nicht ich

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Kommentar

Der Literaturwissenschaftler und Kofler-Übersetzer Bernard Banoun sieht darin die Beckett ’sche Formel „Nicht ich“, die „ber das Anekdotische hinweg auf die Eigenartigkeit des Ich, des Ich als Schreibenden, hinweist“ (Banoun 2000, 174).

Textausschnitte

Herbst, Freiheit, S. 41

[...] Spreche ich zu jemandem? Bitte? Was sagen Sie, ich wäre plötzlich umgefallen, auf einmal umgefallen? Wie weiter, hätte ich plötzlich gefragt, und dann umgefallen, Sie hätten schon befürchtet, ich wäre tot, oder bewußtlos zumindest? Und Sie? Haben Sie auch nicht an meinem Glied herumgemacht in meiner Abwesenheit? Was sagen Sie? Natürlich liegen hier Fotografien herum, wie denn nicht, hier, und hier, ich erkenne mich zwar nicht wieder, aber das bin nicht ich würde ich freilich auch nicht sagen, keinesfalls [...]

Herbst, Freiheit, S. 55

[...] Und ich knipste!, ich lichtete ab die Stellungen und Dessous, ich fotografierte die Ritze, die Furche, in Großaufnahme, wie sich versteht, ich schoß aus allen Lagen, ein gelungener Schnappschuß jagte den anderen, und ich genoß die Gegenleistung, die enge Ritze, die heiße Furche, und das übrige terroristische Umfeld; das Beste aber: Ich hatte in keinem der drei Apparate, die ich abwechselnd, mit größter Schnelligkeit und Entschlossenheit, bediente, einen Film eingelegt; nicht ich [...]

Herbst, Freiheit, S. 80

[...] Und sollten sie noch so sehr nichts von mir hören oder lesen wollen, ich werde mich nicht umstimmen lassen, nicht ich [...]

Üble Nachrede, S. 96

[...] Ich hätte – wer, wenn nicht ich [...]

, S. 139

[...] und sich darangemacht, die Wohnung zu durchsuchen, hätte meiner Beteuerungen, sie würde wohl zuhause sein, bei ihrem Mann, einem Speditionskaufmann, wo denn sonst, nicht achtend, und unter fortgesetzten Rufen wo sie denn sei, die Hure, daß er sie umbringe, überall Nachschau gehalten, in allen Räumlichkeiten, unter Sesseln und Stühlen, in der Brausetasse, im Wasserkessel, hinter dem Wandspiegel, in Lampen verschiedener Größe, in Gläsern und Karaffen, Kannen und Vasen, sogar den feinen Budweiser Bierkrug der Firma Kolarik und Buben hätte er umgekippt, ob nicht seine Frau herausfiele, daß er sie umbringe, die feige, die Feige, wo ist die Feige, ich bringe sie um, immer kleiner macht sie sich, die Feige, SO klein mit Hut, so klein ist sie schon, aber mit bloßen Händen, ich bringe sie um, hätte er geschrieen, herumgeschrieen in meiner Wohnung und gefährlich herumgefuchtelt noch dazu, herumgefuchtelt in der Gegend, in meiner Gegend – Bitte? Warum er in einem Bierkrug, in Vasen, Kannen, Karaffen und Gläsern, in Lampen, hinter einem Wandspiegel, in Wasserkessel oder Brausetasse, unter Stühlen und Sesseln ausgerechnet seine Frau zu finden gehofft hätte? Wie wenn ich, ausgerechnet ich, das gewußt haben würde! Vielleicht, weil sie ganz klein geworden wäre, die Frau, so klein, so klein mit Hut, obwohl sie keine Hüte trägt, wer, wenn nicht ich [...]

Manker, Invention, S. 199

[...] implantate und deren Nebenwirkungen im Radio, geklebte Existenz! – Küche hinein, Küche hinaus, – werde aber anrufen müssen, werde noch zur Bank müssen, werde in die Innenstadt müssen, werde bald hier sein müssen, werde müssen, muß anrufen, muß noch einmal anrufen, muß, muß, werde müssen – dort, wo ich nicht bin, fließen die Bäche, die klaren, durch die Tauerntäler, stürzen die Wasser, sind die Lärchenwälder, die lichten – ich aber muß! Nichts müßte ich, absolut gar nichts, den Teufel werde ich müssen! Scheiß drauf, überhaupt nichts muß ich, ich lasse mir nichts vorschreiben, nicht ich [...]

Kalte Herberge, S. 249

[...] AUF DER STRECKE Jetzt reisen sie wieder; über Köln, Eschede, Eschwege, Neuwied und FAHR-IRRLICH reisen sie, und ich mittendrin, selbst ein Reisender, ein Mitreisender, ein mitleidloser, auf Mitleid angewiesener Mitreisender, ich mittendrin, zwischen Koffern, Körpern, Säcken, Korbflaschen, Splittern und Geschichten vom TOLLEN BLOMBERG, jäh abgebrochenen, mittendrin ich – nein, ich nicht mittendrin, unter Splittern, Korbflaschen, Säcken, Koffern und dem Körper von Claire Meisenburg, der schönen schwarzen – nicht ich, nichts wird es mit der schönen schwarzen Übersetzerin, denn heute reist man, bei FAHR-IRRLICH, vor oder nach Neuwied, längst über die neue Wiedbrücke und nicht über die alte, eingleisige Behelfskonstruktion, wie vor mehr als fünfzig Jahren beim großen Eisenbahnunglück von FA H R - I R R - LICH, zwei Tage vor Weihnachten, Sturm und Regen, es hätte alles noch gutgehen können, hätte nicht ein Reisender des Gegenzuges, Herr Berthold Feuchtinger aus München, woher sonst, im Dunkel, im Finstern statt der Lüftungsklappe die Notbremse gezogen und hätte nicht der Sturm auf der anderen Seite der Brücke dem Hauptsignal die Lampe ausgeblasen, Gott wir sind ja schon auf der Brücke, so der Zuruf des Lokomotivführers an den Heizer, die Betonung ist freilich nicht überliefert – Gott, wir sind ja schon auf der Brücke, es wird noch einmal gutgehen, oder aber: Gott wir sind ja schon auf der Brücke – zu spät [...]

Zu spät – Tiefland, Obsession, S. 305

[...] lauf, die Steigerung Nesteln, Fuchteln, Schleudern anlangt, wohl eher die alte Postl der jungen Frau Kofler II, aber egal, ob, du bist eine Hexe!, die Alte zur Jungen oder die Junge zur Alten, der Satz paßt in keinem Fall, weder auf meine Mutter – wer, wenn nicht ich, wüßte es –, noch auf die alte Postl; das Wort FUCHTELN aber: eine feine Sache [...]

Zu spät – Tiefland, Obsession, S. 310

[...] – Ich reiste nach Villach, um nach meinem Esel zu sehen, nein, reisen wäre zuviel gesagt, seit ich, statt im Speisewagen, nur noch auf dem Abtritt rauchen kann, ich fuhr nach Villach, um nach dem Esel zu sehen, der strenggenommen auch nicht mein Esel ist, sondern, von meiner Terrasse nach Süden besehen, DER ESEL GEGENÜBER, im Hof des vormaligen König-Bauern, zu dem ich manchmal, an Wintersonntagen, um Milch geschickt wurde aus der nahen Kernstockstraße, und dessen Wirtschaftsgebäude jetzt ein auf Pferde spezialisierter Tierarzt nutzt, dem auch mein Esel, dessen bloßes Ansichtigwerden mich erheitert, ja mir in den letzten Jahren oft den Tag gerettet hat, gehört; nicht nur der Anblick des Esels erfreut mich übrigens, auch andere Einzelheiten, der verwilderte Garten, die Holundersträucher, die alten Apfelbäume, der riesige Kirschbaum und der Misthaufen daneben, der Gemüsegarten hinter dem Lattenzaun, die Hundehütte samt dem frechen Jack-Russell-Bastard, der Schuppen, in dessen Schatten der Esel sich gerne aufhält, die edlen Pferde und die rassigen Tierärztinnen, die jene manchmal an einer langen Leine im Kreis laufen lassen, wie wenn sie auf Zirkusdarbietungen vorbereitet werden sollten, die Pferde, wohlgemerkt, ich kenne mich mit Pferden nicht so gut aus, mit Tierärztinnen freilich auch nicht; dennoch: edle Pferde hat bald einer, aber einen Esel, noch dazu meinen Esel? Von der Kundmachung der Anberaumung einer Bauverhandlung über die Errichtung einer WOHNANLAGE SAMT TIEF- GARAGE in unmittelbarer Nähe, in meinem Blickfeld nach Süden, durch diese gefährliche Drohung also in Unruhe versetzt, reiste ich nach Villach, um als einer von vielen Einspruchsberechtigen Einwendungen geltend zu machen; nein, deshalb fuhr ich gar nicht nach Villach, nicht deshalb, ich hätte zwar Einspruch erheben können, hätte ich nicht, mit voller Absicht, die Einspruchsfrist verstreichen lassen, um meine Einwendungen irgendwann später in anderer Form, mit anderen Mitteln geltend –, das Faktische auf meine Art und Weise rückgängig, ja ungeschehen zu machen, denn gegen das Faktische Einspruch zu erheben –: ein aussichtsloses Unterfangen, wer, wenn nicht ich [...]


Zitiervorschlag:
nicht ich. In: Werner Kofler: Kommentar zur Werkausgabe. Hrsg. v. Wolfgang Straub und Claudia Dürr. https://gams.uni-graz.at/o:kofler.w3.herbst.234, 2019-02.