Furcht und Unruhe

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Kommentar

Der Titel des zweiten Abschnittes bezieht sich auf den Tatbestand der gefährlichen Drohung im Strafgesetzbuch, § 107, Abs. 1: „Wer einen anderen gefährlich bedroht, um ihn in Furcht und Unruhe zu versetzen, ist mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bis zu 720 Tagessätzen zu bestrafen“ (www.jusline.at/gesetz/stgb/paragraf/107, 18.6.2018)

Textausschnitte

Herbst, Freiheit, S. 92

[...] Üble Nachrede Furcht und Unruhe [...]

, S. 126

[...] Furcht und Unruhe [...]

, S. 127

[...] Erbrochen plötzlich die Türe, die Wohnungstüre, eingetreten, in Sekundenschnelle aufgetreten die hohe Doppeltüre, der Eingang zur Unterwelt, aufgeflogen mit lautem Krachen, nach wenigen gezielten Tritten, die Türflügel, großer Lärm, gebrochen der Hausfrieden, der nächtliche, mitternächtliche, geborsten das Schloß, aus der Verankerung gerissen die vorgelegte Sperrkette, in Furcht und Unruhe [...]

, S. 128

[...] gekommen der ordinäre Budweiser Bierkrug, ein mir liebes Werbegeschenk der Firma Kolarik und Buben, umgeworfen ein Küchentisch, kaputt alles, was sich darauf befunden, Teekannen aus Porzellan und Teekannen aus Steingut, Teeund Kaffeetassen, Blumenvasen, Karaffen, Teller, Untertassen, alles mögliche, mit einem einzigen Wurf zerstört der schwere Wasserkessel aus Stahlblech, vom Herd genommen und in die Brausetasse geschleudert, gedroschen, schon wieder eine beschädigte Tasse, an mehreren Stellen abgesplittert die Emaillierung - nicht alle Tassen im Schrank gehabt -, nach innen verformt das Stahlblech von der Wucht des Aufpralls, – diese Kraft!, diese an Raserei und Irrsinn gemahnende Kraft! –, aufgerissen alle Türen, wo ich denn sei, daß er mich umbringe, mit bloßen Händen umbringe, großer Lärm, Furcht, Unruhe, wo denn ich, wohin denn ich, in Furcht und Unruhe versetzt, Krachen und Bersten, großer Lärm, unsichtbar gemacht ich mich, an mir vorbeigestürmt der plötzlich eingedrungene, entkommen, ausgewichen ich, auf den Hausflur entkommen ich und zum Nachbarn gelaufen, um Hilfe zu erbitten [...]

, S. 131

[...] I S T ER DAS, werde ich mich zu spät gefragt haben: Ist er das, ist er es, von dessen Absicht ich noch nichts wissen kann? Der durch die zufällig, oder nicht zufällig? unversperrte Haustüre ins Haus gelangt sein und sich durch das Stiegenhaus in den dritten Stock geschlichen haben wird? Der nach dem Betätigen der Türklingel – man kommt, um nicht zu öffnen – und auf die Frage: Wer ist da ? hin nur wortlos gegen die versperrte Tür zu treten begonnen haben wird ? Dessen schreckliche, riesenhafte Erscheinung, durch den Spion kurz wahrgenommen, sich mir zwar nicht unauslöschlich, aber doch nachhaltig eingeprägt haben wird, die hervorquellenden Augen, die böse funkelnde Brille, im Halblicht, ist er das, der Verspottete, der verspottete Kaufmann, der lange genug verspottete Speditionskaufmann, sportiv gekleidet eigens für dieses Nachtstück, diese Mitternachtseinlage, ist es soweit? Der im Nu die Türe eingetreten, eigentlich aufgetreten haben wird, die hohe Doppelflügeltüre, schon wieder eine hohe Doppeltüre, ich habe mich zum Weiterleben entschlossen, und doch, schon wieder, etwas mit einer hohen Doppeltüre, ohne h-Moll-Messe diesmal, ohne die Hohe Messe von Bach, aber etwas mit Tod schon wieder, mit Todesdrohung zumindest, Umbringensdrohung, Furcht und Unruhe; ist es soweit, wird es passiert sein? Ist er das? Der, beflügelt von Red Bull und Red Label, vor allem aber von RED BULL, wie ein Stier in der Wohnung und unter der Wohnungseinrichtung gewütet haben wird, in einem fort rufend: Wo ist er, wo ist das Schwein, ich bringe ihn um, mit bloßen Händen! Doch wo bin ich? Es ist soweit, aber wo denn ich? Nicht da ich [...]

, S. 138

[...] unmittelbar schon wieder, Furcht, Unruhe, in Furcht und Unruhe versetzt ich, das Opfer, der Betroffene, wie ich es darzustellen versuche? Schneller, sagen Sie, mehr Tempo? Sachlicher? Tempo, Tempo, die Zeit drängt? In meiner Abwesenheit, was sich abgespielt hätte, in meiner Wohnung? Wie soll gerade ich das wissen, ich war ja nicht dabei, nicht zugegen [...]

, S. 139

[...] und sich darangemacht, die Wohnung zu durchsuchen, hätte meiner Beteuerungen, sie würde wohl zuhause sein, bei ihrem Mann, einem Speditionskaufmann, wo denn sonst, nicht achtend, und unter fortgesetzten Rufen wo sie denn sei, die Hure, daß er sie umbringe, überall Nachschau gehalten, in allen Räumlichkeiten, unter Sesseln und Stühlen, in der Brausetasse, im Wasserkessel, hinter dem Wandspiegel, in Lampen verschiedener Größe, in Gläsern und Karaffen, Kannen und Vasen, sogar den feinen Budweiser Bierkrug der Firma Kolarik und Buben hätte er umgekippt, ob nicht seine Frau herausfiele, daß er sie umbringe, die feige, die Feige, wo ist die Feige, ich bringe sie um, immer kleiner macht sie sich, die Feige, SO klein mit Hut, so klein ist sie schon, aber mit bloßen Händen, ich bringe sie um, hätte er geschrieen, herumgeschrieen in meiner Wohnung und gefährlich herumgefuchtelt noch dazu, herumgefuchtelt in der Gegend, in meiner Gegend – Bitte? Warum er in einem Bierkrug, in Vasen, Kannen, Karaffen und Gläsern, in Lampen, hinter einem Wandspiegel, in Wasserkessel oder Brausetasse, unter Stühlen und Sesseln ausgerechnet seine Frau zu finden gehofft hätte? Wie wenn ich, ausgerechnet ich, das gewußt haben würde! Vielleicht, weil sie ganz klein geworden wäre, die Frau, so klein, so klein mit Hut, obwohl sie keine Hüte trägt, wer, wenn nicht ich, wüßte es; in Furcht und Unruhe [...]

, S. 147

[...] operndirektor Holender – nein? Wenn dieser Eibisch, oder ein von ihm Gesandter, in diesem Augenblick, in dieser Frühlingsnacht, den Häuserblock umrundete oder gar schon durch das Stiegenhaus nach oben, in den dritten Stock, schliche, ich fühlte mich nicht in Furcht und Unruhe versetzt? Durch notorisches übles Nachreden, den Üblen nachreden, durch fortgesetzten Spott in Furcht und Unruhe versetzt, durch Opfer der Spottlust zum Opfer der Opfer der Spottlust geworden, Üble Nachrede, Furcht, Unruhe? Ist nicht die Haustüre ins Schloß gefallen, ohne daß jemand von innen wieder versperrt hätte? Licht im Stiegenhaus? Kein Licht im Stiegenhaus? Kein Ganglicht, keine Gangbeleuchtung, kein Zischen des Ganglichts, keine Viola im Nebenzimmer? Keine Glühbirne herausgeschraubt, wie beim bis heute nicht aufgeklärten sogenannten Karfreitagsmord, nein? Er wird sich im Dunkel heraufgeschlichen haben? Wer ist es, wird es sein, wer wird es gewesen sein? Einer, dem ich die Frau weggenommen habe? Einer, den ich verspottet habe, ein von mir Beschädigter, und falls, welcher von den Hunderten, wenn nicht Tausenden? Einer, den ich komisch angesehen hätte, irgendwie komisch, und wohl insgeheim belustigt; einer, der mir meine heimlichen Belustigungen schon noch austreiben würde? Einer, mehrere, welche? Welche sind es? Der geheime Postenkommandant? Die Urbanz, die Urbanzverbrecher aus Lind bei Knittelfeld? Der Eibisch aus Lind in Villach? Der Kunstmaler Schreib aus der Leopoldstadt, der Schneider Volpini? Wer wird es sein? Der Verstörungstäter im Hotel Mordschein, oder Mondschein? Das Kunstwerk ist die Totenmaske des Deliktes, würde er, in die Wohnung eingedrungen, ausrufen? Weil ich ihn um sein Delikt, die Ermordung eines Nachtportiers mit einem Küchenmesser, unter Anleitung einer Viola in einem Nebenzimmer, gebracht hätte, deswegen würde er mich aufgesucht haben, irgendwann nach Mitternacht, und nach seiner Entlassung, nach Verbüßung seiner Strafe in einer Sonderanstalt? Weil ich seinen surrealen Akt zu einem Prosakunstwerk umgearbeitet, weil ich ihn entworfen und dadurch vernichtet hätte, deshalb? Wahrscheinlich deshalb [...]

Manker, Invention, S. 159

[...] Nicht eingetreten aufgetreten die hohe Doppeltüre aufgeflogen –, EIN- getreten, A U F getreten die hohe Doppeltüre, A U F geflogen mit lautem Krachen die Türflügel, nicht bloß die Tür, Manker, warum diese Hast, die Türflügel, eine Flügeltüre, deren Türflügel plötzlich auffliegen – nicht so leiern, Manker, in Furcht und Unruhe versetzt ich, in Furcht und Unruhe versetzt ich, was soll das sein, Genauigkeit, Manker, IN FURCHT UND UN- RUHE VERSETZT – ICH [...]

Manker, Invention, S. 186

[...] wo ist der Faden, alles etwas zerfasert, zerfahren, zerfahren und im Lot schon gar nicht, ohnehin nicht, längst nicht mehr, das kann ich nachweisen, aber der Faden, ein Faden zumindest, unter zu vielen, wo, wo der verlorene Faden, der verlorene Sohn, wo? – Im Hausflur der verlorene Sohn, der ungebeten wiederkehrende, durch das Stiegenhaus herauf in den dritten Stock der Verlauf des verlorenen Fadens, zu mir herauf, zu meinem Schreibtisch, durch fortgesetzten Spott in Furcht und Unruhe versetzt, fahren Sie fort, Manker, – Opfer der Spottlust, nein, nicht Sie ein Opfer der Spottlust, Manker, Sie schon auch, aber erst später, bei Ihnen muß man aufpassen, vorsichtig sein, bei all dem, was man hört, und man hört so einiges, Sie sind nicht ungefährlich, Manker, im Text sollen Sie fortfahren, das meinte ich, durch Opfer der Spottlust zum Opfer der Opfer der Spottlust geworden, Furcht [...]


Zitiervorschlag:
Furcht und Unruhe. In: Werner Kofler: Kommentar zur Werkausgabe. Hrsg. v. Wolfgang Straub und Claudia Dürr. https://gams.uni-graz.at/o:kofler.w3.nachrede.630, 2019-02.