Auch allergnädigster kayßer undt
herr.
Verhoffe ich zu völliger beandtworthung dero allergnä-
digsten rescript von dem 20. Februarii, es werdten diesel-
be auß meiner allerunderthänigsten relation de 23. eius-
dem allergnädigst ersehen haben, auß was ursachen mir
ohnmöglich gewesen, mit der audienz bey dem sulthan, undt
der visiten bey dem gros vesier nach meinen gehabten
vorsatz, biß auff ankhunfft dero kay. resolution zuruckh
zu halten, undt daß ich wegen deß gewehr tragen indessen
alle zu haben möglich gewesene information eingezogen,
auch alle vorsichtigkheit gebrauchet, wordurch euer kay.
May. nichts praeindiciret wordten, wie sie dann auch
daraus erkhennet haben werdten, daß ich besser gethan,
ohne villes tractiren, oder praecantioniren (welches doch nicht
verfangen hette, noch angenohmen, sondern das werckh
dardurch nur schwährer gemachet wordten währe) gantz ohn-
vermelter, dasselbe, von selbsten zuruckh zu lassen.
Anbelangendt deß frantzösischen gesandten begebnus bey
seiner audienz, davon ist alles still, undt derselbe dato
nicht allein seith selber nicht mehr zu einer anderen ge-
khommen, sondern hatt auch, so vill ich vernehmen khön-
nen, bishehro kheinen türckhischen minister besuchet.
So vill aber die vormahlß allhier ermanglete praesenten
- 62v -
betrifft, da werdten euer kay. May. auß berührten
meinem leztern schreiben allschon allergnädigst vernoh-
men haben, daß ich von dem courrier Admiraldi die
überschickhte uhren (davon theills so übel zugerichtet
wordten, daß der uhrmacher mühe brauchen wirdt, selbe
alle repariren zu khönnen) wie auch die perspectiv wohl
erhalten, undt derzeith verhoffentlich kheine mehr nöthig
haben werdte, gestallten euer kay. May. khünfftig
über die mit allhehro gebrachte, annoch in deß cahsier
händten stehende so wohl, alß außgetheillte, eine orden-
tliche designation allerunderthänigst zugeschickhet werden
solle.
Besser währe freylich gewesen, wan anfänglich die notturfft
recht, undt durch von hiesigen hoff informirte leuth mehr
examiniret, undt auff einmahl alles überschickhet wordten,
nuhnmehr ist es aber eine geschehene sach, darahn ich kheinen
theill habe, darumben nicht gefraget wordten, wie dann,
wan man mich auch gefraget, ich gleichwohl damahlß eben
so wenig, alß andere, undt weniger, alß anietzo zu sagen
gewußt hette.
Wie ich allbereith vormahlß underthänigst
berichtet, so habe
bey der audienz deß sulthan, undt visita deß vesiers
beyden
- 63r -
beyden ihre, undt in das Serraglio die der sulthanin ver-
meinte überliefert, undt überschickhet.
Wehrenden rame-
san aber bey den übrigen Türckhen kheine
visita able-
gen, undt alßo auch bishero kheine praesenten
übergeben
khönnen, nach dem baieram aber, wie in meinem
heu-
tigem hauptschreiben angezogen, bin ich bey
dem muffti
undt vorige wochen, den 31. Martii bey dem caimecan
(der zugleich deß kayßers schwager durch
dessen rechte
zweybürthige schwester) gewesen, undt habe ihnen die ihrigen
selbsten zugestellet, dieser ist ein überauß
fein- undt
wackherer, auch freundt- undt höfflicher
mann, der mich
auch etwas civiler, alß beyde erste,
tractiret, indeme er
zwahr mich auch nicht an dem hauß, noch in
einem zimmer
empfangen, sondern in ein weitheres hinein
gehendes
schönes gemach, alß wo er sonsten, dem
vernehmen nach
anderen gesandten, undt fürnehmen leuthen
audienz gibet,
führen, alldahr seiner, wie der gros vesier, undt muffti
gethan, warthen lassen, sodann erst zu mir
dahin ge-
khommen, mich gahr höfflich gegrüßet, auch
mir die wahl
geben, zu ihm auff den sopha, oder auff ein 4
eckheten
stuhl zu setzen, welches erste ich auff sein
zweytes zu
muthen angenohmen, er hatt sich aber nicht in
das eckh zwi-
schen
- 63v -
schen der fenster, welches allhier für das
fürnembste orth
gehalten wirdt, wie andere gethan, sondern
etwas weither
gegen die mitte, undt negst an mich gesezet,
alßo, daß
ich dem schein nach mehr zu seiner rechten
handt, er
aber gegen dem fenster eckh, alß fürnehmeren
orth ge-
sessen. Auff meinen vortrag, welchen ich under
andern dahin
eingerichtet (alle consequentien zu
verhuethen) daß euer kay.
May. mir allergnädigst anbefohlen, ihn
alß einen so
nahen anverwandten des sulthan zu besuchen, undt die
praesent selbsten zu übergeben, der sich für
die kay. ge-
dächtnus, den grues, undt praesenten, gleich
die andere auch
gethan, bedanckhet, undt in genere
versichert, daß der
friedt türckischer seithen beständtig
gehalten werdten solle,
in übrigen wahr er in discurs gantz
freundtlich, fragte
mich undt discurrirete von allerhandt sachen,
underhielte
mich auch mehr, alß eine halbe stundte, gabe
mir über den
eingemachten zuckher cavé, das schmeckhende
wasser,
undt ambra rauch (so alle andere eben mässig
gethan)
auch einen thee, so ich alles mit trinckhen
müssen, bey
dem abschiedt stundte er auff, ginge ein paar
schritt von
seinem sitz (welches der anderen kheiner
gethan, sondern
sitzen blieben, alß wan sie angenaglet
gewesen) ließe
mich
- 64r -
mich endtlichen durch alle zimmer, den saal,
dessen bad,
undt gartten, seines sehr schönen hauß führen,
undt alles
zeigen, leztlichen auch, weillen selbes an dem
canal si-
tuiret, mich in seinem kaig, oder gondola, mit
seinen aige-
nen leuthen biß disseiths deß canal an Meitz Scelte füh-
ren. Seith deme, weillen inmittelst die
abferttigung dieses
courrier entzwischen khommen, habe ich kheinem weithers
einige visiten gegeben, werdte auch forthin
kheinen mehr
visitiren, noch die praesenten selbsten
überbringen, umb
selbe nicht zu gemein- sondern zwischen
diesen, bey denen ich
gewesen, undt denen anderen, einen
underschiedt zu machen, undt
bin willens, dem effendi seine ehister tagen, wo nicht gahr
noch heuth, nach abgeferttigten courrier zuzusendten, mit
deme ich bißhehro kheine gelegenheit haben
khönnen, anderes zu reden,
alß blos ihn allein bey der audienz des sulthan, undt vi-
sita des gros vesier zu complimentiren, ohnwissendt, ob
der Mauro
Cordato (welcher doch das gantze contrarium con-
testiret, undt sich anstellet, alß wan er
unser zusammen-
khunfft auff alle weiß zu procuriren suche)
selbe verhindert,
damit ihme alles negotium in händten bleibe,
ich habe al-
les angestellet, undt vermeinet, es dahin zu
bringen,
damit er mich oder privatim, oder publice zum
ersten visitiren
- 64v -
solle. Ich werdte aber so wohl von denen
hießigen beyden
mediatoribus, alß
anderen versicheret, daß, ob er schon gehrn
wollte, undt mit mir zusammen zu khommen
verlanget,
doch die erlaubnus niemahlen erhalten werdte,
zu
mir khommen zu dörffen, weillen es allhier nie
ge-
bräuchlich, undt nie geschehen, obschon die
reis effendi
niemahlen in solchen ansehen, undt posto, das
ist, in
dem gouverno mit gewesen. Daß ich alßo nicht
weiß, wie
mich verhalten solle, nachdeme mir ohnmöglich
scheinet,
ohne seiner etwas importantes ahn- oder
durchzubringen,
alldieweillen durch ihn alle expeditionen
gehen, undt ich dem
Mauro
Cordato sonderlich in religions sachen, undt deren gei-
stlichen angelegenheiten nicht trauen darff,
undt er nicht
allein ist, wie er ist, wie er ohne dem zu
Wienn bekhannt,
sondern ein griech, deren kheiner von allen,
denen catho-
lischen holdt, auch wenig derselbigen, euer
kay. May.
getreu, sondern denen türckhen mehr zugethan,
allermassen
mir nicht nur allein der englische undt holländtische, sondern
so gahr auch der venezianische pottschaffter verschidentlich
klagen, was sie mit ihren dollmätschen,
welche alle grie-
chen, hier gebohren, gesessen, undt ad dies
vitae stabi-
liret, ja bey einen manchen schon ihre gantze
familie
darauff
- 65r -
darauff gewidtmet (welches sie summe
improbiren, aber
nicht enderen khönnen) für gefahr, undt
ohngelegenheit
haben, undt kheinem recht trauen darffen, daß
selbe
ihrer herrn interehse denen Türckhen, wo nicht
verkhauffen,
wenigst dieselbe nicht tradiren, oder
verrathen. Daß alßo
euer kay.
May. wohl ursach haben, sich auch von der-
gleichen leuthen, ohne allerunderthänigstes
mas geben,
zu hüethen, vorzusehen, undt zu solcher
function einen an-
dern dero getreuen underthanen zu nehmen, der
zugleich der
hiesigen sprach khundtig, undt sich dieß
orths kheines grie-
chen behelffen, noch damit in gefahr geben
darff, von denen
selben auch
verkhaufft, oder verrathen zu werdten. Gestallten
ich niemahl kheinen besseren weiß, alß den,
welchen
euer kay.
May. ich schon öffters allerunderthänigst
zu recommendiren, mich understandten, undt
hiermit noch ein-
mahl umb so vill mehr mit dero gnädigsten
erlaubnus
understehe, alß er sich allhier durch das,
daß ich ihn in allen
sachen, undt vorfallenheiten gebrauche, undt
er dardurch
in allen interehse euer kay. May. informiret wirdt,
alßo bey allen vornehmen ministris, undt dem
vesier selbst
auffgeführet, daß er überall einen freyen
accehs hatt, undt
angenohmb wordten, womit ein anderer lange
zeith zu thuen
- 65v -
haben, undt villeicht solches niemahlen
erlangen, ihme auch
darzu die introduction ermanglen wirdt.
Weillen dann
bey solcher beschaffenheit, undt gemelter
massen, ohne parti-
cular zusammenkhunfft mit dem effendi, ich mir nichts impor-
tantes zu thuen getraue, indeme, wan sich auch
die gelegen-
heit in tertio loco ergeben würdte, mit ihme
reden zu khön-
nen, ich daselbsten doch ein undt anderes
durch meinen doll-
mätsch nicht fürtragen lassen khönnen,
sondern der Mau-
ro Cordato jeder zeith darbey seyn,
undt einen interpreten
abgeben wollen würdte, wormit ich meine
intention nicht
erreichet, verhoffe alßo in underthänigkheit,
euer kay.
May. werdten es nicht improbiren,
weniger in ohngnaden
nehmen, wan ich, wie dann darzu gemüssiget,
ein übriges
thuen, undt ihme, ohne daß er zu mir khomme,
in privato
et all' incognito, undt für mich selbsten,
auch ohne einige
ceremonie, oder verlangen des extra
tractament, besuche,
mich hiesigem gebrauch conformire, undt bey
ihm mit
solcher occasion euer kay. May. interehse beobachte,
zumahlen an anderen höffen auch nichts neues,
daß frembde
ministri, oder auch wohl große herrn selbst,
cantzler, undt
gahr secretarien besuchen, bey ihnen dero
herrschafften, oder
eigenes interehse sollicitiren, undt ihnen
offt mehr, alß deren
souvrainen
- 66r -
souvrainen selbsten auffwarthen, undt guette
worth geben müeßen.
Belangendt die allhiesige so wohl publique,
alß privat sclaven,
da hatt sich mir zeithehro der große zulauff,
weillen die Türckhen
selbe mit gewaldt, undt üblen tractament
abhalten, etwas ge-
stellet, undt auch der Türckhen
beschwährnussen dagegen ge-
mindert, doch lassen es die arme leuthe nicht
gahr, sondern
khommet dann undt wan einer heimblich
eingeschlichen,
massen deren bey die 230 täglich ernehren
mues, welchen ich
nicht weiß, wie selben helffen, ob sie
verjagen, undt verstossen
am aller wenigsten, wie sie endtlichen
forthbringen, oder
salviren solle, weillen mir die mittel
manglen, selbe alle los
zu machen, ihre herrn zu bezahlen, undt sie
damit zu er-
ledigen. Zu deren allein, welche hin undt
wider auff den par-
ticular geleeren sich auffhalten, undt
meistens euer kay.
May. underthanen, undt geweste
soldaten seindt, erledi-
gung, sollen nach eines gewissen Jesuiten
aussag pater
Jacob genanndt, einen in den anderen
nur pro 100 undt 120
reichsthaler gerechnet, wenigst 60.000
reichsthaler erfordert werdten.
Die auff 3 monath entlehnte 3.000
Reichsthaler (davon einer schon zu
endt geloffen) undt was der pater Trinitarius (der zwahr
ein ehrlicher guetter christ, undt
religiosus, auch in diesem
christlichen werckh eyffrig, ich aber
wuntschete, daß er
- 66v -
ein ansehentlichere persohn, undt ohne
nachtheill zu melden,
mir bessere, undt tractablere manier hette)
für gelder
gehabt, ist bereiths außgangen, undt nichts
mehr davon
übrig, derowegen einmahl eine erkleckhliche
furderlich hülff höchstnöthig,
darumben ich
allerunderthängist hiermit bitte, sonderlich die
gemachte schuldt zu bezahlen, undt die leuth,
so auff den
schiffen, welche vor Georgi noch von hier abfahren werdten,
salviren zu khönnen, die sonsten alle
verlohren gehen.
Mit obigen geldt habe ich über die jenige
gefangenen, welche
von Ruschickh hinweg geschickhet wordten, mehr nicht alß etlich
80 persohnen, undt diese mit harter mühe
erledigen khönnen.
Werden alßo euer kay. May. hocherleucht allergnä-
digst ermessen, in was standt ich bey
solcher beschaffen-
heit mich befindten thue, undt wie ich es
machen solle, dann
wan (wie man mir beständtig die hoffnung
gibet, aber
auch alles wegen nicht habender
communication, oder zusammen-
khunfft mit dem reis
effendi steckhen bleibet) die kay.
gefangene los gelassen werdten sollen, wovon
wirdt ein
undt anderer zu kleyden? Undt wie die arme
elendte leuthe
zu curiren? Zu erhalten? Und wie forth zu
bringen?
Negst deme, allergnädigster kayßer undt herr, habe ich
noch einen anstandt, nemblichen, daß,
nachdeme der ra-
gusische
- 75r -
gusische gesandte mich
vor einigen wochen visitiret (welchen
ich auff der halben stiegen empfangen, undt
die oberhandt
weder in meinem zimmer, noch in gehen, nicht
gegeben, weillen
seine republique under euer kay. May.
protection stehet)
ob auch ihn wider revisitiren solle? Ich habe
es biß dahehro derent-
wegen dihsimuliret, undt underlassen, undt
er, so vill ich
weiß, dato
nicht geandtet. Bitte alßo umb eine allergnädigste
verordtnung hierüber. Er ist sonst in grosen
sorgen, es möch-
te die republique von Venedig, mit derer hiesiges
gouverno,
eben wegen
der seinigen, in der differenz, wovon hiermit ein spe-
cies facti
beygeschlossen wirdt, allhier etwas zu deren prae-
iudiz erhalten, undt ruffet so wohl er, alß
jener mich umb
hülff undt beystandt an, daß ich auch nicht
wohl weiß, was
in sachen zu thuen, geschehete mir alßo auch
dißfalls eine
gnade, wan
euer kay. May. mich darüber allergnä-
digst beorderen wollten, umb kheinen wider
dero allergnädigste
intention etwas ab- oder beyzulegen.
Beynebens allergnädigster kayßer undt herr, verhalte
hiemit in underthänigkheit nicht, daß ich
vernimme, alß sollten
die tractaten mit hiesiger
Porten, undt den Moscowittern
auff den
schluss stehen, ein armistitium von gewissen jahren
prorogiret, Ahsak
denen Moscowittern gelassen, hingegen die
- 75v -
zwey strittige castellen an dem
Boristhene[1]
demoliret, denen
Tartaren hingegen einige meill weegs von dem
Schwartzen
Meer, gegen dem Boristhene, ein orth zur
pahsage vergün-
stiget werdten, die mehrere gewißheit, undt
particularia,
verhoffe ich mit negster occasion zu
erfahren, undt aller-
underthänigst zu überschreiben, weillen
darfür gehalten wirdt,
daß sie nuhnmehr mit einander in formierung
der articul begriffen.
Sie Moscowitter seindt bishehro so eng
gehalten wordten,
daß sie weder zu mir, noch den englischen oder holländtischen pott-
schaffter, noch jemandt zu ihnen
khommen dörffen, ob sie
nach schließung obiger conditionen mehrere
freyheit bekhom-
men werdten, wirdt die zeith geben.
Thue euer kay. May. anmit auch allerunderthänigst
berichten, daß der pohlnische pottschaffter zu Silivrea sich be-
findet, undt nach Ostern allhier seinen
einzug haben wirdt,
übrigen ist es mit dem sulthan wider besser, der sich den
tag meiner audienz, weillen er von dem landt
darzu
allher in das serraglio starckh geritten,
anfänglich er-
hitzet, hernacher aber, weillen er sich
nicht mutiret, erkall-
det, davon ein catharr, undt endtlichen gahr
einen an-
stos von fieber bekhommen, undt sich über 14
[tag] zu hauß
gehalten, die Türckhen wahren derentwegen,
sonderlich sein
frau
- 76r -
frau
zimmer in großen sorgen, haben dem medico, der ihn
curiret, über 500 beuttel geldt
zur danckhsagung, daß er
ihn curiret, verehret, womit mich zu kay.
huldten undt
gnaden empfehle.
Eure rom. kay. May.
allerundterthanigst
gehorsambster
Wolff g. z. Öttingm. p.
Constantinopel in Pera,
den 6. Aprilis 1700 .