Das Kunstwerk ist die Totenmaske des Deliktes

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Kommentar

Zitat aus Hotel Mordschein (S. II/152)

Textausschnitte

, S. 147

[...] operndirektor Holender – nein? Wenn dieser Eibisch, oder ein von ihm Gesandter, in diesem Augenblick, in dieser Frühlingsnacht, den Häuserblock umrundete oder gar schon durch das Stiegenhaus nach oben, in den dritten Stock, schliche, ich fühlte mich nicht in Furcht und Unruhe versetzt? Durch notorisches übles Nachreden, den Üblen nachreden, durch fortgesetzten Spott in Furcht und Unruhe versetzt, durch Opfer der Spottlust zum Opfer der Opfer der Spottlust geworden, Üble Nachrede, Furcht, Unruhe? Ist nicht die Haustüre ins Schloß gefallen, ohne daß jemand von innen wieder versperrt hätte? Licht im Stiegenhaus? Kein Licht im Stiegenhaus? Kein Ganglicht, keine Gangbeleuchtung, kein Zischen des Ganglichts, keine Viola im Nebenzimmer? Keine Glühbirne herausgeschraubt, wie beim bis heute nicht aufgeklärten sogenannten Karfreitagsmord, nein? Er wird sich im Dunkel heraufgeschlichen haben? Wer ist es, wird es sein, wer wird es gewesen sein? Einer, dem ich die Frau weggenommen habe? Einer, den ich verspottet habe, ein von mir Beschädigter, und falls, welcher von den Hunderten, wenn nicht Tausenden? Einer, den ich komisch angesehen hätte, irgendwie komisch, und wohl insgeheim belustigt; einer, der mir meine heimlichen Belustigungen schon noch austreiben würde? Einer, mehrere, welche? Welche sind es? Der geheime Postenkommandant? Die Urbanz, die Urbanzverbrecher aus Lind bei Knittelfeld? Der Eibisch aus Lind in Villach? Der Kunstmaler Schreib aus der Leopoldstadt, der Schneider Volpini? Wer wird es sein? Der Verstörungstäter im Hotel Mordschein, oder Mondschein? Das Kunstwerk ist die Totenmaske des Deliktes, würde er, in die Wohnung eingedrungen, ausrufen? Weil ich ihn um sein Delikt, die Ermordung eines Nachtportiers mit einem Küchenmesser, unter Anleitung einer Viola in einem Nebenzimmer, gebracht hätte, deswegen würde er mich aufgesucht haben, irgendwann nach Mitternacht, und nach seiner Entlassung, nach Verbüßung seiner Strafe in einer Sonderanstalt? Weil ich seinen surrealen Akt zu einem Prosakunstwerk umgearbeitet, weil ich ihn entworfen und dadurch vernichtet hätte, deshalb? Wahrscheinlich deshalb [...]


Zitiervorschlag:
Das Kunstwerk ist die Totenmaske des Deliktes. In: Werner Kofler: Kommentar zur Werkausgabe. Hrsg. v. Wolfgang Straub und Claudia Dürr. https://gams.uni-graz.at/o:kofler.w3.nachrede.690, 2019-02.