Unglück, das ihm verblieb

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Kommentar

Eventuell Anspielung auf das Lied Glück, das mir verblieb aus der Oper Die tote Stadt (1920) von Erich Wolfgang Korngold (1897–1957)

Textausschnitte

Zu spät – Tiefland, Obsession, S. 303

[...] – Wohin mit den Spuren der sogenannten Schicksalsschläge, des binnen weniger Jahre – oder weniger Tage?, weniger Stunden? – zerstörten Lebensentwurfs meines Vaters, wohin mit den wenigen Fotografien seiner Zwillingskinder, Annemarie und Ernsti, im Sommer 1939 aufgenommen in der noch unversehrten Bauernstube in der Kernstockstraße, und wohin mit diesem Bild – in den Schnee, in den Schnee! –: Mein Vater, damals 29, hält lächelnd, mehr noch, ich wage es: glücklich die wenige Wochen alte Tochter im Arm, daneben ein leergetrunkenes Fläschchen, vielleicht klopft er ihr behutsam auf den Rücken, auf daß sie rülpse, ein Bild höchster Zufriedenheit; doch ach, auf der Rückseite ist, in der wie gestochenen Handschrift meines Vaters, zu lesen: Annemarie † vier Wochen alt, wobei er das deutlich verstärkte Kreuz erst später, post mortem, eingefügt haben dürfte; post mortem, eine ihm wohl nicht geläufige Wendung, deren Bedeutung ihm aber in den Folgejahren auf schreckliche Weise vorgeführt werden sollte; im Herbst 1939 und danach nur noch Fotos des Sohnes, des, wie sich später herausstellen sollte, gehbehinderten Ernsti, Unglück, das ihm verblieb, Fotos mit der Mutter oder deren Eltern, den Schwiegereltern meines Vaters, den Postls aus Klagenfurt, die sich nach dem Tod der Enkeltochter mehr und mehr auf den noch vorhandenen Enkelsohn gestürzt hatten, den Noste, den Burli, da Burli, Burli hin, Burli her, Burli; dröge Leute, der alte Postl ein Postangestellter mit S A -Schnurrbart, ein Postler namens Postl, komisch, nicht – ja was denn, gute Laune war kriegswichtig – und seine Frau, die alte Postl, weder Postangestellte noch S A -Schnurrbart, nur Hausfrau; die Schwiegereltern Postl, die nach dem Tod der Tochter, der Mutter des Ernsti und ersten Frau meines Vaters beim Luftangriff vom 25 [...]


Zitiervorschlag:
Unglück, das ihm verblieb. In: Werner Kofler: Kommentar zur Werkausgabe. Hrsg. v. Wolfgang Straub und Claudia Dürr. https://gams.uni-graz.at/o:kofler.w3.tiefland.1626, 2019-02.