Brigitte Heinrich

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Kommentar

Deutsche Kabarettistin und Schauspielerin (* 1950)

Textausschnitte

Herbst, Freiheit, S. 69

[...] de vergewaltigt, indem irgendein dumpfer Kerl seine Schweiß- und Schweinsfüße hineinzupressen trachtet; werden sie auf dem Schwarzmarkt, auf dem Flohmarkt feilgeboten werden, oder wird ein gnädiges Schicksal sie, achtlos, und aus Unverständnis, weggeworfen, wenigstens auf der Müllkippe landen lassen, landen ist gut, auf dem Müllhaufen der Literaturgeschichte, die Schuhe, mit denen ich, zwei Wochen vor dem Unglück, tagelang in Neapel herumgegangen war, ohne daß ein Straßenräuber sie mir abgenommen hätte – wie auch, Neapel ist nicht Magdeburg, nicht Deutschland –; dahin – jetzt fällt es mir ein – ferner mein Telefonregister, mit Namen, die den Dieben nichts sagen werden, große Namen, Ingrid van Bergen oder Heinar Kipphardt, Brigitte Heinrich oder Christian Schulz-Gerstein, Namen und Adressen von Genossen also, Untergrundkämpfern, Bräuten; verloren auch – jäh fahre ich hoch im Bett, im kalten Herbergsbett – die Wohnungsschlüssel, auch sie haben sich in der Unglückstasche befunden [...]

Zu spät – Tiefland, Obsession, S. 307

[...] Parkbank ich, zur Zeit der großen Pause, wohin denn ich, damals, wohin?, unterwegs in den Süden ich, nach Lugano und weiter hinunter in den italienischen Norden, nach Milano, zur Genossin Roncalli, Fiorenza Roncalli von Lotta Continua, gewaltige Titten, Dutteln wie die Frau Reintaler aus der Mutzenbacher, Wäsche aufhängen am Dachboden, diese, Wäsche aufhängen und währenddessen von den Kindern ausgegriffen werden, nein, diese Kinder, so etwas!; Fiorenza Roncalli, Flauto Magico, it’s the Magic Flute, not mine, her Magic Flute, schöne nächtliche Verführungsszene in der Küche von Brigitte Heinrich, meiner Quartiergeberin im Frankfurter Westend – nein, Moment, die Geschichte mit der Genossin Roncalli aus Milano in Frankfurt, das war mehr als zehn Jahre später, dreizehn, nein vierzehn Jahre später, um genau zu sein, auch wenn es keinen interessiert: genau sein; – vierzehn Jahre nach jenem Sofortbild im Kopf: vergnügt auf einer Bank am Zugersee eine Zigarette rauchend, auf der Reise nach Lugano, nach Lugano zu Dolores, der kleinen Schwester von Arancelli, Arancelli und Dolores Pontefores, spanische Küchenmädchen in einem Grandhotel, in dem auch ein Jugendfreund aus Villach, Kraut Werner, als Kellner angeheuert hatte, der die Begegnung mit Dolores und ihrer Schwester ohne Absicht herbeigeführt – schöner Abend zu viert Anfang Juni – und später mit Absicht hintertrieben haben dürfte; aber damals ich als noch-nicht-ich, als noch-nicht-ganz-ich, ich als Ausreißer, als Schulabbrecher per Anhalter unterwegs, obschon die Litanei D E R S E G E N D E S TABAKS in meiner Tasche; und hier bereits in Lugano, wieder in Lugano ich, auf einer Bank an der großen Promenade am See, am Vormittag, nach einer nächtlichen Autofahrt, Automitfahrt über den St [...]


Zitiervorschlag:
Brigitte Heinrich. In: Werner Kofler: Kommentar zur Werkausgabe. Hrsg. v. Wolfgang Straub und Claudia Dürr. https://gams.uni-graz.at/o:kofler.w3.herbst.284, 2019-02.