ins Ghetto, auf die Matzesinsel

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Kommentar

Im zweiten Wiener Gemeindebezirk („Leopoldstadt“) bestand 1624–1670 ein jüdisches Ghetto. 1670 veranlasste Leopold I. die Vertreibung der Juden aus Wien („Zweite Wiener Gesera“), auf den Grundmauern der Synagoge wurde die Leopoldskirche errichtet. Einzel nen, privilegierten Juden wurde bald darauf die erneute Niederlassung erlaubt. Ab dem 19. Jahrhundert wurde der Zuzug von Juden, vor allem aus Galizien, immer stärker, die Leopoldstadt blieb das bevorzugte Wohngebiet der jüdischen Bevölkerung. Flüchtlinge vor den ostgalizischen Pogromen 1914/15 ließen den jüdischen Bevölkerungsanteil nochmals erheblich wachsen (vgl. Beckermann 1984, 17). Die Leopoldstadt bildete bis zur Donauregulierung eine Insel zwischen Flussarmen; Matze (auch: Mazze) bezeichnet das ungesäuerte Pessachbrot.

Textausschnitte

, S. 144

[...] Und daran, daß er, der andere, die Vorstellung irgendwann nach Mitternacht durch ein Fenster zur Straße fluchtartig verlassen haben – nein, daß er den Film fluchtartig, durch das Stiegenhaus nach unten hastend, verlassen haben wird, nur fort aus der Gegend, in der er noch nie gewesen sein wird wollen, am neben dem Hauseingang liegenden, wimmernden, zerbrochenen, aus vielen Wunden und am schrecklichsten aus dem Unterleib blutenden Opfer, Film! Film!, am ablaufenden Lebensfilm auf dem Gehsteig vorbei, die Hetzgasse überquerend, hinkend und, wie es für jemanden an einem offenen Fenster den Anschein haben wird, mit schlechtem Schuhwerk, um die Ecke verschwunden, die Untere Viaduktgasse weiter hinab zum Donaukanal und hinüber ins Ghetto, auf die Matzesinsel, in die Affentürkei, in den 2 [...]


Zitiervorschlag:
ins Ghetto, auf die Matzesinsel. In: Werner Kofler: Kommentar zur Werkausgabe. Hrsg. v. Wolfgang Straub und Claudia Dürr. https://gams.uni-graz.at/o:kofler.w3.nachrede.682, 2019-02.