Grazer didaktisches Textportal zur Literatur des Mittelalters

Lied 1
Winter und diu frouwe mîn,
Womit habe ich euch, Winter und meine Herrin,
waz leides habe ich iu getân,
bloß so verärgert,
daz ir mich alsus lâzet sîn
dass ihr mir all meine Freude
âne fröide und âne lieben wân?
und schönen Träume raubt?
nebel, snê, rîfen, die verklagte ich wol:
Freilich: Nebel, Schnee und Reif könnte ich noch ertragen,
mîde ich iuwern schœnen lîp,
aber Eure schöne Gestalt nicht mehr zu erblicken,
daz sint diu leit, diuch von iu leit, diuch von diuch von iu dol.
bereitet mir Qualen, die Ihr mir zufügt.
Werbe ich niht mit triuwen gar
Bemühe ich mich denn nicht voll Hingabe
umbe ir vil minneclîchen lîp,
um sie, die Allerschönste?
sôn gespreche ich niemer wâr –
Andernfalls wäre kein einziges Wort von mir mehr wahr!
sîst mir liep für elliu wîp.
Sie bedeutet mir viel mehr als jede andere Frau.
wolte got, wære ich ir liep für alle man!
Daher möge bei Gott auch ich ihr wichtiger sein als jeder andere Mann!
mîn herze ist ir mit triuwen bî,
Voll Treue hängt mein Herz an ihr,
und kan daz nieman understân.
und niemand kann das verhindern.
Wer gap iu sô schœnen lîp,
Wer hat Euch denn so schön werden lassen,
daz er iu gap niht güete mê?
ohne Euch auch mehr Herzlichkeit zu schenken?
zwâre ir sît ein müelich wîp,
Ihr seid wirklich eine anstrengende Frau,
daz ir den liuten tuot sô wê!
die alle Leute zur Verzweiflung bringt.
ir müget den tôren twingen, alse ir twinget mich,
Jeder andere, den Ihr so zum Narren haltet wie mich,
daz er vergizzet sîner zuht
würde seine guten Manieren vergessen
und alse unschône richet sich.
und Euch alles boshaft heimzahlen!
Âne güete ist schœne ein wiht.
Ohne Herzlichkeit ist jede Schönheit wertlos.
ez ist prîs, swelch wîp si beide hât.
Hoch zu loben sind jene Frauen, die beides haben!
wê, wie liebe dem geschiht,
Ach, wie gut geht es doch dem,
des genâde ein sô guot wîp gevât,
der die Gunst einer solch wunderbaren Frau gewinnt,
sô daz sîn liep, sîn leit ir nâch ze herzen gê!
die seine Freude und sein Leid in ihrem Herzen spürt!
wîbes schœne trœstet wol,
Das schöne Äußere einer Frau lässt uns viel vergessen,
sô fröit ir güete dannoch mê!
doch ihre Herzlichkeit erfreut noch viel mehr!
Lied 2
Wol her, kint, ir helfet singen,
Herbei mit Euch, Ihr Mädchen, macht mit
loben des süezen meien werdekeit!
beim Jubelgesang über die Pracht des schönen Mai!
sîne kraft siht man ûf dringen
Man sieht, wie seine Kraft in den mächtigen Bäumen
gen der sunnen durch die boume breit.
der Sonne entgegen nach oben strömt.
alle wolgemuoten leien,
Keiner der fröhlichen Menschen
die gesâhen einen meien
sah je zuvor einen Mai,
nie mit rîcher varwe baz bekleit.
der noch farbenfroher gewesen wäre.
Wol den kleinen vogellînen,
Ein Hoch auf die kleinen Vöglein,
wol der heide, wol den liehten tagen!
die Heide, die hellen Tage:
die suln uns ze fröiden schînen:
Sie alle mögen zu unserer Freude erstrahlen!
man siht bluomen ûf der heide wagen,
Man sieht, wie sich die Blumen auf der Heide wiegen.
rôsen hânt niht grôzer nœte,
Die Rosen haben alle Not überwunden.
sî stânt in ir besten rœte,
Sie stehen in ihrem schönsten Rot,
alse es grüenem hage sol behagen.
ganz so, wie es dem grünen Dornenstrauch gefällt.
Lied 3
Uns wil ein liehter sumer komen
Ein strahlender Sommer erwartet uns,
mit schœnen bluomen wunneclîch:
herrlich mit schönen Blumen:
der vogel sanc habe ich vernomen,
Den Vogelgesang habe ich vernommen,
diu heide ist manger varwe rîch.
farbenfroh präsentiert sich die Heide.
des fröit sich diu nahtegal
Darüber freut sich die Nachtigall
gen dem wunneclîchen meien,
in der wunderbaren Maienzeit,
der nu gruonet über al.
die alles ringsum ergrünen lässt.
Swie gar diu heide in grüene stât,
Das satte Grün der Heide ändert nichts daran,
doch tuon ichz werden frouwen kunt,
dass ich ehrenwerten Damen mitteilen muss,
daz mich ein wîp versûmet hât
wie wenig Freude mir
an fröiden nû vil mange stunt,
von einer Frau geschenkt wurde,
der ich vil gedienet hân.
der ich unentwegt gedient hatte:
ich klagez iu werden frouwen allen:
Euch allen, Ihr edlen Damen, klage ich es,
sî kan dienest niht verstân.
dass sie solchen Dienst nicht versteht.
Got gebe ir sælde und êre vil,
Gott schenke ihr viel Glück und Ehre
got gebe ir mangen guoten tac!
und verhelfe ihr zu manch schönem Tag!
mit dienste ich von ir scheiden wil,
Meinen Dienst kündige ich jedoch auf,
swie sî niht triuwen gen mir pflac.
weil sie mir gegenüber unaufrichtig war.
iedoch so wil ich wünschen ir,
Ich möchte sie bloß noch darum bitten,
daz sî niht arger minne pflege,
sich in Sachen ‚Liebe‘ zu bessern,
swie sî niht habe gelônet mir!
denn ich bin völlig unbelohnt geblieben!