RED BULL

Textausschnitte

, S. 131

[...] I S T ER DAS, werde ich mich zu spät gefragt haben: Ist er das, ist er es, von dessen Absicht ich noch nichts wissen kann? Der durch die zufällig, oder nicht zufällig? unversperrte Haustüre ins Haus gelangt sein und sich durch das Stiegenhaus in den dritten Stock geschlichen haben wird? Der nach dem Betätigen der Türklingel – man kommt, um nicht zu öffnen – und auf die Frage: Wer ist da ? hin nur wortlos gegen die versperrte Tür zu treten begonnen haben wird ? Dessen schreckliche, riesenhafte Erscheinung, durch den Spion kurz wahrgenommen, sich mir zwar nicht unauslöschlich, aber doch nachhaltig eingeprägt haben wird, die hervorquellenden Augen, die böse funkelnde Brille, im Halblicht, ist er das, der Verspottete, der verspottete Kaufmann, der lange genug verspottete Speditionskaufmann, sportiv gekleidet eigens für dieses Nachtstück, diese Mitternachtseinlage, ist es soweit? Der im Nu die Türe eingetreten, eigentlich aufgetreten haben wird, die hohe Doppelflügeltüre, schon wieder eine hohe Doppeltüre, ich habe mich zum Weiterleben entschlossen, und doch, schon wieder, etwas mit einer hohen Doppeltüre, ohne h-Moll-Messe diesmal, ohne die Hohe Messe von Bach, aber etwas mit Tod schon wieder, mit Todesdrohung zumindest, Umbringensdrohung, Furcht und Unruhe; ist es soweit, wird es passiert sein? Ist er das? Der, beflügelt von Red Bull und Red Label, vor allem aber von RED BULL, wie ein Stier in der Wohnung und unter der Wohnungseinrichtung gewütet haben wird, in einem fort rufend: Wo ist er, wo ist das Schwein, ich bringe ihn um, mit bloßen Händen! Doch wo bin ich? Es ist soweit, aber wo denn ich? Nicht da ich [...]

, S. 136

[...] Es läutet, ich gehe, um nachzusehen, wer um diese Zeit Einlaß begehrt, und ob überhaupt, und siehe da, es ist, ein Schreck durchfährt mich, es ist jener Exportoder Speditionskaufmann, der mir aus einer Jahre zurückliegenden ungewollten, unerwünschten, mutmaßlich auf eine Intrige zurückzuführenden Begegnung im sogenannten Beatrixstüberl in der Ungargasse, in das ich alle zehn Jahre vielleicht einmal gerate, flüchtig bekannt ist, ein, meiner Erinnerung nach, eher kleiner, dicklicher, um nicht zu sagen runder Mensch mit sogenannten Glupschaugen hinter dicken Brillengläsern, und einer, so mein Eindruck, etwas infantilen, also in einem fort saugen wollenden Mundpartie, der Schreck aber durchzuckt mich weniger des Erkennens, des Wiedererkennens wegen, sondern weil dieser Kaufmann in den dazwischenliegenden Jahren gut einen Meter größer geworden zu sein scheint, so groß, so bedrohlich, so zu allem entschlossen steht er vor meiner Türe, und böse funkeln die Brillengläser, oder die runden hervorquellenden Augen dahinter, oder beide, was weiß denn ich, ich bin kein Augenarzt (und wäre ich einer, die Ordination wäre nachts geschlossen – nein, wäre überhaupt geschlossen, denn einmal dem Fehlläuten der Glocke gefolgt, – es ist bekannt, was es nicht, was es nie wieder ist), und er scheint auch getrunken zu haben, nicht nur Wein, nicht nur Whisky, RED LABEL, das machte ja nichts, dagegen wäre nichts zu sagen, nein, er hat R E D B U L L getrunken, getrunken, nun ja, eingenommen, eingenommen über Tage, möglicherweise Wochen, um sich zu stärken, vorzubereiten, einzustimmen für den großen Auftritt, den bald schon, schnell gelungenen Auftritt der Wohnungstüre, der Eingangsflügeltüre, wie denn auch nicht, dermaßen beflügelt; die Firma RED BULL macht ihre Aufwartung in Gestalt eines verspotteten, aber plötzlich zum Riesen gewordenen kleinen Kaufmannes, und das des Nachts; die Firma Kolarik und Buben, die Bierauslieferung – die einzige Firma, mit der ich im Benehmen bin – stellt, nach Vereinbarung, am Nachmittag zu, und was so fein ist: Nie fiele es ihnen ein, die Türe aufzutreten [...]

Zu spät – Tiefland, Obsession, S. 318

[...] Nicht der Kirschbaum gegenüber und nicht die Bombenruine dahinter, der Esel nicht und nicht die Geliebte, das Geschäft meines Vaters nicht und auch nicht mein Vater selbst, der die Entstehung meiner Kindheitsruine dankenswerterweise fotografisch festgehalten und im Photo- Spezialgeschäft Anton Kofler, Straße der SA, später Bahnhofstraße, ausarbeiten hat lassen, Anton Kofler, wohnhaft in der Kasmannhuberstraße, keine Verwandtschaft, bloße Namensgleichheit, guter Fußballer, auch nicht mehr da, seit langem nicht mehr, und seit kurzem auch nicht sein ferner Neffe, der Jonke, nicht mehr da!, nicht mehr da der Jonke, wie das?! Ach, daß endlich der Zusammenhang von RED BULL und Krebs untersucht und belegt würde, daß Produkt und Produzent aus dem Verkehr gezogen würden für immer! Aber was hülfe es? Zu spät [...]


Zitiervorschlag:
RED BULL. In: Werner Kofler: Kommentar zur Werkausgabe. Hrsg. v. Wolfgang Straub und Claudia Dürr. https://gams.uni-graz.at/o:kofler.w3.tiefland.1732, 2019-02.