Grazer didaktisches Textportal zur Literatur des Mittelalters

Auszüge aus Prolog und Epilog
[1] Den guoten wîben sî genigen
[1] Den edlen Frauen gebührt meine Verbeugung,
von mir, swie sî mich doch verzigen
obwohl sie mir schon oft
nâch dienest ofte ir lônes hânt.
den Dienstlohn vorenthalten haben.
her, waz si tugent doch begânt!
Bei Gott, wie viel Tugend sie doch bewirken!
der werlde heil gar an in stât.
An ihnen allein hängt alles irdische Glück.
ich wæn, got niht sô guotes hât
Meiner Ansicht nach kann Gott nichts Besseres schenken
als ein guot wîp – daz ist alsô.
als eine ehrsame Frau – es ist einfach so.
Daher wird sie zu Recht gepriesen.
[2] Man muoz mirs jehen, wan ez ist wâr,
[2] Man wird mir zustimmen müssen, denn es ist wahr,
daz wîbes güete niemen gar
dass die Herzlichkeit einer Frau von niemandem
volloben an ein ende mac.
für alle Zeiten hinreichend gerühmt werden kann.
ir lop sich breitet als der tac.
Ihr Ruhm reicht so weit wie das Tageslicht.
endet sich der sunnen schîn?
Wo endet denn der Sonnenschein?
swer mir daz ûf die triwe sîn
Dem, der mir das überzeugend
kan gesagen, dem muoz ich jehen,
darlegen könnte, müsste ich zugestehen,
daz er vil verre hab gesehen. […]
dass er äußerst weitblickend ist. […]
[1845] Ir sult gelouben mir für wâr:
[1845] Ihr mögt mir ehrlich glauben:
ich was driu unde drîzic jâr
Schon dreiunddreißig Jahre lang
hatte ich würdig dem Ritterstand angehört,
dô man ditz buoch hôrt niwez lesen,
als erstmals aus diesem Werk vorgelesen wurde,
alsô daz ichz voltihtet gar.
kaum dass ich es vollendet hatte.
nu nemen die vrowen drinne war,
So können die Damen nun darin bestätigt finden,
ob ich gesungen und geseit
wie ich in Wort und Ton
dar inne iht habe ir werdecheit.
ihre Ehrsamkeit darstelle.
[1846] Achtundfünfzig Weisen habe ich
gesungen: die stânt hier an.
gesungen: Die sind hier alle festgehalten.
dar inne sô hât sich mîn lîp
Ich habe mich dabei
geflizen vil, daz ich guotiu wîp
redlichst bemüht, die ehrsamen Frauen
hân gelobt reht als ein man,
als jemand zu preisen,
der in wol aller êren gan
der ihnen volle Wertschätzung bezeugt
und der ir hôhe werdecheit
und ihr hohes Ansehen
mit triwen gerne machet breit. […]
hingebungsvoll verkündet. […]
[1848] Mîn heil sî vor der hoehsten hant
[1848] Vor dem Höchstrichter beeide ich
ze einer wârheit des mîn pfant,
wahrheitsgemäß bei meinem Leben,
daz ich ditz buoch getihtet hân,
dass ich dieses Werk gedichtet habe,
daz michs mîn vrowe niht wolt erlân.
weil es meine Herrin unbedingt wollte.
diu reine, süeze gebôt ez mir:
Die Keusche, Liebliche verlangte es:
hie mit hân ich gedienet ir.
Und ich habe ihr damit gedient.
und getorst ich sîs verzigen hân,
Hätte ich es wagen dürfen, ihr abzusagen,
sô wær ez von mir ungetân.
so hätte ich es lieber nicht verfasst.
[1849] Ich weiz wol, daz ez missestât,
[1849] Mir ist bewusst, wie unvorteilhaft es wirkt,
daz mîn munt von mir selben hât
dass ich mit meinem eigenen Mund über meine
getihtet ritterlîche tât:
ritterlichen Taten gedichtet habe.
dô moht ôt ichs niht haben rât,
Aber es gab da keinen Ausweg,
wan michs betwanc vil grôziu nôt,
denn mich nötigte dazu ja der ausweglose Umstand,
daz mirz diu vrowe mîn gebôt.
von meiner Herrin dazu den Auftrag zu haben.
swaz sî gebiutet, des sol ich
Was immer sie gebietet, habe ich
mit triwen immer flîzzen mich.
treu und ergeben auszuführen.
[1850] Ditz buoch sol guoter wîbe sîn:
[1850] Dieses Werk sei den ehrsamen Frauen gewidmet:
in hât dar an die zunge mîn
Für sie hat darin meine Zunge
gesprochen vil manic süezez wort.
so manch schmeichelhaftes Wort gesprochen.
ez sol reht sîn ir lobes hort:
Zu Recht soll es ihnen ein lobpreisender Schatz sein:
ir lop kann dran wol stîgen hô,
Ihr Ruhm möge darin lichte Höhen erklimmen
ez sol si vil oft machen vrô.
und sie mögen stets aufs Neue Freude daran haben.
VROWEN DIENST ist ez genant:
„Frauendienst“ heißt es:
dâ bî sô sol ez sîn bekannt.
Unter diesem Namen soll es sich verbreiten.
Lied 38
Ein weiteres Reiselied
Eren gernde ritter, lât iuch schouwen
Ehrbeflissene Ritter, zeigt euch unter eurem Helm
under helme dienen werden frouwen.
den angesehenen Damen dienstbeflissen!
welt ir die zît vertrîben
Wenn ihre eure Zeit
ritterlîch, êren rîch
ritterhaft zubringt, ehrenvoll,
wert ir von guoten wîben.
so gewinnt ihr durch edle Frauen an Wert.
Ir sult hôchgemuot sîn under schilde,
Unter dem Schild solltet ihr euch hochgemut geben,
wol gezogen, küene, blîde, milde.
manierlich, entschlossen, freudvoll, entgegenkommend.
tuot ritterschaft mit sinnen
Übt eure Ritterschaft mit Umsicht aus
und sît frô, minnet hô:
und seid fröhlich, strebt nach hoher Minne:
sô mügt ir lop gewinnen.
Dann könnt ihr Ansehen erlangen.
Denket an der werden wîbe grüezen,
Bedenkt, wie süß sich der Gruß edler Frauen
wie sich daz kan guoten friunden süezen.
zwischen Freunden anfühlt.
swen frouwen munt wol grüezet,
Wer aus Frauenmund freundlich gegrüßt wird,
derst gewert swes er gert:
der erhält, wonach er strebt:
sîn fröide ist im gesüezet.
Seine Freude wird ihm versüßt.
Swer mit schilt
Wer sich durch seinen Schild
sich decken wil vor schanden,
vor Schande bewahren will,
der sol ez dem lîbe wol enplanden.
muss dies seinen Körper mühevoll spüren lassen.
des schildes ampt gît êre.
Der Ritterdienst verleiht Ansehen.
imst bereit werdekeit:
Es winkt Würde,
si muoz abr kosten sêre.
doch will diese hart verdient sein.
Manlîch herze vindet man bî schilde:
Beim Schild findet man mannhafte Herzen:
zeglîch muot muoz sîn dem schilde wilde.
Unentschlossenheit passt nicht zum Schild.
gein wîben valsch der blecket,
Wenn jemand gegenüber Frauen unaufrichtig ist,
swer in hât, an der stat
so wird dies dort bloßgestellt,
dâ man mit schilden decket.
wo man sich mit Schilden schützt.
Tuo her schilt: man sol mich hiute schouwen
Her mit dem Schild: Man möge heute sehen,
dienen mîner herzenlieben frouwen.
wie ich meiner herzliebsten Dame diene!
ich muoz ir minne erwerben
Entweder gewinne ich ihre Zuneigung
unde ir gruoz, oder ich muoz
und ihren Gruß, oder es führt mich
gar in ir dienst verderben.
der Dienst an ihr ins Verderben.
Ich wil sî mit dienste bringen inne
Durch meinen Dienst werde ich sie überzeugen,
daz ich sî baz dan mich selben minne.
dass ich sie mehr als mich selbst liebe.
ûf mir muoz sper erkrachen.
Speere sollen auf mir zersplittern.
nû tuo her sperâ sper!
Herbei Speer um Speer!
des twinget mich ir lachen:
Dazu nötigt mich ihr Lachen,
daz kan si süeze machen.
welches sie so anmutig zeigt.