Bewegung

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Kommentar

Wahrscheinlich eine Anspielung auf Jörg Haiders gescheiterten Versuch 1995, die Partei FPÖ in eine „Bewegung“ umzuwandeln (s. Eintrag ›Ein Folkstreuer‹).

Textausschnitte

Herbst, Freiheit, S. 10

[...] Jakob; hatte japanische Hotelgäste beobachtet, wie sie abwechselnd auf einem in die Wiese gestellten Sessel Platz nahmen, um einander zu fotografieren, oder das Zustandekommen einer Fotografie einer Volkstanzgruppe aus dem Friaul; diese schönen Frauen, in dieser grünen Wiese, im Grünen, im Grünen! Selbst den Chef der Villacher Kriminalpolizei hatte ich, am Nebentisch, unauffällig zu studieren vermocht, seine modisch gerundete Sonnenbrille, seinen Schnurrbart und seine von einem Kaugummi fortwährend in Bewegung gehaltene Mundpartie, seine nervös, in einem masturbatorischen Rhythmus wippenden Beine, und seine Art, selbst private oder harmloseste Mitteilungen mit einem im Gesicht festgeschriebenen Mißtrauen und knappen, zurückfragenden Worten wie: Ach so? Wirklich? aufzunehmen [...]

Herbst, Freiheit, S. 61

[...] Ein großer Angeber sind Sie, waren Sie, werden Sie in Kürze gewesen sein! Mut zur Wirklichkeit, Freundchen, zu den einfachen Dingen: eine entschlossene Hand, verstehen Sie, eine Laubsäge, ein gut gespanntes Sägeblatt, mit Curare bestrichen, eine beliebige Hautpartie, eine kurze Bewegung, und schon – so, immer bedrohlicher, der olivgrüne Fremde dicht neben mir, so wie Sie jetzt, ganz dicht neben mir, ein Mann noch dazu, und nicht, wie Sie, eine Frau, ich konnte seinen Atem spüren, wie im Augenblick den Ihren, die Spannung war spürbar wie – wie die straffe Brust einer schönen, jungen Frau, und plötzlich nahm ich allen Mut zusammen und – und griff plötzlich –Nein, wieder nichts? Ich möge meinen Händen Einhalt gebieten, Sie seien nicht das Fräulein Winkler, und Professor Schmidt-Dengler kennten Sie nicht? Ah, Professor Schmidt- Dengler würde sich fein bedanken, wenn er –Nun, ich setze auf Ihre Diskretion [...]

, S. 148

[...] Ist er das? Und wenn, welcher? Einer von der Bewegung [...]

, S. 149

[...] Nein, würde er gar nicht, nicht so; Polizisten stellen solche Überlegungen nicht an, und freiheitliche schon gar nicht; sich, unter Amtsmißbrauch, Zutritt zu einer Wohnung verschaffen, das ja, sonst wäre es mir nicht eingefallen, jemandem, in Notwehr, das Maul zu stopfen, wie es heißt, das vielleicht, aber Zeichen und Bedeutung? Da müßte ich die Bewegung auf den Gerichtsweg verweisen [...]

Manker, Invention, S. 202

[...] Ist er das; und wenn, welcher, einer von der Bewegung [...]

Manker, Invention, S. 203

[...] Was flüstern Sie schon wieder, Manker? Können Sie ein Flöten von einem Flüstern nicht unterscheiden? Hätte ich schreiben sollen: In dubio pro arte, flüsterte er, damit Sie das Mündchen spitzen und flötend dem Hohn, dem befürchteten, freien Lauf lassen, etwas lauernd, etwas spielerisch und durch und durch schwul, die Freiheitlichen sind doch alle auf verquere Art schwul, nur wollen sie es nicht wissen, können es nicht wissen, allein das Flöten überfuhrte zumindest den freiheitlichen Einzeltäter, die Vorgängerorganisationen der Bewegung haben es ja auch nicht gewußt, nicht wissen wollen, da hat den einen der angebliche Jude Goebbels so wenig geholfen, wie den anderen der Jude Sichrovsky hilft, SADIEREN, Manker, mit dem Opfer herumspielen, bevor man zur Sache kommt, und deshalb FLÖTEN, und deshalb FLÜSTERN nicht [...]

Kalte Herberge, S. 244

[...] – bricht was los?, was herein? Die Hölle, das Unheil? Nein, Hölle nicht, kein Inferno, auch Vorhölle wäre das falsche Wort, aber doch beträchtliche Bewegung plötzlich aus vielen Richtungen, großer Lärm, Lärm von herannahenden Einsatzfahrzeugen, Folgetonhörner von Polizei-, Rettungsund Feuerwehrwagen, Folgetonlärm, wie wenn später, wenn es zu spät ist, post delictum, post festum in großen Lettern von Mord, Mordalarm, Alarmabteilung, Großeinsatz, Großaufgebot, Belagerung zu lesen sein würde; großer Lärm, Bewegung, plötzliche [...]

Kalte Herberge, S. 245

[...] – Nach etwa zwei Stunden entsteht unten Bewegung [...]

Kalte Herberge, S. 250

[...] Es hätte alles noch gutgehen können, denn der Zug aus der Gegenrichtung, der D-Zug von Köln nach München, hätte die eingleisige Behelfsbrücke bei Fahr-Irrlich eigentlich schon passiert haben sollen, haben können – aber da hatte ein in einem dunklen Abteil sitzender Reisender, einige Minuten vor der Brücke, um dem fürchterlichen Gestank abzuhelfen, anstelle der Lüftungsklappe die Notbremse erwischt und so den Zug mit Knirschen und Zischen zum Stillstand gebracht, bringen lassen; in dieser Position, wenige Kilometer vor der Brücke, wäre es noch gutgegangen, hätte der Reisende nicht sogleich und von sich aus dem Zugpersonal seinen Irrtum einbekannt und auch die Strafe sofort bezahlt, mit der Auflage, es möge im Zug Licht gemacht werden –, ach hätte er sich Zeit gelassen bis zu seiner Ausforschung, wäre er sitzen geblieben im Dunkel, bis zur Entdeckung des Mißgeschicks – nichts wäre passiert, nur die Eisenbahngeschichte wäre um eine Katastrophe ärmer gewesen; so aber, bald nachdem jener Reisende wieder Platz genommen und der Zug sich wieder in Bewegung [...]

Kalte Herberge, S. 260

[...] Datum abgelaufen, Ware in Ordnung – Jetzt reisen sie wieder, die anderen, die auch I C H sagen, die Unflatentäußerer, und selbst nichts als Unflat, Unrat, Dreck, Abschaum, Schaumkronen darauf, die anderen Ich-Sager, ich, Hans Achatz, ich, Ernest Windholz, ich, Hilmar Kabas, und aandere Gestalten des Auswurfs, die von der Bewegung, der Gesinnungsgemeinschaft, Ich, Ernest Windholz, Ich, Hans Achatz, klingt das nicht seltsam?; wahrscheinlich reisen sie zu einem SONDERPARTEITAG, zu den SONDERKOMMANDS der Waffen-SS im Osten, zu den SONDERBEHANDLUNGEN können sie ja nicht mehr reisen, bei aller Ehre und Treue, also reisen sie zu einem Sonderparteitag, auf dem sie ihre Meinungen, ihren Unflat absondern werden: ich, Hilmar Kabas, ich, Ernest Windholz, ich, Hans Achatz, wir, sie, deren Existenz vollkommen entbehrlich ist, und nicht nur ihre, denn zum Sonderparteitag reisen ja viele, viele Ich-Sager, denen es bei Androhung des Standrechts, der Sonderbehandlung verboten sein sollte, I C H zu sagen – Wer denn ich? Woher denn ich? Woraufhin denn ich? Wer denn sie, diese bloßen Erscheinungsformen der alltäglichen Niedertracht, der sogenannten freiheitlichen, freiheitlich-nationalsozialistischen Basis, nein? Ja, Kramberg, da ist es wieder, was nach Céline klingt, aber nicht von Céline ist, im Gegenteil, im Gegenteil [...]

Kalte Herberge, S. 271

[...] Nein, kein Staub, keine überstürzte Bewegung [...]

Kalte Herberge, S. 273

[...] seinerseits auf die Gelegenheit brennte, mit jenem aus dem Oberösterreichischen in sein Revier eingedrungenen Landvogt und Deitschkinstler Tacheles zu reden, die Enteignung des Bärentales betreffend; daß er ihm die Hand, die Nase, das Röhrchen mit dem weißen Pulver dazwischen, daß er ihm den Kopf überhaupt mit einem einzigen Prankenhieb vom unnö- tigen Unterbau, vom verzichtbaren Rest fetzte! Freilich, und schade, schade, dieser widerrechtliche Bärentaler käme gar nicht in die Situation, den Bären aufzustören, das Stille, die Stille ist nie seine Sache gewesen, außerdem hätte er mindestens seinen Protokollchef Koloini und den Leibwächter Binder dabei – nicht, daß der Bär sich fürchtete, aber es wäre ihm wahrscheinlich zu blöd, dreimal, Arschgesicht hin oder her, dieselbe finale Bewegung zu vollführen, schade [...]

Zu spät – Tiefland, Obsession, S. 304

[...] – Dann aber, plötzlich, die Detonation eines Satzes, des Satzes DU BIST EINE HEXE in der Küche, ein schwerer Treffer, aber wer auf wen angelegt hat, schwer zu sagen, bei diesem Pulverdampf, schwer zu sagen, wer wem den Satz ins Gesicht geschleudert hat, was den Bewegung [...]


Zitiervorschlag:
Bewegung. In: Werner Kofler: Kommentar zur Werkausgabe. Hrsg. v. Wolfgang Straub und Claudia Dürr. https://gams.uni-graz.at/o:kofler.w3.nachrede.694, 2019-02.