Achternbusch

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Kommentar

Herbert Achternbusch (* 1938 als Herbert Schild), deutscher Schriftsteller und Filmregisseur

Textausschnitte

Üble Nachrede, S. 110

[...] (Herr Staatsanwalt? Staatsanwalt Sittenthaler? Bitte, ich – Hallo? Bin ich das, bin ich auf Sendung? Ja, bitte, ich, mein Name tut nichts zur Sache, ich möchte etwas bekanntgeben, und zwar hat ein gewisser Bernhard in einem Programmheft des Bochumer Schauspielhauses behauptet, daß die katholische Kirche mit ihrem widerwärtigen Lieben Gott Afrika vergiftet habe, und daß sie jetzt gerade dabei sei, Lateinamerika zu vergiften mit ihrem widerwärtigen Lieben – Bitte? Aber nein, nicht Achternbusch, Bernhard ist der Name, wie der berühmte Dichter, genau so, ein gewisser Bernhard hat das geschrieben, und weiter behauptet, die katholische Kirche sei die Weltvergifterin, die Weltzerstörerin, die Weltvernichterin; die Kirche eine Weltvergifterin, Herr Staatsanwalt, das ist doch die Höhe – Bitte? Das ist die Wahrheit, sagen Sie? Die Wahrheit, und nichts als sie? Sie als Staatsanwalt? Das ist nicht nur die Höhe, das ist der Gipfel! Der Gipfel der Impertinenz, eine Impertinenz sondergleichen! Ein feiner Staatsanwalt [...]

Zu spät – Tiefland, Obsession, S. 309

[...] mit einem gedankenlos hingesagten Danke, Aufwiedersehn diese wieder verlassend, während der Wirt zornesrot mir nachbrüllt: Nix danke, nix Aufwiedersehn, arrivederci!!; gerade, daß er mir das Glas nicht nachgeworfen hat) –, zur Straße nach Südtirol durchschlagen, um nach Innsbruck zu gelangen; in Innsbruck aber werde ich vor verschlossenen Türen stehen, von den neuen Freunden und Sympathisanten aus der Zeit der Jugendkulturwoche, die einen Monat zuvor noch mich groß- zügigst aufgenommen hatten, wird niemand mehr da sein, mein Quartiergeber Decristel, Georg, Roßbachstraße 24, in dessen Küche wir nächtelang Collagen verfertigt hatten, wird mit Frau und Kind nach England zu den Schwiegereltern gereist sein, also werde ich mich gegen Mitternacht auf den ebenerdigen Balkon schwingen und auf dem dort befindlichen Feldbett übernachten; tags darauf werde ich den weiten Weg nach Allerheiligen, zu den Allerheiligenhöfen auf mich nehmen, zu Peter Weiermair, Herausgeber der Allerheiligenpresse und damals schon eloquenter Sachwalter der Avantgarde, um ihm die Litanei zu zeigen und bei diesem Anlaß, da gerade in einer kurzfristigen Verlegenheit –, und er wird tatsächlich begeistert sein, Weiermair Peter, großartig, wird der ausrufen, großartig, aber herausrücken wird er nichts, der Herausgeber, umsonst der lange Fußweg, umsonst die weiteren Ortswechsel – wohin denn ich, im Läuten der Abendglocken? – nach München, nach Schwaz in Tirol, nirgendwo was zu holen, noch nicht, auch den Achternbusch [...]


Zitiervorschlag:
Achternbusch. In: Werner Kofler: Kommentar zur Werkausgabe. Hrsg. v. Wolfgang Straub und Claudia Dürr. https://gams.uni-graz.at/o:kofler.w3.tiefland.1684, 2019-02.