Schönbächler, Martina; martina.schoenbaechler@library.ethz.ch
Lesespuren von Autorinnen und Autoren in Texten anderer Urheberschaft bilden eine zentrale Analysekategorie für verschiedene Forschungsrichtungen: (literaturwissenschaftliche) Quellenforschung, critique génétique (vgl. D’Iorio 2017, S. 195–197) resp. Schreibprozessforschung, Autor:innenbibliotheksforschung und weitere kulturwissenschaftliche Ansätze (vgl. Van Hulle/Van Mierlo 2004, S. 3; Jaspers/Kilcher 2020, S. 7–8). Die sozialen, materiellen und praxeologischen Bedingungen der Schreib-Lese-Kultur wandeln sich mit der Weiterentwicklung des Buchdrucks; entsprechend unterscheiden sich die Forschungsprämissen und -felder: Von der Untersuchung mittelalterlicher Glossen und frühneuzeitlicher Marginalien differenziert sich – auch anhand des Begriffs der ‚Lesespur‘ – die Beschäftigung mit individuellen Lektüre- und Annotationspraktiken in ‚modernen‘ Autor:innenbibliotheken (vgl. Wieland 2015, S. 149–150). Deren Bedeutung für den Nachvollzug von Werkzusammenhängen steht seit dem 19. Jahrhundert im Fokus eines zunehmenden Interesses an privaten Bücher- und Textsammlungen, die damit korrespondierend als zentrale Bestandteile von literarischen Nachlässen gewichtet (RNAB , S. 10), in Nachlasseditionen mitediert und textgenetischen Dossiers zugeschlagen werden (vgl. Van Hulle 2022). Während eine analoge Untersuchung von einzelnen Textträgern, die physische Gebrauchs- und Spuren von Lektüren aufweisen, von jeher ein vertieftes Verständnis von kulturellen, epochalen, sozialen und insbesondere individuellen Lesepraktiken im Einzelnen befördert und erfordert, tritt im Fall der Digitalisierung von Autor:innenbibliotheken (Fontanes Handbibliothek, Thomas Mann Nachlassbibliothek Online), Beckett Digital Library, Melville's Marginalia Online, der Transkription und Digitalen Edition von Lesespuren die theoretisch-methodische Kategorienbildung in den Vordergrund. Zudem wirft die Beschäftigung mit Lesespuren Fragen nach Text- und Werkbegriffen (vgl. Giuriato 2008; Wieland 2020; Bamert 2021) und Autorschaftskonzepten (vgl. Werle 2020; Schönbächler 2023) auf. Die zunehmende Digitalisierung und Vernetzung bibliothekarischer, archivarischer und editorischer Objekte verlangt die Entwicklung und Verwendung gemeinsamer Standards im Sinn beispielsweise des CRM und seiner modularen Erweiterungen.
Als ‚Lesespuren‘ lässt sich eine Teilmenge von ‚Gebrauchsspuren‘ eingrenzen, die sich auf eine „intellektuelle Beschäftigung“ mit einem Text zurückführen lassen (Bamert 2021, S. 66; vgl. eine Typologie ebd.). Dabei handelt es sich im Fall analoger Textträger um eine materiell-interpretative Doppeldefinition, deren Ränder insofern unscharf bleiben, als nicht alle Spurtypen den Rückschluss auf eine tatsächliche Lektüre mit gleicher Gewissheit erlauben. Beispielsweise können, müssen aber Fingerabdrücke, Kaffeeflecken oder Papierbeschädigungen nicht zwingend Indizien eines Lektürevorgangs sein, während ersichtlich absichtsvoll hinterlassene Eselsohren oder ebenfalls als Lesezeichen interpretierbare Einlagen aus praxeologischer Perspektive eher dazuzurechnen sind. Am eindeutigsten lassen sich intentionale ‚stiftliche‘ Spuren (Bamert 2021, S. 72–73) als Lektürezeichen deuten. Diese markieren, mit einem Schreibgerät erzeugt, die Schwelle zwischen Lesen und Schreiben (Giuriato 2008) und sind daher für die genannten Forschungsrichtungen von besonderem Interesse. Entsprechend fokussieren sich die meisten Retrodigitalisierungen und Digitalen Editionen von Nachlassbibliotheken auf sie. Weitere Definitionen für die künftige Beschreibung und Untersuchung von Textsammlungen und Lesespuren, die teilweise oder ganz 'digital born' sind, stehen aus.
Aus der bibliothekarischen Provenienzerschließung liefert der Thesaurus der Provenienzbegriffe (T-PRO) zwar Erfassungskategorien für Unikalisierungsmerkmale von Buchexemplaren, im Bereich der stiftlichen Gebrauchsspuren jedoch nicht hinreichend spezifische (Bamert 2021, S. 29–31; Gindele 2021; vgl. auch Höppner 2022, S. 244). Gilt es, retrodigitalisierte Texte und ihre Lesespuren in XML auszuzeichnen, geben die dafür verbreitet verwendeten TEI-Standards zwar eine große Auswahl an Codierungsmöglichkeiten, lösen aber nicht das Problem der editorischen Entscheidung. Sollen in den Autor:innenbibliotheken des 19. und 20. Jahrhunderts die materiellen Rückstände idiosynkratischer Lektüre- und Annotationspraktiken einer oder meist mehrerer Personen erschlossen und (digital) ediert werden, müssen zunächst anhand des Korpus theoretisch-methodische Kategorien festgelegt, wenn nicht neu gebildet werden. Ähnliches wird für die Erschließung genuin digitaler, oft zugleich kollektiver Textsammlungen des 21. Jahrhunderts gelten.
Zu bestimmen sind dafür mit einer gewissen Granularität die Phänomene, die als Lesespuren gelten sollen, z.B. „Marginalie“, „Anstreichung“, „Unterstreichung“, „Merkzeichen“ usw., und die Attribute, die diesen zugewiesen werden, wie Schreibgerät, Farbe und weitere (vgl. z.B. Thomas Mann Nachlassbibliothek Online Thomas Mann Nachlassbibliothek Online). Weiter wird die Unterscheidung von Allo- und Autographie (vgl. Moulin 2018) wichtig, die sich unter Berücksichtigung von text-, werk- und autorschaftstheoretischen Überlegungen komplex darstellt. Dass sich formale, funktionale und hermeneutische Kriterien dabei verschränken, bedeutet, dass im Markup notwendigerweise auch eine editorische Interpretation festgeschrieben wird. Im Unterschied zur analogen Edition entstehen dabei nicht allein Lese- und Darstellungsoberflächen für die kritische Lektüre von Philolog:innen, sondern Datengrundlagen für die maschinelle Verarbeitung (vgl. Ries 2022). Wünschenswert wäre es daher, mit der zunehmenden Erschließung, Digitalisierung und Annotation verschiedener Bestände nicht nur standardisierte Datenformate zu verwenden, sondern auch gemeinsame inhaltliche Standards für die Textmodellierung zu finden.
Literatur:
- Bamert, Manuel. 2021. Stifte am Werk. Phänomenologie, Epistemologie und Poetologie von Lesespuren am Beispiel der Nachlassbibliothek Thomas Manns. Göttingen. URL: https://doi.org/10.46500/83535064.
- D'Iorio, Paolo. 2017. Die Schreib- und Gedankengänge des Wanderers. Eine digitale genetische Nietzsche-Edition. In: editio 31, S. 195–197.
- Gindele, Johannes. 2021. Der Thesaurus der Provenienzbegriffe und seine Praxisregeln als Mittel der Provenienzerschließung von Autorenbibliotheken. Stuttgart, Bachelorarbeit. URL: https://hdms.bsz-bw.de/frontdoor/deliver/index/docId/6647/file/BA_Gindele_Provenienzbegriffe_2021.pdf .
- Giuriato, Davide. 2008. Prolegomena zur Marginalie. In: „Schreiben heißt: sich selber lesen“. Schreibszenen als Selbstlektüren. Paderborn, S. 177–198.
- Jaspers, Anke. 2022. Digitalisierung als epistemische Praxis. Vom Nutzen und Nachteil der digitalen Katalogisierung und Erschließung von Autor:innenbibliotheken. In: Zeitschrift für Germanistik. Neue Folge 32, S. 133–154.
- Moulin, Claudine. Endozentrik und Exozentrik. Marginalien und andere sekundäre Eintragungen in Autorenbibliotheken. In: Autorschaft und Bibliothek. Hrsg. von Stefan Höppner, Caroline Jessen, Jörn Münkner und Ulrike Trenkmann. Göttingen, S. 227–240.
- Ries, Thorsten. 2022. Digitale Edition im Spannungsfeld disziplinärer, konzeptioneller und technischer Vermittlung. Versuch einer geschichtlichen Perspektive. Klagenfurt.
- Schönbächler, Martina. 2023. Marginalien in der digitalen Edition – Bemerkungen zu Text und Autorschaft am Beispiel von Thomas Manns Nachlassbibliothek. In: editio 37, S. 12–27.
- Van Hulle, Dirk. 2022. Genetic Criticism. Tracing Creativity in Literature Genetic Criticism. Oxford.
- Van Hulle, Dirk; Van Mierlo, Wim. 2004. Introduction: Reading Notes. In: Reading Notes. Hrsg. von Wim Van Mierlo und Dirk Van Hulle. Amsterdam, S. 1–6.
- Werle, Dirk. 2018. Autorschaft und Bibliothek: Literaturtheoretische Perspektiven . In: Autorschaft und Bibliothek. Sammlungsstrategien und Schreibverfahren Kulturen des Sammelns. Akteure, Objekte, Medien. Hrsg. von Stefan Höppner, Caroline Jessen, Jörn Münker und Ulrike Trenkmann. Göttingen, S. 23–34.
- Wieland, Magnus. 2020. Border Lines – Zeichen am Rande des Sinnzusammenhangs . In: Randkulturen. Lese- und Gebrauchsspuren in Autorenbibliotheken des 19. und 20. Jahrhunderts. Hrsg. von Anke Jaspers und Andreas B. Kilcher. Göttingen, S. 64–89.
- Wieland, Magnus. 2015. Materialität des Lesens. Zur Topographie von Annotationsspuren in Autorenbibliotheken. In: Autorenbibliotheken. Erschließung, Rekonstruktion, Wissensordnung. Hrsg. von Claudia Fabian, Michael Knoche, Monika Lindner, Elmar Mittler und Wolfgang Schmitz. Wiesbaden, S. 147–173.