhriger, und mit weni
gern Unkosten, verhelfen moͤgte. Dann was für Zeit die Kaiserli
che Geschäfte dem Herrn Groß⸗Botschafter noch uͤbrig lie
sen, verwendete er auf die Ausübung Christlicher Liebes⸗Werke,
hielte eine fleissige Nachfrag nach gefangenen Christen, und suchte
sie wieder in ihre Freyheit zu stellen. Er unterhielte mit grossen UnLiebe des
Hn. Groß
schafters in
Erledigung
der Gefan
genen.

kosten Leute / welche die ganze Stadt durchlaufen und Jhme einen Bot
so unschuldigen Raub durch eine noch heiligere Hinterlist verschaffen
musten. Und damit die Tuͤrken auf diejenige, welche Jhm dergleichen
zu weege brachten, keinen Argwohn haben kunten, als welche sie son
sten mit Schlägen grausam wuͤrden tractirt haben, hat er solche Leu
te durch eine hintere Thüͤr und heimliche Stiegen zu sich bringen,
und durch eben dieselbige wiederum fort gehen lassen. Diese ange
wendte Müͤhe und Sorgfalt ist auch nicht vergeblich gewesen, sin
temaln dardurch füͤnfe ihre Freyheit erlanget, ohne daß jemand von
den Angebern wäre ausgekundschaftet worden; unter denen einer
ein Oestreicher, von Jps an der D[o]nau gebüͤrtig, gewesen, und
vor fuͤnf Jahren von den Tüͤrken mit Gewalt beschnitten worden,
aber sich gleichwol zu ihrer Religion weder mit dem Herzen noch mit
dem Mund bekennet. Bey dieser Gelegenheit hat der Herr Graf Hn. Grafen
von Thier
heims
Großmuth
gegen eine
Gefange
ne.

von Thierheim seine Großmüthigkeit und Christliche Liebe gegen
die Bedrangten gleichfalls erwiesen, angesehen er eine gefangene Frau,
welche zu des Herrn Botschafters Quartier seine Zuflucht genom
men, 6. Türken aber selbige wieder zuruck ziehen wolten, mit entbloͤ

sten
- 128 -
Erstes Buch / Siebende Abtheilung /

100

sten Degen von solcher Gewaltthätigkeit errettet, und zugleich das
Völker⸗Recht vertheidiget, welches nicht will, daß eines Botschaf
ters Quartiers⸗Freyheit durch einige Gewaltthätigkeit solle verletzet
werden.


Nun wollen wir uns aus der Stadt in die Kirche begeben,
Kirche zu
Sophia.

welche ebenfalls von obgedachter Sophia / wie sie vorgeben / er
bauet worden. Darinnen soll ihr Sarg noch bis auf diese Stunde
in dem obern Theil mitten in einem Gewoͤlb aufgehalten werden, und
daraus ein sehr angenehmer Geruch, nach der Tüͤrken eigenen Geständ
nis, herfür gehen; doch kan man denselbigen nicht mehr sehen,
weil er mit einer Mauern verbauet ist: sie halten dafür, daß etwas
Göttliches darinnen müsse verborgen seyn, weswegen sie auch zu Ver
ehrung dieses Coͤrpers bewogen werden. Es zeiget so wol die Art des
Gebäues, als dessen Gestalt, Eintheilung Schiff, Sacristey und
anderes, daß dieselbige ehmaln denen Christen zu ihrem Gottesdienst
gedienet habe; jedoch ist nicht zu läugnen, daß der Thurn und die
Decken in
der Kirche.
daran liegende Gewöͤlbe von den Tüͤrken aufgebauet worden. Die
ganze Kirche ist mit dem feinsten Matten oder Decken von Binzen
belegt, in derselbigen aber gegen Orient, wo unsere Vorfahren das
Allerheiligste aufbehalten hatten, ist das Grab des Erz⸗Betrügers
Muhamet zu sehen, und viele von desselben luͤgenhaften Schriff
ten daselbst zu finden. Auf dem Esterrich liegen hin und wieder
Schaafs⸗Häute, deren sich verlebte und vornehme Personen bedie
nen, damit sie nicht, wann sie mit uͤber einander geschlagenen Füͤssen
mit dem ganzen Leib auf der Erden liegen, von dem kalten Boden
und dessen heraus steigenden Dämpfen schaden nehmen. An einem
hohen Fest wird der ganze Boden mit Persianischen Teppichen be
legt. Jch habe auch nachgehends in einer andern vornehmen Mo
schee dieser Stadt, die von Mahumud Bascha erbauet wor
den, und von dem sie auch gleichwie die Unsrigen von dem ihnen
gewiedmeten Heiligen, den Namen füͤhret, Decken gesehen, welche,
da sie auf des Herrn Botschafters bezeigten Verlangen ausge
breitet worden, sechs Eln breit und so lang gewesen, daß sie von ei
nem Ende der Kirchen bis zum andern gereichet hat; und versichert
uns derjenige Kirchen⸗Diener, welcher uns solche gezeigt wie
er von seinen Vorfahren verstanden, daß diese Decken schon laͤnger
als ein ganzes Sæculum von ihnen gebraucht worden, und wann
er
- 129 -
101

Beschreibung der Stadt Sophia.

er genau rechnen wolte, sie nunmehro schon 176. Jahr dieneten;
gleichwol waren sie nicht so abgenutzt, daß sie nicht noch viel laͤnger
solten dauern können: es ware das Geweb daran nicht nur sehr
dicht, sondern auch sehr schoͤn und fein.


Jn beiden Moscheen stunden zwey Predigt⸗Stuͤhle, von wel
chen sie die gewoͤhnlichen Reden oder Predigten an das Volk halten:
davon der eine etwas niedrig, als dessen sie sich taͤglich bedienen, und
mit dem Alcoran, und dessen Auslegern, auch vielen andern Bet⸗Büͤ
chern angefüllet ist: der andere aber erhabener, und oben mit einer
Cron bedeckt, auf welchen man durch viele Staffeln steiget; und
wie von jenen ihres luͤgenhaften Propheten Irrthuͤmer und falsche
Lehren verlesen werden: also muß dieser zu ihren predigen dienen.
Neben diesem Predigt⸗Stul war nur in der ersten Moschee ein mit
höͤlzernen Gegitter vermachtes Zimmer, welches um eine Staffel
höͤher als der uͤbrige Theil der Kirche, auch mit Tapezereyen behängt
und belegt, und zum Dienst des Groß⸗Vizirs, oder andern Ba
schen, wann sie zugegen, ausersehen ist; in beiden aber ist ein Ver
schlag für die Weiber gemacht. Jm übrigen wird man weder in die
ser noch einiger andern Moschee etwas von Zierrath finden, ausser
etwan etliche in Gestalt eines Circuls in den Gewoͤlben herum haͤn
gende Ampeln, deren oft mehr bey einander sind, und von Gläͤsern,
verguldeten Kugeln, Straussen⸗Eyern, Muscatnuͤssen von seltsamer
Grösse, unterschieden werden; einen Brunnen zum waschen, kupfer
ne mit Wachs⸗Lichtern versehene Leuchter / des Muhamets auf
eine Tafel gemahltes Grab, wie es in der Mecha zu sehen; der
Weeg zum Paradeiß und zur Höllen; die Stauden, so der Erz⸗Be
trüͤger gepflanzet haben, und nach der mehresten Tüͤrken Meinung
noch heut zu Tage grünen solle; und endlich auch des Ebbubecker / Ausleger
der Muha
meitschen
Lehre.

Omar / Osman / Hali / als ihrer vier vornehmsten Lehrer Na
men, oder einige aus dem Alcoran gezogene und mit Finger⸗ und
Ehlen⸗langen Buchstaben geschriebenen Stellen, welche die von mir
oben angezogene Stücke noch mehr erläͤutern. Dann nachdem
Muhamet einmal bey sich beschlossen, einen neuen Glauben und
Gesetz aufzurichten, welches zwar nach vieler Meinung von dem
Münch Sergius soll verfaßt worden seyn, hat er dabey überall den
HErrn Christum, als einem seinen Vorgeben nach groͤssern PropheMuhamet
des HErrn
Affe.

ten als Moyses und alle andere, aber doch kleinern als er selbst, Christi
zu

N 3
- 130 -
102

Erstes Buch / Achte Abtheilung /

zu imitiren sich befliessen. Dannenhero wie nach unsers Heylands
Tode und Entziehung Seiner sichtbarlichen Gegenwart sich vier
Evangelisten gefunden, welche die Worte ihres Meisters, oder den
von Jhm gepredigten Glauben, in ein Buch eingetragen, und das
neue Gesetz solte genennet werden, davon das alte nur ein Schatten
und Vorbild war: also haben auf gleiche Weise die des Muhame
tanischen Aberglaubens ergebene Leute diese vier Männer aufge
bracht, über den von ihm erdichteten Glauben und neue Lehre ei
ne Auslegung zu machen; und ob sie schon in vielen Stucken von
einander abgehen, werden doch nichts destoweniger ihre Meinungen
für recht und orthox gehalten. Es sind auch in diesen Moscheen
weder Bänke zum sitzen, noch Altäre, ausser zu Mecha, wo der
selben viere anzutreffen, und GOtt für die Erhaltung dieser vier
Lehren und deren Nachfolger unaufhöͤrlich dabey angeruffen wird.

Ricot. de
Statu Im
perii Tur
cici, L. II
cap. 10.
So findet man auch keine Bilder daselbst, sintemaln solche von ihnen
entweder weggeschaft oder ausgekratzt worden; und schelten die Ca
tholischen Christen deswegen für Götzen⸗Diener, weil sie in ihren
Kirchen Statuen oder gemahlte Bilder dulten, welche sie auf keine
Weise vertragen koͤnnen. Mich duͤnkt aber, die Tüͤrken haben sich
deswegen schlecht vorgesehen, indem sie die Bilder aus ihren Kir
chen und von ihren Altären verbannet, und doch gleichwol die
Namen davon, welche eben dieselbige Wuͤrkung haben, und demje
gen, der an sie gedenket, wiederum in das Gedaͤchtnis bringen, nicht
mit weg geschaffet.



Achte Abtheilung.



Christliche
Untertha
nen zu
Grublian.
NAchdem wir nun zu Sophia ein paar Tag ausgeruhet,
sind wir den 1. Julj nacher Grublian aufgebrochen, wel
cher Ort zwey Stund von dar, an dem Fluß Jokaro ge
legen ist, über dessen zwey höͤlzerne Brüͤcken wir unsern Weeg ge
nommen, und das Läger also aufgeschlagen, daß wir ein Dorf zur
rechten, eine anmuthige Wiese zur linken Hand, und gemeldten
Fluß, welcher weder breit noch tief, aber von einem sehr schnellen
Lauf ist, im Rucken hatten. Ein anderer Fluß, die Müh
le im Dorf triebe, war von der grossen Hitze so ausgetrucknet, daß er - 131 -
Reise von Sophia bis nach Philippopel.
103
er kaum die darinn liegende Steine bedeckte: der meiste Theil Un
terthanen daselbst sind Raitzen, und auch der Raitzischen oder Gri
chischen Religion zugethan, welche zu uͤben sie nur in ihren Haͤusern
zusammen kommen, nachdem ihre oͤffentliche Capelle von den Tuͤr
ken schon laͤngst zerstoͤret worden, deren Ruin samt den entbloͤßten Al
tären und Pfeilern, wie auch die ihrer heiligen Bilder beraubte Stel
len nicht ohne Mitleiden angesehen werden koͤnnen, welche letztere/
wann sie reden koͤnnten/ ohne Zweifel ihre alte Oerter und vorige
Verehrungen wieder begehren wuͤrden. Die Haͤuser daselbst sind
noch kleiner, als man an andern Orten findet, und nur aus Rohr,
Halmen, Stroh und Holz zusammen gefüͤgt; doch ist das Wasser
daselbst so gesund, als fruchtbar der Erd⸗Boden sich zeiget: durch
diese blickte eine Art von Metall herfuͤr, so man Talk nennt, und
Kupfer hält, wie Herr Dorschaus, ein in der Chymie wol erfahr
ner Mann, behaupten wolte. Noch ehe man hieher kommt, siehet
man etwas zur rechten Hand den Witoscha⸗Berg, von welchem Des Wito
scha⸗Bergs
Merkwuͤr
digkeiten.

etwas zu gedenken sich der Muͤhe wol verlohnet: Es erstreckt sich
seine Höhe bey vier Stunden, und hat gleich unten vier unter
schiedliche warme Bäder, so dieser Orten sehr beruͤhmt sind, auch
etliche Döͤrfer, Aecker, Wiesen, und Weingärten / und dieselbige
nicht allein unten, sondern auch so gar zu oberst auf seinem Gipfel;
man kan aber auf solchen einen so grossen Unterschied der Luft
antreffen, daß man dabey alle vier Jahrs⸗Zeiten bemerken wird:
unten, wo man durch eine Ebene auf den Berg gehet, spuͤhret man
die gröste Hitze, so daß das Graß und die Erde von der Sonnen
ganz verbrannt oder doch völlig ausgetrocknet ist; auf den obern
Theil findet man den annehmlichen Frühling, wo die Narcissen,
Violen, und andere Blumen den lieblichsten Geruch von sich geben;
in den Wäͤldern trifft man die Fruchtbarkeit des Herbstes an; die
rauhe Winters⸗Zeit aber zwischen den Felsen und Stein⸗Klippen,
deren eine dermassen an die andere stosset, und auflieget, daß es schei
net / es seye dieses kein Werk der Natur, sondern der Kunst, und
die poetische Fabel damit bekräftiget, als ob durch die Riesen der
Berg Oßa auf den Berg Pelius getragen worden. Zwischen die
sen liegt der tiefste Schnee, welcher durch die Winter⸗Käͤlte also zu
sammen gefrohren, daß er auch bey der gröͤsten Sommer⸗Hitz und
in den Hunds⸗Tägen niemaln ganz zergehet: die davon herab fallen

de
- 132 -
Erstes Buch/ Achte Abtheilung /

104

de Bäche, so theils aus der Erden herfür dringen, theils von den
jähen Klippen mit grossem Getoͤß herunter stuͤrzen, verursachen auf
denen obern Wiesen grosse Lachen. Von den benachbarten Ackers
leuten werden viele tausend Pferde und Schaafe dahin getrieben, de
nen es gleichwol an Weide im geringsten nicht fehlet. Es befinden
sich auch Erz⸗Gruben auf diesem Berg, aus welchen Eisen in grosser
Menge gegraben wird; in der Hoͤhe aber gibt es den schoͤnsten Pro
spect auf die unten herum liegende Felder.


Den 2. Julj kamen wir nach Jenihaan / oder Novihaan /
einem füͤnf Meil von Sophia entlegenen Flecken; von dannen wir
den 3ten weiter üͤber Wokerela nach Jchtiman oder Jhliman
giengen. Dieses Jchtiman mag seinen Namen vielleicht von ei
nem daselbst geschlossenen Frieden bekommen haben, weil es auf
Teutsch eben so viel als ein Friedens⸗Bündnis bedeutet. Der rau
he Weege und die täͤglich anwachsende Sonnen⸗Hitze hat unsere bis
Reise bey
der Nacht.
her bey Tag fortgesetzt⸗ als nachgehends bey der Nacht vorgenom
mene Reise um ein merkliches verhindert; angesehen wir gemeinig
lich zu Mittag, wann die Hitze am stärksten zu seyn pflegt, still ge
legen, hingegen um vier, zwey, zwölf und auch zehen Uhr in der
Nacht aufgebrochen sind. Die Moscheen, Bäder und Brunnen ha
be ich an bemeldten beiden Oertern eben also wie anderwäͤrts befun
den: die Haanen oder gemeine Herbergen wurden auch mit gemei
Gemeine
Herberge
zu Jeni
haan.
nen Geld erbauet und unterhalten; und habe ich zu Jenihaan ei

ne dermassen grosse angetroffen, daß 900. bis 1000. Pferde oder
Joch⸗Ochsen gemächlich darinnen stehen können. Jndem wir hier
zu Jchteman einen Rast⸗Tag hielten, und andere auf die Jagd
ausgiengen, habe ich derweilen die maͤnnliche und weibliche Tracht
der Bulgarn, deren noch viele hierum unter den Tuͤrken wohnen,
Kleider der
Bulgari
schen Män
ner.
etwas genauer untersucht: Die Mannsbilder tragen / wie die Rai
tzen in Servien, ein kurzes wüllenes Wammes, mehrentheils von
blauen oder weisen groben Tuch, und lange Hosen von eben derglei
chen Farb; an diese sind die Strumpfe genähet, über welche sie ein
Stück Fell oder Leder ziehen, so sie mit vielen Stricken fest binden,
und ihnen an statt der Schuhe, Stieffeln und allem andern dienet;
und wann sie durch morastige Felder oder unsaubere Weeg reisen,
machen sie solche an der Sonnen oder beym Feuer wieder trocken,
und
- 133 -
Reise von Sophia bis nach Philippopel.

105

und ziehen sie alsdann von neuem an: an statt der Hauben haben
sie ein Stück Schaafs⸗Haut auf dem Kopf; die Haare sind ihnen
bis auf einen Zopf abgeschnitten, und in der Hand füͤhren sie einen
Stecken, woran ein gespitztes Eisen fest gemacht ist, dessen sie sich
bey ihrem Vieh an statt der Geisel bedienen, und sich auch im gehen
darauf lehnen. Jhre Weiber gehen nicht, wie die Türkischen, mit Kleider der
Bulgari
schen Wei
ber.

bedecktem Gesicht, haben auch keine Hosen an: ihr Rock gehet ih
nen bis auf die Füsse, und siehet einem Hembd aͤhnlich, ausser wel
chem sie fast zur Sommers⸗Zeit nichts anders anhaben: dessen Ma
terie von eben nicht zart-gesponnener Wolle ist, als woraus wir in un
sern Ländern Säcke zu machen pflegen, aber von vielfältiger Stüͤckerey
und Farben ganz bund und scheckicht aussiehet; woruͤber sie einen gleich
bunden von Cameel⸗Haaren oder Wolle gar seltsam geflochtenen
Gürtel legen. Jhr Schmuck bestehet in schwehren silbernen und verSchmuck
derselbi
gen

guldeten Ohren⸗Gehaͤngen, und dergleichen Ringen, in Steinen,
Muscheln, gefärbten Glaß / Bildern, Blumen und allerley schlech
ten Münze; damit nun zieren sie den Kopf, den Hals, die Haare,
Finger, Brust, und bilden sich darauf mehr ein, als die Königin
aus dem Reiche Arabien, oder die stolze Cleopatra selbsten. So Tracht der
Jung
frauen.

lang sie noch Jungfrauen sind, gehen sie wenig aus, und lassen sich
auch selbst nicht viel sehen, haben ihre Haare gebunden und üͤber
den Rüͤcken herab hangend: so bald sie aber heyrathen, binden sie
dasselbige hinauf. Jhrer viele tragen einen ungeheuren grossen Hut, Weiber
Hüte.

dessen Breite über die Schultern herab hanget, die Höhe aber fast
eine Ele über den Kopf hinaus gehet, im übrigen auch denen
Unsrigen ganz ungleich, sintemaln das oberste Theil / oder dasjeni
ge, was gegen den Himmel schauet, am breitesten ist, als wann er
mit Fleiß darzu gemacht wäre, nicht daß er den Regen abhalten,
Töchter
werden an
den Bräͤu
tigam ver
kauft.

sondern auffangen solte. Wann einer eine Tochter zur Ehe begehrt,
kauft er solche von den Eltern, und duͤnget, so genau er kan, wel
ches Geld alsdann die jungen Ehe⸗Weiber statt ihres Heyrath⸗Guts
behalten, und im ersten Jahr ihrer Vermaͤhlung an ihrem Leib als
einen sonderlichen Schmuck tragen. Die Jungfrauen nehmen hierMünz ein
Schmuck
der Bulga
rischen
WeibsBilder.

zu was sie gewinnen, oder geschenkt bekommen, womit sie oft so be
laden sind, als die Esel, wann sie Säcke in die Muͤhl tragen, wie
sie dann auch ihre Schönheit und Stand nach der Menge sol

cher Münzen æstimiren. Die Braut wird von ihren Verwandten
und

O
- 134 - 106
Erstes Buch / Achte Abtheilung /

Uberfüh
rung der
Braut zum
Bräuti
gam.
und Bluts⸗Freunden zu dem Bräutigam geführt, davon ein Theil
unterwegs weinet, der andere singet, der dritte trägt die Hochzeit
Fackeln vor, der vierte flechtet der Braut die Haare, der fünfte
lößt sie wieder auf / und unter diesem Getändel kommen sie zum
Bräutigam; allwo sie 14. Tage hindurch verhüͤllet bleibt, und wann
in dieser Zeit der Mann die ehliche Pflicht von ihr begehret, welches
ihme doch nicht seines Gefallens, sondern nur zur bestimmten Zeit
erlaubt ist, legt sie deswegen den Schleyer doch nicht von sich, bis
sie endlich nach verflossener Zeit das Gesicht wiederum bloß gibt,
und hierauf mit ihrem Mann das Hauß⸗Wesen nach ihren besten
Vermögen versiehet. Und weil wir in so weit der Bulgarn Kleider
Tracht genugsam besehen, so laßt uns wieder ins Lager zuruck
kehren.


Daselbst wäre uns noch diesen Tag bald ein grosses Unglück
Entsetzli
ches Unge
witter.
durch ein unvermuthet entstandenes Wetter zu Handen gestossen.
Dann ob es gleich den ganzen Tag üͤber schoͤn heiter gewesen, hat sich
doch auf dem Abend ploͤtzlich ein solch grausam mit Donner, Blitz
und Regen vermischtes Ungewitter erhoben, daß man häͤtte meinen
sollen, die Welt wuͤrde daruͤber zu Grunde gehen, und der juͤngste
Tag kommen: die mehresten Zelten wurden aus der Erden gerissen
und durchs Läger in die Luft fort gefüͤhrt; diesem wurde der Hut,
einem andern die Parucke, dem dritten die Pantoffeln / und jenem
wieder was anders durch den Wind abgenommen: ja, was am mei
sten zu verwundern, so wurden die schwehr beladene Wägen aus
ihrer Stelle bewegt, und in einen Graben getrieben, wo sie endlich
nicht weiter fort kommen kunten. Es blitzte so stark, daß man wie
beym Licht lesen kunte; und hatte es bey nahe das Ansehen, als ob
von dem herabfallenden haͤufigen Regen, welcher auch die Felder
überschwemte, eine andere Suͤndfluth oder doch gefäͤhrlicher Wol
ken⸗Bruch zu besorgen stünde. Die Berge schützten uns vor dem
Wind so wenig, daß derselbige, wie gleichsam durch eine Röͤhre,
nur desto heftiger auf uns los stürmte. Wie aber selten ein Un
FeuersGefahr.glück allein kommt, so geschahe es auch hier, sintemaln, da wir be
reits von Luft und Wasser genugsam bestritten waren, das Feuer
seine Wut nicht weniger an uns ausüben wolte, worzu unserer
Fuhrleute Nachlässigkeit oder vielmehr Unbedachtsamkeit Gelegenheit
gegeben; dann diese hatten Feuer unter ihre Toͤpfe geschiert, und sol

che
- 135 -
Reise von Sophia bis nach Philippopel.

107

che an die Wagen⸗Deichsel gehangen, um sich darinnen was zu es
sen zu kochen / oder auch wol bey der Nacht des Feuers zu ihrer Er
wärmung zu bedienen: nachdem sie aber durch das Wetter von dar
weg getrieben worden, hat unterdessen dasselbige die Wäͤgen, wor
auf die Kaiserliche nach Constantinopel bestimmte Geschenke gepackt
waren, ergriffen; und wo des Herrn von Wettsteins sonderbaDurch Hn.
von Wett
stein abge
wendet.

re Wachtsamkeit nicht das beste dabey gethan häͤtte, duͤrften wir ver
muthlich einen unbeschreiblichen Schaden erlitten haben: dieser aber,
als er ein mehr denn gewoͤhnliches Feuer erblickt, und daraus nicht
unbillig was schlimmes muthmassete, ist alsobald im blosen Hembd
aus seinem Zelt gesprungen, hat sich mit dem Leib voͤllig auf die Er
den gelegt, mit Händ und Füssen gedämpft, und dardurch diese gros
se Gefahr glücklich abgewendet.


Den 5ten dito sind wir anderthalb Meil von Banga in einer
Ebene an der Maritz zu stehen gekommen; woselbst auch noch ein
anderer Fluß oder Bach, dessen Namen ich aber nicht erfahren koͤn
nen, ohnerachtet ich durch die Dolmetschen die Tuͤrken deswegen fra
gen lassen, welche solchen keinen andern Namen zu geben gewust, als
daß es ein Bächlein seye. Die Stadt Samcova hatten wir vor
uns mitten in den Bergen liegend, so wir aber nicht zu Gesicht be
kommen; ruckwäͤrts lag ein Dorf / welches man auf ihre Sprach das
Vogel⸗Dorf nennet, und dieses, wie ich muthmasse, darum, weil Vogel
Dorf.
eine gewisse Art Bäume daselbst zu finden, die unsern Pappel

Bäumen fast gleich, deren Blätter sich stäts bewegen, und damit
die Vögel abhalten, daß sich keiner darauf setzet noch nistet. Zur Berg Rho
dope.

rechten sahen wir die Spitze des Bergs Rhodope / so noch mit
Schnee bedeckt war, und von den Benachbarten Rulla genennt
wird, aus deme die Maritz ihren Ursprung nimmt, wie solches
auch Ovidius und Plinius bezeugen. Zur linken zeigten sich die
jenige Berge, welche die Bulgarey und Thracien von einander
entscheiden, und bis an den Haͤmus zwischen Sophia und Phi
lippopel sich erstrecken. Sie fangen schon in dem Köͤnigreich Ser
vien, ohnweit Raschna oder Sumantzio an, und lauffen immer
fort durch unterschiedliche Länder, bis sie aus Thracien an das
Thracien
oder die
Romanie.

schwarze Meer kommen. Dieses Thracien wird von den Tüͤrken
Rurnili / insgemein aber die Romanie genennt, und solches ohne
Zwei

O 2
- 136 -
Erstes Buch / Achte Abtheilung /

108

Zweifel darum, weil der Kaiser Constantinus aus dem alten Latio
Leute nach Grichenland üͤberfahren lassen, damit Er dem neuem
Rom auch ein neues Latium beyfügen, und die Nachwelt üͤberzei
gen möͤgte, daß das neue Rom oder Constantinopel dem alten
gleich gewesen, wo nicht gar dasselbige uͤbertroffen habe. Ehe wir
aber in gedachte Ebene hinab gestiegen haben wir vorhero die so be
kannte Pforte des Kaisers Trajani besehen.


Pforte des
Kaisers
Trajani.

Dieselbige liegt zur linken in den Bergen, deren gäͤhe Klippen
und sehr tiefe Abgründe kaum einen Zugang verstatten; weswegen
wir unsere Wägen und Bagage eine andere Strasse gehen lassen,
unsere Curiosité aber zu vergnuͤgen, uns unserer Pferde bedient, da
mit wir gleichwol dasjenige selbst in Augenschein nehmen koͤnnten,
wovon wir bereits in so vielen Buͤchern gelesen haben. Es ist aber
dieses Werk weit nicht so wichtig, als der gemeine Ruff es gerne
machen will; die ganze Sache bestehet darinnen, daß zwey steinerne
Säulen neben einander aufgerichtet, und oben durch ein Gewoͤlb
an einander gehenckt sind, welche auf solche Weise eine grosse leere
Pforte vorstellen. Diese hat Kaiser Trajanus zum Gedächtnis
des von Jhm durch selbige Gegend geführten Kriegs⸗Heers aufge
führet, da Er die Thracier und Teutsche zu bestreiten und seiner
Herrschaft zu unterwerfen im Anzug war, weil Er sich hierdurch ei
nen Weeg gebahnet, da vorher keiner gewesen ist. Sie bestehet
theils aus Hau⸗Steinen, theils aus Ziegeln, welche letztere aber viel
breiter und fester sind, als diejenige, deren wir uns heutiges Tags be
dienen: es spaltet sich aber dieselbige schon an vielen Orten, und
dürfte die meiste Zeit gedauert haben, absonderlich da sie dem
Wind und Regen sehr exponirt ist; wie dann auch der Herr von
Dierling / welcher schon einmal mit der vorigen Groß⸗Botschaft
unter dem Grafen von Oettingen allda gewesen, und anjetzo bey
gegenwärtiger als Secretair stehet, mich versichert, daß sie von sel
biger Zeit an merklich zusammen gefallen seye. Es ist aber diese
Pforte auch noch einer andern Verhaͤngnis unterworfen, da nem
lich die Anbeter des lieben Alterthums mit Gewalt Steine aus der
selbigen brechen, um solche mit in ihr Vaterland zu fuͤhren, und in
ihrer Studier⸗Stube oder Kunst⸗Kammer als ein geheiligtes Bild
der Göttin Pallas, und aus dem Trojanischen Brand gerettete
Hauß⸗
- 137 -
Reise von Sophia bis nach Philippopel.
109
Hauß⸗Götter zur sondern Zierde oben anzustellen. Jch habe nicht Excess in
der Liebe
zur Anti
quität.

wenig über diejenige unter uns lachen muͤssen/ die doch Wunder
meinten, wie sie in der Antiquität beschlagen waͤren, daß sie aus
grosser Inclination zu derselbigen gemeldte Steine begierig zusam
men gesucht, und ihre Schub⸗Säcke dicht damit angefüllt;
warum haben die guten Leute nicht lieber von dem nechst anliegenden
Felsen Steine herunter geschlagen und mit sich geschleppt, welcher
ohne Zweifel älter als diese Pforte gewesen ist. Ein sehr curiöser Geist
licher / aus einem gewissen Orden, von welchem man nicht anders
als mit der groͤsten Behutsamkeit reden muß, wann man sich keine
Miß⸗Gunst zu ziehen will, weil er sich den Ruhm der Gelehrsamkeit
nach Verdienst erworben hat / bezeigte eine ungemeine Sorgfalt füͤr
diese steinerne Denkmale; dann nachdem einer unterwegs dergleichen
Steine als eine unnöthige Last von sich geschmissen, hub es jener
mit sonderbahrer Veneration und nicht geringem Frohlocken wieder
auf, verschlosse es in seine Kuͤsten, und zweifelte nicht, daß die ge
lehrte Welt eine ganz ausserordentliche Obligation deswegen vor
ihn haben müͤste, weil er dergleichen Kostbarkeit von dem augen
scheinlichen Untergang gerettet. So hat sich auch einer unter mei
nen Landsleuten, ein sonst gar verständiger und dienstfertiger
Mensch, gefunden, welcher bey seiner Ruckkunft einem seiner ver
trautesten Freunde, so um einer mir unbekannten Ursach willen
nicht mit reisen können, eine zimliche Quantität von diesem Traja
nischen Schatz mitgetheilet, in der sichern Meinung, er koͤnnte sein
ergebenstes Gemüth gegen Jhm nicht besser an den Tag legen, als
wann er ihn mit demjenigen so reichlich beschenkte, welches er vor
das kostbarste unter allen seinen Raritäten hielte. Wann demnach Die allzu
grosse Cu
riosité darf
wol hinter
gangen
werden.

sich ja einer finden solte, der dergleichen Stein nicht zu sich genom
men und deswegen von andern als ein Verachter der Antiquität duͤrfte durchgelassen werden, dem will ich wolmeinend rathen, wo
ferne er anders keine solche Suͤnde zu begehen vermeinet, welche aus
zusöhnen ganz Latien und Grichenland mit allen ihren Steinen nicht
capable wären, daß er so gleich bey seiner Ruckkunft nach Wien
auf den Kahlen⸗Berg gehe, und von dar einen so grossen Stein mit
sich nach Hauß trage / als er unter seine Freunde auszutheilen ge
nugsam zu seyn glaubt, welche gewiß eben so gute Würkung als
jene Trajanische haben werden, womit er gleichwol den Namen ei


nes

O 3
- 138 -


Erstes Buch / Achte Abtheilung /

110

nes Liebhabers und Kenners der Antiquität behaupten, dabey aber
auch zugleich doppeltes Lob verdienen wird, eines theils, daß er an
derer Leute Thorheit so artig zu hintergehen gewust; andern theils aber,
daß er der wahrhaftigen Antiquität damit nichts entzogen, welche
durch anderer unnuͤtze Curiosité nur mehr und mehr verstuͤmmelt
und ihr gaͤnzlicher Ruin nur desto eher befoͤrdert wird: dann so weit
diese vorwitzige Hände haben reichen koͤnnen, ist dieses rare Denkmal
von ihnen zerstuͤmmelt und bey nahe ganz ausgehoͤlet worden. Das
Gewölb ist ohnedem schon ganz zerspalten, und nicht zu verwun
dern, wann es nechstens uͤber einen Haufen faͤllet. In der linken
Säulen, nach demjenigen Weeg gerechnet, welchen wir dahin ge
kommen, kunte man unten einen grossen Stein von weisen aber nicht
nach heutiger Art polirten Marmel eingemauert sehen, auf welchem
ein blaufarbigtes Quater⸗Stüͤck lieget, in deme einige lateinische
Sprüche eingehauen gewesen, so man aber wegen des daruͤber gestri
chenen Kalchs und in die Mauern hinein geschobenen Theils, auch
der noch uͤbrigen durch den vielfäͤltigen Regen ausgelöͤschten Buchsta
ben ohnmöglich mehr lesen kan. Allein es wolten einige aus der in
die Höͤhe oder gegen dem Himmel gerichteten Schrifft urtheilen, daß
dieser Stein eigentlich nicht zu dem Werk selbsten gehöͤre, sondern
von ungefehr in diese Pforten versetzt und vielleicht damit ausgeflickt,
von den Reisenden aber zu einem Denkmal ihrer ehmaligen Gegenwart
also gezeichnet, hingegen von Regen und Schnee und Laͤnge der Zeit
wiederum ausgeloͤscht worden. Wann ich meine Meinung davon
sagen darf, so kommt es mir vor, daß unter andern auch um eben
dieser Ursach willen, weil die Schrifft gegen dem Himmel schauet,
und halben Theil mit Kalch überstrichen ist, es eine alte Schrifft muͤs
se gewesen seyn, damit bey einmal erfolgender Niederreissung dieser
Pforten die Nachwelt in Erfahrung bringen moͤgte, wer solche auf
geführet, und was ihm darzu Anlaß gegeben; welches die Alten
gar sehr in Gebrauch gehabt, wie wir aus ihren ruinirten Gräͤbern,
Särgen, Kirchen und andern aufgerichteten Denkmaln versichert
sind, daran man vor ihrer Destruction dergleichen nicht merken
kunte, was man nachgehends beobachtet, auch noch heut zu Tage
an grossen vornehmen Gebaͤuen wahrnehmen kan. Jn diesen Bergen,
über welche wir nach bemeldter Pforte gehen müssen, wird viel
EisenBergwer
ke.
Eisen gegraben, und zu gerichtet, wie wir dann im Ruckweeg verschiedene
damit
- 139 -
111

Reise von Sophia bis nach Philippopel.

damit beladene Wägen angetroffen; so ist uns auch eben daselbst Warmer
Brunnen.

ein warmer Brunnen aufgestossen, dessen Wasser immerzu so stark
heraus siedet, als wann es etliche Stunden bey dem Feuer gestan
den, so daß man Eyer und andere leichte Speisen gar leicht darin
nen kochen koͤnnte. Unten am Berg, nicht weit von unserm Lager Zerstörte
Kirche.

stunde wiederum eine alte zerstoͤrte Kirche, in welcher jetzt die Raben
und Turtel⸗Tauben ihre Wohnung aufgeschlagen: der Regen fie
le zu allen Seiten hinein, und war mit keinem Dach mehr bedecket;
auf der Mauern wuchs das Gras, die Baͤume und Stauten schaue
ten zum Fenster heraus, so, daß es recht erbaͤrmlich anzusehen, wie
dasjenige durch der Barbarn Verwüͤstung nunmehro zu einem Sitz
der Vögel worden, welches ehedessen ein Wohnhauß des Aller
höͤchsten gewesen.


Als wir den 6ten dito über hohe gaͤhe Stein⸗Klippen, zwischen
welchen die Maritz mit grossem Geraͤusch durchflieset, unsern Weeg
fort gesetzet, sind wir über Jabrowitz und Kiskoi nacher
Seranweg / so ebenermassen zwischen den Bergen liegt / noch
bey guter Zeit gekommen. Der Name Kiskoi bedeutet so viel als
Jungfrauen⸗Dorf, und hat seinen Namen von denen Weibs⸗Bil
dern, deren wir nirgends mehr als hier angetroffen. Zu Serhan
Eine Men
ge Reiger
und
Schwal
ben.

weg haben wir eine grosse Menge weiser Reiger und unbeschreibli
che Anzahl Schwalben gesehen, welche so gar, wo sie hingeflogen, die
Luft verdunkelt, so heiter auch das Wetter dazumal gewesen ist. Auf
der Ebene gegen Serhanweg ist ein Bach / welcher ganz mit
Krebsen angefüllt, und sich in die Maritz ergieset. Gestern erUnsicher
heit dieser
Gegend.

innerten uns unsere Janitscharn, daß keiner von der gemeinen Land
Strassen auch nur im geringsten abgehen solle, noch vielweniger die
sen Tag sich allein auf dem Weeg begeben, weil sich dieser Orten
sehr viel Strassen⸗Räuber und Möͤrder aufhalten, welche Rott
weise die Reisende anfielen, und wo diese sich nicht zusammen hielten,
noch unter einem starken Geleit mit gewafneter Hand ihnen wider
stünden, wären sie in Gefahr, durch sie auf allerley hinterlistige
Weise in Schaden zu kommen; weswegen auch an verschiedenen Or
ten die Spahi Wacht hielten, damit wir desto sicherer waͤren, und sie
uns im Nothfall zu Hülf kommen könnten. An diesen Tag haben
wir zu erst Thracien betretten, da wir uns bishero noch immer
mit den Bulgarischen Bergen schleppen muͤssen; nachdem wir aber
nun
- 140 -
112

Erstes Buch, Achte Abtheilung /

nunmehro diese zuruck gelegt, werden wir forthin bis nach Con
stantinopel einen ebenen Weeg haben. Ehe wir diese Landschaft
gar verlassen, wollen wir erst ein wenig untersuchen, womit sich die
Unterthanen in der Bulgarey und in dem Koͤnigreich Servien
nehren, und mit was für Gaben und Dienste sie der Pforten ver
bunden sind.


Die mehreste aus ihnen sind so wol als andere in dem ganzen
Der Unter
thanen
Auflagen
in der
Bulgarey
und Ser
vien.
Reich schuldig und mit Eid verbunden, sich so oft im Krieg gebrau
chen zu lassen, als oft solches die Noth und der gemeine Nutz erfor

dert, wovon auch so gar Juͤnglinge und Kinder nicht ausgeschlos
sen, sondern nur allein die verlebten Personen und welche einen
Leibs⸗Schaden oder sonst nicht Kraͤffte genug haben, dieser Pflicht
überhoben sind. Doch ist ihnen dabey gleichwol erlaubt, Handel
schaft zu treiben, so lang sie daheim in Frieden sitzen / wie sich dann
auch die mehresten damit ernehren. Die Bauern und Ackers⸗Leute
zahlen der Pforten jährlich zehen Löwen⸗Thaler / dafür stehet ihnen
hernach frey zu pflanzen, saen, Ernden, und allerhand ihnen gefäl
lige Handthierung zu treiben. Derjenige, welcher zwey Joch⸗Och
sen oder Pferde hat, muß eines davon sechs Monat zu des Sul
tans Diensten gebrauchen, welche Zeit sie gemeiniglich von unserer
Ostern bis auf Michaelis zu rechnen pflegen, weil in solcher die
Türkische Armee gegen dem Feind im Felde stehet, als deren Cam
pirung wegen des weiten Weegs, so ihre aus allerhand Nationen zu
sammen geraffte Soldaten wieder nach ihrer Heimat in die Winter
Quartier ziehen muͤssen, nicht leicht laͤnger dauert. Füͤr diese Zeit
nun des halben Jahrs zahlt man ihnen nichts, und sind sie gezwun
gen, sich und ihr Vieh selbst zu verkosten. Wann es des Sultans
Interesse erfordert, muͤssen sie aus einem Land in das andere ziehen,
ohne daß deren Stadthaltere sauer darzu sehen noch deswegen in Un
fried mit einander leben darfen, wie es leider oftmals zum höͤchsten
Nachtheil des obersten Regenten und gemeinen Wesens bey uns ge
schiehet. Es sind viele von denenjenigen Waͤgen, so uns von Nissa
aus Servien bis nach Sophia in die Bulgarey geführet, nicht
weit von dem schwarzen Meer aus Thracien herkommen, von
wannen sie Proviant, Kriegs⸗ und andern Werk⸗Zeug nach Nissa
gebracht haben.


Nach
- 141 -


Reise von Sophia bis nach Philippopel.

113

Nachdem wir den 7ten dito etliche Stunden in einer grossen Die Stadt
Basard
schik.

Ebene längst der Maritz fort gegangen / sind wir nach Basard
schik, einer bey denen Tüͤrken beruͤhmten Stadt, gekommen: wo
bey wir auf dem Weeg dahin etlichmal uͤber die Maritz gehen muͤs
sen, doch meistens dieselbe zur linken Hand gehabt, welche noch bis
her so seicht, daß man dadurch waten kan, ohnerachtet sich schon ei
nige Fluͤsse in dieselbige ergossen haben; jedoch wann sie von Schnee
oder Regen aufgeschwellet ist, hat man einer Brüͤcken oder Schiffs
vonnoͤthen, wann man hinuͤber kommen will. Erst bemeldte Stadt
liegt an gedachtem Fluß, einem lustigen Ort, uͤber welchen eine hoͤlzer
ne Brücke gebauet, darauf nach Lands⸗Gewohnheit viele Türki
sche Bünde in Holz geschnitten stehen, womit solche abgetheilet
wird. Nebst diesem lauft noch ein anderes Wasser fast um die gan
ze Stadt, und ergieset sich endlich gleichfalls in die Maritz. Die Die Be
schaffen
heit der
Häuser zu
Basard
schik.

Häuser daselbst sind weit schöͤner, grösser und besser als zu Nissa /
Sophia und allen übrigen Orten. Die Vordächer oder
Lauben gehen an denselbigen so weit herfür, daß man gar gemächlich
darunter wohnen köͤnnte, wann nur Mauern hinauf geführet und
man zur Seiten bedeckt wäre. Es gibt viel Bäder allhier, auch wei
tere und reinere Strassen, als in andern dergleichen Städten. Die
Kaufmannschaft wird mit grossem Vortheil der Stadt getrieben,
welche auch gar bequem darzu, nemlich mitten im Reich liegt, wes
wegen eine jedwede Sache leichtlich verschlossen werden kan. Da
selbst ist der Haan mit grossen Unkosten, denen Beduͤrftigen damit Haan da
selbst.

an die Hand zu gehen, von puren Quater⸗Stuͤcken gebauet, in des
sen Vorhof ein Brunnen⸗Kasten stehet, der zu mehrern Zierde in
nen und aussen mit Bley belegt ist, in welchen das Wasser immer
zu rinnet, und wieder hinausflieset, und koͤnnen auch daraus 50.
Pferde zugleich getränckt werden. Jch habe bey dem Eingang AllmosenStock.
der Stadt einen Allmosen⸗Stock beobachtet, welcher zum Behuf
der Armen aufgerichtet ist, und davon ich mich nicht erinnere, daß
ich an einem Ort in der ganzen Tuͤrckey dergleichen gesehen haͤtte,
ohnerachtet die Tüͤrken alle andere Völker an Barmherzigkeit und
Liebe gegen den Nechsten übertreffen. Auf ihren Kirchhöfen ist eiKirchhöfe.
ne unbeschreibliche Menge von Grab⸗Steinen anzutreffen, sinte
maln die Tüͤrken in dem Gebrauch haben, füͤr einen jeden Todten ein
besonders Grab zu machen, damit nicht einer den andern in demjenigen
Kampf
P - 142 -
Erstes Buch / Achte Abtheilung /

114

Kampf, welchen sie, ihrem Glauben nach, mit dem böͤsen Geist nach
ihrem Tode haben, verhinderlich seyn möͤgte, wann sich mehr als
einer in einem Grab befinden solte: daher kommt es dann, daß
diese Kirch⸗Höfe grösser als die Städte selbsten sind, und man ge
wiß von denen darauf befindlichen Steinen eine groͤssere Stadt, als
die dabey liegende hölzerne ist, würde aufrichten können. Diese
Grab⸗Steine sind zweyerley Gattung, einige sind rund, andere flach
und duͤnne, und ist an diesen letztern dasjenige Theil, so ober der Erden
stehet, viel breiter, als das untere, also daß man sich daran eine um
gewendte Pyramide vorstellen kan; jene aber mit einem Türkischen
Bund gezieret: welche bey dem Kopf stehen, und allezeit zu gegen
sind; diese aber bey den Fuͤssen, und sich bey gar vielen nicht finden.
Beide sind mehrentheils von Marmel, mit Laub⸗Werk, Gold und
unterschiedlichen Farben, auch bisweilen mit Türkischen Buchstaben
gezieret. Diejenige, so es im Vermoͤgen haben, lassen sich noch dar
zu einen länglicht⸗viereckigten Sarg von weisen Marmel, oder auch
ein Grabmal verfertigen, welches auf Säulen stehet / und mit ei
nem Dach vor dem Regen und Ungewitter verwahrt ist. Uber die
ses sind der Türken Gräber viel weitläuftiger als die Unsrige, und
Streit der
Türken
nach ihrem
Tod / mit
den bösen
Geistern.
zwar eben um ob angefüͤhrter Ursach willen, damit sie nemlich, wann
sie darinnen, in Gesellschaft des guten Engels Gebrai oder Ga
briel / mit den bösen Geistern Aruth und Maruth streiten / desto
besser um sich schmeissen koͤnnen; wie sie dann für ihren Gehüͤlfen,
den Gabriel / der ihnen bey diesem Kampf mit Rath und That an
die Hand gehet / ein kleines Zimmer darinnen zu richten lassen, sie
selbst auch in solcher Positur in das Grab gelegt werden, daß sie das
Gesicht nach der Mecha / dem Grab ihres Propheten, und fälsch
lich eingebildeten Wohnsitz der Auserwehlten kehren. Ehe sie noch
Begräbnis
Ceremo
nie der
Türken.
dahin gebracht werden, wäscht man ihnen den Leib vielmaln ab,
setzt den Bart in Ordnung, und bestreicht sie mit wol riechenden
Sachen / damit sie fein recht gebutzt in dem Himmel erschienen.


Den 8ten dito blieben wir daselbst in der Stadt liegend, um
etwas aus zu ruhen, und zur noch uͤbrigen Reise uns desto geschickter
zu machen. Indessen brachten die Einwohner des Orts Blumen,
Früchte, Fladen, Kuchen, und allerhand Torten herbey, absonder
lich aber ein Trink⸗Geschirr / das mit Nägelein und Graß sehr ar

tig
- 143 -
115

Reise von Philippopel bis nach Adrianopel.

tig auf dem obern Theil bewachsen war, damit der darinnen enthal
tene Trank desto kuͤhler verblieb/ mit welchen sie den Herrn Groß
Botschafter zum Zeichen der Freundschaft und Hochachtung be
beschenkten. Es hat auch derselbige in solcher Zeit vernommen, wie Erlösete
Gefangene
zu Basard
schik.

daß viele gefangene Christen allda aufbehalten würden, weswegen Er
sich höchst angelegen seyn lassen, selbige los zu machen; durch wel
ches Beyspiel der erste und zweyte Adel gleichfalls bewogen worden,
Geld zusammen zu schiessen, und ein paar gefangene Christen da
für los zu kaufen: auf solche Weise wurden in dieser nicht gar
grossen Stadt deren viere aus ihrer Sclaverey erloͤset, darunter ei
ner solche absonderlich fuͤhlen muͤssen, als welcher nicht allem mit
acht und zwanzig pfüͤndigen Fesseln sich taͤglich herum schleppen und
damit an die Arbeit gehen, sondern auch noch zu Nachts, wann er
sich schlaffen gelegt, binden lassen muͤssen. Nachdem wir nun
den 9ten in der Nacht unsere Waͤgen und Bagage voraus geschickt,
sind wir selber in aller früͤhe aufgebrochen, und noch denselbigen
Vormittag zu Philippopel ankommen.



Neunte Abtheilung.


DJese Stadt haben wir nur im Vorbeygehen gesehen, weil Pest zu
Philippo
pel.

wir uns wegen der darinn grassirenden Pest, so täglich vie
le Menschen hinweg gerissen, nicht lang daselbst aufhielten.
Als wir bey dem ungemeinen grossen Kirch Hof vorbey fuhren, ha
ben wir neben dem Weeg viele Graͤber beobachtet, so noch mit fri
scher Erden bedeckt gewesen, woraus man die Gewalt dieser Seuche
gar leicht beurtheilen kunte; weswegen scharf verbothen worden,
daß niemand nach der Stadt gehen, oder von daraus etwas mit sich
nehmen solte, damit dardurch die ganze Botschaft nicht in Gefahr
gesetzt würde. Sonst ware wol nicht zu zweifeln, daß wir daselbst
nicht solten viel merkwuͤrdiges angetroffen haben, worduch die maͤch
tigen Victorien Philippi des Grossen/ Alexandri Magni
Vaters, auf die Nachwelt fortgeflanzt worden. Busbeck in seiLage dieser
Stadt.

nen Türkischen Sendschreiben berichtet von dieser Stadt, daß sie
auf einem von dem daselbst befindlichen dreyen Huͤgeln gelegen seye,
welches mir Anfangs nicht so vorkommen, indem ich geglaubt, daß
sie

P 2
- 144 -
116

Erstes Buch / Neunte Abtheilung /

sie auf alle drey gebauet wäͤre, habe es aber nachgehends anders be
funden / indem ich nur durch einige Gebäͤue, welche üͤber solche han
gen, betrogen worden; weswegen ich meine Meinung geändert, als
ich durch ein Perspectiv derselben Gelegenheit, Ab⸗ und Eintheilung
etwas genauer betrachtet, und dabey angemerket, daß die Stadt
zwar auf zwey Spitzen stehet, welche aber nur einen einigen Berg
ausmachen, da der andere vor Zeiten wol auch mit dergleichen
Ringmauern umgeben gewesen, die aber jetzt mehrentheils zerfallen
sind. So habe ich auch vier Hügel gefunden / wo Busbeck nur
drey will gesehen haben: und kan ich ihm darinnen nicht beyfallen,
Bedeu
tung der
Erd⸗Hau
fen.
wann er meinet, das diejenige Erd⸗Haufen, die in dieser Gegend an zutreffen, Zeichen der in diesen Feldern gehaltenen Schlachten seyn
sollen, als worunter die Erschlagene begraben lagen; sintemaln durch
alle Landschaften des Sultans, die wir durch gezogen, dergleichen zu
sehen sind, worunter auch einige waren, so erst neulicher Zeit aufge
worfen worden, von welchen man mich auf genaue Nachfrage be
richtet, daß diese Gewohnheit schon vor alten Zeiten gewesen, und
zwar zu dem Ende eingeführet seye, damit die Armeen in Kriegs
Zeiten wissen koͤnnten, welchen Weeg sie halten muͤsten. Auf einer von
denenjenigen Spitzen, auf welchen die Stadt stehet, siehet man ei
nen viereckigten Thurn, welcher vor diesem zur Vertheidigung des
Orts statt einer Vestung gedienet; und damit solcher vor feindlichen
Anfällen desto sicherer seye, hat man keine oder doch wenig Haͤu
ser dahin gebauet: es gebrauchen die Türken anjetzo denselbigen
für einen Wacht⸗Thurn, haben auch eine Uhr darauf gestellet. An
dem Fuß des ersten Bergs flieset die Maritz vorbey, und theilet
durch ihren Lauf die Stadt selbst von der untern Vorstadt ab, wel
che beide aber durch eine Bruͤcke, uͤber welche man von einer zur an
dern gehen kan, wiederum vereiniget werden. Wir sind nur durch
den letzten Theil der jenseit liegenden Vorstadt gekommen, und ha
ben über 100. Schritt hinaus unser Lager aufgeschlagen. Auf den
zweyen andern Bergen, welche gleichfalls an der Maritz liegen, ist
im geringsten nichts von einigem Gebäu zu sehen; wovon uns aber
im Rückweeg ein Neapolitaner, so viele Jahre gefangen gewesen,
erzehlet, daß zu Zeiten Philippi des Grossen alle 4. Berge mit
Ring Mauern umgeben gewesen, wie die Türken von ihren Vor
fahren berichtet wären, so ich aber nicht glauben kan, weil das ge

ringste
- 145 -
Reise von Philippopel bis Adrianopel.
117
ringste Wahrzeichen davon nicht zu finden. Diese Stadt ist so groß als
Sophia, ihre Häuser eben, wie daselbst, erbauet, die Gassen sind
gleichfalls also eingerichtet, und ist nur ihrem Lager nach von jener
unterschieden. Gleich bey dem Eingang faͤllt einem ein von gehaue
nen Steinen und Ziegeln aufgefuͤhrter Thurn in das Gesicht, wie
auch ein Haan oder offentliches Wuͤrthshauß, welches von dem
letzten Ungewitter sehr beschäͤdiget worden; angesehen der Wind die
Schindel und das Bley von den Daͤchern theils hinweg gefüͤhrt,
theils sonst zu schanden gemacht, so daß der Regen nunmehr voͤllig
hinein schlagen kunte. Hier hat man die gewöͤhnliche Begrüͤssung
mit Stuck⸗Schiessen bey unserer Ankunft unterlassen, weil sie mit
dergleichen groben Geschuͤtz nicht versehen waren; doch ist uns gleich
wol die Besatzung entgegen gangen, und hat den Herrn Botschaf
ter bis ins Lager begleitet. Jn dieser Gegend waͤchset der Reiß, Reiß / wie
er waͤchst.

fast auf diejenige Art, wie bey uns der Waitzen, doch muß er ein
fettes Erdreich haben, weshalben man die Aecker oͤfters uͤberschwem
met / damit sie fruchtbar werden/ und das Angesäete besser wurzeln
kan; in welchem Absehen man das Wasser in Graͤben und Lacken
auffängt, damit dasselbige im Fall der Noth von daraus üͤber die
Felder kan gefuͤhret werden, deren in dieser Ebene eine solche Men
ge und von solcher Gröͤsse anzutreffen, daß sie etliche Stunden weit
und wie ein Garten in Better ausgetheilet sind, darauf mehr Reiß
wächset / als man in der ganzen Tüͤrkey verzehren kan. Von hier
aus fängt die Maritz an Schiffreich zu werden, wie wir dann
Flöße und andere mit Getraid und Eisen beladene Fahrzeuge das
Wasser hinunter nach Adrianopel fahren sehen.


Den 10ten bekamen wir andere Pferde zum Reiten und Vor
spann, und nahmen damit erstlich den Weeg an der Maritz vor
bey, von dar aber durch eine grosse und morastige mit Rohr und
Binsen bewachsene Wiesen, welche wir mit Jagen durch gestrichen,
und uns alsdann hinter den Fluß Stannimocka gesetzt, wobey Stann
mockaFluß.

sich ein Flecken gleiches Namens befindet, den wir aber nur durch
die Bäume zur rechten Hand liegen sahen. Dieser Fluß / welcher
seinen Ursprung in dem Berg Rupora nimmt, wird sehr schnell,
und reißt heftig fort, wann es viel regnet, oder der Schnee in den
Felsen zergehet, also daß die darüber geschlagene Brücke gar oft
repa

P 3
- 146 -
Erstes Buch / Neunte Abtheilung /

118

reparirt werden muß; wie wir dann im vorbey reisen denjenigen
Schaden, der dardurch verursachet worden, mit Augen haben se
hen koͤnnen, indem sich die Aecker davon noch voller Wasser zeigten,
und eine nieder geworfene steinerne Bruͤcke in ihrem Ruin praesen
tirte, deren Bogen / worauf sie gestanden, noch aus dem Wasser
Closter der
Basilia
ner⸗Mön
che.
herfür sahe. Auf dem Gipfel desjenigen Bergs, woraus dieser
Fluß entspringt, stehet ein Closter, in welchem eine zimliche Anzahl
Grichischer Mönche sich befinden, die nur von Wurzeln und Kräͤu
tern zu leben gewohnt sind; von welchen ich vernommen, daß ehe
dessen nicht so viel Wasser allda anzutreffen gewesen, womit sie nur
hätten den Durst loͤschen koͤnnen, nachgehends aber häͤtte sich das
Miraculö
se Wasser
Erfindung
Bildnis der allerseeligsten Jungfrauen Maria gefunden, ohne daß
jemand gewust, wie es an solches Ort gekommen, und von der Zeit
an könne man das beste Wasser in Uberfluß daselbst haben.
Die dort herum wohnende Bauers⸗Leute haben die Gewohnheit, das
Einfalt der
Bauern.
sie sich, so oft sie das Heil. Sacrament geniessen wollen, nicht allein
mit diesem Wasser waschen, sondern auch vor dessen Gebrauch des
selbigen nach Genüͤge trinken, und solte diese liebe Einfalt wunder
meinen, was es füͤr eine grosse Suͤnde waͤre, wann sie dieses andaͤch
tige oder gar heilige Werk unterliessen; worinnen aber gewißlich die
Grichische Pappas oder Mönche weit mehr als diese Bauern zu
schelten, als deren Gelehrsamkeit sich entweder nicht so weit erstreckt/
daß sie wissen, was sich bey solcher heiligen Handlung gezieme: oder
wann sie es wissen, einem so grossen Mißbrauch gleichwol durch die
Finger sehen, und ihrer Schuldigkeit nach eine so thörichte Einfalt nicht
nach Verdienst abstraffen. Jch war entschlossen, mit einigen aus
dem Adeln und dem Herrn Prælaten der Groß⸗Botschaft dort
hin zu gehen, und dasjenige, was wir bisher nur gehöͤret hatten, mit
Augen anzusehen, allein die augenscheinliche Gefahr, in welche wir
alle insgesamt damit wuͤrden gesetzt haben, hat uns von unserm
Vornehmen billig abgehalten. Zu eben dieser Zeit kam aus mehr
gemeldter Gegend ein Bauer, den seine Curiosité antrieb, den
Herrn Groß⸗Botschafter zu sehen, und Jhm seine Bäuerische
Höflichkeit zu bezeugen: als diesen der Herr Botschafter fragte:
ob in dem Dorf, wo er herkame, die Pest auch regierte? hat er dar
auf geantwortet, daß die Türken zwar darmit unvexirt blieben, allein
über die armen Bauern gienge es treflich her, und wuͤrden sie häͤufig
da
- 147 -
119

Reise von Philippopel bis Adrinopel.

davon weg gerissen, doch hätten die wenigsten erwarten wollen, bis
die Reihe auch an sie gekommen, sondern sich mit der Flucht davon ge
macht. Gewiß, dieses wäre den guten Leuten in Teutschland oder einem
andern wol bestelltem Reich nicht so ungerochen hingangen; weil
sie daselbst, wann sie bey so grosser Gefahr einer Seuch die Gräͤn
zen überschriten, ohne die gewoͤhnliche Contumacie zu halten, ohne
Zweiffel an ihren besten Hals wären aufgehangen worden. DazuEin flüchti
ger Sclav.

mal kam auch ein Sclav, welcher bey einem Juden in Dienstbarkeit
gewesen, der ihme die Freyheit öfters versprochen, aber niemaln ge
halten, zu uns geflohen, und hat auch willig gefunden, was er so
ängstig gesucht: weil er aber in der Eil seines Herrn Eselin mit ge
nommen, aus Furcht, wann er solche von sich liesse, er duͤrfte vor
der Zeit verrathen und wieder eingeholet werden, hat man jenem
sein lastbares Thier wieder zurüͤck geschickt, diesem aber die Freyheit
bestättiget.


Der uͤbrige Weeg bis nach Constantinopel war bey nahe eine
continuirliche Jagd gewesen, weil wir von hieraus bestäͤndig ebenen
Weeg hatten; wie dann auch unsere Fuͤhrer sich sehr angelegen seyn
liesen, dem Herrn Groß⸗Botschafter den Weeg angenehm zu
machen / weswegen sie ihn nicht nur in solche Oerter fuͤhrten, wo
sie das meiste Wild vermutheten, sondern Jhm uͤber dieses noch die
vortreflichsten Hunde zu wegen brachten, welche sie Jhm auch zum Geschwin
digkeit der
Türkischen
Hunde.

Theil verehrten, davon ein jeder in einem Lauf drey bis vier Haasen
einholte, wie ich dann so gar einen gesehen, welcher den sechsten
nicht verfehlet hatte, worüber er sich aber auch so ermiedet,
daß man ihn auf einen Wagen bringen und mit fort fuͤhren muͤssen.
So weit aber diese Hunde die Unsrigen an Geschwindigkeit uͤbertref
fen, so fix sind sie auch im Einholen / wann sie das Wild einmal auf
getrieben haben; weswegen sie sich im Laufen bestäͤndig an der Er
den halten, so daß sie schier mit dem Kopf und Bauch solche beruͤh
ren: an statt daß die Unsrigen ihre Ohren spitzen, lassen diese sie herab
haͤngen; sonst sind sie ihnen an der Gestalt nicht ungleich, haben einen
haarichten rauhen Schweif, sind langfüͤssigt, rahnig, und spitz
köpfig.


Den 11ten haben wir den vorigen Weeg gehalten, und sind Papasli.
längst der Maritz linker Hand fort gegangen, und endlich nach
Papasli kommen, allwo die vorige Botschaft uͤbernachtet, wir
aber
- 148 -
120

Erstes Buch / Neunte Abtheilung.

aber sind weiter bis nach Hali Aga Czeschma geruckt, welches
nach unserer Sprach so viel als des Hali Aga Brunnen bedeutet,
und eine Wiese ist, welche wegen der vielen Brunnen, so der Hali
Aga daselbst graben lassen, seinen Namen uͤberkommen, allwo wir
drey viertel Stunden von der Maritz weg uns gegen die rechte
Verände
rung der
Wohnung
ganzer Ge
schlechter.
Seite gewendet haben. Auf dem Weeg sind uns viele Tüͤrkische
Wägen begegnet, mit welchen sich bisweilen ganze Türkische Fami
lien samt Sack und Pack anders wohin fuͤhren lassen, entweder einen
bequemern Ort füͤr ihr Hauß⸗Wesen aufzusuchen, oder der stark gras
sirenden Pest zu entfliehen. Diese Wagen kamen mir nicht anders
vor, als wie unserer Teutschen Bauern ihre Hüͤner⸗Wägen, in wel
chen sie ihr Gefluͤg zu Markte bringen; dann sie haben ein niedri
ges Dach, liegen völlig auf der Achs auf, und sind / wie jene, mit
Gattern versehen / auswendig mit Farben angestrichen, inwendig
aber Küssen gelegt, auf welchen sie wie die Hüner über den
Eyrn sitzen, dieselbige schleppen ein, zwey oder mehrere Pferde fort,
nachdem sie beladen sind; an die andern Fahr⸗Zeuge aber werden
Ochsen angespannet. Bey Papasli fliesen zwey Bäche vorbey,
deren ein jeder sich in die Maritz ergieset/ und alsdann gleichen
Namen führen.


Den 12. Julj sind wir über Cayali und Kuruczeschma
nach Semischeze / und zwar noch Vormittag kommen, auf wel
chen Weeg wir viele Brunnen angetroffen haben, und die Banska
daselbst vorbey fliesen sehen; ehe wir aber noch hinzu kommen, hat
Des Ba
scha von
Chaskoi
Beglei
tung.
sich der Stadthalter oder Bascha von Chaskoi / bey dem Herrn
Groß⸗Botschafter eingefunden, Jhn aus Ehrerbietung durch
seine Provinz zu begleiten, in welcher Zeit er Jhm beständig an der
Seiten geritten. Dieser Bascha ist so viel als General-Quartier
Meister, und wann der Sultan zu Feld ziehet, wird er allezeit
mit dem ersten Roß⸗Schweif voraus geschickt, um solchen daselbst
aufzustecken, wo das Kaiserl. Lager soll geschlagen werden. Er ist dem
Herrn Botschafter drey Stund weit entgegen gekommen, und
hat Jhn nicht eher verlassen, bis Er in das Zelt hinein getretten.
Den Tag darauf hielten wir abermal Rast⸗Tag; und den nechst fol
genden hat er aus Befehl des Groß⸗Vizirs den Herrn Groß
Botschafter wiederum sechs Stund, nemlich bis auf die Gränzen
seiner Landschaft, begleitet; und weil er vernommen, daß er ein Lieb

haber
- 149 -
Reise von Philippopel bis Adrianopel.
121
haber der Jagd wäre, hat er Jhm durch unseres Führers des Me
hemet Aga Sohn ein unvergleichlich Wind⸗Spiel verehret, welVerehret
dem Hn.
Botschaf
ter einen
Hund.

ches ganz allein etliche Haasen auf das hurtigste einholen kunte.
Diese Tage über wurden unsere Ohren wiederum mit einer Tuͤrki
schen Music gequälet wegen Gegenwart des Bascha, als welche der
gleichen allenthalben mit sich herum zu fuͤhren pflegen; und bestun
de solche aus Seiten⸗Spiel und Pfeiffen, wie auch aus einigen run
den hoͤlzernen nicht gar hohen und mit Pergament uͤberzogenen Rei
fen, zwischen welchen an unterschiedlichen Orten kleine runde Plat
ten hinein gesteckt und in der Mitte nur etwas weniges angeheftet
waren, die, wann man sie ruͤhrte/ einen Klang wie die Cymbeln
oder Schellen von sich gaben: Hierzu kamen noch fuͤnf grosse und
zwey kleine Trommeln, davon die letztern nur bisweilen mit einem
Stück Leder, die erstern fuͤnf aber mit einem Stecken, so an einem
Ende wie ein kleiner Koch⸗Loͤffel formirt war, immerzu mit einer
Hand an den obern Theil geschlagen worden, an dem untern Theil
aber wurden sie nur je zuweilen mit einem duͤnnen Ruͤtlein geruͤhret,
damit dieser Klang von dem erstern unterschieden wäre.


Den 13. besuchte der Herr Groß⸗Botschafter in Begleitung
einiger aus dem Adel und seiner Hauß⸗Bedienten den Bascha, wel
cher sich an die Banska gelagert hatte; deme des Bascha Bothen
oder Chiausen in weiser Kleidung, nebst dessen Trabanten, Pa
gen, Hauß⸗Bedienten, und Knechten entgegen kamen, Jhn einzuho
len, so auch nachmals alle in guter Ordnung vorher giengen: auf der
andern Seiten des Wassers empfienge denselben der Mehemet
Aga unser Füͤhrer, und bey dem Eingang des Zelts, welches mit weiß
und roth untermischten Teppichen und gelben Polstern belegt war, der
Bascha selbst. Allda sahe man zwischen Jhm und dem Mehemet für
dem Herrn Botschafter einen Stul gesetzt, um welchen sie nebst un
serm Adel auf denen Sofaus herum lagen; worauf Er mit der
gröͤsten Höͤflichkeit tractirt, und alsobald die suͤssen Fruͤchte, Caffé,
Rosen⸗Wasser, Rauchwerk angeschafft, und in der Runde herum
gelangt wurden: und weiln Se. Excellenz vernommen, daß der Ba
scha sich einige Tage üͤbel auf befunden, offerirte Er ihm seinen Leib
Arzt, für welches Anerbiethen aber sich der Bascha aufs höflichste be
dankte, und zu verstehen gabe, daß er nunmehro desselben nicht mehr
nöthig hätte, nachdem er sich wieder besser befände; dafür ersuchte
er

Q
- 150 -
Erstes Buch/ Neunte Abtheilung /

122

er Jhm jedoch zum öftern gar sehr um seinen hohen Vorspruch bey
der Pforte für ihn und einen seiner Freunde, so ihm auch geneigt
versprochen und nicht weniger auch redlich gehalten worden; wie er
dann dessen Nachdruck nicht lang hernach erfahren, da er durch ein
Kaiserliches Rescript von dar ab und zu Verwaltung einer gröͤssern
Provinz gefordert worden. Endlich invitirte er den Herrn Bot
schafter auf den andern Tag zu einer Jagd, da er Jhn an ein be
quemes Ort führen wolte, wo sie die Geschwindigkeit ihrer Hunde
auf die Prob stellen koͤnnten; hierauf haben Se. Excell. ihm gegenseits
seinen Wagen angebotten, um Sie beide dahin zu bringen, und nach bei
derseits gegebenen Worten haben Sie sich wiederum zurüͤck nach dem
Lager und Zelt begeben. Nachmittag kam seiner Gewohnheit nach der
Mehemet Aga zu dem Herrn Botschafter / und weil er ein in
seiner Lehr sehr geuͤbter Mann war, hatte er sich oͤfters mit Dem
selben in ein Gespraͤch von ihrer Religion eingelassen, welches aber
gar heimlich geschehen muste, weil er sonst, wo es auskommen wäͤ
re, den Kopf darüͤber hätte verliehren koͤnnen. Man wird aber gar
leicht abnehmen / wie tief dieses Volk in dem Aberglauben
stecke, wann man betrachtet, daß mit buͤndigen Schluͤssen bey ihnen
nicht aufzukommen; und wann man sie gleich noch so sehr in die
Enge treibt, so daß sie nichts mehr auf eines seine Vorstellungen zu
antworten wissen, sind sie gleichwol nicht dahin zu bringen, daß sie
überwunden geben, sondern beruffen sich auf ihre Buͤcher, worinnen
diese ihre Meinung enthalten wäͤre, und damit muß ihr ganzer Streit
geschlichtet seyn: und ob es zwar an dem, daß auch bey uns der
Glaube der Vernunft muß vorgezogen werden, so ist doch unsere
Uberzeugung in Glaubens⸗Sachen also beschaffen / daß wir be
finden, wie der Glaube zwar über, aber nicht wieder die Ver
Mehemets
Discurs
vom Glau
ben.
nunft sich erstrecke. Besagter Mehemet bediente sich indessen fol
gender Erzehlung: es sey in ihren Buͤchern geschrieben, daß vor dem
jüngsten Tag oder Ende der Welt viel Kriege und Uneinigkeiten ent
stehen wuͤrden; in denselbigen wuͤrden die Tuͤrken anfangs die Ober
Hand haben und ganz Europa / sonderlich aber Jtalien und Rom,
als das Haupt der Welt / unter ihre Botmässigkeit bringen: als
dann solten die Christen aus allen Orten sich versammlen, die Tüͤr
ken wieder vertreiben, und Constantinopel selbst einnehmen; wor
auf die Türken nach Damascus fliehen. und, nachdem sie sich
re
- 151 -
Reise von Philippopel bis Adrianopel
123
recolligirt haben, ihren vorigen Wohnsitz wieder zu erobern
trachten wuͤrden: hernach werde der Teufel kommen, und die Men
schen mit seiner Lehr und Kuͤnsten verfuͤhren, diesem aber werde sich
einer aus ihren Pfarrern, den sie Emaum nennen, ein frommer,
heiliger und geistreicher Mann, aus dem Geschlecht des Maho
mets entsprossen, und zu eben diesem End erwecket, widersetzen,
seine falsche Lehr widerlegen, und eine andere und bessere heraus ge
ben; er soll auch von JESU unsern Seeligmacher einen Stecken
Des Hn.
Botschaf
ters Erklä
rung dar
über.

bekommen, mit welchem er den Teufel todschlagen werde. Als der
Herr Botschafter ihm dieses zustunde, dabey aber zeigte, daß es
nicht bloß nach dem Buchstaben muͤsse verstanden werden, sondern et
was anders darunter verborgen seye, nemlich, daß die boͤse und
giftige Lehre des Menschen aus ihm einen Teufel, oder noch wol,
wo es moͤglich, was aͤrgers mache: durch den heiligen Mann aber
wuͤrden die Lehrer und Väter der Kirchen verstanden / welche mit dem
verborgenen Stecken der neuen und heiligen Lehre Christi dem bö
sen Geist umbringen, das ist, das Gift seiner schädlichen Lehre mit
der Warheit vertreiben; hat der Mehemet diese Auslegung
zwar für wahrscheinlicher gehalten, aber doch allezeit wiederum darge
gen gesetzt, daß es also, wie er es erzehlt häͤtte, in ihren Buͤchern
geschrieben stünde. Zu einer andern Zeit, als er in des Herrn Gedicht
der Türken
vom Dia
mant.

Botschafters Ring einen Diamant beobachtet, hat ihn die Curiosité
angetrieben, nach dessen Namen zu fragen, und da er solches ver
nommen, ruͤhmte er zwar dessen Schoͤnheit / wolte aber doch dabey
behaupten, daß solcher Stein Gift bey sich füͤhre. Weil aber der
Herr Botschafter ihn versicherte, daß er nur in so fern schäͤd
lich, wann man denselbigen zu Pulver mache, und einem Menschen
beybringe, als in welchem Fall solcher die Gedärme und das Ein
geweid dermassen zerreisse, daß auf keine Weise mehr zu helfen stuͤn
de: hat dieser dargegen gesetzt, wie er gelesen habe, daß der von sei
ner Schöͤnheit aufgeblasene Diamant von GOtt gestrafft, und aus
dem schoͤnsten und kostbarsten Edelstein in das schädlichste Gift seye
verwandelt dabey auch dem geringsten Metall, dem Bley, die Kraft
ertheilt worden, daß es die Härte des Diamants auflösen köͤnne.
Als nun hierauf der Herr Botschafter ihme zu verstehen gab /
wie dieses auch Gleichnis weise, als wie das vorige mit dem Stecken
müsse angenommen werden, da nemlich GOTT der HERR oft
schlechte

Q 2
- 152 -
Erstes Buch / Neunte Abtheilung /

124

schlechte und verworfene Geschöpfe erwehle, um damit die Stär
kern zu Schanden zu machen, indem ja in seinem eigentlichen Wort
Verstand dieses nicht könne gesagt seyn / angesehen der Stein weder
Rede noch Vernunft habe: gabe der Mehemed zwar gnugsam zu
verstehen, wie er an dieser Erklärung nichts auszusetzen finde,
brachte aber immerzu seine alte Einwendung dargegen für, daß es
Von Pfer
den.
in ihren Büchern also geschrieben stünde. Er erzehlte auch, daß
in Arabien noch Pferde aus demjenigen Geschlechte anzutreffen, auf
welchen Mahomet geritten, welche unter den Tüͤrken theuer ver
kaufft, und wann sie noch in Mutter⸗Leib, drey, vier bis fuͤnf hun
dert Ducaten füͤr eines gezahlt wuͤrde; von diesen Pferden behaupte
te er, daß sie des Freytags nichts fressen; deme der Herr Bot
schafter beyfüͤgte: er glaube, daß sie es auch des Sambstags nicht
thun würden, wann man ihnen nichts gebe. Damit aber dieses
Mährlein noch einen mehrern Zusatz bekäme, wolte er auch behaupten /
daß diese Pferde so gar beten könnten / und führte zu dessen Beweiß
die vielfältigen und selzamen Bewegungen des Haupts von dieser
auf jene Seiten an, wordurch sie ihre Andacht zu verstehen geben
wolten; ja ich glaube, wann man ihme dieses zugestanden/ er wuͤr
de ihnen gar eine vernuͤnftige Seele und andere den Menschen zu
kommende Eigenschaften beygelegt haben. Einsmals brachte der Herr
Botschafter den Mißbrauch der Beschnittenen auf die Bahn, und
zeigte / wie es wieder das alte Gesetz liefe, worauf sie doch gleichwol
selbsten viel zu halten pflegten, indem es daselbsten hiese: Seyd
fruchtbar und mehret euch; auf dieses muste er bekennen, daß
sich solches von ihrer Kaisere und Fürsten argwöͤhnischen Geilheit her
schriebe, und sie auch noch heutiges Tags ihrer Macht hierinnen
mißbrauchten. Dann die bösen Potentaten, indem sie sich von al
len menschlichen Gesetzen befreyet und uͤber dieselbe zu seyn glauben,
lassen es dabey nicht bewenden, sondern greifen so gar GOtt dem
HERRN selbst nach seiner Gewalt, und bezeigen sich als absolu
te Herrn über der Menschen Leben, welches sich doch GOTT al
lein vorbehalten. Es wird aber von der Tüͤrken Lehre und Aber
glauben schon noch zur andern Zeit zu reden Gelegenheit geben,
weswegen wir uns jetzo nur immer wieder auf den Weeg machen
wollen.


Wel
- 153 -


Reise von Philippopel bis Adrianopel.
125
Welchen wir auch den 14. dito ferner fortgesetzet, und nach
dem die schwehr beladene Wägen in der Nacht voraus gegangen,
denselbigen Tag acht Stunde zurüͤck gelegt. Noch vor der Son
nen Aufgang schickte der Herr Botschafter seinen Hof⸗Marschalk Der Ba
scha fäh
ret mit dem
Hn. Groß
Botschaf
ter.

mit einigen aus dem zweyten Adel und den Hauß⸗Bedienten nach
dem Bascha, denselbigen zu invitiren, welcher sich auch bald darauf
mit den Seinigen eingestellt, in den Wagen gestiegen, und mit uns
fort marchirt ist. Allhier saß der Herr Botschafter abermal zur
rechten, zur linken der Bascha und gegen uͤber der Dolmetsch Herr
Theyls; unsere Trompeter giengen voran / und des Bascha Musi
canten folgten, so ihre Instrumenten ohne Unterlaß hoͤren liessen;
die Chiausen machten ihr gewoͤhnliches Geschrey und wiederholten
dasselbige zum öftern, absonderlich aber wann sie bey einem Ort
vorbey kamen, damit nemlich die Bauern daselbst wissen möͤgten,
daß ein Bascha oder andere vornehme Person vorbey ziehe. Unter
solcher Kurzweil sind wir zu Usundschova noch gar fruͤhe, zu Har
manli aber um den Mittag ankommen; an welchen beiden Orten
ein schöͤner Haan und Kirchen sich befinden, so aus lauter Quater
Stücken aufgefüͤhret, die Flügel, Gewölber, Stiegen und Gaͤnge
aber alle mit Bley bedeckt sind. Unser Laͤger haben wir in einer nicht
gar grossen Ebene eine halbe Stunde von Harmanli aufgeschla
gen, und zwar so, daß wir das Dorf Swrica, so mitten zwischen
zwey kleinen Bergen gelegen, zur rechten, die Maritz aber zur lin
ken hatten. Dieser Fluß ist von Harmanli etwas entfernt, so daß
er nur von dem Berg herab kan gesehen werden; hingegen rinnet
die Oludera fast daran vorbey, über welche eine Brüͤcke geschlagen,
die mit einer Stiegen versehen, vermittelst deren man aus dem Was
ser bis auf die Schwibböͤgen hinauf kommen kan. An diesem Tag
war mit der Jagd wenig zu thun, und haben wir uns wegen Ungele
genheit der Oerter nicht damit bemuͤhen moͤgen.


Den 15ten sind wir über die Hepipcze gangen, an welcher
ein kleines Dörflein gleiches Namens liegt / aber weder einen
Haan, noch Brunnen oder Kirchen hat, und von dar nahmen wir
unsern Weeg nach Mustapha Bascha Kiupri, oder wie es an
Schöne
Brüͤcke zu
Mustapha
Bascha
Kiupri.

dere nennen Tzgupri Cuprussi, welches Ort von der von
Mustapha Bascha dabey aufgerichteten ungemein schoͤnen Brü
cke Q 3 - 154 -
126

Erstes Buch / Neunte Abtheilung /

cke, dergleichen man in ganz Europa wenig sehen wird, seinen Na
men bekommen. Es bestehet aber diese Brüͤcke aus 20. Jochen,
welche alle von den groͤsten Quater-Steinen verfertiget sind, mit wel
chen auch ein langer Weeg hinaus diß⸗ und jenseits der Brüͤcke belegt
ist. Mitten auf derselben ist etwas aufgerichtet, das unsern Altä
ren nicht ungleich siehet, und ein weiser Marmel⸗Stein bedecket,
worauf Türkische Buchstaben eingehauen, durch welche der Name
desjenigen, der es erbauen lassen, samt der Ursach, warum solches
geschehen, angezeiget wird. Es soll sich die Summa der darauf ge
wandten Unkosten auf 400. Beutel oder 200000. Thaler erstrecken,
Merkwür
digkeit da
von.
und erzehlen die Türken, daß der Sultan / nachdem sie völlig im
Stand war, dem Mustapha habe so viel wiederum angebotten,
als es ihm gekostet, wann er sie wieder verkauffen wolte, worauf er
sich einen Tag Bedenk⸗Zeit ausgebetten, aber noch in selbiger Nacht
Gift zu sich genommen, damit er sie dem Kaiser nicht wider seinen
Willen verkauffen duͤrfte, dabey aber gehoft, daß er sich durch die
se That bey der Nachwelt einen ewigen Namen zu wegen bringen
würde. Als dieses der Sultan vernommen, hat er denjenigen,
welcher zu erst üͤber bemeldte Brüͤcke gehet, mit unzehlichen Fluͤ
chen belegt, ohne Zweifel darum, damit dieses Denkmal
um so viel weniger æstimirt wuͤrde, je wenigern Nutzen es auf sol
che Weise schaffete, wann sich niemand daruͤber zu gehen getrauen
dürfte, und er also deren Ansehen bey der Nachwelt verringern
moͤgte. Es hat sich aber mit allen diesen des Bascha Vater nicht ab
schrecken lassen, daß er nicht solte zu erst daruͤber gegangen seyn.


Am gemeldten Tag nahm der Bascha von Chaskoi seinen
Des Ba
scha von
Chaskoi
Abschied
von dem
Hn. GroßBotschaf
ter.
Ruckweeg, nachdem er sich von dem Herrn Groß⸗Botschafter
beurlaubet, und ihm ein Præsent von einem schoͤnen Pferd und zwey
wol abgerichteten Sperbern gemacht hatte; dann es ist nicht zu
glauben, wie sehr sich die Tüͤrken mit diesen Raub⸗Voͤgeln ergöͤtzen,
indem sie sich derselbigen zum Lerchen⸗ und Wachtel⸗Fang bedienen,
womit sie auch den Herrn Botschafter nachgehends zum öͤftern
zu delectiren gesucht / und es damit folgender massen angefangen:
Türkischer
Vogel
Fang mit
den Sper
bern.
Es sitzen einige zu Pferd, halten diese Voͤgel fest in der Hand, und
lassen sie nicht frey auf derselben stehen, wie bey uns im Gebrauch ist;
wann nun eine Lerche oder Wachtel aufstehet, und so nahe kommt,
daß sie vom Sperber kan gesehen werden, werfen sie solchen, so
stark
- 155 -
Reise von Philippopel bis Adrianopel.

127

stark sie können, nach dem Raub; erhaschet er nun den Vogel nicht
gleich im ersten Anfall / ist es darum geschehen, und gehet er dieses
mal frey durch: hingegen sind die mehresten so wol geuͤbt, daß ihnen
selten ein Vogel echappiren kan. Zur selbigen Zeit schickte der Herr
Botschafter den Herrn Daniel Lampert Hulin, einen woler
fahrnen und beruͤhmten Leib⸗Arzt, samt einem Dolmetsch, Namens
Gottschalk, in die Stadt Adrianopel, sich der Luft und der da
selbst grassirenden Krankheit besser zu erkundigen, damit, wo dieselbi
ge noch stark anhielte, Er die Stadt entweder vorbeygehen, oder
doch nur in Eil durchziehen koͤnnte, damit durch einigen Aufent
halt niemand von den Seinigen angesteckt und damit die ganze Ge
sandtschaft in Gefahr gesetzet wuͤrde. Den 16. war wiederum ein
Rast⸗Tag, woran sich einige an statt der Ruhe, die Jagd besser
gefallen liessen.


Den 17. sind wir gleich frühe über die obbemeldte beruͤhmte
Brücken gegangen, und haben die Maritz zur rechten Seiten gelassen,
welche uns bisher bestäͤndig zur lincken Hand geblieben. Auf dem halben
Weeg jenseit des Flusses kamen wir von weiten bey dem Dorf Chir
mente vorbey, so auf einen Berg gebauet, und gleichsam an dem Fel
sen hanget. Worauf wir endlich zwey Stunde vor Adrianopel lie
gend geblieben, von dar der vor zwey Tagen abgeschickte Leib⸗Arzt wie
der zu uns gekommen, und erzehlet, daß zwar in der Stadt eine Seuche
grassire, und man Geschwulst, rothe Blattern und mehr andere Zei
chen an denen Patienten finde, aber die Luft noch nicht inficirt wäre;
es erstreckten sich die Zahl der Todten täͤglich nicht hoͤher als auf 3 bis
4. und dieses nur unter den gemeinen Leuten, welche mehr von ihrer
unordentlichen Lebens⸗Art, als von einer ansteckenden Krankheit dahin
stüͤrben, es käme auch wol darzu, daß an manchem Tag gar keiner be
graben wuͤrde; weswegen der Herr Groß⸗Botschafter sich ent
schlossen, mit seinem ganzen Gefolg die Stadt zu beziehen, in wel
chem Absehen Er noch selbigen Abend den Quartier⸗Meister Kraft
mit einem Dolmetsch hinein geschickt, die Quartier allda einzurichten.
Ehe aber solche noch weg waren, kame einer von des Mollach oder Des Mol
lach zu A
drianopel
Abferti
gung an
die Ge
sandt
schaft.

Landrichters nahen Anverwandten, der ihm auch wegen seines ho
hen Alters in seinem Amt adjungirt war, und brachte mit sich aus
der Stadt unterschiedliche Kuchen, Fruͤchte und Blumen füͤr
den Herrn Botschafter. Hierauf haben wir uns den 18. dito, auf

erhal
- 156 -


Erstes Buch/ Neunte Abtheilung.

128

erhaltene Nachricht wegen der eingerichteten Quartier, in schöͤnster
Einzug in
die Stadt
Adriano
pel.

Ordnung nach der Stadt begeben; aus welcher uns die Spahi und
Janitscharn, unter welchen viel erst angehende sich befunden, in ihrer
gewoͤhnlichen Confusion und Kleidung, mit ihren Stecken in den
Händen, wodurch sie eher Vieh⸗Treibern als Soldaten ähnlich sa
hen, entgegen giengen; die alten Janitscharen hatten ihre Ordens
Hauben, die jungen Ankömmlinge aber kleine rothe Kaͤpplein, so noch
mit keiner Leinwand umwunden waren, auf den Kopf. Zwischen
diesen sind wir, nebst den Vornehmsten aus der Stadt, welche mehr
denn eine halbe Meil dem Herrn Botschafter entgegen geritten,
Der dazu
mal kranke
Bostangi
Bascha
kommt dem
Herrn Bot
schafter
entgegen.
mitten hindurch in die Stadt eingezogen. Es hat sich auch so gar
der dazumal alte und kranke Bostangi Bascha, oder Ober⸗Aufse
her über die Kaiserliche Gebäu und Gaͤrten, in seinen ohnweit der
Stadt gelegenen Garten bringen lassen, um den Herrn Groß
Botschafter seine Reverenz zu bezeigen, und seine Dienste zu offe
riren; deme Se. Excellentz nach Jhrer Ankunft wiederum zwey E
delleute, den Herrn von Weipler und Ausem in gleicher Verrich
tung zugeschickt: Er fertigte auch den Herrn Hulin und Dorschaͤus,
seine beyde Leib⸗Aerzte, an ihn ab, welche seine Kranckheit untersuchen,
und ihme hierwider dienende Mittel verordnen solten.


Es liegt aber diese Stadt Adrianopel in Thracien an der
Beschrei
bung der
Stadt A
drianopel.
Maritz / in welche vom Aufgang her die Tunsa flieset. Von Lam
pridio in Elagabalo wird sie Oresta genennt: in folgenden Zeiten
aber hat sie nach Ammiani Zeugnuͤß Uscudama geheisen / endlich
aber, nachdem sie Kaiser Adrianus erneuert, nach Jhm den Na
men Adrianopel angenommen, welches die Tüͤrken Edrene aus
sprechen; diese Erneuerung aber ist im 885ten Jahr nach Erbauung
der Stadt Rom von bemeldtem Kaiser vorgenommen worden. Die
Ebene daselbst ist nicht so groß, wie sie Seyfried beschreibt, son
dern zum Theil mit Hügeln umgeben, und auch selbst die Stadt
auf einige derselben angebauet. Um das Jahr Christi 1363. hat
selbige der Sultan Amurath den Christen zu erst hinweggenom
men, von welcher Zeit an so wol er, als alle nachfolgende Orienta
lische Kaisere, sie zu ihrer Residenz erwehlet, bis um das 1455te
Jahr die Türken Constantinopel eingenommen haben. Jn ihren
Umkreiß macht sie eine runde Figur, ist mit einer Mauer umgeben,
zwischen welcher in gleicher Weite von einander stehende Thüͤrne auf
gefüh
- 157 - Abbildung: Prospect des Serallien
pag. 129

- 158 - - 159 -
129

Reise von Philippopel bis Adrianopel.

geführet sind, an denen ehedessen viele Griechische Schrifften zu le
sen waren, welche aber die alles verzehrende Zeit auch wieder aus
gelöschet. Die Zügel selbst wurden zu dieser Schrifft gebraucht,
indem sie auf eine solche Manier aus der Mauern herausgerucket
worden, daß sie allerhand Buchstaben dardurch vorstelleten, deren zwar
noch einige davon zu sehen, doch nicht in solcher Ordnung und Voll
kommenheit, daß man einen ganzen Sensum heraus bringen koͤnnte.
Das Kaiserliche Serallien liegt ungemein plaisirlich; dann auf der Kaiserliche
Serallien.

einen Seiten gehet es auf die fruchtbarste und lustigste Felder hin
aus auf der andern aber wird es durch den Caradare⸗Fluß, oder
der Arda / und nach Seyfrieds Benennung Capriza / von der
Stadt abgesondert. Selbiges ist mit einer hohen Mauer umfangen,
aber das mittlere Gebäu mehrentheils von dergleichen Holz wor
innen keine Wüͤrmer wachsen. Es ist uͤber dieses mit Bley bedeckt,
und gar artig mit gruͤner und rother Farb bestrichen; so geben auch die
auf den Dächern verguͤldete Knoͤpfe demselbigen eine nicht geringe
Zierde. Seyfried meinet, es falle wegen der weit herfüͤr stehenden Dä
cher mehr Licht in die Zimmer und das innere Hauß, wovon ich aber
gerad das Gegentheil glaube; dann eben darum sind die Daͤcher so
weit herausgeruckt, damit sie einen Schatten verursachen, und auf
solche Weise die Strahlen der Sonnen destomehr aufhalten sollen.
Wir werden auf der Ruck⸗Reise bessere Gelegenheit haben, von diesem
Serallien zu handeln, als welches uns auf Kaiserlichen Befehl aufge
schlossen und gezeigt worden. Jn diese Stadt pflegt sich der Sul
tan entweder zu seiner Recreation zu begeben, oder wann er sich in
Constantinopel nich recht sicher weiß. Doch ist er auch hier nicht
Des Mu
stapha
Dethroni
sirung zu
Adriano
pel.
allezeit von der Gefahr befreyet, und hat des jezt regierenden Kaisers
Ahmed Bruder, der Mustapha, diese Stadt zimlich fatal für
sich befunden; dann weil er den Janitscharen vier Jahr und drey
Monat den Sold schuldig blieben, wurde er von ihnen angeklagt, daß
er der Jagd allzu sehr ergeben wäre, hingegen die Regierungs⸗Sorge
an den Nagel hienge, und derowegen des Reichs allhier entsetzt, an des
sen statt sie seinen Bruder auf den Thron erhoben. Er ist aber gleich
wol eines natuͤrlichen Todes gestorben, oder, wie einige gar wahrschein
lich dafür halten, durch des Ahmeds Anhänger mit Gift aus dem
Weeg geräumt worden, nachdem er drey Soͤhne, den Mamud / Dessen hin
terlassene
Söhne.
Assan und Osman hinterlassen, die uͤbrigen aber sind noch bey sei

nen

R
- 160 -
130

Erstes Buch, Neunte Abtheilung.

nen Lebs⸗Zeiten entweder gestorben, oder sonst auf die Seiten ge
schafft worden: diese drey hinterbliebene aber werden von den Janit
scharn sehr geliebt, welche ihnen auch zu Vormuͤndern verordnet sind;

Des Jün
gern Gunst
bey den Ja
nitscharn.
weswegen man gaͤnzlich dafuͤr haͤlt, daß der Juͤngere aus ihnen noch
einmal zum Kaiserthum gelangen doͤrfte, weil er wegen seiner Freyge
bigkeit von denen Tüͤrken gar sehr æstimirt wird. Dann die Tuͤrcken

Die Suc
cession
haftet auf
dem Otto
man. Hauß.
sehen nicht auf das Alter oder die erste Geburth, sondern lassen sichs
genug seyn, wann sie in ihrer Wahl nur das Köͤnigliche Ottoman
nische Hauß nicht vorbey gehen.


Morgens um 2. Uhr kame ein Tuͤrck mit einer Trummel vor

Ramazam
oder die
grosse Fa
sten.
die grosse Moschee, und gieng von daran durch die ganze Stadt, das
gewöhnliche Zeichen zur dreyssig⸗tägigen Fasten damit zu geben, wel
che Fasten sie Ramazam, das darauf folgende Fest aber Bai
ram nennen, so unsere vierzig tägige Fasten und darauf fol
gende Ostern einigermaßen vorstellen kan. Diese Zeit hindurch es
sen und trinken die Tuͤrken niemal bey Tag, schmauchen auch keinen
Toback vor der Sonnen Untergang: so bald sie aber die Sterne am
Himmel erblicken, stellen sie Gastereyen an, und brechen sich in kei
nem Ding etwas ab; verrichten also dasjenige bey der Nacht, wel
ches sie sonsten nur bey Tag zu thun gewohnt sind: wie sie dann, weil
sie des Tags über nichts essen dörfen, eben darum auch nicht arbeiten;
doch muß dieses von denenjenigen nur verstanden werden, welche von
guten Vermoͤgen sind, da hingegen diejenige, die nur so viel haben, als
sie mit ihrer Hand⸗Arbeit verdienen, mit ihren nuͤchternen Mägen
gleichwol die Hände nicht doͤrfen feyren lassen. Diesen Monat hin
durch werden ihre Kirchen⸗Thuͤrne, deren allda gar viele und nach
ihrer Art sehr wol gebaute anzutreffen, mit vielen Lichtern behenkt,
so daß man zu weilen um eine einige Kirche etliche tausend Ampeln
brennen siehet: dann weiln ihre Moscheen oft mit vier und noch mehr
solchen Thürnlein versehen, und ein jedwedes derselben wiederum in so
viele Hoͤhen oder Absätze abgetheilet ist, die alle absonderlich muͤssen be
leuchtet werden, kan man sich leicht die Rechnung machen, daß unzaͤhlich
viel Lampen darzu erfordert werden, damit solche allenthalben ein be
ständiges und genugsames Licht haben. Bey allen diesem Licht aber tap
pen sie gleichwol in der Finsternuͤß herum; und denenjenigen welchen taͤg
lich ein neues Licht aufgesteckt wird, bleiben nichts destoweniger die
Herzen durch ihre falsche Lehre in beharrlicher Dunkelheit. Hier ge

niessen
- 161 -
Reise von Philippopel bis Adrianopel.

131

niessen die Weiber mehrere Freyheit, als anderer Orthen, und doͤrfen
sich öfters unter den Leuten sehen lassen. Die starke Handlung, wor
Einwoh
ner / Gas
sen/ Haͤu
ser / Kir
chen Kauf
manschaft /
Fruchtbar
keit der
Stadt A
drianopel.

zu das vorbey fliesende Schiffreiche Wasser vieles contribuiret, hat
unterschiedliche Nationen hieher gezogen: die Häuser sind viel schö
ner und groͤsser als in allen denen Städten, so wir bishero noch ge

sehen haben, die Gassen hingegen sehr eng und ungleich. Sonsten
trifft man allhier wenig Sehenswürdiges an, auser einigen vorneh
men mit Kupfer bedeckten Moscheen/ denen die angebauten hohe und
kunstreiche Thuͤrne, die mit mancherley dicken und kuͤnstlich- ausge
hauenen Säulen besezte Gaͤnge, die von Metall gegossene Saͤulen
Füsse und Blatten, der kostbare Marmol, die Gleichheit des Bo
dens, die zierlich geschnitzten Thuͤren, schöͤne Brunnen, prächtige Ein
gänge, verguldete Knoͤpfe, und mit sonderbahrer Kunst gewirkte Tep
piche ein vortrefliches Ansehen machen. Das Erdreich ist sehr frucht
bar, so daß weder an Wein noch andern Fruͤchten der geringste Man
Röm. Ca
tholischer
GottesDienst da
selbst.
gel erscheinet, wie dann hiesiges Gewaͤchs vom Wein füͤr das beste
in der ganzen Türkey gehalten wird. Unsern Gottes⸗Dienst
versehen zwey Priester aus dem Orden des H. Franciscus mit nicht
geringer Erbauung bey ihrem sehr kleinen Christen⸗Haͤuflein; sie sind
aber in der Tracht von der Tuͤrkischen so wenig, als die Armenianer,
Griechen, Araber und Juden unterschieden; als welche aus einem
langen mit Pelzwerk gefüͤtterten Rock und weiten bis auf die Schuhe
herabhangenden Hosen bestehet, dabey haben sie auch einen langen
Bart, und werden durch nichts als den Haupt⸗Schmuck von den Turban
daran wer
den die
Türken er
kannt.

Türken unterschieden: dann diese werden gleich an ihren Turban er
kannt, weil solchen niemand / als sie allein, gebrauchen darf, an dessen
statt sich andere pelzerner Hauben bedienen, welche sie, absonderlich aber
die Juden, mit bunter oder schwarz⸗ und weiser Leinwand, doch we
der so dick noch breit, und auf eine ganz andere Manier als die Tür
ken, umwinden. Allhier haben wir auch einen erfahrnen Feldscheerer Christlicher
Feldscherer
daselbst.

angetroffen, der ehedessen unter dem Graf Guido Stahrenber
gischen Regiment gedienet hatte, aber zu Anfang des verwichen Kriegs
von den Türken gefangen worden, und hernach viele Jahre bey einem
Herrn als ein Sclav dienen muͤssen, bey dem er ein so leidliches Tractament
gehabt, daß er auch niemal von ihm einigen Schlag empfangen; und
weil er seinem Herrn dabey wol und treulich gedient, hat dieser ihn
noch vor seinem Absterben die Freyheit geschenkt / und seine Erben
im

R 2
- 162 -
Erstes Buch / Neunte Abtheilung /

132

im Testament dazu verbunden, daß sie diesem seinen so wol verdienten
Knecht ein gewisses Stuck Geld, anbey auch Brod und Fleisch für sei
ne Haußhaltung, so lange er leben wuͤrde, umsonst reichen solten. Die
ser Mann lebet noch mit samt seiner Frauen, die gleichfalls eine
Billiches SclavenTracta
ment bey

den Tür
ken.
Christin ist, ob er gleich bereits schon das achtzigste Jahr zuruck ge
legt hat / und geniesset das von seinem Herrn ihm vermachte Legat
in erwünschter Ruhe; dann dieses muß man den Türken nachsagen,
daß sie die Diener und Sclaven, durch deren Fleiß und Bemuͤhung
sie sich einen Nutzen schaffen koͤnnen, sehr wol und oft besser, als die
Christen die ihrige, halten. Die ersten Jahre sind für solche ungluͤck
liche Leute am beschwehrlichsten, absonderlich wenn sie noch jung,
weil die Tuͤrken selbige entweder mit Schmeicheln, oder, wann dieses
nichts verfangen will, mit der Schäͤrfe zu ihren Glauben zu bringen
suchen; wann aber dieser Sturm uͤberwunden, wird man finden,
daß die Gefangenschaft nirgend erträglicher als bey den Tüͤrken seye,
und wann ein Knecht in einer Kunst erfahren ist, gehet ihm nichts
anders als die Freyheit ab, ausser welche er alles andere hat, was ein
freyer Mensch sich nur wuͤnschen kan: dabey aber muß man auch die
ses wissen / daß sie so hart daran kommen, einen solchen Menschen von
sich zu lassen, als guͤtig sie sich in andere Weege gegen ihm bezeigen,
und wann sie ja gezwungen werden, ihn füͤr baar Geld zu dimittiren,
wissen sie ihn theuer genug anzuschlagen. Ein Exempel ihrer Hart
näckigkeit sehen wir in diesem Punct an einem gewesenen Sclaven,
mit Namen Anton Armaroli, einem gebohrnen Venetianer; die
ser wurde erstlich an einen Griechen, nachgehends aber an einen Ar
menier verkaufft, welcher ihm versprochen, nach Verfliessung zweyer
Jahre die Freyheit wieder zu geben; nachdem aber dieselbige vorbey
waren, hat ihn sein Herr, aus Hofnung / einen noch groͤssern Ge
winn von ihm zu ziehen, gleichwol nicht loß gelassen: weil er nun also
sein wol bedachtsames Versprechen leichtsinniger Weise wider zuruck
gezogen, hat jener gleichfalls dafür gehalten, daß er nun nicht mehr
schuldig sey, länger treu zu verbleiben, weswegen er seine Zuflucht zu
uns genommen. Als er nun deswegen von seinem Herrn vor Gericht
belanget worden, hat er sich nicht nur genugsam verantwortet, son
dern auch durch den hohen Vorspruch des Herrn Groß⸗Bot
schafters seine Freyheit erlanget.


Den
- 163 -


Reise von Philippopel bis Adrianopel.

133

Den 19. und 20ten sind wir allhier still gelegen, in welcher Zeit
von Wien aus so wol Couriers ankommen, als auch wieder zuruck
spedirt worden; es haben auch durch des Herrn Groß⸗Botschaf
ters Bemuͤhung einige Gefangene unterdessen ihre Freyheit erhalten, Des Herrn
Botschaf
ters Ver
richtung zu
Adriano
pel.

ein anderer aber, welcher unlängst zwischen Nissa und Sophia zu
uns geflohen war, und nun, da er deswegen Geld von den Türken be
kommen, wiederum zu ihnen uͤberlaufen wollen, wurde von den Unsri
gen aus der Flucht zuruck gezogen. Bey dieser Gelegenheit haben wir
auch die Kirchen und Kauf⸗Häuser besehen, da dann nicht mit Still
schweigen zu übergehen, daß, obschon die Türken von dem Vor
nehmsten bis auf den Geringsten bey den Eingang der Kirchen die
Schuhe abzulegen gewohnt sind, der Herr Groß⸗Botschafter
seine Stiefeln doch niemal aus⸗ noch andere Schuhe angezogen, wor
wider gleichwol die Tuͤrken niemaln was eingewendet. Hier sind aufs
neue von dem Bostangi Bascha der Herr Hulinus und Dor
schaͤus verlangt worden/ damit sie nach genau untersuchter Krank
heit / welche doch in nichts anders als einem von hohem Alter herkom
menden bloͤden Gesicht und boͤsen Augen bestunde, die mit sich brin
gende Arzney appliciren oder deren Gebrauch anweisen moͤchten,
welche aber nicht eher hinaus kommen wolten, bevor er ihnen nach Lands
Gewohnheit die benoͤthigten Pferde zugeschickt häͤtte. Diesen haben
sich alsdann der Feldscheerer Morelli / und Frankenberg der A
pothecker zugesellet, und bey eben dieser Occasion erhielte ich auch
Erlaubnüß, das Serallien oder den Kaiserlichen Pallast von
aussen, wie ich ihn vor beschrieben habe, und den darzu gehöͤrigen
Garten von innen zu besehen. Es zeigte sich allhier gleich, daß ein Zierlicher
Garten an
dem Se
rallien.

Kaiserlicher Gärtner oder vielmehr Ober⸗Aufseher über die Kaiserli
che Gebäue und Lust⸗Häͤuser allda wohnen müsse, indem alles, wo
man nur hinsahe, gar unvergleichlich nett abgezeichnet, und in ganz
ungemeine Ordnung gebracht war. Gleich vor dem Hauß des Ba
scha, so gegen dem Serallien uͤber liegt, und nur von einem Fluß davon
abgesondert ist, fielen einem neun schändlich zugerichtete irrdene Blu
men Stoͤcke mit gemeinen schier halb verwildeten und mit Graß haͤu
fig bewachsenen Nägelein in die Augen; die Bäume im Garten stun
den in schoͤnster Confusion, dabey sich der Gaͤrtner, wie es schiene,
ein Gewissen machte, auch nur einen einigen ungleichen Zweig daran
zu beschneiden, und lieber der Natur ihren Lauf ließ; die kurzen R 3
Weege
- 164 -
134

Erstes Buch / Zehende Abtheilung /

Weege zeigten von seiner Ungedult, welche ihm nicht verstattete, ei
nerley Gang lang fort zu gehen, vielmehr aber sich auf eine oder an
dere Seiten bald wieder hinum zu schlagen; deren Enge erlaubte
nicht, mit jemand in Gesellschaft zu spatzieren, sondern erforderte
lauter tiefsinnige Philosophos, welche nur immer mit sich allein zu
reden gewohnt sind, es seye dann, daß sie sich resolviren, wie die
Schnee⸗Gäͤnse hinter einander fort zu streichen; an dessen Kruͤmme
aber solte man sich leichtlich einen Jrr⸗Garten vorstellen koͤnnen, in
welchen man die Leute, ehe man sichs versiehet, aus dem Gesicht
verliehrt; doch sahe man nichts desto weniger einige breite Strassen
darinnen, welche vielleicht nur dem Kaiser und seiner Suite zur Be
quemlichkeit in solcher Distanz angegeben worden. Wind⸗Kraut,
Schaaf⸗Linsen und andere rare Gewaͤchse liesen sich allhier eben so
wol, doch sehr gesparsam, antreffen, an welchen noch darzu das
Unkraut seine Tyranney auszuüben suchte, und diesen Kostbarkeiten
auf unterschiedliche Weise den Untergang drohete. Doch mag diese
nachlässige Sorgfalt vermuthlich daher kommen, weil gegenwaͤrti
ger Kaiser seit dem Tod seines Bruders wenig mehr nach Adria
nopel kommt, folgends dessen Abwesenheit auch die Kaiserli
chen Gebäue entgelten muͤssen; dann ausser diesem muß man beken
nen, daß die Tüͤrken auf ihre Gaͤrten was zu wenden pflegen. Es
Visite des
Bostangi
Bascha bey
dem Herrn
Botschaf
ter.
hat sich aber auch der Bostangi Bascha selbst gefallen lassen, sei
ne Visite bey dem Herrn Groß⸗Botschafter abzulegen, welcher
ihn von dem Adel bey dem Eingang empfangen, in dem Zimmer
selbst aber mit Chocolate und eingemachten Fruͤchten tractiren las
sen, dagegen er den Herrn Botschafter mit frischen Obst und
Weintrauben in Uberfluß versehen hat.



Zehende Abtheilung.


DEn 21ten sind wir nach einem Aufenhalt von dreyen Tagen
wiederum von Adrianopel aufgebrochen, und haben un
sere Reise über die fruchtbaren Felder der Landschaft Thra
cien fort gesetzet. Unterwegs trafen wir zu beiden Seiten Kirchhö
fe, Gräber, Brunnen, Städte, Flecken und Dörfer an, und zur Lin
ken sahen wir Burnupampukli / Karabaiera / Oul⸗Bascha
und
- 165 -
Reise von Adrianopel bis nach Ziorly.

135

und Haskoi, zur Rechten aber zwey kleine Flüsse, Bosnaquoi
und Sekenderkoi / über welche zwey steinerne Brücken geschlagen
waren; der eine davon welcher auf den Land⸗Charten nicht zu finden,
kam uns schon auf halben Weeg nach Hapsa / der andere aber bey jetzt
gedachtem Ort selbst zu Gesichte; und weil die Pest noch nicht nach
gelassen, haben wir uns in das Ort nicht hinein gewagt, son
dern auf dem Feld unter freyen Himmel unser Lager aufgeschlagen,
und daselbst der frischen Luft genossen. Zu Hapsa siehet man eiPrächtiger
Haan zu
Hapsa.

nen sehr prächtigen Haan / an welchem zwey Fluͤgel angehengt sind,
deren jeder aus sieben grossen Schwibboͤgen bestehet, unter welche
die Heerden und das Joch⸗Viehe köͤnnen gestellet werden. Jn der
Mitten hat es einen Brunnen, eine sehr grosse zierliche Pforte, der
Boden ist mit Quater⸗Steinen gepflastert, gerad gegen über stehet
eine Moschee mit drey Gewoͤlbern, welche so wol als der Haan selbst
mit Bley bedeckt sind. Hier zu Land drischet man nicht / wie bey Dreschen
mit Och
sen.

uns, mit Flegeln, sondern mit den Ochsen auf freyen Feld, wes
wegen man auch grosse Haufen mit Getraid auf dem Felde liegen
siehet; dieses aber geschiehet folgender Gestalt: es wird eine lange
runde Walzen, welche zwischen zwey kleine Hoͤlzer eingefaßt ist, von
denen in der Runde herum gehenden Ochsen, die von den aͤussersten
anfangen, und sich nach und nach immer naͤher zu dem Mittel⸗Punct
wenden, herum getrieben, und dieses so lang und viel, bis das Stroh
völlig zerstückelt, und die Köͤrner von ihren Aehren los worden;
welche alsdann auf der Erden liegend von den Steinlein und Staub
gereiniget und ausgewehet werden.


Den 22ten als am Tag Maria Magdalena, wurden vor unsern
Aufbruch einige Messen gelesen; nach deren Vollendung giengen
wir über Manarelliquoi nacher Babaeskisi / oder Eski Baba /
oder auch nur Baba, und liesen den Bach Sugitleka samt dem
Dorf Jeneackenscheli rechter Hand, linker Hand aber Qulelli/
Tgollimar und Quantiquoi liegen. An diesem Tag kamen Zween
Sclaven
kommen zu
uns.

zween Sclaven zu uns geloffen, davon der eine ein Schwed aus
Stockholm / seiner Profession ein Strumpfstricker, der andere aus
der Mark⸗Brandenburg / ein Schuster, war. Sie hatten von
Adrianopel aus die ganze Nacht ihre Flucht fortgesetzt, bis sie uns
erlangt haben. Der Herr Groß⸗Botschafter hatte dieselbige be
reits von dem Stadt⸗Richter zurück fordern lassen, weil er durch sei
ne - 166 -
136

Erstes Buch / Zehende Abtheilung /

ne Ausspäͤher von ihrem Darseyn schon Nachricht erhalten / gabe
auch dabey vor der Schwed seye von Luͤbeck gebuͤrtig, weil er son
sten keine genugsame Ursach wuͤrde gehabt haben, ihn, als der kein
Teutscher wäre, abzufordern; allein so lang wir uns in der Stadt
aufhielten, hat sich der Herr dieser Sclaven auf sein Land⸗Gut reti
rirt, und selbige mit sich genommen, auch allda mit den Füͤssen an
einen Stock schliessen lassen: es hat aber eine von seinen Weibern,
welche aus der Walachey gebuͤrtig war, und barmherziger als die
andern seyn mogte, ihnen Gelegenheit und Mittel an die Hand ge
geben, wie sie sich los machen koͤnnten, indem sie ihnen einen Sack
zu gelangt, worein sie Feilen und andere eiserne zu ihrer Erledi
gung dienende Instrumenten gesteckt, mit welchen sie ihre Banden
aufgelöset; und weil sie uͤber dieses noch zwey Thuͤren offen gelassen,
fanden sie bey ihrer Erledigung destoweniger Schwührigkeit: wie
uns dieses alles einer von den Beiden umstäͤndlich erzehlet hatte.
Es wurde auch schon vorher von einem aus unseren Priester für
sie Geld gebotten, allein ihr geitziger Herr wolte keinen nicht anders
als für 150. Ducaten uͤberlassen. Sie versicherten uns, daß sich noch
mehr dergleichen Sclaven zu Adrianopel befäͤnden, welche aber
von ihren Herrn auf gleiche Weise weg geschaffet worden.


Den 23ten brachen wir in der Nacht auf, wie wir schon ehe
bey heisen Tagen gewohnt waren, und nachdem wir uͤber zwey Was
ser, die Eskibaba / oder, wie es andere nennen/ Mela und Na
mastir gesetzt, sind wir zu Burgas, einem beruͤhmten Mark⸗Fle
Dem Hn.
Botschaf
ter stunde
ein grosses
Unglück
bevor.
cken / ankommen. Heute hätte dem Herrn Groß⸗Botschafter ein
grosses Ungluͤck begegnen koͤnnen, wann es der Hoͤchste, deme dafuͤr
herzlich gedanket seye, nicht noch in Gnaden verhütet; dann
da setzte sich sein Pferd unvermuthet auf die beiden hindern Füͤsse,
und wolte seinen Reuter aus dem Sattel heben, es hat aber Se. Ex
cellenz so viel Zeit gefunden, noch vor dem gaͤnzlichen Fall herab zu
springen, so daß Er zwar den rechten Fuß und Schulter ein wenig
verrenket, aber dagegen in Gefahr stunde, mit samt dem Pferd um
das Leben zu kommen. Des andern Tags blieben wir bey Burgas
stehen, und wurde gegen dem Mittag Befehl ertheilet, daß keiner
aus dem Lager gehen solte, weil etliche tausend Mann Tartarn allda
Reicher
Haan zu
Burgas.
vorbey marchiren wuͤrden. Der hier sich befindende Haan ist gleich
dem zu Hapsa auf diejenige Weise eingerichtet, von welcher ich schon - 167 -
137

Reise von Adrinopel bis nach Ziorly.

schon oben an einem Ort gemeldet, daß es dergleichen in Asien gar
viele gebe, die nemlich von ihren erstern Stiftern mit so reichen Ein
kommen versehen sind, daß den Fremden Reiß, Brod und andere
Sachen umsonst gereichet werden muͤssen. Der Groß⸗Vizir JbJbrahim
ein Stifter
vieler Haa
ne.

rahim hat durch das ganze Reich so viel dergleichen öͤffentliche
Würths⸗Häuser oder Haan gestiftet, als Tage in einem monatli
chen Jahre zu zehlen, welche er auch alle sehr reichlich begabt hat.
Dieser lebte zu Zeiten des Kaiser Solimans, welcher die
starke Ungarische Vestung Siget belagert, aber auch davor sein
Leben lassen müssen; weil nun Jbrahim des Kaisers Tod auf eine Dessen klu
ge Verhä
lung von
des Kai
sers Tod.

verschmitzte Weise ganzer 40. Tage verborgen gehalten / und dem
Reich nicht geringen Nutzen dardurch zu gewendet, haben sie ihm
grosse Ehre und Freyheiten wider ihre Gewohnheit ertheilet, indem
sie sich sonst für die empfangene Gutthaten schlecht erkäͤnntlich bezei
gen. Unter andern Vortheilen, welche sie ihm zu erkannt, ist bilDardurch
erworbene
Freyhei
ten.

lig oben anzusetzen / daß er und alle seine Nachköͤmmlinge dem Na
men eines Hans oder Köͤnigs füͤhren durften; diesem wurde noch
beygesetzt, daß niemand bey dessen Familie weder mit dem Schwerdt
noch durch den Strang oder auf eine andere gewaltthätige Weise
darf hingerichtet werden, welches Privilegii die Familie der Kiu
perli sich auch zu erfreuen hat. Die gröste Straffe, die man
ihnen anzuthun fähig ist / bestehet darinnen, daß man sie ins Elend
verschicken kan, welches aber doch auch so weit eingeschrenkt,
daß, wider die sonst gewöͤhnlichen Gesetze und Ordnungen dieser
Barbarischen Völker, die Güter bey den Erben bleiben muͤssen, nicht Erbe der
Exulanten
ist der Tür
kische Kai
ser.

aber in den gemeinen Seckel oder zu des Sultans Schätze gebracht
werden darfen; dann ausser diesem pflegt der Sultan der ver
bannisirten Güter einzuziehen, und sich für den Erben derselben
darzugeben / mit was Recht oder Unrecht solches auch geschiehet
darauf wird wenig regardirt. Nunmehr ist aus diesem Geschlecht
nur noch ein einiger vorhanden / so 19. Jahr alt ist, und noch keine
Kinder hat.


Den 25. als am Jacobi Tag, sind wir auf Carischtran kom
men, und hatten zur linken Seiten unsers Lägers ein morastiges
Wasser, welches so klein war, daß man daruͤber springen oder doch Kaiserl.
Lust⸗Hauß
zu Carisch
tran.

dardurch gehen kunte, an dessen Ende drey viereckigte gespitzte und
aus Quater⸗Steinen verfertigte Säulen stunden, so in der Mitten S
eine
- 168 -
Erstes Buch, Zehende Abtheilung /

138

eine Höle hatten, wordurch das Wasser in des Sultans Lust⸗Hauß
geleitet wurde, welches wir auf den Nachmittag besehen, aber lang
nicht so beschaffen gefunden, daß es eine tuͤchtige Wohnung für ei
nen grossen Prinzen abgeben sollen. Das Gebäͤu war an sich selbst
viereckigt, und hatte auf der Erden kleine mit hoͤlzernen Gittern ver
machte Zimmer, in denen die Weibsbilder aufbehalten werden: man
sahe auch zwey Bäder allda / die an Schönheit mit den Zim
mern voͤllig accordirten; und duͤrfte man in Teutschland noch wol
Ställe antreffen, so dieser Köͤniglichen Wohnung einen Wett
Streit ihrer Vortreflichkeit halben anbieten koͤnnten. Der Hüter
dieses Serallien empfienge den Herrn Botschafter bey dem Ein
gang mit dem gewöhnlichen Geschrey, füͤhrte ihn durch das ganze
Viele Kin
der bey den
Türken
was rares.
Hauß, præsentirte Jhm seine junge Zucht, mit welcher er sich gar
viel wuste, weil es bey den Türken gar was seltsames wann ei
ner viel Kinder hat: darunter war auch eines von dreyen Jahren,
die eine jede Sache gar eigentlich mit ihren Namen zu nennen
wuste: sie war auch nicht haͤßlich von Angesicht, zuͤchtig, die Haa
Farbe der
Haare und
Nägel.
re nach Türkischer Mode mit Safran, die Nägel an den Fingern
aber mit Berg⸗Zinober oder Purpur gefärbet, welches also zu ge
het: Sie haben ein Graß⸗grünes Pulver, dasselbige machen sie
naß, bestreichen auf den Abend die Nägel damit, und verbinden
sie, alsdann veräͤndert sich die Nacht uͤber diese Farb in roth, wel
che den Häͤnden also anklebt, daß man sie kaum durch vieles Wa
schen in 14. Tagen wieder herunter bringen kan. Füͤr die Ursach sol
cher Gewohnheit geben sie dieses an, daß, weil die Mäͤnner beschnit
ten wären, die Weiber doch auch was haben muͤsten, welches ihr
Geschlecht von andern unterscheidete, wie wir dessen von unsern
Führer dem Mehemet berichtet worden. Allein die Verständigern
unter ihnen wissen eine andere Ursach vorzubringen, und sagen, es ha
be diese Mode der Männer Eifersucht und zwar zu dem End er
dacht / damit die in Orient zur Geilheit geneigte Weiber sich nicht
selbst stilleten, und mit ihrer eigenen Person eine fleischliche Suͤnde
begiengen, welches auf solche Weise leichtlich gemerket und nach
Verdienst gestraffet werden koͤnnte; welchen Gebrauch doch auch die
Armenier, Grichen / Juden und Christen observiren: jedoch ver
hindert dieses, daß andere Voͤlker in der Tuͤrkey diesen Gebrauch
beybehalten, gleichwol nicht, daß man die erst angefüͤhrte Ursach
nich
- 169 -
Reise von Adrianopel bis nach Ziroly.
139
nicht für sehr wahrscheinlich halten solte, da indessen andere Natio
nen es nur wegen Landes⸗Gewohnheit mit machen, und in dieser an
sich selbst indifferenten Sache sich andern gleich stellen.


Da wir bey dem Serrallien Hüter waren, und unser Adel Caf
fé trank, liesse sich der Herr Groß⸗Botschafter mit dem Capi
gi Baschi in ein freundliches Gespraͤch ein, und fragte unter an
dern, ob auch daselbst ein Haan seye, der so reiche Einkünfte / als
wie der zu Hapsa und Burgas / habe / daß man darinnen den Rei
senden die Kost umsonst reichen müsse? worauf Er zur Antwort be
kam, daß zwar ein Haan sich allda befinde, habe aber damit keine
solche Beschaffenheit, wie mit jenen Beiden; diesem setzte er noch
hinzu, wie einige von denselben, vornemlich aber in Asien, solche
Einkünften hätten, daß man nicht allein den Menschen, sondern
auch dem Joch⸗Vieh seine nothwendige Verpflegung reichen muͤste,
es wären aber mit der Zeit diese Stiftungen durch Nachläͤssigkeit oMiß
brauch der
Stiftun
gen.

der Geitz derjenigen, so die Güter in Verwaltung gehabt, ganz und
gar abkommen. Fragte dabey uns: ob es nicht auch also bey uns
zu gienge, daß viele Sachen, so einen guten Anfang gehabt, mit der
Zeit immer abnehmeten, bis endlich ihr völliger Untergang erfolge?
Was solten wir nun hierauf diesen Barbarn antworten? Ach daß
wir doch mit Grund der Warheit das Gegentheil hätten behaupten
köͤnnen, aber werden wir nicht taͤglich, GOTT sey es geklagt, eines
andern überführet? Wie viele geistliche und weltliche Stiftungen
sind nicht im Teutschland von ihren ersten Stiftern gemeinen Nu
tzens wegen mit grossem Vortheil aufgerichtet und mit reichlichen
Einkommen versehen worden, von welchen man anfaͤnglich den groͤ
sten Seegen verspuͤhret? Sind aber nicht eben dieselbe von nach
lässigen und ungerechten Haußhaltern zum öftern also beschnitten
und eingezogen worden, daß man jetzo kaum ein kleines Merkmal
ihrer vorigen Gestalt mehr zu sehen bekommt? Es hat aber auch
gleichwol nicht mit allen diese Beschaffenheit; die einige MannaManna
gettische
Stiftung
in Wien.

gettische Stiftung in Wien, in welcher schon viel brave Mäͤnner
zum nicht geringen Nutzen der Oesterreichischen und aller Teut
schen Landen erzogen worden, kan uns ein Exempel von getreuen
Verwaltern sothaner Stiftungen vorstellen; angesehen solche durch
deren Fleiß und Sorgfalt so hoch angewachsen, daß sie nunmehro
noch

S 2
- 170 -
Erstes Buch / Zehende Abtheilung.

140

noch einmal so grosse Unkosten erträget, als anfangs geschehen
können. Durch diese Gelegenheit nun hatten wir erfahren, wie der
Haan zu Burgas seinen Anfang genommen.


Mehr bemeldter Jbrahim hatte unter seinen übrigen Kin
dern auch einen Sohn, welcher Stadthalter oder Bascha in Bos
nien gewesen, wider den aber bey dem Sultan täglich von den
Unterthanen Klagen einliefen, wie er viele Neuerungen vornähme,
mit Steuren, Gaben und ungewöͤhnlichen Kopf⸗Geld sie beschwehre
te, und mit denen, so sich dessen zu geben weigerten, sehr scharf ver
führe / welches der Sultan seinen Vater, der damaln Groß
Vizir war, zu verstehen gab; worauf dieser den Sultan versicher
te, wie er daran seyn wolte, daß dergleichen von ihm ins kuͤnftige
nicht mehr solte vorgenommen werden; hierauf schickte er zween
Kaiserliche Caͤmmerlinge, welche mit bessern Recht Henkers⸗Knechte
heisen können, zu seinem Sohn, die ihm ohne Verzug seinen
Kopf bringen musten. Als er nun deswegen von dem Sultan zu
Rede gesetzt worden, hat er darauf geantwort, daß er auf solche
Weise seinem Versprechen nachgekommen, nach welchem er sich ver
bunden, daß Se. Majestät von seinem Sohn dergleichen Klagen
nicht mehr hoͤren solten; und aus dessen Verlassenschaft ist nun hier
der erste Haan zu Burgas erbauet und dabey jaͤhrlich grosse Ein
künften zu Unterhaltung und Nutzen der Reisenden angewiesen wor
Wo das
Wort
Haan sei
nen Ur
sprung her
habe.
den, läßt auch sehr wahrscheinlich, daß von diesem Jbrahim die
offentliche Würthshäuser den Namen Haan bekommen haben.
Nachdem der Capigi Baschi seine Rede hiemit geendiget, erinner
te sich der Herr Botschafter, daß er gestern noch von einem eini
gen Vettern dieses Jbrahims gedacht hatte, und wolte demnach
wissen, wo sich dann derselbige anjetzo aufhielte, ob er vielleicht eine
Charge im Feld oder am Hof bekleidete? bekam aber zur Antwort, wie
er sich auf dem Lande auf seinen Gütern aufhalte / ein einsames Le
ben führe, und zu Staats⸗Sachen gar nicht gebraucht wuͤrde, wei
len die Pforten vielmehr darauf bedacht ware, daß dieses Geschlecht
ganz und gar moͤgte vertilget werden; und als der Herr Botschafter
Alcorans
Gesetze von
Verwal
tung der
Aemter.
ihm dargegen den Einwurf machte / wie dieses dem Alcoran entgegen
liefe, weil derselbige haben wolle, daß ein jeder, der bey guter Ge
sundheit und Verstand sey, entweder in Kriegs⸗ oder Staats⸗Sa
chen sich solle gebrauchen lassen: läugnete jener zwar nicht, daß
die
- 171 -
Reise von Adrianopel bis nach Ziroly.

141

dieses im Mahometischen Gesetz enthalten, es wuͤrde aber von den
Vornehmen, und denen, so die Regierung verwalten, schlecht beob
achtet: man gebrauche nur diejenigen zu öffentlichen Bedienungen,
welche dem Hof anständig, andere aber liesse man dessen ungeachtet
dannoch sitzen / und bekümmere sich nicht darum, ob beide Theile dar
zu geschickt sind, oder nicht; es wäre dieses eben die Ursach / daß
brave und geschickte Männer vielmaln vorbey gegangen, nichts wer
the Leute aber durch Recommendation ganzen Ländern zu Regen
ten vorgesetzt wuͤrden, und um eben dieser Ursache willen des Reichs
gänzlicher Ruin noch endlich zu befuͤrchten stuͤnde: er wolle, so bald
er nach Stambul komme, dieses dem Groß⸗Vizir mit mehrern
vorstellen.


Ach, wie wäre es doch zu wuͤnschen, daß auch viele Christliche Miß
brauch in
Vergebung
der Aem
ter.

Fürsten hierüber keine Ursach zu klagen hätten; was für vortref
liche Leute finden sich nicht oͤfters an Euren Hoͤfen, die Jhr Euch im
Rathen und Thaten aufs beste koͤnntet zu nutz machen, welche aber,
weil sie die Gunst Eurer Ministers nicht besitzen, ja vielmehr von
ihnen, als Leuten, welche sich gar vielfäͤltig von ihren Affecten regi
ren lassen, angefeindet werden, nicht in die Hoͤhe noch zu Eurer
Bekanntschaft gelangen können, sondern wol die Zeit ihres Lebens
in dem Winkel der Vergessenheit still sitzen, und als ein verachtetes
Lichtlein sich selbst verzehren muͤssen, da sie doch / wann man sie her
für gezogen, und so zu reden öfentlich auf den Leuchter gestellet hät
te, nicht nur in Eurem Füͤrstlichen Hauß leuchten, sondern wol gar
das ganze Land mit ihrem Glanz erfüllen koͤnnen. Wiewol die
Staats⸗Bedienten nicht jederzeit in diesem Stuck die Schuld allein,
ja vielleicht wol die wenigste daran haben. Es gibt noch viel beherz
te und gewissenhafte Leute darunter, so sich den Nutzen eines Lan
des oder Reichs lieber, als ihr Privat-Interesse seyn lassen; weswe
gen kluge Regenten sich in Wehlung ihrer Ministers nicht selbst in
Licht stehen, sondern sich bemuͤhen sollen, diejenige auszusuchen, wel
che dem gemeinen Wesen gute Dienste zu leisten vermoͤgen: auf sol
che Weise werden die bereits angenommene in ihrer Pflicht desto si
cherer erhalten, wann sie durch so kluge Wahl den hohen Verstand
ihres Principals erkennen; andere geschickte Leute aber aus allen
Ländern und Nationen herbey gezogen, weil sie einen solchen Hof
für

S 3
- 172 -
142

Erstes Buch / Zehende Abtheilung /

für denjenigen heut zu Tag gar seltsamen Ort ansehen / wo die Tugend
und Verdienste belohnet werden.


Jedoch damit wir mit unsern moralisiren grossen Herren nicht
beschwehrlich seyn/ wollen wir davon abbrechen, und wiederum in den

Nach dem
Alcoran
soll man
auch den
Feinden
Glauben
halten.
Alcoran hinein gucken, in welchen sich der Herr Botschafter mit
dem Mehemet / als einem in seinen Gesätzen gar wol erfahrnen
Mann, zimlich vertieft hatte, wie Er dann unter andern daran lobte,
daß derselbige haben wolle, man solle auch die Feinde, mit welchen man
in Frieden lebe, gegen andere, die sie anfallen, vertheidigen, und daß sie
so bald von GOtt wuͤrden verlassen werden, so bald sie ihren Freun
den oder Feinden nicht Glauben halten und von dem mit ihnen ge
machten Vertrag abweichen würden. Hier fande sich nun der Türk
betroffen, indem er gänzlich dafür hielte, es ziele dieses auf den von den
Musulmaͤnnern ohnlängst gebrochenen Stillstand, und wolle Er
ihnen hiemit ihre Treulosigkeit vorruͤcken, weshalben er sich auf das
äusserste bemühete, diesen Schandflecken von seiner Nation abzuleh
nen, und vielmehr darzuthun, daß das Kriegs⸗Feuer nicht von ihnen,
sondern uns wäre angezündet worden, ja daß sie hierbey nicht mehr
gethan, als was ihnen das natuͤrliche Recht erlaubet/ indem sie nur
Gewalt mit Gewalt abgehalten hätten. Diese eifrige Vertheidigung
seines Volks hörte der Herr Botschafter mit guter Gelassenheit
an, und gab ihm hierauf mit lachendem Mund zu verstehen, daß Er
mit leichter Mühe wuͤrde darthun koͤnnen, wer Urheber von dem ver
wichenen Krieg gewesen; Er hielt aber für rathsamer, die fast geheil
te Wunde unberuͤhrt und verdeckt zu lassen, als sich der alten Feind
seeligkeit ohne einigen Vortheil zu erinnern: wiewol es mir auch vor
gekommen, als ob Se. Excellentz, als ein weit aussehender Herr,
dieses nur zu dem Ende vorgebracht, damit, wo sich etwan ein neuer
Feind wieder uns herfür thun solte, sie dardurch moͤgten angefrischt
werden, gesamter Hand die Waffen zu ergreiffen und sich demselbi

Andere Po
litische Ge
spräche des
Herrn Bot
schafters
gen einmüthig zu widersetzen. Es hat auch der Herr Botschafter
seine politische Klugheit auf eine andere Weise bey eben dieser Ge
legenheit an den Tag gelegt, wann Er unter dem Schein einer son
schafters derbahren Vertraulichkeit gegen diesem Mann ihn versicherte, daß
er ihme anjetzo etwas zu offenbahren gedaͤchte, welches Er vielleicht
mit besserem Nutzen verschweigen wuͤrde; er habe nemlich angemer
ket, daß diesem anjetzo in schöͤnstem Flor stehendem Reiche nun nichts
weiter
- 173 -
Reise von Adrianopel bis nach Ziorly.

143

weiter abgehe / als eine ordentlich⸗eingerichtete Handelschaft, vermoͤg
welcher allen und jeden frey stehen moͤgte, die Handlung in fremde
Länder zu treiben, und sie auf so sichern Fuß zu stellen, daß die Kauf
manschaft keine Gefahr dabey zu befuͤrchten, denen Unterthanen aber
desto gröͤsserer Nutzen davon zu hoffen stuͤnde; welches Er jedoch nur
einig und allein in diesem Absehen vorgebracht, damit der Orientali
schen Compagnie die freye Aus⸗ und Einfuhr in diese Länder moͤgte
leicht gemacht werden.


Man bliebe aber bey dieser Unterredung nicht in den SchranTheologi
sche Ge
spraͤch.

ken der Welt⸗Weißheit, oder der philosophischen Sitten Lehre, es
vertieften sich diese vornehme Disputanten so gar in Goͤttlichen
Betrachtungen. Es wurde weiß nicht von wem die Materie von dem
Schmerzen des Zipperleins auf die Bahn gebracht, und dabey erin
nert, daß derjenige, der damit behaftet, grosse Gedult darzu vonnoͤ
then hätte; welche Gelegenheit der Mehemed Aga in acht nahme,
und diese Tugend ungemein erhebte, indem er sie einen Schluͤssel zum Lob der Ge
dult / und
anderer
Tugenden.

Himmel nennte, welche wir sonderlich noͤthig hatten, wann wir uns den
Eingang zu der ewigen Freude eröfnen wolten. Deme der Herr
Botschafter beyfügte, daß nicht allein die Gedult, sondern auch
alle andere Tugenden solche Schluͤssel waͤren, gleich wie im Gegen
theil die entgegen gesetzten Laster für so viel Schlösser passirten,
die uns denselbigen verschlossen hielten, welche aber durch eine
reumüthige und aus einem zerknirschten und gläubigen Herzen ent
springende Abbitte unserer begangenen Suͤnde und Laster wiederum
koͤnten aufgeschlossen oder zerbrochen und uns damit ein freyer Zutritt
zu GOtt unsern himmlischen Vatter verstattet werden; daß aber sol
che Abbitte von uns täglich zu widerholen, daran wuͤrde kein Ver
ständiger zweifeln: wann aber, so oft wir uns selbsten durch vielfaͤl
tige Ubertrettung der Göͤttlichen Gebote diese Thuͤr verschliessen, der
barmherzige GOtt durch unsere Reue nicht bewegt wuͤrde, dieselbige
wiederum zu eröͤfnen / müsten unfehlbar alle Menschen an ihrer See
ligkeit verzweifeln. Hierbey nahme der Herr Botschafter Anlaß,
diese Frage aufzuwerfen: Warum solche Gnade nur den Menschen
und nicht auch den gefallenen Engeln gegeben seye; und da jene nach
so vielfältig und oft wiederholten Suͤnden wieder aufstehen koͤnnten:
diese ehmaln reineste und himmlische Geister dargegen ihre kaum began
gene Suͤnde mit der ewigen Straffe büssen muͤßten? Worauf der
Türk
- 174 -
144

Erstes Buch / Zehende Abtheilung /

Warum
die Men
schen und
nicht die
Engel nach
dem Fall
wieder zu
Gnaden
aufgenom
men wor
den.
Türk zur Antwort gab / daß die sonderbahre Liebe GOttes gegen den
Menschen, als einer der edelsten Creaturen, dessen eine Ursache seye.
Diesem aber setzte der Herr Botschafter entgegen, wie aber ja kein
Zweifel, daß die Engel weit vortreflicher als die Menschen
wären, und folglich um eben dieser Ursach willen der grosse GOtt
zu jenen eine grössere Liebe, als zu diesen tragen muͤste / als die mit
jener Englischen Vortreflichkeit in keinen Vergleich koͤnnten gezogen
werden: Hier wolte es nun bey dem Tuͤrken nicht recht mehr fort,
und war durch solchen Einwurf ganz zweifelhaftig worden, doch be
sane er sich indessen auf keine unebene Antwort / wann er sagte: es
wäre den Engeln ein grösser Licht, als denen Menschen gegeben wor
den / vermittelst dessen sie das Gute von dem Bösen besser unterschei
den, die Schwehre der Sünde, und den darüber entbrannten Zorn
GOttes genauer erwegen und deutlicher einsehen köͤnnen, weswegen sie
dann auch schärfere Straffe verdienet; deme er noch beysetzte, daß er
nicht so gelehrt, und erfahren, auf alle solche Theologische Spitz
findigkeiten so gleich zu antworten; er bäte inständigst, es ihme zu
gut zu halten, wann er etwas nicht gruͤndlich beantwortet hatte; zu
Constantinopel wolle er dem Herrn Botschafter wem stellen /
der Jhme in allen dergleichen Materien Satisfaction leisten solte.
Hierauf rühmten Se. Excellentz des Mehemets guten Verstand
und Geschicklichkeit, setzten aber hinzu, daß der Glaube eine Ga
be GOttes wäre, und zur Erlangung der ewigen Seeligkeit höchst
nothwendig; wir indessen wären hievon folgendes überzeigt, daß
GOTT, als Er eine andere und zwar die Menschliche Natur an
nehmen und also GOtt und Mensch zugleich seyn wollen, welches
ein unverwerfliches Zeichen einer ganz auserordentlichen Liebe gewe
sen, doch darinnen eine noch weit groͤssere und unbegreiflichere erwiesen,
daß Er dem Menschen nach dem Fall Mittel an die Hand gegeben,
durch welche er wiederum aufstehen und sich mit Jhm versöhnen koͤnn
te; sintemalen Er den vornehmsten Zweck seiner angenommenen
Menschheit nicht wuͤrde erhalten haben, wann niemand sich gefun
den, den er hätte retten koͤnnen; daß aber denen Engeln kein Mittel
zu ihrer Erlösung übrig geblieben, erhelle daraus, weil sie gleich nach
ihrem Fall auser Stand gesetzt worden, etwas wiederum zu verdie
nen/ oder, weil ihre Werke wegen der einmal verlohrnen und nicht
wieder
- 175 -
145

Reise von Ziorly bis vor Constantinopel.

wieder erhaltenen Gnade, in den Augen GOttes nicht angenehm
seyn kunten, sondern füͤr unguͤltig und todt angesehen wurden.



Eilfte Abtheilung.


NAch diesem geendigten Gespraͤch und genommener NachtErste An
sicht des
Meers.

Ruhe sind wir den 26. dito weiter fort nach Ziorli gangen,
und haben denselbigen Tag das erstemal zur rechten Seiten
das Meer zwischen dem Hellespont liegen sehen, von welchem wir
noch 4. Stunde entfernet waren: man kunte viele Schiffe auf dem
selbigen beobachten, die mit ihren Seegeln herum fuhren. All
hier halte ich für unnoͤthig, von den Haan oder Moscheen et
was mehr zugedencken, weil sie durch die ganze Tuͤrkey anzutreffen
und bey nahe in allem einander gleich kommen. Den 27ten haben
wir unsern March bis auf Kunickli unter beständigen Jagen fort
gesetzt, und trafen allda eine solche Menge Haasen an, daß man hätte Menge der
Haasen.

glauben sollen / sie wären aus der Luft herunter gefallen; einer von
unsern Janitscharen kunte sie alle auf der Erden liegen sehen, welche er
uns auch gar fleisig zeigte: ein anderer war so fix und accurat im Wer
fen, daß er mehr als einen mit seinem Stecken getoͤdtet. Dieses Dorf
ist nicht sehr groß, und hanget an einem Huͤgel, an welchem der Gli
cyner⸗Fluß vorbey streicht, den einige in den Land⸗Charten
besser gegen Ziorly zu setzen; solcher ist, wie die mehresten andern,
mit einer steinernen Brüͤcke versehen. Mitten auf dem Weeg wur
de uns ein Dorf mit Namen Segbanloi gezeigt, das so viel als einen Segban
loi/oder
Hunds
Hüter.

Hunds⸗Hüter bedeutet; dann so lang wir Christen Constantinopel
noch innen hatten, nachdem die Türken Adrianopel schon einge
nommen, gebrauchten diese bemeldten Ort an statt eines Wacht
Hauses, um auf diejenige Christen, welche auf dem Land wohnten,
Achtung zu geben, damit sie nicht zu den Jhrigen in die Stadt uͤber
gehen moͤgten, und hiervon wird auch wol der Ort seinen Namen be
kommen haben; sintemalen die Christen vor Zeiten von denen Tüͤrken,
da diese noch die Oberhand hatten, nur füͤr Hunde gehalten und auch
also genennet worden, und folglich dieser Ort den Namen bekom
men, daß man ihn einen Hüter der Hunde hiese, weil man von dar
aus auf die Christen Achtung gegeben. Nachdem aber die Tüͤrken
etlich

T
- 176 -
Erstes Buch / Eilfte Abtheilung /

146

Die Tür
ken werden
höflicher.
etlichmal geklopft worden, haben sie nun beynahe mehr Leutseeligkeit
an sich genommen, als sie vorhero Grausamkeit spuͤhren lassen, wie
dann auch ihre politische Regierung noch taͤglich zunimmt.


Den 28ten dito liesen wir zwey Doͤrfer, als Herackle zur rech
ten und Tezantiquoi zur linken, liegen, und marchirten eine gute
Zeit neben dem Ufer des Meers fort. Einige unter uns hatten das
Meer noch niemal gesehen; andere bezeigten eine Verwunderung
über die vielfäͤltigen und unterschiedliche Arten der Muscheln, und heb
ten derselben einige auf; wieder andere suchten Schwammen, so zum
theil noch halb leicht und weich, theils aber durch das Salz⸗Wasser
die Natur der Binsen⸗Steine an sich genommen. Einige von un
sern Leuten, welche ihr beherztes Gemüth zeigen wolten, sind zu Schif
fe gegangen, haben die Segel aufgezogen, und sich eine Strecke ins
Meer gewagt. Jndem kamen wir noch selbigen Tag auf Selym
bria, einen Hafen, so an dem Meer zwischen dem Hellespont
Lange Mauern
vor Con
stantino
pel.
sehr nahmhaft und bekannt ist. Man gibt vor, daß die lange Mau
ren von dem Schwarzen Meer bis hieher sich erstrecket habe, womit
ehedessen die nahe um Constantinopel gelegene Güter und Lust
Häuser eingefangen waren, und soll dieselbige vierzig tausend Schritt,
oder nach anderer Scribenten Meinung 280. Wetläͤufe, welche fuͤnf
und dreissig tausend Schritt ausmachen / von der Stadt entfernet
gewesen seyn; ihre Breite bey 20. Römer⸗Schuhe ausgemacht,
ihre Länge aber sich auf 420. Wettläͤufe oder ein und füͤnfzig tau
send und füͤnf hundert Schritte erstrecket haben; und damit solche
von der Besatzung desto bequemer moͤgte defendirt werden, waren
die Durchgaͤnge der Thuͤrne noch mit andern Thuͤrnen verwahret,
auf welche man von unten auf nur durch einen einigen Weeg steigen
kunte, so daß eines jedweden Thurns Besatzung die Feinde, wann sie
auch schon bis zwischen die Mauern avancirt wären, noch lange
hätte aufhalten koͤnnen. Diese Mauern war von dem Anfangs recht
gläubigen nachgehends aber zu der Eutychianischen Ketzerey üͤberge
trettenen Kaiser Anastasius, der nachgehends von dem Donner
erschlagen worden / zu erst wider der Scythen und Bulgarn Ein
fall erbauet worden, wie der Kirchen⸗Scribent Evagrius erzehlt.
Es ist aber dieselbige von den Barbarn, die von dem Schwartzen und
Meoti
- 177 -
Reise von Ziorly bis vor Constantinopel.

147

Meotischen Meer, von der Jnsul Colchis und dem Berg Caucasus
her in Europa eingefallen, öfters eingenommen, und uͤber einen
Haufen geworfen worden, welche aber Justinianus / der andere
Kaiser nach dem Anastasius / wiederum repariren und die bemeld
ten Thürne darzu bauen lassen, damit die von dem schwarzen
Meer nach dem Hellespont Reisende einen sichern Weeg hätten,
wofür auch schon vorher Anastasius gesorget, da er eine Meer
Enge allda zu weegen gebracht, und Constantinopel / welche da
mals nur eine Halb⸗Jnsul war / zur einer völligen kleinen Jnsul ge
macht. Ehe man gar hinzu kommt, trifft man einen mittelmaͤssigen
Bach süsses Wassers an, und bey demselbigen einen grossen Mo
rast, worüber eine ungemeine lange Brüͤcke, von mehr als dreisig
Jochen ist, welche aber dazumal ganz trucken stunde; und dieses
mag zu dem Ende geschehen seyn, damit wann die heftigen Meer
Wellen den Strom zuruͤck treiben, und mit Meer⸗Wasser anfüͤllen,
die Reisenden doch nichts destoweniger fort kommen koͤnnten / weil
das ergossene Wasser hier einen Ort hat, wo es zusammen lauffen
kan. Das Schloß zu Selymbria liegt auf einer Anhöhe, welches Selym
bria.

so wol gegen das Meer als das trockene Land siehet, und zeigen die
daselbst noch vorhandene alte eingefallene Mauren und Thürne, daß
dasselbige ehedessen muͤsse befestiget gewesen seyn. Man gehet zu sol
chem durch drey Pforten hinein, woran sich mancherley in Oni
kel gehauene Grichische Schrifft vor dem muß præsentirt haben,
welches an einigen aber noch sehr wenigen käͤnntlichen Buchstaben ab
zunehmen, als die man mit genauer Noth für Grichische halten
kan; die mehresten hat die Gewalt des Winds und das Alterthum
zu nichte gemacht. Jn der Vorstadt ist ein Kaiserliches Proviant
Hauß / in welches das Getraid von dasiger Landschaft gebracht wird.
Jn der obern Stadt oder Schloß haben die Grichische Möͤnche ei
ne zwar kleine aber schöne und zierliche Capelle, um welche keine
Fenster sind, das Licht aber durch das Dach hineinfäͤllt: zur Sei
ten derselbigen haͤngen grosse dicke Wachs⸗Kerzen, so die Lieb
haber der seeligsten Jungfrau ihr zu Ehren aufgeopfert haben / deren Wunder
thätige
Bildnis
der Jung
frau Ma
ria.

wunderthätige Bildnis allhier aufbehalten wird. Die Gestalt die
ser Bildnis ist flach, aus einer silbernen Blatte geschlagen, und in einen
Kasten eingeschlossen, allwo sie durch ein Glaß kan gesehen werden.
Jn dieser Kirche sollen sich auch noch Gebeine von einer andern Hei


ligen

T 2
- 178 -


Erstes Buch / Eilfte Abtheilung /

148

Gebeine
der Heil.
Zena.
ligen befinden welche nach Bericht des Vorsteher dieses Orts,
der ein ansehnlicher alter Mann war, Zena soll geheissen haben. Es
wolte diese Gebeine der Kaiser Constantin von Rom nach seiner
Stadt führen, nachdem aber das Schiff an das Selymbrische Ufer
gekommen, kunte es weder durch den Wind, noch durch Schiff
Stangen abgetrieben werden, so lang es diesen Heil. Cörper aufhat
te, weswegen man sie in solche Kirche gebracht, um an demjenigen
Ort zu ruhen, den die Heilige ihr selbst darzu bestimmt hatte; wor
auf das Schiff seinen Lauf wieder ungehindert fort setzen können.
Von dieser Kirche wolte der Vorsteher behaupten, daß sie eine von
denen sieben seye, deren in der Offenbahrung Johannis gedacht
wird; allein daß der gute Alte seine schlechte Wissenschaft in der Kir
chen Historie damit verrathen, erhellet daraus, weil daselbst aus
drüͤcklich gemeldet ist, daß dieselbige Kirchen in Asien gelegen, da doch
Selymbria noch zu Europa gehöͤret: zudem werden bemeldte Kir
chen ordentlich mit Namen genennt, und kan also auch um dieser Ur
sach willen für keine aus derselbigen gehalten werden; aber so weit
war dazumal dieser liebe Mann in den Grichischen Geschichten noch
nicht gekommen.


Den 29. Julj blieben wir zu Selymbria / in welcher Zeit
Nachricht
von Scla
ven.

der Herr Botschafter durch seine Ausspäher Sclaven aufsuchen
lassen, davon er so viel Nachricht bekommen, daß zwey von einem
Juden nach Constantinopel geführt worden, eine in dem vorigen
Krieg bey Belgrad gefangene Sclavin aber in dem Kaiserl. Pro
viant-Hauß aufbehalten und zu einer Wäscherin gebraucht würde,
welcher aber, weil sie eine Dienst⸗Magd des Sultans ist, und von
niemand als Jhm selbst kan los gegeben werden, der Herr Bot
schafter nicht eher als zu Constantinopel dem Passarowitzischen
Friedens⸗Vertrag gemäß abfordern kunte. Daselbst ist auch ein
Venetianischer Hauptmann mit seiner Gemahlin zu uns gekommen,
der zwar vorher schon die Freyheit erhalten, aber wegen gemachter
Schulden sich nicht von dannen machen durfte, ist aber gleichwol
auf Sr. Excellenz Vorspruch entlassen worden, und bis für die
Mauren der Stadt mit uns gezogen. Hierauf kamen wir bis
Tschemetschen / oder bis an die grosse Brücke, nachdem wir um
11 Uhr Vormittag bey einem andern kleinen Städtlein, so mir nie
mand zu nennen wuste, vorbey gegangen waren. Auf dem Weeg hat

ten
- 179 -
149

Reise von Ziorly bis vor Constantinopel.

ten wir das Meer beständig zur rechten, und sahen wir viel kleine
Nachen und Last⸗Schiffe, so die Waaren, als Melonen, Kuku
mern rc. der Tüͤrken gröͤste Delicatessen, von den Insuln des Helle
sponts anders wohin führten. Besagte grosse Brüͤcke bestehet aus
vier kleinern, da immer eine ein kleines Stuͤck Erde von der andern
unterscheidet, davon die erste 9. die zweyte 5. die dritte und vierte
aber 7. Schwibbögen von ungleicher Grösse und Breite hat. Un
ser mit Ried und Binsen allenthalben bewachsenes Lager stunde also,
daß wir zur Rechten vor uns das Meer, zur Linken die Brüͤcke und
den Morast, hinter uns das feste Land hatten, worauf ein Dorf,
und jenseit der Brücke noch ein anderes Dorf gelegen war. Diesen
Tag kam endlich der Herr von Dierling / Secretair bey der BotZuruck
kunft des
Hn. von
Dierling /
und Zei
tung we
gen der
Pest.

schaft, mit dem Dolmetsch, welche voraus geschickt gewesen,
Kundschaft wegen der Krankheit einzuholen, wieder zu uns, und
zwar mit der Nachricht, daß allda die Pest sehr überhand nehme, so
daß der Sultan sich bemuͤssiget gesehen, seine Wohnung zu ändern,
und mit seinem Hof nach dem schwarzen Canal zu gehen, weswegen
wir uns eine zeitlang auf dem Feld aufhalten müsten, um daselbst,
bis sich das Ubel gelegt, der freyen Luft zu geniessen; doch wuͤrde
das Lager nicht weit von der Stadt entfernet seyn, so wol die benö
thigten Lebens⸗Mittel desto bequemer daraus anzuschaffen, als auch
die Geschäͤften mit weniger Hinternisse zu tractiren: wir vernahmen
auch zugleich, daß daselbst ein Tefterdar / oder Vorsteher von der Tefterdar
wer sie
sind.

Cammer, deren bey den Tüͤrken drey sind, seines Amts entsetzt wor
den / weil er der Militz ihren Sold nicht auszahlen lassen, als um
welcher Ursach willen der Aufruhr zu Nissa seinen Anfang genom
men.


So bald wir den 31 über die grosse Brücke gegangen, und die Hö
he des Bergs erreicht hatten, sahen wir auf einmal die Stadt Con
stantinopel vor unsern Augen liegen, nach welcher wir auf unsern
so kleinen Tag⸗Reisen längstens verlangt, ja recht sehnlich geseufzet
haben, weswegen wir auch Kutschuk Tschemetschen / oder der
kleinen Brücke desto geschwinder zu eilten; und wird diese letztere da
rum so genennt, weil sie das feste Land, welches durch das Meer
abgerissen, wiederum an einander haͤnget. Von dar kamen wir nach
Haznadar Tschiflick / einem nicht gar eine Meile von Con
stantinopel entlegenen Lust⸗Hauß, woselbst wir Taut Bascha,
wo

T 3
- 180 -
Erstes Buch / Eilfte Abtheilung.

150

wo sich die Türkische Armee zu versammlen pflegt, zur Linken, zur
Rechten aber das Meer zwischen dem Hellespont, und vor uns
den Canal des schwartzen Meers hatten, von welchen wir nun weiter
nicht dann anderthalb Stund entfernet waren. Wann wir nur
den Berg hinan giengen, kunten wir Bisantz oder Stambul völ
lig vor uns liegen sehen, davon wir aber um der Pest willen,
woran täglich noch viel Leute dahin sturben, entfernet bleiben mu
sten, um dessen Wegnehmung wir den Himmel beständig angeflehet,
damit wir nicht an Erreichung unsers Zweck, die Alterthümer da
rinnen zu besehen, gehindert wuͤrden, wann dieses Ubel so lang als
die Gesandtschaft hätte dauern sollen.


Abgeord
nete von
der Repu
blic Ragu
sa.
Als wir noch dahin unterwegs waren, kamen die Abgeordnete
von der Republic Ragusa, welche ehedessen dem Köͤnigreich Un
garn einverleibt gewesen, nun aber unter Tüͤrkischer Bothmäßigkeit
stehet, zu dem Herrn Botschafter / ihr Bewillkommungs⸗Com
pliment bey Jhm abzulegen. Jhr Anbringen bestunde darinnen,
daß sie Befehl hätten, dem Herrn Groß⸗Botschafter / dessen
Ruhm sich schon längst allenthalben ausgebreitet hätte, im Namen
der Republic ihre schuldigste Ehrerbietung zu bezeugen: es erfreue
sich dieselbige sehr, daß Se. Excellenz in allem hohen Wolseyn in
diesen Orientalischen Ländern angelangt wäre, Sie aber, als Dero
Gesandte / hätten sich sonderlich auch zu dem Ende allhier eingefun
den, ihre Freude daruͤber, und die Ergebenheit, mit welchem sie in
ihren Herzen dem Erz⸗Herzoglichen Hauß noch beständig zuge
than verblieben, an den Tag zu legen; sie haͤtten sich zwar vorgenommen,
Sr. Excellenz gar bis an die kleine Brücke entgegen zu kommen,
wären aber durch unsern starken March, dessen sie sich nicht verse
hen hätten, daran gehindert worden. Dieses beantwortete der
Herr Botschafter mit wenig Worten, nennte sie dabey nur Ab
geordnete der Republic/ ob sie sich gleich vorher selbsten den Na
men der Gesandten beygelegt, und dankte ihnen, füͤr die Jhm hie
rinnen erwiesene Ehre; deme Er noch beyfuͤgte, wie es billig und
lobwürdig seye, daß sie in der Liebe und Treue gegen das Erz
Herzogliche Hauß / unter dessen Bothmässigkeit sie ehmaln ge
standen, und von dem sie ihren Ursprung hatten, noch beständig
verharreten. Nachgehends begab sich der Herr Groß⸗Botschaf
ter mit etlichen wenigen aus dem ersten Adel, und einigen Hauß
Bedien
- 181 -
Reise von Ziorly bis vor Constantinopel.

151

Bedienten nach dem Lust⸗Gebäu, da indessen wir uͤbrigen uns un
ter den Zelten einquartirten.


Dieses Lust⸗Hauß ist von einem Vorsteher der Kammer oder Lust⸗Hauß
vor Con
stantino
pel.

Zahl⸗Meister, welchen die Türken auf ihre Sprach Haznadar
nennen, erbauet worden, das aber nach geschlossenen Frieden zu
Passarowitz der Sultan dem Jbrahim Bascha / der gegen
wärtig die von der Pforten abgeschickte Groß⸗Botschaft zu Wien
versiehet, und erster Bevollmächtigter bey gedachtem Friedens⸗Schluß
gewesen, geschenket, jedoch den Namen von seinem ersten Erbauer
noch beständig behalten. Vor dem obern Theil des Hauses stehet
ein Brunnen⸗Kasten, welcher das aus einem Marmel oder Alaba
ster verfertigten Brunnen haͤufig hervor stossende Wasser auffängt;
gedachter Brunnen aber hat seinen Ursprung in des Türkischen Hn.
Groß⸗Botschafters Zimmer, von dar dessen Wasser durch Röhren
in das untere Hauß und den Kraut⸗Garten geleitet wird. Ein an
derer Blumen⸗ und Lust⸗Garten stehet uͤber des Botschafters Woh
nung, so zwar nicht sehr groß, aber mit auf Pyramiden Art ge
schohrnen Lorbeer⸗ und Cypressen⸗ wie auch andern Frucht⸗Bäumen
aufs zierlichste besetzt und eingetheilet ist; dergleichen Gäͤrten nebst
ihren Gebäͤuen man an dem Gestad des Meers und anderwäͤrts in
grosser Menge antrifft.


Nachdem nun der Herr Groß⸗Botschafter mit denen SeiDes Me
hemetes
Compli
ment we
gen des
Hn. GroßBotschaf
ters glück
licher An
kunft.

nigen an diesem letzten Ort gluͤcklich angekommen, hat Ihn unser
Führer Mehemed Aga, Kaiserlicher Kämmerling, folgender Ge
stalt complimentirt: Jch empfinde keine geringe Freude /
daß Eu. Excellenz, Groß⸗Botschafter bey dem Groß
Sultan / bis vor die Mauern der Stadt Constanti
nopel gluͤcklich gebracht habe; weswegen ich mich
alsobald in die Stadt verfüͤgen/ und GOTT dem
HERRN den Jhm dafüͤr gebuͤhrenden Dank nach
unserer Weise abstatten werde / weil es Jhm gefallen/
Eu. Excellenz unter meinem Geleit bisher in allem ho
hen Wolseyn zu erhalten. Meines Theils wuͤrde es
mir höchst⸗erfreulich gewesen seyn/ wann nach Dero
unver
- 182 -
152

Erstes Buch / Eilfte Abtheilung / rc.

unvergleichlichen Meriten Dieselbe allenthalben hätte
bewuͤrthen koͤnnen; es werden aber Eu. Excellenz gnä
dig geruhen/ die Zeit und dem auf dem Land in höch
ster Duͤrftigkeit lebenden armen Bauers⸗Volk etwas
nachzusehen; meine vornehmste Bemuͤhungen soll nur
dahin gerichtet seyn/ wie forthin nunmehro aus der
Stadt alles im Uberfluß angeschaffet werde / und in
keinem Stuck der geringste Mangel erscheine. Anjetzo
aber will mich ungesäumt zu dem Groß⸗Vizir bege
ben / um demselben Eu. Excellenz gluͤckliche Ankunft
zu hinterbringen / welche Botschaft Jhm auch nicht
anders als sehr angenehm wird zu vernehmen seyn.
Als auf das letztere der Herr Botschafter sich vernehmen ließ,
wie er solches durch die Seinige zu verrichten gedenke, versetzte jener,
daß solches zwar in dessen Belieben stuͤnde: jedoch erfordere es sei
ne eigene Pflicht und Schuldigkeit, dieses auch selbsten über sich
zu nehmen: deme er noch mehr in einer geschickten, leichten und wol
gesetzten Reden beygefügt, so daß weder an deren Erfindung
noch Kunst und Zierlichkeit im geringsten was zu de
sideriren gewesen.
Ende des Ersten Buchs.


Der

- 183 - Abbildung:
Türckischer Bot
schafter am Röm.
Kaiserl. Hof.

- 184 -
- 185 -


Der
Historischen Nachricht
Von der
Rom. Kaiserlichen Groß⸗Botschaft
nach der Ottomannischen Pforten
Zweytes Buch.
Erzehlung dererjenigen Begebenheiten / die sich zu
getragen / seit dem sich die Botschaft vor Constan
tinopel im Läger unter den Zelten aufge
halten.


Erste Abtheilung.


NAchdem sich nun Mehemed in die Stadt beNachricht
an dem
Groß Ve
zier von
unserer
Ankunft.

geben, ertheilte der Herr Groß⸗Botschaf
ter alsobald Befehl, daß man dem Groß
Vezier Jbrahim die Nachricht von seiner
Ankunft in das hiesige Läger hinterbringen solte;
zu welchem Ende Herr Baron Seebach,
Hof⸗Marschalk, und Obrist⸗Wachtmeister
unter dem Virmondischen Regiment, in Beglei
tung der Dolmetschen Herrn Theyls / zwey von seinen Laqueyen, und
drey Granadirern, dahin abgefertiget wurde. Als er nun ohne Auf
U
schub
- 186 -
Zweytes Buch / Erste Abtheilung /

154

schub Audienz erhalten, ist er noch selbigen Abend mit dieser Antwort
Antwort
desselbigen.
an den Herrn Groß⸗Botschafter zurück gekommen, wie dem
Groß⸗Vezier durch so unverwerfliche Zeugen hoͤchst angenehm zu
vernehmen gewesen, daß Se. Excellentz der Herr Groß⸗Bot
schafter / nach so viel überstandenen Beschwehrlichkeiten nunmeh
ro bey der Kaiserlichen Residenz glücklich angelanget, er wolle
sich indessen äusserst dahin bemuͤhen, und ernstlich anbefehlen, damit
alles, was man nur verlangen und zu dieser Jahrs⸗Zeit zu bekommen
seyn mögte, auf ersten Wink angeschafft wuͤrde. Dazumal kamen
drey Söhne unsers Füͤhrers des Mehemeds in unser Lager, bey
Drey Söh
ne des Me
hemeds
machen bey
dem Herrn
Botschaf
ter ihre
Aufwar
tung.
dem Herrn Groß⸗Botschafter ihre Aufwartung zu machen, wor
unter zwey noch unmuͤndig, der dritte aber, ob er schon das sieben
zehende Jahr noch nicht zuruck gelegt / schon verheyrathet / und der
vierte beständig mit uns auf der Reise gewesen. Diese wurden von
Sr. Excellentz mit Caffé tractirt, sie aber verehrten Jhm zur Be
zeugung ihres Respects ein aus weisen Adlers⸗Federn verfertigten
Sonnen⸗Wädel, welche nur oben an der aͤusersten Spitzen in schwar
ze Farb gedaucht / unten aber, wo die Handhebe hinein gestossen
wird, von rothen mit Gold auf das zierlichste gestüͤckten Sammet,
gefasset waren, deren sich allein die Vornehmsten, einen Luft damit
zu machen, bedienen.


Benach
richtigung
an drey
Gesandte
von des
Hrn GroßBotschaf
ters Gegen
wart.
Den 1. Augusti schickte der Herr Groß⸗Botschafter auf
einmal drey aus dem zweyten Adel, nemlich die Herren Baronen von
Studenitz, und Locher, und den Herrn von Wetstein/ einen Edel

mann aus der Schweitz, ab seine Ankunft zu Haznadar Schiftlick
dem Französischen, Englischen und Holländischen Gesandten zu ver
melden, welches auch der erste bey dem Marquis de Bonac, der
zweyte bey dem Graf Stanian / und der dritte bey dem Graf
Warum
solche allen
dreyen zu
einer Zeit
geschehen.
Colyers verrichtet. Es haben aber Se. Excellentz diese drey Her
ren darum zu einer Zeit abgeordnet, weil, wie bekannt, Frankreich
und Engelland noch immer bey der Pforten um den Rang strei
ten, ob gleich diese Controvers im Roͤmischen Reich schon laͤngst bey
gelegt ist, so daß keiner dem andern im geringsten daselbst weichen
will; welches auch die Ursach gewesen, warum bey der vorigen
Groß⸗Botschaft, die doch sonsten der Graf von Oettingen ruhm
würdigst versehen, der Französische Gesandte Herr von Ferriol, und
eben dieser Kaiserliche Groß⸗Botschafter niemaln zusammen ge
kom
- 187 -
Von des Hn. Botsch. Ankunft und Einzug in Constant.
155
kommen, weiln er den Englischen Gesandten eher als ihn vorgelas
sen, da doch jener eher als dieser zu Jhm gekommen, oder vielmehr
schon in seinem Hause zugegen gewesen, und die Visite abgestattet,
welches Er ihm ja Ehrentwegen nicht versagen koͤnnen, und zwar um
so viel weniger, da der Französische Gesandte diese Höflichkeit verab
säumet hatte. Jedoch wer den Herrn von Ferriol kennet, und wie
er öfters solche Dinge bey der Pforten und anderswo tentiret, wo
mit er nirgend auslangen können, wird sich über diese seine Auf
fuͤhrung destoweniger verwundern. Damit aber gleichwol bey so guter
Veständnuͤß der beyden Cronen solcher Verdruß vermieden wuͤrde,
hat man die Ankunft allen dreyen zu gleicher Zeit intimirt, welches
auch gar wol aufgenommen worden: und da der Franzöͤsische Ge
sandte in dem Königlichen Pallast zu Pera / als seiner gewöhnli
chen Wohnung, der Engelländische aber auf seinem Lust⸗Hauß zu
Belgrad, ohnweit des Schwarzen Meers sich aufhielte, kunte es
ohne dem nicht anders seyn, als daß dieser wegen Entlegenheit des Orts
einige Stunden später als jener die Nachricht erhalten; welches sich
dann der Herr Groß⸗Botschafter kluͤglich bedienet, keinen auf
solche Weise beleidiget, noch einem vor dem andern den Vorzug zu
gestanden, und sich also auf keiner Seiten einigen Verdruß zugezogen.
Diese drey Abgeordnete haben die Herrn Gesandten zu Mittag bey
sich zur Tafel behalten, und endlich mit gebuͤhrender Danksagung
wegen dieser Höflichkeit und ergebenster Gratulation zu glüͤcklicher
Ankunft an den Herrn Groß⸗Botschafter wiederum dimittirt.
Der erstere kame schon Nachmittags um fuͤnf Uhr im Lager an; die
zwey andern aber kunten kaum bey spater Nacht zu uns gelangen, Des Fran
zösischen
Gesandten
Abferti
gung an
den Herrn
Groß⸗Bot
schafter.

weil sie sich wegen der vielerley Weege im Wald veriret hatten.


Ehe aber der Herr von Studenitz sich wieder einstellete, fanden sich
schon der Canzler von der Franzoͤsischen Nation, zween Secretarien von
dem Gesandten, nebst unterschiedlichen Kaufleuten und Bedienten
bey uns ein, unsern Herrn Groß⸗Botschafter im Namen ihres
Gesandten und der ganzen Nation zu felicitiren. Diesen aber ist Des Tüͤr
kischen Dol
metschen
Absendung
an den
Hrn. Groß
Botschaf
ter.

der erste Dolmetsch bey der Pforten, Maurus Cordatus / des
berühmten Mauri Cordati Enenkel von der Mutter her, und der die
sen Namen um seines Mütterlichen Groß⸗Vatters hohen Verdien
sten wegen angenommen, noch zuvor gekommen, als der von dem
Groß⸗Vizier zu dem Ende abgeschicket war, den Herrn Groß

Botschaf

U 2
- 188 - 156
Zweytes Buch / Erstte Abtheilung /

Hochach
tung der
Dolmet
schen son
derlich des
Mauri
Cordati.
Botschafter zu complementiren. Es ist dieses ein sehr reicher
Mann, und wegen seiner Treue bey dem Sultan und Groß⸗Ve
zier in sonderbahren Gnaden, ohnerachtet er ein Christ und der
Catholischen Religion zu gethan ist; wie dann auch überhaupt die
Dolmetschen bey den Türken in grossem Ansehen sind / und denen
Richtern und Referendarien der Rechts⸗Sachen gleich geachtet wer
den. Dieser fragte den Herrn Botschafter, wie Jhm die hiesige
Luft anstünde; es hätte der Sultan dem Groß⸗Vizier durch ein
Hand⸗Schreiben, wie auch einigen andern, Befehl ertheilet, einen ge
sunden und unverdächtigen Ort vor die ankommende Gaͤste auszu
Dessen Ab
forderung
der Anrede
an den
Sultan.
suchen. Bey eben dieser Gelegenheit wurde der Herr Groß⸗Bot
schafter von ihm um Communicirung derjenigen Anrede ersucht,
deren Er sich bey der Audienz gegen dem Sultan gebrauchen
würde; denn die Pforte hat die Gewohnheit, daß man alle seine
Reden dem Kaiser zugleich geschrieben übergibt, damit man sich
auf eine Antwort könne gefast machen: er setzte darzu, wie er zum öf
tern dergleichen Anrede ein ganzes Monat bey sich im Hause hätte,
auf welche im Namen des Kaisers solte geantwortet werden, und
wäre zu dieser eine noch gar kurze Zeit uͤbrig, in welcher er sich zu ei
ner Antwort fertig halten muͤßte. Der Herr Botschafter verwun
derte sich über dieses unerwartete Zumuthen, und gab ihm mit freund
lichen Gesicht und laͤchlenden Minen zu verstehen, wie Er eben noch
nicht darauf gedacht, mit was für Worten seines Kaisers Be
fehl Er vortragen wolte; dann nachdem ihm der Innhalt bekannt
wäre, würde es an Worten nicht fehlen, absonderlich wo die Sa
che und Wahrheit selbst reden muͤsten, sintemaln man nur in Er
manglung dieser an jene zu denken hätte: Er seines theils pflege / von
der Wahrheit secundirt / an die Worte nicht eher zu gedenken, als
wann sie bey verstatteter Audienz in Gegenwart grosser Fürsten und
Potentaten vorgebracht werden sollen; Er wolle sich aber gleichwol
nach der Gewohnheit accomodiren, und mit nechsten seine Rede auf
setzen, und ihme uͤberschicken. Etliche Stunden hernach hat noch ein

Geschenke
und Brief
des GroßViziers.
anderer von des Groß⸗Viziers Hauß⸗Officiern, den die Türken
Aga nennen, seine Aufwartung gemacht, und den Herrn Botschaf
ter mit Blumen, Früchten und mit von zweyen Pferden getragenen
feinen Zucker und Caffe-Bohnen regalirt: 33. Träger wurden ge
braucht, - 189 -
Von des Hrn. Botsch. Ankunft und Einzug in Constant.
157
braucht, welche die in Gläsern und erhabenen Köͤrblein auf runde
hölzerne Tafeln gestellte Sache auf ihren Köͤpfen herbey brachten.
Diesen hat der Groß⸗Vizier noch einen Brief beygelegt, von wel
chem die Dolmetschen versichern wolten / daß er mit so grosser Zäͤrt
lichkeit geschrieben seye, daß auch ein Verliebter seiner Gelieb
ten nichts anmuthigers vorschwatzen könne. Es schützte der
Groß⸗Vizier darinnen eine ganz auserordentliche Neigung und
Sympathie vor, mit welcher er dem Herrn Groß⸗Botschafter
zugethan wäre; Er solte doch, so viel Jhme nur immer moͤglich, ei
len, damit sie bald zusammen kämen; es schiene ihm ein jeder Au
genblick zu lang und beschwehrlich, in welchem er von Jhme ent
fernet leben muͤste: wobey er dem Herrn Botschafter frey stelleDessen An
erbieten
mit klin
genden
Spiel in
die Stadt
zu ziehen.

te, mit fliegenden Fahnen und klingenden Spiel in die Stadt einzu
ziehen. Welches leztere aber Se. Excellentz nicht ohne Verdruß
vorlesen hoͤrten, und Sich deswegen vernehmen liessen, wie davon
noch nicht die Rede gewesen, und damit zu verstehen geben wolte,
daß Er dißfalls schon selbst wuste, was zu thun wäre; es bemuͤhete
sich aber der Dolmetsch, Herr Theyls / seiner Gewohnheit nach,
dieses zum besten auszulegen / indem er dem Herrn Botschafter
vorstellete, wie die Pforte hierdurch nur den Æstim gegen Jhm und
in seiner Person zugleich gegen Jhro Römischen Käiserlichen
Majestät bezeigen wolle, als Die Jhme unangefragt dieses zustuͤn
de / welches Sie keinem andern Koͤniglichen oder Füͤrstlichen Ge
sandten einräumen wüͤrde. Es hätten der Englische und Holländi
sche Gesandte dergleichen Ansuchung gethan; und zwar bemühete sich
dieser durch vieles Bitten nur so viel zu erhalten, daß er bey seiner
Zuruckkunft von dem Paßarowitzer Friedens⸗Schluß etliche für sein
eigen Geld erkaufte grosse Flauten oder Hautbois für sich duͤrfte her
gehen lassen: jener aber verlangte nichts mehr, als ihm nur eine eini
ge Fahne zu verstatten, wurde aber gleichwol beiden als eine solche
Sache abgeschlagen, welche niemand als dem Kaiserlichen Bot
schafter könte verstattet werden; vielleicht habe der Groß⸗Vizier
vermeinet, es wäre Sr. Excellentz diese Affaire bekannt, und dahe
ro etwan im Zweifel, ob dieses Verboth Jhme auch angehen folte.
Es wolte sich aber der Herr Botschafter mit allem diesem nicht
befriedigen lassen, welcher darauf beharrete, daß deswegen noch kei

U 3

ne
- 190 -
Zweytes Buch, Erste Abtheilung.

158

ne Anfrag geschehen, und diese Sache im Ceremoniel schon ge
nugsam debattirt und keinem fernern Zweifel unterworfen wäre.
Hierauf liessen Se. Excellentz unter die Träger ein Trank⸗Geld aus
theilen / und sie ihrer Weege wiederum fortgehen.


Portiuncu
la Fest ge
feyert.
Den 2. Augusti / am Tag Portiuncula, an welchem der HErr
Christus dem H. Francisco die Wundenmahl auf dem Berg Alver
nia in Jtalien eingedruckt hat, wurde in dem grossen Zelt ein schoͤ
ner Altar aufgerichtet, mit den gestern vom Groß⸗Vizier zu einem
ganz andern Absehen geschickten Blumen gezieret, und zu beiden
Seiten die reich mit Gold gestickte Standarten ausgebreitet; un
terschiedliche Priester, unter andern aber der Abt zu Domben Graf
von Schrottembach / lasen Messe, und breiteten das Lob GOt
tes aus; der Schall der Trompeten und Paucken samt den übri
gen musicalischen Instrumenten und lieblichsten Stimmen feuerte
die von Goͤttlicher Liebe ohne dem schon brennende Gemuͤther noch
mehr an / und der meinste Theil vom Adel und Hauß⸗Bedienten wol
ten durch eine reumüthige Beicht und Geniessung des allerheiligsten
Sacraments ihren Schutz⸗Heiligen den Grossen Franciscum ver
Des Engli
schen und
Holländi
schen Ge
sandten
und des
Mehemeds
Aga Ab
fertigung
an den
Hrn. Bot
schafter.
ehren. Unterdessen haben der Englische und Holländische Gesandte
ihre Legations-Secretarien ins Lager geschickt, bey dem Herrn
Groß⸗Botschafter das Bewillkommungs⸗Compliment abzule
gen; welche Höflichkeit auch der Mehemed Aga, zweyter Bevoll

mächtigter bey dem Friedens⸗Schluß zu Paßarowitz, nicht unterlas
sen wollen, sondern hat durch seinen Kiaha oder Hofmeister bey Sr.
Excellentz die Begrüͤssung ablegen, und Jhnen zum Zeichen der
Freundschaft unterschiedliche Geschenke aus seinem Garten und Tei
chen von Melonen, Weintrauben, Birn, Krebsen und Fischen offe
riren lassen: er gab anbey zu verstehen, daß sein Herr des andern Ta
ges sich selbst einfinden wuͤrde, wann es Sr. Excellentz nicht be
schwehrlich, oder wegen des an selbigem Tag bevorstehenden Einzugs
Des Herrn
Botschaf
ters Ant
wort auf
des Mehe
med Aga
Compli
ment.
die Zeit nicht schon zu weit verlaufen wäͤre. Worauf der Herr Bot
schafter geantwortet, wie Jhme die Gegenwart seines Freundes je
derzeit nicht anders als lieb und angenehm seyn könnte; deme Er
noch seinen Glüͤckwunsch wegen des neu erhaltenen Schatz⸗Meister
Amts beyfügte, mit dem Zusatz, daß ihme daraus noch mehr Ehren
und Dignitæten zu wachsen moͤgten: dem Kiaha aber wuͤnschte Er /
daß ihme die von seinem Herrn bisher bekleidete Charge solte zu theil
wer
- 191 - Abbildung: Plan von Constantinopel
- 192 - - 193 - Abbildung:
Einzug des Röm. Kayserlichen
Groß⸗Botschaffters in Constantinopel.

- 194 - - 195 -
Von des Hn. Botsch. Ankunft und Einzug in Constant.
159
werden. Es liesse ihm auch der Herr Botschafter weil Er wuste,
daß der Mehemed Aga ein dicker und fetter Mann war, und für
seinen Wanst gar sehr sorgte, im Schertz zu entbieten: wann ihme da
mit gedienet wäre / wolle Er ihn nach zuruckgelegter dreisigtägigen
Fasten öfters mit Chocalate bedienen, weil er, als ein grosser Lieb
haber von einen strengen und maͤßigen Leben, nach so langem Fasten
dessen gar sehr benöͤthigt seyn duͤrfte.


Heute ist einer von unsern Fuhr Leuten, so schon lang Kraftloß geVermeinte
eingerisse
ne Pest.

wesen, unversehens umgefallen, wordurch gleich der Ruff entstanden, er
seye von der Pest angesteckt gewesen, welches auch keine geringe Furcht
und Schrecken in unserm Lager verursachet; man hat aber bey
genauer Untersuchung ganz ein anders befunden, und haben uns die
Leib⸗Aerzte und Feldscheerer versichert, daß wir deswegen nichts zu Offerirung
eines Scla
ven an den
Marquis
de Bonac.

befürchten hätten. Hierauf wurde abermal der Herr von Wetstein
zum Französischen Gesandten Marquis de Bonac geschicket / um
ihm einen Gefangenen aus Languedoc, den die Edelleute erst neu
lich loß gekaufft, zu præsentiren. Dazumal ist auch Herr Kramer /
Cassirer und Verwaldter der Kaiserlichen Geschencke, und mit gefüͤhrAuspack⸗ und Ein
theilung
der Kaiser
lichen Præ
senten.

ten Gelder, nebst dem Uhrmacher Holzmann / mit bemeldten Præ
senten in die Stadt geschickt worden, damit solche ausgepackt und
nach der ihnen vom Hof mitgegebenen Vorschrifft eingetheilt werden
könnten. Weil aber die meisten Vizire sich dazumal in ihren Provin
zen aufhielten, muste man auf Befehl des Herrn Groß⸗Botschaf
ters von solcher Richt⸗Schnur etwas abweichen, und die ihnen zu
gedachte Verehrungen an andere austheilen; wobey aber gleichwol
des Hofs Intention nach Möglichkeit beobachtet worden.



Einzug in
Constanti
nopel.
Nunmehro haben wir den 3ten besagten Monats unsern Ein
zug in die Stadt Constantinopel fast auf gleiche Weise, wie zu
Wien / gehalten: Gleich bey anbrechenden Tag wurden die muthig
sten mit dem kostbarsten Zeug geschmüͤckte Pferde aus dem Kaiserli
chen Stall gezogen, deren Zäume und üͤbrige Ruͤstung aus fein ge
schlagenen und mit vielerley Steinen besetzten Silber verfertigt wa
ren. Kurz vor sieben Uhr sind wir mit fliegenden Fahnen unter
Trompeten⸗ und Paucken⸗Schall und anderer Music aus dem Lager
gegen die Stadt marchirt, welche wir so gleich im Gesicht hatten.
Der Herr Groß⸗Botschafter, der sich des vom Sultan Jhm
zuge
- 196 -
Zweytes Buch / Erste Abtheilung /

160

zugeschickten und mit einer von Gold gestickten Decke aufgebutzten
Pferds bedienet, liesse ein anderes von seinen eigenen mit kostbaren
Zeug auf Teutsche Art geziertes nachführen / deme einige mit
sechs und zwey Pferden bespannte Wägen folgten, unter welchen
sich auch drey von dem Sultan / der solche aus sonderbarer Neigung
gegen diese Groß⸗Botschaft abgeschickt, befunden haben, wobey
absonderlich ein Zug grauer Schimmel mit rothen Schweifen se
henswürdig gewesen. Auf dem halben Weeg kam der Dolmetsch
von der Pforten, den Herrn Groß⸗Botschafter zu compli
mentiren, so von dem Obristen der Bothen oder Chiaoux Ba
schi und zween Spahiler Agasi samt noch einigen andern beglei
tet war. Auf unsern Zug musten wir bey einem Lust⸗Garten vor
Frühstuck
unter Wee
ges.

bey, welchen eine Sultanin auf ihre Kosten anlegen lassen, daselbst
sind wir abgetretten, um das darinnen füͤr uns zubereitete Früͤh⸗Stuck
einzunehmen; dann weil wir noch weit zu marchiren hatten, wurde
für uns gesorget, damit nicht einige von den unsrigen auf dem Weege
verschmachten moͤgten. Allhier ist der Herr Groß⸗Botschafter von
denenjenigen, welche man Jhm entgegen geschickt, nochmaͤlen empfan
gen, in das für Jhn zu bereitete Zimmer geführt / auf den für Jhn
gestellten Sessel angewiesen, (an dessen statt sich die Tüͤrken ihrer ge
wöhnlichen Sofaus bedient) und mit Caffé und unterschiedlichen
nach Lands⸗Art, doch nicht übel zugerichteten Speisen tractirt wor
den; der Scherbeth muste an statt des Trunks dienen, und was bey
Des Sul
tans Edel
Knaben be
dienen den
Herrn Bot
schafter.
nahe noch nicht erhöͤrt worden, des Sultans Hasodaͤ oder Edel
Knaben dabey aufwarten. In der Mitte des mit Gold Silber
und allerhand raren Gemählden auf das kostbarste ausgezierten
Speiß⸗Saals stunde ein gedeckter Tisch / woran 40. Personen ganz
gemächlich sitzen kunten, wobey wider die Türkische Gewohnheit
einige zu diesem Ende verfertigte Bänke gestellt waren: hieran nun
wurde der erste und zweyte Adel logirt, da indessen die andern auf den
mit Persianischen Teppichen belegten Boden herum lagen / und ihr
Früh⸗Stuck, so gut sie kunten, verzehrten, bey welchem, wann nicht
einer ungefehr ein Schälgen Scherbeth bey dem Kopf kriegte, sie ih
Türken be
dienen sich
keiner gül
denen und
silbernen
Geschirre.
ren Durst mit Wasser löschen musten. Die Speisen wurden alle in
Porcellanenen, steinern und iradischen Geschirren aufgetragen, der
gleichen man sich auch zum Trank bedienet; sintemalen ihnen der Ge

brauch
- 197 -
Von des Hn. Botsch. Ankunft und Einzug in Constant.
161
Gebrauch guldener und silberner Geschirre bey Tisch durch ein den
gemeinen Wesen sehr zuträgliches Gesetz verbotten ist; wie ich mich
dann auch nicht entsinnen kan, daß ich jemaln bey einem vornehmen
Türken etwas von Gold oder Silber auf dem Tisch gesehen, es muͤ
ste dann etwan die an statt des Tisches daselbst gestellte runde Platte
nebst einem Hand⸗Becken zum waschen, und einem Rauch⸗Vaß, das
Gesicht, die Hände und dem Bart damit zu beraͤuchern, gewesen
seyn; wie sie dann die dem Herrn Botschafter vorgelegte Messer
auch anderweit entlehnt hatten. Hingegen ist an Speisen, wie uns
nachgehends die Soldaten und Bedienten erzehlt, ein solcher Uber
fluß gewesen, daß über die hundert Schuͤsseln von ihnen wieder zu
rück gekommen, von den Tuͤrken aber mit samt den Loͤfeln, deren wir
uns bey dem Essen bedient, unter die Grichischen Knaben ausge⸗
theilet worden; angesehen sie es für grosse Sünde wuͤrden gehalten
haben, wann sie etwas von demjenigen zu sich nehmen sollen, welches
die Unglaubigen oder Jaouer berührt und verunreinigt hätten. Es
hat auch darum keiner von ihnen etwas gekostet, weil niemand vor
Aufgang des Abend⸗Sterns oder der Sonnen⸗Untergang wegen ih
rer grossen Festen was geniessen durfte/ wie schon im vorigen ange
zeigt worden, da die meisten aus ihnen gewohnt, selbige Zeit uͤber
den Tag mit schlaffen / und die Nacht imit andern Verrichtungen
zuzubringen.


Hier hat sich ein gebohrner Sachs / Namens Schmied, ein Ein abge
fallener
Sachs
kommt zu
der Bot
schaft.

nichtswuͤrdiger Mensch, bey uns eingefunden, der sich bey der vori
gen Botschaft unter den Grafen von Oettingen vor einen Edel
mann ausgegeben, nachgehends aber aus einer mir unbekannten Ur
sach freywillig den Türkischen Glauben angenommen; dieser Gotts
vergeßne Mensch hat sich gleichwol kein Bedenken gemacht, vor dem
Herrn Botschafter zu erscheinen, und Jhm zu ersuchen, daß Er
die Gnade für ihn haben, und dem Groß⸗Vizir bey Gelegenheit
sein weiteres Glüͤck und Fortkommen recommendiren wolle. Die
ser hat auch nachgehends auf dem Weeg und bey der Ruckkehr mit
dem Herrn von Klimberg viel von seiner Frauen, welche er zu
Hauß bey den Seinigen gelassen, von seinen mit ihr gezeugten Kin
dern, alten Bekannten und Freunden geschwatzt: und als gedachter Hr.
von Klimberg ihn unter andern fragte, ob er nicht bisweilen aus
Reu angetrieben nach Teutschland zuruck, oder an GOTT und die
künf

X
- 198 -
Zweytes Buch / Erste Abtheilung /

162

künftige Ewigkeit gedächte, nahm er solches nur für Scherz auf
und machte ein Gespott und Gelächter daraus. Aber du leichtfer
tiger Boͤßwicht! ist ein GOTT im Himmel, der sich um der Men
schen Thun und Lassen bekuͤmmert, so wird er dich um deiner Frech
heit und Treulosigkeit willen schon zu finden wissen; und wer weiß,
ob wir nicht nechstens von Seiner an dir vollzogenen gerechten Ra
che Nachricht empfangen. Jedoch, was halte ich mich läͤnger bey
diesem Treulosen auf, ich will mich lieber wiederum auf den Weeg
zu meiner Gesellschaft wenden.


Eine grosse
Menge Zu
schauer vor
Constanti
nopel.
Nachdem wir nun, wie gesagt, in bemeldten Garten so herrlich
tractirt worden, sind wir nach empfangenen wol riechenden Was

sern und Rauchwerk von dar wiederum aufgebrochen, und naͤher ge
gen die Stadt geruckt vor welcher sich eine unglaubliche Menge
Leute von allerhand Alter Geschlecht und Condition eingefunden,
unsern Einzug mit anzusehen: die Königliche und andere Gesand
ten, welche sich dazumal auf ihren Lust⸗Häusern zu Belgrad auf
hielten, haben sich etliche Stunden weit hieher verfuͤgt, den propren
Einzug der Römisch⸗Kaiserlichen Groß⸗Botschaft mit
anzusehen; da ihre Bedienten sich indessen an die Strassen gelagert; und
damit sie solchen desto öfter betrachten kunten, sind sie mit ihren
Pferden immer einen naͤhern Weeg voraus gesprengt, und haben sich
wiederum an einen solchen Ort gesetzt, wo wir noch einmal vorbey
ziehen musten. Ja so gar der Sultan und Groß⸗Vizir selb
sten sollen bey dem Canal des schwarzen Meers in einem Winkel
verborgen gewesen seyn, und uns in geheim aus einem Fenster ob
Beschrei
bung des
Zugs in der
Stadt.
servirt haben. Die Türken giengen mit ihren grossen mit Kaisers
Leinwand umwundenen Buͤnden, welche sie Kalibi nennen, und
dreymal grösser, als die sonst gewöhnlichen seyn, die sie auch nur
bey den grösten Solennitäten aufsetzen / ganz hochmüthig voran;
worauf wir in eben dieser Ordnung die neulich bey dem Abzug aus
der Kaiserlichen Residenz Stadt Wien gehalten worden, durch
die Stadt Constantinopel gezogen. Die Janitscharn stunden in
ihrer Ordens⸗Tracht, nemlich mit uͤber den Rücken haͤngenden Hau
ben und langen an den vordersten Enden aufgeschüͤrzten Roͤcken,
nicht allein an den Pforten, sondern auch an vielen Orten der Stadt in
zwey
- 199 -
Von des Hn. Botsch. Ankunft und Linzug in Constant.
163
zweyfacher Linie, damit sie das Volk abhielten, und uns durch Ejup /
eine von dem H. Job so genannte Vorstadt, begleiteten.


Es ist aber diese Stadt Constantinopel erstlich von PauBeschrei
bung der Stadt Con
stantinopel.

sanias erbauet worden, wie solches in dem ersten Buch der Supple
mentorum des Q. Curtii zu lesen. Vor Zeiten wurde sie By
sanz genennt von Bysante, oder Byzeno, des Neptuni und Croës
sæ, einer Tochter der Jo, Sohn, wie Stephanus dißfalls vorgibt,
oder, nach der Meynung Eustachii, von einem Füͤhrer der dem
Thracischen König Byza zugehörigen Flotte; oder auch wol von By
za dem Admiral der Flotte, welche der Grichischen Stadt Me
gara zustäͤndig war; woraus dann folgen muͤste, daß Bysanz eine
Pflanz⸗Stadt der Megarenser gewesen, wie Porphyrogeneta
von Them. im 2. Buch 1. Cap erzehlet. Sie kan ihren Ursprung
schon sieben hundert Jahr vor Christi Geburt, oder nach Erschaf
fung der Welt ohngefehr 3500. von denen Zeiten herholen, da das
Jsraelitische Reich untergieng, und Hiskias in Judäa, Hosea in
Jsrael und Salmanasser in Assyrien regieret hatten. Diesen ih
ren ersten Namen hat sie wol tausend Jahr, bis auf die Zeiten
Constantini des Grossen / ersten Christlichen Kaisers, behalten,
welcher, nachdem er sie auf das neue von Grund auf erbauet, sie
kuͤnftig hin nach seinem Namen nennen lassen; und bey dieser Gele
genheit ist der erste Grund zum Christlichen Glauben in Orient wie
der gelegt worden. Nachdem sie nun 1047. Jahr eine Residenz
des Orientalischen Christlichen Reichs beständig gewesen, und eben
dasselbige unter einem andern Constantino, einem Sohn Manue
lis Paläologi / und Bruder Joannis / wiederum verloschen, ist
sie unter erst bemeldten Kaisers Regierung um das Jahr Christi
1453, von Mahomet dem Zweyten mit 400000. Mann belagert,
und nach einer Zeit von 54. Tagen mit stuͤrmender Hand eingenom
men worden, von dar an sie mit dem jetzt regierenden Ahmed dem
Dritten 17. Türkische Kaisere auf dem Thron gesehen, weil sie
alle ihre Residenz allhier aufgeschlagen, welche sie vorher zu Prusa
in Asien gehabt hatten. Selbiges ist, gleichwie das alte Rom, auf
sieben Hügeln gelegen, weswegen man es auch das neue Rom ge
nennt; wiewol anjetzo fast gar kein Merkzeichen mehr davon vor
handen, und wuͤrde Constantinus / wann Er wiederum zuruck
in

X 2
- 200 - 164
Zweytes Buch / Erste Abtheilung /

in diese Welt kehren solte, Mühe genug haben, wofern Er sein vo
riges Constantinopel mitten in dieser Stadt finden wolte, so gar
unähnlich ist sie ihr selbst worden. Dieses aber muß man ihr lassen,
daß keine so vortrefliche Gegend in der Welt, als diese / anzutreffen:
sie ist von dem Luxinischen und Hellespontischen Meer umge
ben, und daher zur Kaufmannschaft überaus bequem; liegt in Form
eines Driangels, so daß zwey Spitzen davon gegen das Meer, die
dritte aber gegen das feste Land siehet. Gegen Mittag hat sie den
Hellespont / gegen Aufgang den Auslauf des schwarzen Meers /
der ungemein grosse und Schiffreiche Hafen liegt ihr gegen Mitter
nacht, und Landwerts gehet ihr die Sonne unter, wohin man uͤber das
schwarze Meer / so die Türken Caradenis nennen, kommen
kan: wann nun mit dieser vortheilhaftigen Situation die heutige
Manier zu fortificiren verknuͤpft wäre, wuͤrde kaum in der Welt
ein festerer Ort zu finden seyn. Auf der Land⸗Seite hat sie zu un
terschiedlichenmal einen dreyfachen aber mehrentheils mit Erden,
Steinen und Schollen angefüͤllten Graben; ist auch daselbst mit einer
doppelten Mauer, und gegen dem Meer zu nur mit einer einfachen
versehen: an derselbigen stehen unterschiedliche vier⸗ und achteckigte
Thuͤrne, welche die Roͤmer noch erbauet, davon die obern die untere
an Grösse übertreffen; und ob sie schon ehmaln wären capable ge
wesen, eine ganze Armee aufzuhalten, so sind sie doch nicht mehr im
Stand, sich nur vor einen kleinen Anlauf zu schüͤtzen; wie dann so
wol die Mauern als Thürne so schlecht beschaffen, daß sie an
vielen Orten grosse Risse haben, und zu verwundern, wo sie nicht
Türken
pflegen
nichts aus
zubessern.
noch gar über einen Haufen fallen: dann die Tüͤrken pflegen selten
was auszubessern, weil sie sagen, daß sie zum Verstoͤren und Nie
derreissen, nicht aber zum aufbauen kommen seyn. Diese Stadt hat
zwey und zwanzig Pforten, davon sechs Landwerts stehen, als eine
unter dem Pallast Constantini unweit des grossen Markts, den die
Türken heutiges Tags Fener nennen, welchen Platz sich Constan
tinus um dieser Ursach willen zu seiner Wohnung soll erwehlet ha
ben, weil Er solchen am gesuͤndesten befunden, so er mit dreyen an
unterschiedliche Oerter ausgesetzten Fischen probirt; die andere
Pforte siehet gegen Adrianopel / die dritte stehet auf der Höͤhe des
siebenden Bergs; die vierte ist die guͤldene Pforte; die fuͤnfte gehet
gegen
- 201 -
Von des Hn. Botsch. Ankunft und Einzug in Constant.
165
gegen Selymbria; die sechste findet man bey den sieben Thuͤrnen;
die uͤbrigen sechszehen sind gegen das Meer zu gerichtet, und zwar
laufen eilf davon gegen den Canal, und fuͤnfe gegen das Meer zwi
schen dem Hellespont, darunter die Pforten des Seralliens nicht
mit begriffen sind: unter diesen fuͤhrten die erstern bey den Alten den
Namen Blachernea, heut zu Tag die Burg⸗Pforte; Cynigos,
anjetzo Xilo-Pforten; Phanaria, Agia, Jubalica, die Mehl
Holz⸗Saamen⸗Fisch⸗ die Neorii und Demetrii, und die letztere
die Mist⸗Pforten; dann sind auch noch die Loͤwen⸗Condesca
la⸗ und noch zwey andere Pforten, welche die Geschicht⸗Schreiber
zu nennen vergessen haben. Gedachte Mauern und Pforten sind
mit vieler Grichischen und Lateinischen Schrifft geziert / dafür man
an der Vornehmen Häuser Türkische lesen kan. Die Gassen sind
sehr enge, schlüpfrig, abhängig, die Häͤuser gröͤsten Theils von Leim
und Holz erbauet, also daß man die Stadt weder von innen schoͤn,
noch von aussen stark oder fortificirt nennen kan; die Wohnungen
hingegen mit Leuten dermassen angefuͤllt, daß oft unter einem Dach,
oder auch wol in einem Zimmer etliche Haußhalten anzutreffen:
wann man nun den unbeschreiblichen Gestank, die rohe unverdauliche Ursach der
öftern
Contagion
in Constan
tinopel.

Speisen, als Pfeben, Gurken, und dergleichen, mit welchem sich der
Pöbel fast nur allein naͤhrt, und das liebe Wasser darzu trinket,
in Erwegung ziehet, wird sich niemand wundern, wann bey entste
hender grossen Sommer⸗Hitze viel dahin sterben; vielmehr wäͤre es
für was seltsames zu halten, wann sich bey einer so grossen Menge
Volks und unordentlichen Lebens⸗Art das Gegentheil finden solte.
Jn den meisten Gassen, durch welche wir diesen Tag gefüͤhrt worden,
sahen wir Häuser, die man eher für Spelunken der wilden Thiere, als
Wohnungen der Menschen hätte halten sollen, und mit dergleichen
raren Gebäuen sind noch darzu die vornehmsten Haupt⸗Strassen
am meisten angefuͤllt; dann die anderen, so mit mehrerer Zierlichkeit
aufgebauet, finden sich nur an denen Plätzen, welche dem An
lauf des Volks nicht so sehr unterworfen, und wo auch die Stadt
am wenigsten bewohnt ist. Wir haben wol üͤber drey Stunden mit
unsern Zug in der Stadt zugebracht, und gleichwol kaum den sech
sten Theil davon betretten. Diejenigen Gebäu, so an dem HafenDie schön
sten Gebäu
außer der
Stadt.

liegen, übertreffen diese in der Stadt an Pracht und Ansehen; und
längst dem Canal bis an das schwarze Meer præsentiren sich viele
Lust

X 3
- 202 - 166
Zweytes Buch / Erste Abtheilung /

Lust⸗Häuser vornehmer Personen, Gärten, Weinberge, Wiesen,
Sultans
verschlosse
ner Pallast.

Wälder, Städte und Flecken. Es hat auch der Sultan daselbst
einen verschlossenen Pallast für das Frauen⸗Zimmer, welcher Be
sicktas genennet wird, worinnen Er den ganzen Sommer uͤber zu
residiren pflegt, wiewol auch der in der Stadt befindliche ein recht
Königliches Ansehen hat, von welchem man auf zwey Meere hinaus
sehen kan, worein aber niemand, er sey dann ein Tuͤrk oder Beschnit
Bezahlte
Curiosité
eines Frau
enzimmers.
tener, gelassen wird. Kurzweilig ist zu hören, was man von eines
ausländischen Gesandten Gemahlin erzehlet: diese hatte grosses Ver
langen, das Königliche Gebäu oder Serallien in der Stadt von in
nen zu sehen, weswegen sie dem Kuslir Aga / oder Obersten der
verschnittenen Mohren, mit welchen sie durch ihr langes Daseyn in
gute Bekanntschaft gekommen / mit grossen Verheissungen dahin zu
vermögen gesucht, daß er ihr darzu behüͤlflich seyn moͤgte. Der
Mohr, welcher die Gefahr, in welche er sich setzen wuͤrde, schon
voraus sahe, wo er solches ohne des Sultans Consens vorneh
men wuͤrde, und doch gleichwol den Vortheil, welchen er daraus zie
hen kunte, nicht verabsäumen wolte, entschloß sich, dem Sultan
davon Nachricht zu geben, welcher es endlich mit diesem Beding er
laubte, daß sie in keiner andern als Tuͤrkischen Kleidung darinnen er
scheinen, der Mohr aber Jhn sichere Nachricht geben solte / an wel
chem Ort und in welcher Ordnung er sie stellen wolle, damit er im
Vorbeygehen und Ausmusterung eines Schlaff⸗Gesellens unter sei
nen Cuncubinen ihr, als ware es eine aus diesen, das Schnuptuch
zu werfen und damit in sein inneres Gemach noͤthigen koͤnnte, da
selbst seine Kurzweil mit ihr vorzunehmen. Dieses wird abgeredter
massen ins Werk gerichtet, die Dame auf bestimmten Tag in Tüͤr
kischer Tracht zu erscheinen invitirt, welche sich auch um angesetzte
Stunde eingestellt: hierauf führt sie der Mohr in ihrer Unschuld
hinein, erzehlt ihr aber anbey, wie es bey ihnen der Gebrauch, daß
diejenige, welche der Sultan auf erst beschriebene Weise zu sich be
ruffe, Jhm auf dem Fuß folgen muͤsse, und wann ihr dergleichen be
gegnen und sie solches abschlagen wuͤrde, stuͤnde ihnen beiden ein gros
ses Unglück bevor, und koͤnnten sie in Gefahr laufen den Kopf zu
verliehren; sie zwar, weil sie sich an einem solchen Ort eingefunden:
er aber, daß er sie hinein gefuͤhrt; nunmehro seye es an dem, daß sie
sich
- 203 -
Von des Hn. Botsch. Ankunft und Einzug in Constant.
167
sich zu einem oder dem andern resolviren muͤsse. Indem nun der
schlaue Kopf ihr dieses alles mit solchen Umständen vorgestellet, ent
stehet augenblicklich ein Tumult vor der Thuͤr, der Sultan tritt
hinein, der Verschnittenene eilet dem Kaiser entgegen, und läßt
diese ganz bestuͤrzt unter den andern stehen. Da sie sich nun in solcher
Angst befindet, stehet der Suitan schon neben ihr, gibt ihr das
gewöhnliche Zeichen, und zwingt sie damit, in sein Schlaff⸗Zimmer
zu folgen, wo die Comœdie des Amphitruo noch einmal aufge
führet worden; der Gesandte indessen liesse sich von seiner Alcme
na nichts böses träumen, welche gleichwol in diesem Tuͤrkischen
Frauen⸗Zimmer mehr erfahren, als sie vielleicht zu wissen begehrt
hat, bis sie erst den andern Tag wiederum zuruck geschickt und dar
mit des neuen Mercurii und seines Knechts Sosiä listiger Betrug
entdeckt worden.


Dieser in der Stadt liegende Kaiserliche Pallast samt dem dar
zu gehörigen Garten begreifft in seinem Umkreiß bey die anderthalb
Meilen / welchem aber der in der Vorstadt weder an Gröͤsse noch
Weitläuftigkeit beykommt. Jedoch stoßt an diesem letztern des ViVornehme
Palläste an
dem Se
rallien.

zirs / an des Vizirs seinen Pallast aber derjenige, so dem Ni
schanschi Bascha zu stehet, dergleichen auch noch mehr in der
Ordnung folgen; dann es pflegen sich die Vornehmsten des Hofes
zu Sommer⸗Zeit, wie auch im Früͤhling und Anfang des Herbsts
mehr an dem Canal, als in der Stadt aufzuhalten, so wol in ihren
Gärten und Lust⸗Häusern der frischen Luft zu geniessen, indessen da
in der Stadt zur selbigen Zeit die Pest, wie jährlich zu geschehen
pflegt, herum wütet: als auch, damit sie in allen Begebenheiten dem
Kaiser desto näher seyn. Gegen dem Constantinopolitanischen WachtThurn bey
Constanti
nopel für
des Lean
ders Thurn
gehalten.

Pallast und der an einem Berg gegen über liegenden Asiatischen
Stadt Scudari præsentirt sich mitten im Meer, wo das Euxini
sche oder schwarze und das zwischen den Hellespont zusammen
fließt, ein Thurn, welchen viele für denjenigen gehalten, nach wel
chem der bey den Poeten und sonst allenthalben so bekannte Juͤng
ling Leander zur Nachts⸗Zeit durch Sturm und Wellen nach sei
ner geliebten Hero zu schwimmen pflegen, welches er auch so lang an
getrieben, bis er einsmals bey ungestuͤmmen Wetter, als ihr der
Wind das zum Weegweiser verordnete Licht in der Latern ausge
löscht, - 204 - 168
Zweytes Buch / Erste Abtheilung /

löscht, des Weegs verfehlt und durch den Wirbel fort gerissen im
Angesicht ihrer untergehen und ein Opfer ihrer thörichten Liebe wer
den muͤssen; wobey er dann folgenden Vers in seiner Angst zum oͤf
tern soll wiederholt haben:


Parcite, dum propero; mergite, dum redeo.

Schont wilde Fluthen nur noch jetzt, laßt mich das Ufer
fassen,
im Ruckweg will ich eurer Wuth mich gerne üͤberlassen.


Allein es verrathen diejenige, die solches auch nur muthmassen duͤrf
te, ihre grosse Unwissenheit in der Historie mehr als zu viel; dann
daß ich alle andere, welche von dieser Geschicht ausführlich
gehandelt, mit Stillschweigen uͤbergehe, so ist aus dem einigen Ovi
dio klärlich zu erweisen, daß diese Meer⸗Enge des Hellesponts zwi
schen Sestus / auf der Seiten von Europa / und Abydus / auf dem
Asiatischen Boden, zu suchen seye, über welche der thörichte und un
vorsichtige Jüngling zu schwimmen in Gewohnheit hatte, wann er
seinen närrschen Begierden genug thun wolte: und daß eben daselbst
die nicht gluͤckseeligere Hero, und eines solchen Zufalls wol wuͤrdige
Priesterin, weil sie ihren unsinnigen und nun mit Meeres⸗Wellen
streiteten Liebhaber nicht zu Hüͤlfe kommen kunte, aus lauter Jammer
sich von einem hohen Thurn herab gestüͤrzt, damit sie doch mit dem
jenigen im Tod moͤgte vereiniget seyn, welchen sie im Leben nicht mehr
umarmen köͤnnen.


Um diese Gegend haben die Tüͤrken 2. Schloͤsser, so heutiges Tags
die Dardanellen genennt werden, und mit Stuͤcken wol besetzt sind,

Dardanel
len.
woselbst alle aus dem hohen und Egaͤischen Meer ankommende Schif
fe visitirt und die ein⸗ und ausfahrende Waaren untersucht werden,
so daß keiner hier vorbey schiffen, noch die Seegel aufziehen darf, be
vor er ans Land gestiegen, und nach genauer Besichtigung und Schä
tzung seiner aufhabenden Güter dem Zoll⸗Schreiber die Gebüͤhr da
für erstattet hat. Mehr benannter Thurn aber dienet den Schiffen
den zu einem Weegweiser, nach welchem sie sich bey der Nacht rich
ten den Constantinopolitanern aber zum Wacht⸗Thurn, von wel
chem sie die aus dem Meer heran kommende Schiffe observiren koͤn
nen. Es stehet derselbige mitten im Meer / und kan von Winden
und
- 205 -
Von des Hn. Botsch. Ankunft und Einzug in Constant.
169
und Wellen auf beiden Seiten bestüͤrmet werden, wovon er aber
gleichwol, weil er auf einen unbeweglichen Felsen ruhet, keinen
Schaden zu fürchten hat. Das ganze Gebäu formirt ein
zweyfacher von ungleicher Grösse zusammen gesetzter viereckigter
Thurn, worauf die Türken einiges leichtes Geschütz gepflantzt ha
ben / so von den Janitscharn beständig bewachet wird; und gibt dessen
weise Farbe bey heitern Wettern einen solchen durchtringenden Glanz
von sich, daß man ihn ohne Verletzung des Gesichts nicht wol an
schauen kan. Am meisten ist daran zu verwundern, daß, ob er Brunnen
Wasser
mitten im
Meer.

gleich zwischen zweyen gesalzenen Meer⸗Wassern liegt, es ihm doch
an süssen Wasser niemaln fehlet; und reicht der in der Mitte des
Felsen eingehauene Brunnen⸗Kasten so viel Wasser, als man des
sen benöthiget ist, welches beständig aus dem Felsen herfür quillet,
und nicht, wie man etwan meinen moͤgte, von dem Regen⸗Wasser
aufgesammlet wird.


Als wir durch eine andere Pforten wiederum aus der Stadt Kirchhof
der Tür
ken.

gekommen, befanden wir uns wiederum, so zu reden / in einem
steinern Wald / dessen wir kein Ende sehen kunten. Dann, wie
schon im vorigen Buch erinnert worden, pflegen die Tuͤrken einem
jeden Toden ein neues Grab zu machen, welches sie mit Marmel
oder andern Steinen und Saͤulen auszieren, daher ihre Kirchhöͤfe
in eine also unermeßliche Weite anwachsen, daß man nur von de
nen darauf befindlichen Steinen gar wol ein steinernes Constanti
nopel an statt des gegenwaͤrtigen hoͤlzernen aufbauen koͤnnte. So
bald wir uns wieder ausserhalb der Stadt befanden / begab sich der
Herr Groß⸗Botschafter von seinem Pferd in den Wagen, des
sen Exempel einige andere folgten, um sich vor der Sonnen⸗Hitz da
rinnen zu verbergen; die andern aber behielten ihre Pferde zwischen
den Füssen, und rieten damit nach dem vorigen Lager: Zu welcher
Zeit Seiner Excellenz von dem Französischen Gesandten ein
Teutscher von ihm los gekaufter Sclav an statt des ihm üͤberschickten
Lanquedoker verehrt wurde.


Den 4ten Augusti fertigten Se. Excellenz aus dem ersten Des Frey
herrn von
Zweifel Ab
fertigung
an den
Groß⸗Vi
zir.

Adel den Freyherrn von Zweiffel / samt dem Dolmetsch Herrn
Vorner, den Sprach⸗Knaben Carl Ludwig Momartz und
einige andern seiner Bedienten zum Groß⸗Vizir ab / so wol in sei

Y
- 206 -
Zweytes Buch / Erste Abtheilung /

170

seinem Namen für die gestrig überlassene Pferde zu danken, als auch
zugleich zu vernehmen, um welche Stunde es Jhm am gelegensten
wäre, des Herrn Botschafters Visite anzunehmen. Es legte
aber eben an diesem Tag der Mehemet Aga seine Besuchung ab,
und brachte die Nachricht, wie er eben dergleichen Commission an
Des Me
hemets Aga
Zuspruch.
Se. Excellenz von dem Groß⸗Vizir hätte. Hierauf dankten Die
selbige für die von Jhm durch die abgestattete Visite erwiesene Höf
lichkeit und freundliches Andenken, ersuchten ihn aber zugleich, dem
Commis
sion an
dem Groß
Vizir.
Groß⸗Vizir in seinem Namen für die Jhnen angebottene Ehre
hinwiederum gebuͤhrenden Dank abzustatten, und zu melden, wie
Sie nichts mehr wuͤnschten, als bestäͤndig oder wenigstens sehr oft
um Jhn zu seyn, weil Sie Sachen von grosser Wichtigkeit mit
Jhm abzuhandeln hätten; es würde Jhnen sehr schwehr fallen, wann
Sie durch die leidige Seuch noch länger von der Stadt solten abge
halten und an ihren Handlungen gehindert werden, weil dadurch
auch zugleich das gemeine Wesen würde leiden müssen. Es hielte
aber der Herr Botschafter höchst vernüͤnftig dafuͤr, daß es nun Ge
legenheit gebe, zu dem Ende an einem dritten Ort auser der Stadt zu
sammen zu kommen, welches vor Jhm noch keinem zugestanden wor
den; wiewol es auch der Mehemet dem Herrn Botschafter von
dem Groß⸗Vizir ungebetten versprochen, auch sich anerbotten, Jhn
dahin zu begleiten, worauf Se. Excellenz zu verstehen gaben, daß es
Jhnen sehr angenehm seyn würde, und zwar um so viel mehr, damit
er dasjenige bekräftigen könnte, was bey dem Passarowitzischen Frie
dens⸗Tractaten abgehandelt worden; und hierauf haben sie den noch
übrigen Theil des Vormittags in allen Vergnuͤgen zugebracht. Die
ser Mehemet war ein ansehnlicher, bescheidener, freundlicher, hold
seeliger und schöͤner Mann, auch bey den Seinigen wegen der Erfah
renheit im Gesetz und andern Sachen in grossen Estime; seine an
nehmlichen Gebehrden und angebohrne Sanftmuth verursachten, daß
er gleichsam immerzu laͤchelte. Unterdessen hat sich auch ein Dol
metsch von den Venetianern eingefunden, um zu vernehmen, wie viel
der Herr Botschafter erlösete Sclaven aus ihrem Lager mit sich
führete, damit zu deren Heimreise könnte Anstalt ge
macht werden.


Zweyte

- 207 -
Des Hn. Groß⸗Botsch. Audienz bey dem Groß⸗Vizir.
171


Zweyte Abtheilung.


DEn 5. dito hat der Herr Groß⸗Botschafter in Besuchung
des GroßVizirs.

Begleitung seiner ganzen Suite die Visite bey dem Groß
Vizier, oder Obrist⸗Feld⸗Herrn und Stadthalter des
Türkischen Reichs abgelegt, und zwar in eben dieser Ord
nung und mit demjenigen Pracht, als bey dem Einzug in die Stadt
beobachtet worden, auser daß man die Fahnen und Paucken
zuruckgelassen, und die Trompeten nicht geblasen, dergleichen auch
geschehen, da Se. Excellentz den 8ten darauf bey dem Sultan die
Audienz gehabt; unsere Soldaten aber haben das Lager verwahrt,
damit nicht, wie bey dergleichen Gelegenheit gar gerne zu geschehen
pflegt, unter solcher Zeit uns etwas daraus entwendet wuͤrde. Hierzu
wurden jedesmal so wol für den Herrn Groß⸗Botschafter, als
auch für die andern alle die Pferde aus des Sultans oder des
Groß⸗Viziers Stall hergegeben: die Janitscharen waren wieder
um an vielen Orten der Stadt ausgetheilet, und viele vornehme
Kriegs⸗Bedienten, Räthe, Cammerherrn und Richtere hatten uns
mit ihren hohen Buͤnden begleitet. Der Chiaoux Baschi, oder Fehlge
schlagene
List des
Chiaoux
Baschi

Oberster der Bothen, welches eine ansehnliche Bedienung bey den
Türken bedeutet, war zu Einholung des Herrn Groß⸗Botschaf
ters abgeschickt, wobey er sich allerhand Finessen bediente, um Dem
selben zur linken Hand zu reiten, weswegen er Jhm bald dieses bald
jenes zeigte und erklärte, nur damit er Ursach mit Jhm zu reden
und nahe an seiner Seiten zu seyn haben moͤgte; allein es wusten
Se. Excellentz durch allerhand Wendung seines Pferds dieses gar
artig zu vermeiden; weil sich aber der Türk durch eine so höfliche
Reprimande nicht wolte abweisen lassen / liessen Sie ihm öͤffentlich sa
gen, daß er voraus reiten solte, weil es sich nicht schicken noch sein
Character zulassen wolle, jemand an der Seiten zu leiden, welchem
Befehl auch der Türk gehorsamlich nachlebte, und sich den daruͤber
gefaßten Verdruß im geringsten nicht merken ließ. Hieraus wuͤrde
wol der Herr von Ferriol / gewesener Französischer Gesandter nichts
gemacht haben, wann jener unter dem Reden nichts anders als die
linke Seiten gesucht häͤtte, ob er schon sonst ein Mann von sehr ho

her

Y 2
- 208 -
Zweytes Buch / Zweyte Abtheilung.

172

Des Herrn
von Fer
riols Af
faire mit
dem Tür
kischen
Hof.
her Stirn war: ja dieser Herr von Ferriol, sage ich, welcher wegen
seiner Händel in der ganzen Türkey und Frankreich bekannt ist, abson
derlich wegen der bewusten Affaire, die er mit dem Türkischen Hof
gehabt, worinnen er doch nicht reussiren koͤnnen; dann als er ge
sucht, bey dem Türkischen Kaiser mit dem Degen an der Seiten
zur Audienz gelassen zu werden, hatte er zu dem Ende ein weit klei
ners Seiten⸗Gewehr, als sonst gewöͤhnlich, verfertigen lassen, damit
er solches desto eher unter seinen Kleidern verbergen koͤnnte. Allein
dieser Anschlag ist noch zeitlich entdeckt worden, und weil er sich nicht
nach der Lands Gewohnheit accommodiren wollen, sondern vielmehr
protestirt, daß ihm solches zukäme, muste er, da er bereits schon vor
dem Zimmer stunde, doch, ohne den Kaiser zu sehen, wieder abzie
hen, kunte auch mit aller seiner Bemuͤhung nicht mehr zu wege brin
gen, daß man ihn nochmaln vorgelassen hätte.


Bey diesem Zug sind wir durch eben die Pforten gefüͤhrt wor
Grosser
Brand zu
Constan
tinopel.
den, durch welche wir vor etlichen Täͤgen unsern Einzug genommen,
dabey wir aber einen ganz andern Weeg gehalten, doch endlich zu
derjenigen Gegend gekommen, wo im 1718ten Jahr den 17. Ju
li der grosse Brand in der Stadt ohnweit dem Meer entstan
den; dann weil der Nord⸗Wind das Feuer sehr heftig angeblasen,
sind dardurch 51000. Häuser, 2283. Kramladen, 171. Kirchen,
152. Palläste, 130. Oefen / 80. Roß⸗Mühlen, 98. Stadt⸗Bäder,
1601 ofentliche Schulen in die Asche gelegt, und bey 14 bis 15000.
Menschen auf einmal verbrandt worden. Dabey haben der Kaiser
und Moufti, ihr oberster Priester, sehr viel gelitten, als denen ihre
meisten Palläste dardurch im Rauch aufgangen. Um zwey Uhr in der
Nacht ist die Brunst entstanden, und hat sich nicht eher als des andern
Tags um 4. Uhr wieder gelegt, also daß die Stadt von diesem schäd
lichen Feuer bey 30. Stunden illuminirt gewesen. Aber man hat
sich darüber nicht so gar sehr zu verwundern; dann weil die Häͤuser
denen Hüner⸗Ställen sehr gleich kommen, gar nahe an einander ste
hen, aus Holz und Leimen zusammen geklebt sind, welcher leztere vom
Feuer ohnedem bald erhitzt wird, anbey die Gassen so eng, daß die
Dächer beynahe an einander stossen / kan es nicht anderst seyn, als
daß bey einmal ausgebrochenen Feuer ganze Gassen darauf gehen
müͤssen / und kan auch die Flamme nicht eher gestillt werden, bis es kei
ne zum Brennen taugliche Materie mehr findet; weswegen man
die
- 209 -
Des Hn. Groß⸗Botsch. Audienz bey dem Groß⸗Vizir.
173
die Hauser entweder niederreissen und solcher gestalt dem Feuer die
Nahrung entziehen, oder der Flamme ihre Wut so lange lassen muß,
bis sie von selbst wieder nachlaͤßt; so beschwehrlich aber das eine, ab
sonderlich bey Nacht und entstehenden Nord⸗Wind ist, so gefährlich
und betruͤbt duͤrfte manchem das andere Mittel vorkommen. Doch
darüber haben viele ihre besondere Gedanken gehabt, daß / wie kurz
vor des Graf von Oettingen Ankunft in die Stadt Constanti
nopel 72000. Häuser abgebrannt sind: also auch jetzo nur den Tag
Merkwür
dige
Feu
ers⸗Brunst
bey der vo
rigen Ge
sandt
schaft.

vor den geschlossenen Frieden zu Passarowitz diese grosse Feuers
Brunst entstanden. Im Vorbeyziehen kunten wir noch die traurige
Merkmale davon sehen, nemlich, die verbrannten Kirchen⸗Daͤcher,
das zerschmolzene Bley, die zersprungene Glaß⸗Scheiben / zerstörte
und verbrochene Brunnen, und dann auch des Kaisers Arcadii
Säulen / welcher das Erdbeben ohne dem schon stark zugesetzt
hat, daß man wegen ihrer vielen Risse sie aller Orten mit eisernen
Reifen belegen müssen, anjetzo aber durch das Feuer und dem Rauch
ganz schwarz worden; wie sie dann auch heutiges Tags die Verbrannte
genennt wird, und unter diesem Namen allenthalben bekannt ist.


Endlich sind wir in des Groß⸗Vizirs Pallast, und zwar in Groß⸗Vi
zirs Pal
last.

demjenigen angelangt, welche dieselbige insgemein, wann sie gleich ih
re eigene Häͤuser haben, zu derjenigen Zeit bewohnen, in welcher sich
der Sultan in der Stadt aufhält, weil solcher nicht weit von der
Kaiserlichen Burg, und sie also gleich, wann man ihrer vonnoͤthen
hat, bey der Hand seyn können. Dieser hatte drey Höfe, wo
selbst die Janitscharen in Ordnung stunden, auf dessen ersten die Be
dienten, auf dem andern der Adel, und auf dem dritten nahe bey der
Stiegen der Herr Groß⸗Botschafter selbsten von dem Pferde
stieg. Es hat dieser Pallast zwar einen sehr weiten Umkreiß, aber
die Bau Kunst ist gar schlecht daran observirt, und durch die un
zehlichen Winckel ganz verstellt. Hier giengen die Chiausen mit
ihren Strauß⸗Federn auf dem Haupt und silbernen oder mit Sil
ber beschlagenen Stäblein in den Händen voran, wie von deren Be
schaffenheit schon in dem ersten Buch Meldung geschehen; dann die
se Chiausen sind nichts anders als Bothen, welche man darzu ge
braucht, daß sie fremde Gaͤste empfangen, oder sie, ihnen den Weeg
zu zeigen, voraus schicket: wir selbsten befanden uns in der Mitte /
und einige andere aus den Tüͤrken folgten.


Im

Y 3
- 210 - 174
Zweytes Buch / Zweyte Abtheilung /


Jm Hinaufgehen trafen wir zur rechten Hand den Harem,
Der Ha
rem oder
das Sa
rallien der
Kaiserli
chen Prin
zeßin.
oder das Serallien der Kaiserlichen Prinzeßin an, in welchem sie
viele hundert Sclaven ihres Geschlechts um sich hat, wie mich
diejenige, welche es gesehen, berichtet haben, über die sie zu gebieten,
sich ihrer Dienste nach Gefallen gebraucht, sie beschenkt, straffet, fort
schaft, befördert, wie es ihr im Kopf kommt; es wird aber auser de
nen Verschnittenen kein ander Mannsbild hineingelassen, wie dann um
dieser Ursach willen acht abscheuliche Mohren bestäͤndig vor der Thuͤr
Wer des
jetzigen
Groß⸗Vi
zirs Ge
mahlin.

die Wacht halten, welche diejenige, so sich etwas zu nahe hinzuma
chen wollen / abhalten. Aber was wüͤrden so viele Wachter nutzen,
wann die keusche Schamhaftigkeit oder eheliche Treue manquirte?
Vor diesem Zimmer haͤnget ein mit Gold schoͤn gestickter Vorhang,
und die darinn wohnende ist des Groß⸗Viziris Gemahlin, des regieren
den Kaisers Ahmed Prinzeßin, welche dazumal das 15te Jahr noch
nicht erreicht hatte. Vorher war ihr schon der Ahli Bascha, der
die Grichische Landschaft Morea den Venetianern abgenommen und
unter das Türkische Joch gebracht, zu ihrem Gemahl gegeben, da
sie noch ein Kind von acht Jahren gewesen; doch hat er diese seine
Gemahlin, oder vielmehr Gespons, niemaln mit einem Aug gesehen,
noch viel weniger beruͤhrt, ob er sie schon zum Lohn seiner Tapfer
keit damaln zur Ehe bekommen, als er nach uͤberwundenen Feind
siegreich wiederum zu Hauß angelanget. Es ist aber dieses eine bey
den Türkischen Kaisern schon lange hergebrachte Gewohnheit, daß
sie denen Stadthaltern oder Baschen, die sie uͤberreden wollen, daß
sie ihnen mit sonderbahrer Gnade zugethan wären, zum Zeichen ih
res beständigen Wolwollens, ihre Prinzeßinnen, so bald sie nur ge
bohren sind, zur Ehe versprechen, daher es dann leichtlich kommen
kan, wie es auch oft geschiehet, daß sie unterschiedlichen gegeben
Politique
der Türki
schen Kai
ser in Aus
stattung
ihrer Prin
zessinnen.
werden, ohne daß sie ihre zugedachten Maͤnner, oder diese sie, jemaln
zu sehen bekommen. Hierunter aber ist eine grosse Politique dieser
Kaisere verborgen; dann erstlich versorgen sie auf solche Weise ihre
Prinzessinnen auf das reichlichste, ohne daß es ihnen im geringsten
was kostet, indem sie sich einen solchen Tochter⸗Mann erwählen,
der das Kind, wann es noch in der Wiege liegt, mit einer kostba
ren Morgen⸗Gab versehen, dabey auch Königlich und auf das proper
ste erziehen lassen muß, ob sie schon noch in ihres Kaiserlichen Herrn
Vaters Händen ist: Hernach dienets ihnen auch darzu, daß sie auf eine - 211 -
Des Hn. Groß⸗Botsch. Audienz bey dem Groß⸗Vizir.
175
eine ganze unverdächtige Manier derjenigen Schätze an sich ziehen
können, welche ihnen um ihrer Macht willen verdächtig scheinen, und
vor welchen sie in Gefahr stehen, Reich und Leben zu verliehren;
dann weil es für keine geringe Ehre geachtet wird, des Kaisers Ei
dam zu seyn / welches gleichwol andere mit neidischen Augen anse
hen, greifen sich in diesem Stuck auch die Allergeitzigsten über die
maßen an, und wollen in Unterhaltung ihrer zugedachten Gemah
lin für verschwenderisch gehalten werden. Hierbey ist auch noch Neben des
Kaisers
Prinzessin
darf keiner
eine Frau
oder Con
cubin ha
ben.

was besonders anzumerken, daß, ob schon das Mahometische Ge
setz jedermann frey lässet, vier rechte Ehe⸗ Weiber und darneben so
viel Concubinen zu haben, als man ernehren kan, es jedoch durch
die Gewohnheit eingeführt ist, daß niemand, der eine Kaiserliche
Prinzeßin zur Ehe hat / weder andere rechtmäßige noch auch Kebs
Weiber darneben haben darf, sondern alle zum Zeichen der schuldigen
Hochachtung gegen das Kaiserliche Geblüth, von sich schaffen
muß: wordurch diese schlaue Regenten ohne Zweifel inten
dirt, damit ihre Prinzessinnen allein Erben seyn, wann ihr Ge
mahl ohne Kinder absterben solte / welches sich gar bald ereignen kan,
und solte es auch durch ihre eigene Beyhuͤlfe geschehen; oder damit sie
doch mit andern in die Erbschaft eintretten koͤnnen, wann etwan aus
einer andern Ehe ein maͤnnlicher Erb uͤbrig wäre: und durch diese
Maxime ergiessen sich alle Ströme des Reichthums in das Kaiserli
che Meer, von dar sie aber nicht leicht wiederum heraus fliessen.


Wie aber diese vorgedachte Prinzeßin in ihrer noch ersten UnDer GroßVizir Jbra
him des
Kaisers
TochterMann.

schuld so geschwind zu zweyen Männern gekommen, solches hat sich
folgender gestalt zu getragen: Nachdem Ahli in dem für die Tür
ken unglüͤcklichen Treffen bey Peterwardein geblieben / ist Jbra
him von Grichisch⸗ Weisenburg zuruck gesandt worden, den
Verlauf dieser Schlacht und Ubergab der Vestung dem Hof aus
führlich zu berichten, da er dann zum Caimacan oder Stadthal
ter erklärt, und ihm zugleich diese jungfräͤuliche Wittib zur Gemah
lin gegeben worden / ohnerachtet er schon selbst aus andern Toͤchter
erzeuget, welche schon verheyrathet und älter als diese ihre neue
Mutter waren. Er hat aber seine neue Braut oder vielmehr Ge
mahlin im ersten Jahr eben so wenig als der Ahli gesehen, weil sie
noch nicht mannbar wahr, und deswegen in ihres Kais. Herrn Vat
ters Residenz so lang verblieben, bis sie das Jahr darauf an Kräf
ten - 212 - 176
Zweytes Buch, Zweyte Abtheilung /

ten so weit zugenommen, daß sie ihm in seinen eigenen Pallast zu
Vermehrung seines Geschlechts überlassen werden kunte; bey wel
chem sie sich nunmehro aufhäͤlt, sein Vergnüͤgen vermehren hilft,
und ihn im uͤbrigen füͤr sie sorgen laͤßt, die andern Weiber und Scla
vinnen aber hat er nach Landes⸗Gebrauch von dieser Zeit alle von
Dessen
liebste
Sclavin.

sich weg schaffen muͤssen. Unter diesen letztern war eine Venetia
nerin, die er über die massen liebte, und von den Janitscharen um
800. Ducaten gekauft hatte, welche er seinen Zugzieher, den die
Türken Mardar nennen, zur Ehe gegeben: als sie nun einmal
krank darnieder lag, liesse sie den Jußoff oder Joseph / einen Ju
den, der des Kaiserlichen Leib⸗Arztes, auch eines Juden, Tochter
Mann war, zu sich beruffen, um ihre Krankheit zu untersuchen:
wie er nun befunden, daß solche von der üͤberfluͤßigen Gall herkä
me, und dabey wuste, daß sie ihre Sclavinnen mit Schlä
gen und allerhand seltsamen Plagen grausam tractirte, hat er sie, ob
er gleich ein Jud war, zu mehrerer Sanftmuth und einem Christen
anständigern Wandel ermahnet; sie solte gedencken, wie sie von Ca
tholischen Eltern gebohren, die nicht gewohnt wären, die Armen
und Gefangenen so unbarmherzig zu tractiren: Worauf sie aber ge
antwortet, wie die in der Dienstbarkeit gezeugt⸗ und gebohrne Mäg
de keines bessern Tractaments wuͤrdig waͤren; sie muͤsten sich nur
an dasjenige gewohnen, was sie die Tage ihres Lebens wuͤrden zu lei
den haben. Und es ist auch gewiß, daß kein erbarmenswüͤrdigerer
Stand auf der Welt zu finden, als derjenigen Sclavinnen, welche
bey denen abtruͤnnigen Christinnen dienen muͤssen, indem diese ge
meiniglich viel schlimmer als die gebohrnen Tuͤrkinnen selbst sind:
sie affectiren eine strenge Ernsthaftigkeit, und damit machen sie ihrer
Sclavinnen Dienste nicht nur haͤrter, sondern auch fast unerträg
lich. Doch was halten wir uns laͤnger bey denen Sultaninnen und
Türkischen Weibern auf; laßt uns viel lieber wieder zu den Mäͤnnern
kehren, mit welchen wir jederzeit ungehindert umgehen koͤnnen: dann
ich glaube nicht / daß jemand von unsern Leuten mit Wahrheit sagen
wird, er habe eine solche Gemeinschaft mit den Tüͤrkischen Wei
bern gehabt, wordurch er etwas von ihren Heimlichkeiten erfahren
hätte. Nachdem wir nun noch etliche andere Zimmer zwischen
denen auf beeden Seiten rangirten Türken vorbey gegangen, wurden
wir in dasjenige geführt, wo der Groß⸗Vizir den Herrn Groß
Bot
- 213 -
Des Hn. Groß⸗Botsch. Audienz bey dem Groß⸗Vizir.
177
Botschafter empfangen hat. Es ist aber allhier zu wissen, daß Gebrauch
bey Abstat
tung der
Visiten.

bey den vornehmsten Tuͤrken der Gebrauch / daß, wann man bey ei
nem die Visite ablegen will, man eher in dem Zimmer, als der Herr
desselbigen, seyn müsse; alsdann kommt erst nach einer kleinen Ver
weilung der Patron des Hauses, welcher von zweyen, so ihn unter
den Achseln gefasst / geführet wird; hinter ihm aber folgen seine Pa
ge und Bedienten, die mit ihrem gewöͤhnlichen Geschrey ihres Herrn
Ankunft zu erkennen geben. Jene Mode schreibt sich von dieses Vol
kes Hochmuth her / welche sich besser als andere achten; wie ich dann
eben diese Gewohnheit auch zur andern Zeit beobachtet, nicht weniger
aber auch wahrgenomen, daß, wie sie nicht aufstehen, wann sie jemand
bey dem Eintritt sitzend antrifft, also auch niemand im Weggehen beglei
ten, sondern es durch ihre Bediente verrichten lassen Der einige Mouff
ti / ihr oberster Priester, hat die Ehre, daß ihn der Groß⸗Vizir Jm Anse
hen des
Moufti.

bey seiner Ankunft entgegen kommen, und bey dem Weggehen wie
derum bis an die Thuͤr des Zimmers begleiten muß, von dar er gleich
falls andern zur Begleitung uͤberlassen wird. Der Sultan selbst
stehet von seinem Thron auf, wann Jhn der Moufti zu besuchen
kommt, da doch der Groß⸗Vizir sich vor seinem Kaiser mit dem
Angesicht auf die Erde wirft, um damit zu verstehen zu geben, daß
er, welcher doch in dem ganzen Reich der Vornehmste, in Gegen
wart des Sultans der Geringste / ja noch weniger als der Geringste
ist. Das Zimmer des Groß⸗Vizirs, welches an dem bey den
Sofaus erhabenen Ort mit weis Sammeten von Gold gestickten
Teppichen belegt war, ist nicht sonderlich groß, aber von Tüͤrken
also angefüͤllt gewesen / daß sie uns bey nahe solten zerquetscht haben,
und gieng das Geträng erst recht an, als die Kaiserliche Geschen
ke durch die Heiducken hinein gebracht worden: so war auch der gan
ze Pallast von den vornehmsten Feld⸗Herren und Staats⸗Bedienten
besetzt, welche ihn gleich als einen von Himmel herab gestiegenen Gö
tzen verehrt, und die gröͤsten Männer unter ihnen so gar seine Fuͤs
se geküßt haben.


Hierauf wurden dem ersten Adel in demjenigen Zimmer, wo
der Herr Groß⸗Botschafter mit dem Groß⸗Vizir neben einan
der auf der Sofaus sassen, die Caftans ausgetheilt, gleich wie
denen andern in dem nechst daran stehenden, welche letztere sich auf
hundert Stuck beliefen; über besagtem Zimmer waren noch vier
andere,

Z
- 214 -
Zweytes Buch/ Zweyte Abtheilung.

178

andere, von zimlicher Groͤße, die zu des Groß⸗Vizirs oder der
Türkische
Canzley.
Türkischen Reichs⸗Canzley dieneten; woselbst die Herrn Canzeli
sten wie s. v. die Schweine auf dem Boden herum gelegen, und weder
mit Polster noch was anders versehen gewesen, ausser daß vor oder viel
SchreibZeug. mehr neben ihnen auf der Seiten ihre Schreib⸗Truͤhlein stunden,
worinnen sie ihre Feder, Dinten / Messerlein, Papier und andern
Werkzeug verwahret hatten; dabey ich bemerkt, daß sie sich
weder der Gäͤnse⸗noch Schwanen⸗Kiel zum Schreiben bedienen,
sondern ihre Schreib⸗Federn aus Rohr machen, wie dann auch ihre
Dinte und Papier viel dicker und groͤber als das unsrige ist: wann
sie schreiben, legen sie die Hand unter das Papier, welche ihnen an
statt des Tisches, Pult⸗Brets und alles andern dienen muß, so daß
sie ihre ganze Schrifft gleichsam in der Luft verfertigen. Doch wir
begeben uns wieder in das Audienz-Zimmer, allwo nach beider
seits gewechselten Bewillkommungs⸗Complimenten der Herr Groß
Botschafter folgende Rede in Lateinischer Sprache gehalten:


Seine geheiligte Römische Kaiserliche auch in Germa
Rede des
Groß Bot
schafters
an den
Groß⸗Vi
zir.

nien / Spanien / Hungarn / und Böheim Königliche Maje

stät rc. rc. Carl der VI. wuͤnschen allen denen, so hieran
gelegen ist / zu dem vor einem Jahr geschlossenen Frieden
vielfältiges Glück / und haben mich als Jhren geringsten
Diener mit einigen Vornehmen von Adel Seines Hofes zu
Eur. Excellentz abgefertiget / in Dero Person nicht allein
Sie selbst, sondern zugleich den ruhmwuͤrdigsten Kaiser
der Ottomannischen Pforten zu begrüssen; und hierinnen
bestehet der Befehl meines allergnädigsten Kaisers: was
aber mich anbelangt/ erfreue ich mich sehr/ daß aus
Dessen sonderbahrer Gnade Gelegenheit habe / Eur. Ex
cellentz mündlich zu sprechen / und Jhnen meine Dienst
geflissenheit zu bezeugen. Jch wuͤnsche / daß Euer Excel
lentz in derjenigen hohen Wuͤrde / in welcher Sie bereits
stehen / ein hohes Alter erreichen / und derselbigen noch
mehr andere groͤssere Belohnungen nach Dero hohen Ver
diensten beygelegt werden moͤgen. Mir aber bitte ich
hierbey aus / daß dieselbige mich mit ihrer unverfälsch
ten - 215 -
Des Hn. Groß⸗Botsch. Audienz bey dem Groß⸗Vizir.
179
ten und unverbruͤchlichen Freundschaft beständig beehren
wollen. Mein allergnädigster Kaiser / wie auch Jhro
Hochfürstl. Durchlaucht der Prinz Eugenius von Savoyen
haben anbey zur Bestaͤttigung ihrer durch mich versicher
ten Gewogenheit und Freundschaft verlangt / daß ich Eu.
Excellentz gegenwaͤrtige Schreiben einhäͤndigen solle.


Nachdem der Herr Groß⸗Botschafter seine Rede geendiUberlie
ferung des
Kaisers
und Prin
zen Eugenii
Schreiben.

get, wurde Sr. Römisch⸗Kaiserlichen Majestät Schrei
ben dem Groß⸗Vizir durch den Herrn Carl Grafen von Ba
thyani / unter dem Kaiserlichen Caraffischen Curassier-Regiment
Obrist⸗Lieutenant; derjenige aber, welchen auf Befehl des Prin
zen Engenii der Hof⸗Kriegs⸗Rath an Jhn abgehen lassen, durch
Herrn Otto Friederich von Oebschelwitz / Ingenieur-Hauptman,
überreichet. Als nun hier ein beystehender Bascha dem Herrn Gra
fen den Seinigen abnehmen wolte, entschuldigte sich dieser mit ei
ner wolanstäͤndigen Manier, wolte die angebottene Höfligkeit nicht
annehmen, sondern uͤberlieferte solchen in des Groß⸗Vizirs eigene
Hände, welcher hierauf mit den Gebaͤrden und mit dem Mund be
zeigte, daß ihme solche so wol als ihre grossen Uhrheber höchst
angenehm wären; wie er es dann auch dem Herrn Botschafter
durch den Dolmetsch der Pforten dem Mauro Cordato versi
chern lassen. Damit ich aber bey dieser Gelegenheit etwas von des
Groß⸗Vizirs Alter, Natur, Gemüths⸗Neigung und übrigen SitGroß Vi
zirs Be
schaffen
heit.

ten gedenke / so ist derselbige allem Ansehen nach nicht weit uͤber das
fünfzigste Jahr hinaus, und wird von jederman für einen braven /
bescheidenen, liebreichen, klugen und vorsichtigen Mann gehalten, der
die Gesetze genau beobachtet, ein Liebhaber des Friedens ist, und die
Tugend auch an seinen Feinden lobet und bewundert; die Militz er
hält er durch seine Freygebigkeit bey ihren Pflichten, welche sonst
des Kaisers Geitz leichtlich zur Aufruhr bewegen könnte: seine Klei
dung ließ sehr modest, und bestunde in einem langen weis Atlasen
und mit Belz gefütterten Rock, kunte aber nicht besser als durch den
Haupt⸗Bund von denen andern unterschieden werden, als der zimlich
hoch und viereckigt unten etwas weiter als oben, und gleichsam
Schlangen⸗weis in die Hoͤhe hinauf gieng, hatte einen ganz weissen
Umschlag, ausser daß eine guldene Schnur einmal über zwerch


durch

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180

Zweytes Buch / Zweyte Abtheilung /

durchhinginge, und dessen Ende gleichfalls mit guldenen Fäͤden durch
zogen war, welche auch Büschel⸗ weis durchschimmerten. An dem
Finger hatte er einen uͤberaus grossen und feurigen Diamant steckend;
seine Messer⸗Scheide, wie auch das Heft an dem Messer waren mit
Sapphir, Chrysolith, Carfunckel, Schmaragd, Türkis und andern
kostbaren Steinen reichlich besetzt.


Höret den
Herrn Bot
schafter ste
hend an.

So bald der Herr Botschafter seine Rede geendiget, wel
che, weil es die erste gewesen, der Groß-Vizir wider die Lands
Gewohnheit stehend angehöret, liessen sich beide auf den sehr schöͤ
nen und mit Gold reich gestickten Sofaus nieder. Der Groß
Vizir nahm seinen Platz in den Winkel, gabe Seiner Excel
lentz die Stelle zur rechten Hand, und kehrten beide ihr Gesicht ge
gen die Thüͤr zu, von welcher aber der Groß⸗Vizir mehrers ent
fernet war: ich verstehe aber hier die Haupt Thuͤr, als nach welcher
man bey dergleichen Gepraͤng zu urtheilen pflegt; dann sonsten waͤ
re der Groß⸗Vizir einer andern kleinen Thür naͤher gewesen, durch
welche er nach seinen geheimen Zimmer gehen kunte. Als sie nun
daselbst sich mit einander freundlich unterredet, hat der Herr Groß
Botschafter der Kriegs⸗Gefangenen gedacht, welche Vermög der
Paßarowizer Friedens⸗Tractaten beiderseits müsten ausgewech
selt werden; wobey er auch Mittel vorschlug, wie diejenige, deren
Namen Er aufgezeichnet, zu erfragen wären, und auf was Weise
der Groß⸗Vizir dieses löblich⸗ und GOtt⸗gefällige Werk am
füglichsten befoͤrdern koͤnnte. Unterdessen wurde Caffé, suͤsse Fruͤch
te, Rosen⸗Wasser, Biesam und andere wolriechende Sachen aus
getheilt, davon ein jeder nach Belieben zu sich nehmen kunte: der
Groß⸗Vizir aber nebst andern Vornehmen des Hofes nahme we
gen der noch wehrenden Fasten im geringsten nichts zu sich, damit
sie andern kein böͤses Exempel geben moͤgten. Wolte GOtt! daß
dieses alle Obrigkeitliche Personen beobachteten, und nicht in der
vorgefaßten Meinung stünden, als ob sie an gar kein Gesetz gebun
den wären, so dörfte sich vielleicht das gemeine Volk auch nicht so
viel heraus nehmen, wann sie von ihren Obern nicht geaͤrgert wuͤr
Præsent
des Groß
Vizirs an
den Herrn
Botschaf
ter.
den. Bey dem Abschied wurde der Herr Groß⸗Botschafter von
dem Groß⸗Vizir mit einem aus Gold gewüͤrkten und mit Zobel ge
fütterten Caftan, samt einem schöͤnen Rappen mit Sattel und Zeug
nebst einem kostbaren Säbel beschenket, davon Er das Kleid, ehe Er noch - 217 -
Des Hn. Groß⸗Botsch. Audienz bey dem Groß⸗Vizir.
181
noch aus dem Hof geritten, wieder von sich gelegt, des Pferds aber
sich auf dem ganzen Heimweeg bedienet hatte. Hier wurden wir auch
erinnert, daß wir den vorigen Weeg nicht wieder nehmen solten,
weil der Sultan hierum in der Naͤhe unserer wartete, und uns zu
sehen verlangte; weswegen wir uns, ob wol nicht ohne Beschwehr
nis wegen der engen Gassen, in Ordnung stellten, und einen andern
Weeg aus der Stadt führen liessen, als wir hinein gekommen sind.
Es waren die Höfe im Hauß so dicht mit Leuten angefüͤllt, daß wir
kaum durch kommen kunten, welches auch die Ursach war, daß viele
ihre vorigen Pferde unter dem Volk nicht finden koͤnnen, und ohne


Zweifel zu Fuß hätten heimgehen muͤssen, wann ihnen dißfalls der
Türken Höflichkeit nicht wäre zu statten kommen, als welche frey
willig wieder andere an deren statt zugefuͤhret hatten.


Den 6ten ist ein von den Franciscanern zu Adrianopel ausgeloͤß
ter Sclav von Neapolis gebürtig / nach einer zweytägigen Krank
heit in der Nacht ploͤtzlich gestorben, und auch alsobald begraben wor
den, weil zu besorgen stunde/ es duͤrfte der Coͤrper wegen der gros
sen Hitze einen uͤblen Geruch machen, und zu böͤsen Krankheiten Ge
legenheit geben. Diesen Morgen wurden unterschiedliche entweder
Amts oder anderer Geschäͤfte halber in die Stadt geschickt; Graf
Kinigl mit dem Dolmetsch Herrn Theyls an den Groß
Vizir abgefertigt; der Herr von Dierling aber, als Botschafts
Secretair, samt dem ersten Kaiserlichen Dolmetsch bey der Pforten,
Herrn Vorner / nach dem Reis⸗Effendi / oder Reichs⸗Canzler
abgesandt; und als diese letztern auf den Mittag wieder zurüͤck kom
men, sind sie alsobald wieder dahin versendet worden, wie sie dann auch
die darauf folgende ganze Nacht in ihres Kaisers Verrichtungen
zu gebracht. Fast eben um diese Zeit kam der Französische Gesandte in Französi
schen Ge
sandten
Visite bey
dem Herrn
Groß⸗Bot
schafter.

Begleitung vier und zwanzig Person, so theils Edelleute, theils
Hauß⸗Bediente oder Kaufleute von Galata und Pera waren, aus
der Stadt ins Lager zu uns geritten, dem Herrn Groß⸗Bot
schafter die Visite zu geben. Selbiger wurde bey dem Eingang
von dem Hof⸗Marschalk Freyherrn von Seebach, deme noch zwey
aus dem andern Adel zu gegeben wurden, begleitet, und von dar
durch die Hauß⸗Bedienten, ersten und zweyten Adel, so zu beiden
Seiten ausgetheilt stunden, biß zum Herrn Botschafter geführt,
wo

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Zweytes Buch / Zweyte Abtheilung /

182

Leibwacht
ist nur dem
Kaiserl.
Botschaf
ter erlaubt.
wobey die Leib⸗Wacht, so allhier keinem als dem Kaiserlichen
Botschafter erlaubt ist, im Gewehr stunde. Jn dem Vor Zim
mer, oder vielmehr in dem bedeckten Gang, welcher denen, so die
Türkische Bau⸗Art mit Augen angesehen, oder aus einem Riß oder
Büchern erlernt haben, wol bekannt ist, hat der Herr Groß-Bot
schafter seiner erwartet, und nach geschehener Umhalsung und ab
gelegten Bewillkommungs⸗Compliment, in sein inneres Zimmer
geführt. Uber der Thüͤr gegen Norden war an der Bühne ein von
rother dicker Seiden mit Gold reichlich besetzter Himmel aufgehän
get, unter welchem sich Seiner Römisch⸗Kaiserlichen Ma
jestät / Carl des Sechsten Bildnis, ganz geharnischt in
Manns⸗Grösse auf einem mit rothen und mit Gold reich verbräm
ten Damast⸗überzogenen Tisch (dergleichen auch die Stühle und übriger
Ausbutz war) præsentirt; über dieser sassen etwas zur rechten / wei
len es in der Mitten wegen eines daselbst stehenden aus weisen Mar
mor gehauenen Brunnen nicht seyn koͤnnen, beyde Herrn Bot
schafter auf zween Lehen⸗Sesseln gegen einander von der Thuͤr in
gleicher Weite entfernet, wie es dann auch die Abtheilung des Zim
mers nicht anders zu lassen wolte. Es uͤberliessen Se. Excellenz
dem Französischen Gesandten Ehrenthalben in seinem Logis das Fen
ster und kehrten sich hingegen mit dem Rücken gegen die Mauer,
woruͤber sich jener auch sehr vergnuͤgt bezeugte. Hier unterhielten
sie einander mit vertrautem Gespraͤch, und erinnerten sich an diejeni
gen ehmaln aufgehabte Commissionen, welche zu cachiren anjetzo
nicht mehr noͤthig war. Endlich verlangte der Französische Gesand
te den Teutschen Adel zu sehen, worinnen Jhm auch gleich willfah
ret worden, und ist kaum zu sagen, welcher Theil es dem andern an
Höflichkeit zuvor gethan / ob nemlich die Unsrige mit Offerirung ih
rer Dienste, oder jener mit Bezeugung seiner Dankbarkeit sich am
meisten signalisirt. Unterdessen wurden allerhand Teutsche, Unga
rische, Welsche und Frantzösische Weine, nebst Caffé, Citronen
und Kirschen⸗Wasser, Mandel⸗Milch, Zucker⸗Brod, und andere
dergleichen Delicatessen von den Edel⸗Knaben und Dienern des
Herrn Groß⸗Botschafters herum gelangt, davon ein jeder nach
Gefallen nehmen kunte, wie dan auch die Bedienten und Hauß⸗Genos
sen ihren Antheil bekommen; dabey sich dann die nun aufs neu mit
uns
- 219 - Abbildung: Audienz des Röm.-Kaiserlichen Groß-Botschaffters bey dem Sultan.
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Des Hn. Groß⸗Botschafters Audienz bey dem Sultan.
183
uns verbundene Franzosen so wol in die Teutsche Manier zu schicken
gewust / daß einigen bey dem Aufbruch ihres Herrn wegen des vie
len Aufgiesens ihre Füsse nicht mehr pariren wollen, sondern mit
sehr ungewissen Schritten folgten. Von dieser Zeit an hat sich der
Herr Groß⸗Botschafter bestäͤndig mit einer Music uͤber der Ta
fel bedienen lassen.



Dritte Abtheilung.


DEn 7ten dito wurden zu der am folgenden Tag bestimmten Des Hn.
Botschaf
ters Au
dienz bey
dem Sul
tan.

Audienz bey dem Groß⸗Sultan alle Anstalten vor
gekehrt / und in der Nacht gegen 12. Uhr mehr dann 300.
prächtig aufgebutzte Pferde aus des Sultans Marschstall herbey
geführt / worbey sich auch viele Kaiserliche Bedienten eingestellet,
um uns mit ihren Fackeln vorzuleuchten. Wir zogen eben diejenige
Strassen, welche wir schon vormals gehalten, Ordnung und Klei
dung kam auch uͤber ein, auser daß der Herr Groß⸗Botschafter
nun in einem Spanischen Mantel⸗Kleid erschiene, da er sich vorhero Kleidung.
nur seines Teutschen Habits bedient hatte. Es geschahe aber der
Aufbruch um dieser Ursach willen bey der Nacht, weil dem Tag
darauf den Herrn Groß⸗Botschafter zu Ehren Divan oder gros
ses Gericht solte gehalten werden, in welchem alle Beysitzer noch vor
Tags erscheinen müssen. Derselbige wurde bey dem Stadt⸗Thor
von dem Chiaoux Baschi / oder Vorsteher der Bothen, empfan
gen, woselbst Se. Excellenz sich aus dem Wagen, dessen Sie sich
bey der Nacht bedient/ zu Pferd begeben, und so gleich samt uns
in die Stadt geritten. Als wir in solcher auf dem Almeide⸗ oder der Verwei
lung auf
dem Almei
de⸗Platz.

alten Grichen Renn⸗Platz kamen, musten wir uͤber eine halbe Stun
de auf den Pferden halten, weil der Groß⸗Vizir und andere Vor
nehme noch nicht vorbey waren, als welche vor uns da seyn und auf
dem Rath⸗Hauß in ihrer gehörigen Stelle unserer erwarten sol
ten, damit gleich bey Ankunft des Herrn Groß⸗Botschafters
das Gericht seinen Anfang nehmen koͤnnte. Nachdem nun die Ge
richts⸗Personen des Divans vorbey waren, ist die Botschaft weiter
fort geruckt; und als wir in dem aͤussern Vorhof gegen der SoAnkunft
bey dem
RathHauß.

phia⸗Kirche / welche von der Göttlichen Weisheit ihren Namen
führt,
- 222 -
184

Zweytes Buch / Dritte Abtheilung /

führt, angelangt, begegnete uns der Kiaha / des Sultans Obrist
Hof⸗Meister, in einem prächtigen Aufzug und mit grossem Gefolg /
so daß es schiene, als ob er den Herrn Groß⸗Botschafter ein
führen wolte / welcher aber seinen Weeg weiter genommen, und nur
im Vorbeygehen Se. Excellenz begrüͤsset hatte. Jn diesem sehr
grossen Hof stunden zu beiden Seiten die Capigi (Kaiserliche Cäm
merlinge und Wächter), Boltagi (Holzhacker), Bostangi
(Gärtner), Chiausi (Bothen), Wekilhargi (Schafner), Ast
chi und Karakullukagi (Ober⸗ und Unter⸗Köche), Halvadgi
(Zucker⸗Becker), Saka (Wasser⸗Träger), Agiamoglani, Jcho
glani / Peikii (die Knechte und Edel Knaben) mit ihren Füͤhrern,
die Janitscharn und Soulaks (des Sultans Leib⸗Wacht), Sou
lack⸗Baschi / Thor Baschi / Oda Baschi / Bairactares (ihre
Feld⸗Herrn, Hauptleute, Lieutenants, Fändrich), die Gebegi
Schwerdtfeger), Topchi (Feuer⸗Werker), und zwar alle in ihrer
Ordnungs⸗Tracht / durch welche, als die zu diesem Ende darzu be
stellt waren, wir hingezogen, und ihren zuruffenden Glüͤck⸗Wunsch:
Osckeldi, Sabalhei / Sabansheirula / wir wünschen euch
alles Guts, oder/ guten Morgen, anhöͤren koͤnnen: davon einige
eben dieses uns auf Teutsch nachgeruffen, als welches sie durch unsern
bisherigen Umgang, und da sie uns zur Leib⸗Wacht zu gegeben wa
ren, von uns gelernet hatten. Andere, aber sehr Wenige, so kein
Bedenken trugen, sich öͤffentlich für Freunde der Teutschen aufzu
werfen, wuͤnschten, daß GOTT mit uns seyn wolle, welches sie in
ihrer Sprach also vorbrachten: Salameleck! riefen wir ihnen a
ber dieses auf ihre Sprach zu erst zu, und kamen ihnen mit Höflich
keit zuvor, pflegten sie es mit ihrem Aleckemi Salam / GOTT
sey euch gnaͤdig, oder, GOTT segne euch, zu beantworten, wel
ches die Tuͤrken nicht leichtlich einem ausser ihrer Religion zu wuͤn
schen pflegen, weil sie selbige vor Jaouren oder Unglaubige halten,
die des Goͤttlichen Beystands nicht werth seyen; jedoch gibt es auch
höfliche Leute unter ihnen, so ihr wildes Wesen abgelegt, und bes
ser zu leben wissen. Vor dem zweyten grossen Burg⸗Thor stieg der
Herr Groß⸗Botschafter an derjenigen Stiegen, wo der Groß
Vizir und andere Vornehme abzusteigen pflegen, gleichfalls von sei
nem Pferd, nachdem die uͤbrigen von dem Comitat schon mitten im
Hof die Pferde verlassen und dem Herrn Botschafter zu Fuß nach
- 223 - Abbildung: Der Groß-Sultan
- 224 - - 225 -
Des Hn. Groß-Botsch. Audienz bey dem Sultan.
185
nachgefolget sind, auch vorhero das Gewehr, ausser dem Herrn
Botschafter, welcher keines mit sich geführt, abgelegt hatten.
Diese grossen Thore haben doppelte ungefehr 20. Schritt von einan
der entlegene Pforten, und jede derselben auch gedoppelte eiserne
Flügel, zwischen welchen beiderseits die Janitscharn Wacht halten,
bey deren man aber, wie bey andern Hoͤfen gebraͤuchlich, von auf
gehenktem Gewehr nichts zu sehen bekommt. Die Thüͤr⸗Schwellen,
Portal, und uͤbrige Zierath waren von Marmel; und oben auf dem
Gewölb der Pforten stehet ein kleines viereckigtes Zimmer, so, wie
alle andere Gebäue dieses Pallasts, mit Bley bedecket ist. Nicht lang
nach unserer Ankunft kam der Chiaoux Baschi oder Obriste der Einholung
von dem
Chiaoux
Baschi.

Bothen mit noch einem andern Vorsteher, welcher den zwischen ge
dachten doppelten Pforten warteten und auf einer Bank unter den
Türken sitzenden Herrn Groß⸗Botschafter über den zweyten Vor
hof in den Divan führte. Sie hatten silberne Stäbe in den Hän
den, die oben mit einem dicken Knopf versehen waren, welchen sie so
oft wieder die Erde stoßten, als oft sie sich bewegten, oder zu be
fürchten war, daß der Herr Botschafter mit dem Fuß an einem
Stein stossen moͤgte; wie ich dann solches auch dazumal bemerket,
als nachgehends der Groß⸗Vizir aus dem Divan zu dem Sultan
geführt worden. Hier hätte man nach derjenigen Menge, welche
hin und wieder gelaufen, schliessen sollen, als ob alle Vornehmen im
ganzen Türkischen Reich zusammen beruffen wären; dann es ist die
ses einer von denjenigen groͤsten Gerichts⸗Tägen gewesen, so nur alle
drey Monat pflegt gehalten zu werden, und bey welchem denen Sol
daten, damit der Sultan seinen Reichthum zu zeigen Gelegenheit
hätte, ein sechs Monat⸗Sold ausgezahlt werden solte. Jch habe
bey dieser Gelegenheit von den Französischen Kaufleuten vernom
men, daß der Sultan ihnen schon von neun Monaten her den
Sold hinterhalten, um sie damit für ihre Zaghaftigkeit in etwas zu
bestraffen, um deren willen man dem Feind so viele Städte und Läͤn
der hätte abtretten muͤssen, welches etwan bey tapferer und langer
angehaltener Gegenwehr vermieden werden koͤnnen: wurde Er in
dieser Zeit um den Sold von ihnen angesprochen, verwiese Er sie
nach Temeswar und Belgrad / von daraus sie solchen holen
Divans
Beschrei
bung.

solten. Dieser Divan, in welchen alle Streitigkeiten unter denen
Türken abgehandelt werden, stosset an das Serrallien, oder an den
Kai

Aa
- 226 - 186
Zweytes Buch, Dritte Abtheilung.

Kaiserlichen Pallast gegen Norden, dessen rechter Flügel ein kleines
Viereck formirt, das gewoͤlbt, aber nicht gar groß, mit Gold und
Farben sehr zierlich gemahlt, und der Boden mit Marmel belegt ist:
Rings herum gehet ein weiter bedeckter auf Marmelsteinern Säu
len ruhender Gang, um welchen viele Ahorn⸗ und Cypressen⸗Bäͤu
me gepflanzt sind, damit man vor der Sonnen⸗Hitze gesichert, in den
heisen Sommer⸗Tägen im kühlen daselbst spatzieren könne; auf
der Seiten der Thür, durch welche man in Hof gehet, stehet ein
Brunnen, und gleich gegen üͤber auf der Mittag⸗Seite liegt ein Bad
und die Kuche, worinnen üͤber hundert Koͤche in beständiger Arbeit
Der Janit
scharn Ku
chen.
begriffen: diese Kuche aber ist in viele unterschiedliche Theile abge
theilt, damit sie durch ihr Hin⸗ und Wiederlauffen einander nicht
hindern, noch ihre Menge eine Confusion verursache; und zwar
bestehet solche in acht halb⸗gewoͤlbten Boͤgen, deren ein jeder ein kleines
Häußlein ausmachet, und in der That nichts anders, als ein hell
leuchtender Camin, so in der Höhe wie eine Latern zugespitzt ist.
Hier wird an einem Ort gekocht/ am andern gebraten, anderswo
wiederum etwas anders zu bereitet, und hat eine jede Sache ihren
eigenen Platz, der von den andern mit Mauern unterschieden ist.
Sold der
Janit
scharn wie
er gereicht
wird.
Aus dieser Kuche wird den Janitscharn, wann man ihnen den Sold
zahlet, welches alle viertel Jahre, wann nicht was anders darzwi
schen kommt / geschiehet, der Reiß ausgetheilet. Der Platz zwischen
dem Divan und der Kuͤche ist auf allen Seiten mit Schranken umge
ben, hinter welchen die Janitscharn zu dieser Zeit stehen und pas
sen, bis ihnen ihr Sold für die Thuͤr ihrer Oden, oder Zimmer,
worein sie ausgetheilet sind, geworfen wird, da sie dann
alsobald herfüͤr springen, und wie unsinnig nach den Saͤcken laufen,
und wo es einer dem andern vor dem Maul wegnehmen will, kriegen
sie sich bey den Koͤpfen / und schlagen sich pro patria herum, oder
stossen einander über den Haufen, wofüͤr sie zur Belohnung dieser
ihrer nichts wuͤrdigen Tapferkeit nichts anders als die Ehre haben,
daß sie den eroberten Sack ihren Füͤhrer oder Oda Baschi nach
Hauß tragen darfen, der alsdann erst einem jeden seinen Antheil zu
zehlet. Es halten aber die Türken bey Auszahlung ihrer Militz ei
ne ganz andere Ordnung, als wir bey der Unsrigen zu beobachten
pflegen: dann wie diejenigen/ so bey uns unter einer Hauptmann
schaft stehen, auch