Hegel, Philipp; philipp.hegel@tu-darmstadt.de
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Der Begriff der genetischen Edition steht in enger Verbindung mit den Konzepten der Text- und Werkgenese. Er wird sowohl in der Tradition der critique génétique als auch in der Tradition der historisch-kritischen Edition verwendet (Grésillon 1998, S. 52–53. critique génétique). Darüber hinaus gibt es Verbindungen zur filologia d’autore (Stussi 1994, S. 175–196; vgl. auch Italia u.a. 2021, S. 11–13). Vereinzelt findet sich auch die Bezeichnung der ‘genetisch-kritischen Edition’ (Fontane 2015 ff.). Abgegrenzt wird die genetische Edition oftmals von der Faksimileedition (vgl. Gresillon 1994, S. 188–202), der Archivedition (Van Hulle 2022b, S. 172–173) und der diplomatischen Edition (Lukas 2019, S. 34 u. 37–38).
Die genetische Edition wird im Rahmen der critique génetique als Ausgabe definiert, “die in gedruckter Form und nach der zeitlichen Ordnung des Schreibprozesses die Menge der erhaltenen genetischen Dokumente eines Werks oder Projekts darstellt”. (Grésillon 1994, S. 243.) Auch in der Tradition der historisch-kritischen Ausgaben ist die Berücksichtigung der chronologischen Ordnung und Klassifikation von Textänderungen verbreitet und sie werden als Vorgänger der in Frankreich geprägten critique génétique angesehen (Grésillon 1998, S. 52, und Hay 1998, S. 66.). Die Genese kann auf die Makro-, Meso- und Mikroebene (vgl. Textgenese, Lukas 2019, S. 42–47, Van Hulle 2016, S. 48–52, und Van Hulle 2002a, S. 173. Makrogenese, Metagenese, Mikrogenese) bzw. auf Textschichten, Textstufen und Arbeitsphasen (Martens 1998, Kamzelak 2018) bezogen werden. Fokussiert werden kann die absolute und relative Chronologie (Backmann 1924, S. 638; Lukas 2019, S. 33–35; Nutt-Kofoth 2019, S. 11–12 u. 20–21). Auch ein Bezug auf Endo-, Exo- und Epigenese ist möglich (Van Hulle 2016, S. 37–48; Van Hulle 2022b, S. 173). Neben Änderungsakten, zum Beispiel einer Tilgung, kann Schreibakten wie einer Durchstreichung als deren graphische Realisierungen Aufmerksamkeit zuwachsen (Kritisch dazu Nutt-Kofoth 2019, S. 12–13). In einem umfassenderen Sinn unterscheidet De Biasi (1996, S. 165) nach zeitlicher Abfolge, Gleichzeitigkeiten und Rückwirkungen typologisch zwischen vertikalen und horizontalen genetischen Editionen.
Wissenschaftshistorisch lässt sich eine enge Verflechtung von editorischen Modellen und Darstellungsweisen feststellen (Lukas 2019, S. 32). Hay (1998, 66–72) unterscheidet derer sechs: Auf das Faksimile und die Transkription folgen eine Repräsentation als Erschließung “der Genese als Vorgang und als Sinn” (Hay 1998, 71), die integrale Wiedergabe der Textentstehung sowie schließlich der Text in publizierter Form und der Kommentar zur Genese. D’Iorio (2010) unterscheidet, davon etwas abweichend, als Bestandteile der digitalen genetischen Edition: dossier génétique, digitale Faksimiles, die Transkription, Anordnung und Präsentation. Für die beiden letzten Darstellungsformen schlägt Van Hulle (2022b, S. 176) je nach editorischer Bezugsgröße eine Differenzierung in genetische Pfade und Kollationen, genetische Karten und die genetische Chronologie vor. Zu den textkritischen Instrumenten, die genetische Aspekte aufgreifen, können u. a. Treppenapparate, integraler Kolumnenapparat, Werkstellen- und Schichtenapparate sowie Synopsen gezählt werden (s. Lukas 2019, S. 35–37; Nutt-Kofoth 2019, S. 12 u. 16; Brüning 2022, S. 310–311, Apparat).
Welche Darstellungsweisen gewählt werden und welche Rolle dem Apparat oder der Synopse zugeschrieben wird, hängt dabei vom jeweiligen Textverständnis ab (Kamzelak 2018). Die Darstellung kann entsprechend teleologisch oder dysteleologisch sein (Van Hulle 2022a, S. 340, und Van Hulle 2022b, S. 173–174). Die Position des ‘gesicherten’ Textes oder des Textes als Teil der Genese wird als wesentlicher Unterschied zwischen der édition génétique und der historisch-kritischen Edition deutscher und italienischer Prägung gesehen (Grésillon 1998, S. 52–53; Kamzelak 2018; Italia u.a. 2012, S. 11–12).
Unter digitalen Bedingungen haben sich, über die oben zitierte Definition von Grésillon hinaus, Methoden zur maschinenlesbaren Erfassung genetischer Prozesse etabliert (z. B. Text Encoding Initiative; Pierazzo 2009, S. 182–186; Burnard u. a. 2010; Brüning, Henzel u. Pravida 2013). Bei der digitalen Visualisierung differenziert Busch (2019, S. 54) zwischen einer Mikro- und einer Makroebene (zu Darstellungsmöglichkeiten exemplarisch Goethe 2023). Darüber hinaus werden analytische Möglichkeiten jenseits eines primär textgenetischen Interesses in Betracht gezogen (Brüning 2019, S. 89–90; Brüning 2022, S. 319, 329–332, und Van Hulle 2022a, S. 243–245). Schließlich ist jenseits von Handschriften und Typoskripten auch die digitale Forensik als Methode zur Erstellung eines dossier génétique in den Fällen gegenwärtiger Textproduktion von Bedeutung (Ries 2019).
Literatur:
- Backmann, Reinhold. 2005. Die Gestaltung des Apparates in den kritischen Ausgaben neuerer deutscher Dichter. Mit besonderer Berücksichtigung der großen Grillparzer-Ausgabe der Stadt Wien. In: Euphorion 25 Bausteine zur Geschichte der Edition. Hrsg. von Rüdiger Nutt-Kofoth und Bodo Plachta. Tübingen, S. 194-214.
- Brüning, Gerrit. 2022. Modellierung von Textgeschichte. Bedingungen digitaler Analyse und Schlussfolgerungen für die Editorik. In: Digitale Literaturwissenschaft. Hrsg. von Fotis Jannidis. Berlin/Boston/New York, S. 307-337.
- Brüning, Gerrit. 2019. Was ist und wozu kodiert man Textgenese in der digitalen Edition. In: Textgenese in der digitalen Edition. Hrsg. von Anke Bosse und Walter Fanta. BErlin/Boston/New York, S. 81-90.
- Brüning, Gerrit; Henzel, Katrin; Pravida, Dietmar. 2013. Multiple Encoding in Genetic Editions. The Case of 'Faust'. In: Journal of the Text Encoding Initiative.
- Burnard, Lou; Jannidis, Fotis; Pierazzo, Elena; Rehbein, Malte. An Encoding Model for Genetic Editions. URL: http://www.tei-c.org/Activities/Council/Working/tcw19.html
- Busch, Anna. 2019. Visualisierung textgenetischer Phänomene in digitalen Editionen. In: Textgenese in der digitalen Edition. Hrsg. von Anke Bosse und Walter Fanta. Berlin/Boston/New York, S. 51-63.
- de Biasi, Pierre-Marc. 1996. Edition horizontale, édition verticale. Pour une typologie des éditions génétiques (le domaine français 1980-1995). In: Éditer des manuscrits. Archives, complétude, lisibilité. Hrsg. von Georges Benrekassa, Jacques Neefs und Béatrice Didier. Saint-Denis, S. 159-193.
- D’Iorio, Paolo. 2010. Qu’est-ce qu’une édition génétique numérique. In: Genesis. Manuscrits–Recherche–Invention, S. 49–53.
- Fontane, Theodor; Radecke, Gabriele. Notizbücher. Digitale genetisch-kritische und kommentierte Edition.. URL: https://fontane-nb.dariah.eu
- Goethe, Johann Wolfgang. Faust. Historisch-kritische Edition. URL: https://faustedition.net/
- Grésillon, Almuth. 1994. Eléments de critique génétique. Paris.
- Grésillon, Almuth. 1998. Bemerkungen zur französischen ‘édition génétique’. In: Textgenetische Edition. Hrsg. von Hans Zeller und Gunter Martens. Berlin/Boston/New York, S. 52-64.
- Hay, Louis. 1998. Drei Randglossen zur Problematik textgenetischer Editionen. In: Textgenetische Edition Beihefte zu Editio. Hrsg. von Gunter Martens und Hans Zeller. Tübingen, S. 65-79.
- Italia, Paola; Raboni, Giulia; Presotto, Marco; Boadas, Sónia; Centenari, Margherita; Feriozzi, Francesco; Marranchino, Carmela; Beloborodova, Olga; Hulle, Dirk van; Verhulst, Pim. 2021. What Is Authorial Philology.
- Kamzelak, Roland S. Genetische Edition. URL: http://edlex.de/index.php?title=Genetische_Edition
- Lukas, Wolfgang. 2019. Archiv – Text - Zeit. Überlegungen zur Modellierung und Visualisierung von Textgenese im analogen und digitalen Medium. In: Textgenese in der digitalen Edition. Hrsg. von Anke Bosse und Walter Fanta. Berlin, Boston, S. 23-50.
- Martens, Gunter. 1998. Schichten und Verbände, Schreibphasen und Korrekturfolgen. Die Behandlung von versübergreifenden Korrekturzusammenhängen in der textgenetischen Edition der Gedichte Georg Heyms.. In: Textgenetische Edition. Hrsg. von Gunter Martens und Hans Zeller. Berlin/Boston/New York, S. 223-232.
- Nutt-Kofoth, Rüdiger. 2019. Textgenese analog und digital: Ziele, Standards, Probleme. In: Textgenese in der digitalen Edition. Hrsg. von Anke Bosse und Walter Fanta. Berlin, Boston, S. 3-22.
- Pierazzo, Elena. 2007. The Encoding of Time in Manuscript Transcription. Toward Genetic Digital Editions. In: Digital Humanities 2007, Conference Abstracts. Urbana-Champaign (Ill) DH2007. University of Illinois, S. 150-152.
- Ries, Thorsten. 2019. Das digitale ‘dossier génétique’. Digitale Materialität, Textgenese und historisch-kritische Edition. In: Textgenese in der digitalen Edition. Hrsg. von Anke Bosse und Walter Fanta. Berlin/Boston/New York, S. 91-116.
- Stussi, Alfredo. 1994. Introduzione agli studi di filologia italiana. Bologna.
- Hulle, Dirk van. 2016. Modeling a Digital Scholarly Edition for Genetic Criticism. In: Variants 12-13, S. 34-56.
- (B) Van Hulle, Dirk. 2022. Digital Genetic Editions. Towards Macroanalysis across Versions. In: Digitale Literaturwissenschaft. Hrsg. von Fotis Jannidis. Berlin/Boston/New York, S. 339-352.
- (A) Van Hulle, Dirk. 2022. Genetic Criticism. Tracing Creativity in Literature Genetic Criticism. Oxford.
- Text Encoding Initiative. TEI : Representation of Primary Sources. URL: https://www.tei-c.org/release/doc/tei-p5-doc/en/html/PH.html