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        <title>Dr. Johann Fichard, 1512—1581.</title>
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            Geisteswissenschaften, Karl-Franzens-Universität Graz</orgName>
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        <title ref="http://gams.uni-graz.at/repat">Repertorium.at - Archiv des Repertorium digitaler
          Quellen zur österreichischen und deutschen Rechtsgeschichte in der Frühen Neuzeit von
          Heino Speer</title>
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          <title>Dr. Johann Fichard, 1512—1581.</title>
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          <series>Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst, 3. Folge, 2. Band</series>
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        <p>Teil von <ref target="info:fedora/context:repat" type="context">repat</ref>
        </p>
        <p>Das Projekt archiviert die digitalen Quellen zur österreichischen und deutschen
          Rechtsgeschichte in der Frühen Neuzeit, die Heino Speer seit 2007 gesammelt hat.</p>
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          <p>Institutionelle und Personale Rollen taxonomie</p>
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          <p>Datums Taxonomie</p>
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        <head>Dr. Johann Fichard, 1512—1581. Von Stadtarchivar Dr. Rudolf Jung</head>
        <div xml:id="T.1">
          <head>Vorbemerkungen</head>
          <p>
            <pb facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s209.jpg" n="209"
              xml:id="S.209"/> Die Beschaffenheit der Quellen für die Geschichte Frankfurts im ausgehenden
            Mittelalter lässt die Tätigkeit der einzelnen Mitglieder der vielköpfigen
            Stadtverwaltung, des Rates, nicht deutlich genug erkennen. Die Leitung der städtischen
            Angelegenheiten nach innen und aussen in dem Jahrhundert vor der Reformation war noch
            eine verhältnissmässig einfache; im Innern herrschte vollständige Ruhe, unangefochten
            regierte der Rat die noch durch keine politische oder religiöse Spaltung entzweite
            Bürgerschaft, und nach aussen hatte man einen Rückhalt gegen die der Freiheit und Blüte
            der Stadt missgünstigen Territorialfürsten an der wenn auch schwachen kaiserlichen
            Centralgewalt und besonders an den anderen Reichsstädten, die damals noch fest
            zusammenhielten. Die Zeit der Reformation bot den Frankfurter Staatsmännern schwierigere
            Aufgaben. Zwar war der Versuch der Untertanen, während der ganz Deutschland
            durchwühlenden Bauernbewegung mit der religiösen auch politische und soziale Freiheiten
            zu erringen, Dank der Intervention der benachbarten Fürsten vollständig misslungen, und
            der Rat wieder wie früher zur Herrschaft gelangt; der Aufruhr von 1525 hatte aber
            wenigstens die Folge, dass die regierenden Herren fortan mehr Rücksicht auf die Stimme
            der Untertanen nahmen,in wichtigen Gelegenheiten jetzt häufiger als früher deren Meinung
            einholten. Der Abfall von der alten Kirche aber, von der sich die Mehrheit der
            Bürgerschaft im Einverständniss und beinahe unter Führung des Rates schon seit mehreren
            Jahren abgewandt hatte, wurde jetzt endgültig und machte die Politik der Stadt nach
            aussen um so viel schwieriger; denn dem Rate lag es ob, die rücksichtslosen Massregeln,
            zu denen er sich von dem Volke gegen die katholische Geistlichkeit drängen <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s210.jpg" n="210" xml:id="S.210"/>
            liess, vor dem Kaiser, der sich mit seiner wiedererstarkten Macht der alten Kirche
            annahm, und den altgläubigen Reichsständen zu vertreten; wollte man dies mit Stolz und
            Energie thun, so setzte man die Freiheiten und Privilegien, von denen der Wohlstand der
            Stadt abhing, aufs Spiel. So lavirte man denn unsicher zwischen den verschiedenen
            politisch bedeutenden Mächten hin und her, bis endlich die Stadt, von den benachbarten
            katholischen Fürsten aufs äusserste gedrängt, im Schmalkaldischen Bunde der
            evangelischen Reichsstände eine Zuflucht suchte; für diese aber war sie nur ein
            unzuverlässiger Bundesgenosse, der vor jedem energischen Schritte zurückschreckte und
            die Erhaltung des Friedens um jeden Preis verlangte.</p>

          <p> Die neuen Verhältnisse stellten höhere Anforderungen an die städtischen Staatsmänner.
            Bisher lag die Leitung der Geschäfte fast ausschliesslich bei den Ratsherren, während
            ihr juristischer Berater, der Stadtadvokat oder Stadtsyndikus, nur geringen politischen
            Einfluss besass. Mit der Reformationszeit wird dessen Stellung eine andere,
            bedeutendere. Er war der Berater des Rates zunächst in juristischen Fragen; da diese
            allenthalben im öffentlichen Leben, sowohl in der Verwaltung im Innern wie auch im
            Verkehr nach Aussen zur Erörterung kamen, wurde er auch der Berater in politischen
            Angelegenheiten; dazu kam, dass der Advokat die eingehendste Kenntniss der Geschäfte
            besass, den mündlichen und schriftlichen Ausdruck besser beherrschte als die Ratsherren,
            sich also vorzugsweise zum diplomatischen Dienst eignete, in dem ja damals überall der
            Juristenstand als das zünftige Diplomatentum vorherrschte. In dem kritischsten Zeiträume
            der Frankfurter Geschichte des 16. Jahrhunderts bekleidete diese Würde ein Mann, den
            Frankfurt als seinen geistig hervorragendsten Bürger, den Deutschland als einen seiner
            bedeutendsten Gelehrten in jener Zeit feierte: Dr. <ref target="https://de.wikipedia.org/wiki/Johann Fichard">Johann Fichard</ref>.</p>

          <p> Er gehört nicht zu jener ersten Generation von Staatsmännern der Reformationszeit,
            welche unter der Führung von <persName>Hammann von Holzhausen</persName> und
              <persName>Philipp Fürstenberger</persName> dem Luthertum in der alten Wahlstadt Bahn
            brachen. Er hat dem folgenden Geschlecht, dessen hervorragendste Leiter <ref
              target="https://de.wikipedia.org/wiki/Johann von Glauburg">Johann von Glauburg</ref> und <ref
              target="https://de.wikipedia.org/wiki/Justinian von Holzhausen">Justinian von Holzhausen</ref> waren, bei der
            Vollendung des Werkes der Väter als treuer Mentor zur Seite gestanden, er hat dann in
            der auf die Religionskriege folgenden Friedenszeit eine reiche Tätigkeit als
            Gesetzgeber, als Schriftsteller und als praktischer Jurist entwickelt, die ihm eine weit
            über die engen Mauern seiner Vaterstadt reichende Bedeutung verschafft hat. <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s211.jpg" n="211" xml:id="S.211"/>
          </p>
          <p> Ueber Fichards Lebensumstände sind wir sehr gut unterrichtet. Vor allem schöpfen wir
            unsere Kenntniss über seine Jugend- und die ersten Mannesjahre aus drei Arbeiten von ihm
            selbst, welche <persName>Johann Carl von Fichard gen. Baur von Eyseneck</persName> in
            seinem Frankfurtischen Archiv für ältere deutsche Litteratur und Geschichte (1811-15)
            veröffentlicht hat; es sind dies Descriptio brevis cursus vitae meae Johannis Fichardi
            J. U. D. et patris mei (Frankf. Archiv II, 1ff.) Italia. Anno MDXXXVI. Autore Joanne
            Fichardo Jure C. (ebenda III, 1ff.) Annales de annis Domini supra millesimum
            quingentesimum XII—XLIV (ebenda I, 1 ff.). Inhalt und Bedeutung dieser drei Arbeiten
            Fichards finden weiter unten ihre Würdigung.</p>
          <p> Noch aus dem 16. Jahrhundert stammt die Lebensbeschreibung, welche <persName>Heinrich
              Petrejus</persName> aus Herdegen seinem väterlichen Freunde gewidmet hat; sie findet
            sich, unter dem Titel De Dn. Joannis Fichardi IC. Cl. ortu totiusque vitae curriculo et
            obitu narratio Heinrici Petrei Herdesiani, dem ersten, 1590 erschienenen Bande der
            Consilien vorgedruckt und auch in Buders Vitae clar. ICtorum. Von geringerer Bedeutung
            ist die Biographie in Melchior Adams, Vitae Germanorum jureconsultorum et politicorum
            (Heidelberg 1620). </p>

          <p> Von neueren Darstellungen des Lebens Fichards sind mir bekannt geworden: <persName>J.
              C. v. Fichard</persName> in dem Faszikel Fichard seiner jetzt auf dem Stadtarchiv
            aufbewahrten handschriftlichen Geschlechtergeschichte; E. Heyden, Gallerie berühmter und
            merkwürdiger Frankfurter S. 425 ff. und Frankfurter Konversationsblatt 1860, Nr. 253; v.
            Stintzings Artikel über <persName
              ref="https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Fichard,_Johann_von">Johann</persName> und
              <persName
              ref="https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Fichard,_Raimund_Pius_von">Raimund
              Pius Fichard</persName> in der Allgemeinen Deutschen Biographie VI, 657 ff.; derselbe
            in der <ref
              target="http://gdz.sub.uni-goettingen.de/content/PPN372047610/800/0/00000597.jpg">Geschichte der Deutschen Rechtswissenschaft
              I, 586 ff.</ref>; Stobbe in seiner Geschichte der Deutschen Rechtsquellen I, 2, S. 41
            f.; endlich meine kurze Darstellung in Quellen zur Frankfurter Geschichte« II, S.
            XX—XXII. Alle diese neueren Lebensbeschreibungen gehen auf die Descriptio brevis, auf
              <persName>Petrejus</persName> und auf <persName>J. C. v. Fichard</persName> zurück.
            Weitere Erwähnungen Fichards in der juristischen Litteratur ohne besondere Bedeutung
            siehe in den Anmerkungen bei Stintzing. — In der Aufzählung der juristischen Arbeiten
            Fichards folge ich dem Verzeichniss bei <ref
              target="http://gdz.sub.uni-goettingen.de/content/PPN372047610/800/0/00000603.jpg">Stinzing,
              Geschichte der Deutschen Rechtswissenschaft I, 592 ff.</ref>, und verweise für die
            Einzelheiten auf dessen dortige kritische Ausführungen:<lb/> 1) <ref target="http://digital.onb.ac.at/OnbViewer/viewer.faces?doc=ABO_%2BZ155675106">Jurisconsultorum vitae veterum quidem per B. Rutilium una cum ejusdem Decuria,
              recentiorum vero ad nostra usque tempora per Johannem Fichardum Francofurtensem. Ad
              haec Indices duo omnium scriptorum in Jure - ad haec nostra usque tempora editorum per
              Jo. Nevizanum, Lud. Gomessium et (o. Fichardum collecti. Basileae. [1540.]</ref>
            <pb facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s212.jpg" n="212"
              xml:id="S.212"/> 2) Biographie seines Universitätsfreundes <persName>Johann Sichard</persName> vor dem
            zweiten Bande der ersten Ausgabe von Sichards Praelectiones in Codicem, 1565. <lb/> 3)
            Exegeses summariae titulorum Institutionum, nur aus Erwähnungen von 1565 und 1574
            bekannt.<lb/> 4) Lateinisches Notariatsbuch, nur von Fichard in einem Briefe von 1567
            erwähnt.<lb/> 5) Receptarum sententiarum sive ut nunc loquuntur communium opinionum
            ICtor. utriusque juris. Francof. 1568; der zweite Band ist 1569 von <persName>Raimund
              Pius Fichard</persName> herausgegeben.<lb/> 6) De recto atque vero Cautelarum usu als
            Vorrede zu Raimund Pius Fichards Tractatus cautelarum, Francof. 1575. Das auf der
            Frankfurter Stadtbibliothek befindliche Exemplar ist das Widmungsexemplar Raimunds an
              <persName>Dr. Heinrich Kellner</persName>, aus dessen Besitz es in die zum Jungensche
            Bibliothek gelangte.<lb/> 7) <ref
              target="https://drw-www.adw.uni-heidelberg.de/drqedit-cgi/zeige?sigle=SolmsGO.+1571">Deren Graveschafften Solms
              unnd Herrschaft Mintzenberg Gerichts Ordnung und Land-Recht. Frankfurt.
            1571</ref>.<lb/> 8) <ref target="http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/drwFrankfurtErnRef1578">Der Stadt
              Franckenfurt am Main erneuwerte Reformation. Frankfurt. 1578.</ref>

            <lb/> 9) Nach
            Fichards Tode erst erschienen auf <persName>Petrejus</persName> Veranlassung 1590 seine
              <ref
              target="http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10312135-6 ">Consilia in zwei Bänden</ref> bei <persName>Feyerabend</persName>.<lb/> Von weiteren
            Arbeiten seien hier noch erwähnt eine Ode auf <persName
              ref="https://de.wikipedia.org/wiki/Ulrich_Zasius">Zasius</persName> vor dessen <ref
              target="http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10147093-8">Intellectus 1532</ref> und ein Epigramm auf seinen Freund und Fachgenossen <persName
              ref="https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Husanus">Husanus</persName>, den Verfasser der <ref target="http://drw-www.adw.uni-heidelberg.de/drw-cgi/zeige?term=L%FCnebref&amp;index=siglen">Lüneburger Reformation</ref>, in Adams Vitae S. 291; nach Petrejus hat Fichard auch
            einen Band Carmina anonym veröffentlicht. </p>

          <p>Leider ist mir eine Quelle, die sicherlich noch manches von Wichtigkeit für Fichards
            öffentliche Wirksamkeit, für sein häusliches Leben und seine wissenschaftliche Tätigkeit
            ergeben hätte, unzugänglich geblieben - das Fichardsche Familienarchiv. Es befindet sich
            nicht mehr im Besitze der Familie von Fichard, es ist auch nicht mit dem litterarischen
            Nachlasse <persName>Johann Carls von Fichard</persName> (+ 1829), der es besessen und
            für seine Arbeiten oft benutzt hatte, auf die Stadtbibliothek gekommen. Alle meine
            Nachforschungen nach dem Verbleib des gewiss reichhaltigen Archivs, aus welchem noch
            1868 von <persName>Professor Dr. Fuchs</persName> (<ref
              target="http://dlib-zs.mpier.mpg.de/pdf/2085079/08/1869/20850790818690274.pdf">Zeitschrift für Rechtsgeschichte VIII, 271</ref>) einige Briefentwürfe veröffentlicht
            wurden, sind bis jetzt erfolglos geblieben: weder die Familie noch die Administration
            des v. Cronstettschen Damenstiftes konnten meine Nachfrage befriedigen.<lb/> Im
            Stadtarchiv befinden sich u.a. von Fichard: sein Bericht über die Gesandtschaft an den
            Erzbischof von Mainz nach Halle im November 1535 (Mgb. C. II, Lit. A), seine
            eigenhändige, sehr ausführliche Darstellung des Verlaufs des Schmalkaldener Tages von
            1543 (Reichssachen-Nachträge), sein Ratschlag der erbarn freyen und reychs stede session
            unnd stim im reychs rath bedreffen (Reichssachen-Nachträge ca. 1560), seine <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s213.jpg" n="213" xml:id="S.213"/>
            Anmerkungen zu der Schmähschrift des flüchtigen <persName>Dr. Zehener</persName> gegen
            den Rat (Ugb. A 97, T); das Freiherrlich von Holzhausensche Familienarchiv bewahrt noch
            ein von Fichard in einem privaten Prozess abgegebenes Consilium.</p>
        </div>
        <div xml:id="T.2">
          <head>1. Jugend und Lehrjahre.</head>
          <p>Fichards<note n="N.213.1">Die ursprüngliche Schreibung des Namens, Fickart, hat Johann
              Fichard aufgegeben und zwar zuerst in seinen drei historischen Arbeiten. Die
              städtischen Akten nennen ihn noch öfter bis in seine letzten Lebensjahre
              Fickart.</note> Familie entstammte dem in der Pfalzgrafschaft bei Rhein auf dem
            Hunsrück gelegenen Ort Gemünden bei Kirchberg, Reg.-Bez. Coblenz, Kreis Simmern, wo die
            Angehörigen des Geschlechtes unter dem Namen <persName>Reichard</persName> als ehrsame
            Landbauer lebten und immer in der Heimat blieben, mit Ausnahme der wenigen sich dem
            geistlichen Stande widmenden Mitglieder, welche auswärts ihren Sprengeln vorstellen
            mussten. Fichards Grossvater heiratete eine Tochter des an irdischen Gütern wie an
            Kindern sehr reichen <persName>Johannes Fichard</persName> aus dem nahen Kirchberg, der
            dort eine der angesehensten Stellungen bekleidete. Von zehn Kindern aus dieser Ehe
            blieben nur zwei, Konrad und Johann, am Leben. Diese beiden Söhne liess der Grossvater
            nach Kirchberg kommen und bei sich erziehen; mit dem Wohnort veränderten sie den Namen
            und wurden fortan Fichard genannt, sehr zum Bedauern unseres Fichard, der später das
            Aufgeben des väterlichen Familiennamens Reichard lebhaft beklagte.</p>

          <p>Von den beiden Brüdern wählte der ältere, Konrad, den geistlichen Stand, der jüngere,
            Johann, verschmähte, dem Beispiele der Vorfahren zu folgen und in der Vaterstadt als
            schlichter Landmann zu bleiben; er wandte sich zum Studium der schönen Wissenschaften
            nach Mainz und folgte von da aus 1502 einem Rufe des Liebfrauenstiftes als Leiter von
            dessen Stiftsschule nach Frankfurt am Main.<note
              n="N.213.2">In dem
              Testamentarienprotokoll des Stiftes (Stadtarchiv, Liebfr. Bücher Nr. 103) erscheint er
              als rector in den Jahren 1502 bis 1509.</note> In diesem Wirkungskreise wusste er sich
            solche Achtung zu erwerben, dass ihm befreundete Ratsherren im Jahre 1509 die Stelle des
            Gerichtsschreibers (der lateinische Titel <term
              type="juridical">protonotarius
              judicii</term> klingt etwas stattlicher) antrugen, ein Amt, welches in jener Zeit
            wissenschaftliche Bildung erforderte. Nur mit Widerstreben nahm er an, da er sich in
            Mainz gern eine Häuslichkeit gegründet hätte. Im folgenden <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s214.jpg" n="214" xml:id="S.214"/>
            Jahre 1510 heiratete er in Frankfurt die Tochter des Bürgers und Geldverleihers
              <persName>Peter Krotzenberger</persName>.</p>
          <p> Am <date
              when="1512-06-23">23. Juni 1512</date> wurde ihm als erstes Kind unser
              <persName>Johann Fichard</persName> geboren. Der erste Lehrer des Knaben war der
            eigene Vater, der den Sohn zum Studium der Wissenschaften bestimmt hatte; da er es am
            Gericht nur zu einer subalternen Stellung hatte bringen können, wollte er wenigstens
            seinem Sohne die Möglichkeit eröffnen, die höhere juristische Laufbahn einzuschlagen.
            Der Knabe zeigte aber in der öffentlichen Schule<note
              n="N.214.1">publicus ludus, wohl
              die Schule am Liebfrauenstifte.</note> wenig Lust und Liebe zum Erlernen der
            lateinischen Grammatik, die ihm die Lehrer einzubläuen versuchten. Was Fichard in seiner
            Selbstbiographie von diesen mühseligen Lehrjahren erzählt, wirft sehr bezeichnende
            Streiflichter auf den damaligen Zustand des Unterrichtswesens in unserer Vaterstadt.
            »Bevor ich«, so erzählt er, »überhaupt Wesen und Zweck der Wissenschaft einsah, hatte
            ich beinahe einen Hass gegen sie eingesogen, weil ich ihretwegen öfter geschlagen wurde.
            Es war dies die Schuld meiner Lehrer, welche im Prügeln, d.h. im Verdummen des Geistes
            (hoc est obtundendum ingenia), weit reichere Erfahrung als im Lehren besassen«. Dann
            klagt er, dass so viel kostbare Zeit auf Erlernen und Singen der kirchlichen Hymnen, zu
            denen er Dank seiner schönen Stimme sehr häufig zugezogen wurde, verschwendet worden
            sei. Der Mangel sowohl geeigneter Lehrer als tüchtiger Mitschüler, denen er nachstreben,
            mit denen er wetteifern konnte, liessen die Lust zum Lernen bei ihm ermatten, und als er
            sein elftes Jahr erreicht hatte, konnte er gerade Lesen und Schreiben, auch die
            Dingwörter von den Zeitwörtern unterscheiden, aber weiter nichts; »wahrlich ein geringer
            Erfolg so vieljähriger Bemühung« ruft er in bitterer Erinnerung an diese traurige Zeit
            aus. Das war auch die Ansicht des Vaters, der seinen Sohn aus der öffentlichen Schule
            nahm und selbst ihn zu Hause in den Elementen der Grammatik unterrichtete. Was die
            unvernünftige Strenge der Lehrer nicht durchgesetzt hatte, brachte der milde und
            rationell eingeteilte Unterricht des Vaters in Kürze zu Stande: der kleine Johann lernte
            nicht nur sein ihm aufgegebenes Pensum, sondern gewann auch bald die nötige Neigung zum
            Studium der Wissenschaften. Die Hauptlektüre, bei der es der Vater weniger auf
            grammatikalische Vervollkommnung als auf moralische Belehrung und Anregung abgesehen
            hatte, bildete das von <persName>Lionardo Aretino</persName> ins Lateinische übertragene
            Buch <persName>Basilius des Grossen</persName> über das Lesen der heidnischen
            Schriftsteller. In einem Jahre hatte ihn der Vater <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s215.jpg" n="215" xml:id="S.215"/>
            so weit gebracht, dass er ihn dem Leiter der am Kollegiatstift zu St. Leonhard
            bestehenden Schule, <persName>Johann Espach</persName>, anvertrauen konnte, da seine
            eigenen Kenntnisse wohl nicht genügten, die sprachliche Vorbildung des Sohnes zu
            vollenden. Der neue Lehrer war seiner Aufgabe völlig gewachsen: er unterrichtete den
            Zögling nicht nur in der lateinischen, sondern auch in der griechischen Sprache und
            suchte durch häufige Uebung den lateinischen Stil des Schülers zu glätten und ihm so
            eine für den dem öffentlichen Leben sich widmenden jungen Mann der damaligen Zeit sehr
            schätzbare Fertigkeit beizubringen. Neben der wissenschaftlichen Ausbildung wurde die
            musikalische nicht vergessen; der Vater liess ihn das Saitenspiel erlernen, wofür ihm
            der Sohn später Dank wusste, nachdem er, wie er sagt, erfahren, wie hoch seine
            Vorbilder, die Alten, diese Kunst geschätzt haben.</p>

          <p> Der Unterricht <persName>Espachs</persName> scheint kaum ein Jahr gedauert zu haben;
            der junge Fichard war Ende 1524 so weit vorgeschritten, dass er zur höheren Ausbildung
            in den Humaniora in die Schule des Rektors <ref
              target="https://de.wikipedia.org/wiki/Jakob Micyllus">Jakob
              Micyllus</ref> eintreten konnte, der gerade eben die Leitung der unter dem Einfluss
            der Reformation entstandenen Frankfurter Lateinschule übernommen hatte. »Wenn ich«,
            bekannte Fichard später, »in den humanistischen Wissenschaften es zu etwas gebracht
            habe, so verdanke ich das fast allein Micyllus«. Hier fand er nicht nur einen
            wissenschaftlich wie pädagogisch gleich hervorragenden Lehrer, einen der bedeutendsten,
            welche damals die deutsche Jugend unterrichteten, sondern auch Mitschüler aus den besten
            Kreisen der Vaterstadt, die wetteifernd dasselbe Ziel wie er, das Studium des
            klassischen Altertums, verfolgten, um später auf dieser Grundlage in den Hörsälen der
            Hochschulen und auf Reisen die speziellen Kenntnisse zu erwerben, welche sie zur Leitung
            der vaterstädtischen Angelegenheiten befähigen sollten. Der Unterricht in den
            klassischen Sprachen, der auf den neuen humanistischen Schulen fast ausschliesslich
            betrieben wurde, von dem die anderen Disziplinen nur als untergeordnete Teile galten,
            war zu jener Zeit weit umfassender als heute: neben der Grammatik und der Lektüre der
            alten Schriftsteller wurden die jungen Schüler, die meist im Alter von 15 bis 17 Jahren
            schon zur Universität abgingen, durch das Studium der Rhetorik und Dialektik, durch
            zahlreiche Uebungen in gebundener wie ungebundener Rede im praktischen Gebrauche der
            beiden Sprachen eingeübt und verliessen die Schule als fertige Lateiner und Griechen;
            mit Stolz beruft sich Fichard auf seine Schulhefte, welche seine philologische
            Gewandtheit im Anfertigen von Reden und Gedichten beweisen sollten und die er seinen
            Kindern zur Nachahmung aufbewahren wollte. Noch besitzen <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s216.jpg" n="216"
              xml:id="S.216"/>
            wir eine Elegie Micylls an seinen jungen Schüler, die von dessen Fleiss und Lernbegierde
            das schönste Zeugniss ablegt. Fichard hatte den Lehrer gebeten, in besonderen Lektionen
            ausserhalb der Schulstunden mit ihm den <persName>Homer</persName> lesen zu dürfen;
            Micyll musste diese Bitte aus Mangel an Zeit ablehnen, gab aber dem strebsamen Schüler
            eingehende Ratschläge, wie er seine klassische Lektüre zu einer fruchtbaren gestalten
              solle.<note n="N.216.1">
              <ref target="http://katalog.ub.uni-heidelberg.de/cgi-bin/titel.cgi?katkey=1278980">Classen, Jacob Micyllus</ref>, S. 58—60, 66 - 67.</note> Von Micyll wird erzählt,
            dass er häufig die zukünftige Bedeutung des begabten Schülers geweissagt habe.</p>

          <p>Nachdem Fichard nur zwei Jahre unter Micyllus gelernt, hielt sein Vater die Zeit für
            den Beginn des Spezialstudiums, der Jurisprudenz, auf der Hochschule gekommen. Im <date
              when="1528-05">Mai 1528</date> brachte er seinen Sohn, der beinahe das 16. Lebensjahr
            vollendet hatte, nach Heidelberg, dessen Universität gerade damals durch die Pflege des
            Studiums des klassischen Altertums, mit dem andere Hochschulen längst vorausgegangen
            waren, frisch aufblühte.<note
                n="N.216.2">Vgl. <ref
              target="http://katalog.ub.uni-heidelberg.de/titel/1517102">Hautz, Geschichte der
                Universität Heidelberg</ref> I, 362 ff.</note> Doch nicht dies neu erwachte
            wissenschaftliche Leben, nicht das humanistische Studium war es, was der
            Gerichtsschreiber Fichard für seinen Sohn in Heidelberg suchte, sondern lediglich die
            Jurisprudenz, welche damals in Heidelberg durch hervorragende Lehrer vertreten war. Die
            ersten Monate hörte der junge Fichard ausschliesslich bei dem erst seit kurzer Zeit
            berufenen Professor <persName>Konrad Dym</persName>, der den Anfängern im juristischen
            Studium die Institutionen vortrug. Doch bald zog die Neigung zum Studium des Altertums,
            die auf Micylls Schule ihm eingepflanzt worden, den jungen Studenten zu den Vorlesungen
            des berühmten Humanisten <ref
              target="https://de.wikipedia.org/wiki/Simon Grynaeus">Simon Grynaeus</ref>, der auch
            erst seit wenigen Jahren in Heidelberg die Professur für griechische Sprache bekleidete
            und an der noch nicht von der Reformation eroberten Universität eine Stütze der Anhänger
              <persName>Luthers</persName> war. Im Hause des Grynaeus lernte Fichard dessen Freund
            und Nachfolger, <persName>Johann Sinapius</persName>, gleich tüchtig als Arzt und
            Humanist, kennen; dessen Umgange verdankte er bedeutende Fortschritte in der Kenntniss
            der alten Sprachen. Er sagt später, er habe stets ein grosses Vergnügen daran gefunden,
            möglichst viel zu erforschen und zu schreiben; so oft er seine aufbewahrten Hefte aus
            dieser Zeit ansehe, freue er sich ihrer als Zeugniss der gut angewendeten Zeit. Ein
            späterer Biograph berichtet, Fichard habe auf der Hochschule Alles hören wollen und sich
            nicht nur mit der Jurisprudenz und den schönen Wissenschaften, sondern auch mit den ihm
            fernerliegenden theologischen und medizinischen Disziplinen befasst. <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s217.jpg" n="217"
              xml:id="S.217"/>
            Diese Liebhabereien des Sohnes waren wenig nach dem Sinne des Vaters, der die
            ausschliessliche Beschäftigung mit dem juristischen Fachstudium wünschte; doch hat er
            diese unter Leitung von <persName>Werner von Themar</persName>,
              <persName>Pfau</persName>, <persName>Bauttenbach</persName> und
              <persName>Dym</persName> nicht vernachlässigt. Nach des Grynaeus Abgang nach Basel
            blieb Fichard noch einige Zeit in Heidelberg; doch zwang ihn die im Herbst 1529
            auftauchende Seuche, der Englische Schweiss, welcher damals in den Rheingegenden und
            auch während der Herbstmesse in Frankfurt wütete, bei dem kurfürstlichen Leibarzt
              <persName>Johannes Locer</persName> Zuflucht zu suchen; in dessen Haus (wohl bei
            Heidelberg) blieb er bis Ostern 1530. Dem Wunsche des Vaters gemäss wandte er sich dann
            nach Freiburg im Breisgau, um hier den berühmtesten Rechtslehrer seiner Zeit, <ref
              target="https://de.wikipedia.org/wiki/Ulrich Zasius">Ulrich Zasius</ref>, zu hören.<note
              n="N.217.1">Vgl. R.
              Stintzing, Ulrich Zasius, S. 286, in welchem Buche sich auch Angaben über die anderen
              hier erwähnten Rechtsgelehrten jener Zeit finden.</note> Gern hätte er in dessen Hause
            Aufnahme als Konviktschüler gefunden, um dem berühmten Lehrer möglichst nahe zu sein; da
            aber Zasius keinen Raum mehr hatte und auch bald seinen Konvikt aufgab, wohnte er zuerst
            bei dem Arzt <persName>Frauenfelder</persName> und dann bei seinem Studiengenossen
            Johann Sichard, der zuerst Lehrer der Rhetorik an der Baseler Universität gewesen war,
            sich aber dann nach Freiburg zum Studium der Jurisprudenz begeben hatte. In Freiburg
            traf er auch seinen Jugendfreund, den Patrizier <persName
              ref="https://de.wikipedia.org/wiki/Conrad_von_Humbracht">Konrad Humbracht</persName>, der sich hier ebenfalls dem Rechtsstudium widmete.<note
              n="N.217.2">Ueber die Freundschaft der beiden jugendlichen Landsleute auf der
              Hochschule besitzen wir in den Glauburgschen Manuskripten des Stadtarchivs von 1554
              einige interessante Zeugnisse in einem Briefe des Liebfrauen-Kanonikers
                <persName>Johann Humbracht</persName> an seinen Neffen mit Nachschrift an Fichard
              und besonders in einem Schreiben <persName>Konrad Humbrachts</persName> an Fichards
              Vater. In jugendlicher Ueberschwänglichkeit lobt Konrad den Freund; neidlos dessen
              künftige Grösse voraussehend, schreibt er: <foreign>autem filius tuus est eumque se in
                literis hactenus praestitit, ut solus hie nostram rempublicam suis consiliis
                sustentaturus tanquam humeris videatur</foreign>.</note> Schon im Herbst, als die
            Pest sich Freiburg näherte, ging Fichard mit mehreren Freunden nach Basel, wo sein
            früherer Lehrer <persName
              ref="https://de.wikipedia.org/wiki/Simon_Grynaeus">Grynaeus</persName> wirkte; von
            Freiburg aus hatte er ihn schon besucht und für dessen Uebersetzung des <persName>Dio
              Chrysostomus</persName> bereits einen Beitrag geliefert. Neben diesem hörte er in
            Basel den Professor der Pandekten, <ref
              target="https://de.wikipedia.org/wiki/Bonifacius Amerbach">Bonifacius
              Amerbach</ref>, dem seine Zeit den Beinamen des Orakels der Jurisprudenz gegeben hat.
            Auf seine religiöse Anschauung scheint ein näherer Verkehr mit <ref
              target="https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Oekolampad">Oecolampadius</ref> ohne bedeutenderen Einfluss
            geblieben zu sein; noch wurzelte der junge Fichard zu fest in dem altgläubigen
            Elternhause. In diese Zeit fällt denn auch die erste litterarische Tätigkeit Fichards.
            Auf Veranlassung seines Hauswirtes, des Buchdruckers <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s218.jpg" n="218" xml:id="S.218"/>
            <persName
              ref="https://de.wikipedia.org/wiki/Andreas_Cratander">Andreas Cratander</persName>, der die Schriften
            des griechischen Arztes <persName ref="https://de.wikipedia.org/wiki/Galen">Galen</persName> drucken wollte,
            lieferte er Uebersetzungen von sechs kleineren Abhandlungen desselben, eine Arbeit, auf
            die er später mit Reue zurückblickte, da er anerkennen musste, dass er ihr in seinem
            jugendlichen Alter wenig gewachsen war.</p>

          <p> Die erste Zeit seines Aufenthaltes in Basel wurde durch die Trauernachrichten, die er
            von Frankfurt empfing, sehr getrübt. Anfang Oktober 1530 starben seine drei jüngsten
            Geschwister an der Pest, und zwei Wochen später folgte der Vater den Kindern im Tode
            nach. Nach der Schilderung, die uns Fichard von dem Verstorbenen gibt, war er ein Mann
            von frommer und ehrenhafter Gesinnung, ganz seiner Familie lebend, stets bestrebt,
            seinen Söhnen eine Erziehung zu geben, die sie im öffentlichen Leben auf eine höhere
            Stufe heben könnte, als er erreicht hatte, der oft klagte, dass er sich durch Annahme
            des von ihm verwalteten Amtes den Weg zu höheren Zielen abgeschnitten habe. Seine
            letzten Lebensjahre wurden ihm verbittert durch den Hass der Mitbürger, welcher ihm, dem
            eifrigen Anhänger der katholischen Religion und scharfen Gegner der evangelischen
              Partei,<note
                n="N.218.1">Eine interessante Notiz darüber auch bei <ref
              target="http://pollux.bsz-bw.de/DB=2.1/PPNSET?PPN=318853663">Steitz,
                Königstein</ref>, S. 208.</note> in reichlichem Maasse zu Teil wurde. An Fichard
            trat jetzt auch die Sorge für seine Mutter und Brüder heran; denn auch einen Bruder der
            Mutter hatte die Pest dahingerafft.<note
              n="N.218.2">Vgl. über diese Todesfälle die
              Annalen in Fichards Archiv I, 27.</note> Da von zehn Kindern der Mutter nur noch drei
            Söhne geblieben waren, von denen die beiden jüngeren noch im Kindesalter standen, musste
            er zur Ordnung der häuslichen Angelegenheiten im Frühjahre 1531 nach Frankfurt reisen.
            Hier bemühte er sich auch um das vom Rate der Vaterstadt jährlich ausgeworfene
            Stipendium von 20 Gulden, welches wir im städtischen Rechenbuche unter der Rubrik »einen
            jungen zum studio zu halten« antreffen. Der Rat, wohl von einem seiner Mitglieder auf
            die Talente Fichards aufmerksam gemacht, bot ihm statt der 20 Gulden eine jährliche
            Unterstützung von 40 Gulden, verlangte aber dafür von Seiten Fichards die Verpflichtung,
            dass er sich nach Beendigung seiner Studien zu einem seinem Rang und Titel angemessenen
            Amte in der Vaterstadt melden solle; sei dann keines frei, so könne er sich nach anderer
            Beschäftigung umsehen, müsse aber jeder Zeit einer Berufung des Rates Folge leisten. So
            lästig Fichard auch diese Verpflichtung empfand, zwingende Gründe müssen ihn veranlasst
            haben, sie auf sich zu nehmen; doch tat er es mit der Absicht, dieses Joch bei erster
            Gelegenheit abzuschütteln, <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s219.jpg" n="219"
              xml:id="S.219"/>
            und in der Tat dankte er schon im folgenden Herbste für die Güte des Rates mit dem
            Bemerken, er brauche sie nicht länger in Anspruch zu nehmen und wolle auch Bedürftigeren
            nicht im Wege stehen. Er hatte übrigens, wie er versichert und wie das Rechenbuch
            bestätigt, das ihm bewilligte Stipendium noch nicht bezogen.<note n="N.219.1">Bürgermeister-Buch 1530 fol. 99a, 1531 fol. 56a. In dem ersteren Eintrag steht
              ausdrücklich, es sei Fichard »zum studio hulf von noiten«.</note>
          </p>

          <p> Nach kurzem Aufenthalt in Frankfurt kehrte Fichard wieder nach Freiburg zurück und
            warf sich mit frischem Eifer auf die civil-rechtlichen Studien, die er unter Leitung von
              <persName>Zasius</persName> und <persName>Derrer</persName> betrieb. Daneben hörte er
            das kanonische Recht bei <persName>Georg Amelius</persName>, vernachlässigte aber auch
            nicht die humanistischen Wissenschaften, welche durch den Dichter <persName>Heinrich
              Glareanus</persName> vortrefflich vertreten waren. Dagegen, dass er sich nicht allzu
            einseitig mit seinem Fachstudium beschäftigte, wurde auch durch den Umgang mit dem
            Altmeister der damaligen gelehrten Welt, mit <ref
              target="https://de.wikipedia.org/wiki/Erasmus von Rotterdam">Erasmus von Rotterdam</ref>, vorgebeugt, in dessen gastlichem Haus in Basel er viel
            verkehrte und zu dessen hochgebildetem Privatsekretär <persName>Quirinus
              Thalesius</persName> er sich näher hingezogen fühlte. Ausser
              <persName>Sichard</persName> gehörten zu seinem näheren Umgang der Augsburger
            Patrizier <persName>Georg Ilsung</persName>, sein Landsmann <persName>Konrad
              Humbracht</persName>, sowie der spätere Advokat am Reichskammergericht,
              <persName>Melchior Schwarzenberg</persName>. Mehr noch als die Vorlesungen und der
            anregende Freundeskreis förderte ihn der vertraute Umgang mit seinem alten Lehrer
              <persName>Zasius</persName>. Den Freuden des Freiburger Studentenlebens scheint der
            neunzehnjährige Fichard nicht nachgejagt zu haben; er verschmähte die Gesellschaft
            seiner lustigen Altersgenossen und verbrachte seine freie Zeit in wissenschaftlichen
            Gesprächen mit dem berühmten Lehrer, dessen Meinungen und Aeusserungen er in ein eigenes
            Buch, die Apophtegmata Zasii, eintrug ; von der schwärmerischen Verehrung für seinen
            Lehrer zeugen noch jetzt mehrere Gedichte und poetische Aufschriften seiner
            Kollegienhefte, wie auch die pietätvolle Biographie, welche er Zasius sechs Jahre später
              widmete.<note
              n="N.219.2">Fichards Archiv II, 20, Anm. 1.</note> Am <date
              when="1531-11-28">28. November 1531</date> promovirte Fichard gemeinsam mit Sichard,
            der ihn dazu veranlasst hatte, als Doktor beider Rechte. Diese frühzeitige Promotion —
            er stand damals im achten Semester, zählte aber kaum 19 1/2 Jahre — tadelte er selbst
            später mit herben Worten: er sei dadurch zu frühe seinen Studien entrissen worden, habe
            dazu finanzielle Verpflichtungen eingehen <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s220.jpg" n="220"
              xml:id="S.220"/>
            müssen, die über seine Verhältnisse gingen,<note n="N.220.1">Wie des Canonicus
                <persName>Konrad Fichard</persName> (+ 1547) Testament zeigt, hatte er bei dessen
              Tod noch nicht Alles zurückgezahlt.</note> und sei endlich noch viel zu jugendlich für
            die ernste Doktorwürde gewesen, als dass er auf das nöthige Vertrauen des Publikums,
            welches dem Sprüchwort »<foreign>barbato crede magistro</foreign>« folge, hätte rechnen
            dürfen; nach seiner Ansicht sollten junge Leute nicht zu hastig nach akademischen Würden
            jagen, sondern erst nach gründlichem Studium und erst in einem Alter von etwa 24 oder 25
            Jahren. Eingehend schildert uns sein Biograph <persName>Petrejus</persName> den Kampf,
            den der junge Student kämpfte, bevor er sich zur Promotion entschloss. Fichard selbst
            war sich am klarsten über die Lücken seines Wissens, die er noch auf den Hochschulen
            Italiens, zu welchem Land es ihn mit aller Macht hinzog, auszufüllen gedachte; doch
            drang endlich Sichards Mahnung durch, seiner Mutter zu gedenken und ihr in der Erziehung
            der jüngeren Brüder eine Stütze zu sein. Der Besitz des Titels war ihm aber, wie er
            später selbst bekannte, eine Mahnung zu weiterem, mehr die praktischen Verhältnisse
            berücksichtigendem Studium.</p>

          <p> Im Frühjahr 1532 kehrte Fichard in der Absicht, sich eine Lebensstellung zu suchen,
            nach Frankfurt zurück. Er hatte bei seinem Lehrer <persName>Grynaeus</persName>
            brieflich angefragt, ob er zuerst, seinem Lieblingswunsch folgend, nach Italien reisen
            oder zuerst die praktische Vorschule des Juristen absolvieren solle; als ihm Grynaeus
            rieth, die Reise zu vertagen und erst die unangenehme Lehrzeit abzumachen, wandte er
            sich nach Hause. Er durfte es als glückliches Omen betrachten, dass er in dem ersten ihm
            übertragenen Prozess der Sache seines Klienten, die schon von allen Seiten aufgegeben
            war, zu einem vollständigen Siege verhalf. Doch war es zunächst nicht seine Absicht,
            sich als Anwalt in der Vaterstadt niederzulassen. Er wandte sich ans Reichskammergericht
            zu Speyer, in jener Zeit die praktische Hochschule für die deutschen Juristen, und liess
            sich hier am <date
              when="1532-06-15">15. Juni</date> unter die Advokaten des höchsten
            Gerichtshofes aufnehmen. Er hatte das Glück, von dem ältesten und tüchtigsten
            Prokurator, dem rechtsgelehrten Berater der Stadt Frankfurt, <persName>Dr. Konrad von
              Schwapach</persName>,<note
              n="N.220.2">Vgl. über ihn Lersner IV, 209.</note> ihm als
            Landsmann und Freund seines verstorbenen Vaters doppelt wert, in die forensische Praxis
            eingeführt zu werden; mit dem Sohne des Meisters, der auch bereits die Stelle eines
            Prokurators erlangt hatte, verband ihn eine innige Freundschaft. Als der ältere
            Schwapach Ende des Jahres 1532 eine längere Reise antrat, beauftragte er Fichard, <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s221.jpg" n="221"
              xml:id="S.221"/>
            der mit seiner advokatorischen Praxis vollständig vertraut war, nebst einem anderen
            Kollegen mit seiner Stellvertretung. Schwapach kehrte nicht wieder; er wurde auf der
            Reise von plötzlichem Tode ereilt. Fichard bewarb sich mit vier anderen jungen Juristen
            um die erledigte Stelle; da das Kollegium der Assessoren sich auf keinen der Bewerber
            einigen konnte, empfahl es den alljährlich im Mai anwesenden Visitatoren des Gerichtes,
            alle vier zu Prokuratoren zu ernennen, was denn auch am <date when="1533-05-23">23. Mai
              1533</date> erfolgte.</p>
          <p>Fichard hatte, wie wir sahen, sich auf der Universität dem studentischen Treiben
            vollständig ferne gehalten, nur der Wissenschaft in und ausser dem Hörsaal gelebt; jetzt
            erst, nachdem er in amtliche Stellung übergegangen, trat eine Reaktion gegen diese
            unnatürliche Zurückhaltung ein. Wie aus seinen interessanten Selbstbekenntnissen
            hervorgeht, geriet er in Speyer nach dem Tode seines väterlichen Freundes
              <persName>Schwapach</persName> in die Gesellschaft junger Müssiggänger seines Alters;
            er glaubte damals, dass ein etwas lockeres Leben seinen jungen Jahren nicht übel
            anstehe. Wenn auch Fichard später seine bald erfolgte Berufung in die Vaterstadt als
            eine Errettung aus diesem sündhaften Lebenswandel pries, so dürfen wir doch wohl
            annehmen, dass er als gereifter Mann und ehrbarer Familienvater allzu strenge auf diese
            seine Sturm- und Drangperiode zurückblickte; uns erscheint natürlich und menschlich,
            dass er in Speyer nachholte, was er in Heidelberg, Freiburg und Basel versäumt hatte,
            den heiteren, manchmal wohl den allzu heiteren Lebensgenuss, die notwendige Ergänzung
            zur trockenen wissenschaftlichen Arbeit.</p>

          <p> Im Juli 1533 erging durch <persName>Dr. Arnold von Glauburg</persName>, einen
            Landsmann und Kollegen Fichards in der Prokuratur am Kammergerichte, der Ruf des Rates
            an ihn, die Stelle eines Stadtadvokaten in der Vaterstadt einzunehmen. Er gab seine ihm
            liebgewordene Tätigkeit in Speyer auf und ging Anfang August nach Frankfurt, um hier die
            Unterhandlungen persönlich zu führen; am 6. August nahm er das Amt an, aber nur auf 4
            Jahre, obwohl die Ratsherren alle Anstrengungen machten, ihn auf längere Zeit zu
            verpflichten; sein Gehalt wurde auf jährlich 110 Goldgulden, zu denen noch einige
            kleinere Gefälle kommen sollten, festgesetzt, eine für die damalige Zeit ganz stattliche
            Summe. Zur Herbstmesse siedelte er nach Frankfurt über und trat am <date
              when="1533-09-24">24. September 1533</date> sein Amt an, in welchem er zusammen mit
            seinem älteren Kollegen <persName>Dr. Adolf Knoblauch</persName> wirkte; er stand damals
            im jugendlichen Alter von <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s222.jpg" n="222"
              xml:id="S.222"/>
            21 1/4 Jahr.<note n="N.222.1">B. B. 1533, fol. 29b, 39a, 57b, 64b. Nach dem Rechenbuch
              1533 erhielt er vierteljährlich 27 1/2 Gulden oder 33 lb. Heller, Knoblauch 30 Gulden
              oder 36 ß.</note> Was der Vater einst für den Sohn gewünscht, die höhere juristische
            Stellung, war diesem am Anfange seiner Laufbahn zugefallen ; in der Vaterstadt konnte er
            nicht weiter steigen und so hat er dieses Amt mit zweijähriger Unterbrechung bis zu
            seinem Tode bekleidet. Was ein Mann von Wissen und Energie aus dieser Stellung machen
            kann, das zeigt gerade Fichards Beispiel; er wurde bald der unentbehrliche Mentor des
            Rates, die Seele der Frankfurter Politik, die er durch die gefährlichen Krisen der
            religiösen Wirren mit sicherer Hand leitete.</p>

          <p> Bevor ich zur Darstellung der Tätigkeit Fichards in der Vaterstadt übergehe, sei kurz
            der Frage seiner Stellung zur Reformation der Kirche gedacht. Wie wir sahen, war der
            Vater, aus dessen Familie schon mehrere Geistliche hervorgegangen waren, dessen Studien
            und erste Wirksamkeit in innigstem Zusammenhang mit der Kirche standen, ein scharfer
            Gegner aller kirchlichen Neuerung, zumal er auch in seinen letzten Jahren mit seinem
            Bruder Konrad zusammenlebte, der Ende 1528 auf Präsentation des Erzbischofs von Mainz
            zum Canonicus am Liebfrauenstift ernannt worden war. So wurde auch unser Fichard in
            streng-kirchlichem Sinne gross, und frühzeitig wurde ihm der Hass gegen die lutherischen
            Neuerungen eingepflanzt; doch bildete der Umgang mit den jungen Kameraden in Micylls
            Schule, die zumeist zu den der neuen Lehre anhängenden Familien gehörten, ein
            Gegengewicht gegen die Eindrücke, die er im eigenen Hause empfing. Von den Hochschulen,
            die er besuchte, war keine der kirchenreformatorischen Bewegung zugethan; doch lehrten
            auf allen Humanisten, die das herrschende kirchliche System mehr oder minder heftig
            bekämpften; von seinen Lehrern galt besonders <persName>Grynaeus</persName> als Freund
            der lutherischen Richtung. So brachte auch der Aufenthalt auf der Universität für
            Fichard keine feste Parteistellung. Ich möchte annehmen, dass er sich mehr zur alten
            Kirche hingezogen fühlte, auf welche ihn die Tradition der Familie hinwies, welche nach
            des Vaters Tod durch den mit ihm zusammenlebenden Canonicus Fichard vertreten wurde. Das
            scharfe Vorgehen des Rates gegen die katholische Geistlichkeit, die Suspension der Messe
            (1533) hat Fichard auf das entschiedenste verdammt; er bezeichnete sie noch später, als
            er durch keine Rücksichten mehr an die katholische Kirche gebunden war, als unverschämte
            Neuerungen, die sein verstorbener Vater laut und offen verdammt haben würde; ihm
            natürlich <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s223.jpg" n="223" xml:id="S.223"/> verboten praktische Gründe die Opposition gegen die
            kirchenfeindlichen, vom Volke geforderten Massregeln wider den katholischen Clerus.</p>
          <p> Die Berufung Fichards nach Frankfurt fällt in eine der stürmischsten Perioden, welche
            zuweilen das reichsstädtische Stillleben unterbrachen. Den ohne alle Rücksicht
            vorgehenden evangelischen Prädikanten war es gelungen, das Volk so weit gegen den
            katholischen Clerus aufzuhetzen, dass dem Rate nur die Wahl blieb, entweder selbst die
            Ausübung des Gottesdienstes nach altem Ritus zu verbieten oder der Wut des Volkes gegen
            alles Katholische freien Lauf zu lassen. Er wählte das erstere. Daraus ergaben sich aber
            ernstliche Verwicklungen; der Erzbischof von Mainz nahm sich seiner Untergebenen
            energisch an, erwirkte beim Kaiser ein scharfes Mandat und setzte das sonst so
            schwerfällige, in Sachen wider Evangelische aber stets prompt arbeitende
            Reichskammergericht zu Speyer in Bewegung. Ein vom Kurfürsten von der Pfalz in
            Heidelberg gemachter Vermittlungsversuch schlug fehl, ebenso wenig Erfolg hatte eine
            Botschaft des Rates an den Erzbischof von Mainz nach Halle; die Stadt musste
            schliesslich doch den Heidelberger Abschied von 1535 annehmen, trat aber, um fortan
            einen festen Rückhalt in ihrer Politik zu haben, dem Schmalkaldischen Bunde der
            evangelischen Reichsstände bei.</p>

          <p> Als Advokat der Stadt nahm Fichard regen Anteil an allen diesen Verhandlungen; mit
              <persName>Hammann von Holzhausen</persName> und <persName>Philipp
              Fürstenberger</persName> war er auf dem Heidelberger Tag, mit dem letzteren und mit
              <persName>Johann von Glauburg</persName> in Halle bei <ref target="https://de.wikipedia.org/wiki/Albrecht von Brandenburg">Erzbischof Albrecht</ref>; über beide Sendungen
            hat er in seinen Annalen eingehend berichtet. So wurde er durch den Verkehr mit den
            ersten Staatsmännern seiner Vaterstadt, durch die Behandlung der schwierigsten
            politischen Fragen, die ihm gerade in seiner ersten Amtszeit entgegentraten, aufs Beste
            geschult. Doch Fichard genügte diese Art der Ausbildung nicht, er hielt für seine
            geschäftliche Tätigkeit den Aufenthalt an einem fremden Hofe, für die Erweiterung seines
            Gesichtskreises den Aufenthalt in einem fremden Lande für unerlässlich.</p>

          <p> Von Herbst 1533 bis zum Frühjahr 1536 lebte er in Frankfurt im Hause seiner Mutter mit
            den jüngeren Brüdern, mit dem geistlichen Onkel. Es fehlte nicht an Versuchen, ihn zur
            Gründung einer Familie zu bestimmen, ihn auch auf diese Weise dauernd an seine
            Vaterstadt zu fesseln; doch hatte er keine Lust zum Heiraten, weil er einesteils sich
            noch für zu unreif zu diesem ernsten Schritte hielt, andernteils noch an seiner weiteren
            Ausbildung arbeiten wollte. Denn allenthalben, so versichert er, habe er in seiner
            amtlichen Beschäftigung <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s224.jpg" n="224"
              xml:id="S.224"/>
            gemerkt, wie sehr ihm noch Kenntniss und Erfahrung in vielen politischen Dingen abgehe,
            die durch noch so langes Studium nicht zu ersetzen seien. Es wurmte ihn, dass er noch an
            keinem Hofe, in keiner grösseren Kanzlei die Hochschule der Diplomatie, des
            Verwaltungsdienstes durchgemacht, noch niemals fremde Völker und Länder gesehen hätte.
            Die Worte eines Spötters, dass er, der so wenig gesehen, auch keine allzu grosse
            Erfahrung besitzen könne, brachten die schon lange gehegte Absicht zur Reife. Ein halbes
            Jahr verwandte er darauf, sich Empfehlungen und Reisegeld zu verschaffen; als er alles
            bereit hatte, trat er mit seinem Plane hervor, nach Italien zu wandern, nach welchem
            Lande, wie er erzählt, ihn schon seit seinen jungen Jahren eine wunderbare Sehnsucht
            getrieben habe. Nachdem er die Genehmigung seiner Mutter und seines Oheims erlangt,
            wandte er sich an den Rat mit der Bitte, ihm die anderthalb Jahre, die er noch zu dienen
            verpflichtet war, zu erlassen und ihm Urlaub zu seiner Reise zu gewähren. Vergebens
            suchten ihn drei Abgeordnete des Rates, der dem jungen Mann sehr wohl wollte, unter dem
            Versprechen einer Gehaltserhöhung von seinem Vorhaben abzubringen; Fichard dankte für
            die Güte des Rates, blieb aber auch nach Ablauf der von den Abgeordneten ihm
            aufgedrungenen Bedenkzeit bei seiner Absicht. Aber auch jetzt liess ihn der Rat nur
            ungerne ziehen; er suchte ihn durch das Angebot an Frankfurt zu fesseln, ihm während der
            Dauer seiner Reise das Gehalt weiter zu zahlen, falls er die Verpflichtung übernähme,
            nach seiner Rückkehr wieder in den Dienst des Rates zu treten. Nach einigem Schwanken
            lehnte er dieses freundliche Anerbieten dankend ab, weil man ihn sonst am kaiserlichen
            Hof als Agenten der Stadt Frankfurt betrachten möchte, und weil er seine Freiheit nicht
            missen wollte. Wie wenig ihm der Rat diese Ablehnung verdachte, beweist das grossmüthige
            Geschenk von 50 Goldgulden, das er seinem scheidenden Advokaten reichen liess;<note
              n="N.224.1">B. B. 1535, unter "einzeling ußgeben"; sie wurden ihm geschenckt "als er
              von einem erbaren rat sins dinst halben abquam und in den key. hof sich mit dinsten
              begeben wolt." - Vgl. B. B. 1535, fol 110a, 112a, 112b, 114b, 120a.</note> dieser
            durfte die stolze Gewissheit mit auf den Weg nehmen, dass man ihn in seinem früheren
            Wirkungskreise vermissen werde. Nachdem er seine Angelegenheiten geordnet, reiste er am
              <date
              when="1536-04-28">28. April 1536</date> von Frankfurt ab; bis zum zweiten
            Meilensteine vor der Stadt gaben ihm die Freunde das übliche Geleit. <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s225.jpg" n="225" xml:id="S.225"/>
          </p>
        </div>
        <div xml:id="T.3">
          <head>2. Italienische Reise.</head>

          <p> Mit der Wiederbelebung des klassischen Altertums, die von Italien ausging, mit dem
            Aufschwung nicht weniger der litterarischen wie der Fachstudien, deren hervorragendste
            Lehrer die Lehrstühle der italienischen Hochschulen inne hatten, begann ein neuer Zug
            nach Süden in der deutschen gelehrten Welt. Zwar waren im Mittelalter die Strassen nach
            Italien nie frei von Deutschen geblieben; für die Geistlichen war Rom, für die Juristen
            die norditalienischen Hochschulen, für die Kaufleute die Küstenplätze des Mittelmeeres
            das Ziel; doch war die Zahl dieser Wanderer gering im Vergleich zur Zahl derer, welche
            im ausgehenden 15. und während des ganzen 16. Jahrhunderts über die Alpen pilgerten. Die
            neu erwachte Liebe zum klassischen Altertum rückte auch das Land, welches die Grösse
            Roms noch in seinen Trümmerfeldern zeigte, in den Vordergrund des Interesses; dem
            humanistisch gebildeten Mann wurde auf der Hochschule die Sehnsucht eingepflanzt,
            Italien zu schauen, die Städte und Länder zu durchwandern, von denen er in den alten
            Lateinern und Griechen so viel gelesen, der Jurist glaubte das römische Recht auf den
            italienischen Hochschulen am besten zu hören, den Geistlichen verlangte nach Rom,
            welches die kräftigen Päpste der Renaissance zum Centrum wie der neuerstarkten Kirche so
            auch des neuerwachten Lebens in Kunst und Wissenschaft zu erheben trachteten; nur der
            Handel zeigte einen Rückschritt gegen früher, da die Entdeckung des Seewegs um das Cap
            der guten Hoffnung das gewinnbringendste Geschäft, den Handel mit den Schätzen
            Ostindiens, welche bisher ihren Weg über die italienischen Seeplätze genommen, zum
            grössten Teile den Niederländern zuführte. Auch unter den hervorragenden Familien
            Frankfurts lässt sich diese Wanderung nach Süden verfolgen.<note
              n="N.225.1">Ich habe zu
              diesem Zweck von den Faszikeln der Fichardschen Geschlechtergeschichte diejenigen,
              welche einige Ausbeute versprachen, eingesehen und auch diese etwas flüchtig; die
              folgende Darstellung macht daher keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit.</note> Als
            erstem Frankfurter, der, von diesem Zuge der Zeit berührt, sich längere Zeit in Italien
            aufhielt, begegnen wir dem bekannten Staatsmann Georg Hell genannt Pfeffer, der von 1460
            bis 1462 die Rechte in Siena lehrte. 1478 sehen wir dann den älteren Johann von Glauburg
            zum Lichtenstein, der die lange Reihe der wissenschaftlich hervorragenden Glauburger
            eröffnet, in Pavia zum Doktor beider Rechte promovieren. 1490 zog <persName>Hammann von
              Holzhausen</persName>, <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s226.jpg" n="226"
              xml:id="S.226"/>
            der bedeutendste Staatsmann Frankfurts im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts, mit
              <persName>Jakob Kuehorn</persName> nach Italien; der erstere brachte von dort einen
            päpstlichen Indulgenzbrief für seine Familie,<note
              n="N.226.1">Lersner IV, 204; besser
              in Fichards Geschlechtergeschichte Fasz. Marburg z. P.</note> der andere den
            juristischen Doktorhut mit. 1493—95 war <persName>Bernhard Rorbach</persName>, der
            Bruder des lustigen Job, der wohl auch seine Studien jenseits der Alpen gemacht hatte,
            in Rom; mit ihm kehrte <persName>Ludwig von Holzhausen</persName> zurück, beide in Worms
            von ihrer Frankfurter Verwandtschaft jubelnd empfangen und nach Hause geleitet. Bernhard
            Rorbach ging aber im folgenden Jahr, allerdings nur auf kürzere Zeit, wieder nach Rom.
            1494 zogen <persName>Johann vom Rhein</persName>, <persName>Loi Jostenhöfer</persName>
            und <persName>Wolfgang Heller</persName>, Canonicus zu Aschaffenburg und Meister der
            freien Künste, über die Alpen; der letztere fiel auf der Rückkehr von Rom in der Gegend
            von Siena sammt seinem Reisebegleiter <persName>Otto Cronberger</persName> durch
              Mörderhand;<note
              n="N.226.2">Quellen zur Frankfurter Geschichte I, 243, 252, 256,
              266.</note> dessen Bruder, den wohl Handelsgeschäfte nach Süden getrieben, starb 1502
            in Venedig. Um dieselbe Zeit wird auch <persName>Friedrich Martorf</persName>, der
            spätere Dechant des Bartholomaeusstiftes, in Italien gelebt haben. 1499 unternehmen der
            reiche Kaufherr <persName>Klaus Stalburger</persName> und <persName>Dr. Ludwig zum
              Paradies</persName> eine Wallfahrt nach Rom; bei dem letztgenannten, der schon früher
            im Süden gewiesen und eine nähere Freundschaft mit einem römischen Kardinal<note
              n="N.226.3">Vgl. den angeführten Indulgenzbrief, den der Kardinal Franciscus tit. s.
              Eustachii an Paradies adressirt hat.</note> gehabt zu haben scheint, waren wohl
            wissenschaftliche Studien der Grund der Reise. Die Familie <persName>vom
              Rhein</persName> entsandte im ersten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts zwei ihrer
            Mitglieder nach Italien, von denen das eine sich in Rom die Würde eines Doktors des
            geistlichen Rechtes erwarb. Von den Männern, welchen in der Reformationszeit eine
            einflussreiche Rolle in Frankfurt zufiel, hat gar mancher sich in Italien seine
            juristische und diplomatische Bildung erworben. 1515 promovierte <persName>Arnold von
              Glauburg</persName>, der Schwiegersohn <persName>Hammanns von Holzhausen</persName>,
            bekannt durch seine wohl in Italien geknüpfte Freundschaft mit <ref
              target="https://de.wikipedia.org/wiki/Ulrich von Hutten">Ulrich von Hutten</ref>,<note
              n="N.226.4">Archiv, N. F.
              IV, 60.</note> in Pavia, woselbst sich mehrere Glauburger akademische Titel geholt
            haben. Um dieselbe Zeit war auch <ref
              target="https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Cochlaeus">Johann
              Cochlaeus</ref>, der spätere Dechant am Frankfurter Liebfrauenstift, als Begleiter der
            Neffen des Nürnberger Humanisten <ref
              target="https://de.wikipedia.org/wiki/Willibald Pirckheimer">Willibald
              Pirckheimer</ref> im Süden, wo er damals noch lediglich nach seiner wissenschaftlichen
            Ausbildung in Jurisprudenz <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s227.jpg" n="227"
              xml:id="S.227"/>
            und Theologie strebte; seine Briefe gewähren uns einen tiefen Einblick in das Thun und
            Treiben dieser humanistischen Italienfahrer.<note
              n="N.227.1">Archiv, N. F. IV, 95
              ff.</note> Auffallend erscheint, dass <persName>Johann von Glauburg</persName> und
              <persName>Justinian von Holzhausen</persName>, zwei in den späteren Jahren so
            hervorragende Staatsmänner, deren Studienzeit in die zwanziger Jahre fällt, nicht in
            Italien studiert haben; <persName>Hammann von Holzhausen</persName>, des einen Vater,
            des anderen Vormund, sandte beide nach Wittenberg, um dort unter den Augen der
            Reformatoren ihre Ausbildung zu vollenden. Zu gleicher Zeit mit Fichard finden wir noch
            drei andere Landsleute im Süden: <persName>Daniel zum Jungen</persName>, <persName>Kraft
              Stalburger</persName> und <persName>Hieronymus von Glauburg</persName>. Während der
            erstere, den Fichard in Mailand traf, auf der Universität in Pavia seinen Studien oblag,
            betrieb <persName>Kraft Stalburger</persName> in Genua ein blühendes Handelsgeschäft.
            Ebendort wurde ein Neffe Krafts der Stammvater eines vollständig italianisirten Zweiges
            der Familie Stalburger, welcher dort zu hohem Ansehen und Reichtum gelangte.<note
              n="N.227.2">Vgl. Heyden im Frankf. Konversationsblatt 1862 Nr. 48 — 50.</note> Mit
            Kraft traf <persName>Hieronymus von Glauburg</persName> in Oberitalien zusammen, welcher
            am <date
              when="1536-04-10">10. April 1536</date> in Pavia promovierte; noch ist uns der
            Brief, in welchem er voll stolzen Selbstbewusstseins dem älteren Bruder Johann die
            freudige Nachricht mittheilt, erhalten.<note
              n="N.">Fichards Archiv II, 131 ff.</note>
            Um diese Zeit finden wir aber auch schon unsere Landsleute auf französischen
            Hochschulen, die unter dem den humanistischen wie den theologischen und juristischen
            Studien gleich holden Regimente Franz' I. mächtig emporgeblüht waren. <persName>Konrad
              Humbracht</persName>, auch einer der einflussreichsten Staatsmänner unserer Stadt um
            die Mitte des 16. Jahrhunderts, studierte 1536 in Bourges und promovierte drei Jahre
            später in Bologna; Fichards jüngerer Bruder Kaspar erwarb zehn Jahre später in
            Frankreich den Doktorhut. In den fünfziger Jahren ging <persName>Adolf von
              Glauburg</persName>, bekannt durch seine astrologischen Grillen, nach Bologna und
            hielt sich dann nach erfolgter Promotion in Rom und Neapel auf; <persName>Johann von
              Glauburg</persName> aber besuchte vor seiner Promotion in Bologna die französischen
            Hochschulen zu Orleans und Avignon. Fichards ältester und der geistigen Bedeutung des
            Vaters am nächsten kommender Sohn, Raimund Pius, um dies hier vorgreifend zu erwähnen,
            lebte zuerst in Valence, Bourges und Orleans, studierte sodann 1562 mit seinen
            Landsleuten <persName>Heinrich Kellner</persName> und <persName>Bernhard
              Kuehorn</persName> in Padua, unter dessen Studentenschaft er als Wortführer der
            deutschen Nation eine gewisse Rolle spielte, und <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s228.jpg" n="228"
              xml:id="S.228"/>
            promovierte ein Jahr später in Ferrara. Zwei jüngere Söhne, welche der Vater zehn Jahre
            später zum Studium über die Alpen gesandt hatte, fanden dort ein frühes Grab:
              <persName>Christoph Fichard</persName> starb 20jährig in Padua, zwei Landsleute,
              <persName>Johann Philipp Völcker</persName> und <persName>Nicolaus Rücker</persName>,
            erst wenige Tage vor seinem Ableben aus der Heimat eingetroffen, standen am Sterbelager
            und sandten die Trauerkunde nach Hause; zwei Jahre darauf starb der jüngere Bruder
            Johann Jakob in Este. Gegen Ende des Jahrhunderts reisen die jungen Frankfurter nur noch
            vereinzelt nach Italien; als einen der letzten finde ich den als Arzt und Staatsmann
            später so berühmt gewordenen <persName>Johann Hartmann Beyer</persName>, dessen aus
            Padua nach Hause geschriebenen Briefe wir noch besitzen.<note n="N.228.1">In einer
              Handschrift der Stadtbibliothek.</note>
          </p>

          <p> Von nun ab wird es, ich möchte sagen, Mode, nach Frankreich, Holland oder auch England
            zu gehen, um dort die Jugendbildung zum Abschluss zu bringen. Die Blüthe der
            französischen Hochschulen war im stürmischen Zeitalter der Religionskriege unberührt
            geblieben, die folgende Regierung <persName>Heinrichs IV.</persName>, die dem Lande Ruhe
            im Innern, Macht und Glanz nach Aussen verschaffte, brachte auch den Studien glückliche
            Zeiten; in den Niederlanden hatte sich in hartem Kampfe mit der spanischen
            Zwingherrschaft die junge Republik kräftig entwickelt, welche jetzt auch der
            Wissenschaft eine neue würdige Stätte bei sich bereitete und zur Erinnerung an den
            schwersten und ruhmvollsten Freiheitskampf die Leydener Hochschule stiftete; England
            endlich erfreute sich seines goldenen Zeitalters unter der Herrschaft der jungfräulichen
            Königin. Dieser Zug nach Westen zeigt sich schon um die Mitte des Jahrhunderts; die
            zahlreichen Söhne und Enkel <persName>Justinians von Holzhausen</persName> wie viele
            andere dieses Geschlechts haben schon ihre Bildung in Frankreich empfangen. Das rein
            humanistische Interesse war eben allmählich erstorben, zudem hatte eine streng
            durchgeführte Inquisition den italienischen Hochschulen das freie wissenschaftliche
            Leben benommen, das Land für den Fremden, der dort seines Glaubens halber manche
            Belästigung erdulden musste, zu einem unangenehmen Aufenthalte gemacht; Dank der
            Gegenreformation wurde Italien, nachdem es über ein Jahrhundert lang die Blüthe der
            nordischen Nationen bei sich erzogen hatte, von den Fremden verlassen. Was Italien nicht
            mehr bieten konnte, gaben jetzt Frankreich und die Niederlande; das erstere hatte sich
            zu einem guten Teil, das zweite vollständig unter harten Kämpfen der neuen Lehre
            zugewandt, beide waren erfüllt von frischem freiem Leben in <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s229.jpg" n="229" xml:id="S.229"/>
            Kunst und Wissenschaft, in Handel und Verkehr. Niederländer und Franzosen, die ihres
            Glaubens willen verfolgt waren, hatten sich um die Mitte des Jahrhunderts in Frankfurt
            niedergelassen und hier eine angesehene Kolonie gegründet; daher mögen denn für die
            jungen Frankfurter manche Anregungen gekommen sein, sich in der Heimat der Vertriebenen
            umzusehen. Was im besonderen die Wanderungen nach Frankreich anbelangt, so beachte man,
            dass schon damals, d. h. gegen die Wende des 16. und 17. Jahrhunderts, dieses Land das
            Vorbild für das feinere gesellige Leben zu geben begann, woselbst die jungen Leute nicht
            nur in den Hörsälen sitzen, die Sprache erlernen, sondern auch einen gewissen
            gesellschaftlichen Schliff sich aneignen sollten.</p>

          <p> Von den vielen Frankfurter Romfahrern seiner Zeit ist Johann Fichard der einzige,
            welcher Aufzeichnungen über seine italienische Reise hinterlassen hat. Die an Ort und
            Stelle gesammelten Beobachtungen hat er nach der Rückkehr nach seinen Notizen unter dem
            Titel Italia<note
              n="N.229.1">Fichards Archiv III, 1-130.</note> zusammengestellt, nicht
            um damit litterarisch hervorzutreten, sondern lediglich zu seiner eigenen persönlichen
            Erinnerung. In einem kurzen poetischen Vorwort erklärt und entschuldigt er mit diesem
            Zwecke die flüchtige Art der Arbeit; er hat sie nicht einmal wiedergelesen. Man trete
            nicht mit allzu grossen Erwartungen an dieses Werk heran; man denke nicht, dass hier ein
            vom Anblick Italiens und seiner Schönheit in Natur und Kunst berauschter Humanist uns
            Rechenschaft über die Gedanken und Empfindungen gibt, die das Schauen der antiken
            Trümmer in ihm wachruft — zu diesem Zwecke hat Fichard seine Notizen eben nicht
            verarbeitet. Er wollte sich in späteren Tagen dadurch nur erinnern lassen an die Orte,
            wo er gewesen, und an das, was er gesehen. Der Arbeit geht zunächst das Itinerarium,
            seine Reiseroute voran, mit Angabe der Entfernungen der einzelnen Orte und ganz
            dürftigen Notizen über die Hauptsehenswürdigkeiten; darauf folgt eine Zusammenstellung
            der bemerkenswerten Kirchen, Monumente etc. Sodann folgt die ausführliche Darstellung;
            der Leser wird sofort in medias res, nach Rom geführt. Fichard, der humanistisch
            gebildete Gelehrte, der die klassischen Schriftsteller wie vertraute Freunde kannte, hat
            die ewige Stadt nicht sich angesehen, er hat sie an der Hand der damaligen
            archäologischen Litteratur studiert; auf Schritt und Tritt fragt er sich: was hat zu
            Zeiten des alten Rom an dieser Stelle gestanden? Bei jeder Stadt zählt er die
            Sehenswürdigkeiten auf mit stetem Hinblick <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s230.jpg" n="230"
              xml:id="S.230"/>
            auf die antike Bedeutung. Von der Kunstblüthe der Renaissance ist Fichard, der so ganz
            im Altertum lebte, gar nicht berührt worden; mit Anerkennung spricht er allenfalls noch
            von architektonischen Werken seiner Zeit, aber für Skulptur und Malerei fehlen ihm, der
            ja auch nicht die geringste künstlerische Vorbildung in seiner kunstarmen Heimat
            empfangen hatte, Interesse und Verständniss; Michelangelos und Rafaels Meisterwerke
            haben wenig Eindruck auf ihn gemacht.<note n="N.230.1">Beide erwähnt er je einmal (S.
              48, 103). Von Michelangelo wird gesagt, dass er Bacio Bandinellis Ruhm weit
              überstrahle; jetzt lebe er in Rom als vollendetster Meister in Skulptur und Malerei
              und habe es durch seine Kunst zu einigem Reichtum gebracht. Dem Rafael schreibt er die
              malerische Ausschmückung der Capella Sistina zu, die bekanntlich Michelangelos
              Meisterwerk ist.</note> Die Darstellung hat etwas Trockenes, das subjektive Empfinden
            des Verfassers tritt fast ganz zurück; das Buch steht, um seine Art kurz und scharf zu
            kennzeichnen, dem Bädeker näher als Goethes Italienischer Reise. Begleiten wir nach
            diesen orientierenden Bemerkungen Fichard auf seiner Reise durch Italien.</p>

          <p> Fichard reiste, ohne unterwegs längeren Aufenthalt zu nehmen, in einer Tour über
            Speyer, Esslingen, Ulm und Augsburg nach Innsbruck; den Umweg über Speyer nahm er wohl,
            um sich von den dortigen Freunden zu verabschieden, vielleicht auch um dort am Sitz des
            Reichskammergerichtes, wo man natürlich lebhafte Beziehungen zum kaiserlichen Hofe
            unterhielt, einige Erkundigungen einzuziehen oder Empfehlungen mitzunehmen. In
            Innsbruck, wo damals gerade König Ferdinand, des Kaisers Bruder, Hof hielt, blieb er
            mehrere Tage. Hier traf er seinen Jugendfreund, den königlichen Sekretär
              <persName>Johann Prant</persName>, der ihn mit dem Bischof <persName>Johann
              Faber</persName> von Wien und mit dem berühmten Juristen <ref
              target="http://repertorium.at/sammlung/personen.html#Cantiuncula">Claudius
              Cantiuncula</ref> bekannt machte. In Gesellschaft einiger Edelleute, welche
            Kriegsdienste beim Kaiser nehmen wollten, brach er einige Tage später nach Trient auf,
            woselbst damals <persName>Kaspar Frundsberg</persName> eine kaiserliche Armee zum
            Feldzug gegen Frankreich sammelte; denn eben hatte um das durch den Tod des Herzogs
              <persName>Francesco Sforza</persName> erledigte Mailand der dritte Krieg König Karls
            V. gegen Franz I. begonnen. Fichard war gezwungen, sich der Armee anzuschliessen; ohne
            Reisebegleiter und unbekannt mit Land und Leuten wollte er nicht allein weiterreisen,
            zumal das Volk gegen die Deutschen, von denen es auf den häufigen Truppendurchmärschen
            viel zu leiden hatte, nicht wenig erbittert war. Mit dem Heere zu marschiren, war
            allerdings ein geringes Vergnügen; man kam nur langsam vorwärts, obwohl es Fichard zur
            Eile drängte, <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s231.jpg" n="231"
              xml:id="S.231"/> und dieser musste öfter den Sitten des Lagerlebens seinen Tribut
            zollen, als ihm lieb war. In gemächlichem Tempo gings den Gardasee entlang über
            Peschiera nach Brescia; hier konnte er sich vom Heere trennen und in Gesellschaft eines
            Hofbeamten nach Mailand reisen. Der erste Eindruck, den Italien auf den Reisenden
            machte, war anscheinend der beste. Mit Trient, wo er die Sprachgrenze überschritt,
            beginnt er seine allerdings nur bei den bedeutenderen Orten ausführlicheren
            Mitteilungen. Er bemerkt die auf steiler Felshöhe sich kühn erhebenden, von üppiger
            Vegetation umgebenen Kastelle; etwas Schöneres als den Gardasee könne es kaum geben. In
            Brescia wundert er sich über die starken Befestigungen und die zahlreiche
            Einwohnerschaft; doch stellte Mailand, damals die grösste Stadt Italiens, alles bisher
            Gesehene in den Schatten. Hier traf er zwei Deutsche, den Nürnberger Patrizier
              <persName>Christoph Haller</persName> und seinen Landsmann <persName>Daniel zum
              Jungen</persName>. Mit beiden bestieg er den »grossartig erbauten« Dom, von einem
            kaiserlichen Höfling liess er sich das starke Kastell, die Zwingburg der Visconti und
            Sforza, zeigen, besichtigte die anderen Bauten und studierte auf dem grossen Platz vor
            dem Dom das ihm fremdartige Tun und Treiben in einer italienischen Stadt. Von Mailand
            fuhr er zur Pfingstzeit, Anfang Juni, nach Asti, woselbst sich damals das kaiserliche
            Hauptquartier, das nächste Ziel seiner Reise, befand. Er brachte hierher Empfehlungen an
            den einflussreichen Vizekanzler <ref
              target="https://de.wikipedia.org/wiki/Matthias Held">Mathias Held</ref> mit,
            der, wie Fichard erzählt, schon von ihm gehört und ihn schätzen gelernt hatte; bei ihm
            wollte der junge Gelehrte den Geschäftsgang einer grossen Kanzlei, d. h. den
            diplomatischen Dienst, kennen lernen. Bevor er aber seine Stellung — wir wissen nicht,
            ob er förmlich ein Amt annahm oder nur als Volontär arbeitete — antrat, machte er einen
            achttägigen Ausflug nach Genua, um hier seinen Landsmann <persName>Kraft
              Stalburger</persName> zu besuchen; hier sah er am Fronleichnamsfest die grossartigste
            Prachtentfaltung der reichen Republik, welche damals unter <persName>Andrea
              Doria</persName> sich wieder einer Nachblüthe der früheren Grösse erfreute. Mit dem
            Kaiser, der nach glücklicher Beendigung des Seeräuberkrieges über Neapel und Rom nach
            Norditalien gekommen war, ging er dann von Asti nach Alba und Savigliano. In dieser
            Gegend blieb man drei Monate liegen, um die Uebergabe von Fossano und die Belagerung von
            Turin abzuwarten; in der Zwischenzeit herrschte ein reges Treiben am Hofe, Gesandte
            kamen und gingen, die diplomatischen Geschäfte sollten möglichst vor Antritt des
            Weitermarsches erledigt werden. Als dann endlich der Kaiser zum Einfall nach
            Südfrankreich und zur Belagerung von Marseille aufbrechen <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s232.jpg" n="232"
              xml:id="S.232"/>
            wollte, rieth der Vizekanzler Held Fichard dringend ab, den Hof noch weiter zu
            begleiten; er könne, da die Tätigkeit der Kanzlei stille stehen müsse, seine Zeit besser
            anwenden. So entschloss er sich denn seine Wanderung durch Italien zu vollenden, nahm
            freundschaftlichsten Abschied von seinem Gönner und reiste mit dem Bischof von Brixen
            und dem Nürnberger Gesandten <persName>Sebald Haller</persName> nach Mailand. Nachdem er
            von hier aus den auf der Hochschule zu Pavia lehrenden Juristen <ref
              target="https://de.wikipedia.org/wiki/Andreas Alciatus">Andreas Alciatus</ref> besucht, ging er, der alten Via
            Aemilia folgend, über Piacenza, Parma, Reggio, Modena nach Bologna. Dieser Stadt widmet
            er in seinem Reisebericht eine ausführlichere Beschreibung; die weiten Bogenhallen, die
            grossen Paläste der mittelalterlichen Grossen, die beiden schiefen Thürme, die mächtigen
            Kirchen, die zahlreichen Monumente erregen seine Bewunderung; auch hatte er hier zum
            ersten Mal wohl in seinem Leben eine kleine Antikensammlung zu sehen, an der er sich
            mehr erbaut zu haben scheint als an den Reliquien, die am Feste des heiligen Dominicus
            in dessen Kirche gezeigt wurden. Von Bologna aus wandte er sich nach Norden über
            Ferrara, dessen grossstädtisches Aussehen — unter dem Haus der Este, aus dem damals
              <persName>Alfons I.</persName> mit seiner Gattin <persName>Lucretia Borgia</persName>
            prunkvoll regierte, waren die weiten Strassen nicht so verödet wie heute — ihm einen
            tiefen Eindruck machte, und über Padua, welches er diesmal nur flüchtig berührte, auf
            der Brenta nach Venedig. Leider erfahren wir nicht, wie die mächtige Lagunenstadt mit
            ihrer eigenthümlichen Anlage, der Pracht ihrer Kirchen und Paläste, ihrem reichen
            politischen und merkantilen Leben, dem Pomp ihrer Nobili den nordischen Fremdling
            berührt hat; in der Reisebeschreibung fehlt eine ausführlichere Bemerkung über Venedig,
            vielleicht weil er von hier aus einen längeren Bericht nach Hause sandte, der ihn der
            Mühe eines näheren Eintrages in seine Aufzeichnungen enthob. Ueber Padua reiste er dann
            in Gesellschaft zweier Deutschen der adriatischen Meeresküste entlang nach Ravenna,
            dessen Schmuck, der zahlreichen Bauten und Erinnerungen aus der Ostgothenzeit, er mit
            keinem Wort gedenkt, über Rimini und Pesaro nach Ancona, damals als grösster Hafen an
            der Ostküste ein Hauptplatz für den Handel mit dem Orient. Von Ancona aus ging er zu dem
            berühmtesten Wallfahrtsort in Italien, zum Hause der Mutter Gottes in Loreto, welches
            nach der Eroberung des heiligen Landes durch die Türken die Engel hierher getragen haben
            sollen. Der frommen Sage steht Fichard skeptisch gegenüber, doch liegt ihm jeder Spott
            darüber fern; er erkennt an, dass der Ort geeignet sei, religiöse Gefühle zu wecken. Von
            hier aus ging er über den Apennin <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s233.jpg" n="233" xml:id="S.233"/>
            und durch Umbrien direkt nach Rom, wo er gegen Mitte September eintraf; er blieb aber
            nicht lange hier, sondern wandte sich über Gaeta nach Neapel, wohl weil er die
            eingehende Besichtigung der Stadt in einer kühleren Zeit vornehmen wollte. Von einem
            Antwerpener Geistlichen hatte er eine Empfehlung an einen flämischen Edelmann, dem die
            Sorge für die kaiserliche Pretiosensammlung in Neapel oblag; dadurch gelang es ihm, zu
            vielen Gebäuden Zutritt zu erhalten, die damals dem Fremdenbesuche nicht zugänglich
            waren. Ich muss mich hier darauf beschränken zu sagen, dass er in der Begleitung des ihm
            vom Gastfreund mitgegebenen Gelehrten die ganze Stadt mit ihren grossen Bauten, ihrem
            buntbewegten Menschengetümmel sich genau und verständnissvoll ansah, neben den Vorzügen
            der Stadt, der schönen Lage, dem glücklichen Klima, der Eleganz und dem Reichtum der
            Bewohner aber auch nicht die Kehrseite, Enge, Schmutz und Armut, in den vom Verkehr
            abgelegenen Teilen vergass, Gegensätze, wie sie ja noch heute in keiner anderen Stadt
            sich so unvermittelt gegenüberstehen, wie gerade in Neapel. Nicht minder wie von der
            Stadt ist er von ihrer Umgebung entzückt: sie sei von unglaublicher Lieblichkeit und
            kein Ort in Italien ihr vorzuziehen. So besuchte er die an Naturmerkwürdigkeiten wie an
            Resten aus dem Altertum reiche Gegend von Pozzuoli; über Bajae und Cumae berichtet er
            ebenso ausführlich wie über Neapel selbst. Leider hat Fichard den Ausflug nach Neapel
            nur auf die Nordseite des Golfes beschränkt, auch scheint er den Vesuv nicht bestiegen
            zu haben. An den übrigen Küsten und auf den Inseln des Meerbusens fehlte es an antiken
            Resten — von dem Dasein eines verschütteten Pompeji hatte man ja damals nur eine
            schwache Ahnung — ebenso wie an grossartigen modernen Bauten; die Natur allein an und
            für sich scheint aber nicht sehr grosse Anziehungskraft für unseren Reisenden besessen
            zu haben. Italiens ehrwürdigste Ruinen, die Tempel von Paestum, hat er nicht zu Gesicht
            bekommen.</p>

          <p> Er wandte sich jetzt zu mehrwöchentlichem Aufenthalte nach der ewigen Stadt. Wie gut
            er hier seine Zeit ausgenutzt, wie wissenschaftlich er hier gearbeitet hat, um sich aus
            den Trümmern das alte Rom wiederaufzubauen, dies zeigen seine Bemerkungen über die
            Stadt, welche den grössten Teil der Italia füllen. An der Hand der Autoren, welche im
            Altertum und zu seiner Zeit über Rom geschrieben, durchwanderte er die Stadt, immer
            Antike und Jetztzeit vergleichend; er notierte sich gewissenhaft den gegenwärtigen
            Zustand der Stadt, besonders der Ruinen, und bemerkte, ohne sich aber auf weitgehende
            archäologische Ausführungen oder Vermutungen einzulassen <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s234.jpg" n="234"
              xml:id="S.234"/>
            lassen, welche Bedeutung die betreffende Stelle im Altertume gehabt hatte. Fichard kam
            zu einer Zeit nach Rom, zu welcher man der Stadt noch allzu deutlich die Spuren des neun
            Jahre vorher über sie hereingebrochenen Unwetters anmerkte; im Mai 1527 hatte das Heer
            Karls V. Rom mit Sturm genommen und erbarmungslos geplündert, doch suchte die Raubgier
            der spanischen und deutschen Landsknechte mehr nach klingendem Metall als nach Werken
            der Kunst: die antiken Ruinen waren diesen Vandalen Stein, so dass der berüchtigte <ref
              target="https://de.wikipedia.org/wiki/Sacco di Roma">Sacco di Roma</ref> diese wenigstens nicht untergehen
            liess. Von dem, was Fichard in seiner Reisebeschreibung erzählt, erwähne ich als
            besonders interessant: die Paläste auf dem Kapitol mit den dort befindlichen antiken
            Kunstwerken, die er weniger künstlerisch als historisch, d. h. als Ueberreste aus dem
            Altertum, würdigt, das Forum Romanum, damals noch zum Teil von Landleuten bebaut, da
            Rafaels Plan zur Ausgrabung nicht ausgeführt worden war, das Amphitheater, dem er
            begeisterte Worte widmet, denn aus ihm spreche am besten die Macht und Majestät des
            römischen Volkes,<note n="N.234.1">Quid si olim vidissemus, cum in singulis arcubus
              marmoreae statuae erant, cum incrustatior, cum integrum erat! ruft er aus; eine der
              wenigen Stellen der Italia, wo echte, von Herzen kommende Begeisterung den trockenen
              Ton der Erzählung durchbricht.</note> die kolossalen Ruinen der Kaiserpaläste und
            Kaiserthermen, die er sich aber vergeblich in seinem Kopfe zu rekonstruieren versuchte,
            die Vatikanischen Paläste und vor allem das Ziel aller Wallfahrer, den Dom St. Peters,
            welcher damals noch im Bau begriffen und zur Hälfte unbedeckt war. Was Fichard in erster
            Linie in Rom suchte, war natürlich die Antike, deren prächtige Ueberreste ihren Eindruck
            auf ihn nicht verfehlt haben; erst in zweiter Reihe kommen für ihn die Paläste und
            Kirchen der Renaissance in Betracht; wohl bewunderte er ihre Grossartigkeit, aber von
            dem Eindruck, den man von dem Leben an der Kurie, von der Pracht der Ceremonien erwarten
            sollte, ist wenig zu bemerken: entweder konzentrierte sich Fichards ganzes Interesse auf
            die Antike, oder er war gegen die Gebräuche der katholischen Kirche bereits so
            gleichgiltig geworden, dass auch der religiöse Pomp am Sitz der Kirche ihn nicht mehr zu
            locken vermochte.</p>

          <p> Nachdem er ein und einen halben Monat in Rom verbracht, begab er sich etwa Ende
            Oktober auf den Rückweg; da er auf der Herreise längs des Adriatischen Meeres und durch
            Umbrien gekommen war, beschloss er jetzt, Toscana zu durchwandern. Ueber Viterbo gings
            nach Siena, der stolzen Adelsrepublik, welche damals kurz vor <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s235.jpg" n="235"
              xml:id="S.235"/>
            dem Verlust ihrer Unabhängigkeit an Florenz von den herrschenden Petrucci prächtig
            geschmückt wurde; das Forum mit dem mächtigen Staatspalast, der herrliche Dom und auch
            die schönen Frauen waren hier die Anziehungspunkte für unseren Reisenden. Nicht minder
            entzückt war Fichard von Florenz, dessen villen- und gartenreiche Umgebung ihm schon
            damals den Beinamen la bella verschafft hatte; die Paläste des Florentiner Adels, der
            Platz der Signorie mit dem Staatsgebäude und der Loggia, vor allem der aussen
            prachtvolle, innen nüchterne Dom mit dem eleganten Thurm, das Baptisterium mit seinen
            Erzthüren hebt er besonders hervor. In Pisa wundert sich Fichard über den Mangel an
            grossartigen Profanbauten, die man von der einstmals so mächtigen, damals aber auch
            schon von Florenz unterjochten Stadt erwarten sollte; um so ausführlicher behandelt er
            den Dom mit Baptisterium, schiefem Thurm und Campo santo. Ueber Lucca, Pistoja und Prato
            kehrte er dann nach Florenz zurück und reiste über die ihm schon bekannten Städte
            Bologna, Ferrara, Chioggia, Venedig nach Padua, wo er am <date
              when="1536-11-20">20.
              November 1536</date> ankam. Hier erfuhr er, dass der Feldzug nach Südfrankreich
            fehlgeschlagen sei, dass der Kaiser nach Spanien, sein Gönner, der Vizekanzler Held nach
            Deutschland sich begeben habe, dass also auf Beschäftigung an der Hofkanzlei für ihn
            nicht zu rechnen sei. So entschloss er sich denn, noch ein Jahr lang an der
            weltberühmten Universität zu Padua weiter zu studieren. Volle neun Monate lebte er dort
            seinen vorzugsweise juristischen Studien; als seine Lehrer nennt er <persName>Marianus
              Soccinus</persName>, <persName>Johannes Antonius de Rubeis</persName>,
              <persName>Fabius Eugubius</persName>;<note n="N.235.1">Petrejus erwähnt noch
                <persName>Marcus Mantua</persName>.</note> die humanistischen Studien setzte er
            unter <persName>Lazarus Bonamicus</persName> fort, welcher über des Aristoteles Rhetorik
            und über Ciceros de Oratore las. Zu diesem klassischen Studium ermunterte ihn wohl sein
            Freundeskreis, der aus Italienern und Griechen von der Insel Cypern bestand. Sein
            intimster Freund aber wurde bald ein vornehmer Ungar, <persName>Graf Franz Thurzo von
              Bethlemfalva</persName>.</p>

          <p> Als sein Aufenthalt sich dem Ende zuneigte, musste er daran denken, sich jenseits der
            Alpen eine feste Lebensstellung zu suchen. An Anerbietungen zu einer solchen fehlte es
            ihm nicht. In Padua hatte er den Memminger Patrizier <persName>Hans Ehinger</persName>
            kennen gelernt, welcher seinen Sohn dorthin auf die Universität gebracht hatte; nebenbei
            war er von seinen Ratsfreunden beauftragt, für die Stadt Memmingen einen tüchtigen
            Rechtsgelehrten anzuwerben. Fichard, der bereits auch anderweitige Verhandlungen
            eingeleitet hatte, lehnte <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s236.jpg" n="236"
              xml:id="S.236"/>
            nicht ab, erbat sich aber eine zweimonatliche Bedenkzeit, um sich mit seinen Angehörigen
            in Frankfurt beraten zu können. Zu gleicher Zeit erhielt er einen Brief von <ref
              target="http://repertorium.at/sammlung/personen.html#Cantiuncula">Claudius
              Cantiuncula</ref>, worin ihm mitgeteilt wurde, dass seine Ernennung zum
            rechtsgelehrten Rate des Königs Ferdinand in Aussicht genommen sei; der Brief des
            berühmten Juristen an Fichard, den er nur durch ein Gespräch und einen Brief kannte, ist
            voll anerkennender Worte für Geist und Fähigkeit des Adressaten; dass wir mehr als
            Phrase darin zu erblicken haben, zeigt, dass Cantiuncula selbst es war, der Fichard in
            Vorschlag gebracht hatte. Nicht minder ehrenvoll war das für ihn von einem Speyerer
            Freund, dem Kammergerichtsassessor <persName>Falkenberg</persName>, ihm gemachte
            Anerbieten, als geheimer Rat in die Dienste des Kurfürsten von Trier zu treten; dieser
            Brief lehrt uns, dass Fichard trotz seiner Uebersiedelung nach Frankfurt in steter
            Berührung mit dem lustigen Freundeskreise in Speyer geblieben ist. Ausser diesen festen
            Anerbietungen kamen ihm noch manche Winke aus Deutschland zu, welche ihm Aussichten auf
            die eine oder andere Anstellung eröffneten.<note n="N.236.1">Petrejus gedenkt eines
              Rufes nach Passau; oder sollte das eine Verwechslung mit der späteren Berufung nach
              Padua sein?</note> Der glückliche Mann war in der Lage zu wählen; behagte ihm keins
            der gemachten Anerbieten, so blieb noch immer die Rückkehr in sein früheres Amt ihm
            offen. Fichard war bisher noch mit keiner litterarischen Leistung hervorgetreten, seine
            Tätigkeit in Frankfurt war zu kurz, um ihn schon in weiteren Kreisen bekannt zu machen;
            doch war er allenthalben als tüchtiger Jurist bei den Professoren wie bei den Beamten
            bekannt oder empfohlen, so dass in jener Zeit, wo Erfahrung im Recht und in der Kanzlei
            das notwendige Erforderniss zu höheren Stellungen war, ihm solche Anerbietungen nicht
            fehlen konnten. Fichard beeilte jetzt seine Rückkehr, zu der auch finanzielle Gründe
            drängten: seit er von Frankfurt weg war, hatte er nicht nur 200 Goldgulden gebraucht,
            sondern auch noch Schulden gemacht; nachdem er so viel verzehrt, hielt er es an der
            Zeit, auch wieder etwas zu erwerben; zudem zog es ihn zu geschäftlicher Tätigkeit. Doch
            wollte er, bevor er Italien verliess, noch rasch jene Städte sehen, die er noch nicht
            besucht hatte.</p>

          <p> In Gesellschaft einiger Deutschen ging er über Vicenza, dem kleinen venetianischen
            Landstädtchen, dem sein berühmtester Sohn, der grosse Baumeister <ref
              target="https://de.wikipedia.org/wiki/Andrea Palladio">Andrea Palladio</ref>, damals noch nicht jenes
            monumentale Gepräge aufgedrückt hatte, welches allein heute den Fremden hinzieht, nach
            Verona, dessen Arena, die besterhaltene Italiens, er <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s237.jpg" n="237"
              xml:id="S.237"/>
            eingehend studierte. Ueber Mantua kehrte er nach Padua zurück und trat dann sofort die
            Heimreise an; in Gesellschaft seines Freundes Thurzo, der ihm bis Treviso das Geleite
            gab, verliess er am <date when="1537-08-22">22. August 1537</date> Padua, um vier Wochen
            später zur Zeit des Matthaeusfestes in Frankfurt einzutreffen, welches er vor gerade 17
            Monaten verlassen hatte.</p>
          <p> In der Heimat nahmen ihn sofort die Verhandlungen um seine künftige Stellung in
            Anspruch und liessen ihn erst später zur Verarbeitung seiner in Italien gesammelten
            Notizen kommen. Welche Bedeutung für ihn diese Reise nach Süden gehabt, wie sie den
            Kreis seiner Anschauung erweitert, wie reiche Eindrücke er davon fürs Leben
            zurückgebracht, das spricht Fichard nirgends aus, das lässt uns der trocken
            referierende, von der subjektiven Empfindungsäusserung selten belebte Ton seiner Italia
            nur ahnen. Den Wert einer solchen Reise für Studium und Lebenserfahrung hat er selbst
            später am besten dadurch gewürdigt, dass er seine drei Söhne auf italienischen
            Hochschulen studieren liess.</p>
        </div>
        <div xml:id="T.4">
          <head>3. Tätigkeit als Stadtadvokat.</head>

          <p> Nachdem Fichard nur kurze Zeit in Frankfurt müssig gelegen, reiste er Mitte Oktober
            nach Speyer, um hier mit <persName>Falkenberg</persName> über die Trierer Anstellung zu
            reden. Für diese hatte er sich entschieden, weil er so seiner Vaterstadt und seiner
            Familie am nächsten war; einer Berufung zum Bischof von Bamberg hatte er wie auch jener
            nach Memmingen und an den königlichen Hof keine Folge gegeben. Unterwegs bei Ginsheim
            stürzte Fichard mit dem Pferd in einen Graben und entging nur mit Mühe dem Tod. Da
            Falkenberg noch keinen Auftrag vom Erzbischof von Trier hatte, mit Fichard zu
            verhandeln, so blieb dieser einstweilen in Speyer im Hause seines Freundes, des
            Kammergerichtsprokurators <persName>von Schwapach</persName>, dem er in seinen
            Geschäften als Anwalt hülfreich zur Hand ging. Hier traf ihn ein Anerbieten von selten
            der Leitung der Universität Wien, daselbst unter glänzenden Bedingungen eine juristische
            Professur zu übernehmen; <persName>Bischof Faber von Wien</persName> und <persName
              ref="http://repertorium.at/sammlung/personen.html#Cantiuncula">Cantiuncula</persName>
            hatten ihn als Lehrer für das Civilrecht in Vorschlag gebracht. Auch sein Gastfreund aus
            Innsbruck, der königliche Sekretär <persName>Prant</persName>, rieth ihm brieflich zu
            und wies darauf hin, dass ihm als Wiener Professor der Weg in den königlichen Rat bald
            offen stehen werde. Aber Fichard lehnte die ihm angebotene Stellung ab in Rücksicht auf
            seine Mutter, <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s238.jpg" n="238"
              xml:id="S.238"/> welche ihren Sohn nicht in dem so oft von den Türken bedrohten Wien
            wissen wollte. Bald scheiterten auch seine Verhandlungen mit Trier, teils weil er zu
            hohe Gehaltsansprüche stellte, teils weil ihm das »scythische« Hin- und Herziehen der
            Trierischen Regierung, die keinen festen Sitz hatte, nicht behagte. Da mag ihm denn ein
            Schreiben seines väterlichen Freundes <persName>Philipp Fürstenberger</persName> nicht
            unwillkommen gewesen sein, der ihn aufforderte, sich um seine frühere Stellung in der
            Vaterstadt, die wieder besetzt werden sollte, zu bewerben. In der Ostermesse 1538 kam er
            nach Frankfurt, um hier persönlich mit den Ratsherren zu unterhandeln. Man kam aber
            nicht zum Ziel um eines Punktes willen, dessen er in seiner Lebensbeschreibung
            absichtlich nicht gedenkt, den wir aber aus dem Ratsprotokoll erfahren: der Rat
            verlangte, dass ihm Fichard auch in den Religionsangelegenheiten juristischen Beistand
            leihen sollte, Fichard aber wollte mit diesen Fragen nichts zu thun haben. Wenn der Rat
            jene Bedingung zu stellen nötig fand, so geht daraus hervor, dass man Fichard in seiner
            Heimat für einen mindestens unsicheren und zweifelhaften Anhänger der neuen Lehre hielt;
            wenn aber Fichard daran die Verhandlung scheitern liess, so ist der Schluss wohl
            berechtigt, dass hierin ihn mehr äussere Rücksichten als religiöse Gefühle bestimmten;
            wenn er sich dem Frankfurter Rate auch in dessen religiösen Händeln zur Verfügung
            stellte, so konnte er späterhin auf Anstellung in der Kanzlei eines katholischen Fürsten
            nicht mehr rechnen, und eine solche lag ihm doch durch seine Verbindungen am
            kaiserlichen und königlichen Hofe nicht ganz fern. Der Rat stellte auf diese Weigerung
            Fichards hin einen Rechtsgelehrten aus Marburg an, und Fichard entschloss sich wieder,
            über die Alpen zu wandern und der Stadt Padua als juristischer Beirat zu dienen, welche
            Stellung ihm ein Kollege am Kammergericht angeboten hatte. Die Mutter zwar wollte ihn
            nicht auf die Dauer in so weite Ferne ziehen lassen, aber er liess sich nicht ein
            zweites Mal von ihr zurückhalten. Schon war alles zur Reise fertig, das Pferd gemiethet,
            der Reitknecht bestellt, als Briefe seiner Frankfurter Freunde ihm die Erledigung und
            bevorstehende Neubesetzung der einen Stadtadvokatur meldeten. Die Freunde baten ihn
            dringend, diese Stellung, welche die Vorsehung für ihn aufbewahrt habe, anzunehmen,
            lieber der Vaterstadt als dem Auslande zu dienen; zugleich kam eine mütterliche
            Ermahnung, jetzt endlich seine Häuslichkeit in der Heimat zu gründen. Die Entscheidung
            muss Fichard einen schweren Kampf gekostet haben; auf der einen Seite lockte Italien mit
            seiner berühmten Hochschule, von der aus er leichter in eine höhere Laufbahn berufen
            werden konnte, auf <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s239.jpg" n="239"
              xml:id="S.239"/> der anderen Seite die Vaterstadt, welche ihm die ehrenvolle
            und angesehene Stellung eines politischen Ratgebers anbot, und zu welcher ihn die Bande
            der Familie und der Freundschaft hinzogen. Um Pfingsten ging er nach Frankfurt; auf die
            Forderung des Rates, ihm in allen Sachen ohne Ausnahme, also auch in den religiösen, zu
            dienen, ging er dies Mal ohne Widerstand ein und trat Ende Juni 1538 wieder in seine
            alte Stellung als Stadtadvokat ein. Doch machte Fichard gegen früher einen ganz
            bedeutenden Fortschritt in der Besoldung; man hatte ihm ausser den kleineren Gefällen
            einen jährlichen Gehalt von 200 Goldgulden versprochen, während sein älterer Kollege
              <persName>Knoblauch</persName> immer noch nur 120 Gulden bezog.<note
                n="N.239.1">Ueber
              diese Verhandlungen zwischen Rat und Fichard vgl. B. B. 1537, fol. 110a, 117b; 1538,
              fol. 14b, 17b. Die erste Erwähnung in seiner amtlichen Tätigkeit finde ich unter dem
                <date when="1538-08-01">1. August 1538</date>. Der Bestallungsbrief in [Schlossers]
              Abdruck einer Vorstellung den Rang der Stadt Frankfurt Sindiken betr., worin der
              Inhaber als »der Rechten Doctor und des kaiserlichen Kammergerichts Advokat«
              bezeichnet wird. Das Original dieser Bestallung wie der ersten von 1533 im Archiv.
              Knoblauch wurde übrigens Ende 1540 seinem jüngeren Kollegen im Gehalt gleichgestellt,
              und, da beide mit Geschäften überhäuft waren, <persName>Dr. Hieronymus zum
                Lamb</persName> aus Speyer als dritter Advokat angestellt.</note>
          </p>

          <p> Zwar hatte Fichard sich dem Rate nur auf vier Jahre verpflichtet, doch that er bald
            den Schritt, der ihn auf Lebenszeit an die Vaterstadt fesselte; er heiratete in eine
            Frankfurter Geschlechterfamilie. Schon wenige Monate, nachdem er seine Tätigkeit
            begonnen, gelang es den Freunden, den Widerstrebenden zur Eheschliessung zu bereden;
            sein Kollege Knoblauch und <persName>Justinian von Holzhausen</persName> führten ihm die
            Braut zu. Es war <persName>Elisabeth Grünberger</persName>, die Tochter des verstorbenen
              <persName>Johann Grünberger</persName>, der sich durch seine Handelsgeschäfte nach den
            Niederlanden ein nicht unbedeutendes Vermögen erworben, dann in der Vaterstadt mit
              <persName>Anna Bromm</persName> sich verheiratet hatte und dadurch auf Alt-Limpurg
            gelangt war. Fichards Braut war die Nichte von <persName>Hans Bromm</persName> und
              <persName>Philipp Fürstenberger</persName>, die Base <persName>Justinians von
              Holzhausen</persName>, drei Namen, deren Träger, der eine mit plumper Energie, die
            beiden anderen mit feiner Diplomatie den Kampf gegen die katholische Kirche siegreich
            durchgeführt hatten; die Bande der Familie, die sich um Fichard schlangen, mussten ihn
            fortan dem katholischen Kreis, in dem er erwachsen war, entziehen. Am Oswaldstag 1538,
            an dem vor Jahren auch sein Vater sich in Frankfurt verlobt hatte, feierte Fichard seine
            Verlobung mit Elisabeth Grünberger im Hause Justinians von Holzhausen; der Bräutigam
            stand im 27., die Braut im 20. Lebensjahre. Die Hochzeit, welche Fichard <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s240.jpg" n="240"
              xml:id="S.240"/>
            eines hartnäckigen Fiebers halber länger hinausschieben musste, fand am <date when="1539-01-28">28. Januar 1539</date> statt.</p>
          <p> Im darauffolgenden Sommer liess sich Fichard dann in die Gesellschaft <ref
              target="https://de.wikipedia.org/wiki/Alt-Limpurg">Alt-Limpurg</ref> aufnehmen, der ja die Verwandtschaft seiner
            Frau angehörte. Es war schon lange sein Wunsch, gemäss seiner Stellung als einer der
            ersten Beamten der Stadt, in die Reihen ihres Patriziates einzutreten; durch die Heirat
            mit einer Limpurgerin erreichte er die Aufnahme mit Leichtigkeit, nachdem er kurz vorher
            den Eid als Frankfurter Bürger geleistet hatte.<note n="N.240.1">Bürgerbuch V, fol.
              239b.</note>
          </p>

          <p> Um der in Frankfurt wüthenden Pest zu entgehen, verbrachte Fichard den grössten Teil
            des Winters 1539—1540 in Babenhausen; am <date when="1540-05-07">7. Mai 1540</date>
            beschenkte ihn seine Frau mit dem gewünschten Stammhalter, zu dessen Pathen er den
            Schöffen <persName>Ogier von Meiern</persName> bat und dem er in der Taufe den Namen
            Raimundus Pius zulegte. In den zwei folgenden Jahren, beide Male etwa zur Zeit seines
            Geburtstages, wurden ihm zwei weitere Kinder geboren, Maria und Johann Hektor; der
            letztere, das Pathenkind seines Bruders Kaspar, starb wenige Monate nach der Geburt.</p>

          <p> Im Sommer 1540 hatte Fichard eine der wenigen litterarischen Arbeiten beendigt, die
            wir aus seinen jüngeren Jahren kennen. Als er aus Italien zurückkam, wandte sich der
            Baseler Drucker <persName>Oporinus</persName> mit der Bitte an ihn, die Vitae veterum
            jurisconsultorum (Rom 1536) des <persName>Bernardinus Rutilius</persName> fortzusetzen.
            Dem drängenden Oporin nachgebend, machte er sich an die Bearbeitung von kurzen
            Biographien hervorragender Rechtsgelehrten von <persName>Irnerius</persName>, dem
            Wiederbeleber des römischen Rechts im Mittelalter, bis auf seinen Lehrer
              <persName>Zasius</persName>, welcher als erster deutscher Jurist der neuen Zeit
            mittelst der von den Humanisten gelernten antiquarischen Forschungsmethode auf das
            unverfälschte römische Recht zurückging. Die Art der von Fichard benutzten Quellen, die
            Mitteilung zahlreicher Grabschriften, eine Frucht der italienischen Reise, die
            ausführlichen Indices und besonders die Biographie des Zasius verleihen der Schrift noch
            heute einigen Wert; Stintzing rühmt sie »einmal als die erste von einem Deutschen
            verfasste juristische Litteraturgeschichte; dann deswegen, weil wir durch den Index eine
            ziemlich vollständige und zuverlässige Uebersicht des damaligen Bestandes der
            juristischen Litteratur erhalten, wenn ihr auch diejenige Akribie fehlt, welche wir
            heute fordern«.<note n="N.240.2">Vgl. Stintzing, Geschichte der deutschen
              Rechtswissenschaft S. 592. Die Schrift ist <persName>Claudius Pius
                Peutinger</persName> gewidmet.</note>
          </p>
          <p>
            <pb facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s241.jpg" n="241" xml:id="S.241"/> Im Januar 1541 ging Fichard im Auftrage der Stadt an den kaiserlichen Hof in Speyer,
            woselbst damals nach Beendigung des Wormser Religionsgespräches eine glänzende Schaar
            meist spanischer und italienischer Fürsten sich um den Kaiser schaarte. Die Empfehlungen
            seiner Freunde am Hof, die er in Italien näher kennen gelernt, verhalfen ihm hier zur
            Erhebung in den Adelsstand. Am 26. Januar 1541 stellte <persName>Karl V.</persName> den
            Brief aus, der Fichard nicht nur den erblichen Adel verlieh, sondern ihn auch zum
            Pfalzgrafen ernannte, eine Würde, mit welcher damals eine Reihe wichtiger juristischer
            Privilegien verbunden war.</p>

          <p> Bisher war ich im Stande, eingehend an der Hand seiner Selbstbiographie über Fichards
            öffentliches wie privates Leben zu handeln; leider bricht sie mit der Erwähnung der
            Nobilitierung und der Geburt des zweiten und dritten Kindes ab. Das private Leben des
            Mannes im Kreise seiner Familie entzieht sich von nun an unserem Blick, nur die
            politische und wissenschaftliche Tätigkeit kann uns fortan beschäftigen. Fichards
            Annalen, welche bis zum Jahre 1544 reichen und die wichtigsten Ereignisse in Frankfurt,
            sowie auch die Reichstage ausführlich darstellen, geben nur weniges über die öffentliche
            Tätigkeit ihres Verfassers. Im Frühjahr 1543 starb sein älterer Kollege <persName>Dr.
              Adolf Knoblauch</persName>, ein Mann von bedeutendem juristischen Wissen, besonders im
            Civilrecht, aber hochmütig und der feineren humanistischen Bildung ermangelnd, wie ihn
            Fichard schildert. Dieser war nun der ältere Advokat; der jüngere Kollege war
              <persName>Dr. Hieronymus zum Lamb</persName> aus Speyer, der schon zwei Jahre vorher
            vom Rat diese Stellung erhalten hatte.<note n="N.241.1">Ueber ihn vgl. Lersner III, 225
              und Quellen II, 507. Als Gelehrter hat er sich durch den Traktat De successione et
              voto civitatibus in imperii conventibus competente hervorgethan.</note> Eine
            Geschichte dessen, was Fichard im Dienste seiner Vaterstadt geleistet, müsste eine
            Geschichte der Stadt Frankfurt in der Zeit seiner Advokatur sein. Die rechtsgelehrten
            Advokaten wurden ja bei jeder politischen Angelegenheit von einiger Wichtigkeit
            zugezogen, häufig zu diplomatischen Sendungen gebraucht; der Anteil, den sie an den
            einzelnen Geschäften hatten, lässt sich aus dem vorhandenen Aktenmaterial schwer
            bestimmen. Man hüte sich, diesen Einfluss auf die Staatsgeschäfte allzu sehr zu
            überschätzen; dass die Konzepte der wichtigsten politischen Schreiben die Hand Fichards
            und der anderen Advokaten aufweisen, darf nicht auffallen: das war eine Hauptarbeit der
            Syndici, dazu brauchte man eben die präcise Schärfe des Juristen mit der schlauen
            Gewandtheit des Diplomaten.</p>
          <p>
            <pb facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s242.jpg" n="242"
              xml:id="S.242"/> Die uns erhaltenen Protokolle der mündlichen Verhandlungen in den Ratssitzungen geben
            leider den Gang der Debatte gar nicht oder nur selten und unvollkommen wieder, so dass
            sich die Einwirkung der einzelnen Ratsherren durch die Debatte auf den Beschluss nur
            schwer nachweisen lässt; man gewinnt den Eindruck, dass die Oberleitung doch in den
            Händen einiger weniger Ratsfreunde von Bedeutung liegt, dass die Advokaten nach den
            ihnen von diesen Herren gegebenen Direktiven handeln. Fichard bildet, wenn ich nicht
            irre, eine Ausnahme; sein Einfluss scheint den seiner Kollegen merklich zu überragen;
            ich glaube oben nicht zu viel gesagt zu haben, wenn ich ihn als die Seele der
            Frankfurter Politik bezeichnete. Als er ins Amt trat, hatte Frankfurt die inneren
            Unruhen gerade überwunden; im Frühjahr 1533 hatte der Rat, dem von den evangelischen
            Prädikanten geleiteten Ungestüm des Volkes nachgebend, die Feier des katholischen
            Gottesdienstes unterdrückt; die evangelische Lehre griff immer mehr um sich und eroberte
            den grössten Teil der Stadt, welche im Schatten des Schmalkaldischen Bundes der
            Drohungen des Erzbischofs von Mainz spottete. Doch stand der Stadt in der Zeit des
            Schmalkaldischen Kriegs und des Interim<note n="N.242.1">Vgl. darüber die kurze
              Darstellung Kriegks in seiner Geschichte von Frankfurt S. 213 ff. und meine
              ausführliche Geschichte der Belagerung von 1552 in Quellen zur Frankfurter Geschichte
              II, 503 ff.</note> eine schwere Krise bevor; unter den Männern, welche das
            Staatsschiff glücklich durch diese stürmischen Jahre steuerten, steht Fichard in erster
            Linie. Ueber seine Tätigkeit in jenen gefahrvollen Tagen werde in folgendem kurz
            berichtet.</p>

          <p> Als die Absicht des Kaisers, die Protestanten niederzuwerfen, immer zweifelloser
            hervortrat, rüstete auch Frankfurt einige hundert Mann Knechte aus; doch nahm diese
            Schaar keinen Anteil am Donaufeldzug der Verbündeten von 1546, da man sie zum Schutze
            der Stadt brauchte. Im Juli und August hatten sich in der unteren Maingegend die
            Abteilungen der protestantischen Feldherren <persName>Beichlingen</persName>,
              <persName>Reiffenberg</persName> und <persName>Oldenburg</persName> gesammelt, um dem
            Grafen <persName>Büren</persName>, der mit einem starken Korps den Rhein herauf dem
            Kaiser an die Donau zu Hülfe ziehen sollte, den Weg zu verlegen. Es kam zu einer Reihe
            von Gefechten um die Stadt, welche die Zumutung der Schmalkaldischen Generale, sie mit
            ihren Truppen aufzunehmen, nach langen Verhandlungen abwies; in diesen Geschäften mehr
            militärischer Natur finden wir Fichard nur wenig, am meisten <persName>Justinian von
              Holzhausen</persName> tätig. Es gelang Büren, die Stellung seiner Feinde <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s243.jpg" n="243"
              xml:id="S.243"/>
            bei Frankfurt im Norden zu umgehen, wobei er Bonames in Flammen aufgehen liess, und
            seinen Marsch an die Donau glücklich zu vollenden. Als dann im Winter das Heer der
            Verbündeten nach ruhmlosem Feldzuge nach Norddeutschland zurückging, wandte sich das
            Korps Bürens wieder nach der Frankfurter Gegend; am 15. Dezember stand es bereits bei
            Miltenberg. Die Stadt war ohne Schutz, denn weder der Kurfürst von Sachsen, noch der
            Landgraf von Hessen, die beide erst vor wenigen Tagen Frankfurt verlassen hatten,
            konnten Hülfe bringen. Der Rat befand sich in einer schwierigen Lage: als Mitglied des
            Schmalkaldischen Bundes hatte er die Rache des Kaisers zu fürchten, eine Unterwerfung
            aber war gleichbedeutend mit Bundesbruch. Der Rat wagte keine Entscheidung, ohne die
            Meinung der Bürgerschaft gehört zu haben; er beschied sämmtliche Doktoren, d. h.
            Juristen, die Bürger waren, und sämmtliche Prädikanten zu gesonderter Beratung ins
            Barfüsserkloster. Die Juristen, deren Gutachten Fichard dem Rat vortrug, waren für
            Unterwerfung, da man voraussichtlich doch bei der Religion belassen werde, die
            Prädikanten aber warnten vor dem Kaiser, der doch trotz aller Versprechungen die
            kirchliche Reaktion versuchen werde. Am folgenden Tage trug Fichard nochmals seine und
            seiner Kollegen Ansicht vor: die Stadt sei zur Gegenwehr nicht gerüstet; dem
            Schmalkaldischen Bundesvertrag seien zuerst die Fürsten nicht nachgekommen, da sie ja
            dem bedrängten Frankfurt jetzt keine Hülfe leisten; ausserdem sei man dem Kaiser mehr
            verpflichtet als den Ständen. Der Rat trat dem Gutachten der Advokaten bei, welche mit
            sophistischen Gründen einen schmählichen Schritt, die Uebergabe vor dem Kampf,
            anriethen, beschloss aber Geheimhaltung des Vorhabens. Am 21. Dezember wurden dann Dr.
            Fichard, die Ratsfreunde <persName>Ogier von Meiern</persName>, <persName>Daniel zum
              Jungen</persName> und <persName>Hans Geddern</persName>, sowie der Stadtschreiber für
            die Botschaft bestimmt, welche den Kaiser um Gnade und Friede für die Stadt bitten
            sollte. Schon waren die Gesandten abgereist, als die Nachricht eintraf, dass Graf Büren
            Darmstadt nach heldenmütiger Verteidigung durch die Bürger und Bauern erstürmt habe. Man
            sandte sofort mehrere Ratsfreunde in das Lager Bürens ab, um ihn um seine Fürsprache
            beim Kaiser zu bitten, d. h. um einem Angriff oder Forderungen des Grafen an die Stadt
            vorzubeugen. Büren aber verlangte die sofortige, bedingunslose Uebergabe, also das, was
            man durch die Sendung an ihn zu vermeiden gedacht hatte. Nach mehrtägigen Verhandlungen,
            welche Fichards Kollege <persName>Dr. zum Lamb</persName> mit dem kaiserlichen Feldherrn
            führte, musste die Stadt in die bedingungslose Aufnahme des ganzen Bürenschen Korps
            willigen. Am 23. Dezember <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s244.jpg" n="244"
              xml:id="S.244"/>
            hatte Fichard mit seinen Begleitern die Stadt verlassen und kam nach mannigfachen
            Gefahren und Verzögerungen am <date
              when="1547-01-07">7. Januar 1547</date> in das
            Hauptquartier Karls V. nach Heilbronn. Nachdem der Kaiser weniger durch grosse
            Kriegstaten als durch schlaue Manöver das mächtige Heer der Schmalkaldischen
            Bundesgenossen zum Rückzug nach Norddeutschland gezwungen, hatten Ulm und Württemberg
            sich ihm unterwerfen, Augsburg in Unterhandlung treten müssen; der Stadt Frankfurt, die
            keine Aussicht hatte, von Sachsen und Hessen gehalten zu werden, wäre auch ohne Bürens
            Eingreifen nur die Wahl zwischen einer Belagerung durch die kaiserlichen Truppen und der
            Unterwerfung geblieben. Der Belagerung aber hätte man bei den geringen Rüstungen der
            Stadt keinen nachhaltigen Widerstand entgegensetzen können, und auf die Eroberung wäre
            der Verlust der Privilegien, der Messen und anderer Freiheiten, auf denen die Wohlfahrt
            der Stadt beruhte, gefolgt. Durch diese Erwägungen geleitet hatte sich der Rat zur
            Unterwerfung bequemt; diese war unter den obwaltenden Verhältnissen nicht zu umgehen,
            wohl aber die demütigende Form, die man dafür gewählt hatte; Ulm und Augsburg, deren
            Widerstandsfähigkeit keine grössere war, sind mit weit grösserem Anstand gefallen als
            Frankfurt. Die Gesandten suchten <persName>Granvella</persName>, den allmächtigen Leiter
            der kaiserlichen Politik, und den Vizekanzler <persName>Naves</persName> auf und baten
            beide um gnädige Fürbitte beim Kaiser; von Unterhandlungen, von Bedingungen, welche die
            Stadt sehr wohl in der Lage war aufzustellen, ist gar nicht die Rede; Granvella
            antwortete auf Fichards lateinisch vorgebrachte Bitte um seine Verwendung, der Rat müsse
            sich demütigen. Samstag den 8. Januar wurden die Herren vor den Kaiser berufen, dem
            soeben die württembergischen Räte fussfällig die Unterwerfung ihres Herzogs erklärt
            hatten. Nach der von Naves erhaltenen Instruktion knieten die Herren nieder und
            verharrten mit gefaltenen Händen und gesenktem Haupt, während Dr. Fichard in ihrem Namen
            das Wort an den Kaiser richtete. Die Rede, in welcher der Führer der Gesandtschaft dem
            Kaiser die Unterwerfung Frankfurts erklärte, enthält in der denkbar servilsten Form die
            tiefste Demütigung, der sich im Verlaufe ihrer elfhundertjährigen Geschichte die Stadt
            vor einem gekrönten Haupte unterziehen musste. Frankfurt war inzwischen von Büren
            besetzt worden; er hatte sich mit seinem ganzen Korps hier einquartiert und bedrückte
            aufs schwerste die Bürgerschaft, die noch nie fremdes Militär in ihren Mauern gesehen
            hatte. Mit Büren als dem Vertreter der kaiserlichen Gewalt gab es jetzt lange
            Verhandlungen. Denn mit jenem erniedrigenden Schritte in Heilbronn war noch lange nicht
              <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s245.jpg" n="245" xml:id="S.245"/> Alles vorüber; die Bürger mussten dem Grafen von Büren einen neuen
            Huldigungseid leisten, die Stadt musste, wie die anderen unterworfenen Orte, eine hohe
            Kontribution, 80,000 fl., erlegen und die schwer auf ihr lastende Einquartierung noch
            bis zum Herbst 1547 bei sich unterhalten. In den mannigfachen Unterhandlungen, von denen
            uns die Protokolle jener Zeit berichten, ist Fichards Name der weitaus am meisten
            genannte.</p>

          <p> Auf die Zeit des Krieges und der Okkupation folgt dann die Periode des Interim. Auf
            dem Reichstage zu Augsburg, wo <persName>Karl V.</persName> diese seine Kirchenordnung
            verkündete, vertrat Fichards Jugendfreund, der gelehrte Patrizier <persName>Dr. Konrad
              Humbracht</persName>, mit <persName>Ogier von Meiern</persName> die Stadt Frankfurt.
            Der Durchführung des Interim konnte sich der Rat, der stets vom Erzbischof von Mainz
            gedrängt wurde, nicht entziehen; die Katholiken erhielten jetzt ihre Gottesdienste und
            Kirchen, die ihnen vor 15 Jahren entzogen worden waren, wieder zurück, den Prädikanten
            wurde die das Volk aufreizende Polemik gegen die alte Kirche untersagt. Die
            Nachgiebigkeit des Rates gegen den Kaiser und den Erzbischof führte zu einem scharfen
            Zusammenstoss zwischen ersterem und den evangelischen Predigern, welche den religiösen
            Forderungen ihrer Oberen mannhaften Widerstand entgegensetzten. An diesen Massregeln der
            Reaktion gegen das protestantische Element scheint Fichard, der ja unsres Wissens eine
            mehr vermittelnde Richtung einnahm und dessen Neigung die im Interim, wenn auch nur in
            ganz äusserlicher Weise, versuchte Ausgleichung der religiösen Gegensätze entsprach,
            hervorragenden Anteil genommen zu haben; er stand an der Spitze der Ratsverordneten,
            welche mit den mutig widerstrebenden Prädikanten um die Annahme des Interim
              verhandelten.<note
              n="N.245.1">Steitz, Hartmann Beyer im Archiv für Frankfurts Gesch.
              u. Kunst A. F. IV u. V.</note> Es sei noch erwähnt, dass es Fichard auf dem Reichstage
            zu Augsburg 1551 gelang, der Stadt das vor mehr als 20 Jahren von ihr eingezogene und zu
            Schul- und Mildtätigkeitszwecken verwandte Vermögen und Kloster des Barfüsserordens zu
            erhalten, indem er nach Darlegung der geschehenen Verwendung einen Bestätigungsbrief vom
            Legaten des Papstes auswirkte; ein kleiner Ersatz ist diese Behauptung des Besitzstandes
            für die vielen anderen Verluste jener Zeit.<note
                n="N.245.2">Lersner II, 90; <ref target="http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10360950_00458.html">Ritter, Evangelisches Denkmal S. 412</ref>.</note> Die grosse Kriegsgefahr von 1552
            liess jene Kämpfe einstweilen zurücktreten.</p>

          <p> Die Erhebung der deutschen Fürsten unter Kurfürst <persName>Moritz von
              Sachsen</persName> in Verbindung mit Frankreich gegen Karls V. ausschweifende <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s246.jpg" n="246"
              xml:id="S.246"/>
            Pläne war anfangs vom glänzendsten Erfolg bekleidet; aber die langwierigen Verhandlungen
            in Linz und Passau stellten ihn wieder in Frage. Um sie zu beschleunigen, ihren
            Forderungen mehr Nachdruck zu geben, wandten sich die Verbündeten aus Süddeutschland
            zurück nach Norden und zogen vor das von einer starken kaiserlichen Besatzung
            verteidigte Frankfurt. Schon im März, als gerade die Fürsten gegen den Kaiser
            aufbrachen, hatte Landgraf <persName>Wilhelm von Hessen</persName> einen eiligen Versuch
            gemacht, die Stadt zum Beitritt zum Bunde der Fürsten zu bewegen, aber eine entschiedene
            Weigerung erhalten; der Stadt waren die auf die Erhebung von 1546 folgenden Leiden und
            Demütigungen noch zu gut im Gedächtniss. Im Mai war sodann der <persName>Oberst von
              Hanstein</persName> mit einem Korps kaiserlicher Truppen vor der Stadt erschienen, um
            sie zum Stützpunkt seiner Operationen im Rücken der in Süddeutschland stehenden
            Alliirten zu machen; nach langen Verhandlungen zwischen Oberst und Ratsherren hatte man
            ihn mit seiner ganzen Macht in die Stadt eingelassen. Mitte Juli bis Anfang August
            erfolgte sodann die Belagerung durch den Kurfürsten <persName>Moritz von
              Sachsen</persName>, den Landgrafen <persName>Wilhelm von Hessen</persName>, den
            Markgrafen <persName>Albrecht Alcibiades von Brandenburg</persName>; nach der tapfer
            überstandenen Kriegsgefahr hatte man sich noch lange der Ansprüche des aus der
            Gefangenschaft zurückgekehrten Landgrafen <persName>Philipp von Hessen</persName> zu
            erwehren, der sich für die von Hanstein in seinem Gebiete gemachten Requisitionen an der
            Stadt Frankfurt schadlos zu halten versuchte. Die grösseren politischen Verhandlungen
            des Jahres 1552, besonders am kaiserlichen Hof, hat <persName>Dr. Konrad
              Humbracht</persName> geführt, die langwierigen Geschäfte aber mit dem Oberst von
            Hanstein, der beinahe zwei Monate lang alle Anstrengungen machte, die Aufnahme seines
            Kriegsvolks in die Stadt durchzusetzen, lagen in der Hand Fichards. Es war keine
            beneidenswerte Aufgabe, dem Soldaten, welcher der Stadt gegenüber den Gönner spielte und
            sich als der vom Kaiser gesandte Beschützer fühlte, klar zu machen, welche Opfer die
            Aufnahme eines Heerhaufens von 5000 Mann in die etwa doppelt so stark bevölkerte Stadt
            für diese herbeiführen mussre, seine fortwährenden Anträge auf neue
            Befestigungsarbeiten, denen öfter ganze Quartiere zum Opfer fallen sollten, auf das
            Nötigste und Mögliche zurückzuführen; dass man mit dem Oberst leidlich auskam, dass der
            Rat und Hanstein in Frieden schieden, das war wohl das Verdienst Fichards. Als es dann
            im folgenden Frühjahr galt, sich am kaiserlichen Hof in Brüssel der hessischen Ansprüche
            zu erwehren, da ging Fichard wieder an den Hof, um historisch und juristisch das Recht
            seiner Vaterstadt darzu- <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s247.jpg" n="247" xml:id="S.247"/>
            legen; nach langen Bemühungen gelang es ihm und den anderen Gesandten, die Anerkennung
            dieses Rechtes am Hof durchzusetzen. Bald darauf reiste Fichard nach Wien zu König
            Ferdinand, um mit ihm, der noch nachträglich die Unterwerfung und Aussöhnung des Rates
            mit seiner Person von der Zeit des Schmalkaldischen Kriegs her verlangt hatte, über
            diese neue Demütigung zu unterhandeln.</p>

          <p> Die weiteren beinahe drei Jahrzehnte, welche Fichard noch bis an sein Lebensende im
            Dienste der Stadt zubrachte, verliefen in politischer Beziehung still und friedlich;
            über Fichards Tätigkeit in diesem Zeitraum kann ich füglich mit der allgemeinen
            Bemerkung hingehen, dass er nach wie vor als erster Ratgeber der Ratsherren einen
            entscheidenden Einfluss auf die Geschicke seiner Vaterstadt ausübte; wie sich derselbe
            in den einzelnen politischen Angelegenheiten geltend machte, lässt sich bei der
            Beschaffenheit unserer Quellen nicht wohl nachweisen. Vor wie nach den Ereignissen, die
            eben kurz berührt wurden, wurde Fichard häufig mit grösseren diplomatischen Sendungen
            betraut; auf Reichs- wie auf Städtetagen war er als Vertreter Frankfurts eine
            wohlbekannte Erscheinung.<note
              n="N.247.1">Bei Erneuerung seiner Bestallung 1555
              verlangte er, dass man ihn mit weiteren Reisen verschonen möge, eine Forderung, die
              der Rat bewilligt zu haben scheint, denn, so weit ich sehe, hat er nach dieser Zeit
              nur noch einen Reichstag, den von Speyer 1570, besucht; 1572 lehnt er eine Sendung zu
              einem Städtetag ausdrücklich ab. Seiner Tätigkeit bei dem Streit um das
              Schultheissen-Amt 1576, wo er vergebens für seinen Jugendfreund Humbracht eintrat, und
              im folgenden Jahr, als es sich um Minderung des städtischen Anschlags zu den
              Reichsaufgeboten handelt, gedenkt Kirchner II, 279, 285.</note> Dass er sich eines
            grossen Ansehens auch am kaiserlichen Hofe erfreute, beweisen mehrere Abordnungen
            seitens der Stadt, wenn es galt, den in der Nähe weilenden Herrscher zu begrüssen. So
            wurde er im September 1548 nach Mainz gesandt, um dem Kaiser ein Geschenk des Rates zu
            überbringen und ihn zum Besuche der Stadt einzuladen; im März 1549 stand er an der
            Spitze der städtischen Gesandtschaft, welche den Infanten Philipp, des Kaisers ältesten
            Sohn, in Speyer bewillkommte; im Juni 1550 musste er wiederum in Mainz den Kaiser im
            Auftrage der Stadt begrüssen.<note
              n="N.247.2">Ueber diese Gesandtschaften vgl. Lersner
              I, 163; III, 46ff.; Wahl- und Krönungsakten des Stadtarchivs Bd. IL</note> Ueber seine
            leitenden politischen Grundsätze nur folgendes: als Ziel und Zweck der Frankfurtischen
            Politik betrachtete er ein gutes Einvernehmen mit dem Kaiser, von dessen Gnade der
            Wohlstand der Stadt abhängig war, und welcher dabei doch die Entwicklung der inneren
            Verhältnisse <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s248.jpg" n="248"
              xml:id="S.248"/> weit weniger störte und gefährdete, als von Seiten der benachbarten
            Territorialfürsten zu befürchten stand; daraus folgt, dass er ein Feind all der
            Massregeln seitens der Protestanten war, welche zu einem Bruch mit dem Kaiser führen
            mussten. So betrachtete er nur mit grosser Besorgniss den Tag der Schmalkaldener zu
            Frankfurt im Jahre 1539; aus derartigen Sonderzusammenkünften könne nichts Gutes
            erspriessen, dadurch reisse man die Wunde auf, statt sie zu heilen. Als der Bundestag zu
            Schmalkalden 1543 eine kriegerische Wendung zu nehmen schien, warf ihn die Aufregung
            über diese Vorgänge auf das Krankenlager. Daher auch seine eifrigen Bemühungen im
            Dezember 1546, die Stadt vom Schmalkaldischen Bund loszulösen und, wenn auch unter
            Demütigungen, dem Kaiser wieder zuzuführen.<note n="N.248.1">Ueber Fichards politische
              Grundsätze vgl. Fichards Archiv II, 293 ff.</note>
          </p>
        </div>
        <div xml:id="T.5">
          <head>4. Schriftstellerische Tätigkeit und Privatleben.</head>

          <p> Ausser der öffentlichen Tätigkeit entwickelte Fichard noch eine ausgedehnte private
            als Sachwalter und juristischer Berater.<note
              n="N.248.2">Vgl. Stintzing, Geschichte der
              Deutschen Rechtswissenschaft I, 586ff., woselbst die näheren Quellenangaben; siehe
              auch die dort fehlende Mitteilung Eulers in Mitth. V, 475. Ein Verzeichniss seiner
              Schriften oben in der Einleitung.</note> Sein Biograph <persName>Petrejus</persName>
            sagt: »Wenn die politischen Geschäfte erledigt waren, erwartete ihn zu Hause eine grosse
            Schaar von Klienten aus allen Nationen und allen Ständen, zumal zur Messzeit«. Sein Rat
            war in ganz Deutschland von Fürsten und Gemeinden wie von Privatleuten gesucht.<note
              n="N.248.3">Diese auswärtige Praxis der Advokaten war nicht immer nach dem Geschmacke
              des Rates, der seine Einwilligung oft nur ungern erteilte.</note> Durch diese reiche
            Praxis brachte er es denn auch bald zu grossem Reichtum, den er in der schönsten Weise
            verwandte. Diese private Tätigkeit liess ihn aber wenig zu grösseren wissenschaftlichen
            Leistungen kommen. Wir gedachten bereits seiner aus dem Jahre 1539 stammenden
            juristischen Biographien. Seine litterarischen Arbeiten scheinen bis in die Mitte der
            60er Jahre geruht zu haben; 1565 veröffentlichte er dann die kleine Biographie seines
            Universitätsfreundes <persName>Sichard</persName> und liess bald seine einzige
            theoretische juristische Schrift folgen, die verlorenen Exegeses summariae titulorum
            institutionum. Von grösserer Bedeutung sind seine praktischen Arbeiten. Ein lateinisches
            Notariatsbuch hat er anonym veröffentlicht; <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s249.jpg" n="249"
              xml:id="S.249"/>
            auf Bitten des bekannten Druckers <persName>Feyerabend</persName> beteiligte er sich an
            der Herausgabe einer Sammlung von Opiniones communes; schliesslich befürwortete er noch
            den von seinem Sohn Raimund Pius herausgegebenen Tractatus cautelarum.<note
              n="N.249.1">Ueber Frankfurts Bedeutung für den Druck und Verlag juristischer Arbeiten in jener
              Zeit vgl. übrigens die Verzeichnisse bei Stintzing, Gesch. d. D. Rechtswissenschaft I,
              527 fr.</note> Erst neun Jahre nach seinem Tode wurde die auf Petrejus' Veranlassung
            unternommene Sammlung seiner Konsilien von den Erben veröffentlicht, welchen die
            Frankfurter Fachgenossen <persName>Dr. Kellner</persName> und <persName>Dr.
              Rucker</persName> ihre sachkundige Beihülfe bei diesem Werke hatten zu Teil werden
              lassen.<note n="N.249.2">Von allgemeinem Interesse sind einige dieser Konsilien, die
              Fichards Stellung gegenüber den Hexenverfolgungen erkennen lassen. Steht er denselben
              auch durchaus nicht ablehnend gegenüber, so fordert er doch wenigstens besonnene
              Untersuchung und verwirft die Folter, sofern dieselbe ohne alle weitere Indizien zur
              Anwendung kommen soll. Vgl. Stintzing I, 598 und Binz, Dr. Johann Weyer S.
            84.</note>
          </p>

          <p> Bedeutender denn als Fachschriftsteller ist Fichard als Gesetzgeber. Das 16.
            Jahrhundert hat eine ganze Reihe von Gesetzgebungen hervorgebracht. Da zu Anfang
            desselben das Römische Recht das heimische verdrängte, aber nicht ganz überwand, machte
            sich bald allenthalben das Bedürfniss nach schriftlicher Aufzeichnung und Verbreitung
            des neuen gültigen Rechtes geltend, zur gemeinverständlichen Belehrung der
            Rechtsuchenden wie Rechtsprechenden. So entstand eine ganze Reihe von
            Partikulargesetzgebungen; zwei derselben, die zu den bedeutendsten zählen, das
            Solmsische Landrecht von 1571<note
              n="N.249.3">In die Entstehung dieses Werkes gewähren
              die von Fuchs (Zeitschrift für Rechtsgeschichte Bd. VIII, 270 ff.) aus dem
              Fichardschen Familienarchive veröffentlichten Briefe des Verfassers einen klaren
              Einblick. — Die Solmssche Ordnung ist von dem Frankfurter Drucker <persName>Johann
                Wolff</persName> gedruckt; Fichard hatte <persName>Sigmund Feyerabend</persName> für
              diese Arbeit vorgeschlagen.</note> und die Erneuerung der Frankfurter Reformation von
            1578, sind das Werk Fichards. Wir besitzen über die letztere Arbeit des Verfassers
            eigenen Bericht.<note
              n="N.249.4">Lersner I, 260; Senckenberg Selecta juris I, 585;
              Orth, Anm. über die Frankf. Reform. I, 4iff.; ferner Thomas' Oberhof und Souchays
              Anmerkungen. Nähere Litteraturangaben bei Stobbe, Gesch. d. Deutschen Rechtsquellen I,
              2, 318fr.</note> Seine Tätigkeit für die Ordnung des Solmsischen Landrechtes hatte dem
            Rate so gut gefallen, dass er ihm die Revision der Reformation von 1509 übertrug, welche
            »als die ganz confuse, an vielen orthen dunkel und in vielen stücken mangelbar« einer
            Verbesserung dringend bedurfte. Es sei ein für seine Kräfte schwieriger Auftrag gewesen,
            er habe ihn aber »dieser statt Franckfurth meinem geliebten vatterland und einer
            ehrlichen burgerschaft allhie zu gutem und wohlfart« nicht <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s250.jpg" n="250"
              xml:id="S.250"/>
            ablehnen dürfen. Ueber die Art seiner Arbeit spricht er sich offen aus: es war keine
            originale Leistung, sondern eine freie Kompilation aus allen gedruckten Rechten der
            einzelnen Reichsstände. Anfang des Jahres 1572 hatte er die Bearbeitung des ersten
            Teiles, des Prozessrechtes, begonnen, gegen Ende 1572 wurde sie vollendet und nun einem
            Ausschuss von Sachverständigen, zu denen <persName>Dr. Konrad Humbracht</persName> und
            Fichards Schwiegersohn und Kollege <persName>Dr. Arnold Engelbrecht</persName> gehörten,
            zur Begutachtung vorgelegt. Dann folgte die Einzelberatung im Rat, die sehr lange Zeit
            in Anspruch nahm; um sie zu vermeiden, verstärkte man die Revisionskommission, aus der
            sich mittlerweile Dr. Konrad Humbracht »ex forte quadam melancholia« zurückgezogen
            hatte, um mehrere Mitglieder, von denen ich den jüngsten Kollegen Fichards,
              <persName>Dr. Heinrich Kellner</persName>, nenne. Im Jahre 1578 wurde die Arbeit,
            deren alleiniger Verfasser Fichard ist, den Druckern <persName>Feyerabend</persName> und
              <persName>Rab</persName> übergeben.<note
                n="N.250.1">Zur Geschichte dieser Reformation
              ist Gesetze Nr. 29 und Nr. 30 des hiesigen Stadtarchivs zu beachten. Das erstere, ein
              starker Band in Kleinfolio, enthält die Frankfurter Reformation von 1509 u. a.
              Rechtsordnungen, die bei der Erneuerung verwertet wurden; das Buch kam aus dem Besitz
              von <persName>Philipp Fürstenberger</persName> in den <persName>Johann
                Fichards</persName> und ist mit reichlichen Anmerkungen von beiden versehen worden;
              auf einer der ersten Seiten ein eigenhändiges Gedicht Fichards de regimine civitatis.
              Vgl. weiteres über diesen Band in dem angeführten Aufsatz Eulers. Der Fascikel Nr. 30
              enthält verschiedene Stücke, zum Teil von Fichard, die Veröffentlichung der
              Reformation betr., unter anderem auch ein Gesuch <persName>Sigmund
                Feyerabends</persName> vom <date
              when="1588-07-18">18. Juli 1588</date>, die
              inzwischen durch viele Zusätze vermehrte Reformation von 1578 von neuem drucken zu
              dürfen.</note> Diese »der Statt Franckenfurt am Main erneuwerte Reformation« wurde von
            den Zeitgenossen hochgefeiert; in humanistischer Ueberschwenglichkeit stellt Petrejus
            ihren Autor Lykurg, Solon und den römischen Decemvirn gleich. Nüchterner, aber nicht
            weniger rühmlich für Fichard urteilt von den Neueren <persName>Stintzing</persName>:
            »Fichard hat in diesen legislatorischen Arbeiten die ganze Fülle seines in praktischer
            Erfahrung gereiften Urteils verwertet. Sie sind nicht originale Schöpfungen, sondern
            unter Benutzung der voraufgegangenen ähnlichen Werke verfasst: und eben dies giebt ihnen
            ihren hohen Wert. Allerdings ist die Hand des römisch gebildeten Juristen nicht zu
            verkennen; allein es ist gewiss zu weit gegangen, wenn Fichard eine »romanisirende
            Tendenz« zum Vorwurf gemacht wird. Seine Absicht war es nicht, dem heimischen Recht
            Gewalt anzuthun; er unterwirft sich keineswegs blindlings der Autorität des Corpus
            juris, sondern trägt kein Bedenken seine Gültigkeit auszuschliessen oder seine Sätze zu
            ändern, wo die Verhältnisse es fordern. Allein wo es sich darum handelte <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s251.jpg" n="251" xml:id="S.251"/>
            ein festes und klares Recht herzustellen, konnte gegenüber der schwankenden und unklaren
            Praxis nur das gemeine Recht den Ausschlag geben. Von seinen Zeitgenossen ist Fichard
            als Solon und Lykurg Frankfurts gepriesen: und unstreitig gehören seine Gesetzbücher zu
            den bedeutendsten ihrer Zeit«.</p>

          <p> Ich wende mich zu Fichard als Schriftsteller, als Historiker. Es sind uns drei
            grössere Arbeiten in lateinischer Sprache von ihm erhalten, welche <persName>Johann Carl
              v. Fichard</persName> in seinem Frankfurtischen Archiv nach den Originalen abgedruckt
              hat.<note
              n="N.251.1">Diese Originale von Fichards historischen Werken scheinen
              verloren. Sie sind seiner Zeit nicht mit dem übrigen litterarischen Nachlass
                <persName>Johann Carl v. Fichards</persName> auf die Stadtbibliothek gekommen und
              befinden sich auch nicht mehr im Besitze der Familie. Wir kennen sie jetzt nur noch
              aus dem Abdruck in den drei Bänden des Fichardschen Frankfurtischen Archivs. Nach
              diesem habe ich die Annalen im zweiten Bande der »Quellen« mit Anmerkungen versehen in
              der Reihe der Chroniken aus der Frankfurter Reformationszeit von neuem veröffentlicht.
              J. C. v. Fichard hat in seiner Geschlechtergeschichte auch Annotationes von dem
              Gerichtsschreiber Fichard und dessen Sohn, dem Syndicus, benutzt; auch diese sind
              verloren.</note> Von der Italia, welche sehr bald nach der Rückkehr des Verfassers aus
            dem Süden entstanden sein wird, habe ich bereits das Nötige an anderer Stelle bemerkt.
            Kurz darauf schrieb er die Geschichte seines Lebens. Was ihn, den kaum Dreissigjährigen,
            der im öffentlichen Leben wie in der Wissenschaft immerhin noch ein Anfänger war, zur
            Abfassung derselben getrieben, spricht er in der Vorrede klar aus: nicht eitle Ruhmgier
            oder renommistische Selbstliebe habe ihm die Veranlassung gegeben, sondern die Erwägung,
            seinen Nachkommen ein Bild des Lebensganges ihres Ahnherrn zu geben; denn das halte er
            für die Pflicht des gebildeten Mannes und des guten Bürgers. Aber nur für die
            Angehörigen der Familie, allenfalls noch für den intimen Freundeskreis wurden diese
            Aufzeichnungen bestimmt, an eine Veröffentlichung hat ihr Verfasser niemals gedacht. Wie
            die Jahreszahl unter den vorangestellten Distichen zeigt, ist die Biographie zum
            grössten Teil im Jahre 1539 entstanden, als Fichard seine Lehr- und Wanderjahre geendet,
            in der Vaterstadt eine feste Anstellung erhalten und sich daselbst seine Häuslichkeit
            gegründet hatte; die wenigen Nachrichten über seine Familienverhältnisse aus den Jahren
            1540—1542 sind spätere Zufügungen. Den Schluss des Ganzen bildet eine poetische
            Schilderung des Wappens, welches der Kaiser Fichard bei der Erhebung in den Adelstand
            verliehen hatte. Nach der Einleitung folgt eine kurze Darstellung der Schicksale der
            Familie vor der Einwanderung nach Frankfurt, in der er sich auf Mitteilungen seines
            Oheims, <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s252.jpg" n="252"
              xml:id="S.252"/> des Canonicus <persName>Konrad Fichard</persName>, stützt. Wie die
            Schilderung der Jugendzeit uns so manchen Blick in die inneren Verhältnisse des
            damaligen Frankfurt werfen lässt, so sind auch die Nachrichten von seinen Studienjahren
            nicht ohne Interesse für die Kenntniss des Universitätslebens jener Zeit. Da Fichards
            politische Tätigkeit vor seiner zweiten Berufung nicht allzu gross war, gibt uns die
            Selbstbiographie auch nur wenig rein historische Nachrichten; sie besteht in ihrer
            zweiten Hälfte nur aus Mitteilungen über des Verfassers Lebensumstände und
            Familienverhältnisse. Sie schliesst 1542 mit dem Tode seines Sohnes Johannes Hektor. Das
            dritte und historisch bedeutendste Werk Fichards sind seine Annalen von 1512, dem Jahr
            seiner Geburt, bis 1544, gewissermassen die zeitgeschichtliche Ergänzung zu seiner
            Lebensbeschreibung. Die Einleitung besagt, er wolle die Geschichte seiner Zeit mit
            besonderer Berücksichtigung seiner Vaterstadt schreiben; denn die Mussestunden mit der
            ebenso angenehmen wie nützlichen Darstellung der zeitgenössischen Ereignisse auszufüllen
            halte er für besser als die Beschäftigung mit Würfel und Becher; nur die reine Wahrheit
            will er geben und nur für sich und die Seinen; auch hier leitet ihn nicht das Streben
            nach litterarischem Ruhm. Die Ereignisse seit seiner Geburt verdienten um so mehr eine
            Darstellung, als sie in eine Zeit fallen voll politischer Bewegung und Gährung, deren
            Ende noch nicht abzusehen sei und die gar keine Hoffnung auf Friede und Ruhe für das
            gemeinsame Vaterland gewähre. Was in seiner Jugendzeit geschehen, habe er auf Grund der
            Aufzeichnungen seines Vaters und Onkels, nach Büchern und nach Erzählungen alter
            glaubwürdiger Männer mitgeteilt; wie die Annalen mit seiner Geburt begännen, so sollten
            sie mit seinem Tode enden. Doch auch diese Arbeit ist ein Fragment geblieben; er hat sie
            nur bis zum Jahre 1544 fortgeführt. Die Annalen enthalten, wie bemerkt, vaterländische
            und vaterstädtische Geschichte; in der ersten Hälfte des Werkes, ungefähr bis 1533,
            überwiegt jene, in der zweiten aber treten die Frankfurter Ereignisse ganz in den
            Vordergrund. Doch berührt Fichard auch die wichtigsten Ereignisse in den ausserdeutschen
            Staaten; am meisten hac er hier natürlich Italien berücksichtigt. Die ausführlichste
            zeitgenössische Ghronik unserer Stadt, die des Canonicus <persName>Wolfgang
              Königstein</persName>, reicht in der uns erhaltenen Ueberlieferung nur bis 1533 und
            hat dann bis 1548 nur noch vereinzelte dürftige Notizen; wo sie aufhört, treten eben die
            Annalen Fichards bis 1544 als beste chronikalische Quelle ein; sie ist um so
            schätzenswerter, als ihr Verfasser so regen Anteil an der politischen Leitung der Stadt
            hatte und eben an den ausführlicher dargestellten Ereignissen und Verhandlungen <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s253.jpg" n="253" xml:id="S.253"/>
            in hervorragender Weise beteiligt war. Die Form des Werkes ist, wie ja schon der Titel
            erkennen lässt, die streng annalistische; er geht von Jahr zu Jahr vorwärts und bringt
            die einzelnen Ereignisse in kleinen Abschnitten unter besonderen Ueberschriften. Die
            stoffliche Verarbeitung ist eine weit bessere, als wir sie in jener Zeit bei den anderen
            Frankfurter Chronisten antreffen, welche so wenig zwischen Hauptsachen und Nebensachen
            zu unterscheiden wissen, Wunder und Naturereignisse von ganz geringer Bedeutung den
            wichtigsten Staatsbegebenheiten gleichstellen. Wenn der Verfasser in die historische
            Darstellung viele Ereignisse in der Familie eingereiht hat, so sei daran erinnert, dass
            die Arbeit eben für den Familienkreis bestimmt war. Fichards kirchliche Gesinnung
            spricht sich in den Annalen, die wohl ziemlich in einem Zuge gegen 1544
            niedergeschrieben wurden, deutlich aus. Mit hoher Achtung spricht er von
              <persName>Luther</persName>; <persName>Zwinglis</persName> kriegerische Propaganda
            aber findet seine tiefe Missbilligung. Die Abschaffung der katholischen Ceremonien durch
            den Frankfurter Rat entschuldigt er mit der politischen Notwendigkeit, verdammt aber das
            agitatorische Treiben der evangelischen Prädikanten. Das Vorgehen des Rates gegen die
            Geistlichkeit, um deren Zustimmung zur Ablösung der ewigen Zinsen zu erzwingen, war ihm
            von Anfang an unangenehm, weil gerade dadurch die Zwietracht zwischen Volk und Kleris«
            sehr verschärft wurde. Er ist jetzt ein überzeugter Protestant, aber weit entfernt, als
            Heisssporn gegen die alte Kirche zu eifern, schwebt ihm als kirchliches Ideal das
            friedliche Zusammenleben beider Konfessionen vor. Auch in politischer Beziehung steht er
            auf dem protestantischen Boden; er hält gegenüber den Uebergriffen der katholischen
            Reichsstände den Schmalkaldischen Bund für vollkommen berechtigt, aber scheut zurück vor
            dem kriegerischen Austrag des Zwistes. Er vergiesst nie, dass Kaiserliche und
            Schmalkaldener, Katholiken und Protestanten ein gemeinsames Vaterland haben, dessen
            Einigung und Befriedung er aber kaum zu erhoffen wagt.</p>

          <p> Aus Fichards Privatleben hat uns Petrejus, der ihm in späteren Jahren enge befreundet
            war, einige Züge bewahrt. Er rühmt sein ausserordentlich gastfreies Haus; der Verkehr
            mit Freunden war die einzige Erholung, die er sich nach Beendigung der Geschäfte gönnte;
            durch Freundlichkeit und Offenheit, durch Reinheit in Gesinnung und Wandel wusste er die
            Bekannten an sein Haus zu fesseln. Den Bedrängten stand er stets mit Rat und Tat zur
            Verfügung; sein Vermögen, das er sich durch rastlose Tätigkeit erworben, gestattete ihm
            diese Freigebigkeit. Jeder unnütze Prunk war ihm verhasst; er lebte <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s254.jpg" n="254"
              xml:id="S.254"/>
            einfach und gut. Ein hervorstechender Zug in seinem Leben ist die tiefe Frömmigkeit, zu
            der er auch seine Familienangehörigen erzog und die jungen Leute, die ihm in seinen
            Arbeiten an die Hand gingen, anhielt; dabei war er frei von jeder konfessionellen
            Engherzigkeit und spottete derer, welche die Religiosität mit dem Sprichwort »Juristen
            sind schlechte Christen« seinem Stand absprachen oder für sich allein in Anspruch
            nahmen. Von dem gastlichen und anregenden Verkehr im Hause des berühmten Rechtsgelehrten
            hat einer der Freunde, der Pfarrer <persName>Wendelin Heibach</persName> in Tribur, ein
            interessantes Bild entworfen. Was in dem damaligen Frankfurt Anspruch auf geistige
            Bedeutung erhob, verkehrte im Hause Fichards. Dort trafen sich die Theologen
              <persName>Ritter</persName>,' <persName>Eltveit</persName>, <persName>Philipp
              Lonicer</persName> mit dem Juristen <persName>Kellner</persName>, dem Studienfreund
            und Kollegen von <persName>Raimund Pius</persName>; die Mediziner <persName>Adam
              Lonicer</persName>, <persName>Ellinger</persName> und <persName>Portius</persName> mit
            den Philologen <persName
              ref="https://de.wikipedia.org/wiki/Nicodemus_Frischlin">Frischlin</persName>,
              <persName>Lundorp</persName>, <persName>Petrejus</persName> und dem gelehrten
            Patrizier <persName>Konrad Weiss</persName>; die allen gemeinsame humanistische Bildung,
            die Liebe zu den klassischen Dichtern Roms und Griechenlands, die Neigung zu poetischen
            Versuchen, leider nur in lateinischer Sprache, waren das Band, das sie an den Hausherrn
            fesselte, und diesem war es eine Erholung, sich mit den jüngeren Leuten frei vom Zwang
            der Geschäfte in die Studien der Jugendjahre zu versenken; die Freunde aber staunten
            über das Gedächtniss des greisen Gelehrten,<note
              n="N.254.1">Ueber des Prädikanten
              Mathias Ritter Verhältniss zu Fichard vgl. Ritter, Evangelisches Denkmal S. 419 f. Der
              dort abgedruckte Brief Fichards an seinen jungen Freund ist ein schönes Zeugniss von
              der gewinnenden Freundlichkeit, mit der jener den jungen, aufstrebenden Landsleuten
              entgegenkam.</note> dem seine Klassiker noch eben so gegenwärtig waren wie zur Zeit,
            als er sie mit <persName>Micyll</persName> las. Seine Liebe und Fürsorge für den ihn
            umgebenden Freundeskreis betätigte er auch in anderer, praktischer Weise. Stets hatte er
            eine offene Hand für die Bittenden, gar Manchem ist er mit Rat und Tat beigesprungen und
            wieder anderen hat er zu einer guten Heirat verholfen, wie einer seiner Lobredner
            erwähnt. Nicht nur den bedrängten Freunden, auch den ihm ferner stehenden Unglücklichen
            liess er seine werktätige Hülfe zu Teil werden. So fanden die ihres Glaubens wegen aus
            den Niederlanden und England vertriebenen Protestanten, welche in Frankfurt eine neue
            Heimat gesucht und gefunden hatten, an Fichard eine kräftige Stütze; mit einem ihrer
            bedeutendsten Führer, dem gelehrten Spanier <persName>Cassiodoro de Reina</persName>,
            dem ersten Uebersetzer der Bibel in seine Muttersprache, stand er in innigstem
              Verkehr.<note
              n="N.254.2">Ueber Cassiodoro de Reina in Frankfurt vgl. Steitz-Dechent,
              Geschichte der Niederländischen Gemeinde Augsburger Konfession; über »Frankfurt als
              Herberge der fremden protestantischen Flüchtlinge« den Vortrag Schotts in »Der Verein
              für Reformationsgeschichte am Schluss seines ersten Trienniums (1886)«.</note> Die
            Freunde, welche ihm in seinen <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s255.jpg" n="255"
              xml:id="S.255"/>
            letzten Jahren am nächsten standen, waren sein späterer Biograph <persName>Heinrich
              Petrejus</persName> aus Herdegen, dem er zu der Stelle eines Rektors der hiesigen
            Lateinschule verholfen hatte, und der bekannte Drucker <persName>Sigmund
              Feyerabend</persName>.<note
                n="N.255.1">Ueber des letzteren Verhältniss zu Fichard
              vgl. Pallmanns treffliche Biographie Feyerabends im Archiv N. F. VII; nicht nur
              geschäftlich, sondern noch vielmehr freundschaftlich hatte er dem Drucker seine
              Dienste geliehen. — Petrejus, welcher von 1576 bis 1580 an der Spitze des Frankfurter
              Gymnasiums stand, hat sich wie kein anderer des näheren Umgangs Fichards erfreut; ihre
              Freundschaft wurde nicht gestört, als Petrejus wegen eines Zwistes mit den Prädikanten
              über die Frage der Erbsünde sein Schulamt, welches er auf Fichards Empfehlung hin
              erlangt hatte, aufgeben musste; vgl. darüber die Ratsprotokolle 1576—1580. — Der
              gelehrte Freundeskreis, dessen Mittelpunkt der berühmte Rechtsgelehrte in seinen
              letzten Lebensjahren gewesen war, hat seinem ehrwürdigen Haupte in den Epicedia in
              obitum Joannis Fichardi, JC. CL. (Francofurti, excudebat Joannes Wechelus, anno
              MDLXXXII) ein schönes Denkmal gesetzt. Da in diesem Werkchen viele der Männer mit
              Beiträgen vertreten sind, welche in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in
              Frankfurt durch geistige Bedeutung hervorragen, so sei eine kurze Angabe des Inhaltes
              gestattet. Die Epicedia sind eine Sammlung von lateinischen Gedichten, meist im
              elegischen Versmass geschrieben, welche die Freunde Fichards auf die Kunde von seinem
              Tode verfasst haben; <persName>Raimund Pius Fichard</persName>, an den sehr viele
              dieser Ergüsse gerichtet sind, hat, wie seine Vorrede ergibt, sie auf Drängen
              gelehrter Freunde zusammengestellt und der Oeffentlichkeit übergeben. Die Sammlung
              wird eröffnet durch ein Gedicht Fichards aus dem Jahre 1578, Votum ad Jesum Christum,
              in welchem der Verfasser seine Sehnsucht nach der ewigen Ruhe ausspricht. Dann folgen
              die Epicedia, nach dem Berufe der einzelnen Verfasser geordnet. Die Theologie wird
              durch den Frankfurter Prädikanten <persName>Matthias Ritter</persName>, durch den
              Königsteiner Superintendenten <persName
                ref="https://de.wikipedia.org/wiki/Philipp_Lonicer">Philipp
                Lonicer</persName> und den Triburer Pfarrer <persName>Wendelin Heibach</persName>
              vertreten; besonders des letzteren Elegie gibt uns ein abgerundetes Bild von dem
              geistig angeregten Leben im Fichardschen Hause, von den Gelehrten, die sich um den
              allverehrten Hausherrn schaarten und von dessen häuslichen Tugenden, sowie von seinen
              geistigen Bestrebungen. Von Juristen finden wir <persName>Johannes Hell</persName>,
              einen Freund des früh verstorbenen <persName>Christoph Fichard</persName>, ferner den
              Lauinger Professor <persName
                ref="https://de.wikipedia.org/wiki/Nikolaus_Reusner">Nicolaus Reusner</persName>
              und den Kammergerichtsadvokaten <persName>Paschasius Brismann</persName>. Von
              Medizinern haben der Würzburger Arzt <persName>Johann Portius</persName> und
                <persName>Dr. Andreas Ellinger</persName> dem Todten den Tribut dankbarer
              Anerkennung gezollt. Von den »alii praestantissimi et literatissimi viri« seien
              erwähnt: der getreue Petrejus, der dem Meister hier eine dichterische
              Lebensbeschreibung widmet, der poeta laureatus und Tübinger Professor <persName
                ref="https://de.wikipedia.org/wiki/Nicodemus_Frischlin">Nicodemus Frischlin</persName>, der Frankfurter
                <persName
                ref="https://de.wikipedia.org/wiki/Christian_Egenolf">Christian Egenolf</persName>, der Gelnhäuser
              Rektor <persName
                ref="https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Lundorp">Johann Lundorp</persName>, der Prorektor
              von Lich <persName>Friedrich Sylburg</persName>. Den Schluss bilden Elegien von
              Frischlin auf Christof Fichards Tod, sowie von Petrejus auf das Ableben des Sohnes
              Johann Jakob und des Enkels Daniel Pius. Vielen dieser lateinischen Gedichte ist die
              griechische Uebersetzung beigefügt. Für unseren Geschmack sind diese dichterischen
              Erzeugnisse eine wenig geniessbare Kost; es ist eine mühsame Arbeit, aus den unendlich
              vielen, dem Altertum entlehnten Phrasen und Wendungen wirklich historischen Kern,
              greifbare Angaben über Fichard, sein Leben und Wirken herauszuschälen. Immerhin ist
              das Werk von Interesse für die Kenntniss geistiger Zustände in dem damaligen
              Frankfurt. — Ein gleiches, wenn nicht höheres Interesse darf auch ein Sammelband
              unserer Stadtbibliothek, bezeichnet Auct. Neol. Coll. N. 115 I, 81, beanspruchen. Er
              enthält viele lateinische und deutsche Gelegenheitsgedichte aus der gleichen Zeit und
              meist auf Frankfurt bezüglich, vielfach in interessanter typographischer Ausstattung.
              Von und über Fichard ist daraus hervorzuheben: sein Votum ad Jesum Christum, sein
              Hochzeitsgedicht für Petrejus, als dieser sich mit der Wittwe des <persName ref="https://de.wikipedia.org/wiki/Flacius_Illyricus">Flacius Illyricus</persName> verband, mehrere an Fichard
              gerichtete Gedichte enthaltend Bittgesuche bei Bewerbungen um ein Stipendium und um
              das Notariatsamt u. s. w.</note>
          </p>
          <p>
            <pb facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s256.jpg" n="256"
              xml:id="S.256"/> Die späteren Lebensjahre wurden ihm durch manch bitteres Leid getrübt. Als er im
            Januar 1547 von jener Gesandtschaft nach Heilbronn zurückkehrte, verlor er seinen Oheim
            Konrad Fichard, den Canonicus am Liebfrauenstift, der, wie sein Testament zeigt, dem
            Neffen den Abfall von der alten Kirche und die Tätigkeit im Dienste des Rats, die ihn
            oft zum Vorgehen gegen die katholisch Geistlichkeit zwang, nicht nachgetragen
              hatte.<note
              n="N.256.1">Er setzte seine beiden Neffen Johann und Kaspar zu Haupterben
              ein und erliess dem ersteren Alles, was er noch von seiner Promotion her ihm schuldig
              war, sowie eine Summe von 100 Goldgulden, die er ihm 1538 wohl zur Gründung des
              Hausstandes vorgestreckt hatte; sein Grossneffe Raimund Pius solle davon die Kosten
              der Universitätszeit bestreiten.</note> Sein Bruder <persName>Dr. Kaspar
              Fichard</persName>, der als Kammergerichtsprokurator in Speyer lebte und anscheinend
            mit seiner Familie wieder zur alten Kirche zurückgetreten war, starb 1569; in seinen
            letzten Lebensjahren war er Syndicus seiner Vaterstadt beim höchsten deutschen
            Gerichtshof, ein Amt, welches ihm der einflussreiche Bruder verschafft hatte. Von den
            acht Kindern aus Fichards Ehe mit <persName>Elisabeth Grünberger</persName> sah er sechs
            vor sich dahinsterben. Drei wurden ihm noch in zartem Kindesalter stehend entrissen. Die
            älteste Tochter Maria, welche er seinem Kollegen <persName>Dr. Engelbrecht</persName>
            vermählt hatte, starb 1568 im Alter von 27 Jahren, der Gatte folgte ihr noch vor dem
            Ableben des Schwiegervaters im Tode nach; die beiden aus dieser Ehe stammenden Enkel
            Fichards waren blödsinnig. Im Frühjahr 1574 verlor er seine Gattin, mit der er 35 Jahre
            lang in glücklicher Ehe gelebt hatte; in seinem Testamente gedenkt er dankbar ihrer
            sparsamen, redlichen Haushaltung. Ein halbes Jahr später traf ihn die Trauerkunde, dass
            sein Sohn Christoph, den er zur Fortsetzung seiner Studien nach Padua gesandt hatte,
            dort erst 20jährig dem Fieber erlegen sei. Auch der jüngste Sohn Johann Jakob starb zwei
            Jahre später fern von der Heimat in Este; auch ihn hatte der Vater über die Alpen ziehen
            lassen, um wie er selbst und die älteren Brüder in <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s257.jpg" n="257" xml:id="S.257"/>
            Italien seine Bildung zu vollenden; das folgende Jahr 1577 brachte dann wieder tiefe
            Trauer durch das Ableben seines ältesten Enkelkindes Daniel Pius. So überlebten den
            Vater nur zwei seiner Kinder, Elisabeth und Raimund Pius. Die erstere verheiratete sich
            1562 mit dem Patrizier <persName>Georg Mengershausen</persName>, welcher kurz nach
            Fichards Tode starb, und in zweiter Ehe sodann mit <persName>Nicolaus von
              Hausen</persName>, einem schwäbischen Edelmann. So setzte sich das Fichardsche
            Geschlecht nur in der Familie des ältesten, als Staatsmann und praktischer Jurist dem
            Vater ebenbürtigen Sohnes fort.</p>

          <p>Raimund Pius hatte unter dem durch die italienische Gegenreformation aus Ferrara
            verjagten <persName
              ref="https://de.wikipedia.org/wiki/Caelius_Secundus_Curio">Caelius Secundus Curio</persName>,
            dem Freund und Lehrer von <persName
              ref="https://de.wikipedia.org/wiki/Olympia_Fulvia_Morata">Olympia Fulvia
              Morata</persName> in Heidelberg, in Basel die humanistischen Wissenschaften studiert
            und war dann in Frankfurt theoretisch von seinem Vater und in Speyer praktisch von
            seinem Oheim weitergebildet worden. Nachdem er seine Studien auf den Hochschulen
            Tübingen, Valence, Bourges, Orleans und Padua fortgesetzt und durch die juristische
            Promotion in Ferrara beschlossen hatte, kehrte er in die Vaterstadt zurück, woselbst er
            sich als Anwalt niederliess und <persName>Katharina Völker</persName>, die Tochter
              <persName>Johann Völkers</persName>, heiratete. Als er und seine Frau um die Aufnahme
            auf Alt-Limpurg nachsuchten, wurde sie ihnen abgeschlagen, weil man an dem Vorleben der
            Frau gar manches auszusetzen fand; erst nach sieben Jahren gelang es Raimund Pius,
            welchem persönlich der Eintritt schon früher »aus Rücksicht für Kaiserliche Majestät (an
            die er appelliert hatte) und seinen um die Stadt verdienten Vater« gestattet worden war,
            auch die Aufnahme seiner Gattin durchzusetzen; man gewährte sie endlich »in Rücksicht
            auf ihres Hauswirts Vaters Reputation, darin derselbe bei einem ehrbaren Rat und
            ausserhalb dieser Stadt steht«. Ich glaube nicht, dass bei dieser Opposition auf
            Alt-Limpurg gegen Sohn und Schwiegertochter Fichards Neid und Missgunst gegen diesen
            eine grosse Rolle spielen, wie <persName>Johann Carl v. Fichard</persName> angenommen
            hat; sicher ist, dass das Ansehen des alten Fichard und seiner Familie unter diesem
            Skandalprozess, mit dem manche recht unliebsame Enthüllungen verbunden waren, schwer
              litt.<note
              n="N.257.1">Interessante Akten über diese Angelegenheit bewahrt das Archiv
              unter Ugb. C. 25 C.</note> 1578 wurde Raimund Pius an Stelle seines Schwagers
            Engelbrecht als Stadtadvokat Kollege seines Vaters, den er nur um vier Jahre
              überlebte.<note
                n="N.257.2">Ueber seine wissenschaftliche Bedeutung vgl. <ref
                target="http://gdz.sub.uni-goettingen.de/content/PPN372047610/800/0/00000610.jpg">Stintzing, Geschichte der Deutschen
                Rechtswissenschaft I, 599 ff.</ref> u. <ref target="http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/bsb00008364/images/index.html?seite=762">Allgem. Deutsche Biographie VI, 760</ref>.</note>
          </p>
          <p>
            <pb facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s258.jpg" n="258"
              xml:id="S.258"/> In der Familie seines Sohnes, umgeben von dessen zahlreicher Nachkommenschaft brachte
            Fichard den Abend seines Lebens zu. Von den Beschwerden des Greisenalters blieb seine
            glückliche Natur verschont; gesund an Geist und Leib, im vollen Besitze seiner starken
            Arbeitskraft sehnte er sich dennoch nach dem Tode, den er in einem Gedichte aus seinen
            letzten Jahren als die wohlverdiente Ruhe erbittet. Ein Jahr vor seinem Ableben verfügte
            er in seinem Testament über seine Habe, die er allein »durch seine langwierige,
            vielfältige und schwere Arbeit erworben und durch die sparsame, redliche Haushaltung
            seiner Frau erhalten habe«.<note
              n="N.258.1">Nach den Bedebüchern gehörte Fichard, der
              den höchsten Satz der Schätzung zahlte, zu den wohlhabenderen Bürgern.</note> Den
            beiden Söhnen seiner Tochter, welche »so blöden Gesichtes« seien, dass sie weder zum
            Handel und noch weniger zum städtischen Dienste taugten," warf er eine Summe aus, von
            deren Zinsen sie anständig leben konnten; alles Uebrige erbte Raimund Pius, dem er
            besonders seine Bibliothek, seinen »liebsten Schatz« empfahl (sie sollte im Mannesstamm
            der Familie erhalten bleiben) und den er aufforderte, seine Söhne zu tüchtigen Juristen
            zu erziehen. Fichard starb am <date
              when="1581-07-07">7. Juni 1581</date> in kaum
            vollendetem 69. Lebensjahre. Nur zehn Tage vor seinem Ende war er krank gewesen. Durch
            Mangel an Appetit und Schlaf schwanden seine körperlichen Kräfte; im Gespräch mit seinem
            Freunde Petrejus äusserte er wohl, dass er sein Ende herannahen fühle; ruhig und heiter
            sprach er sich darüber aus, dass er die Furcht vor dem Tode nicht kenne. Noch vom
            Krankenlager aus leistete er denen, die ihn um Rat fragten, alle mögliche Hülfe. Von
            einem leichten Schlaganfall gelähmt schlief er ohne Kampf hinüber. Unter der Beteiligung
            einer grossen Menge Volkes aus allen Kreisen der Bürgerschaft wurde seine sterbliche
            Hülle, welche von der Zunft der Buchdrucker getragen wurde, auf dem Friedhof bei St.
            Peter bestattet. Am Grabe sprach sein Freund <persName>Peter Eltfeld</persName>, der
            erste Prädikant der Stadt, über den 90. Psalm;<note n="N.258.2">Ueber die Beerdigung
              Fichards siehe Lersner I, 277.</note> er durfte mit Recht auf den Verstorbenen das
            Bibelwort anwenden: wenn des Menschen Leben köstlich gewesen, so ist es Mühe und Arbeit
            gewesen.</p>

          <p> Nach den verschiedenen Seiten seiner Tätigkeit, als Staatsmann, als Jurist, als
            Schriftsteller, ist Fichard unstreitig der bedeutendste Mann gewesen, den Frankfurt im
            16. Jahrhundert hervorgebracht hat. Als Staatsmann und Jurist ist ihm sein Sohn Raimund
            Pius beinahe ebenbürtig. Die Verdienste der weiteren Nachkommen sind <pb
              facs="https://archive.org/details/jung_fichard_1889/s259.jpg" n="259"
              xml:id="S.259"/>
            bescheidener; die Angehörigen der Familien widmeten sich teils dem städtischen, teils
            auch fremden Diensten, ohne aber an die Bedeutung ihrer Vorfahren auch nur entfernt
            heranzureichen. Etwa 1770 starb der letzte direkte Nachkomme; in seinem Testamente
            setzte er seinen Neffen, einen <persName ref="https://de.wikipedia.org/wiki/Baur_von_Eyseneck">Baur v.
              Eyseneck</persName>
            <note
              n="N.259.1">Ueber ihn (1773 — 1829) vgl. Neuer Necrolog der
              Deutschen VII, 700 ff.; Heyden, Gallerie berühmter Frankfurter S. 430; Kelchner in der
              Allgem. Deutschen Biographie VI, 759. — Nach ihm trägt die »Fichardstrasse« ihren
              Namen, nicht nach Dr. Johann Fichard.</note>, zum Erben ein unter der Bedingung, dass
            dieser den Namen Fichard weiter führe. Aus diesem aufgepfropften Zweig entstammte in der
            zweiten Generation der bekannte Historiker <persName>Johann Carl v. Fichard genannt Baur
              v. Eiseneck</persName>, der Zeitgenosse und Freund von <persName>Battonn</persName>,
              <persName>Thomas</persName> und <persName>Böhmer</persName>. Ihm gebührt das
            Verdienst, durch die Veröffentlichung der historischen Schriften seines Ahnherrn zuerst
            wieder auf dessen Bedeutung als Staatsmann und Schriftsteller hingewiesen zu haben;
            ungefähr zu gleicher Zeit hat dann <persName>Friedrich Karl v. Savigny</persName> in
            seiner Geschichte des Römischen Rechts im Mittelalter<note n="N.259.2">
              <ref target="http://archive.org/stream/geschichtedesrmi03savi#page/n3/mode/2up">III, 48 ff.</ref>
            </note> Johann Fichards juristische
            Verdienste von Neuem ans Licht gezogen.</p>
        </div>
      </div>
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