»Pater Fleischmann«

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Kommentar

(1976): beschäftigte ein Fall von Exorzismus die Öffentlichkeit: eine 23-jährige Studentin starb, weil katholische Priester und gläubige Eltern Dämonen beschworen und Ärzte zur Behandlung der psychotischen Störung verschmähten. Unter den Wesen, von denen die Frau angab, besessen zu sein, waren nicht nur Lucifer und Judas, Kain, Nero und Hitler, sondern auch ein „Pfarrer Fleischmann“, der im 16. Jahrhundert ein Mädchen verführt und umgebracht haben soll. (vgl. Der Spiegel 1978)

Textausschnitte

Hotel Mordschein, S. 221

[...] Um die Zwerge zu erschrecken, trat der Bauer aus dem Gesträuch und rief: Donnerstag und Freitag noch! Den Zwergen aber gefiel das über alle Maßen, das wäre ein Reim, nach dem sie lange schon gesucht hätten! Und zum Dank dafür rieten sie dem Bauern, nur tiefer in den Wald hinein zu gehen, dort werde er auf einen Wanderer in einem grünen Wams treffen, der ihn zur Begrüßung fragen werde: Seid ihr es, Bruder Eichmann? Wenn er darauf die richtige Antwort, nämlich: Ich bin es, Pater Fleischmann [...]

Hotel Mordschein, S. 222

[...] Auf die Antwort Ich bin es, Pater Fleischmann, schaffte der im grünen Wams dem Bauern, seinen Wunsch zu tun [...]

Hotel Mordschein, S. 238

[...] Die Geschichte sei so gewesen: Eines Tages, im trockenen, staubigen Sommer anno 26, sei, in ihrem Weinberg bei Gols, plötzlich der Grüne neben ihr gestanden, habe sich als Pater Fleischmann vorgestellt und zu ihr gesprochen: Er verkünde ihr eine große Freude, ein Mysterium, sie würde einen Hohepriester und Religionsstifter empfangen, den Richard Wagner seiner Zeit, einen Heiligen, einen gewissen Nitsch, oder Nitsche, den Blutreiniger, den großen Blutigen; im Stall würde sie empfangen und im Stall gebären [...]

Hotel Mordschein, S. 239

[...] Der Grüne, Pater Fleischmann also, habe seinen Blick über die pannonische Tiefebene, über das schmutzige, schlammige, sumpfige Burgenland schweifen lassen, um in seiner Weissagung fortzufahren: Der Sohn würde sich im Schlamm wälzen, um rein zu werden, in Blut und Schweiß, im Schweiße seines Angesichts, in Mehl und Eigelb werde er wühlen, auf dem Marktplatz und vor den Schriftgelehrten werde er sein Wasser lassen und Verfolgung zu leiden haben darob [...]

Hotel Mordschein, S. 240

[...] Otto jedoch werde weiterleben in Attila, so jener Pater Fleischmann im Weinberg bei Gols, gerade sei er noch da, plötzlich sei er weg gewesen, und Attila werde dereinst aufstehen, den Otto zu rächen und das Werk zu vollenden [...]


Zitiervorschlag:
„Pater Fleischmann“. In: Werner Kofler: Kommentar zur Werkausgabe. Hrsg. v. Wolfgang Straub und Claudia Dürr. https://gams.uni-graz.at/o:kofler.w2.mordschein.781, 2019-02.