Reichsbräuteschule

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Kommentar

Für die Bräute von SS-Angehörigen war der Besuch einer sogenannten Bräuteschule vorgeschrieben, wo in mehrwöchigen Lehrgängen Haushaltsführung und Säuglingspflege gelehrt wurde. Auf der Wannsee-Insel Schwanenwerder im Südwesten Berlins bestand seit 1937 eine „Reichsbräuteschule“ des „Deutschen Frauenwerks“.

Textausschnitte

Der Hirt auf dem Felsen, S. 296

[...] Aber den Lavantgedichteaufsager, den Mittelschulprofessor Strutz, ihn gibt es wirklich, er ist sogar Direktor des von ihm begründeten Musil-Archivs in Klagenfurt – Musil konnte sich seinen Geburtsort ja nicht aussuchen, sonst wäre er in Villach zur Welt gekommen –, wenngleich er sich naturgemäß zum Direktor des Herbert-Strutz-Archivs – des alten Strutz, Gnade der Heimat, jenes Strutz – oder zum Portier der Johann-Friedrich-Perkonig-Gesellschaft besser eignete, so die neben mir, gehend, vielleicht auch spricht sie in Gedanken zu einer neben ihr, oder ich höre in Gedanken eine neben mir, nein, da ist sie schon wieder, sie redet wie ein Buch, wissen Sie, Christine, ich nenne Sie der Einfachheit halber so wie die andere, wissen Sie Christine, sagte ich an einem der heißen Lavanttaler Sommertage zu ihr, der Führer hätte getobt, hätte ich ihm Ihre Gedichte gezeigt, der Führer ist sehr verwöhnt von meinen eigenen Gedichten, nein, falsch, in jenem heißen Lavanttaler Sommer kannten wir einander noch gar nicht, Sie verzeihen, Christine, ich hatte damals andere Dinge im Kopf, emotionale Erfahrung erfüllte mich, der Führer, der Führer, Sie verstehen, der Reichsparteitag, der Schulverein Südmark, das Breslauer Turnfest, die Gautheater Saarpfalz-Eröffnung, das nationalsozialistische Kraftfahr-Korps und die Reichsbräuteschule, verstehen Sie, der bayrische Hilfszug, der Blumenkohleintopf, die gefüllten Kohlrabi ohne Fleisch, die Nähund Strickarbeit, die weißen Kniestrümpfe, ich wußte nicht aus noch ein vor Arbeit [...]

Der Hirt auf dem Felsen, S. 320

[...] Und jetzt der Angriff, hier, die Wiederholung zeigt es, hören Sie, wie kühn: Reichsbräuteschule Newton am Apparat, eröffnet Sulzer, nein Schrott, aber der Kanadier läßt sich nicht überlisten, nicht verstehen ich, gibt er freundlich zurück, großartig, der andere wird schon ungeduldig, wie nervös er wirkt, wie überhastet er vorgeht: Spielt hier das Bläserensemble der Niederösterreichischen Tonkünstler? Und Newton, der Kanadier, die reine Bosheit, er tut immer freundlicher: Ton Kunstler? Was ist Österreich Ton Kunstel Kunstler? – Ja, Tonkünstler, Niederösterreichisches Tonkünstlerorchester, Arschgeige, welches Instrument du dort spielst, will ich wissen, die Flöte, das Becken, das Triangel? Und nun achten Sie auf den Konterangriff, hier, die Antwort, die Frage als Antwort in Großaufnahme: Tri an –? Ah, Triathlon, ich verstehen (dieses Strahlen vor Verstehen, Verstandenhaben, meisterhaft gespielt), Sie spielen Triathlon, klingt es, im Süden, von West nach Ost, das ist Eishockey, das ist destruktive Spielweise, schon hat er sein Magazin verschossen, der Klagenfurter, schon versucht er – Ach, soll er doch machen, was er will, ich versäume ja alles andere, so schnell wie die Scheibe jetzt den Besitzer wechselt; wie sie alle grinsen, einander ins Gesicht grinsen! – Sie hat ihn in den Mund genommen und – verschluckt, aus Versehen abgebissen und verschluckt, wie sie später behauptet hat, so der eine, ein herrliches Solo, Szenenapplaus, hören Sie, für den Witzbold; und der andere, mit einem Gewaltschuß: Hier, Frolic Hundefutter, das ist das Richtige für dich, prächtige Zuspiele und Anspielungen, schnelle Reaktionen; – Institut Bständig, Bruchbänder, Prothesen, Scherzartikel, wenn ich nicht irre? – nein, wir vertreiben nur Fernolendt Schuhpasta Nigrin, das famose Gleitmittel [...]


Zitiervorschlag:
Reichsbräuteschule. In: Werner Kofler: Kommentar zur Werkausgabe. Hrsg. v. Wolfgang Straub und Claudia Dürr. https://gams.uni-graz.at/o:kofler.w2.hirt.423, 2019-02.