Zitiervorschlag: Anonymus (Hrsg.): "IV.", in: Leipziger Spectateur, Vol.2\004 (1723), S. 75-83, ediert in: Ertler, Klaus-Dieter / Doms, Misia Sophia / Hahne, Nina (Hrsg.): Die "Spectators" im internationalen Kontext. Digitale Edition, Graz 2011- . hdl.handle.net/11471/513.20.2561 [aufgerufen am: ].


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IV.

Zitat/Motto► Opinionum Commenta delet dies, naturæ judicia confirmat. ◀Zitat/Motto

Cic. de Nat. Deorum.

Zitat/Motto► Jetzt denckt die gantze Welt, ietzt raisonniren alle:
Dem einen träumt zugleich, der andre wacht dabey:
Dem thut mans zum Verdruß und jenem zu Gefalle:
Hier pfeifft mans nur für sich, dort sagt mans ohne Scheu:
[76] Wer wird das Wahre nun für dem Gedichte finden?
Nur stille! Witz, Gedult und Fleiß muß bey uns seyn.
Die Zeit macht, daß der Dunst des Jrthums muß verschwinden,
Und baut die Wahrheit fest auf Ertz und Marmorstein.
◀Zitat/Motto

Ebene 2► FOlgendes ist aus dem Frantzöischen eines berühmten vornehmen Geistlichen übersetzet, und weil es, seiner Artigkeit wegen, dem grossen Leibnitz in Hannover sehr wohl gefallen, so habe vermeynet, es sey nicht unrecht, wenn ich es meinen Lesern mittheilte, da es nicht eben in iedermans Händen. Jch dencke dabey: Quilibet suo sensu abundat, und die Leser mögen auch so dencken:

Ebene 3► Allegorie►

Die Historia von Bileam, . B.

Mosis am 22.

Als die Jsraeliten unter der Anführung Mosis aus Egypten gezogen waren, kamen sie an die Gräntze der Edomiter, und verlangten den Durchzug in das gelobte Land, durch der Edomiter ihr Land. Allein die Edomiter wolten ihnen selbigen nicht verstatten, sondern setzten sich so starck zur Wehr, daß Moses für gut befand, für ihr Land vorbey zu gehen. Nun war dieses zwar eine lange Reise, doch diente sie dazu, daß das Volck recht ausgehärtet und behertzt würde. Denn sie verstörten unter wegens etliche kleine Königreiche, als Arad, Heßbon und Basan. Nach diesen kamen sie an die Gräntzen der Moabiter, worüber Ba-[77]lac der Moabiter König und zugleich die Midianitischen Fürsten also erschracken, daß sie den berühmten Wahrsager zu der Zeit, den Bileam, der gegen Morgen in dem Aramitischen Gebürge wohnete, welches einige vor Armenien halten, zu sich kommen liessen. Dieser solte kommen, und die Kinder Jsrael von dem Moabitischen Gebürge in Augenschein nehmen, damit er sie verfluchen möge, oder dergleichen Lieder und Gebethe wider sie herbethen, die nach der gemeinen Meynung damahliger Zeit ein Volck unglücklich machen könten. Bileam hielte auf Träume, und richtete sich darnach, also bat er die Boten, daß sie warten möchten, was ihm die Nacht etwa entdecken würde, doch war sein Traum so, daß er meynte, GOtt verböte ihm zu thun, was man von ihm verlangte, demnach kehrten die Leute wieder um, und Balac schickte noch grössere Fürsten, die dem Bileam noch mehr anliegen solten. Bileam erhohlte sich nochmahls Raths bey der Nacht, und GOtt sagte ihm, er könte zwar mit reisen, solte aber nichts vornehmen, als was ihm befohlen würde, das ist, er hatte einen Traum, welchen er so auslegte nach seiner Traum-Deuterey, also reisete er des andern Tages mit den Moabitischen Fürsten. Unter wegens hatte er ein anders Gesichte, das ihn zuvor andeutete alles, was ihm begegnen würde, und dieses war die Erscheinung der Begebenheit, da seine Eselin redete, und er einen Engel, oder Boten des HErrn antraff.

Es ist wahrscheinlich, daß dieses Gesicht auch ein Traum gewesen. Denn die Reise dauerte [78] ohne Zweiffel etliche Tage. Also dachte Bileam des Nachts auf seinem Lager (welches gar natürlich ist,) daß er aufm Wege wäre, ritte auf seiner Eselin, und die Eselin wolte nicht fort, und so weiter. Denn des Tages reisete er mit den Moabitischen Fürsten, aber bey diesem Gesichte war nur seine Eselin und seine zween Knaben mit ihm, er satzte auch nachgehends seine Reise in Gesellschafft der Moabiter nach diesem Gesichte fort, und dieser unterschiedene Umstand giebt zu erkennen, daß es ihm nur so gedaucht habe, als wenn er reisete, da er allein gereiset. Jn dem Texte steht nichts, welches mit dieser Erklärung stritte, und der Umstand den ich bemercket, bestärcket selbige gar sehr. Dabey erwege man, daß ihm GOtt erlaubet habe mit zu reisen, . 20. und doch steht kurtz darauf . 22. daß GOtt deßwegen über ihn ergrimmet, nehmlich Bileam hatte nicht aufrichtige Absichten, und ließ ihm einkommen, dem Balac, der ihm so grosse Versprechungen that, zu Gefallen zu leben. Dahero weil er so verwirret war in seinem Gemüth, und zugleich ein böses Gewissen hatte, kam es, daß er im Gesichte den Engel oder Boten des HErrn mit einem blossen Schwerd sahe, der ihn drohete umbzubringen, in der That aber war dieses Gesichte eine Vorbedeutung alles dessen, was ihn nachgehends betroffen. Und es scheinet, als wenn Moses dieser Ursache wegen dasselbe Gesicht mit aufzeichnen und beybehalten lassen.

Es scheinet daß in diesem allegorischen Gesichte unter der Eselin Bileam selbst vorgestellet wer-[79]de, welcher vom Balac getrieben wird, als die Eselin von ihren Herrn getrieben wurde, fort zu gehen. Die Eselin war wie der Prophete, denn sie sahe den Engel des HErrn dem sich wieder setzen, was man von ihm verlangte, aber der sie trieb, sahe ihn nicht, darum bildet dieser den König Balac für, welcher von dem Willen und Vorhaben GOttes nichts wuste. Die Eselin, da sie sahe, was ihr im Wege stand, wegerte sie sich, wie der Prophete, etwas vor zu nehmen wieder den Göttlichen Befehl, sie wird deswegen übel tractiret und bedrohet von ihrem Herrn, wie der Prophete von dem König der Moabiter. Die Bemühungen der Eselin aus dem Wege zu weichen, aus Furcht vor dem Schwerdt des Engels, bezeichnen, daß der Prophete aus Furcht vor GOttes Zorn thun werde, was Balac nicht verlangte, und an statt des Fluchs den Seegen austheilen. Wenn die Eselin dem Engel zu weichen, ihres Herren Fuß an die Seite im hohlen Wege geklemmet, so bedeutet das, daß der Prophete den König ungemein beleidigen, und zum Zorn wieder sich reitzen werde, da er bey dem dritten Opffer (welches man nicht leicht übergieng, damit die GOttheit nicht zu sehr incommodiret würde) sich nicht mehr halten konte, dem König seine teutsche Meynung zu sagen. Endlich redet die Eselin, und ihrem Herrn werden die Augen geöffnet, daß er den Engel siehet. Dieses bedeutet, daß der Prophete endlich dem König seine Meynung rund heraus zu verstehen geben, und ihm die Augen öffnen werde, da er ihm angedeutet, daß seine Verwünschungen [80] unnütze wären, indem GOtt das Volck segnete, welches er verfluchen solte. Unterdessen zeiget dieser prophetische Traum zugleich den Zorn des HErrn wieder Bileam und die Drohungen des Engels mit dem blossen Schwerdt welches ebenfalls erfüllet worden. Ein Engel heist ein göttlicher Bote und abgeordneter. Dieser Engel hier mit dem blossen Schwerdte, bedeutet den Pineas des Hohen-Priesters Sohn, welcher den Bileam umbringen ließ. . B. Mos. 31. v. . . Denn Bileam führte sein Wahrsager Handwerck nicht recht listig, er meinte dem Göttlichen Willen wäre schon eine Genüge geschehen, wenn er seinen Fluch in einen Seegen verwandelt hätte, sonst könte er schon die Person eines Propheten, der im Nahmen des HErrn redete, in etwas beyseite legen, und sich wie ein andrer Mensch aufführen, auch dem Könige, als ein Politicus, solche Einschläge geben, die den Kindern Jsrael zum grösten Schaden gediehen wären, wann nicht Moses von einem höhern und göttlichen Geist getrieben dawieder gute Ordnung, dem Göttlichen Willen gemäß, gestellet hätte, und auf diese Weise gedachte Bileam des Königs Geschencke zu erschnappen, und sich wiederum bey ihm zu insinuiren. Der Rath welchen Bileam dem Balac vor seiner Abreise gab, und worauf er ihn vertröstet hatte, Cap. 24. v. 14. war dieser (wie solches aus dem Cap. 31. v. 16. erhellet) man solte ein grosses Fest machen dem Baal Peor zu ehren dem GOtt der Midianiter. Dazu solte man die Jsraeliter invitiren die sich in der Nachbarschafft aufhielten, [81] ihnen güttlich thun, und sie durch die artigen Mädgens, welche zum Vorschein kommen würden, verführen, Cap. 25. Balac und Bileam dachten, dergleichen Sünden- und Götzen-Dienst würde die Kinder Jsrael ihrer Schatz-Götter berauben, und sie den Göttern ihrer Feinde unterwürffig machen. Denn die Heyden glaubten, es wäre unter denen Göttern der Völcker ein solcher Handel, als unter denen Völckern selbst. Ausser dem wolten sie auf diese Weise einen Theil der Jsraeliten auf ihrer Seite und unter ihnen selbst also zur Uneinigkeit bringen, oder sie weich und weibisch machen, nachdem sie durch so langes reisen und kriegen gantz ausgehärtet wären. Aber Moses, weil er sahe, was daraus entstehen könte, ließ die vornehmste von denen, die sich dem unordentlichen Leben ergeben hatten, aufknüpffen, das Volck zu versöhnen, und befahl zugleich denen Richtern, Cap. 25. v. . die Schuldigen umzubringen. Auch Pineas, Aaarons Enckel und des Hohen-Priesters Eleasers Sohn, ein junger munterer Mensch, da er seines Vetters Absicht merckte, gerieth er in einen Eyfer, welcher seinem herkommen und priesterlichen erblichen Würde nicht unanständig war, und da er sahe, daß ein Fürst der Simeoniter, nemlich Simri, der Sohn Sallu, eine Midianitische Printzeßin, Cosbi die Tochter Zue besuchte, gieng er ihnen nach, und da er sie bey einander liegend fand, erstach er sie beyde auf eine solche Art, daraus man leichtlich ihr böses Vorhaben schliessen konte. Also kamen viel Jsraeliten um in dieser Unruhe, und durch dieses Söhn-Opffer wurde der Zorn Got-[82]tes wieder sein Volck gestillet. v. . Doch die Midianiter, als Urheber dieses Unglücks, musten auch den Zorn GOttes fühlen, v. 17. 18. Und das geschahe einige Zeit nach her cap. 31. da Moses seine Zeit ersahe, und die Feinde durch 12000. gute Soldaten, unter der Anführung des Pineas, in ihrem Lande überfallen ließ, diese arme fünff Midianitische Fürsten, und selbst den Bileam, welcher allen Ansehen nach von neuen ins Land gelocket war, durch die Geschencke und Ehren-Bezeigungen des Balacks und der Midianitischen Fürsten zu erwürgen. Alle mit einander waren mit dem glücklichen Ausschlag des Raths, so Bileam gegeben hatte, wohl zu frieden, ohnerachtet er den Kindern Jsrael so nachtheilig gewesen, und dem Rathgeber selbst nachgehends das Leben kostete, der dadurch demjenigen, was er in seinem eigenen Gewissen vor den Willen GOttes hielte, zuwider gelebet.

Es scheinet, daß Moses, als ein grosser Staats-Mann und Prophete zugleich, den Bileam vor einen so grossen wichtigen Wiedersacher gehalten, daß er auch sein Gedachtniß auf die Nachkommen fortzupflantzen gewürdiget, da er doch sonst die beyden Ägyptischen Zauberer, Jannes und Jambres nicht genennet, deren Nahmen von andern aufgezeichnet, und denen Griechen nicht unbekannt gewesen, wie aus einem Orte im Plinio erhellet.

Es ist eine artige Stelle zu ende in der letzteren Propheceyung des Bileams, daraus man meynen solte, daß er doch zuweilen vom Geist GOttes ge-[83]trieben sey. Denn es ist, als wenn er die Ankunfft des grossen Alexanders im Orient, und die Zerstörung des Reichs, so die Assyrier vor dem und hernach die Persier beherrschet haben, vorher gesagt hätte. Denn er spricht, (wenn er anders selbst diese Propheceyung gethan) Es würden einmahl Schiffe aus Chittim kommen, das ist, aus Griechenland und nicht aus Jtalien (wie einige wollen die es auf die Römer deuten) und daß diese neuen Ankömmlinge verderben würden Asser und Eber. Denn Asser bedeutet die Assyrier und Eber die meisten benachbarten Völcker. Deswegen wird Gen. 10. v. 21. Sem ein Vater aller Kinder von Eber genennet. Und damit man sehen soll, daß es auf Alexandrum M. gehe, so wird hinzu gesetzet, daß der Anführer derer aus Chittim, nachdem er den gantzen Orient umgekehret, auch selbst bald umkommen werde. ◀Allegorie ◀Ebene 3 ◀Ebene 2 ◀Ebene 1