es hätte alles noch gut gehen können

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Kommentar

Kofler zitiert wörtlich aus dem Beitrag über das Zugunglück im Spiegel , wo es heißt: Es hätte alles noch gut gehen können, denn der von Norden kommende D 48 Köln–München, der freie Fahrt hatte und mit mäßigem Tempo die Lok des D 269 in der Gleisschlinge streifte, hätte eigentlich schon viel weiter sein müssen, über das eingleisige Brückenstück hinweg auf dem jenseitigen Doppelgleis ([red.] 1948).

Textausschnitte

Kalte Herberge, S. 249

[...] AUF DER STRECKE Jetzt reisen sie wieder; über Köln, Eschede, Eschwege, Neuwied und FAHR-IRRLICH reisen sie, und ich mittendrin, selbst ein Reisender, ein Mitreisender, ein mitleidloser, auf Mitleid angewiesener Mitreisender, ich mittendrin, zwischen Koffern, Körpern, Säcken, Korbflaschen, Splittern und Geschichten vom TOLLEN BLOMBERG, jäh abgebrochenen, mittendrin ich – nein, ich nicht mittendrin, unter Splittern, Korbflaschen, Säcken, Koffern und dem Körper von Claire Meisenburg, der schönen schwarzen – nicht ich, nichts wird es mit der schönen schwarzen Übersetzerin, denn heute reist man, bei FAHR-IRRLICH, vor oder nach Neuwied, längst über die neue Wiedbrücke und nicht über die alte, eingleisige Behelfskonstruktion, wie vor mehr als fünfzig Jahren beim großen Eisenbahnunglück von FA H R - I R R - LICH, zwei Tage vor Weihnachten, Sturm und Regen, es hätte alles noch gutgehen können, hätte nicht ein Reisender des Gegenzuges, Herr Berthold Feuchtinger aus München, woher sonst, im Dunkel, im Finstern statt der Lüftungsklappe die Notbremse gezogen und hätte nicht der Sturm auf der anderen Seite der Brücke dem Hauptsignal die Lampe ausgeblasen, Gott wir sind ja schon auf der Brücke, so der Zuruf des Lokomotivführers an den Heizer, die Betonung ist freilich nicht überliefert – Gott, wir sind ja schon auf der Brücke, es wird noch einmal gutgehen, oder aber: Gott wir sind ja schon auf der Brücke – zu spät [...]

Kalte Herberge, S. 255

[...] Ich schreibe: jetzt reisen sie wieder, und ich mittendrin, ein Mitreisender, ein mitreißender Mittfünfziger, nein, stimmt nicht, ich nicht mittendrin, ich sitze hier, am Schreibtisch, sie reisen ohne mich, ohne mich über Eschede, Eschwege, Köln, Fahr-Irrlich, und anders als damals, es hätte alles noch gutgehen können, reisen sie, reisen sie wieder, aber nicht wie in EUROPA von Lars von Trier, nicht so, und auch nicht wie in ENTSCHEIDUNG IM MORGENGRAUEN, SO auch nicht, obwohl in Mainz und Mannheim die Hauptbahnhöfe umgebaut werden und die Reisenden Verhältnisse vorfinden wie in E N T - SCHEIDUNG IM MORGENGRAUEN, soferne sie den Film ENTSCHEIDUNG IM MORGENGRAUEN in ihrem Gedächtnis noch vorfinden, und die sie, die Verhältnisse die Reisenden, nötigen, in Mainz während des Wartens auf einen Anschlußzug ein allfälliges Frühstück in der Konditorei Zucker in der Kaiserstraße einzunehmen, wenngleich in ENTSCHEIDUNG IM MORGENGRAUEN die Konditorei Zucker nicht – Da!, jetzt reisen sie wieder, genau kann ich es hören, dieses Reisen und Rollen, dieses Anreisen und Anrollen, Losrollen wie auf Kommando, dieses Rollen von Koffern und Taschen auf Rädern, hören Sie? Nein, nicht Sie, für Ihre Ohren ist das nicht bestimmt [...]

Kalte Herberge, S. 263

[...] Der Vater seit Jahren tot, hinter meinem Rücken gestorben, ohne sich abzumelden, ohne mich vom Bevorstehenden, das noch zu verhindern gewesen wäre, es hätte alles noch gutgehen können, in Kenntnis zu setzen, wofür noch zwei Tage Zeit gewesen wäre, und ohne mir, von gelegentlichen Andeutungen, Bruchstücken, Fetzen abgesehen, von seinem ersten Leben, seinem in den späten Dreißigerund frühen Vierzigerjahren zerstörten, in Stücke gerissenen Lebensentwurf erzählt zu haben, von seiner „ersten Frau“, die, EINATMEN, LUFT ANHALTEN, AUSAT- MEN, die, Kompliment, Feststellung beim Durchsehen seiner alten Fotoalben, selbst mir gefallen haben würde, und die, wie der Vater, im Kaufhaus Friedländer, Klagenfurt, Alter oder Neuer Platz, das tut nichts zur Sache, im Kaufhaus Friedländer, klirr klirr, Kristallnacht, Palästina, Auswanderung, angestellt gewesen war; von der Geburt von Zwillingskindern – Zwillingsvater, wie später ich, auch er, deren eines, das Mädchen, mit einem Gesicht wie ein Apfele, so rund und schön, einige Monate nach der Geburt, im Herbst 1939, an einer Darmkrankheit plötzlich verstarb, ohne getauft worden zu sein und ohne daß ich wüßte, wo meine, strenggenommen, mir unbekannte Halbschwester bestattet ist [...]


Zitiervorschlag:
es hätte alles noch gut gehen können. In: Werner Kofler: Kommentar zur Werkausgabe. Hrsg. v. Wolfgang Straub und Claudia Dürr. https://gams.uni-graz.at/o:kofler.w3.herberge.1280, 2019-02.