Digitale Edition

Weißbuch

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Gengnagel, Tessa; tessa.gengnagel@uni-koeln.de

Unter einer Text-Bild-Edition wird gemeinhin eine Edition verstanden, die sowohl textuelle als auch bildliche Komponenten eines Werkes berücksichtigt (im Sinne ihrer Erschließung). Ein Beispiel hierfür ist die Edition des Welschen Gastes, eines mittelalterlichen Lehrgedichtes, dessen Text in mehreren Handschriften von einem Bildprogramm begleitet wird und entsprechend über den Text hinausgehende Arten der Überlieferungsvarianz aufweist (Šimek 2015). Dass die Kategorie der Text-Bild-Edition bisher weder definitorisch noch diskursiv in der Editionswissenschaft verankert ist, erklärt sich primär aus dem Umstand, dass solche Editionen in gedruckten Ausgaben selten umgesetzt worden sind. Martha H. Fleming hat in ihrer gedruckten Edition des Text-Bild-Werkes der Genus-nequam-Papstvatizinien auf die medialen Schwierigkeiten einer ‘Bildedition’ hingewiesen und deren grundsätzliche Unmöglichkeit postuliert (Fleming 1999, S. 17).

Diese Feststellung lässt sich seit dem Aufkommen Digitaler Editionen in der Form nicht mehr halten, da sich Ansätze mehren, visuelle Werkvarianz auszuweisen. Im Fall des erwähnten Welschen Gastes (ediert als Welscher Gast digital, https://digi.ub.uni-heidelberg.de/wgd/) werden die mehrfach überlieferten Bildmotive mithilfe eines graphischen Formeneditors (auf Basis der offenen JavaScript-Bibliothek OpenLayers) polygonal erfasst und annotiert. Durch die Zuordnung zu einem übergeordneten Bildmotiv (sowie die Zuordnung von Bildfiguren zu abstrakten Akteuren) wird eine inhaltliche Synopse der Illustrationen ermöglicht. Bereits im William Blake Archive (https://www.blakearchive.org/ - online seit 1996, Redesign 2016) wurden Bildinhalte seit den frühen 1990ern verschlagwortet und somit semantisch erschlossen (Eaves 2009). Hierfür wurde und wird, wie auch in vielen Bereichen der Kunstgeschichte, das Klassifikationssystem Iconclass (https://iconclass.org/) verwendet, das ursprünglich einige Jahrzehnte zuvor entwickelt worden war und nach wie vor maßgeblich ist (Brandhorst/Posthumus 2016). Aufgrund des Eurozentrismus von Iconclass entstehen in jüngerer Zeit Vokabulare mit einem anderen inhaltlichen Zuschnitt, wie etwa der Chinese Iconography Thesaurus (https://chineseiconography.org/).

Neben einer inhaltlichen Zugänglichmachung stellt sich bei Text-Bild-Editionen die Frage nach der Verschränkung von Text- und Bild-Elementen. Anders als bei gedruckten Editionen ist es bei digitalen Editionen üblich, sogenannte “Digital Facsimiles” einzubinden und dem transkribierten Text gegenüberzustellen, teils mit zeilengenauer Verknüpfung (die Beispiele hierfür sind vielfältig; stellvertretend seien die Alfred-Escher-Briefedition, https://www.briefedition.alfred-escher.ch/, und die Augenfassung des poetischen Werks von Hugo von Montfort, https://gams.uni-graz.at/me, genannt). Weder ist in der Editionswissenschaft dieser Faksimilebegriff bisher eingehender besprochen worden (einen Anfang hat (Dahlström 2019) gemacht) noch handelt es sich bei digitalen Editionen, die Digitalisate auf diese Art und Weise einsetzen, um Text-Bild-Editionen im engeren Sinne, da sich ihr Edendum weiterhin auf Text beschränkt. So hat sich die Datenbank von Paul Klee – Bildnerische Form- und Gestaltungslehre auf die Transkription und Verknüpfung von Textelementen konzentriert und “Illustrationen und Schemen [...] nicht speziell ausgewiesen” (http://www.kleegestaltungslehre.zpk.org/ee/ZPK/Archiv/2011/01/25/00004/). An dieser Stelle waren die Editionen von Emblembüchern in den frühen 2000ern weiter, die sich mit bildlichen Komponenten und den Möglichkeiten der Auszeichnung mit Iconclass sowie einer RDF-basierten Sign Ontology auseinandergesetzt haben (s. Boot 2009, S. 117–130), auch wenn sie letztlich innerhalb der Möglichkeiten einer TEI/XML-Auszeichnung verblieben sind (s. die Kodierungsrichtlinien des Emblem Project Utrecht, https://emblems.hum.uu.nl/static/html/techcoding.html). Im Rahmen dieser TEI/XML-Auszeichnung wurden Bildmotive markiert und kategorisiert. Ansonsten lag das Hauptaugenmerk auf der Transkription, Auszeichnung und Anreicherung von textuellen Komponenten. Obwohl TEI/XML innerhalb eines Koordinatensystems auf rechteckige und polygonale Bildausschnitte verweisen kann (mithilfe der Elemente <surface> und <zone>), hat erst die Verbreitung des International Image Interoperability Framework (IIIF) das Bewusstsein um die Referenzierbarkeit und Annotierbarkeit einzelner Bilder und Bildausschnitte allgemein gesteigert. Im Bereich Digitaler Edition bisher wenig umgesetzt, lassen sich die Möglichkeiten dieser Schnittstellenfunktion an einer Demo des Biblissima-Portals absehen, bei der zwei Bilderzyklen (Ovide moralisé und La Bible des poètes) miteinander verglichen werden: https://demos.biblissima.fr/ovide-moralise/.

Digitale Editionen rücken die Diskussion über das mediale Wesen von Editionsgegenständen generell vermehrt in den Mittelpunkt des Interesses. Rüdiger Nutt-Kofoth hat anhand von Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz (1929–1931) sowie einer Auseinandersetzung mit Opernlibretti aufgezeigt, dass bei einer Vielzahl an kultureller Überlieferung davon ausgegangen werden muss, dass es sich um ‘plurimediale Werkkomplexe’ handelt (Nutt-Kofoth 2017; Nutt-Kofoth 2019, S. 184). An dieser Stelle besteht eine Nähe zu Überlegungen in der Filmphilologie und Filmedition, insbesondere zu Anna Bohns Plädoyer für die Konzeption ‘multimedialer Editionen’ (Bohn 2015; Bohn 2016). Dass die Vorstellung einer multimedialen Edition Rückwirkungen auf literaturwissenschaftliche Editionshorizonte hat, ist von Thomas Bein bereits in Hinblick auf die Performanz von Lyrik thematisiert worden (Bein 2010).

Obwohl sich noch keine Rahmenbedingungen, Mindestanforderungen oder gemeinschaftlichen Merkmale für die Edition multimedialer Gegenstände herausgebildet haben, steht die Erörterung von Text-Bild-Editionen darüber hinaus in einer Tradition kunsthistorischer Diskurse, die Kari Kraus explizit an die ‘Bildkritik’ (analog zu Textkritik) Kurt Weitzmanns anlehnt und damit auf eine genetische Edition von bildlicher Überlieferungsvarianz verweist, die bisher nicht angedacht worden ist (Kraus 2013).

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Konzeption von expliziten Text-Bild-Editionen am Anfang steht und unter einem umfassenderen multimedialen Verständnis von Editionsgegenständen subsumiert werden kann. Gleichzeitig überschreiten digitale Editionen aufgrund ihrer medialen Beschaffenheit per se Grenzen der Edition von Text, wie sie in gedruckten Büchern vorlagen, und verschleiern damit die Notwendigkeit einer dezidierten Auseinandersetzung mit der Erschließung visuellen kulturellen Erbes, welches nicht mit einer “Bebilderung” von Editionen verwechselt werden sollte.

Literatur:

  • Bein, Thomas. 2010. Die Multimedia-Edition und ihre Folgen. In: editio 24 editio. Hrsg. von Rüdiger Nutt-Kofoth und Bodo Plachta. Berlin, S. 64-78.
  • Bohn, Anna. 2015. Von U-Booten, Kriegsreportern und dem Fall des Hauses Romanov. In: Editio 29, S. 11-28.
  • Bohn, Anna. 2016. Multimediale Edition. URL: https://filmeditio.hypotheses.org/515.
  • Boot, Peter. 2009. Mesotext: Digitised Emblems, Modelled Annotations and Humanities Scholarship Mesotext. Amsterdam.
  • Brandhorst, Hans; Posthumus, Etienne. 2016. Iconclass: A Key to Collaboration in the Digital Humanities. In: The Routledge Companion to Medieval Iconography. Hrsg. von Colum Hourihane, S. 201-218.
  • Dahlström, Mats. 2019. Copies and facsimiles. In: International Journal of Digital Humanities 1, S. 195-208.
  • Eaves, Morris. 2009. Picture Problems: X-Editing Images 1992-2010. In: Digital Humanities Quarterly 3.
  • Fleming, Martha H. 1999. The Late Medieval Pope Prophecies: The Genus Nequam Group. Tempe, Arizona. URL: https://archive.org/details/latemedievalpope00flemuoft.
  • Kraus, Kari. 2012. Picture Criticism: Textual Studies and the Image. In: The Cambridge Companion to Textual Scholarship. Hrsg. von Neil Fraistat und Julia Flanders. Cambridge, S. 236-256.
  • Nutt-Kofoth, Rüdiger. 2017. Autorschaft, Werk, Medialität: Editionstheoretische Annäherungen an pluriautorschaftliche und plurimediale Werkkomplexe – mit einem germanistischen Blick auf das Phänomen Oper/Libretto. In: Perspektiven der Edition musikdramatischer Texte editio/Beihefte. Hrsg. von Thomas Betzwieser, Norbert Dubowy und Andreas Münzmay. Berlin, Boston, S. 25-38.
  • Nutt-Kofoth, Rüdiger. 2019. Plurimedialität, Intermedialität, Transmedialität. Theoretische, methodische und praktische Implikationen einer Text-Ton- Film-Edition von Alfred Döblins Berlin-Alexanderplatz-Werkkomplex (1929–1931). In: Aufführung und Edition. Hrsg. von Thomas Betzwieser und Markus Schneider. Berlin, Boston, S. 303.
  • Šimek, Jakub. 2015. Archiv, Prisma und Touchscreen: Zur Methode und Dienlichkeit einer neuen Text-Bild-Edition des Welschen Gastes. In: Vom Nutzen der Editionen. Hrsg. von Thomas Bein, S. 335-366.

Zitiervorschlag:

Gengnagel, Tessa 2024. Text-Bild-Edition. In: KONDE Weißbuch. Hrsg. v. Selina Galka und Helmut W. Klug unter Mitarbeit von Susanne Höfer im Projekt "Enlarging 'Weißbuch Digitale Edition'". Aufgerufen am: . Handle: hdl.handle.net/11471/562.50.292. PID: o:konde.252

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