Karfreitagsmord

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Kommentar

Die von Kofler hier angeführten Details stimmen mit der Berichterstattung zu diesem unaufgeklärten Mordfall überein (vgl. Edelbacher 2012, 29), s. Eintrag ›Karfreitagsmord‹

Textausschnitte

, S. 147

[...] operndirektor Holender – nein? Wenn dieser Eibisch, oder ein von ihm Gesandter, in diesem Augenblick, in dieser Frühlingsnacht, den Häuserblock umrundete oder gar schon durch das Stiegenhaus nach oben, in den dritten Stock, schliche, ich fühlte mich nicht in Furcht und Unruhe versetzt? Durch notorisches übles Nachreden, den Üblen nachreden, durch fortgesetzten Spott in Furcht und Unruhe versetzt, durch Opfer der Spottlust zum Opfer der Opfer der Spottlust geworden, Üble Nachrede, Furcht, Unruhe? Ist nicht die Haustüre ins Schloß gefallen, ohne daß jemand von innen wieder versperrt hätte? Licht im Stiegenhaus? Kein Licht im Stiegenhaus? Kein Ganglicht, keine Gangbeleuchtung, kein Zischen des Ganglichts, keine Viola im Nebenzimmer? Keine Glühbirne herausgeschraubt, wie beim bis heute nicht aufgeklärten sogenannten Karfreitagsmord, nein? Er wird sich im Dunkel heraufgeschlichen haben? Wer ist es, wird es sein, wer wird es gewesen sein? Einer, dem ich die Frau weggenommen habe? Einer, den ich verspottet habe, ein von mir Beschädigter, und falls, welcher von den Hunderten, wenn nicht Tausenden? Einer, den ich komisch angesehen hätte, irgendwie komisch, und wohl insgeheim belustigt; einer, der mir meine heimlichen Belustigungen schon noch austreiben würde? Einer, mehrere, welche? Welche sind es? Der geheime Postenkommandant? Die Urbanz, die Urbanzverbrecher aus Lind bei Knittelfeld? Der Eibisch aus Lind in Villach? Der Kunstmaler Schreib aus der Leopoldstadt, der Schneider Volpini? Wer wird es sein? Der Verstörungstäter im Hotel Mordschein, oder Mondschein? Das Kunstwerk ist die Totenmaske des Deliktes, würde er, in die Wohnung eingedrungen, ausrufen? Weil ich ihn um sein Delikt, die Ermordung eines Nachtportiers mit einem Küchenmesser, unter Anleitung einer Viola in einem Nebenzimmer, gebracht hätte, deswegen würde er mich aufgesucht haben, irgendwann nach Mitternacht, und nach seiner Entlassung, nach Verbüßung seiner Strafe in einer Sonderanstalt? Weil ich seinen surrealen Akt zu einem Prosakunstwerk umgearbeitet, weil ich ihn entworfen und dadurch vernichtet hätte, deshalb? Wahrscheinlich deshalb [...]

Manker, Invention, S. 191

[...] wie wenn Sie, laut sprechend, Nachschau hielten, Nachschau vor der Türe, auf dem Vorfeld, dem Aufmarschgebiet, im Hausflur, aber wer hat Ihnen erlaubt, die Stellung zu verlassen, und wäre es, um Nachschau zu halten, wer hat Ihnen erlaubt, ins Stiegenhaus zu gehen, Licht im Stiegenhaus?, wie wenn Sie Licht machten, oder es zumindest versuchten, Kein Licht im Stiegenhaus, wie wenn Sie Licht hätten machen wollen, aber, wie befürchtet, und wie zur Bestätigung – Wie wenn der Kopf, in dem die Gedankenstimme vermutet werden darf, durch die aus guten Gründen verschlossene Wohnungstüre hindurch im Stiegenhaus herumgeisterte, Licht im Stiegenhaus? Kein Licht im Stiegenhaus? Wie wenn diese Gedankenstimme über einem giftgrünen Wams und einem Buckel anzusiedeln wäre, Licht im Stiegenhaus? Kein Licht im Stiegenhaus? Oder über einer entschlossenen Hand mit einem Küchenmesser, Licht, Ganglicht, Zischen des Ganglichts? Wie kann der Kopf über dem Schreibtisch, zwischen Schreibtisch und Fenster allenfalls, gleichzeitig außerhalb, im Stiegenhaus, derartige Nachforschungen anstellen, in dieser Deutlichkeit und rhetorischen Schärfe noch dazu? Licht im Stiegenhaus, kein Licht im Stiegenhaus? Genial, Manker, diese Darstellung, nein, Darstellung nicht, dieses Spüren-, nein, Aufblitzenlassen, Durchscheinenlassen dieser Aura von Spaltungsirresein, von SHINING, dieser MORDSCHEIN; Mordschein schon wieder, und es wäre doch nur, in Gedanken, zu fragen und wird noch zu fragen sein: Licht im Stiegenhaus? Kein Licht im Stiegenhaus? Kein Zischen des Ganglichts, keine Viola im Nebenzimmer? Keine Viola im Nebenzimmer!, warum plötzlich so leise, Manker, warum so verschämt, oder verschwiegen? Dieses Flüstern: Keine Glühbirne herausgeschraubt, wie beim bis heute nicht aufgeklärten sogenannten Karfreitagsmord [...]

Manker, Invention, S. 209

[...] Oh, daß er mir – ja, was denn? Was würde er? Ich würde doch gar nicht in der Nacht kommen, ich würde auch keine Glühbirne herausschrauben, wie beim bis heute nicht aufgeklärten Karfreitagsmord [...]

Manker, Invention, S. 218

[...] Schritte auf der Straße, Licht im Stiegenhaus – PAUSE, Manker, haben Sie nicht gehört, Pause, Pause und wieder Pause, Pause oder Absatz, haben Sie im Musikunterricht gefehlt, als die Pause durchgenommen wurde, und wie sie auszuhalten ist, stumm durchzuhalten, um nicht vor der Zeit wieder einzusetzen? Ja, schon gut, Licht im Stiegenhaus, kein Licht im Stiegenhaus, bitter, nicht bitter, Sie gehen mir auf die Nerven, Manker, mit Ihrem ewigen Licht im Stiegenhaus, kein Licht im Stiegenhaus, das ist doch nicht auszuhalten auf Dauer, Licht, kein Licht, und vielleicht wieder dieser sogenannte Karfreitagsmord [...]


Zitiervorschlag:
Karfreitagsmord. In: Werner Kofler: Kommentar zur Werkausgabe. Hrsg. v. Wolfgang Straub und Claudia Dürr. https://gams.uni-graz.at/o:kofler.w3.manker.926, 2019-02.