Lenz

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Kommentar

Jakob Michael Reinhold Lenz (1751–1792), Schriftsteller des Sturm und Drang

Textausschnitte

Am Schreibtisch, S. 114

[...] Alles gesehen, alles gehört; die Stimmen nachmittags im Postautobus, die den Fremden schläfrig machen, Dämmerlicht verschiedener Lebensgeschichten, monotone Schilderungen von Autounglücken und Krankenanstalten, Unfällen beim Heueinbringen, Hier hat jämmerlich sein Leben beendet der wohlgeachtete Rupert Sabernig; Erzählungen von nächtlichen Benachrichtigungen, ergeben den Sachverhalten, ein jeder hat sein Kreuz zu tragen; alles gehört, wo es passiert ist, daß hereintelephoniert ist vom Gendarmen, in diesen Tälern wird immer hereintelephoniert; vom Regen gehört, der bitter not wäre, und von einem Tögele Wein, so bitter gut, alles gehört und gedacht: An die Kindheit denken wie an ein früheres Leben, den Satz im eigenen Kopf gehört, alles gehört, die Stimmen im Postautobus und die Vogelstimmen, den Schrei des Bussards, den zornigen Tannenhäher, die Drossel, den Vogel Bülow, alles gehört, alles gesehen; alles gesehen, Bergahorn, Schwarzerle, Eberesche, wilde Kirschbäume im Wald, Brunnenkresse und Nelkenwurz am Bach, Zinnkraut, Schachtelhalm im Feuchten, im Schatticht, alles gesehen ich, Lenz, im Gebirg, auf dem Weg zu meiner Mühle, zu meiner Goldgrube, zum Kohlenmeiler; Vor seiner Hütte ruhig im Schatten sitzt der Pflüger; strahlende Tage im Juni, im Juli, Abendlicht, bläulicher Dunst, Rauch aus den Hütten, Dem Genügsamen raucht sein Herd; alles gesehen, Lärche und Zirbe, Wacholder, den blauen Speik und den roten Steinbrech, Türkenbund und Eisenhut, die wie Blasmusikanten zusammenstehenden Enziane, den Himmelsherold und die Spuren der Hirschkuh; gesehen das Aufleuchten des Saturn am Abendhimmel, den blaßblauen Vorschein des Mondes hinter dem schwarzen Wald, über dem Bergrücken; alles gesehen, und doch, Wie verscheucht von törichter Bitte, und dennoch: unsichtbare Schatten über allem [...]

Hotel Mordschein, S. 180

[...] Von meinem Hotelzimmer aus vermochte ich genau zu studieren, wie ich damals auf der anderen Seite über den Kiesweg vor dem Literaturhaus gegangen war, mehrmals am Tage und in der Nacht, suchtkrank, auf der Flucht vor –, auf der Suche nach –, auf – ich weiß nicht, was noch; vorbei an der Buchhandlung im Souterrain, am Geschäftsschild Leonce, Lenz und Lena, in die darüber gelegene Wirtschaft oder zum Hintereingang, um in mein Zimmer unter dem Dach zu gelangen [...]

Hotel Mordschein, S. 188

[...] Eines Abends, mein Zimmer im Literaturhaus lag im Dunkel, ohne daß ich wußte, ob ich ausgegangen war oder mich schon zur Ruhe begeben hatte, eines Abends sah ich mich plötzlich – konnte ich meinen Augen auch trauen? – mit Lenz, Schenk und Grabbe die Wirtschaft im Literaturhaus betreten und sogleich mit dem Kellner in Streit geraten; ah, ich konnte alles genau verfolgen: wie der Kellner zum Eingang zeigte und energisch den Kopf schüttelte – er schien uns die Tür weisen zu wollen –, wie wir erbost nach oben zeigten, wie ein plötzlich aufgetauchter Theaterdirektor Klingemann sich für uns verwenden wollte, und wie der Kellner verächtlich, sein Nichtbeeindrucktsein unterstreichend, das Gesicht verzog [...]

Hotel Mordschein, S. 189

[...] – Sind wir hier in Wetzlar?, hörte ich Lenz noch rufen und Charlotte Buff, Lenzen die Hand reichend, antworten: ja, hier seid Ihr in Wetzlar, da sah ich schon alle Paare in den Zimmern verschwinden [...]

Hotel Mordschein, S. 190

[...] Ich sah mich aufhorchen; aus dem Nebenzimmer schienen Geräusche zu dringen, tatsächlich, durch die Wand war Lenzens Stimme zu vernehmen, der auf seiner Charlotte trunken sang: Bald gras’ ich in Wetzlar, bald gras’ ich am Main [...]

Hotel Mordschein, S. 235

[...] Natürlich!, Lenz und ich hatten ihn, in der Hoffnung, er wäre nicht nur ein Kollege, sondern auch ein Kumpan, eingeladen, mit uns zu trinken, was er ebenso unsicher wie vorlaut abgelehnt hatte: Er trinke nur Milch, wir würden es, täten wir so weiter, nie zu etwas bringen, er aber habe Großes vor, wir würden schon sehen; daraufhin hatten wir beschlossen, ihn, einer bestimmten Technik, am Kopfe sich zu kratzen, wegen, nur noch den Doppel-Welser zu nennen [...]


Zitiervorschlag:
Lenz. In: Werner Kofler: Kommentar zur Werkausgabe. Hrsg. v. Wolfgang Straub und Claudia Dürr. https://gams.uni-graz.at/o:kofler.w2.mordschein.503, 2019-02.