1. Die Appellationsordnung der Reichsstadt Nördlingen ist auf einer
Papierlage (Signatur: 12) von acht Blättern (31 1/2 cm x 23 cm)
niedergeschrieben, wovon das erste Blatt (unbeziffert = Fol. 0) zugleich
Titelblatt ist und über dem deutschen Titel (s. Text) die Aufschrift trägt:
Modus et forma appellandi reipublicae Nördling(ensis) de anno 1486.N.1 Wasserzeichen des Papiers: Ochsenkopf (in die
Länge gezogen).
2. Auf der Rückseite des letzten Blattes (Fol. 7) steht das im Anhang zur
Appellationsordnung abgedruckte Schreiben der Stadt an Ulrich Tengler, den
früheren Stadtschreiber zu Nördlingen. Da auf dem Gegenblatt (Fol. 0) über
dem lateinischen Titel die Anschrift an den damaligen Kastner zu Heidenheim
(an der Brenz, damals in bayerischem Besitz, nicht Heidenheim am Hahnenkamm)
Ulrich Tengler steht, die wie die Appellationsordnung und das Schreiben von
derselben Hand herrührt, und da an zwei Stellen, wo die Schreiben mit dem
Siegel verschlossen zu werden pflegen, noch Spuren von rotem Wachs sichtbar
sind, so besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, daß dieses Schreiben (samt
der Appellationsordnung) in den Händen Tenglers war, ohne daß wir jedoch
sein Gutachten darüber besitzen.
Das Schreiben läßt zum erstenmal die bisher ganz unbekannte Tatsache
erkennen, daß Ulrich Tengler nach seinem Weggang von
Nördlingen (1483 oder 1484!) zunächst für mehrere
Jahre (s. oben allg. Einleitung) Kastner in seinem, damals bayerischen
Geburtsorte Heidenheim a. Brenz war.
Auf einem Einlageblatt findet sich das Konzept des Art. 13 der
Appellationsordnung niedergeschrieben. Die Appellationsordnung selbst ist
zweifellos 1486 niedergeschrieben.
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Nach dem bisher durch unmässig uberflissig und unnotdürftig appellation,
die im rechten verpoten, vil widerwärtikait und irrung entstanden sein,
die unseren zu mißtrawen und ainander zu unpillichen schaden eingefürt;
solichs und ander ungepür, die darus entsteen möchten zufürkomen und uf
daz ain ieder, der vermain, in urtailen beswert zu sein, wie er
appellieren und sich darin halten, auch in was sachen man kain
appellation zulässe noch appellieren sölle, so haben wir insonderhait
etlich stuck, so geverd darin vermerkt ist, begriffen und bei swärer
strauf gepoten davon nit zu appellieren; dann ob iemands gevarlich
darwider appellieren [wurd], so wurd doch derselben appellation kain
stat gegeben noch die angenomen, sonder der und die selben, so die
appellation täten, auch die in der helfen anhangen, in swär strauf on
all genad angenomen.
Von ersten wer nit appelliert nach der ordnung, wie die hernach gesetzt
würdet, des appellation werdet kain stat geben.
Zum anderen so iemand mit recht oder vor ainung umb ain kuntlich
übertreten und ungehorsam unser gepot gesatzt oder ordnung oder umb ain
ander ubeltät sach und unbeschaidenhait ain strauf und unrecht ufgelegt
würdet, davon mag noch soll man nit appellieren.
Zum dritten wer sich mit lautern worten in sachen vor rät oder gericht
erloffen siner appellation verzeicht oder durch swigen und in ander weg
die appellation begeit und vermainet darnach zu ainer andern zeit zu
appellieren, des appellation würdet nit angenomen.
Zum vierden wem man die fürbot zum rechten entlich nach der stat recht
verkündt und durch daz gepurlich im rechten wissent [wirt], wirt durch
iemand daz veracht und darüber wider in im rechten procediert: wa das
derselb von der urtail vermainet zu appellieren, so er durch sein
geverlich wissentlich ungehorsam und verachtung und unfuͦr gepracht
eehafte not klagfellig wurd, desselben appellation würdet nit
angenomen.
Zum fünften wer im rechten ainer schuld mit lautern worten vergicht oder
der mit gnuͦgsamer urkund überwunden wurd, ob der allain von der
bezalung gevarlich appellieren vermaint, des appellation nimpt man nit
an.
Zum sechsten von den underschaiden, die man mit den verpfandungen nach
der stat recht geit, sol nieman appellieren. Ob aber iemand denselben
entschaid mißpraucht, dem ist sein clag, als recht ist, vorbehalten.
Zum sibenden wann man die schaden taxiert, von derselben tax sol man nit
appellieren.
Auf daz auch die k. mt durch klain sachen mit appellation nit
belestigt, auch die unsern ainander nit mit klainen sachen zu grossen
müe, costen und schaden einfüren, so haben wir gesatzt und gepoten, daz
die unsern füran in solichen klainen sachen, die under 10 guldin rh.
sein, nicht weiter dann für ainen klainen rat appellieren söllen.
Ob aber iemand so dürftig wer und über solich obgeschriben artikel ain
appellation fürnemen oder tuͦn wurd, der und die selben söllen in
ains ratz ungnad und strauf gefallen, auch in unser stat ain jar
verpoten, und wollten si darnach wider in die statt, so söllen si und
ain ieder insonderhait ainem rat 10 guldin rinisch zuͦ buͦß voran,
ee si in die stat kommen, zu bezalen verfallen sein; darin aim erbern
rate sein oberkait vorbehalten.
Wa man appellation nit zulaußt am gericht, daz sol man schriftlich dem
burgermaister anzaigen, daz er sich darnach mög gerichten.
Wirdet iemands in ainer urtail vor unserer stat gericht beswärt in sach,
davon man appellieren mag, als hie vor underschaiden ist, der soll im
fußstapfen, die weil die richter sitzent, gleich nach derselben urtail,
eemalen man zu anderen händeln merklich griffe, auch ee die widerparthei
weder aid oder nichtz weiters volzogen oder erlangt hab, selbs muntlich
vor dem amann und den richtern in beiwesen der widerparthei solichs mit
ersamen beschaiden worten tuͦn und sich berüfen fur ainen klainen rat
und sonst nindert hin und begeren nit weiter procedieren, sonder im
appostel zu geben und alsdann geit im der amann die antwurt, er sölle
sich darumb gegen dem burgermaister inner zehn tagen anzaigen und daz er
in ainem monat dem nechsten nach der appellation vleissig übung tue, die
gerichtzhandlung für die appostel verslossen anzuͦnemen, dann wa er
daz nit tuͦn, so wurde die urtail in craft gen und ferrer im rechten
procediert und darzuͦ strauf und buͦß verfallen sein einem rate
umb 4 lib. und dem gericht 2 lib.
Ob aber die geappelliert parthei bedächtz notturfig wer, möcht der amann
sagen, ob er also frischer tat geappelliert, hette er dannocht macht
inner den nechsten zehn tagen der appellation an zuͦ hangen oder
fallen zuͦ la*ussen.
Wann ainer als oben steet, geappelliert hat, so soll er sich auch von
stundan zum gerichtschreiber fügen und vleissig üben umb die appostel,
die geit man im also, daz man rede und widerrede auch die urtail und was
im rechten gepraucht ist durch den fürsprechen versamelt und inschrift
verfasset; die sol er under des amanns insigel verslossen annemen und
dem burgermaister antwurten in dem berürten monadt. So bescheidt in der
burgermaister alsdann in die cantzlei umb tagsatzung und er geit uf
denselben handel umb dieselben appostel 4 groß der werung und dem amann
vom sigel 8 den[a]r.
Es sollen baid partheien auf die tagsatzung für rat komen und durch ir
alt fürsprechen zuͦ recht fürsteen und der geappelliert hat
anfengklich die schrift, die im für appostel, wie die sachen vor dem
statgericht im rechten ergangen sint, verhören lassen und daruf die
ursachen siner beswärde der urtail durch den fürsprechen einfüren;
dagegen der ander tail auch sein widerred und beden teil alle notturft
und was vor im rechten nit geprucht worden ist, fürwenden mögen und sol
alsdann darumb bescheen, was recht ist. Wurd dann mit recht erkennt, daz
ubel geappelliert und wol geurtailt were, so sollen die partheien wider
umb für daz statgericht komen und verrer procediert werden. Wa aber
erkennt wurd, daz ubel geurtailt und wol geappelliert wär, so söllen die
parteien mit urtail vor rat ferrer entschaiden werden nach dem rechten.
So auch der handel von fürsprechen für rat getragen wirt, so söllen si
bei der urtail nit sein,
| Seite 329| sonder davon treten; aber die der rät zu
den zeiten am statgericht gewesen, sollen und mogen dabei beliben und
nach irem versteen urtailen.
Welcher tail die urtail auf die appellation verlürt, der sol sich mit
dem anderen umb die schäden der appellation darnach inner den nechsten
achtagen gütlich vertragen. Beschee daz nit, wer dann übel geurtailt
erkennt, so söllt uf des begerenden tails anrüfen darumb rechtag gesetzt
werden für ain klainen rat und gescheen, was recht ist vor wittern
processen, die auch vor aim rat gerechtvertigt werden söllen, wie oben
steet. Wer aber wol geurtailt erkent, so geschicht im statgericht
darumb, was recht ist ee man verrer procediert in der hauptsach.
Wirdet aber iemand mit ainer urtail vor ainem rat beswärt, in sachen
davon man als vorsteet, appellieren [!], der mag daz tuͦn mundtlich
im fußstapfen oder inner zehn tagen vor offem notari fur unseren
allergnädigesten herren den römischen keiser und sunst nindert hin und
tuͦt er es mundtlich, so geit man im in beiwesen des widertails die
antwurt. Ist er unser burger oder der unser, daz er des ersten werd
globen und sweren den hernach geschriben aid.
Du wirst globen und sweren, daz du die appellation nit gevarlich umb
verzug und verlengerung tuest, sondern allain umb deins rechten notturft
willen ungeverlich.
Und so er gesworen hat, so sagt man im, er sei burger oder andrer: wie
wol ain rat vermeint, im söllt die appellation nit not getan haben,
iedoch der kn. mt. zu eren und undertänigkait so lasse ain rat die
appellation bescheen und man wölle im die gerichtzhandlung für appostel
geben; die söll er fordern und nemen in der cantzlei inner 30 tagen und
er sölle der appellation inner jar und tag nachkomen als recht ist, dann
wa er daz nit thuͦn, so wurde die urtail in ir kreft geen; und ist er
unser burger, sol man im dabei sagen: wa dem wie obsteet nit nachkomen
[wurd], so wurde er
| Seite 330| ainem rat darzu 20 guldin zuͦbuͦß
verfallen sein, die er müßt bezalen und unser stat meiden, alleweil er
die nit bezalt hett.
Will aber ainer nit mundtlich appellieren, der sol das vor offen notari
schriftlich inner zehen tagen tuͦn für die kn. mt. und sunst
ninderthin und soll alsdann darnach inner 30 tagen dieselben appellation
durch ainen notari dem burgermaister auch der widerparthei verkünden und
iedem des instruments ain coppei geben; alsdann geit man im die antwurt
und ist er unser burger, so muß er sweren und wirdet gehandelt, als
obsteet.
Für die appostel geit man gewonlich den gerichtzhandel auf pergamen
besigelt mit der stat gerichtz insigel und zeuch es im beschlus in die
appellation und wie die bescheen sein, darein; beschicht aber die
appellation vor ainem notari, also daz die appostel mit fuͦg nit
darein zogen mögen werden, so geit man zum handel auch besigelt
appostel, darnach die sach und appellation gestalt ist.
Wer von unserm statgericht für ainen klainen rat oder von einem rat [an]
die kn. mt., als obensteet, ordentlich appelliert hat, so sol man
von mer sicherhait wegen künftig irrung zu vermeiden in derselben sachen
nit weiter procedieren noch handeln, daz dem, der do also ordenlich
geappelliert hat, zuͦ schaden dienen möcht, ausgenomen in den hernach
geschribenen sachen:
Zum ersten, ob ain burger gegen dem anderen im rechten begeren wurd sein
guͦt, darumb er vorderung zuͦ im hett, zu verpieten und solichs
mit urtail aberkannt, wurd dann ihener davon appellieren, so sol man dem
antwurter von derselben appellation wegen sein gut nit in haft legen,
sonder unverpoten volgen und in damit handeln und prawchen lassen, als
ainem burger zimpt nach der stat recht und alten herkomen; doch möcht es
von sicherhait wegen nach der stat rechtN.330.1 bescheen lassen.
Zum andern ob iemand appelliert in sachen davon man als obensteet nit
appellieren sol, so mag man wol für und für procedieren.
| Seite 331| Zum dritten ob sich iemand understeen wollt
einen us seiner inhabenden gerüwigen nutz und gewer mit recht bringen
und gieng ain urtail wider in, davon er appelliert, so sol man von siner
appellation wegen ihenen in seiner gewer beliben und die nutzen und
prawchen lassen.
Zum vierden, ob ainer der appellation in der zeit, als recht ist, nit
nachkomen wäre, so mag man wol witer procedieren und ihenen zü denselben
ferrern processen verkünden, als recht ist.
Wann aber ain kaiserliche inhibition ainem rat zuͦkompt, warumb daz
ist, darnach sol man sich auch halten als sich gepürt.
Wa sich begebe, das iender[t] partheien ainer appellation zuͦ
irrungen komen, als daz die parthei, wider die di[e] appellation
bescheen wäre, vermainen oder klagen wurden, sein wider parthei hett die
appellation nit ordenlich getan oder sich der versawmbt, verzigen oder
in andrer weg der nit nachkomen, als recht ist, wie im die zeit
aufgesetzt worden wäre, des im der selb nit gestünd und erpötN.331.1 sich darumb zuͦ recht; aber
im gepüret deshalben nit zuͦ komen für den richter, davon er
geappelliert het. Wäre dann die appellation von dem statgericht
gescheen, darvor die sachen und urtail ergangen, so sollen dieselben
irrung für burgermaister und klainen rat betagt und mit recht daselbst
entschiden werden. Wer aber die appellation von ainem rate ergangen, so
sölt sölichs vor dem statgericht gerechtfertigt werden und bescheen, was
recht ist. Erfund sich dann im rechten, daz die appellation ordenlich
bescheen und nichtz daran versawmbt were, so sölt sölich rechtvertigung
an der hauptsachen der appellation kainem tail vergriffenlich sein. Wa
sich aber im rechten erfund, daz die appellation nit ordenlich bescheen,
der nit nachkomen oder in andrer weg durch den, der geappelliert hett,
sawmnus darin bescheen wäre und das man geverd darin versteen, wurd er
dann vermainen widerumb zu appellieren, derselben appellation nimpt man
nit an, sonder man sol denselben umb sein geverd mit strauf fürnemen,
wie sich gepürt. Wann man aber kain geverd, sonder etwan ainer ander
redlich ursachen darin fürprächt, die in gehindert oder versawmbt
hetten, so möcht man im der appellation dannocht ain mal gestatten und
nit mer, also dazN.331.2
| Seite 332| man niemand von ainer urtail zu dreien
malen gestat zuͦ appellieren, sonder procedieren, als recht ist.
Und uf das dis Ordnung statlich volzogen werden, sich niemands durch die
unwissenhait des entschuldigen mög, so sol ditz ordnung ernewung und
gepot ietzo im anfang unser gemaind in den zunften, auch vor dem
statgericht und füran so oft es einem rate oder gericht bedunkt notdurft
sein, gar oder ainstails so vil es sich zu ieden zeiten gepürt,
offenlich verlesen werden.