Grazer didaktisches Textportal zur Literatur des Mittelalters

Sterbegedicht
Ain sunder, do der sterbn solt,
Als einmal ein Sünder sterben musste,
als wie es got von himel wolt,
so wie Gott im Himmel es bestimmt hatte,
do cham der teufel nach der sel
verlangte der Teufel die Seele
recht alczehant gar wundersnell.
augenblicklich in unfassbarer Eile:
Hanc animam posco, quam plenam crimine nosco!
Auf diese Seele habe ich Anspruch, denn ich weiß, dass sie voll Sünde ist!
Er sprach: dew sel ist pilleich mein
Er sprach: „Diese Seele gehört rechtmäßig mir
vnd sol mit mir verdambt sein,
und sie soll mit mir verdammt sein,
wenn zwar sy ist der sundn vol,
denn sie ist wahrhaftig voll Sünden,
das wais ich ausdermasn wol.
wie ich ganz sicher weiß!“
Ain engel dacz denn haubtn sas,
Ein Engel saß dort zu Häupten (des Sterbenden).
der sprach do czu dem Sathanas:
Er sprach nun zum Satan:
Hic si peccavit nece pressus opem rogitauit.
Selbst wenn dieser (Mensch) gesündigt hat, so hat er doch in der Todesnot um Hilfe gefleht.
Non habes hic quidquam, recede, velissime, nequam!
Du hast hier nichts zu fordern: Weiche, schändlicher Nichtsnutz!
Ey hat der mensch icht sunden pegangen,
„Ja, auch wenn der Mensch Sünden begangen hat,
daruber hat er rew emphangen
so hat er doch darüber Reue empfunden
vnd hat vmb gottes hilf gepetn,
und um Gottes Hilfe gefleht,
das er nicht werd von dir getretn.
damit er nicht von dir bedrängt werde!“
Der sunder gar vil hart ercham,
Der Sünder erschrak gar heftig,
do er des veints red vernam.
als er die Worte des bösen Feindes hörte.
Er macht der sundn nicht gelaugn
Er konnte seine Sünden nicht leugnen,
vnd ward auch wenkchn pede augen
richtete jedoch seine Augen
hin zw der mueter ihesu christ
hin zur Mutter Jesu Christi
vnd sprach czu ir, als man do list:
und sprach zu ihr, wie man liest:
O spes in morte, me salua, Mariam precor te!
O Hoffnung im Tod, rette mich, Maria, ich bitte dich!
Maria, hofnung in dem tad,
„Maria, Hoffnung in der Todesstunde,
nu siech an heut mein grasse nat
schau herab auf meine große Not, in der ich mich heute befinde,
vnd hilf mir, das ich werd gehailet
und hilf mir, dass ich gerettet
vnd mit dem veint nicht werd vertailet,
und nicht mit dem Feind gemeinsam verurteilt werde,
der mich laider oft hat petrogen
der mich leider oftmals getäuscht
vnd zu den sundn hin geczogen.
und zu Sünden verführt hat:
Das ist mir laid von ganczm herczn.
Das tut mir von ganzem Herzen Leid!
Nu hilf mir heut aus meinem smerczn,
Nun hilf mir heute aus meiner Not,
wenn du pist der genadn vol,
denn du bist voll Gnade,
als yeder man gelaubn sol.
wie jeder Mensch wissen sollte!“
Recht alczehant nach dem gepet,
Nun hört, was unsere liebe Frau
nu hort, was vnser fraw do tett.
unmittelbar nach diesem Stoßgebet tat:
Sy ward den ihesum christ ansechn
Sie blickte Jesus Christus an
vnd czu dem also gehen.
und ging zu ihm hin.
Hanc, quia suxisti, fili, veniam precor isti!
Weil du (von mir) getrunken hast, mein Sohn, vergib ihm, darum bitte ich dich!
Siech an die prust, liebs mein chind,
„Sieh an die Brüste, mein lieber Sohn,
dew hie an meinem herczn sind,
hier bei meinem Herzen,
mit den ich dich genert hab
mit denen ich dich ernährt habe
vnd mueterleich ze saugn gab,
und dir mütterlich zu trinken gab,
Die weil du pist ain chind gewesn.
solange du ein Kind warst!
Nu la die armen sel genesn
Nun errette die arme Seele
vnd mach sey aller sunden frey,
und befreie sie von allen Sünden,
das sy dir stet mug wanen pey!
damit sie für immer bei dir wohnen darf!“
Da vnser fraw die wart gesprach,
Als unsere liebe Frau diese Worte gesprochen hatte,
Hor, lieber mensch, was da geschach:
hör, lieber Mensch, was da geschah:
Ir liebs chind, her ihesus christ,
Ihr lieber Sohn, Herr Jesus Christus,
zuhant an der selbn frist
neigte sich sogleich
zw seinem vater sich ward naigen
zu seinem Vater
vnd im die tewfn wunden czaigen.
und zeigte ihm seine tiefen Wunden.
Vulnera cerne pater, fac, quod rogitat mea mater!
Sieh an, Vater, meine Wunden, und gewähre, worum dich meine Mutter bittet!
Er sprach czu im: Siech an die wunden,
Er sagte zu ihm: „Schau die Wunden an,
die ich hab von den posn hunden
die ich von den bösen Hunden
vmb deine creatur emphangen,
um deiner Schöpfung willen erlitten habe,
do ich ward an das chreucz gehangen!
als ich ans Kreuz gehängt wurde!
Vnd darumb soltu mich geweren,
Deshalb sollst du mir gewähren,
des do mein mueter wil pegern!
worum meine Mutter bittet!“
Nate, petita dabo, que vis, tibi nulla negabo!
Mein Sohn, ich werde dir nicht abschlagen, was du verlangst, sondern deine Bitte erfüllen!
Der vater czu dem sun da sprach,
Da blickte der Vater den Sohn mit großer Liebe an
den er mit grasser lieb ansach:
und sagte zu ihm:
Mein sun vnd hercznliebes chind,
„Mein Sohn und mein herzliebstes Kind,
dir alle ding gegebn sind,
dir wird alles gewährt,
dew du nur wild czw aller frist,
was du nur immer willst,
wenn es halt recht vnd pilleich ist,
denn es ist recht und billig,
das ich dir nichts sol versagen,
dass ich dir nichts verwehren darf
weder chlain noch gras pey alln tagn.
immerdar – sei es wenig oder viel.“
Secht, nach der antburt allczehannt
Seht, nach dieser Antwort
ain gottes engel ward gesandt
wurde unverzüglich ein Engel
hin czw der sell dew yeczund was
hinab zu der Seele geschickt, die sich schon
in grassen nottn, als ich las.
in tiefer Not befand, wie ich gelesen habe.
Er sprach zu ir: Gehab dich wol,
Der sprach zu ihr: „Sei getröstet,
wan gott ist der genaden vol!
denn Gott ist voll Erbarmen!“
Te fons virtutum vitiis iubet esse solutum!
Die Quelle der Tugenden verfügt, dass du von allen Sünden befreit sein sollst!
Er ist ein prun czwar aller tugent
„Er ist wahrhaftig eine Quelle aller Tugend
vnd wil vernewn dir dein jugent.
und will dir deine Unversehrtheit zurückgeben.
Du solt das ewig reich behabn,
Du sollst das ewige Reich besitzen,
damit er dich wil heut pegabn.
das wird er dir heute schenken.“
Secht, also fur die sel dahin
Seht, da fuhr die Seele
mit grasser frewd in ganczem syn.
ganz erfüllt von großer Freude (in den Himmel) auf.
Sy cham dort in die engel schar.
Sie wurde dort in die Schar der Engel aufgenommen.
Maria, hilf vns allen dar!
Maria, verhilf uns allen dorthin!
Sand Pernhart spricht ain suesses wart,
Vom heiligen Bernhard stammt ein trostreiches Wort,
das ist halt ausdermasn czartt:
das unermesslich wohltuend ist:
Aspice, peccator, vbi filius est mediator
Achte darauf, Sünder, was die Antwort des Vaters ist,
pro precibus matris, que sit responsio patris!
wenn der Sohn sich auf Bitten seiner Mutter als Vermittler einsetzt!
O sunder, du solt das ansechn,
„O Sünder, richte dein Augenmerk darauf,
was gott der vater hat gegechn
was Gott Vater
zw seinem sun, dem ihesu christ,
zu seinem Sohn Jesus Christus gesagt hat,
der dir czwar ein versuener ist!
der wahrhaftig dein Versöhner ist!
Vnd cham das her von dem gepet,
Wobei dies wiederum von jenem Gebet herrührte,
das christi mueter czu im tett.
das Christi Mutter an diesen gerichtet hatte.“
Secht, vmb das nyemant sol verczagen.
Seht, darum soll niemand verzweifeln,
Sein grasse nat sol er chlagen
sondern seine große Not
der mueter aller saligchait,
der Mutter aller Seligkeit klagen,
dew yedem menschn ist perait.
die für alle Menschen da ist.
Auch sich nyemt verlafn chan,
Also wird niemand verloren gehen,
der sy mit andacht rueft an
der sich andächtig an sie wendet.
Also sprach Andre chuerczman.
Erzählt von Andreas Kurzmann.
Scriptum Anno dominj 1443.
Niedergeschrieben im Jahr des Herrn 1443
Johannes Staynberger
von Johannes Steinberger