Kohl

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Kommentar

Helmut Kohl (1930–2017), deutscher CDU-Politiker, 1982–1998 Bundeskanzler der BRD

Textausschnitte

Am Schreibtisch, S. 37

[...] (Eine andere Fotografie, eine Postkarte, zeigt ihn mit einem mächtigen Huchen; auf der Rückseite ist er, wie eine besondere Persönlichkeit – und warum eigentlich wie? –, gedruckt als Wilhelm Kohler, Kondukteur, Lienz, ausgewiesen [...]

Am Schreibtisch, S. 51

[...] Kohl mit Pinkel, Quatsch mit Soße, wie es herausdampfte aus dem Küchenverschlag! Ich hatte mich also auf Nahrung der flüssigen Art, auf J&B Rare Whiskey und auf Pilsener zu verlegen, was mir, Teufel auch, nicht schwerfiel [...]

Am Schreibtisch, S. 53

[...] Der Speisewagenkellner fragte ja auch nicht bereichsübergreifend nach den Fahrausweisen oder dem Reiseziel! Oder wollte dieser Schaffner sich lustig machen? Dann wäre es allerdings von mir erfunden, endlich eine Erfindung! Die Speisen, Pfälzer mit Sauerkraut oder Kohl [...]

Am Schreibtisch, S. 54

[...] vielleicht beschwor er mit seiner übertriebenen Höflichkeit nur den Augenblick, da er selbst sich über Pfälzer mit Sauerkraut oder Kohl mit Pinkel würde hermachen können, oder er zielte darauf ab, zum freundlichsten Bahnbeamten des Monats oder des Jahres gewählt zu werden, was weiß denn ich [...]

Am Schreibtisch, S. 60

[...] Deutschland Kuchenzeit, Deutschland Eisbein, dachte ich und bewegte die Beine unter dem Tisch, Deutschland Kohl, Deutschland Käsekuchen [...]

Am Schreibtisch, S. 86

[...] Mann ersticht Frau! Frau ersticht Mann! Warum Schleyer? Hackethal: Verrückt geworden? Kohl, wohin? Ende: Wann ist Schluß? Grass: Todkrank? Mord! Tor! Terror! Wie liebt Rambo? Rentner totspritzen? Becker: Seit wann?, schrie es, tobte es [...]

Am Schreibtisch, S. 92

[...] Es stank, es stank, haha! Es stanken die Flüsse, es stanken die Plätze, es stanken die Kirchen und Paläste – so wird ein Umfeld, eine Handlungsebene für einen erfolgreichen Helden geschaffen! Es stanken die Straßen nach Mist, die Hinterhöfe nach Urin, es stanken die Treppenhäuser nach Rattendreck und die Küchen nach verdorbenem Kohl – so einfach [...]

Am Schreibtisch, S. 114

[...] Alles gesehen, alles gehört; die Stimmen nachmittags im Postautobus, die den Fremden schläfrig machen, Dämmerlicht verschiedener Lebensgeschichten, monotone Schilderungen von Autounglücken und Krankenanstalten, Unfällen beim Heueinbringen, Hier hat jämmerlich sein Leben beendet der wohlgeachtete Rupert Sabernig; Erzählungen von nächtlichen Benachrichtigungen, ergeben den Sachverhalten, ein jeder hat sein Kreuz zu tragen; alles gehört, wo es passiert ist, daß hereintelephoniert ist vom Gendarmen, in diesen Tälern wird immer hereintelephoniert; vom Regen gehört, der bitter not wäre, und von einem Tögele Wein, so bitter gut, alles gehört und gedacht: An die Kindheit denken wie an ein früheres Leben, den Satz im eigenen Kopf gehört, alles gehört, die Stimmen im Postautobus und die Vogelstimmen, den Schrei des Bussards, den zornigen Tannenhäher, die Drossel, den Vogel Bülow, alles gehört, alles gesehen; alles gesehen, Bergahorn, Schwarzerle, Eberesche, wilde Kirschbäume im Wald, Brunnenkresse und Nelkenwurz am Bach, Zinnkraut, Schachtelhalm im Feuchten, im Schatticht, alles gesehen ich, Lenz, im Gebirg, auf dem Weg zu meiner Mühle, zu meiner Goldgrube, zum Kohlenmeiler; Vor seiner Hütte ruhig im Schatten sitzt der Pflüger; strahlende Tage im Juni, im Juli, Abendlicht, bläulicher Dunst, Rauch aus den Hütten, Dem Genügsamen raucht sein Herd; alles gesehen, Lärche und Zirbe, Wacholder, den blauen Speik und den roten Steinbrech, Türkenbund und Eisenhut, die wie Blasmusikanten zusammenstehenden Enziane, den Himmelsherold und die Spuren der Hirschkuh; gesehen das Aufleuchten des Saturn am Abendhimmel, den blaßblauen Vorschein des Mondes hinter dem schwarzen Wald, über dem Bergrücken; alles gesehen, und doch, Wie verscheucht von törichter Bitte, und dennoch: unsichtbare Schatten über allem [...]

Hotel Mordschein, S. 159

[...] Wo war ich? Ja, im Zuge der Jagd nach den beiden Aladschy und dem Futh eines Tages, in der Gegend von Menlik, ein großgewachsener Deutscher (Nemdsche) im Hause eines Kohl [...]

Hotel Mordschein, S. 160

[...] Ich antwortete: Daß allein durch die Tatsache, daß die Aladschys, der Schut und ein gewisser Mübarek zu meiner Zeit nicht im Land der Skipetaren, sondern in den Schluchten des Balkans operiert hätten, die Haltlosigkeit dieser Anschuldigung erwiesen wäre, daß ich nicht in Menlik, sondern im Dorf Dschnibaschlü, und nicht im Haus eines Kohlenhändlers, sondern in dem eines Bäckers und Färbers, namens Boschak, einquartiert gewesen und sehr gastlich aufgenommen worden wäre, wenn ich gar ein Bild hervorzöge zum Beweis, und sagte: Hier, auf dem Teppich sitzend, der Färbermeister, ihm gegenüber, stehend, sein Gehilfe, zwischen beiden, sitzend, in der Landestracht gekleidet, ich, hier, mit dem roten Turban, das bin ich, ist das nicht ein schöner roter Turban? Wenn ich weiter ausführte, daß ich, als Absolvent der Konsularakademie ein famoser Reiter, tatsächlich eines Nachts über eine Landstraße gejagt, beinahe in einen Hinterhalt der Versprengten geraten und wirklich an einer Schmiede in der Einschicht vorübergekommen wäre, wenn ich vorläse: Das Werkstattfeuer leuchtet auf die nächtliche Straße und erklärte: Daß ich den Schmied und seine Frau nicht in eine mißliche Lage gebracht, sondern aus einer solchen befreit, ihnen Fesseln und Knebel abgenommen hätte, wofür ich später gar für den Zwonimir-Orden und für eine Erwähnung in der Mappe der Menschlichkeit vorgeschlagen worden wäre, wenn ich noch einmal zitierte: Auf der Lauer beim Dorfschmied: Das Werkstattfeuer leuchtet auf die nächtliche Straße [...]

Hotel Mordschein, S. 168

[...] Dieser Nachfahre polnischer Kohlenträger, und mich verraten! – Aber weiter jetzt, weiter, näher an den Tatort heran über die Stege meiner lückenhaften Unterlagen, durch mein kleines Archiv, weiter durch die Nacht vom 22 [...]

Hotel Mordschein, S. 199

[...] – (Händeringend über die viele Kanzleiarbeit, ohne Kanzleikraft, sah ich mich drüben auf und ab gehen in meinem Mantel, und stehenbleiben, frierend mir die Hände reibend, neben dem Zimmerofen, dem aus Kohlenmangel kalten, verfluchen sah ich mich den Briefroman, von dem ich in jenem November, das ist die Wahrheit, noch nicht wissen konnte, daß er ein Welterfolg werden würde; eine Ahnung dessen ließ mich wohl an den Schreibtisch zurückkehren, um fortzusetzen:) Als Entschuldigung meiner Saumseligkeit, deretwegen ich bereits durch das Disziplinarerkenntnis schwerstens getroffen wurde, erlaube ich mir anzuführen: Meine Kanzlei geht schon lange schlecht [...]

Hotel Mordschein, S. 231

[...] Anderntags sah ich mich, bei wechselnder Bewölkung, mittlerer Sicht, mein Schreibpult zum Kohlenofen rücken (das Literaturhaus mußte wieder schlecht beheizt sein, der Verwalter wahrscheinlich betrunken im Keller liegen), mit der Feder ins Tintenfaß eintauchen, um in Kurrentschrift einen Brief aus Meran zu schreiben [...]

Der Hirt auf dem Felsen, S. 296

[...] Aber den Lavantgedichteaufsager, den Mittelschulprofessor Strutz, ihn gibt es wirklich, er ist sogar Direktor des von ihm begründeten Musil-Archivs in Klagenfurt – Musil konnte sich seinen Geburtsort ja nicht aussuchen, sonst wäre er in Villach zur Welt gekommen –, wenngleich er sich naturgemäß zum Direktor des Herbert-Strutz-Archivs – des alten Strutz, Gnade der Heimat, jenes Strutz – oder zum Portier der Johann-Friedrich-Perkonig-Gesellschaft besser eignete, so die neben mir, gehend, vielleicht auch spricht sie in Gedanken zu einer neben ihr, oder ich höre in Gedanken eine neben mir, nein, da ist sie schon wieder, sie redet wie ein Buch, wissen Sie, Christine, ich nenne Sie der Einfachheit halber so wie die andere, wissen Sie Christine, sagte ich an einem der heißen Lavanttaler Sommertage zu ihr, der Führer hätte getobt, hätte ich ihm Ihre Gedichte gezeigt, der Führer ist sehr verwöhnt von meinen eigenen Gedichten, nein, falsch, in jenem heißen Lavanttaler Sommer kannten wir einander noch gar nicht, Sie verzeihen, Christine, ich hatte damals andere Dinge im Kopf, emotionale Erfahrung erfüllte mich, der Führer, der Führer, Sie verstehen, der Reichsparteitag, der Schulverein Südmark, das Breslauer Turnfest, die Gautheater Saarpfalz-Eröffnung, das nationalsozialistische Kraftfahr-Korps und die Reichsbräuteschule, verstehen Sie, der bayrische Hilfszug, der Blumenkohleintopf, die gefüllten Kohlrabi ohne Fleisch, die Nähund Strickarbeit, die weißen Kniestrümpfe, ich wußte nicht aus noch ein vor Arbeit [...]

Der Hirt auf dem Felsen, S. 355

[...] Wie lange wir schon unterwegs gewesen, wie oft wir in die Irre gegangen sein mochten, weiß ich nicht, aber eine Mühle, ein Kohlenmeiler, Hütten, aus denen Rauch aufstieg im Abendlicht, Bilder, plötzlich aufgetaucht, hatten uns mehr als einmal den Weg, den Weg zurück, finden lassen, ins Grüne, ins Grüne! Nach den Mühen des Gebirges die Freuden im Grünen, im Grünen, im Grünen! Und eine Stimme, eine Sopranstimme, fern aus dem tiefen dunklen Tal, eine bald helle, bald dunkle keltische Sopranstimme – hören Sie nur, Margaret Price, die größte Liedsängerin, die Wales hervorgebracht hat, hören Sie nur, hatte mein Gefährte oft ausgerufen –, herangeweht manchmal von irgendwo, heraufgeweht, von u/un/ten, von u/ un/ten – kühne Intervalle, rätselhafte Nonen –, auch sie hatte uns den Weg gewiesen hi/nü/ü/ber, hi/nü/ü/ber [...]

Der Hirt auf dem Felsen, S. 360

[...] Dort, daneben, auf der WIRKLICHEN Seite, ein Votiv für die Inbetriebnahme einer Wiederaufbereitungsanlage, gegenüber ein Votiv für die Nichtinbetriebnahme einer Wiederaufbereitungsanlage; dieser Glockenbecher: Dank für die Errichtung eines Atommeilers, jener Glockenbecher: Bitte um die Errichtung eines Kohlenmeilers [...]


Zitiervorschlag:
Kohl. In: Werner Kofler: Kommentar zur Werkausgabe. Hrsg. v. Wolfgang Straub und Claudia Dürr. https://gams.uni-graz.at/o:kofler.w2.schreibtisch.585, 2019-02.