naturgemäß

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Kommentar

„Naturgemäß“ gilt als „Signalwort“ für die Literatur Thomas Bernhards. (vgl. u.a. Piechotta 1982)

Textausschnitte

Am Schreibtisch, S. 47

[...] Etwa eine Stunde später ging wieder die Gartentüre, das heißt, nicht die Gartentüre selbst ging, naturgemäß kann eine Gartentüre nicht gehen, aber jemand ging durch die Gartentür, wie die nachfolgenden Schritte über den Kiesweg bewiesen, und wieder fiel die Haustüre ins Schloß; dann Geräusche im Vorhaus – Ulrich klappte die Schiebeleiter zum Boden herab und schickte sich an, unter dem Dach zwischen Gerümpel sein Nachtlager aufzuschlagen, sein Nachtlager von Granada [...]

Am Schreibtisch, S. 54

[...] (Was sollte ich denn machen, mit dem Flachmann läßt sich im Speisewagen schwer arbeiten, bei meinem Bedarf hätte der Flachmann die Dimension einer Thermosflasche; Sie müssen nämlich wissen, ich bin naturgemäß nicht Whiskey-, sondern Wodkatrinker, nur vom feinsten, wie sich versteht, und daher bin ich gezwungen, in Speisewägen auf Wodka, aber was schreibe ich, ist es der Alkohol? – im Speisewagen , so muß es heißen, umzusteigen [...]

Am Schreibtisch, S. 126

[...] – So weit darf die Verzerrung zur Kenntlichkeit nicht gehen, es gibt Grenzen, hörte ich eine Stimme, die Stimme eines Schmidt, aus mir rufen, das ist Frevel, Geschichtsfrevel! – Was ist Geschichtsfrevel, die Originale oder die Kopien?, gab der Kustos böse zurück, um dann, wieder ruhig und wie zur Versöhnung einzuräumen: Natürlich, genauer noch, naturgemäß hat das Konzentrationslager im Museum nichts verloren, naturgemäß – Natur und Geschichte, Naturgeschichte, das beschäftigt uns, wie? – naturgemäß wäre die einzige Möglichkeit, die jüngere deutsche Geschichte nachzuvollziehen, der Risikourlaub im Konzentrationslager, aber soll deshalb alles von neuem losgehen, Geschichte als Wiederholung des Gleichen? Sie werden ja auch vor Jahrzehnten gelernt haben, daß die Dialektik solches geradezu verbietet, und gestattet sie es, sind es Wiederholungen mit anderen Mitteln; worüber regen Sie sich also auf? Außerdem handle auch ich nur in höherem Auftrag, ich erfülle gewissermaßen – ich wage das Wort mit Absicht – meine Pflicht, meine Pflicht aufzuklären; und ich möchte nun, unbehelligt von weiteren Einwürfen, mit meiner Führung, in meinem Vortrag fortfahren [...]

Der Hirt auf dem Felsen, S. 296

[...] Aber den Lavantgedichteaufsager, den Mittelschulprofessor Strutz, ihn gibt es wirklich, er ist sogar Direktor des von ihm begründeten Musil-Archivs in Klagenfurt – Musil konnte sich seinen Geburtsort ja nicht aussuchen, sonst wäre er in Villach zur Welt gekommen –, wenngleich er sich naturgemäß zum Direktor des Herbert-Strutz-Archivs – des alten Strutz, Gnade der Heimat, jenes Strutz – oder zum Portier der Johann-Friedrich-Perkonig-Gesellschaft besser eignete, so die neben mir, gehend, vielleicht auch spricht sie in Gedanken zu einer neben ihr, oder ich höre in Gedanken eine neben mir, nein, da ist sie schon wieder, sie redet wie ein Buch, wissen Sie, Christine, ich nenne Sie der Einfachheit halber so wie die andere, wissen Sie Christine, sagte ich an einem der heißen Lavanttaler Sommertage zu ihr, der Führer hätte getobt, hätte ich ihm Ihre Gedichte gezeigt, der Führer ist sehr verwöhnt von meinen eigenen Gedichten, nein, falsch, in jenem heißen Lavanttaler Sommer kannten wir einander noch gar nicht, Sie verzeihen, Christine, ich hatte damals andere Dinge im Kopf, emotionale Erfahrung erfüllte mich, der Führer, der Führer, Sie verstehen, der Reichsparteitag, der Schulverein Südmark, das Breslauer Turnfest, die Gautheater Saarpfalz-Eröffnung, das nationalsozialistische Kraftfahr-Korps und die Reichsbräuteschule, verstehen Sie, der bayrische Hilfszug, der Blumenkohleintopf, die gefüllten Kohlrabi ohne Fleisch, die Nähund Strickarbeit, die weißen Kniestrümpfe, ich wußte nicht aus noch ein vor Arbeit [...]

Der Hirt auf dem Felsen, S. 302

[...] Haben Sie gesehen, wie der Villacher seinen Sturmlauf plötzlich abgebremst hat, erste Marke, er muß sehr schnell gefahren sein, aber jetzt, was ist los, was ist passiert, sehen Sie nur, die einen reißen die Arme hoch, die Zuschauer sind aufgesprungen, die anderen schlagen die Hände vors Gesicht, manche liegen auf dem Eis und dreschen mit den Fäusten darauf ein, einer versucht sogar, ins Eis zu beißen, ins gute Villacher Kunsteis! Aha, hier, die Wiederholung zeigt es, die Villacher Asphaltgesellschaft hat einen Treffer erzielt, wer ist es gewesen, ah, Kenneth Strong, naturgemäß, Kenneth Strong hat gescort, wie man in Kanada sagt, nach Zuspiel von Hohenberger, hier, er schlägt einen Haken, der Verteidiger fährt ins Leere, und – was für ein Schuß, wie das Netz sich bauscht, ein kolossaler Treffer [...]

Der Hirt auf dem Felsen, S. 304

[...] Allerdings waren die Eisverhältnisse damals andere als heute, wird das Spiel überhaupt stattfinden, wird gespielt, wird nicht gespielt werden können, das war früher eine noch spannendere Frage als die nach Verlauf und Ausgang des Spieles; wird, bei starkem, den Tag über währendem Schneetreiben – auch die Winter sind damals naturgemäß andere gewesen als heute – die Eisfläche rechtzeitig und hinreichend vom Schnee freigemacht worden sein, werden genug Schneeschaufler und Schneeschieber zur Verfügung stehen, wird der Schneefall in den Abendstunden nachlassen, oder wird das dichte Schneetreiben auch das Spiel langsam einschneien, das Spielgeschehen zuschneien, unmöglich machen [...]

Der Hirt auf dem Felsen, S. 325

[...] Von einigen Flachmenhiren, möglicherweise, abgesehen, haben sich im heute noch gemiedenen Hochtal, das hinaufführt zu Karseen und zerrissenen Gletscherresten, Opferstätten naturgemäß nicht erhalten, naturgemäß deshalb, weil die oft noch im Frühsommer abgehenden Lawinen oberhalb der Waldgrenze keinen Stein auf dem anderen ließen [...]


Zitiervorschlag:
naturgemäß. In: Werner Kofler: Kommentar zur Werkausgabe. Hrsg. v. Wolfgang Straub und Claudia Dürr. https://gams.uni-graz.at/o:kofler.w2.hirt.531, 2019-02.