Bleier, Roman; roman.bleier@uni-graz.at / Zeilinger, Florian; florian.zeilinger@uni-graz.at
In seinem 2019 erschienenen Aufsatz hat Georg Vogeler eine bestimmte Art des Edierens identifiziert und beschrieben (Vogeler 2019) und für den daraus resultierenden Editionstyp die Bezeichnung Assertive Edition (und als mögliche Übersetzungen unter anderem „Behauptungsedition“, „Datenedition“ oder „propositionale Edition“) vorgeschlagen.
The concept of ‚assertive edition‘ is based on a multi-layered representation by linking embedded annotations (annotations with TEI/XML) with external information structures (e. g. RDF) in order to model the facts contained in the text as assertions (Vogeler 2019, 315), whereby different possibilities for this linking exist (Boot/Koolen 2021).” (Galka; Vogeler 2023)
Vogeler hat beobachtet, dass besonders Editionen für die historische Forschung, sowohl im Druck (z. B. Monumenta Germaniae Historica und Reichstagsakten-Editionen) als auch im digitalen Medium (z. B. Manfred Thallers Clio-Datenbank und die Diplomatic Correspondence of Thomas Bodley 1585-1597), bestimmte Gemeinsamkeiten aufweisen. Besonders signifikant ist ihre Ausrichtung auf Inhalte, Ereignisse, Personen, Orte und Daten – in Patrick Sahles pluralistischem Textverständnis „Text als Idee/Intention/propositionales Objekt” (Sahle 2013, 45-49). Dieser inhaltliche Aspekt von Texten steht besonders im Fokus des geschichtswissenschaftlichen Interesses und daher sind Editionen für Historikerinnen und Historiker oft mit Hilfsmitteln ausgestattet, die den Zugang zur Inhaltsebene erleichtern (z. B. elaborierte Register).
Assertive Editions sind prinzipiell (wie) historisch-kritische Editionen konzipiert, in denen Informationen (z. B. aus der Perspektive von Historikerinnen und Historikern) als Aussagen (oder Behauptungen) aufbereitet bzw. „asseriert“ (d. h. ‚behauptet‘, ‚versichert‘) werden. Benutzerinnen und Benutzern werden diese Aussagen als strukturierte (normalisierte, kategorisierte, verlinkte etc.) Daten dargeboten. Sie sind zudem gekennzeichnet durch typische Interface-Elemente (Register, Karten, Timelines u. a.). Die Transkription wird mit einer Datenbank verbunden, wobei es letztere erlaubt, weitere „Ebenen“ über erstere zu legen. Beispiele für Assertive Editions sind etwa die Rechnungen in den Basler Rechnungsbüchern (Jahrrechnungen der Stadt Basel 1535 bis 1610 – digital) oder die Edition Hearth Tax Digital, in der es um Aussagen über die Herdsteuer im England des 16. Jahrhunderts geht. Neben editionsspezifischen Datenvisualisierungen und Suchmasken erlauben es beide Editionen, jeweils ausgewählte Daten in einen Datenkorb zu ziehen und mit ihnen dem eigenen Forschungsinteresse angepasst zu rechnen.
Assertive Editions sind grundsätzlich nicht auf die Geschichtswissenschaft beschränkt und können mit verschiedensten Quellen und mit unterschiedlichen Technologien umgesetzt werden. In seinem Aufsatz argumentiert Vogeler aber besonders für den Einsatz von Semantic-Web-Technologien und Ontologien in Verbindung mit Graphendatenbanken, da damit semantische Aussagen gut abgebildet werden können (Vogeler; Pollin; Bleier 2022).
Literatur:
- Bleier, Roman; Zeilinger, Florian; Vogeler, Georg. 2022. From Early Modern Deliberation to the Semantic Web: Annotating Communications in the Records of the Imperial Diet of 1576 . In: DiPaDA 2022. Digital Parliamentary Data in Action 2022. Proceedings of the Digital Parliamentary Data in Action (DiPaDA 2022) Workshop Co-Located with 6th Digital Humanities in the Nordic and Baltic Countries Conference (DHNB 2022) Uppsala, Sweden, March 15 . Hrsg. von Matti La Mela, Fredrik Norén und Eero Hyvönen. Uppsala, S. 86–100.
- Galka, Selina Veronika; Vogeler, Georg. 2023. Relation^3: How to relate text describing relationships with structured encoding of the relationships? . In: Encoding Cultures: Joint MEC TEI conference 2023. Paderborn.
- Hitzler, Pascal. 2021. A review of the semantic web field. In: Communications of the ACM 64, S. 76–83.
- Sahle, Patrick. 2013. Digitale Editionsformen. Zum Umgang mit der Überlieferung unter den Bedingungen des Medienwandels. Teil 3: Textbegriffe und Recodierung . Norderstedt.
- 2021 ‘Standing-off Trees and Graphs’: On the Affordance of Technologies for the Assertive Edition . In: Graph Data-Models and Semantic Web Technologies in Scholarly Digital Editions . Norderstedt, S. 73–94.
- Vogeler, Georg. 2019. The ‘assertive edition’: On the consequences of digital methods in scholarly editing for historians . In: International Journal of Digital Humanities 1, S. 309-322.
- Vogeler, Georg; Pollin, Christopher; Bleier, Roman. 2022. „Ich glaube, Fakt ist…“: Der geschichtswissenschaftliche Zugang zum digitalen Edieren” . In: Digital History: Konzepte, Methoden und Kritiken Digitaler Geschichtswissenschaft . Hrsg. von Karoline Dominika Döring, Stefan Haas, Mareike König und Jörg Wettlaufer. Berlin, Boston, S. 171-190.