Leukerbad

TEI version< zurück

Kommentar

Kurort im Schweizer Wallis, seit 1996 jährliches Literaturfestival

Textausschnitte

Zu spät – Tiefland, Obsession, S. 312

[...] Anfang Juli fuhr ich wieder nach Villach, um nach meinem bedrohten Kirschbaum zu sehen – nicht mein Kirschbaum, strenggenommen, sondern der Kirschbaum gegenüber, im Kindheitsgelände, neben dem früheren Bauernhof und höher als dieser; zuvor aber reiste ich über Zürich nach Leukerbad [...]

Zu spät – Tiefland, Obsession, S. 313

[...] geglückte Vorstellung der Geliebten an meiner Seite, una bella figura, in guter Form auch ich, als wäre ich so alt wie meine Geliebte, also 25 Jahre jünger; am Tag der Rückreise aber, der Rückreise in die Niederungen, die Niederungen des Alltags, und am Abend davor schon gedrückte Stimmung, der Zauber verflogen, die Geliebte erhielt ständig schlechte Nachrichten aus dem familiären Hinterland, und in Zürich, wiederum im Café Les Arcades, am selben Tisch wie vor vier Tagen, hatte sich die Mißstimmung schon zu einem stummen Zerwürfnis ausgewachsen, wie ich es nur von meiner römischen Geliebten kannte und zwischen meiner jenischen Geliebten und mir nie für möglich gehalten hätte; auf der Weiterreise, im Speisewagen durch Tirol, Auseinandersetzungen um Nichtigkeiten wie: ob die Bezeichnung KARRNER für Jenische abwertend sei oder nicht, oder: warum die Jenischen, die sich von Nicht-Jenischen in kaum etwas unterschieden, Nicht-Jenische als GADSCHE, Fremde bezeichneten – die Koflerischen nennten die Nicht- Koflerischen ja auch nicht Gadsche, oder die Weberischen die Nicht-Weberischen – eine Anmerkung, die auszusprechen ich mir, nach Vorwarnung, versagte, sonst wäre ein Aschenbecher, wäre einer vorhanden gewesen, an meiner Stirn zerschellt; in Salzburg, im heruntergekommenen Marmorsaal der Hauptbahnhofsrestauration, wo, gespenstische Szenerie, an einem gewöhnlichen Montagabend einige häßliche ältere Paare zur Musik aus einem mitgebrachten Tonbandgerät Rock’n’Roll tanzten, in Salzburg vollends in unwegsames Gelände geraten, ins Beziehungsgestrüpp, und in Villach, gegen Mitternacht, nach vierzehnstündiger Bahnreise, weiteren schlechten Nachrichten aus dem jenischen Biotop und einer letzten, mir, ihr gegenübersitzend, gewissermaßen ins Gesicht geschriebenen Nachricht – In Leukerbad [...]

Zu spät – Tiefland, Obsession, S. 314

[...] te, der Kirschbaum war nicht mehr da, war am Vortag umgeschnitten worden, um der Baugrube für eine Tiefgarage Platz zu machen, lediglich Teile der mächtigen Baumkrone waren, im satten Grün noch, über den Gemüsegarten und den Misthaufen gebreitet, ein Bild, das mich, neben der Einsicht, nach Leukerbad an einem Tag nicht nur ein Stück Kindheit, sondern, schlimmer noch, ein Stück Gegenwart eingebüßt und somit den Boden unter den Füßen verloren zu haben, zur überstürzten Abreise nach Wien veranlaßte [...]


Zitiervorschlag:
Leukerbad. In: Werner Kofler: Kommentar zur Werkausgabe. Hrsg. v. Wolfgang Straub und Claudia Dürr. https://gams.uni-graz.at/o:kofler.w3.tiefland.1690, 2019-02.