Urszene

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Kommentar

Begriff der Freud’schen Psychoanalyse (s. Eintrag ›Urszene‹); Kofler spielt auf seine erzählerische Urszene – den Zeitungsausschnitt „Witz war tödlich“ (s. gleichlautender Eintrag) – an.

Textausschnitte

, S. 149

[...] Was, wenn mir der Jeanescu zwei Professionisten aus dem Prater geschickt hätte, um mir aufzulauern, zwei solide Handwerker, die mir nach der Behandlung auch noch, einer nach dem anderen, ihre gewaltigen Glieder in den Mund steckten, und dazu riefen oder im Duett sängen Das Zeichen ist auch die Bedeutung? Oh, daß ich dem ersten schon die Eichel abbisse und sie ihm voll Verachtung ins Gesicht spuckte! Überspannt, das ist das Wort, ich bin überspannt, nervlich zerrüttet seit jener Geschichte, seit der Urszene [...]

Zu spät – Tiefland, Obsession, S. 304

[...] – Wohin mit dieser Szene an einem Sonntagnachmittag im Oktober Anfang der 1950er Jahre in der wiederinstandgesetzten, weiß lackierten und weiß gestrichenen Kernstockstraßenküche, wohin mit dieser Herbstszene, die auf keiner Fotografie festgehalten ist: ich, ich als etwa Vieroder Fünfjähriger, sitze am Küchenboden oder auf meinem Schemel zwischen innerer und äußerer Balkontüre und betrachtete mein kartoniertes KRIEGSBILDERBUCH, große Luftund Seegefechte, in Farbe, während neben und über mir, jäh gestörter Sonntagsfrieden!, der Vater ist auf dem Fußballplatz, ein Gefecht, ein Wortgefecht sich entspinnt zwischen meiner Mutter (Verteidigung) und der auf einmal in der Küche stehenden, plötzlich aufgetauchten Großmutter des ›Burli‹, der alten Postl aus Klagenfurt (Angriff); es scheint um den Ernsti, um Sorgerechte und Fürsorgebescheide zu gehen, und von seiten der Alten setzt ein NESTELN und FUCHTELN, ein HERVORNESTELN und HERUMFUCHTELN ein, das auch mich von meinem Kriegsbilderbuch aufund zusehen läßt: die alte Postl, wie sie, neben dem Küchentisch stehend, ohne abgelegt, ohne, trotz Einladung, Platz genommen zu haben, aus einem sogenannten Einkaufsnetz irgendwelche Schriftstücke hervor-, herausnestelt mit vor Aufregung, vor Grimm zittrigen Fingern, und damit herumfuchtelt, innehält, diesen und jenen Passus, mit einem Finger auf der jeweiligen Stelle, vorliest, wieder herumfuchtelt, herumfuchtelt in der Gegend, eine andere Seite hervornestelt, vorliest, meiner statuarisch abwartenden Mutter vorliest, und wieder fuchtelt, herumfuchtelt, die behördlichen Schriftstücke ins Einkaufsnetz hineinfuchtelt, mit zittrigen Fingern, die alte Fuchtel; Urbild, Urszene des Fuchtelns für mich, und FUCHTELN: ein ungemein brauchbares Wort, nicht nur für mich [...]


Zitiervorschlag:
Urszene. In: Werner Kofler: Kommentar zur Werkausgabe. Hrsg. v. Wolfgang Straub und Claudia Dürr. https://gams.uni-graz.at/o:kofler.w3.nachrede.698, 2019-02.