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Kommentar

Die „Romanzeitung“ oder „RZ“ genannte Wochenzeitung Die Illustrierte Romanzeitung wurde über Trafiken vertrieben. Das seit 1934 bestehende Blatt enthielt neben Witzen und Kreuzworträtseln mehrere Serienromane.

Textausschnitte

Guggile, S. 11

[...] manchmal steige ich die stiegen hinab in ein kellergewölbe, werde eine ratte, eine federzeichnung, ergehe mich im ungefiederten [...]

Guggile, S. 12

[...] stellt, die hosen hinuntergelassen und zu onanieren begonnen, „gwixt“ und in den busch hinein gespritzt, die hosen dann schnell wieder hinaufgetan, meine schultasche genommen und eilends den koschatpark verlassen; trüben sinnes, mit schuldund minderwertigkeitsgefühlen bin ich durch die verlassene klagenfurter bahnhofstraße zum bahnhof gegangen und in den zug nach villach eingestiegen; während der fahrt, während der mich nur das vorangegangene erlebnis beschäftigt hat, hat sich, als bewältigung des vor-, des wiederumvorgefallenen, in meinem kopf bereits literatur zu formieren begonnen; ich habe mir notizen gemacht und, in villach, zuhause angekommen, mich in mein dachbodenzimmer gesetzt und diese skizze niederzuschreiben begonnen [...]

Guggile, S. 14

[...] ein zahnarzt aus villach, der name tue ja nichts zur sache, ein villacher zahnarzt jedenfalls und eine junge frau, nicht seine frau, sondern ein „junges mensch halt, nix wert [...]

Guggile, S. 15

[...] in eine eigene gondel (eine gondel fasse sonst vierzig leute) seien der zahnarzt und seine freundin verfrachtet worden, „eng umschlungen“, har har [...]

Guggile, S. 18

[...] “) nix tua ma nix umanonda-tischkarirn nix, do wer ma nit long umanonda-tischkarirn mir red ma deitsch postgasse: die alte frau zihlarz „tratzn“ (konditorei zihlarz [...]

Guggile, S. 19

[...] bei jenem, hat mir mein vater am sonntag, sonntag früh, anläßlich des „papahuckns“ (die mutti ist aufgestanden und hat das frühstück gemacht und ich habe mich zum papa ins bett gelegt und mir von ihm erzählen lassen) erzählt, bei jenem, meinem urgroß- vater in winklern bei velden, seien sie im sommer oder zu ostern manchmal „auf besuch“ gewesen, einen fußball haben sie nicht besessen, so haben sie mit einem „fetznlaberl“ gespielt; (und, im winter: skier zu besitzen sei damals „ein luxus“ gewesen, sie haben sich deshalb aus faßdauben, die sie zuerst in heißes wasser und dann über nacht unter einen kä- sten gelegt hätten, welche hergestellt [...]

Guggile, S. 20

[...] im nebenhaus, in jener wohnung, wo jetzt die krankenwärtersfamilie schaller wohne, habe damals ein maler, ein tierund insbesondere ein vogelmaler, der federspiel (federspiel habe er „sich geschrieben“) gewohnt; vor seinem fenster habe der aus holz eine falle konstruiert, die, als vogelhäuschen getarnt, vermittels eines einfachen zuschnapp-mechanismus ihm vögel zum abmalen hätte fangen sollen; er, mein vater, und andere seien aber lausbuben, lauser, gewesen und haben im winter oft schneebälle auf die falle geworfen, so lange, bis die falle hörbar zugeschnappt und der federspiel aus dem haus gestürzt sei, um den vermeintlich gefangenen vogel sich zu holen, der federspiel [...]

Guggile, S. 21

[...] in seiner villacher lehrund verkäuferzeit sei er mitglied im „katholischen burschenverein“ in st [...]

Guggile, S. 22

[...] seinen erzählungen und ermahnungen (besonders während meiner pubertät) ist zu entnehmen, daß er vorehelichen verkehr nicht gehabt hat, auch der selbstbefleckung nie verfallen ist [...]

Guggile, S. 23

[...] gesagt, am sonntagmorgen, im ehebett, unter dem braunen holzkreuz, erzählt, jeden sonntag, wie mir vorkommt, dasselbe (erinnerungsfetzen –): „feldjäger“ sei er gewesen [...]

Guggile, S. 25

[...] streng sei sie erzogen worden, „aber gerecht“, immer gewußt zu haben, was sie „ihrem hergott schuldig sei“, das verstehe sich von selbst, die volksschule und die bürgerschule habe sie in einem lienzer kloster, in einer lienzer klostervolks und klosterbürgerschule besucht, (auf den weiteren lebensweg, „ins leben hinaus“ mitbekommen und immer in ehren gehalten: ein beichtbild von der abschlußbeichte – „mein liebes kind! ( [...]

Guggile, S. 26

[...] ), kein rechtschaffener mensch zum beispiel jene „gitsche“, die lienzer, lienz liegt in einem talkessel, pflegen im abwertenden sprachgebrauch statt mädchen „gitsche“ zu sagen, kein rechtschaffener mensch jedenfalls jene „gitsche“, die – zitiert aus den erzählungen über einen zimmerbrand – nur die burschn, „halt nur die löta im schädl ghabt“ habe (nur die schlechtigkeit [...]

Guggile, S. 27

[...] gegangen mit ihnen, die aber immer „zur mutter und zum glauben ghaltn“ haben, „kämpfn müssn“ habe ihre mutter für den glauben und „viel mitmachn“; keine kirchensteuer habe da vata mehr zahlen wollen, verboten habe er den kindern das kirchengehn, ausgetreten sei er schließlich aus der kirche; keine andere möglichkeit, die kinder religiös zu erziehn, habe die oma mehr gehabt als die, sich letztlich scheiden zu lassen, die kinder seien der mutter zugesprochen worden, in der folge haben sie ihre heimat in der lienzer albin-egger-straße verlassen und seien nach klein-vassach bei villach verzogen; die oma habe dort ein haus gekauft, jenes haus übrigens, in dem (wie ich erst sehr viel später erfahren habe), zu einer zeit, da das haus noch nicht im besitz meiner großmutter gewesen war, der beliebte reaktionär, reiseschriftsteller und mir auf das äußerste verhaßte volksliterat humbert fink zur weit gekommen sein soll [...]

Guggile, S. 29

[...] „der herr petschnig“, der petschnig-viktor, „seinerzeit“ villacher bürgermeister, sei trauzeuge, hanne und heidi, „die hanne und die heidi“, die beiden nichten, seien brautjungfern gewesen [...]

Guggile, S. 30

[...] ) die totale abhängigkeit, die totale nicht-einmal-geschlechtliche abhängigkeit voneinander als höchstes ideal: kein noch so kurzes weg-sein-voneinander ohne anruf, ohne brief, ohne karte, ohne vergiß-mein-nicht [...]

Guggile, S. 31

[...] ) die erinnerung – die am tiefsten zurückreichende? – an ein rot-schwarzes herrenfahrrad (papa) und an ein grün-schwarzes damenfahrrad (mutti), an dessen lenkstange, an einen dort befestigten drahtkorb: für mich, zum sitzen [...]

Guggile, S. 32

[...] frühstück: butteroder honigoder marmeladebrot, malzkaffee, seltener milch, hin und wieder „schterz“ (polentagrieß) vom vorabend, jause: speckoder butteroder alma-rahm-streichkäse-brot, apfel [...]

Guggile, S. 33

[...] gelbe, graue und braune fassaden, noch mit den spuren des zweiten weltkriegs überzogen wie ein gesicht mit pickeln [...]

Guggile, S. 34

[...] wenn es nicht geregnet hat, ist die frau poglitsch oft tagsüber vor der ebenerdigen zwei-zimmer-wohnung auf einem schemel gesessen und hat romane gelesen, die rz vornehmlich, die „illustrierte romanzeitung“, „waßt i tua roman lesn“, hat sie zu mir gesagt, roman lesen, den ganzen tag, die ganze woche roman lesen [...]

Guggile, S. 38

[...] “) (früher, seinerzeit, zu ihrer zeit hätten die kinder nachher die rute geküßt, küssen müssen, aus dankbarkeit [...]

Guggile, S. 40

[...] nommen, manchmal den charakter des fluchens, die lautstärke, seltsam, ist aber immer dieselbe geblieben, gleichbleibend halblaut hat die asinger geredet und geschimpft und geflucht und geredet; habe ich die asinger gegrüßt, und ich habe zur asinger, wenn ich sie gesehen habe, „sgott frau asinger“ gesagt, so hat sie meinen grüß ignoriert (oder auch überhaupt nicht registriert) und weiter geredet, die asinger ist narrisch, hat jeder gesagt, die narrische asinger, die red’ mit sich selber, und nur die narrischen tun mit sich selber redn, mit sowas müsse man unter einem dache wohnen, eines tages, hat man mir später erzählt, sei es dann soweit gewesen: die asinger sei in eine nervenheilstätte, „ins narrnhaus“ eingeliefert worden, wo sie auch gestorben sei [...]

Guggile, S. 41

[...] der bierwagen, ein pferdefuhrwerk, dicke fuhrleute mit lederschürzen [...]

Guggile, S. 42

[...] „großmuttererziehung“, das sei ja nichts, „dos is jo nix“ [...]

Guggile, S. 43

[...] ) (ich habe gelernt / die menschen einzuteilen / in rote und schwarz [...]

Guggile, S. 44

[...] / beim geld aber / ist mir beigebracht worden / sei es egal / von wem es komme; / es sei von allen, / roten und schwarzen / guten kundschaftn und schlechten / braven kirchengehern und laxen / regelmäßigen kommuniongehern und seltenen / feinen leuten und vom gesindel / gleichermaßen willkommen [...]

Guggile, S. 46

[...] kleine weihwasserkessel aus porzellan an der wand: neben jeder tür, unter dem lichtschalter [...]

Guggile, S. 47

[...] unsere innigstgeliebte schwester, tante, groß- tante, frau –“ kerzen, hergottswinkel, marienstatue, heiligenbildln [...]

Guggile, S. 48

[...] mir fällt ein: die besondere agressivität der osttiroler kinderspiele; schmerzhafte, durch plötzliches fieber hervorgerufene intensivierung der wahrnehmung – auf einmal fieber und schüttelfrost, die ganze zeit schon ist mir, zwischen mutter und tante auf einem bankl sitzend, nicht gut gewesen, schüttelfrost an einem hochsommernachmittag, mit der zeit ist mein zustand des stillschweigenden vor mich hin-, zu den kindern hinüberstarrens bemerkt worden, was denn sei, „du hast ja –“, ich habe ja fieber ich müsse sofort ins bett; abgebrochen der nachmittagsausflug, zurück in die wehweh-tantile-wohnung, aufregung und besorgnis [...]

Guggile, S. 49

[...] ) „is er wol brav gwesn?“, hat die mutter, der bejahenden antwort sicher, den invaliden nach ihrer wiederkehr gefragt, er: „brav? – sie müaßn jo eine feine erziehung hobn [...]

Guggile, S. 50

[...] feine erziehung [...]

Guggile, S. 51

[...] lukeschitz ist ein großer, grobschlächtiger, schwer atmender, um nicht zu sagen: in einem fort schnaufender, offensichtlich asthmatischer arzt gewesen („soo ein bauch“), ich bin auch später, als siebenjähriger, noch einmal zu ihm in seine ordination in die postgasse gebracht worden; statt gelbsucht hat der dr [...]

Guggile, S. 52

[...] denn die eltern und der arzt dürfen „alles sehn“), sollte ein anderer – „es gibt oft so schweinigln“ – sein puzzile herzeigen, so solle ich nicht hinschaun, sondern sofort „zu den eltern kommen und ihnen das melden“; zudem möge ich immer bedenken: „der liebe gott sieht alles, also –“ ich erinnere mich genau: eines tages, im dritten oder vierten lebensjahr (?), bin ich, des figürlichen zeichnens, der bildnerischen wiedergabe meiner kernstockstraßenumwelt bereits mächtig, beim küchentisch gesessen und habe mit bleistift auf einem notizblock gezeichnet, an einem wochentag in der früh, der papa ist schon ins geschäft ’gangen, die mutti hat hinter meinem rücken milch gekocht, geputzt und die wohnung aufgeräumt, aus dem radio rechts üher mir ist erst der vermißtensuchdienst und dann das wunschkonzert zu hören gewesen, männer habe ich gezeichnet, „mandln“, nackt, mit hut (mein vater hat manchmal einen hut aufgehabt) und schwanz, hut und schwanz, mit meinem schwanz, ein nackates mandl und ein weiteres und – (als, plötzlich, jedoch) „jo wos – jo wos –“ (wham bham) „jo wos mochst du denn do –“ (ritsch ratsch) „so etwos wirstu nicht zeichnen –“ – und auf einmal ist die mutti hergekommen und ist sehr bös geworden und hat die blätter aus dem block gerissen und zerknüllt und weggeworfen und hat gesagt sowas tut man nicht zeichnen das puzzile das ist grauslich und unanständig und da tut der himmelvater schimpfen und ich darf das nie wieder zeichnen nie wieder „gel das tust du mir versprechn [...]

Guggile, S. 55

[...] ein herannahender güterzug, das bedrohlich näherkommende stampfen der dampflokomotive, dann, hö- hepunkt, nur einige zehn meter von meinem bett, von meinem guten einschlafwillen entfernt, das vorüberrattern der waggons des meist langen zuges, das erzittern der holzfußbö- den und schließlich die erleichterung, die entspannung, die sich einstellt, wenn der lärm sich mehr und mehr verliert [...]

Guggile, S. 56

[...] zigeuner: wie traurig – eine weitere einschlafphantasie – wie traurig muß es wohl sein, von zigeunern mitgenommen zu werden, mit den zigeunern im planwagen herumzuziehen und mutti und papa nie mehr wiederzusehen [...]

Guggile, S. 58

[...] er sei, habe ich wiederholt gehört, „falsch“, „faul“, er mache „ins bett“ (als volksschüler mache er „noch ins bett“, das müsse ihm wie die faulheit und die falschheit „ausgetrieben“ werden, oder: man habe alles getan, ihm „das auszutreiben“, jedoch –), er tue „seine eltern hinter ihrem rücken ausrichten“ (anschwärzen), er sei ja „so ein zotl, so ein zotl [...]

Guggile, S. 59

[...] (?) erinnerungsspuren: der ernsti als zögling in einem heim für körperbehinderte (?) oder schwererziehbare (?) in „trefn“ (treffen bei villach: klosterschwestern [...]

Guggile, S. 61

[...] ums‹, habe ich keine lust mehr gehabt, etwas über psichelegie zu erfahren und mich darauf vorzubereiten, ein matarant zu sein, viel lieber habe ich mich mit dem noste in der konditorei risto getroffen und mir beispielsweise erzählen lassen, daß er vom neuner in die vis-a-vis, auf der anderen seite der ebentalerstraße neu errichtete fabrik von phillips übergewechselt sei und daß er jetzt keine pick-, sondern kontrollarbeiten durchführe, demnach: arbeiter bei phillips; später – ich hatte mittlerweile endgültig aufgehört, ein matarant zu werden sehr viel später habe ich von der mutti erfahren, daß da bua „einen schönen posten bei der landesregierung bekommen“, diesen aber, wiederum später, verloren habe, weil er – „ja was glaubst du!“ – sich „was zuschulden kommen lassen“ habe und jetzt ja „überhaupt ganz verkommen“ sei: er „gehe“ mit einer verheirateten frau und sei in klagenfurter zuhälterkreisen gelandet, warum nur, es fehle ihm doch überhaupt nichts, er sei doch intelligent und „völlig normal bis auf daß er eben so faul“ sei, er sei eben immer schon ein zotl gewesen, „so ein zotl – so ein zotl [...]

Guggile, S. 62

[...] sie trägt ein kostüm und darunter eine weste und darunter eine bluse und darunter – (siehe: bestürzung beim [...]

Guggile, S. 63

[...] dann hat der ernsti, gleichgültig, ob bei einem ausflug, im auto oder, bei schlechtwetter, in der küche beim tisch sitzend, zu erzählen begonnen, den ganzen tag über hat er von seinem dasein in der fabrik, von seiner lohnarbeit „beim berg“ oder „beim neuner“ erzählt: daß er auf diese oder jene erleichterung hoffe, daß er die und die besserstellung erreichen wolle; der und der habe ihn belobigt [...]

Guggile, S. 64

[...] nikolai, hans ewald, kurz: der hansi [...]

Guggile, S. 65

[...] die strebsame biederkeit meiner eltern, die tatsache, daß wir damals ein auto, die anderen noch kein auto, wir einen fernseher, die anderen noch keinen fernseher besessen haben, die zugehörigkeit meiner eltern zum unteren zipfl der oberen klasse, die tatsache, daß sie hausbesitzer und die anderen hausbenützer gewesen sind, daß ich ein „geschäftssohn“ und die anderen kinder von kundschaften gewesen sind, ferner die strenge meiner mutter, meine bravheit und deren äußere entsprechungen, zum beispiel das „spangerl“, wenn die andern „hinterfrisuren“ getragen haben, die knickerbocker, wenn die andern „cowboyhosen“ angehabt haben, sowie mein erzwungenes vorzugschülerdasein haben mir in der sozietät der kernstockstraßenkinder eine manchmal verhöhnte, manchmal bemitleidete, für mich konfliktreiche sonderstellung eingebracht: wieviel zugeben an nicht-dürfen und wieviel decken und überspielen [...]

Guggile, S. 67

[...] “; auszählreime und spiele im hof: zimmer küche kabinett, badezimmer und klosett, zip zip-zilip zipzilonika, wer fürchtet sich vorm schwarzen mann, tempelhüpfen und „zehnerl“: karl-may-bilder tauschen und schauspielerbildin sammeln (auswahl: gertrud kückelmann, wolf albach-retty, rudolf prack, o [...]

Guggile, S. 69

[...] spuckt haben, wie der schrankenwärter auf der anderen seite der bahnlinie hinter den gemüsegärten, zu beobachten von unserem balkon aus, zu sein, später, wie die spieler des vsv, diese „ungehobelten klachln“, sein wollen wie und sein: der vorzugsschüler, der brave, schlichtweg: werner reinfried [...]

Guggile, S. 70

[...] im nachbarhaus ist während irgendwelcher kürzerer ferien, während der osteroder pfingstferien einmal der neffe der frau lampersberger aus deutschland zu besuch gewesen, ein gewisser dieter aus hamburg, gleichaltrig etwa, einer von „draußen“, wahrscheinlich hat die frau lampersberger „draußen“ verwandte gehabt [...]

Guggile, S. 71

[...] ich bin zuhause geblieben mit der anweisung, niemandem aufzumachen, die meiste zeit bin ich auf dem balkon gesessen und hab gelesen, ein außergewöhnlich heißer nachmittag, im nachbargarten ist kurz der dieter mit einer kleinen badewanne aufgetaucht, hat pritschelnd ein bad genommen und mir zwischendurch zugewunken [...]

Guggile, S. 72

[...] nikolai, die bücher, die bekannten titel, statt büchern nehme ich aber einige packungen jahrzehnte alte englische zigaretten mit [...]

Guggile, S. 73

[...] die stiege hinunter aufs klo gegangen, auguste, die eigentlich mit friedl hätte schlafen sollen, auguste liegt nicht im bett, ist nicht mehr da, im bett liegen eva und ich und neben mir friedl und irgendein mädchen (?), ein mädchen aus dem vorzimmer, und während eva über mir kniet und ich mit der rechten in ihrer fut hinund herfahre, weiß ich, daß meine mutter, „die mutti in die stadt“ gegangen ist und jeden augenblick zurückkommen kann, gleichzeitig wehre ich aber die angst ab mit der erinnerung, daß ich mir früher, beim „wixn“, diesbezüglich auch schon oft unnötige sorgen gemacht habe (tatsächlich bin ich nie eindeutig erwischt worden), ich will gerade den schwänz einführn, da öffnet sich tatsächlich die zimmertür und herein kommt, im zimmer steht nicht meine mutter, sondern deren zwillingsbruder, der onkel fritz, der kriminalinspektor: oh und oho und aha, hämische freude an der situation; auf meiner seite entsetzen (wenn er herausfindet, daß eva erst in einigen wochen vierzehn wird?) und die intention, ihn schnell wieder abzuwimmeln [...]

Guggile, S. 75

[...] ) immer wieder hab ich am nachmittag in gedanken das gedieht wiederholt, das ich jedes jahr zu beginn der bescherung vor dem brennenden lichterbaume hab aufsagen müssen; einige vierzeiler aus dem perlen reihenbuch „die schönsten wunschgedichte“ [...]

Guggile, S. 76

[...] festbier neben einem nur zu besonderen anlässen verwendeten brotkorb, weihnachtsansprachen im radio, stille nacht, „horch –!“ kurze reflexion meines vaters über leben und tod, auf seine art, einmal hat er sogar, seine verstorbene mutter erwähnend, plötzlich und herzzerreißend geweint; mutti, begü- tigend: „aber ernst [...]

Guggile, S. 79

[...] und wer, denkst du, kam ihm entgegen auf der brücke? entgegen kam ihm eine frau, irgendeine frau nur und deren kind, das um ein halbes arbeiterleben jüngre, klein kams daher, kam, auch es, in seinem wagen, dem langsam geschobenen, dem kindswagen, kam mit seiner mama, kam aus lind und wollt über die brücke, die hölzerne, kam daher und wollt weiter, wollt leben, wollt, wie die mama, weiterleben – und wer, so frag und frag ich, hängt nicht an seinem leben, wenn er’s, da gott ihn hat einen arbeiter sein lassen, herborgen muß heute und morgen und übermorgen – kam, kam daher, kam, wies vorgeschrieben ist, auf dem trottoir, kam im kindswagen, kam klein, kam dem andern entgegen; der kam, der idiot, herausgeschleudert aus der kurve, kam, ich hab ein zementwerk, ich hab wein im kastl, im hirnkastl, kam daher auf tier seite, der falschen, der kindesseite, groß kam auf klein zu, kapital kam auf arbeit zu, es krachte, wagen kam zu auf wagen, es krachte und krachte, sie stürz [...]

Guggile, S. 80

[...] der brücke, stürzten, du weißt, es ist fasching, hinunter, und klein, das kind, hieß sein leben schweigen vor der herrschaft über ein zementwerk, vor der herrschaft, der verlornen, über einen wagen [...]

Guggile, S. 82

[...] “), dann, im nächsten haus, im haus des herrn major werner, an der konditorei zihlarz („gemma zum zilaz“ [...]

Guggile, S. 83

[...] ) der zihlarz-kurti, der kleine konditor, sohn des herrn zihlarz und der frau zihlarz [...]

Guggile, S. 86

[...] (die oberen stockwerke des gasthauses teppan sind in den fünfziger jahren durch einen überhitzten zimmerofen dem roten hahn zum opfer gefallen, die beiden töchter des herrn korschitz sind in den fünfziger jahren bei einem autounfall schwer verletzt worden, tarviser eindrücke: der alte, beleibte, schwer atmende herr korschitz, wie er im trübseligen licht seines ladens den hergang des unfalles erzählt [...]

Guggile, S. 87

[...] einmal, schlittenfahren hab ich wollen, hab ich nicht mit hinauf auf den hügel dürfen, weil die mutti gesagt hat, ich muß bei der oma bleiben; „dafür soll ihr (meiner mutter) aber was passiern!“, hab ich, mit meiner großmutter allein, in meinem zorn gesagt; oohh, sowas dürfe ich nicht sagen (bestürzung) [...]

Guggile, S. 89

[...] er sei einer der ältesten, schon seit jahrzehnten in diesem haus urlaub machenden gä- ste, hat mein vater oft erklärt, überhaupt seien die „alten, treuen“, jedes jahr wiederkehrenden gäste wie eine „große familie [...]

Guggile, S. 90

[...] „die frau dettmer“, hab ich zum papa gesagt, „ist aber eine sehr charmante frau“, und die frau dettmer – sie ist so um die vierzig gewesen – hat, von meinem vater informiert, dieses kompliment ungeheuer rührend gefunden, also ganz rührend [...]

Guggile, S. 92

[...] nach jeder messe, die er mit mir als ministranten gelesen hat, hat er gesagt: „so, jetzt wartst a bißl“, ist durch die klausurtür hinauf in seine zelle, kurz ausgeblieben und eilig wieder zurückgekehrt: mit einem apfel oder einem osterei oder einem stück kuchen oder sonstweichen „guttilen“; sodann, manchmal, ein sanftes mir-über-den-kopf-streicheln, „so [...]

Guggile, S. 93

[...] seine stelle hat daraufhin der junge, einfältige frater albin aus tirol eingenommen; jedesmal, wenn er die in der sakristei stehende muttergottesstatue abgestaubt hat, hat er ihr einen schmatz versetzt und zu ihr herzlich „mei muattale“ gesagt, „mei muattale [...]

Guggile, S. 94

[...] die titelseite einer aufklärungsbroschüre, verteilt vom katecheten: auf rotem grund die umrisse einer turmuhr, die einige minuten vor zwölf zeigt (ich habe an eine schwüle sommernacht gedacht), darüber schwarze kleckse und spritzer und flekken und (in einer schwülen sommernacht) der titel: auch du? leihbücherei st [...]

Guggile, S. 95

[...] – die eltern geärgert, nicht gefolgt, frech gewesen, gelogen, zornig, mein jesus barmherzigkeit, und immer wieder aufs neue: – nicht gefolgt, frech, gelogen, zornig, barmherzigkeit [...]

Guggile, S. 96

[...] komminion gehn / und ganz hinten stehn / ganz hinten stehn und / nach vorne gehn / andächtig zur komminion gehn / und noch kurz [...]

Guggile, S. 97

[...] als klassenbester nach hinten, an den rand gedrängt, habe ich nur erahnen können, daß es sich um eine schweinigelei handeln müsse nur um eine schweinigelei kann es sich handeln, habe ich mir gedacht, anstatt aber zur frau fachlehrerin oder zum herrn fachlehrer zu gehen und ihnen das zu „melden“, habe ich seltsamerweise auf eine gelegenheit gewartet, den zettel selbst lesen zu können; gegen ende der letzten stunde endlich ist der unter den bänken heimlich herumund weitergereichte zettel auch unter meine bank und in meine hände gelangt; alle wiederholten ermahnungen, alles mir diesbezüglich wieder und wieder eingetrichterte außer acht lassend, hab ich hastig – jetzt oder nie – zu lesen, den inhalt in mich aufzunehmen angefangen: – wie (so hat die geschichte begonnen) eine novizin in ein kloster kommt, wie ihr eine zelle zugewiesen wird, wie eines abends – die novizin (die ich-erzählerin) hegt schon im bett – sich die zellentür öffnet, eine junge, nackte nonne in die zelle kommt, sich zur novizin ins bett legt und deren brustwarzen zu streicheln beginnt, die sich sofort aufrichten; wie die novizin eine „sonderbare ahnung“, ein „noch nie erlebtes wonnegefühl“ durchströmt; wie die nonne die novizin fragt, ob sie das möge; wie die novizin bejaht; wie die nonne der novizin auf die „lustspalte“ greift und ihr am kitzler herumzuspielen beginnt und die novizin auffordert, bei ihr, der nonne, dasselbe zu tun; wie die „futn“ der beiden ganz naß werden; wie die ich-erzählerin, die novizin, gefragt wird, ob sie bereit sei, denn am nächsten tag werde ihre entjungferung stattfinden [...]

Guggile, S. 98

[...] am nächsten tag habe man die novizin geholt und in einen saal gebracht, wo schon alle nonnen und mönche versammelt gewesen seien, die ich-erzählerin: „die genußwurzeln der mönche standen kerzengerade in die höhe [...]

Guggile, S. 99

[...] den zettel mit nachhause genommen und wieder mitzubringen vergessen, später habe ich ihm erzählt, meine mutter habe den zettel entdeckt und vernichtet, der kleine jaritz jedoch hat mir nicht geglaubt und hats seinem bruder, dem großen jaritz gesagt, am sonntagvormittag dann, ich hab gerade, aus der nikolaikirche vom hochamt kommend, die fotos im schaukasten des elite-kinos angeschaut, ist auf einmal der große jaritz neben mir gestanden, ein auftritt von hinterhältiger plötzlichkeit, ein großer und bedrohlicher jaritz [...]

Guggile, S. 100

[...] wenn man sich irgendwo am körper, beispielsweise über dem schwänz, mit glycerin einschmiere, bekomme man dort schwarze haare [...]

Guggile, S. 101

[...] ) unsere geheimen befürchtungen, so einer könne nur einer von der andern fakultät sein, haben sich als letztlich grundlos herausgestellt, der fredl hat bildln vorgeführt und geschichtln erzählt, nichts weiter [...]

Guggile, S. 104

[...] fräulein heidi ist dann auch an unseren tisch gekommen: ein anzüglicher blick beim eingießen der suppe, ein leicht spöttisches lächeln beim abtragen der suppenteller; dieser blickwechsel – unglaublich, das soll mir gelten? – hat sich jedesmal, wenn sie serviert oder abserviert hat, wiederholt, mein vater, dem das nicht verborgen geblieben ist, hat gemeint, ich sei eben ein „fescher bursch“; tatsächlich soll ich damals, mit fünfzehn, ein ganz fescher bursch gewesen sein, jo so ein fescher bursch, haben die leute gesagt, so ein bursch ein fescher, nach dem mittagessen hab ich mich in die leere ›bauernstube‹ gesetzt und einige illustrierte durchgeblättert, zu beginn der „zimmerstunde“ ist für kurze zeit auch heidi hinter der kleinen theke aufgetaucht und hat ebenfalls in einer illustrierten gelesen, zwischendurch aufund zu mir herüberblickend; ich hab die blicke ausgehalten mit herzklopfen, einem merkwürdigen gefühl in der magengegend und einem steifen schwanz, aber ohne rot zu werden – eine seltenheit [...]

Guggile, S. 105

[...] “, hat sie geantwortet, kurze pause, blick, „sehr viel [...]

Guggile, S. 106

[...] während der ersten nacht, wie auch in allen weiteren, darauffolgenden nächten hab ich kaum schlafen können, kaum eingeschlafen, bin ich schon wieder aufgewacht, immer wieder bin ich aufgewacht und hab an die heidi denken müssen, an „meine heidi“ an die im nebenhaus, im „haus enzian“ schlafende; während mein vater neben mir friedlich und nichtsahnend geschnarcht hat, hab ich mich unruhig von einer seite auf die andere gedreht, untertags, an sonnigen, heißen julitagen, da mich nur der kommende abend beschäftigt hat, hab ich andauernd scheißen gehn müssen, dünnschiß, ein anhaltender, sich nie lösender drang, kaum aus dem klo heraußen, hätte ich schon wieder hineingehen können, und: am morgen des dritten oder vierten tages, am dienstagoder mittwochmorgen habe ich im spiegel zu meinem erschrecken feststellen müssen, daß sich – ein charakteristisches jucken während der nacht hat es schon angekündigt – auf meinen lippen, oben und unten fieberblasen zu bilden beginnen, eine neben der andern, ohne äußeren anlaß wie etwa den einer verkühlung, fieberblasen, plötzlich da, schmerz [...]

Guggile, S. 107

[...] “ hat ein herr aus deutschland zur belustigung aller anderen gäste beim frühstück gesagt, „wer das vergnügen hat, muß auch den schmerz erdulden [...]

Guggile, S. 108

[...] der herr heinrich hat mich eines abends unvermittelt gefragt, ob er mich kurz sprechen könne, wir könnten uns ins kaffee setzen, dort seien wir „unter uns“, „na“, hat er angefangen, „haste die heidi zu bett gebracht?“ (ich habe verlegen irgendwas gemurmelt [...]

Guggile, S. 109

[...] seine eltern und geschwister, hat er erzählt, seien zurzeit, wie jedes jahr, „in der astn“ bei einem bauern auf urlaub (die „astn“, ein hochgebirgstal, sei übrigens vom iselsberg gar nicht so weit entfernt), nur er sei dageblieben und arbeite für einige wochen in der villacher molkerei, um später, im august, ohne eltern und geschwister „in die astn“ auf urlaub zu fahren; – ob ich nicht mitkommen wolle, ein tag vollpension beim micheler-bauern belaufe sich auf sage und schreibe zwanzig schilling, außerdem könne man, ohne aufsicht, rauchen und trinken und überhaupt „a klasses leben führn [...]

Guggile, S. 110

[...] „kameradln“, hat der hansl bei jeder sich bietenden gelegenheit zu uns gesagt, „hast a feuer kameradl?“ oder, kurz vorm dunkelwerden, vom fenster seiner kammer herunter, „guate nocht, kameradln [...]

Guggile, S. 111

[...] die geburtstagsfeier im halbdunklen kaffeezimmer ist ein fest hauptsächlich des personals gewesen, bis auf mich als mitbringsel von heidi sind nur bedienstete um den tisch gesessen, an den nebentischen haben anfänglich einige gäste am rande mitgefeiert, indem sie eine runde spendiert oder scherzhafte bemerkungen gemacht haben, die trude, man habe ja nur einmal im jahr geburtstag, hat einen liter wein nach dem anderen auf den tisch stellen lassen, und die wirkung ist, nicht nur bei mir, beträchtlich gewesen, die erinnerung an den weiteren verlauf des abends wird mit jedem damals leergetrunkenen glas verschwommener, nur hin und wieder, wie ein fettauge in einer suppe, ein im bewußtsem verbliebener geburtstagsfeierrest: – schenkel an schenkel neben der heidi gesessen und ihr aufs knie gegriffen zu haben (ununterbrochen rotierender gedanke: heute nacht [...]

Guggile, S. 112

[...] oben, ein ungeheures durcheinander: im einen dienstbotenzimmer zwei heimische, nun mehr lachende und lallende „küchentrampln“ – sie haben später zu meinem schaden überall herumerzählt, ich sei oben bei der heidi gewesen –, angekotzt auf einem angekotzten doppelbett liegend; im anderen zimmer die heidi in einem kurzen nachthemd [...]

Guggile, S. 113

[...] selbst zu befriedigen, sondern um einen steifen zu kriegen, daß aber, völlig anders als sonst, jedes empfinden blockiert war vor angst, daß ich darob erst recht in panik geraten bin, alles mögliche hab ich versucht – nichts, er rührt sich nicht, am liebsten hätt ich den lieben hergott um beistand angefleht, beistand zum beischlaf, entsetzlich, warum steht er mir nicht, er steht mir doch sonst immer, wenn er mir nicht steht, kann ich unmöglich ins zimmer zurück, mit einem derart kleinen, zusammengeschrumpelten schwanz kann ich mich ihr nicht nähern; schließlich hab ich meine bemühungen erschöpft eingestellt und bin zurück ins zimmer; – daß ich, in meinem weißen unterleibl, mit meiner schwarzen clothhose, über die gerade einschlafende heidi hinweg zu ihr und hinter sie ins bett gestiegen bin, daß (warum?) im andern bett, im bett der moidl, die trude geschlafen hat, – – daß ich während der ohnehin kurzen nacht einige zeit wachgelegen, immer aufs neue aufgewacht bin und an meine eltern in villach hab denken müssen, wenn die wüßten, wo ich jetzt liege, haut an haut neben ihr, daß ich, draußen hats bereits gedämmert, mit der rechten hand dann behutsam versucht habe, unter dem nachthemd zur fut der schlafenden heidi vorzustoßen, dabei ist mir auch der schwanz wieder in gewohnter weise gestanden, sacht bin ich mit der hand unter dem nachthemd über die oberschenkel und über die fut gefahren, zweimal, dreimal, aber nie öfter, weil die heidi bei jedem ansatz, die fut zu streicheln, ich habs oft versucht, im schlaf meine hand weggeschoben oder sich überhaupt umgedreht hat [...]

Guggile, S. 114

[...] “, und während ich solche gedankenversatzstücke die alte straße hinunter-, die glocknerstraße entlangund den steilen weg in die astn hinaufgetragen habe, hab ich, obwohl es mir wahnwitzig erschienen ist und utopisch, mir plötzlich vorgenommen, zu schreiben, schreiben, nicht, um das vorgefallene niederzuschreiben, sondern um „in der zeitung zu stehen“, wie es wohl sei, hab ich mir immer wieder vorgestellt, „in der zeitung zu stehen“, auf der feuilletonseite der kärntner volkszeitung etwa eine geschichte zu veröffentlichen [...]

Ida H., S. 119

[...] Eine Stunde etwa braucht es auch, um mit öffentlichen Verkehrsmitteln, zuletzt mit dem Achtundvierziger, von der Innenstadt oder gar von den östlichen oder südlichen Bezirken zum Steinhof zu kommen [...]

Ida H., S. 120

[...] Patienten sind Menschen, deren Existenz, deren Identität von Ärzten und Gerichten verwaltet wird – „im Interesse der Patienten“ gegen diese [...]

Ida H., S. 121

[...] Schließlich die ärztliche Versorgung: zu wenige Ärzte für zu viele Patienten – etwa 2600 Insassen (gehirngeschädigte Kinder und Altersblödsinnige, Paralytiker, Schizophrene, Alkoholiker und Depressive, viele Zwangseingewiesene und wenige Wahnsinnige, die sich selbst stellen) werden von 47 Ärzten betreut, von denen die Hälfte ungefähr nur vormittags Dienst tue, Vertragsärzte [...]

Ida H., S. 123

[...] Als sie sich, nach dem Wieder-Verschließen der Kamera, umdrehten, war es bereits zu spät: ein Mann mit einer Aktentasche und einem Stock, durch eine gelbe Armbinde als Blinder oder Sehbehinderter gekennzeichnet, war nichtsahnend in das auf dem Bürgersteig aufgestellte Stativ hineingegangen, stolperte, warf das Stativ um, ruderte mit den Händen durch die Luft und konnte sich dadurch gerade noch vor einem Sturz bewahren [...]

Ida H., S. 125

[...] Ein kunstvoll verziertes Gittertor einer nicht mehr benützten Einfahrt, durch dessen Stäbe ein weiteres, kleineres Tor sichtbar war, der verschlossene Eingang zu einem schattigen, dunklen, verwahrlosten Park; gerade in dem Augenblick, als sie diese Einstellung fotografierten, ging hinter dem zweiten Tor, vom Gebüsch teilweise verdeckt, langsam ein alter Mann vorbei, mit kraftlosen, schlurfenden Schritten [...]

Ida H., S. 127

[...] Ida Von Idas absonderlichem Dasein hatte Herbst zunächst nur nebenher, aus mancherlei Gerüchten und Erzählungen von Bekannten erfahren; im April des Vorjahres hatte er Ida selbst kennengelernt [...]

Ida H., S. 128

[...] Ida trat zögernd ins Vorzimmer, Herbst stieß die Tür zu und ging durch die Küche voraus ins Zimmer zum Eßtisch [...]

Ida H., S. 130

[...] Herbst stand auf und ging zu einem der beiden Fenster; an der Wand rechts vom Fenster, über einem kleinen Tisch, auf dem die Telefonbücher lagen, war das Telefon, ein schwarzer Wandapparat, angebracht; rund um den Apparat waren in verschiedenen Schriften und Farben Adressen und Telefonnummern auf die Wand gekritzelt [...]

Ida H., S. 131

[...] Die Wolken hatten sich inzwischen verzogen, die Sonne brachte den Schnee wieder zum Schmelzen, von den Dächern und Mauervorsprüngen tropfte das Wasser [...]

Ida H., S. 132

[...] Herbst erkundigte sich, was sie in der Zwischenzeit gemacht habe; zu seiner Verblüffung behauptete sie, bei Loidl – Loidl wohnte etwa eine halbe Stunde entfernt – gewesen zu sein, „Ich war bei ihm und – es ist alles in bester Ordnung“, erzählte sie [...]

Ida H., S. 134

[...] Sonderbarerweise, erzählte Loidl später, habe sie ihn in seiner Wohnung nie aufgesucht, weder an jenem Nachmittag noch irgendwann später, auch nie angerufen, er habe sie in seiner Gegend im neunten Bezirk überhaupt nie gesehen [...]

Ida H., S. 135

[...] Auf ihren Vorschlag hin, in ihrer Wohnung etwas zu essen, sie habe noch was zu essen zuhause, seien sie mit dem 167er in den zehnten Bezirk gefahren, schwarz übrigens, bis zur Endstation, zur Per-Albin-Hansson-Siedlung, in eine Gegend, ziemlich weit draußen und „unheimlich öd“; Ungetüme von Neubauten zum Teil [...]

Ida H., S. 138

[...] Damals hatte eine Bekannte von ihr, ein fünfzehnjähriges Mädchen, seiner Mutter unter Druck gestanden, einige Male Haschisch geraucht zu haben, woraufhin die Eltern – der Vater war Polizeioffizier – ihre Tochter sofort in ein Erziehungsheim hatten bringen wollen; in seiner Wut und Verzweiflung hatte das Mädchen die Mutter angeschrien, ehe es dazu komme, werde es sich „lieber umbringen und Dich“ – die Alte – „dazu“ [...]

Ida H., S. 139

[...] Auf einer Bank saß eine grell geschminkte Person, eine ältere Frau in einem privaten, kostbar bestickten schwarzen Schlafrock, das Gesicht bemalt und gepudert wie eine Operettensängerin auf der Bühne; sie betrachtete Milena mit einem herausfordernden Grinsen und sagte in einem leicht singenden, „lasziven“ Tonfall, der M [...]

Ida H., S. 140

[...] Ob Ida ein solcher Urlaub schon bewilligt werden könne, müßten nun die behandelnden Ärzte entscheiden [...]

Ida H., S. 141

[...] s tatsächlicher Ahnungslosigkeit nicht so recht überzeugt zu sein [...]

Ida H., S. 142

[...] “ Etwa eine Stunde nach diesem Anruf, Herbst packte in der Küche gerade leere Bierund Weinflaschen in eine Tasche, um in die Markthalle einkaufen zu gehen, erschien Ida, gefolgt von einem jungen Menschen mit einem alten Gesicht und kurz geschnittenen Haaren [...]

Ida H., S. 143

[...] Der Mensch hatte sich inzwischen im Zimmer vor den Spiegel gestellt, hielt sein Gesicht ganz nahe an dessen Spiegelbild und fuhr sich mit den Fingern der rechten Hand über Backen und Kinn, wobei er die Lippen verzog wie einer, der die Feinheit seiner Rasur prüft [...]

Ida H., S. 144

[...] Papi aber wieder –“, konnte sie Kinderspiele spielen; manchmal las sie den Kindern Geschichten vor, manchmal erfanden sie zu dritt selbst welche, wie die Geschichte vom „Schnurzelputz“, die Geschichte vom bösen Herrn Major oder die Geschichte von Frau Heger und Frau Wiesinger [...]

Ida H., S. 146

[...] Zwar habe sie, erzählte Ida, sofort nach ihrem Abgang einen Brief an den zuständigen Primararzt geschrieben, worin sie, wie sich herausstellte, leider umsonst, ihn ersucht habe, ihre Sachen an ihre Adresse nachzusenden; es gehe ihr gut, sie wolle wieder arbeiten, wieder fotografieren, wieder von vorne anfangen [...]

Ida H., S. 147

[...] Wie aber sollte sie an die Dokumente herankommen? Vor jedem Kontakt mit der Anstalt und vor Ärzten überhaupt konnte Ida panische Angst entwickeln [...]

Ida H., S. 148

[...] Nein, mit Steinhof habe sie nichts, aber schon gar nichts mehr zu tun – keine Gifte mehr, keine Ärzte, keine Schwestern, keine weißen oder gestreiften Kittel mehr [...]

Ida H., S. 149

[...] Rückblende: Versuch, die eigene Krankengeschichte zu erzählen „– ich bin am 19 [...]

Ida H., S. 150

[...] Verwirrung brachte – hatte Herbst sich bald abgewöhnt; er benutzte nunmehr die gleichsam „natürlichen“, von ihr eingelegten Pausen, um Fragen zu stellen und sich mit ihr über das Erzählte zu unterhalten [...]

Ida H., S. 151

[...] mein vater war nach kriegsende bei den amerikanern koch, und dafür haben wir immer viel zu essen gehabt eigentlich relativ viel, er hat viel maisgrieß gebracht, roggen, milch in dosen, dosenkompotte, schokolade ham ma g’habt, das hat er alles gestohlen dort, und dann hat er gearbeitet auch auf einem flughafen, im büro, aber so genau hat er mir das nie erzählen wollen, weil er gewußt hat, daß ich vielleicht darüber schreib, oder so [...]

Ida H., S. 154

[...] und meine mutter, die war verzweifelt, die hat immer gesagt, hör auf, laß unser mädchen da in ruh, das sind kinder, wir wollen sie doch nicht ins unglück stürzen, und überhaupt, diese sexuellen sachen, das ist doch furchtbar, laß uns damit in ruh – aber geh, du bist doch ein trampel, hat er drauf g’sagt [...]

Ida H., S. 155

[...] Es werde schon wieder aufwärts gehen, „lassen sie nur den Kopf nicht hängen und sind sie herzlichst gegrüßt von ihrer Pflegschaftshelferin Mikulitsch Lotte [...]

Ida H., S. 156

[...] “ Aber – was meinte diese Frau Mikulitsch mit „Mündigung“? Meinte sie Entmündigung? Ging es um die ordnungsgemäße Entlassung? War es überhaupt die Rückkehr in die Gesellschaft? Milena konnte Ida nach und nach davon überzeugen, daß es vielleicht am günstigsten sei, diese Frau einmal überraschend und unangemeldet aufzusuchen, mit den Kindern, eine intakte Familie vorstellend, und zu hören, was sie anzubieten habe – möglicherweise könnte sie Idas Dokumente besorgen oder sich bei den Ärzten für sie verwenden [...]

Ida H., S. 157

[...] Eine kleine, dicke Frau mit einem fleischigen Gesicht steckte den Kopf aus einer Tür und kam watschelnd zum Eingang – eine Schürze umgebunden, die Füße in ausgetretenen Pantoffeln; unter der Schürze trug sie, wie zum Camping, einen dicken schwarzen Trainingsanzug, der M [...]

Ida H., S. 158

[...] “, und erzählte der verwunderten M [...]

Ida H., S. 159

[...] Irgendwann später, bei willigem Befolgen der Anordnungen, würden die Medikamente ja ohnehin wieder abgesetzt; sie, Ärzte und Pflegschaftshelfer, „wir kommen ja regelmä- ßig zusammen und beratschlagen, wer noch was braucht und wer nicht mehr“ [...]

Ida H., S. 160

[...] Mit den Medikamenten, der Betreuung und den Ärzten oben sei jener Herr sehr zufrieden, „ich bin so zufrieden“, betonte er immer, wenngleich sie ihn bei ihrem letzten Besuch oben in einem jämmerlichen Zustand vorgefunden habe – obwohl oben, sei er „ganz unten“ gewesen, „ganz unten, sag ich Ihnen [...]

Ida H., S. 161

[...] als offenbar ihr Vater sich meldete, doch mit der Angst zu tun und sagte mit belegter Stimme „Servus, ich möcht die Mutti sprechen“; der Alte hingegen schien sie sofort mit Fragen und Vorwürfen einzuschnüren, denn Ida setzte immer wieder zu Entgegnungen an und brachte nichts heraus; begonnene Sätze brachen nach einigen Wörtern ab, sie schüttelte den Kopf, gestikulierte hilflos mit der freien Hand und winkte Herbst heran, daß er die Ungeheuerlichkeiten, die aus dem Hörer auf Ida eindrangen, mit anhöre – wo sie sich denn herumtreibe schon wieder, in ihren sogenannten Künstlerkreisen, unter welchen Taugenichtsen oder gar Rauschgiftsüchtigen, sie solle nach Hause kommen und ein anständiges Leben führen, schon aus Rücksicht auf ihre Mutter, die Mutti halte das nicht mehr durch, sie sei schon wieder ganz krank, seit weißgottwievielen Jahren das nun schon so dahingehe, die Mutti sei wieder in der Nervenklinik gewesen, im Theresienschlößl, und das sei ihre, Idas Schuld, sie solle ihm sagen, wo sie sich befinde, bei wem, vielleicht sei sie überhaupt in der Mühl-Kommune im Burgenland, sie gehöre dringend in ärztliche Behandlung, und wer sie verstecke, mache sich strafbar, er sei doch immerhin ihr Vater, ihr Vormund, und werde wohl besser wissen als sie, was zu tun und was für sie gut sei, sie solle doch – Ida brach das einseitig geführte Gespräch ab; das leise Klingen der Telefongabel signalisierte ihre neuerliche Niederlage [...]

Ida H., S. 163

[...] Rückblende: Die Entdeckung über ihren „kleinen Bruder“ wußte Ida nicht viel zu erzählen, außer, daß er einmal mit einer Cousine „Doktor gespielt“ habe, während sie, Ida, ihrerseits versucht habe, einen Buben aus der Nachbarschaft zu verführen – er solle einmal anschauen lassen sein „Dingsda“ – jener Bub aber habe nicht so recht wollen [...]

Ida H., S. 164

[...] meine eitern haben zwar getobt, aber damals hab ich auch meinen mann schon gekannt und alt genug war ich eigentlich auch schon, und so hab ich die lehre kurz vorm ende abgebrochen und hab angefangen ganz reell als fotomodell und mannequin [...]

Ida H., S. 165

[...] nur einer – der hab ich schon was geborgt, das war eine freundin, ein liebes mädel, sehr nett, aus sehr guter familie, die is heute in amerika verheiratet, mit der hab ich sehr harmoniert, wir haben auch aufnahmen zu zweit gemacht, weil das is ja bekannt, daß für bestimmte aufnahmen die typen zusammen – also harmonieren müssen, nicht – ein dunkles mädchen und ein helles, und sie hat schwarze haare gehabt und ich blonde, und im typ haben wir gut harmoniert [...]

Ida H., S. 166

[...] tropez, dort kenn ich übrigens einen arzt, der schreibt mir heute noch, der hat mir sogar einen heiratsantrag gemacht, und [...]

Ida H., S. 168

[...] Er sei zwar auch ein Spinner, denn einmal, „das war das Beste“, habe er in der Nacht in einer Apotheke am Ring eingebrochen, indem er, zusammen mit einem zweiten, mit einem riesigen Schraubenschlüssel einfach die Glastüre einschlug; einer von Passanten herbeigeholten Funkstreifenbesatzung habe er, im Durchwühlen und Einpacken unterbrochen, erklärt, er habe sich lediglich ein Kopfwehpulver besorgen wollen gegen seinen irrsinnigen Kopfschmerz [...]

Ida H., S. 169

[...] glied einer Sekte; auf der Oberlippe hatte er einen schmalen schwarzen Schnurrbart stehen lassen, wie die übertriebene Darstellung eines ungarischen Husarenleutnants; ein schwarzer Schnurrbart in einem gelblichen, eingefallenen Gesicht, in dem die Backenknochen stark hervortraten und das von vielen kleinen Schweißtropfen ungesund glänzte [...]

Ida H., S. 170

[...] Wie ein Hund ging er hinter ihr her, folgsam, in zögerndem Abstand, wartete, ob sie sich hinsetzte, um sich dann auch niederzulassen, und erhob sich, wenn sie es tat, ein Schatten ihres jeweiligen Vorhabens [...]

Ida H., S. 172

[...] er hat ausgeschaut wie, so wie die künstler heute, mit einem bart, schon etwas längere haare, schwarz [...]

Ida H., S. 173

[...] sein vater ist musiker, der geige spielt und cello, kammerkonzert, also er hat mir gleich von seiner familie erzählt und hat mich gefragt nach meinen leuten, aber das hat ihn weniger interessiert, er hat wissen wollen, was ich mach und ob ich auch irgendwie künstlerisch tätig bin [...]

Ida H., S. 174

[...] und mein mann wieder hat gesagt, schaun sie, sie haben ihre tochter hinausgeschmissen, und sie ist zu mir gekommen ganz verz [...]

Ida H., S. 177

[...] war über diese so erzählte Geschichte, eine Kindsmordgeschichte, entsetzt gewesen und hatte behutsam Fragen gestellt, um herauszufinden, was sich abgespielt haben könnte, und wie; ob es vielleicht eine Totgeburt oder eine Frühgeburt –? Ida hatte nachgedacht; eine Frühgeburt, vielleicht, aber – nein, so früh könne das gar nicht gewesen sein, denn ihr Mann habe ihr eine Schere aufs Klo bringen müssen zum Durchtrennen der Nabelschnur, und der Kopf, das Kind habe sich nicht hinunterspülen lassen, weil der Abfluß für den Kopf zu klein gewesen sei, da haben sie den Fötus in Zeitungspapier eingewickelt und in einem Kolonialkübel im Hof geworfen [...]

Ida H., S. 179

[...] weil mein mann mich so früh immer wieder verlassen hat, war ich verzweifelt, ich wollt mehr von ihm haben viel mehr [...]

Ida H., S. 181

[...] Das allerschlimmste aber: sie sei entmündigt, tatsächlich entmündigt, die längste Zeit schon, sie habe es „schwarz auf weiß“ [...]

Ida H., S. 183

[...] VERFAHREN Das Gericht kann anordnen, daß die zu untersuchende Person für die Dauer von höchstens drei Monaten in eine Heilanstalt gebracht wird, wenn dies nach dem ärztlichen Gutachten zur Feststellung des Geisteszustands unerläßlich und ohne Nachteil für den Gesundheitszustand und die sonstigen Verhältnisse des zu Untersuchenden ausführbar ist [...]

Ida H., S. 185

[...] ) Ein Hörspielredakteur hatte Herbst vorgeschlagen, eine Rohfassung des Originaltonhörspiels, vornehmlich Idas Steinhof- Protokolle, in einem gemeindeeigenen Jugendclub vorzuführen und dazu auch Psychiater „von oben“, vom Steinhof einzuladen, für eine anschließende Diskussion [...]

Ida H., S. 186

[...] Mitte März, an einem verregneten Montag, traf Herbst Ida zufällig vor einem Eingang zum Landstraßer Bahnhof [...]

Ida H., S. 192

[...] und das weiß ich bis heute nicht, ob das spritzen waren in die äugen oder ob das nur eingetropft worden ist – ich war so fertig, ich war in einem saal mit dreißig oder vierzig leuten, bin im saal gelegen mit denen, alle vollkommen durchgedreht, alle im tiefschlaf, es war ein wahnsinn –“) (F L üS T E R S T I M M E N : „Aufsehenerregender Zwischenfall: –“, „Wahnsinnstat!“, „Nackt im Stephansdom!“ – „In einem Anfall geistiger Verwirrung und nur mit einem Bademantel bekleidet [...]

Ida H., S. 194

[...] wenn sie vor Aufregung kein Wort hervorbrächte? Wenn sie zu leise spräche oder gar, was sie am meisten fürchtete, zu zittern anfinge und zu schwitzen – benimmt sich so jemand, der seinen Anspruch auf Mündigkeit einklagt? Vielleicht ein Beruhigungsmittel vorher? Aber das sei auch wieder gefährlich und schließlich, wie würde sie sich verhalten, falls sie – der Rechtsanwalt hatte zwar versprochen, es zu verhindern – dort auf ihren Vater treffe, ihren Beistand und Hauptfeind in einer Person? – Ida versäumte keine Gelegenheit, hervorzuheben, wie sehr sie ihn hasse [...]

Ida H., S. 195

[...] Auch der Rechtsanwalt sei dieser Auffassung: im Falle einer Sendung im Rundfunk würde er keine für Ida ungünstigen Konsequenzen vermuten, im Rundfunk, zumal im Kulturprogramm, oder auch zwischen zwei Buchdeckeln könne man sagen oder schreiben, was man wolle, das höre und lese ohnehin niemand, zumindest niemand, den es angehe; aber in einem gemeindeeigenen Jugendclub über die gemeindeeigene Irrenanstalt „herzuziehen“, sei in dieser Situation für seine Mandantin zu gefährlich [...]

Ida H., S. 196

[...] Sie habe sich noch von einem weiteren Arzt untersuchen lassen, der auch kerne Schwangerschaft feststellen konnte [...]

Ida H., S. 197

[...] man kommt in ein zimmer mit grünen rolleaus, lauter grüne rolleaus, grüne rolleaus werden heruntergelassen, ein paravent ist dort ein ganz großer paravent wo leintücher gespannt sind, und im zimmer stehen schon die ärzte, drei ärzte stehen im zimmer und drei schwestern, auch die oberschwester ist dabei, die oberschwester [...]

Ida H., S. 198

[...] und wahnsinnig kopfschmerzen, kopfschmerzen die ärgsten was man sich vorstellen kann [...]

Ida H., S. 200

[...] Sofort darauf nahm er eine weitere Schnitte, dann eine dritte, vierte, fünfte, bis er die Brothälfte fast gänzlich verzehrt hatte [...]

Ida H., S. 202

[...] Der Stiegenaufgang, halbkreisförmig in den Innenhof gebaut, endete im letzten Stockwerk unter einer mit Ornamenten verzierten Kuppel; die Treppen waren breit, die Stufen niedrig, in jedem Halbstock waren Zimmerpalmen und andere Topfpflanzen aufgestellt [...]

Ida H., S. 204

[...] BEGRÜNDUNG: Aufgrund der eingehenden Exploration anläßlich der Gerichtskommission kamen die beiden gerichtsärztlichen Sachverständigen Primarius Dr [...]

Ida H., S. 205

[...] Einen Sprung aus dem ersten Stock der Landesnervenklinik stellt die Kurandin als ›Verzweiflungstat‹ hin [...]

Ida H., S. 206

[...] Anfang 73 stand die Kurandin in fachärztlicher ambulanter Behandlung bei Dr [...]

Ida H., S. 207

[...] überall auch dort nur kurzzeitig in einer Stellung! Wechselte dauernd den Arbeitsplatz [...]

Ida H., S. 209

[...] Bei diesem Geisteszustand ist das Gericht gemeinsam mit den beiden Sachverständigen der überzeugung, daß die Kurandin weiterhin zur gehörigen Besorgung ihrer Angelegenheiten eines Beistandes bedarf, wenngleich sie im Rahmen ihrer höchst persönlichen Bereiche, soweit sie nicht die Vermögensverwaltung betreffen, durchaus in der Lage ist, selbst ihre eigenen Agenden zu besorgen [...]

Ida H., S. 210

[...] Nur einmal habe sie sich vertan, nämlich den Spruch „mit dem Hute in der Hand kommt man durch das ganze Land“ habe sie so ausgelegt, daß ein Bettler eben viel herumkomme, was ihr die Herren aber schmunzelnd verziehen hätten [...]

Ida H., S. 211

[...] irgendwo in einem wald bin ich dann ausgestiegen, bei einer hütte, die hab ich mir eingerichtet ein wenig, kerzen hab ich bei mir gehabt, da hab ich mich einquartiert [...]

Ida H., S. 212

[...] dann bin ich wieder weiterzogen, ich hab immer gemalt und bin wieder weiterzogn, in hotels hab ich sehr viel geschlafen, ich hab auch leute kennengelernt, aber die haben mich nicht interessiert, ich wollt allein sein [...]

Ida H., S. 214

[...] und später ist ein rettungsauto gekommen, mit einem arzt auch, der hat mir eine spritze gegeben, hat gesagt, ganz ruhig, ’s wird alles wieder gut werden und in diesem rettungsauto habens mich nach wien gebracht, in die klinik zuerst zum hoff, dort habens mich wieder untersucht, rumtan mit mir, spritzen gegeben, und später bin ich überführt worden wieder nach steinhof [...]

Ida H., S. 215

[...] Schruns Tschagguns oder Das Zögern Ida, Ende Mai, Anfang juni: ein weiterhin wachsender, im Gegensatz zu ihrer sonstigen Hinfälligkeit wuchernder, sich bereits halbkugelartig wölbender Bauch, ein ausgezehrtes, schmales Gesicht, die Arme dünn, müde Bewegungen – jeder, der sie so sah, war überzeugt, eine schwangere Frau vor sich zu haben [...]

Ida H., S. 216

[...] abtreiben müssen, bestimmt sei das so schmerzhaft wie eine Geburt, über Geburten habe sie schon schreckliche Dinge gehört [...]

Ida H., S. 217

[...] Aber auch über Wiener Spitäler, die Abtreibungen Vornahmen, wurden schlimme Geschichten erzählt, Geschichten von unnötigen Grausamkeiten, Anfeindungen, Auskratzungen ohne Narkose; manchmal hatte es den Anschein, als sollten die Frauen für die Untat des Schwangerschaftsabbruchs bei dessen Ausführung bestraft werden [...]

Ida H., S. 218

[...] versuchte, sie zu besänftigen, indem sie ihr von schmerzund problemlosen Abtreibungen erzählte, die sie selbst schon hinter sich gebracht hatte [...]

Ida H., S. 219

[...] „Ein lieber junger Arzt! Ein guter Mensch! Er wird wissen, was für mich gut ist“ [...]

Ida H., S. 220

[...] s Mutter, von Idas Heftigkeit überrascht, schien nur Besänftigungsbruchstücke wie „aber Kind –“, „aber nein, Kinderl“ hervorzubringen, denn Ida schrie „Ich bin nicht ihr Kinderl“ und brach das Gespräch ab [...]

Ida H., S. 221

[...] Am Abend des darauffolgenden Tages erzählte K [...]

Ida H., S. 223

[...] tatsächlich läutet’s kurz darauf und die tür geht auf, und stehn doch glatt drei polizisten im Wohnzimmer und fangen an, auf mich einzureden: was ist mit ihnen, was machen sie da, warum betteln sie, wen wollten sie besuchen, kennen sie diese frau überhaupt, wovon leben sie, warum gehen sie dann betteln, kommen sie mit [...]

Ida H., S. 224

[...] es gibt ja bekanntlich diese geisteskrankenkartei, wo alles verzeichnet ist, und [...]

Ida H., S. 229

[...] “ Vorfeier einer Fernsehgemeinde am Vorabend des Nationalfeiertages; was sollen die Österreicher nur von sich denken? Unter der Rubrik „Kurz notiert“ wurde in derselben Ausgabe der BRUNNENZEITUNG folgendes gemeldet: „Nachdem er mit seiner Frau gestritten und den Fernsehapparat in den Hof geworfen hatte, wollte sich der 36jährige johann H [...]

Ida H., S. 230

[...] gasse: verschiedene Stimmen und Geräusche aus verschiedenen Wohnungen; die Geräusche strömten aus den Fenstern wie intensive Gerüche und hielten sich wie eine Dunstschicht über der Gasse – Klappern von Geschirr, plärrende Kinder und wütende Erwachsene, Egerländer Volksmusik aus einem Radio, das „Wunschkonzert“, das Kläffen eines kleinen Hundes, Männerund Frauenstimmen, in eine heftige Auseinandersetzung verstrickt, die Musik zu einem alten Heimatfilm aus irgendeinem Fernseher, zwischendurch ein unartikulierter, kurzer Schrei, hervorgestoßen in höchster Wut und Verzweiflung, gleichzeitig das Irgendwo-Auftreffen eines schweren Gegenstandes und das Splittern von Glas; laute Gespräche und Gelächter vorübergehender Gastarbeiter, spielende Kinder, das Klappern von Holzsandalen auf dem Asphalt; auf einem Harmonium versuchte ein Anfänger „Nun Brüder eine gute Nacht“ zu spielen, eine Männerstimme rief von unten, aus einer ebenerdigen Wohnung immer wieder „Geh in Oasch, in Oasch konnst gehn mit dem Schaß“ [...]

Ida H., S. 231

[...] Kurz nach dem Auftauchen des ersten Streifenwagens kam ein zweiter, ebenfalls mit ungeduldigen Signalen und Blaulicht, auch die Besatzung dieses Wagens verschwand eilig in der Toreinfahrt [...]

Ida H., S. 232

[...] des schon Jahrzehnte in diesem Haus lebenden Herrn Hauptmann oder zur danebenliegenden des erst kürzlich eingezogenen jungen Herrn Schneeberger gehören [...]

Ida H., S. 233

[...] wußte niemand, was vor sich ging, was die Leute aber nicht abhielt, mit ungebrochenem Interesse an den Fenstern auszuharren, fuhren zwei Polizeiautos wieder weg; zuvor hatte der Kommandant der einen Streife sich mit einem herzlichen Händedruck vom ihn offensichtlich zum Wagen begleitenden Herrn Hauptmann im weinroten Trainingsanzug verabschiedet [...]

Ida H., S. 234

[...] s Wohnung gedrungen; die Alte mußte ihn „bis aufs Blut sekkiert“ haben, da er sich manchmal nur mehr mit einem plötzlichen, verzweifelten Aufbrüllen, wie in höchster Not, zur Wehr setzen konnte [...]

Ida H., S. 236

[...] “ Beim Einbiegen in eine Nebenstraße streifte gestern, Montag, im Ortsgebiet von Steyr, Oberösterreich, der 54jährige Kontrollarbeiter Georg Streletzer mit seinem PKW einen neben ihm fahrenden Mopedfahrer; der Mopedlenker, der 35jährige Gregor Lassnig, kam zu Sturz und brach sich einen Mittelhandknochen [...]

Ida H., S. 237

[...] sei, wie immer, guter Dinge gewesen und habe von der gekauften Babywäsche erzählt [...]

Ida H., S. 239

[...] Widerwillig Platz nehmend, kurz beim Tisch sitzend, fragte Ida ein zweites Mal nach ihren Schlüsseln, ganz bestimmt müßten sie hier sein, was Herbst mit leichter Verärgerung wiederum verneinte [...]

Ida H., S. 240

[...] Rückblende: Der unheimliche Nachbar „eigentlich hab ich immer wahnsinnige angst g’habt vor diesem menschen da neben mir – – angefangen hat es es war im frühling, und im winter auch, in diesem jahr, da war ich, wie meistens, allein in der wohnung, hab gemalt und gezeichnet und geschlafen und nachgedacht, viel gearbeitet und gefastet auch, hab nur pflanzliche nahrung zu mir genommen, um den geist –, um den geist, ja, zu reinigen vom körper, eigentlich, hab mich in meiner wohnung verborgen, weil ich wollt mit niemand andern kontakt haben; gleichzeitig aber hab ich gewußt, daß ich wieder in so einer phase drinnen bin in so einer gefährlichen, wo etwas –, in der –, wo mir etwas passieren kann, und daß ich besonders aufpassen muß auf mich, weil ich hab immer, vom psychohygienischen institut hab ich immer so gelbe briefkuverts bekommen, ich werde aufgefordert, in das psychohygienische institut zu kommen, längenfeldgasse, zur psychiatrischen behandlung, das haben die mir immer geschrieben, und davor hab ich angst –, und dann bin ich beim schwarzfahren einmal erwischt worden, und deshalb hab ich vom gericht einen bescheid bekommen, daß ich zur gerichtsverhandlung erscheinen soll wegen einer entmündigung, obwohl ich die strafe bezahlt hab, haben die von der längenfeldgasse mich immer belästigt mit diesen kuverts, daß ich dort hinkommen soll, ich bin aber nicht hingegangen, und drum hab ich oft an steinhof denken müssen, daß einmal irgendwas passiert [...]

Ida H., S. 242

[...] steht auf einmal der nachbar in seiner tür mit seinem grinsen seinem tückischen, und sagt, er hat zufällig bemerkt, daß die tür weit offen steht und das is ihm merkwürdig vorgekommen, da hat er geschaut ob ich da bin und hat sich gesagt, ich werd’ die tür offen vergessen haben, und da hat er eben die Schlüssel am tisch im Vorzimmer liegen sehn und hat sie an sich genommen und die tür zugemacht, damit nicht jemand fremder vielleicht in die wohnung geht, man kann ja nie wissen, das sagt er und gibt mir die schlüssel zu meiner wohnung, meine eigenen wohnungsschlüssel [...]

Ida H., S. 243

[...] sind sehr streng erzogen, ich glaub, daß sie sehr anständig sind zu ihren frauen [...]

Ida H., S. 244

[...] daraufhin hab ich meine fußmatte weggeben, ins vorzimmer hineingezogen, das hat geheißen: es is krieg, denn wenn ich einmal meine fußmatte weggib, dann heißt das es ist krieg zwischen nachbarn und mir [...]

Ida H., S. 245

[...] – meine wohnungstür hab ich verriegelt mit allen schlossern die drauf waren, bin ins zimmer hinein, hab auch die tür zugemacht, hab mich aufs bett gelegt und hab versucht zu schlafen; da war aber plötzlich furchtbare angst, und ich hab versucht, schnell, sofort einzuschlafen und habs nicht können, und auf einmal hör ich, durch zwei türen hindurch, wie wahnsinniger lärm an der tür ist, vor meiner wohnungstür –“ Ida hielt kurz inne; ein Polizeiauto raste mit ungeduldigen Folgetonsignalen unter den Fenstern der Wohnung vorbei [...]

Ida H., S. 247

[...] sind hinunter mit mir, haben mich in diesen gefängniswagen hinein und sind zur Wachstube, irgendwohin, dort haben sie mich in so eine zelle geschubst, mir vorher alles abgenommen, handtasche und so, und dort hab ich müssen auf den amtsarz [...]

Ida H., S. 248

[...] die ganze zeit, wer ist ihr mann, sind sie verheiratet, haben sie freunde? ich bin seit längerer zeit allein, sag ich, ich hab niemand passenden gefunden der mit mir jetzt zusammen war, ich wollt auch allein sein, ich war zuhaus und hab gearbeitet, hab sehr viel geschlafen, ich könnt aber nicht schlafen, weil ich gewußt hab etwas stimmt nicht mit mir, mein nachbar hat mich immer – man könnte fast sagen telepatisch belästigt, ich hab gewußt er hat nichts anderes im köpf als mich, als immerzu zu erfahren was ich mach, ich bin ihm irgendwie mysteriös vorgekommen und ich wollt mit ihm eben ins reine kommen, ob er das verstehen kann? naja, sagt der amtsarzt, ich brauch mich mit ihnen da gar nicht viel unterhalten, sie sind auf jeden fall krank, sie kommen auf die psychiatrie, da ist nichts zu machen, wir haben nachgeschaut, sie warn ja schon öfter oben, da werden sie ja wissen daß ihnen was fehlt [...]

Ida H., S. 249

[...] Frost, Osttirol oder Vierzehn Tage im Oktober Montag [...]

Ida H., S. 250

[...] Als dieser Lärm, der einen wahnsinnig machen konnte, einsetzte, begann in einer Ecke des Zimmers auch noch das Meerschwein zu pfeifen und zu quietschen, schrill und andauernd, aus Angst oder auch antwortend auf die Schwingungen, von denen die Fenster zitterten; außen das Mahlen und Malmen des Müllautos, innen das Pfeifen des Tieres, dazwischen die zitternden Fensterscheiben: Ida, in höchstem Maße irritiert schon vom Straßenlärm, drehte sich ruckartig um, bemerkte mit Entsetzen – welcher Schrecken von einem Meerschwein ausgehen kann! – das Tier in seiner Schachtel in der Zimmerecke, sah wieder kurz zu H [...]

Ida H., S. 251

[...] Später ergriff sie auf einmal, ohne äußeren Anlaß, ihre Tasche, ging damit nach hinten ins Zimmer und weckte Milena, ja sie fiel mit ungeheurer Herzlichkeit über M [...]

Ida H., S. 252

[...] – Still ruht der See / vom Himmelsdome / die Sternlein / friedsam niedersehn / oh Menschenherz / gieb dich zufrieden / auch du, auch du willst schlafen gehn [...]

Ida H., S. 253

[...] Als sie verschlafen aus der Küche ins Vorzimmer trat, um aufs Klo zu gehn, fand sie zu ihrem Erschrecken Ida, angezogen vor der Klotür auf dem Boden sitzend und durch die offenstehende Wohnungstür auf den Gang hinausblickend; feinen Schweiß im weißen Gesicht, dessen Nase vor Magerkeit immer spitzer zu werden schien [...]

Ida H., S. 254

[...] Ida blieb unbeweglich sitzen, starrte auf die Wohnungstür, die Kinder gingen an ihr vorbei in die Schule, ohne daß sie es wahrnahm (so mußte es jedenfalls jemanden außerhalb, au- ßerhalb ihrer selbst, Vorkommen); sie kauerte im Vorzimmer und wartete auf Loidl [...]

Ida H., S. 255

[...] Die einzige Unterbrechung ihres, wie es von außen aussah: Dämmerzustandes, war ein wohl zehnmal am Tag sich wiederholender Gang in die Küche, zur Wasserleitung, wo sie sich mit kaltem Wasser die schmalen weißen Hände wusch, sie mit großer Sorgfalt reinigte – wovon? ZWEI BILDER: Unter den Kinderbüchern hatte Ida zwei bestimmte Bücher entdeckt und an sich genommen – einen zerfallenen Bildband über Osttirol und ein Taschenbuch mit Bildgeschichten von Winsor McCay, „Little Nemo in Slumberland“, ein Buch mit sechs Kinderträumen, die fast alle in prächtigen, in der Architektur des Fin de Siede erbauten bzw [...]

Ida H., S. 256

[...] “ (Eine Buchseite zuvor, zu Beginn des Traums, wird ein zigarrerauchender Clown aus dem Palast gewiesen: „Seitdem der Palast brannte, weil das Eis Feuer fing, ist es verboten zu rauchen!“) Wenn Ida nicht gerade an einem dieser beiden Bilder arbeitete, verwahrte sie die beiden Bücher wie auch die Tasse mit der aufgemalten Bootsfahrt und dem Gedicht in ihrer Arzttasche, die sie immer neben ihrem Bett stehen hatte und die sie argwöhnisch bewachte [...]

Ida H., S. 257

[...] Die „Demokratische Psychiatrie“ eine seit kurzer Zeit bestehende Organisation, die wichtige Kampagnen gegen die Steinhofmethoden, gegen die zentrale Geisteskrankenkartei und dergleichen führte, hatte in der Praxis ebenfalls noch keine Möglichkeit, in einem Fall wie diesem eine der Steinhofpsychiatrie entgegengesetzte Behandlung durchzuführen [...]

Ida H., S. 258

[...] wahrzunehmen, verloren in ihren Gedanken und Bildern einige Schritte vom Fenster weg und murmelte dabei etwas wie: „Aufhören mit dem Tü- renschlagen“ [...]

Ida H., S. 259

[...] und einige andere zum ersten Mal mit Hutten, dem Arzt, eigentlich der Arztfigur, in die Wohnung kamen und alle bis auf Ida, die im Nebenzimmer auf dem Bett lag, um den Tisch saßen, lief auf einmal Ida ins Zimmer zum Lichtschalter, drehte das Licht ab und schlug die Tür hinter sich zu [...]

Ida H., S. 260

[...] Als Hutten sich zum Gehen wandte, begleitete Ida ihn ins Vorzimmer und sagte leise zu ihm, sie müsse ihn noch kurz sprechen [...]

Ida H., S. 261

[...] untertags Ida die Medizin geben sollte, der Herr Doktor werde am Abend vorbeischaun und sich überzeugen, daß Ida auch wirklich alles genommen habe [...]

Ida H., S. 262

[...] “ Die folgenden Tage wiederholte sich dreimal täglich die immer gleiche Zeremonie: Ida trank, widerwillig und nie ohne hervorzustreichen, daß sie Medikamente überhaupt nicht nö- tig habe, das Vitaminpräparat, aß und trank, um das für sie Schlimmste zu verhindern, auch einige Kleinigkeiten (und kaute nachher Knoblauch), die Einnahme der wenigen Tropfen Haloperidol aber verweigerte sie mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln und Möglichkeiten [...]

Ida H., S. 264

[...] es in ihre Arzttasche zur Tasse mit der Hochgebirgsseebootsfahrt und zu den beiden Büchern, nahm die Tasche auf, sagte leise: „Ich laß mich doch nicht langsam umbringen“, riß im Vorzimmer ihren Regenmantel vom Haken und verließ, die Tür hinter sich zuschlagend, die Wohnung [...]

Ida H., S. 266

[...] später bin ich dann auf meinen pavilion überstellt worden, auf den, wo ich vorher schon öfter war, bin dem Stationsarzt überwiesen worden, der hat mich wieder untersucht, ich hab einen sehr niedrigen blutdruck, hat er gesagt und sie werden jetzt eine zeit bei uns bleiben, sie werden gute medikamente bekommen, auch von den schwestern hab ich manche noch gekannt vom vorigen mal, die sagen zu mir, ah, die is auch schon wieder bei uns, bist schon wieder do, sag ich, na, ich hoff, nicht lang [...]

Ida H., S. 267

[...] “ „– auch die patienten dort, ich war dort mit schwachsinnigen zusammen und alkoholikem und rauschgiftsüchtigen, mit alten leuten, einige hab ich schon gekannt von früher, und mit den alten frauen hab ich oft gesprochen, ich hab meinen aufenthalt dort so gestalten wollen, daß ich was lernen kann, denn ich wollt einmal als entwicklungshelferin nach brasilien gehn, aber die Ärzte, glaub ich, wollten das nicht so, und auch die Schwestern nicht, daß ich mich mit den patientinnen zu sehr beschäftige, sie wollten schon haben, daß ich sie wickeln tu und ihnen den scheißdreck vom arsch wisch, aber daß mich ihr fall zu sehr interessiert, das – neben mir is zum beispiel eine blinde gelegen – es sind ja sehr viele blinde drau- ßen –, zwei blinde, die sind schon mindestens dreißig jahre dort, und ich hab ein buch gelesen, das hab ich von einer therapeutin bekommen, ein buch von jacques lousserand, und der war, der ist auch mit sieben Jahren erblindet, da hab ich mir gedacht, der war blind, die frau neben mir sieht auch nichts, also warum soll ich mich mit ihr nicht unterhalten? und ich hab ihr erzählt von frankreich, wie das essen dort ist und so, denn die leute draußen haben überhaupt keinen gesprächsstoff außer – man kriegt nämlich manchmal einen himbeersaft, leute, die handgeld bekommen, dürfen sich im konsum dort – das is ja auch so eine frechheit, in dem konsum in der anstalt, die verlangen dort viel höhere preise als in normalen konsumgeschäften draußen, außerdem ist das gar kein konsum, sondern es steht konsum drauf, aber es sind leute dahintergekommen, daß es ein privates lebensmittelgeschäft ist und [...]

Ida H., S. 271

[...] man darf nur im saal herumspazieren, sonst is nichts zu machen, es gibt nichts zum handarbeiten, am gang war verboten das spazierengehn, rauchen war verboten, nur am klo hat man rauchen dürfen, also es hat schon noch eine toilette gegeben, aber auf die hat nicht ein jeder gehn dürfen, das war bestimmt von den schwestern, wer aufs zimmerklosett gehen muß und wer auf das am gang gehen darf, und dadurch, daß ich sehr viel gearbeitet hab am pavilion, hab ich dürfen am gang gehn, das war selbstverständlich! zum rauchen hab ich fast nie was g’habt, ich hab mir die tschik herausgesucht, die Stummel, niemand hat mir eine zigarette gegeben und geborgt hat mir auch niemand was, die sind dort alle sehr neidig mit den zigaretten, es gibt oft unglaubliche kämpfe um die zigaretten, man hat dort nichts anderes als rauchen – rauchen und vielleicht einen schwarzen kaffee daß man kriegt, und auf und ab gehen, die patienten haben oft nichts anderes zu tun als den ganzen tag im zimmer auf und ab und auf und ab zu gehen, die haben nichts mehr im schädel, weil dort verblödet man total, die warten nur, daß jemand kommt und sie herausläßt, aber es sind so viele, die dort auf und ab gehn und wo keine chance mehr besteht, daß die jemals wieder herauskommen [...]

Ida H., S. 273

[...] Rückblende: Musiktherapie, Bewegungstherapie, Bildnerische Therapie „ein paar patienten, also die aussichtsreichsten, die kommen irgendwann kurz bevor sie entlassen werden in die testwerkstätte, in die therapie [...]

Ida H., S. 277

[...] „– Herr Herbst?“ Vor der Wohnungstür warteten ein Mann und eine Frau; der Mann war vielleicht fünfundsechzig, groß, ein rüstiger, sportlicher älterer Herr; über einem glattrasierten, in seiner Glattheit etwas hinterhältig wirkenden Gesicht mit kleinen Augen und randlosen Brillen trug er eine Mütze, „ein Kapperl“ mit einem kurzen Schirm – so, wie er vor der Tür stand, hätte er gut in die Uniform eines „Schwarzen“, eines Kontrollors der Wiener Verkehrsbetriebe gepaßt [...]

Ida H., S. 278

[...] die und wegfahrn, das könnens wem andern erzähln [...]

Ida H., S. 280

[...] Gasse, im Hof, ein Fenster mit zugezogenen schwarzen Vorhängen eingeworfen: hinter den schwarzen Vorhängen verstecke sich die Mautner-Markhof-Bande, die sie um ihre Wohnung gebracht habe, habe sie der Hausmeisterin erklärt und sei davongelaufen [...]

, S. 284

[...] Am Kagalnik stellung Nach stundenlangen Untersuchungen und Befragungen, Sich-anstellenund Urinproben-hin-und-her-tragen-Müssen, nach Sehund Hörübungen und einer Ausleuchtung des Afters sogar mit einer kleinen Taschenlampe, nach einer einen Vormittag dauernden Prozedur war Kirsch, bis auf eine schwarze Clothhose unbekleidet und in nachlässiger, „schlechter“ Haltung, vor der Stellungskommission gestanden, Ergebnis und Ende der Musterung erwartend [...]

, S. 285

[...] Vorzugeben, widernatürlich veranlagt zu sein, hätte Kirsch nicht über sich gebracht, wurde er wegen seiner langen Haare ohnehin oft als „Fräulein“ verspottet, hallo Fräulein, einen Likör für das Fräulein dort drüben; die Leute konnten eben einen Dichter nicht von einem Warmen unterscheiden [...]

, S. 287

[...] noch nach München, zu Freunden (späteren Genossen und jakobinern); wenn die Armee auf ihn schon nicht verzichten mochte, dann sollte sie ihn zumindest als Bierleiche übernehmen [...]

, S. 289

[...] ) Alle Bemühungen jedoch waren vergebens – waren die meisten Haare unter der Mütze untergebracht, saß diese wiederum so auf dem Kopf, wie wenn Kirsch sich einen Scherz erlauben wollte [...]

, S. 290

[...] Nicht nur, daß Bekleidungsund Ausrüstungsgegenstände mit einer Pfleglichkeit und ehrfürchtigen Aufmerksamkeit gewartet werden mußten, als wären sie das Kostbarste auf der Welt, oder wenigstens nach dem Grundsatz: arm, aber reinlich, jeder Soldat mußte auch jederz [...]

, S. 291

[...] Bekleidungsund Ausrüstungskontrollen: Die Jungmänner hatten vom Hof in die Unterkünfte zu rennen, die gesamte Ausrüstung in die Felddecke zu packen (die mühselig hergestellte, mühsam aufrechterhaltene Spindordnung also von einem Augenblick auf den anderen zu zerstören) und mit dem Packen über der Schulter, wie auf einer überstürzten Flucht, wieder in den Hof sich zu verfügen, um dort in vier Reihen, jeder hinter seinem ausgebreiteten Bekleidungsund Ausrüstungshaufen, Aufstellung zu nehmen [...]

, S. 293

[...] Der Wachhabende dankte militärisch, überz [...]

, S. 294

[...] zu dem bin ich extra einmal hin, zu dem Affen, und sag: Servas, i kenn di, dei Vater war a Nazi, stimmt’s? ja, damals, sollte der Ferdi erzählen, seine Verweigerung, das sei eine Geschichte gewesen vielleicht [...]

, S. 295

[...] Auch, als dann die Waffen ausgefolgt wurden, als ihm befohlen worden sei, immer wieder, das Gewehr anzunehmen, das ist ein Befehl, habe er in strammer Haltung laut gemeldet: Herr Wachtmeister, oder: Herr Leutnant, jä- ger Stowasser verweigert den Befehl; auch später, in höheren Instanzen, bei Rapporten und in Büros (nach Ordnungshaft und Gesprächen und Arrest und überzeugungsversuchen, sind S’ ein sympathischer junger Mensch, intelligenter Bursch, Stowasser, machen S’ Ihnen nicht unglücklich), immer habe er salutiert und gemeldet: Herr Oberstleutnant, jä- ger Stowasser verweigert die Annahme jeglicher Schußwaffe, oder: Mein Gewissen verbietet mir, Waffen in die Hand zu nehmen, die geeignet sind, andere Menschen zu töten [...]

, S. 296

[...] Für diese Situation aber habe er bereits einen Plan vorbereitet gehabt, habe sich mit den Wachposten („richtige Proleten, feine Hawara“) abgesprochen, er habe zu dieser und dieser Uhrzeit etwas nicht Ungefährliches vor, sie müßten beizeiten eingreifen [...]

, S. 297

[...] – Ein Wahnsinn, wie gesagt, sollte der Stowasser Ferdi seine Erzählung beschließen, fast neun Monate sei er seiner Freiheit beraubt gewesen und habe nicht einmal schießen gelernt [...]

, S. 298

[...] – Verlegen lächelnd wurde der Volksschullehrer vom Kommandanten mit einem herzhaften Händedruck in seinem Ehrenamt bestätigt [...]

, S. 299

[...] Ankündigungsteil (laut und deutlich) „HABT“ Pause Ausführungsteil (kurz und prägnant) „ACHT“! Links (Pause) schaut (Rechts schaut), Einzelexerzieren [...]

, S. 300

[...] ) Schwarzbraun ist die Haselnuß [...]

, S. 302

[...] ) je mehr Flaschen Bier oder „Mischungen“ (Weißwein mit Almdudler) an den vollbesetzten Tischen getrunken wurden, desto lauter, im Grunde verzweifelter wurde das zivile, dann nur noch das ‚private‘ Leben beschworen, Bruchstücke dieser Sphäre auf den Tisch gelegt wie Schwänze, die einander an Größe ständig übertrafen [...]

, S. 303

[...] ein anderer stoße? Nie im Leben, oPD jg Unterlasser, in seinem Loch lade kein anderer ab, dem würde er die Wurzel ausreißen [...]

, S. 304

[...] ausgang Die wenigen Stunden Ausgang am frühen Abend drängte Kirsch erst mit den anderen in die verschiedenen Gasthäuser; später sonderte er sich immer mehr ab, saß auf einer Bank unter irgendeiner alten Stadtmauer, verkroch sich in Entwürfe immer kürzerer Gedichte, machte sich Notizen, aber außer Bruchstücken wollte ihm nichts einfallen [...]

, S. 305

[...] Donnernd hallte sein Kommando über den Exerzierplatz: – Blitz!, und schon lagen alle, wie von diesem getroffen, reglos im Sand [...]

, S. 307

[...] Eifrig beschmierten sich die Männer die Gesichter mit Erde und Lehm und bestückten das über den Helm gespannte Tarnnetz, deshalb heißt es ja: mit Grasbüscheln, Zweigen, Blättern: einer, ein Dillo, hatte gleich ein Fichtenbäumchen samt der Wurzel ausgerissen und kroch damit herum [...]

, S. 309

[...] Zwei Tage vor der feierlichen Angelobung der Jungmänner zog Kirsch sich beim Sport eine Fußverletzung zu, eine Prellung, und wurde vom Arzt ins Krankenrevier eingewiesen [...]

, S. 310

[...] Sosehr die meisten klagten und fluchten über die Mühseligkeit der Wartung, des Waffenreinigens, die Schwierigkeiten des Zerlegens und Wiederzusammensetzens, sosehr wurden sie durch die scheinbare Verfügung über die ungeladene Waffe mit jenen Widerwärtigkeiten ausgesöhnt: Wenn gerade kein Vorgesetzter zugegen war, legten oft welche die Waffe spielerisch an, probierten daran herum, legten den Hebel von Einzelauf Dauerfeuer, simulierten die dazugehörigen Geräusche und Rückstöße, schossen aus der Hüfte; lange Gespräche wurden geführt, diese und vergleichbare Waffen betreffend, erhaben wurden technische Details ausgespielt, auch solche der Wirkung, Fachgespräche, Fachleute, vom Fach [...]

, S. 311

[...] Irritiert, wie schmerzhaft ein Rückstoß, wie laut ein Schuß im eigenen Ohr sein konnte, feuerten viele wild in die Büsche und Wälder hinter und neben den Pappfiguren; ein stilles Vergnügen, zu beobachten, wie die Ausbildner nach jedem dieser grotesken Fehlschüsse vor Wut herumsprangen, die Hände vors Gesicht schlugen, am Schützen herumrüttelnd erneut seine Haltung korrigierten und drohten, ihm den Kopf abzureißen, wenn der nächste Schuß nicht Kirsch, der vorher noch nicht einmal ein Luftdruckgewehr in der Hand gehalten hatte, zielte sorgfältig und ohne Hast, er ziele „wie bei einem Exekutionskommando“, hörte er hinter sich sagen, und traf zu seiner eigenen überraschung nahezu mit jedem Schuß in den innersten Ring, exekutierte fast jedes Mal die Pappfigur [...]

, S. 312

[...] Keine Angst, das hat nichts mit Moralaposteln und Kirzlweibeln zu tun, setzte der Seelsorger fort, und nahm nach dem Wort „Kirzlweibel“ – Betschwester – unerwartet und plötzlich eine karikierende Haltung ein, wie ein neurasthenischer Krüppel; einige lachten, und der Herr Priesteroffizier freute sich [...]

, S. 313

[...] Gerüstet sein ist alles, sag ich immer, und gerade bei unserer geographischen Lage sollten wir uns das mehr zu Herzen nehmen [...]

, S. 316

[...] Ich sage immer: Mit der Ehe ist es wie mit einem Fallschirm, Sie sind zwar keine Fallschirmjäger, sondern Feldjäger, und hoffentlich keine Schürzenjäger (Gelächter, verstreutes Einzelfeuer), nun gut: Wenn man einen Fallschirm aus lauter Vorsicht so ausprobiert, daß man nur aus zehn Metern Höhe abspringt, dann hat er keine Zeit aufzugehen, und man bricht sich den Hals [...]

, S. 318

[...] Mayröcker, Erzählungen von Wieland Herzfelde und, als besondere Vergeltung für die Schmach von W [...]

, S. 319

[...] Sie hätten fortan, so wurde angeordnet, als Mitglieder des Kaderpersonals und wegen der Nähe des Kommandanten eine tadellos sitzende Uniform und immer glänzend geputzte schwarze Halbschuhe zu tragen [...]

, S. 320

[...] noleum belegt, vor den Fenstern Gardinen, eine Sitzgarnitur in einer Ecke und neben dem schweren, schwarzen Schreibtisch ein Blumentischchen in Nierenform, mit einem Gummibaum und anderen Topfpflanzen darauf, die zu gießen Aufgabe der jeweils rangniedersten Kanzlisten war [...]

, S. 321

[...] Krickel unterbrach unwirsch: Aber gehn S’, hörn S’ auf, und sagte dann wie einer, der die Auflösung eines Rätsels preisgibt, das zu lösen andere einfach zu blöd sind, eindringlich, fast genießerisch, aber auch mit einem wehleidigen Unterton: Die schwarze Katz’, Kirsch [...]

, S. 322

[...] (Neuere Werke, Beispiele seiner immer knapperen „modernen“ Lyrik – „Spannungsfelder erzeugen, die Worte aneinandertreiben!“ – unterschlug Kirsch, um nicht mit dem Hauptmann über Gedichtzyklen wie „Kammerlyrik“ oder „Grüngeruch“ sich unterhalten zu müssen [...]

, S. 323

[...] ! Die beiden anderen neu aufgenommenen Kompanieschreiber waren ein kaufmännischer Angestellter und regional bekannter Kurzstreckenläufer, der mit Kirsch die Volksschule besucht hatte, so trifft man sich wieder, und ein Büroangestellter namens Steingraber, aus einem Dorf in der Nähe von W [...]

, S. 324

[...] Vizeleutnant Kurzweil hingegen, eine Tür weiter, der dienstführende Unteroffizier und Vorgesetzte von Emmerich, redete nie von „Kas do“, sondern gleich von „Käse“ – „Alles Käse, gell!“ Kurzweil, „der Oskar“, ein alter Haudegen mit einem aus vielerlei Romanen bekannten Gesicht, nämlich einem von vielen roten und bläulichen Äderchen durchzogenen (das komme, hieß es, vom „Pippeln“, er tue gern pippeln, er pippele ganz ordentlich), Oskar Kurzweil sprach keinen hiesigen Dialekt, sondern eine in ihrem Ursprung schwer zu lokalisierende – donauschwäbische? – Umgangssprache, oft angelehnt an ein versuchtes Schriftdeutsch, Ausdruck auch des ranghöchsten Unteroffiziers, des obersten der Unteren, der dennoch vor jedem Untersten der Oberen, vor jedem jungen Akademikerschwengel Haltung anzunehmen hatte [...]

, S. 325

[...] (Nur einmal äußerte Kurzweil sich genauer und schimpfte Emmerich in seiner Abwesenheit ein Kipfel, – das ist dir ein Kipfel vielleicht, der Emmerich!) Der Emmerich, der Oskar! Für die gemeinen Kompanieschreiber empfahl es sich, bei der Erörterung der Unmöglichkeit abwesender Dritter immer vorsichtig beipflichtend zu grinsen, nie allzu eindeutig allerdings, kein Kichern oder gar Lachen, denn es hätte ja auch eine Falle sein können, und dann hätte man sich in Gegenwart eines Vorgesetzten über einen anderen Vorgesetzten lustig gemacht! – über Hauptmann Krickel wiederum waren alle sich einig – das sei vielleicht ein spinnerter Vogel, der Alte! Stille, aufhorchende Heiterkeit manchmal, wenn Krickel in seinem Büro telefonierte, daß es durch zwei geschlossene Türen noch zu hören war, wenn er abgehackte Sätze und Befehle ins Telefon schleuderte, plötzlich „Ende“ brüllte und den Hörer auf die Gabel warf [...]

, S. 327

[...] Auf der Waldlichtung, vor dem großen Stahlkreuz und der Gedenkstätte mit dem Schrein, und auf einer Festwiese sollten sie Zusammenkommen, insgesamt mehrere tausend, um Ansprachen zu halten, eine Feldmesse (ökumenisch) zu feiern, Militärmärsche zu hören, Salutschüsse abzufeuern, Ich hatt einen Kameraden; viele auch, um SS-Embleme und allerlei Faschingsorden herzuzeigen, Russenund judenwitze zu erzählen, Bier aus Pappbechern zu trinken und, im Damals schwelgend, bald in Tränen, bald in Grölen auszubrechen, Und was dem Staffelmann gebühret, drei, vier, fünfundzwanzig Flaschen Bier, ahoi; alles im Dienst von Frieden und Völkerverständigung, und für ein großes Europa, und um „den unzähligen Frauen und Müttern zu beweisen, daß wir der Männer und Söhne, die vom Nordkap bis nach Afrika, vom Kaukasus bis zum Atlantik in fremder Erde und in der Tiefe der Meere liegen, in Ehrfurcht gedenken [...]

, S. 328

[...] Den Boden für die Aufnahme sollte ein Bezirksobmann des Kameradschaftsbundes bereitet haben, ein gewisser –, ein alter Nazi, späterer Oberst des jetzigen Heeres und im Ruhestand nur noch Leserbriefschreiber gegen „entwurzelte Schreiberlinge“ [...]

, S. 329

[...] lächter höchsteigen, ein lautes, langgezogenes, stilisiertes Lachen, dem, in singendem Tonfall, der Ruf „Vizeleutnant Kurzweil“ folgte, wie wenn das in die Image gezogene Ausrufen von Rang und Namen bereits Vergnügen bereite und alles erkläre; darauf wieder das Gelächter, verzögert, in akustischer Zeitlupe [...]

, S. 330

[...] tagesablauf Die Kompanieschreiber überhörten zumeist den Weckruf um sechs Uhr und verblieben bis sieben in den Betten, es sei denn, irgendein Trottel wie’s keinen zweiten gibt auf der Welt riß die Tür auf und brüllte ins Zimmer, die Tagwache gelte selbstverständlich auch für die Herren Bürohengste! Auf das Frühstück, das in der Küchenbaracke am anderen Ende des Kasernengeländes hätte geholt werden müssen, wurde verzichtet; blöd werde man sein und um diesen Kaffeesudel auch noch kilometerweit laufen [...]

, S. 331

[...] – Unbeaufsichtigt im Hinterzimmer, rauchte er sehr viel und studierte Geäst und, nach Jahreszeit, Blätterwerk einer Birke vor dem Fenster, so nahe, daß man daran in den Hof hätte klettern können [...]

, S. 332

[...] den Geruch des eingeölten schwarzen Bretterbodens, hörte das Ticken der Uhr; Augenblicke des Behagens, die sich bald um einen zweiten Tee „mit“ verstärkten und verlängerten [...]

, S. 333

[...] Manchmal verließ Kirsch in Uniform die Kaserne, weil ihm ein Kleiderwechsel zeitraubend und umständlich erschien; und im Winter, wenn er zu Fuß gehen mußte, vertauschte er einfach die schwarzen Kanzleihalbschuhe mit zivilen braunen „Patschen“ aus Sämischleder, mit Zippverschluß, was den Adjustierungsvorschriften so widersprach, wie wenn er zur Uniform als Kopfbedeckung einen Hut aufsetzte [...]

, S. 334

[...] In einer neuen, plötzlich erfundenen und beibehaltenen Handschrift, die aus zusammengehängten Blockbuchstaben bestand, schrieb Kirsch Briefe an Freunde, um Wahnsinn bemühte, dunkle Texte, nie sicher andererseits, ob dies nun schon die wahre, geniale Verzweiflung eines großen Dichters, nahe am Schweigen, am Verstummen wäre [...]

, S. 335

[...] erzählen, ein thunwort [...]

, S. 336

[...] Für den Kommandanten: Kurzweil, Vizeleutnant [...]

, S. 338

[...] Der Nervenarzt A [...]

, S. 340

[...] Kernwaffen werden eigentlich nur erzeugt und gehortet, um nicht eingesetzt zu werden; eigentlich gibt es sie gar nicht [...]

, S. 341

[...] ein betriebsausflug Während der Fastenzeit, einige Wochen vor der Entlassung, wurde auf Vorschlag der Unteroffiziere vereinbart, einen Kegelabend zu veranstalten, ein Betriebsausflug des Kanzleipersonals, von Vizeleutnant Kurzweil herunter bis zu Kirsch [...]

, S. 342

[...] – Kirsch erhob sich, schwankte in den Waschraum, trank einen guten Liter Wasser, direkt aus der Leitung, wie von einem Brunnen, aus dem Hohlraum beider Hände; danach besah und befühlte er sich, ohne etwas Au- ßergewöhnliches zu entdecken: keine angeschwollenen, klebrigen Stellen am Hinterkopf, keine Schrammen im Gesicht, keinen stechenden Schmerz in den Kniekehlen, keine Explosionen im Gehirn bei jedem Versuch einer Bewegung; also goß er sich auch keinen Doppelstöckigen ein, briet sich keine Eier mit Schinken, kochte keinen Kaffee und spülte keine halbgekauten Bissen mit heißem Kaffee hinunter; noch duschte er heiß oder rasierte sich [...]

, S. 345

[...] ) Gegen Mitternacht, je näher das neue Jahrzehnt rückte, verstärkten sich die Detonationen der Feuerwerkskörper zu einem unaufhörlichen Donnern [...]

, S. 346

[...] Da kein Alkoholverbot bestand – oder es lediglich nicht eingehalten wurde –, nahm die Rast bald den Charakter eines gemütlichen Beisammenseins, einer Abschiedsfeierlichkeit an: Militärisches Liedgut wurde ausgepackt, Bergkameraden ja wir, Witze erzählt, Ausbildner und Ausgebildete vertrugen sich plötzlich, klopften einander auf die Schultern und taten, als hätten sie immer schon die größte Zuneigung füreinander empfunden; eine erhitzte, ungesunde Atmosphäre der Herzlichkeit, in deren Dunst alle Rangunterschiede scheinbar verschwammen, Bergkameraden ja wir, Bergkameraden allhier [...]

, S. 347

[...] war vor kurzem ein Abrüster von einem Gericht zu einer unbedingten Strafe verurteilt worden, weil er einem Leutnant auf die Schuhe gestiegen war und ihn ein Arschloch geheißen hatte; andrerseits war in W [...]

, S. 348

[...] Aus dem Rapportbuch aber waren alle Namen wieder ausgetragen worden, ein Rapport fand nicht statt; voller Schadenfreude hörte Kirsch, wie in der Kanzlei nebenan Vizeleutnant Kurzweil seine Unteroffizierskollegen mit ungewöhnlicher Schärfe abkanzelte, aber, bitte, Herr Vizeleutnant, wollte zaghaft einer etwas erklären, doch Kurzweil brüllte: Kein Aber! Abtreten! Belehrt über die Pflichten im Reservestand und die Wahrung des Dienstgeheimnisses, versehen mit der Wehrdiensterinnerungsmedaille, ohne Eignung zum Gefreiten, aber mit der Tendenz, seine jeweilige Umwelt fortan von vornherein als schwachsinnig einzuschätzen, wurde Kirsch in den Reservestand versetzt, also entlassen [...]

, S. 349

[...] Kurz aufhorchend, ob es im Waggon auch weiter still bliebe, knöpften sie die Hosen auf und schoben die Textilien so weit wie nötig hinunter [...]

, S. 351

[...] Der unbeteiligte, im Trunk und in seinem Groß- sprechertum befangene Kirsch hatte erst spät, als letzter, begriffen, was sich ihm eröffnete – nachdem der Maler plötzlich in der Nacht, in den umliegenden Wäldern verschwunden war und stundenlang verschollen blieb und der bestürzte Galerist Kirsch riet, nicht in ein Hornissennest zu stechen; in ein Wespennest – gut, aber in ein Hornissennest?) Stephanie und Kirsch, es waren zwei Kaufmannskinder, trieben es täglich, morgens, nachmittags und nachts, feierten stille Messen, Hochämter, Pontifikalämter; stille Messen in der Früh, größere Feierlichkeiten während der Nacht [...]

, S. 354

[...] (Wenn Stephanie unwillig unterbrach und sich erkundigte, was er –, worauf er denn eigentlich hinauswolle, ob es eine bestimmte Frau sei, mit der er zu ficken beabsichtige, antwortete Kirsch, es seien nur theoretische, grundsätzliche Erörterungen, er wolle ja nichts überstürzen, wenn sie selbst von den Vorzügen dieser neuen, zukünftigen Lebensweise, der Kommune, überzeugt sei, werde sich alles von selbst ergeben [...]

, S. 355

[...] Obwohl zwei Stockwerke hoch, war es sehr niedrig, mit einem flachen, mit Teerpappe überzogenen Dach, eine zweistöckige Baracke [...]

, S. 356

[...] Das Manuskript, erklärte der kleine Direktor-Stellvertreter (seine Aufgabe war es wohl, unangenehme Entscheidungen seines Vorgesetzten beschönigend zu vermitteln), sei zwar schon ganz, ganz ausgezeichnet, es verspreche etwas Außerordentliches zu werden, dennoch werde Kirsch einige Änderungen vorz [...]

, S. 357

[...] – Der Kunstmaler, der erythrophobe Sohn eines begüterten Landarztes in der Oberpfalz, verfügte am Ende des Ganges über eine größere, aus zusammengelegten Kleinwohnungen bestehende Wohnung mit zwei Eingängen; zwei Zimmer hinter dem einen Eingang hatte er inzwischen vermietet, an zwei Franzosen, eine Art Aftermiete, an eine Sprach Studentin und ihren Verlobten aus Paris [...]

, S. 358

[...] war kleiner als Kirsch, hatte ein blasses, schmales Gesicht und kurzgeschnittene, zu einer Art Scheitel gestrichene schwarze Haare, was ihr ein etwas knabenhaftes Aussehen verlieh [...]

, S. 359

[...] Am nächsten Abend saß man im halbdunklen, nur von Kerzen und einem Lämpchen auf einem Tisch erleuchteten Zimmer auf einer Matratze oder am Fußboden und rauchte [...]

, S. 360

[...] Man öffnete für kurze Zeit auch das andere Fenster, um die süßlichen Rauchschwaden abziehen zu lassen [...]

, S. 361

[...] Aber etwas störte ihn, er meinte seltsame Geräusche aus dem anderen Zimmer zu hören, und als er darauf achtete, waren es gestöhnte Laute hinter ihm, als schüttelte sich jemand – es mußte Leni sein – in Krämpfen, ob aus Schmerz oder aus Lust, war nicht herauszuhören; zwischendurch stieß sie halblaut und erregt auf französisch Sätze hervor, die Kirsch nicht verstand, während eine Männerstimme beruhigend auf sie einredete [...]

, S. 362

[...] Im Vorzimmer fand er eine merkwürdige Versammlung vor: Die Glühbirne an der Decke war eingeschaltet, ein trostlos helles Licht, der Verlobte lehnte am Fenster, und auf einem Sofa saßen der Kunstmaler, Leni und Stephanie; Leni hatte sich im Sitzen an Stephanie gekuschelt und ihren Kopf auf Stephanies Schoß gelegt, wie ein Kind, das beschützt und getröstet sein möchte, zugleich aber lachte sie und sagte voller Behagen: Oh, das tut gut, tut das gut [...]

, S. 365

[...] Leni beugte seinen Kopf noch weiter zu sich, schon waren ihre Lippen auf seinen, ihre Zunge (wie flink, ein Vogelzunge?) in seinem Mund, den er ihr widerwillig überließ, da verspürte er auf der Haut des linken Unterschenkels, auf dem schmalen Streifen zwischen Socken und dem durch die Bewegung hochgerutschten Hosenbein, einen brennenden Schmerz, daß er hochfuhr: Stephanie hatte eine Zigarette über seinem Knöchel abgetötet und sah ihn haßerfüllt an; dennoch war Kirsch ihr insgeheim für diese Unterbrechung dankbar [...]

, S. 366

[...] – Der Bärtige saß, einen Bleistift in der Hand, am Tisch beim Fenster und blätterte beim Licht einer kleinen Schreibtischlampe in Manuskripten; er sah kurz auf, vertiefte sich aber sofort wieder in seine Schriften – er mußte solche Geschehnisse gewöhnt sein [...]

, S. 367

[...] Leni schmiegte sich sofort an Kirsch, mit einem Griff stellte sie fest, was passiert war, sie sah Kirsch kurz erstaunt, ja mitleidig an, sagte aber nichts; „Wie ein Kind, das sich naß gemacht hat“, wird sie jetzt denken, fuhr es K [...]

, S. 368

[...] Kennwort Copacabana! Michael, vielen Dank für den schö- nen, aber leider viel zu kurzen Abend in der Copacabana [...]

, S. 369

[...] Geh doch dorthin, wo’s anders ist, geh und laß mich! Geh doch ins Künstlerhaus! Geh zu deinem Pfeffer im Arsch! Geh doch – ein kleines hotel, am meer Stephanie stand am Balkon, den Oberkörper auf das Geländer gestützt, und sah auf das Wasser hinaus; Kirsch hatte sich im Zimmer auf dem mit einer goldbraunen Seidendecke überzogenen Messingbett ausgestreckt und las in einem Taschenbuch [...]

, S. 370

[...] Als Stephanie wieder ins Zimmer trat, machte Kirsch sie auf einen Satz aufmerksam, den er gerade entdeckt habe, – ein ungeheurer Satz; Kirsch las vor: „Die Theorie einer erzieherischen, vorübergehenden Diktatur schließt die paradoxe Vorstellung ein, daß der Mensch ›gezwungen werden muß, frei zu sein‹ [...]

, S. 371

[...] Ich weiß schon, ich kann es schon: Libido ist ebenso labil wie klebrig, rief Stephanie wütend, während sie die letzten Wä- schestücke in ihrem runden schwarzen Koffer, einem Hutkoffer, verstaute [...]

, S. 372

[...] stand ein alter Mann mit einem langen Bart, langen Haaren, eine grüne Schürze wie ein Lohndiener umgebunden, ein Gießkännchen in der Hand; seinerseits überrascht, jemanden vorzufinden, entschuldigte er sich auf englisch: Excuse me, Sir, I didn’t think that there is somebody in [...]

, S. 373

[...] ) Du kennst die Liebe nicht, sagte der Arzt, versonnen ins Kaminfeuer blickend und mit einem Schürhaken die Glut aufrührend [...]

, S. 375

[...] (Aber was tun? Wenn er seiner Eifersucht, dieser neuen Erfahrung, zu der bis jetzt lediglich kein Anlaß bestanden hatte, zu sehr nachgab, würde er für die Zukunft alles verderben; auch in der größten Bestürzung stellte er noch Berechnungen an, den Einbruch sah er auch als späteres Guthaben, sollte er einmal – wann endlich? – in eine solche Situation geraten [...]

, S. 376

[...] sodomie, sadismus, polymorph pervers (feminin – maskulin) Haha! Haha: „Schmerzhafte Bekanntschaft mit scharfen Hundezähnen machte Montag abend ein unbekannter Exhibitionist in einem Park im 13 [...]

, S. 377

[...] Während sich der unsanft behandelte Attentäter noch vor Schmerz krümmte, stürzte sich schon der wackere Blacky auf ihn und verbiß sich im Oberschenkel des verdatterten Mannes [...]

, S. 381

[...] Aber was nun? Die Finger zu Hilfe nehmen? Warten? Um Verzeihung bitten, ich bitte vielmals um Entschuldigung? Oder was?) Ratlos gegenüber der eigenen Geschichte [...]

, S. 382

[...] (Früh am Sonntag, fuhr es ihm durch den Kopf, noch nicht aufgestanden, und schon so etwas! Und Stephanies unverhohlenes Interesse! Wie sie dasaß und rauchte!) Die Stimme begann, das Märchen vorzutragen, und Kirsch hoffte inständig, es werde ein kurzes Märchen sein; er hörte unwillig (aber ohne es zu zeigen, falls Stephanie doch nicht wußte, daß der Club sonntags nicht geöffnet war), mit halber Aufmerksamkeit zu [...]

, S. 386

[...] Was macht sie jetzt, wie mag es dort aussehen, findet sie sich zurecht? (Aber: Wenn es ihr gutgeht, geht es ihr mit dem anderen gut (sie hatten einander gelegentlich geschrieben), aber: Soll es ihr darum schlecht gehen?) Hartnäckig wiederkehrend die unscharfe Einstellung eines kleinen Zimmers, eines Studierund Untermietzimmers mit einem schmalen Bett, warum gerade eines kleinen Studierzimmers?, und im Zimmer Stephanie und der andere, sie wird sich ausziehen, dachte Kirsch, ohne große Umstände etwa der Verführung, ohne alle Inszenierungen, wie sie sich eben auszieht, und sich ins Bett legen, oder aufs Bett oder überhaupt nicht sich hinlegen, sich hinsetzen vielleicht, oder zunächst im Stehen?, oder sie läßt sich schlecken, eine fremde Zunge, auch die Zunge eines anderen, stellte Kirsch überlegend fest, ist weiter nicht bedrohlich, im krassen Unterschied zum Schwanz, zu den Prügeln der anderen, ein Schwanz, außer dem eigenen, ist immer bedrohlich (sowie er eindringt, nicht umsonst heißt es ja auch, in anderen und doch ähnlichen Bereichen: Eindringling); und selbst der eigene Schwanz macht einem nicht nur Freude [...]

, S. 387

[...] Kirsch sah manchmal in jenes kleine, warum kleine?, Studierzimmer in Paris, aber jetzt störte ihn dieser Ausblick nicht mehr, im Gegenteil [...]

, S. 388

[...] Kirsch erzählte die Geschichte vom Dicken, vom Doppelagenten, der sich in der Wohngemeinschaft einnisten wollte: Wie er und Stephanie von einer Reise zurückkamen und ein ihnen unbekannter fetter Mensch in einem Anzug die Tür öffnete, daß sie erschraken und dachten, es wäre gerade Hausdurchsuchung, einer von der Polizei, und der Dicke aber gönnerhaft sagte: Aha, der Genosse und die Genossin, von der Reise zurück [...]

, S. 389

[...] Kirsch packte seine Rauchwaren aus und mischte einen würzigen Einblatt [...]

, S. 390

[...] Gleichzeitig aber saß er immer noch bestürzt neben ihr am Bett und wiederholte hilfund sinnlos: Warum, warum [...]

, S. 391

[...] Eigentlich, erzählte die Kindergärtnerin, habe sie vorgehabt, mit ihm zu schlafen, schon allein, um sich an ihrem fremdgegangenen Freund zu rächen [...]

, S. 392

[...] Aber ich soll mich herrichten wie ein Fotomodell, dieses und jenes, das nicht und das nicht; ich soll konkurrieren, damit der Herr etwas vorzeigen kann! Wenn du auf Farben so aus bist, dann schmink dein eigenes Gesicht [...]

, S. 393

[...] Liebes Herzele, liebe Pipsi! Viele liebe Bussi vom Fredi-Papa, – Fredi Krummenegger [...]

, S. 397

[...] Enttäuscht über die Unbrauchbarkeit dieser Schrift erzählte er Stephanie von seinem Irrtum [...]

, S. 398

[...] Seit dem Aufstehen hatte er Kopfschmerz [...]

, S. 399

[...] sitzen sollen, Angelegenheiten, die hauptsächlich Stephanie angingen; Kirsch mußte sie sich stellvertretend anhören (die Kopfschmerzen und dieser laute, polternde, geschäftige, über seine eigenen Witze lachende Mensch!), und er begann sich zu fragen: Wie komme ich dazu? Im Club, Stephanie winkte von weitem und fröhlich (wie unpassend!, fand Kirsch) mit den bereits gekauften Kinokarten, war Stephanies Freundin nicht mehr zugegen, aber Bekannte von früher, die erwartungsvoll – die Rolling Stones! – dem Film entgegensahen [...]

, S. 400

[...] Stephanies neue Freundin hatte vor kurzem ihren Freund, mit dem sie einige Jahre zusammengelebt hatte, verlassen; nicht eines anderen wegen, sondern überhaupt, abrupt, radikal [...]

, S. 402

[...] In hilfloser Wut warf er die Kaffeekanne aus Porzellan gegen die Wand [...]

, S. 403

[...] Kurz bevor die Freunde erschienen, setzte Kirsch sich in eine Gastwirtschaft ab [...]

, S. 405

[...] – Kurz darauf, zufällig, wie aus Dramaturgie, nach Jahren, rief E [...]

, S. 406

[...] Den Polizisten erzählte er immer unwahrscheinlichere Geschichten von zwei Unbekannten, die ihn überfallen und beraubt hätten, bis er schließlich alles zugab [...]

, S. 408

[...] ) Er ging in die Küche um ein Glas Wasser und nahm eine schmerzstillende Tablette [...]

, S. 410

[...] In der „Wunderbar“, im Lokal für Besondere (Kirsch betrat es nur mit Widerwillen), natürlich keine Frau, und erst recht keine, die aus irgendeiner Ecke gerufen hätte: Kirsch!, aber wer saß an der Theke, ganz aus Marzipan? Der Operettensänger André Heller [...]

Konkurrenz, S. 415

[...] Bevor sie sich, nach kurzem Zö- gern, entschloß, über die Straße zum von der Haltestelle etwas entfernten Brücken-Wirtshaus zu gehen, war ich rasch hinter dem Wartehäuschen hervor und neben sie getreten, mit der einen Hand den Schirm so haltend, daß wir beide dahinter verschwanden, mit der anderen ihren Unterarm fest umschließend [...]

Konkurrenz, S. 416

[...] (Old Shatterhand! Seit meiner Kinderz [...]

Konkurrenz, S. 417

[...] Mit offenen Augen lag ich da, immer noch vom Traum benommen und nur langsam mich beruhigend; das Herz arbeitete mühsam, ich atmete schwer und doch erleichtert [...]

Konkurrenz, S. 419

[...] März dieses Jahres statt [...]

Konkurrenz, S. 420

[...] In der Küche hat er elektrische Installationen, namentlich eine Steckdose, derart demoliert, daß ich jederzeit in den [...]

Konkurrenz, S. 424

[...] Sie aber lief mit ihrer geringfügigen Beschädigung wie mit einer Trophäe aus dem Haus und zum Arzt und zur Exekutive [...]

Konkurrenz, S. 427

[...] Gemäßigte körperliche Arbeit wurde mir außerdem vom Professor empfohlen, zur Bekämpfung meines Herzleidens und zur Infarktprophylaxe [...]

Konkurrenz, S. 429

[...] Diese Konkurrenz, wie sie einen zugrunde richtet! Wie sie einem zusetzen, die feindlichen Agenturen mit ihren oft tollkühnen, immer neuere Maßstäbe setzenden Werbetechniken und Ideen, mit ihren rücksichtslosen Geschäftspraktiken! Zwar wird der Minister (ist er mein Freund? Manchmal zweifle ich) schon recht haben mit seiner Empfehlung, ich solle mich weiterbilden und Kreativitätsseminare belegen, sowie mich erster Kommunikationsfachleute und Kreativtechniker versichern – doch wie, frage ich ratlos, beim derzeitigen Stand des Prozesses, bei allen vermögensrechtlichen Behinderungen, in die ich mich törichterweise begeben hatte? Manchen Werbefeldzügen der Konkurrenz kann ich allerdings meine Bewunderung nicht versagen [...]

Konkurrenz, S. 430

[...] Agentur? ja, einst war der Betrieb die erste Adresse am Platze, ich übergebe dir das erste Haus am Platze, so das Vermächtnis meines Onkels, mache es zum ersten im Lande! Aber wie denn, mit einer Frau Stürzinger, einem Fräulein Elli, einem Herrn Müller? Gewiß, es sind willige und ergebene Mitarbeiter, aber doch aus meines Onkels Zeiten [...]

Konkurrenz, S. 431

[...] lösen: Einige Takte Musik, verschiedene kurze Zitate der auf der Platte versammelten Musikstücke, dann eine samtene Sprecherstimme darübergelegt, AT O M I C bringt Ihnen die schönsten – beispielsweise – Pfadfinderoder Bergsteigerlieder, mit – (es folgten einige Interpreten), die schönsten Bergsteigeroder Pfadfinderlieder oder – zum Beispiel – „Sinfonie d’amour“ von: ATOMIC [...]

Konkurrenz, S. 432

[...] Eine andere Forderung kam vom Zahnarzt: sechzehntausend [...]

Konkurrenz, S. 433

[...] Sodann stürzte sie ins Zimmer und drosch mit einer Holzleiste auf mich ein, daß mein Körper, wie aus dem beigelegten ärztlichen Gutachten hervorgeht, von zahllosen Blutergüssen und Kratzspuren übersät war [...]

Konkurrenz, S. 434

[...] Wie die beigeschlossenen Gutachten beweisen, habe ich, verursacht durch die Aufregungen des Geschäftslebens und in letzter Zeit wohl auch durch die Machenschaften meiner Frau, trotz soliden Lebenswandels bereits zwei Herzinfarkte zu überstehen gehabt [...]

Konkurrenz, S. 435

[...] um einen üblen Scherz handelt [...]

Konkurrenz, S. 439

[...] – Oder das heute wieder so beliebte Kürzesthörspiel, das Kabarett mit Werbeaussage, das heitere Ratespiel – „Versuche dein Glück“, „Die große Chance“ – mein Onkel und ich haben alles erfunden! Und wer erinnert sich nicht an das unnachahmliche „Gewonnen gewonnen gewonnen!“ des großen Max Böhm? * Sie ist und bleibt ein Luder [...]

Konkurrenz, S. 440

[...] Da ich immer wieder starke Schmerzen im Oberschenkel verspürte, wies mich mein Arzt spontan ins Krankenhaus ein [...]

Konkurrenz, S. 442

[...] Wenn der Widerkläger ärztliche Bescheinigungen vorweisen kann, so wird er sich die attestierten Verletzungen auswärts zugezogen haben; er brüstete sich mir gegenüber oft mit seinen Damenbekanntschaften, welche mit seinen Leistungen sehr zufrieden seien [...]

Konkurrenz, S. 443

[...] Um vor seiner Raserei sicher zu sein, rief ich von einer Telefonzelle aus eine Funkstreife, die auch, dem Ernst der Situation angemessen, mit Blaulicht und Folgetonhorn erschien und den Widerkläger zum Kommissariat eskortierte; zwar versuchte er noch, einen Herzanfall anzudeuten, aber der Sachverhalt war eindeutig genug [...]

Konkurrenz, S. 444

[...] Der Widerkläger schien nur darauf gewartet zu haben und stürzte rot vor Wut in die Küche, sodaß ich, auf alles gefaßt, mich tatsächlich zum Fenster zurückzog [...]

Konkurrenz, S. 445

[...] Wort Zadrazil ausgesprochen, stürzte der Widerkläger auf mich zu, verpaßte mir einen Kinnhaken und ließ Faustschläge auf meinen Kopf niederprasseln [...]

Konkurrenz, S. 446

[...] überall, jederzeit [...]

Konkurrenz, S. 448

[...] Die Brause, eine Kulturzeitschrift [...]

Konkurrenz, S. 449

[...] Was er so notiert, schreibt er übrigens auf Abfallpapier aus einer Drukkerei, auf leere Rückseiten von Bestellscheinen für Küchenschürzen, Werbegeschenke der Firma Zepter-Öl, im Fernsehen von einem beliebten Alleinunterhalter präsentiert [...]

Konkurrenz, S. 450

[...] Ich selbst hätte alles darangesetzt, Lou van Burg für die Rolle des Schürzenträgers zu gewinnen, aber wer kennt heute noch den grüßen Lou van Burg? * Das Blühen der Magnolien, dachte ich, wie gleichgültig es mir ist, dieses rücksichtslose, zum betrachtenden Innehalten herausfordernde Blühen, wie wenn ich keine anderen Sorgen hätte [...]

Konkurrenz, S. 451

[...] die Tochter dem Vater in den Tod folgte? Auch diese Möglichkeit muß schließlich in Betracht gezogen werden, warum und wozu sonst die Gütergemeinschaft auf den überlebensfall? Nur gerecht wäre es, ich wäre ein verdienter neuer Herr von Zell und hätte doch nur erhalten, worum ich betrogen wurde! Und, unter uns, sagte ich mir, oft und oft war mir der verzweifelte Gedanke gekommen, ihr etwas anzutun, geschworen hatte ich mir, dieses Weibsstück noch einmal zu erwürgen, ich erwürge sie noch einmal, hatte ich mir gesagt, ich erschlage sie mit einem nassen Fetzen! Die Gurgel schneide ich ihr noch einmal durch, ich schieße sie über den Haufen wie einen amerikanischen Präsidenten, hatte ich gedacht, ich ersteche sie noch einmal, ich breche ihr das Genick, ich ertränke sie wie eine Katze [...]

Konkurrenz, S. 452

[...] – Auch bei einem anderen Anlaß hatte ich mich blind und taub gestellt – Zinnöder war mit seinem Lastwagen im auf drei Seiten von Mauern eingesäumten Hof des Anwesens auf seine Frau losgefahren, mehrmals hatte er das Fahrzeug zurückgesetzt und es dann immer aufs neue gegen die an die Mauer zurückgewichene Frau gelenkt, Millimeterarbeit, hatte er sich gebrüstet, denn der Frächter Zinnöder: ein so tüchtiger Arbeiter er ist, ein so großer Frauenhasser ist er – die Frau brauche nichts mehr als einen ordentlichen Knüttel zwischen die Beine und ein paar ins Maul [...]

Konkurrenz, S. 453

[...] Nein, an die Konkurrenz, an eine dieser Niederlassungen amerikanischer Groß- agenturen wurde der Auftrag vergeben – für eine schlüpfrige, nur auf begehrliche Männerblicke hinarbeitende Filmund Plakatserie „aus dem Tagebuch einer Kammerzofe“, mit der Begründung, das Frivole, Schlüpfrige sei durchaus angemessen, wenn für Schlüpfer geworben werde [...]

Konkurrenz, S. 454

[...] “ oder „Da nehm’ ich eine kleine Hustinette“ – aus früheren Feldzügen für Spitz und Merck; solche Szenen werden jetzt möglichst lächerlich nachgestellt, anschließend werden Straßeninterviews simuliert, wie diese Werbung gefalle, und die Auskunft ist natürlich immer: Gefällt nicht, mittelmä- ßig, schwach, nicht entsprechend einem so außerordentlichen Produkt; zuletzt der Slogan: Procter & Gamble – BESSER ALS jEDE WERBUNG! Aber ich habe meine Lektion inzwischen gelernt; ich kann nicht mehr mithalten mit meiner Konzeptund Betriebsstruktur, mit Stürzinger, Müller und dem Texter Mirriflor [...]

Konkurrenz, S. 455

[...] An ihrem ramponierten Gesicht, der überstürzten Abreise nach Zell und am aufgeregten, betretenen Getuschel mit der eilig ins Haus gerufenen Unzeitig erkannte ich, daß es geschehen war: Der Gutsherr von Zell hatte das Zeitliche gesegnet, einige Monate früher sogar als prognostiziert – an seinen Metastasen verendet, mein Schwiegervater, von dem ich seit langem sage: dieser Mann hat keine Geschwüre, dieser Mann ist ein Geschwür [...]

Konkurrenz, S. 457

[...] zusehen, aber ich muß das Gleichgewicht halten zur anderen Seite, am besten ist natürlich immer ein kleiner Vorsprung auf den Feind, um aus einer Position der Stärke heraus vorzugehen, falls Sie mir folgen können [...]

Konkurrenz, S. 458

[...] Beweisbeschluß: Beweise werden zugelassen über die Behauptungen der Klägerin und Widerbeklagten, daß der Beklagte und Widerkläger sie wiederholt mißhandelt und unflätig beschimpft habe, ihr am Oberschenkel einen Bluterguß zugefügt habe, unter dessen Folgen sie heute noch leide, daß er sie mit bloßen Händen und mit einem Küchenmesser bedroht habe, ihr vorwerfe, sie habe in die Gütergemeinschaft nichts eingebracht, monatelang nicht mit ihr spreche, die Wochenenden stets auswärts verbringe und es bereits auf eine neue Millionärin abgesehen habe; daß der Beklagte und Widerkläger in der Küche elektrische Installationen so beschädigt habe, daß sie, Klägerin und Widerbeklagte, jederz [...]

Konkurrenz, S. 459

[...] daß sie heimlich seine Anzüge, einen Fotoapparat, einen Gebetsteppich, zwei kostbare Vasen und andere ihm gehörige Gegenstände ins Leihhaus getragen habe und eine diamantbesetzte Krawattennadel verschwunden sei; daß sie den Haushalt vernachlässige, nicht mehr koche, das Haus verwahrlosen lasse und nach Belieben verreise; über die Behauptungen der Klägerin und Widerbeklagten, daß die angeblich verpfändeten Gegenstände entweder nie vorhanden gewesen, noch im Haushalt oder Alleineigentum der Klägerin und Widerbeklagten seien, daß der Beklagte und Widerkläger Gegenstände aus Wut zertrümmert habe, darunter einen ihr, der Klägerin, gehörigen Keramikkrug mit Zinndeckel; daß er auch das Telefon habe demontieren lassen, damit sie sich nicht mehr telefonisch über den Zustand ihres schwerkranken Vaters in Zell hätte informieren können, daß der Beklagte ihren Vater in Gegenwart des Doktor Leibnitz auf das niederträchtigste herabgesetzt habe, weil er, Beklagter, das Herrenhaus in Zell nicht überschrieben erhalten habe; daß er den Klavierlehrer Leibnitz grundlos aus dem Haus geworfen und den im Alleineigentum der Klägerin stehenden Flügel heimtückisch beschädigt und unbrauchbar gemacht habe, durch Aufreißen der Fenster und Anbringen einer undefinierbaren klebrigen Flüssigkeit auf der Tastatur; über die Behauptungen des Beklagten und Widerklägers, daß die Widerbeklagte streitsüchtig, verlogen und in gewisser Weise hysterisch sei, daß er dem Leibnitz das Haus verboten habe, weil dieser den Doktortitel zu Unrecht geführt habe und aus dem Justizdienst entfernt worden sei; daß die Widerbeklagte auf das Herzleiden des Widerklägers keine Rücksicht nehme, sondern im Gegenteil ihm alle nur denkbaren Aufregungen verursache und durch unmotiviertes Schreien, plötzliches Türenaufreißen und andere Aktionen ihn zu erschrecken suche, um einen Sekundenherztod herbeizuführen; daß die Klägerin und Widerbeklagte zu jenem Leibnitz eine ehebrecherische Beziehung unterhalte, ihn in seiner Wohnung besuche, mit ihm Autoausflüge nach Zell unternehme und mit ihm dort übernachte, daß er, Leibnitz, in Zell sich bereits wie ein Familienangehöriger benehme und auch als solcher anerkannt werde [...]

Konkurrenz, S. 460

[...] An einem Fenster in der Wohnung erster Stock rechts wird kurz ein Vorhang beiseite geschoben, Augenblicke später erscheint Leibnitz in der Haustüre, offensichtlich hat eine Verabredung Vorgelegen [...]

Konkurrenz, S. 461

[...] Dann verschwinden sie aus dem Blickfeld, kurz darauf wird es im Zimmer dunkel [...]

Konkurrenz, S. 463

[...] Ihre gute Laune konnte nichts Gutes verheißen, andererseits hatte es auch nicht den Anschein, als wolle sie wieder ein Würge-mich-Spielchen erzwingen [...]

Konkurrenz, S. 464

[...] Ich schlug vor, die nahe Mittagspause abzuwarten; nachdem alle die Agentur verlassen hatten, Müller, Stürzinger und die anderen, steckte ich die Kassette in einen kleinen Radiorecorder: Zu hören war vor allem ein anhaltendes Rauschen und Piepsen (auch Quaken von Fröschen), wie von ferne auch die beschriebenen Stimmen und Geräusche, ein Geschlechtsverkehr war hier ohne Zweifel aufgenommen, die Stimme meiner Frau oder des Leibnitz aber konnte ich nicht eindeutig erkennen [...]

Konkurrenz, S. 465

[...] Tatsächlich erzähle der Tatzreiter abends in der Wirtsstube oft Geschichten, die vor Verachtung und Haß auf die Gutsherrenschaft, die „Gutsherrensippschaft“ nur so strotzten, aber wer weiß? Er habe sich dem Tatzreiter gegenüber als Ornithologe eingeführt, auch um seine Aufnahmegeräte und nächtlichen Ausflüge zu erklären [...]

Konkurrenz, S. 467

[...] Frau Unzeitig erzählte von einer Freundin, die im Klavierspiel sich weiterbilden wolle (im Hinblick auch auf späteres vierhändiges Spiel) und einen geeigneten Klavierlehrer oder Partner suche [...]

Konkurrenz, S. 468

[...] Da ich ihm meiner Meinung nach zu einer derartigen Einschätzung der Dinge nicht den geringsten Anlaß gegeben hatte, war ich zunächst bestürzt, dann allerdings auch verärgert [...]

Konkurrenz, S. 469

[...] Als ich am Tatort anlangte, krampfte sich mir das Herz zusammen – jener Unheimliche hatte einige Saiten sowie Tasten mit einer mir nicht bekannten, klebrigen, fast schon hart gewordenen Flüssigkeit bestrichen, so daß, mehrere Tasten nicht mehr zu spielen waren, zu schweigen vom Schaden an den Saiten [...]

Konkurrenz, S. 470

[...] Von den beschädigten Installationen in der Küche hat mir die Klä- gerin lediglich erzählt [...]

Konkurrenz, S. 471

[...] Das könne er keinesfalls verantworten, ich würde mich vielleicht hinreißen lassen und die Betroffene vorzeitig damit provozieren, oder sie könnte sonst an die Fotos herankommen, vor deren Einsatz im Verfahren, und alles wäre verdorben [...]

Konkurrenz, S. 473

[...] überdeutlich sah ich die Wirtsstube vor mir, den Wattisch und Zinnöder, wie er von seinem Magirus Deutz erzählt, von seiner unüberbietbaren Schlauheit und einem streng zu hütenden Geheimnis, die Karten auf den Tisch dreschend, händereibend, der mißtrauisch bewunderte, plötzlich und ohne Kredit der örtlichen Sparkasse zu Geld gekommene Frächter Zinnöder [...]

Konkurrenz, S. 475

[...] Hätte Paul van Ostajen seine berühmte „Ode an Singer“ schreiben können ohne den Slogan „Singers Nähmaschinen sind die besten“? Oder ein so radikaler Filmkünstler wie Godard, ist er in seinen Filmen nicht fasziniert, ja gebannt von Beispielen moderner Kommunikation?! Wo also, so dieser Holbach, liegt das, was ich die „innovatorische Priorität“ nenne, bei der Kunst oder bei der Werbung? Eine Antwort wäre hier so schwierig wie die Beantwortung der Frage: Henne oder Ei, denn Kunst und Werbung befruchten einander, schon darum, weil beide an eines gebunden sind – an den Markt! Die Aufgabenstellung der Werbung, meine Damen und Herren, ist, und daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern, einer möglichst großen Menge Menschen, als Zielgruppe definiert, ein Produkt oder eine Dienstleistung so nahe zu bringen, daß Aufmerksamkeit, Interesse und gelenkte Nachfrage entstehen, daß also im Sinne der absatzpolitischen Strategien ein kommerziell meßbarer Nutzen erreicht wird [...]

Konkurrenz, S. 476

[...] Wie bei der Geliebten des Ministers, die im Schwimmbecken ertrunken aufgefunden wurde, wie bei der Frau des Waffenhändlers, die eines Vormittags leblos vor dem Bett kniend, den Oberkörper auf das Bett gebreitet, neben dem aufgerissenen Medikamentenschrank gefunden wurde, aufgefunden vom Waffenhändler und seinem Freund, dem Primarius Wiesauer, dem „Schlä- ger“ Wiesauer, der wiederum den Amtsarzt rief und ihn in die Todesumstände einwies, ein kurzes Gespräch unter Kollegen [...]

Konkurrenz, S. 477

[...] dezimmer so placieren, daß sie Kenntnis davon nimmt, ich werde es scheinbar auch gebrauchen, als Signal meiner bevorstehenden Niederlage, als Zeichen meiner Zermürbung und Schwächung, er braucht jetzt schon Schlafmittel, wird sie alsbald der Unzeitig, der Apothekerin, von der sie sich über den Tod des geliebten Vaters hinwegtrösten läßt, erzählen, und von ihr auch die Nebenwirkungen des Mittels erfahren, Herzrhythmusstörungen, Atemdepression, und sie werden sich freuen, aber zu früh gefreut haben [...]

Konkurrenz, S. 479

[...] Ich überzeugte mich von der Abwesenheit der Selbstmordkandidatin, zog, man kann nie wissen, Handschuhe über, goß etwas Curaçao in ein Glas und gab einige Tropfen des Schlafmittels hinzu, um eine Färbund Geschmacksprobe anzustellen [...]

Konkurrenz, S. 480

[...] Ich werde mich in meinem Zimmer kurz mit Geschäftsunterlagen beschäftigt, später im Bad noch frischgemacht und umgezogen haben, um das Haus gegen zweiundzwanzig Uhr wieder zu verlassen, zu einem vereinbarten Treffen mit Freunden in einem Lokal [...]

Konkurrenz, S. 481

[...] trüber, verregneter Morgen, stellte ich fest, Schmerzen in der Herzgegend beunruhigten mich [...]

Konkurrenz, S. 483

[...] Beispielsweise heute, was hat er zustande gebracht? Frü- her, als er es sonst im Winter gewohnt ist, ist er aufgestanden, und jetzt sitzt er am Schreibtisch und macht sich Gedanken über die Zimmertemperatur! Von einer Zimmertemperatur, einer einheitlichen Zimmertemperatur kann man ja nicht sprechen, denkt er, auf der einen Seite, beim Ofen, ist es warm, auf der anderen, vor den Fenstern, ist es kalt, auch der Schreibtisch steht im Bereich der durch Fugen und Risse in den Fensterrahmen hereinziehenden Kaltluft (was hat er nicht alles unternommen, um diese Fenster abzudichten, umsonst), mein Schreibtisch steht im Reich der Kälte, denkt er, Ausläufer kalter oder feuchtkühler Luftmassen ziehen, sitzt er am Schreibtisch, über seine Knie, Ausläufer eines atlantischen Tiefs oder einer von Skandinavien bis zum Balkan reichenden Hochdruckzone streifen seine Oberschenkel, dieses verrottete Erkerz [...]

Konkurrenz, S. 484

[...] Schreibt er endlich, denkt er sogleich über andere Projekte nach, er schreibt immer das, was er gerade nicht schreibt; während er meine überlegungen auf der Schreibmaschine darstellt, notiert er sich rechts davon; Zürcher Verlobung, Genfer Verhandlungen, Schach, Eagleburger, Naturbetrachtungen, zwei Schattenstimmen –? Alles, nur nicht diesen Roman mit gebotener Entschlossenheit vorantreiben! Er stellt das Radio an und hört Lieder von Mahler, „Nach Mitternacht“ und andere, dann Nachrichten; um die Nachrichten zu hören, legt der Autor sich wieder aufs Bett, verschränkt die Arme unter dem Kopf, es folgen Kulturnachrichten, wieder hat eine Kleinstadt einen Literaturpreis gestiftet und auch schon vergeben, wahrhaft: vergeben; anschließend eine Erz [...]

Konkurrenz, S. 485

[...] * In den Tagen nach dem Zeitungsausschnitt-Attentat widmete ich den Lokalseiten der Tageszeitungen verstärkte Aufmerksamkeit, konnte aber keine weiteren Einzelheiten zu jenem Selbstmordanschlag, zu meinem vorzeitig veröffentlichten und aufgegebenen Plan entdecken [...]

Konkurrenz, S. 486

[...] ) Keine Woche war seit jener Kurzmeldung vergangen, als ich beim Blättern in einer Zeitung erneut wie elektrisiert innehielt [...]

Konkurrenz, S. 489

[...] In der Küche werde ich eine Instant-Schokolade, auch in kalter Milch sofort löslich und auch sonst mein Frühstück, zu mir nehmen, sowie eine genau erwogene Dosis eines Herzmedikaments, um der Ausführung meines Plans gewachsen zu sein [...]

Konkurrenz, S. 490

[...] Freitagsgewohnheiten hat sie beibehalten, vor einer Woche habe ich mich unauffällig überzeugt [...]

Konkurrenz, S. 491

[...] (Sollte sie mich vorzeitig, etwa beim Anschleichen auf der Treppe, entdecken, ist nichts verloren, außer dieser einen Unfallmöglichkeit; ich habe das überraschungsmoment für mich und kann immer noch, in Unterhose und Handschuhen, mit dem Messer herumfuchteln und rufen: Ich Tarzan, du Jane; sie wird es, wieder gefaßt, mit einem angewiderten Arschloch! oder Affe! abtun, es gibt keine Zeugen, und das Gericht ist der Schilderung solcher Zwischenfälle dermaßen überdrüssig, daß Steigerungen oder Wiederholungen nicht angebracht sind [...]

Konkurrenz, S. 492

[...] sen, darauf verweisen, nur etwas holen zu müssen; im Haus werde ich ein letztes Mal die Badezimmertür aufstoßen, mich endgültig vom gelungenen Ablauf überzeugen und gleichzeitig mir Schrecken, Entsetzen, Verwirrung einzuprägen, ins Gesicht zu schreiben versuchen, ich werde ins Wasser greifen, meines teuren Anzugstoffes nicht achtend, die Mappe mit den Unterlagen wird achtlos weggeschleudert irgendwo am Boden liegen, händeringend werde ich durch den Garten auf den Wagen zulaufen [...]

Konkurrenz, S. 494

[...] und sie kostete es aus, fürwahr ein gekonntes Spiel, sie verzog etwas verächtlich den Mund und sagte: Sieh da, der Spezialist im Handwaschbecken [...]

Konkurrenz, S. 495

[...] Nein, nicht, wollte ich rufen und vermochte es nicht, nicht jetzt, fort, schwerer Schmerz, Vernichtungsgefühl, kalter Schweiß, fort, Kollaps, fort! bis ich endlich, um dem Herztod zu entgehen, erwachte [...]

Konkurrenz, S. 497

[...] Obwohl unter ständiger Luftnot, nicht Atemnot, sondern Luftnot, leidend, verzichtet er auf das sogenannte Erholungsangebot dieser sogenannten Großstadt, auf die Luftattrappen der sogenannten Erholungsgebiete, auf das Luftangebot, das nur aus Luftgüteklassen minderer Sorte besteht [...]

Konkurrenz, S. 498

[...] Die Agentur solle durch ihre Vorschläge beweisen, daß Kentucky mit seinem Angebot zeitlich, kulinarisch, atmosphärisch und zielgruppenadäquat jederzeit und für jedermann präsent sei [...]

Konkurrenz, S. 499

[...] Nun also, auf die Bühne, ins Badezimmer! Ich öffne die Türe, bereit, mit einem Ausruf des Schreckens in den Raum zu stürzen – und werfe sie, zurückspringend, zurückprallend, im ersten Schrecken wieder zu [...]

Konkurrenz, S. 500

[...] geworfen, unverständlicherweise, oder? ja, doch, zwar hatte ich mir das so nicht ausgedacht, aber es war alles so schnell gegangen, der plötzliche Stromausfall, der Dampf des hei- ßen Wassers, das Zischen – oder war es nicht eher ein leiser Knall gewesen, unmittelbar nach ihrem Aufschrei, nein, vor ihrem abgebrochenen Schrei, ein kurzes Geräusch, aber kein Zischen? Ich habe vielleicht ein Zischen erwartet, sagte ich mir, doch es war kein Zischen, eher ein Knacken, das mit dem Ausgehen der Beleuchtung zusammengefallen war, aber da hatte ich bereits die Türschnalle in der Hand gehabt; anstatt, wie vorgehabt, stehenzubleiben und die Entscheidung abzuwarten, hatte ich die Tür hinter mir zugeworfen und war ins Erdgeschoß gelaufen, plötzlich entsetzt, ich weiß nicht warum und worüber, weil es so einfach gewesen war? Ich hatte durch ein Fenster in den frühen Vormittag hinausgesehen, ich weiß nicht wie lange, erst die Handschuhe an den Händen hatten mich wieder in meinen noch nicht vollendeten Plan zurückgerufen [...]

Konkurrenz, S. 501

[...] Der Gärtner, ein Chinese, stand mit einer mächtigen Lederschürze auf einer an eine Linde gelehnten Leiter und schien morsche oder verdorrte Äste abzusägen [...]

Konkurrenz, S. 502

[...] Ich nahm mir vor, das Haus später noch einmal genauer zu durchsuchen; jetzt holte ich meine Papiere, die vor dem Bad zu Boden gefallen waren – hatte ich dem Chauffeur nicht erzählt, etwas holen zu müssen? (nur keine Fragen, nur keine Beobachtungen!) –, versperrte das Haus und begab mich zum Wagen [...]

Konkurrenz, S. 503

[...] – Ich hätte einen Herzanfall gerade noch verhindern können, erklärte ich dem Geschäftsführer am Telefon, und müßte mich hinlegen; Müller bestätigte, daß ich am Morgen schon sehr schlecht ausgesehen hätte, doch habe glücklicherweise, ein Zufall, Habersatter ebenfalls angerufen und um eine Verschiebung gebeten, weil seine Freundin im Bad so unglücklich gestürzt sei, daß sie – daß sie tot war und die Leiche plötzlich verschwunden, ergänzte ich; nein, nur die Hand habe sie gebrochen, aber, haha, ein makabrer Witz, lachte der Geschäftsführer, es gehe also schon wieder aufwärts mit mir, nicht umzubringen! Auf alle denkbaren weiteren überraschungen gefaßt, kehrte ich ins Haus zurück [...]

Konkurrenz, S. 504

[...] Den Badezimmerzwischenfall verschwieg ich [...]

Konkurrenz, S. 505

[...] können, nicht einmal, ob sie auf dem Gut sich befinde oder nicht; die einzige Ausbeute sei ein geglückter Blick in die Garage gewesen, auf das dort abgestellte Auto, ihren Borgward, und, aus der Ferne, die kurze Beobachtung eines Reiters, mutmaßlich des Leibnitz [...]

Konkurrenz, S. 506

[...] ) Warst Du schon beim Herzspezialisten? Darunter ihre Unterschrift, und auch noch die der Unzeitig, ausgerechnet! Hut ab, Spiel und Satz an meine Frau, das Dreckstück [...]

Konkurrenz, S. 507

[...] her schon einmal der Haartrockner ins Wasser gefallen, ohne Schaden, ohne Folgen, sodaß sie schon übung hatte, genügt es überhaupt, den Apparat ins Wasser zu werfen? Aber in dieser kurzen Zeit das Haus wie vorgesehen zu verlassen, nach Zell und bald darauf in die Türkei zu verreisen! Möglich ist es [...]

Konkurrenz, S. 508

[...] Also: Gibt es das oder gibt es das nicht? Habersatter begann nun, den jeweiligen Entwurf in die Höhe zu halten – oft mit solchem Schwung, daß die Herren erschrocken zusammenfuhren – und, von seiner eigenen Begeisterung immer mehr mitgerissen, vorz [...]

Konkurrenz, S. 510

[...] jetzt mit aufgerissenen Augen an – zu den Zielgruppen, den neuen Zielgruppen, sei mir kurz erlaubt: Hier hat nämlich, unzählige Schriften kann ich Ihnen nennen, die das belegen, eine bedeutende Verschiebung stattgefunden [...]

Konkurrenz, S. 511

[...] Mit Nena und Markus“, „Friedenspfeife mit André Heller – unser Angebot an den Friedensfreund“, „Hexensabbat mit Alice Schwarzer“ oder „Weißwurstbömbchen mit Werner Schroeter“ sowie „Kraftpaket mit Herbert Fux [...]

Konkurrenz, S. 512

[...] Einmal wöchentlich unterzieht sie sich unserem Sauberkeitsund Sicherheitstest, täglich passiert sie die nur in unseren Instituten eingerichtete Hygiene-Schleuse [...]

Konkurrenz, S. 514

[...] Unter Vorwänden habe Landrichter einer Nachbarin herausgelockt, daß der Herr Doktor zu einer Bildungsreise in die ägäis aufgebrochen sei; gewiß eine Lüge, oder liege etwa die Ägäis im Schwarzen Meer? Diese ägäis werde wohl eher zwischen den Beinen meiner Frau liegen – ein unangenehmes Lachen –, wie denn der Ort auf der Ansichtskarte geheißen habe? Für Landrichter wäre es keine große Schwierigkeit herauszufinden, ob Leibnitz die beiden Frauen treffe [...]

Konkurrenz, S. 517

[...] Sauerstoffverbrauch bei verminderter Sauerstoffzufuhr! Hoffentlich ist dieser Roman bald zu Ende, daß ich mich am Herzen behandeln lassen kann [...]

Konkurrenz, S. 518

[...] wenn die Belebung der Wettbewerbslandschaft (die Belebung der Wettbewerbslandschaft sei unabdingbar für eine gesunde Wirtschaft, so unlängst ein Vertreter der Kammer) meinen Untergang bedeutet? Wie kann ich mich erholen, während die Konkurrenz mich martert mit ihren Feldzügen, mit Beispielen ihres Erfolges, ihren Verbrechen gegen Gehirn und Gaumen; immer wieder stoße ich auf den Knabber-Schwachsinn aus Bielefeld, besser: Ich werde in diese in den Ohren schmerzende Suada hineingestoßen, die Knabber-Käse- Cracker, die Knabber-Gewürz-Cracker, die Knabber-Knabber-Cracker, knack zwei drei, knack zwei drei, so die Idiotenstimmen – es ist nicht auszuhalten, die pure Verblödung, die reinste Massenverblödung! * Ich mußte vor dem Fernsehapparat eingeschlafen sein, als mich ein rüdes Klingeln an der Haustür hochfahren ließ; verwirrt erhob ich mich und schaltete das Gerät ab – das Programm war längst beendet, draußen ging ein schweres Gewitter nieder, ein wolkenbruchartiger Regen wurde von Sturmböen gegen das Haus geworfen [...]

Konkurrenz, S. 519

[...] Er Fladerer habe es in den Elf-Uhr-Nachrichten gehört, kurzum: Das Hotel Korbes in Istanbul – genau, jenes Hotel Korbes – sei in der vergangenen Nacht im Morgengrauen abgebrannt niedergebrannt und eingestürzt samt zwei Nebenhäusern; die Ursache eine Gasexplosion, ein verheerendes Feuer, eine Katastrophe, es gebe kaum überlebende, achtzig Opfer würden befürchtet, Engländer, japaner und US-Bürger, sofern das bei den zur Unkenntlichkeit verkohlten überresten noch feststellbar wäre [...]

Konkurrenz, S. 521

[...] German doctor, dottore, hat er davon! Um sicherzugehen, habe sich Landrichter einer Gruppe von Touristen und Beamten angeschlossen, die von Spital zu Spital fahre auf der Suche nach verletzten überlebenden – bis jetzt ohne Erfolg, oder, in unserem Falle, mit dem gewünschten Erfolg [...]

Konkurrenz, S. 523

[...] Dann wieder jagten berittene Polizisten und Militärs vorüber, daß das Straßenpflaster unter den Hufen erzitterte [...]

Konkurrenz, S. 524

[...] ker und schwärzer war als die anderen Beamtenbrillen und nach außen gerundet; eine Basedow-Brille!, durchzuckte es mich, und diese Benennung hätte mich beinahe zu einem unhöflichen und wahrscheinlich nicht ungefährlichen Gelächter verleitet [...]

Konkurrenz, S. 525

[...] kate – seine Stimme rückte in immer größere Ferne, schwerer Schmerz, Vernichtungsgefühl, Kollaps, dachte ich, so wird es in der Pathologie, im Zollinger, beschrieben, es ist also soweit – drei Zertifikate, und zwar (er las die Namen aus den Urkunden vor) für Unzeitig, Doktor Leibnitz und für Sie selbst, obwohl Sie ja noch lebendig vor mir stehen, aber ein Irrtum ist ausgeschlossen, in Ihrem Fall müßte ich also Bezahlung im voraus verlangen [...]

Konkurrenz, S. 526

[...] Der von der Klägerin und Widerbeklagten sofort herbeigerufene Rettungsarzt habe nur noch den bereits vor Stunden eingetretenen Tod feststellen können, die eigentliche Todesursache sei allerdings kein Stromunfall, sondern ein vorangegangenes akutes Herzversagen gewesen [...]

Amok und Harmonie, S. 532

[...] (Dabei habe ich vor vielen Jahren alles daran gesetzt, aus der Provinz in die Hauptstadt zu ziehen, immer wieder hat es mich in die Hauptstadt gezogen, vor mehr als zwei Jahrzehnten bin ich bereits über den berüchtigten Graben geirrt, an einem Sonntagabend Anfang März auf dem Graben herumgeirrt, ohne Quartier, ohne Geld, ohne Adressen bin ich 1965 auf dem Graben herumgegangen, um an jenem Sonntagabend plötzlich auf einen Kameraden aus meiner frühesten Trinkerzeit, aus meiner Klagenfurter Zeit, zu stoßen, der, zu meiner gleichzeitigen Erleichterung und Enttäuschung, mittellos wie ich am Graben auf seinen Onkel, seinen Wiener Onkel, gewartet hat [...]

Amok und Harmonie, S. 534

[...] Die Hundehalter und die Leserbriefschreiber sind es ja selbst, die das Klima in dieser Stadt vergiften, auch unter den Leserbriefschreibern sind die Hundefreunde die giftigsten, neben den gemeingefährlichen Steuerz [...]

Amok und Harmonie, S. 535

[...] Kaum hat, beispielsweise, ein Besucher eines neu errichteten sogenannten Naherholungsgebietes (das natürlich gar kein Erholungsgebiet sein kann, tatsächlich ist es nicht ein Naherholungsgebiet, sondern ein Nichterholungsgebiet, ein Nahnichterholungsgebiet, die Erholungsuchenden reden sich die Erholung bloß ein und haben sich in Wirklichkeit so wenig erholt, daß sie sich unverhofft von einer Brücke stürzen, vor einen Zug werfen, mit dem Auto verunglücken oder Leserbriefe schreiben), kaum hat ein Badegast jenes vor kurzem eröffneten angeblichen Naherholungsgebietes es gewagt, sich über die dortige Hundeplage, über die Hundefäkalien auf den Liegewiesen und den Mißbrauch des Badewassers als Hundeschwemme, in einem Leserbrief zu beschweren, schon fallen die Hundehalter über jenen her [...]

Amok und Harmonie, S. 537

[...] dieser Kapitalsozialist versäumt ja keine Gelegenheit, zu erzählen, daß man früher und vor seiner Präsidentschaft mit der Postkutsche und mit dem Fahrrad habe fahren müssen, auch er selbst sei mit dem Fahrrad gefahren im Staub der Landstraße, das seien noch Umweltbelastungen gewesen, aber der Mensch habe auch das überlebt [...]

Amok und Harmonie, S. 538

[...] Hier gerät ein KFZ außer Kontrolle, dort verliert ein Lenker die Herrschaft über seinen Wagen, einmal wird ein Auto in eine Passantengruppe geschleudert, dann wieder rennt ein Fußgänger in einen heranrasenden PKW, hier kommt ein Kind zu Tode, da ein Schulkind zu Schaden, dort ein Pensionist ums Leben; ja, das Unfallgeschehen in der Hauptstadt, eine große Sache! Der Tod hält reiche Ernte, ist in den Zeitungen zu lesen, tausende Verkehrstote sind es jährlich in Wien und in den Bundesländern, aber der Wohlstand fordert eben auch Opfer, ohne Opfer kein Wohlstand! Und den tausenden Unfallopfern stehen ja hunderttausende Neuanmeldungen von Kraftfahrz [...]

Amok und Harmonie, S. 539

[...] Das Automobil ist ja die technische Verkörperung der Freiheit, hat der Vorstandsvorsitzende der Volkswagenwerke vor kurzem in einem Vortrag ausgeführt, denn es gestattet, unabhängig zu sein, Zeit und Weg, Ziel und Geschwindigkeit selbst zu bestimmen, so dieser Vorsitzende in seinem Vortrag, den er auf Einladung der Industriellenvereinigung und der Streikbrechergewerkschaft in Wien gehalten hat [...]

Amok und Harmonie, S. 540

[...] ) Die Arbeiterbewegung, denke ich, die Arbeiterbewegung, ach; hätte sie dem früher so bezeichneten Klassenfeind dessen frühe Automobile nicht überlassen können, ohne in den Irrtum zu verfallen, auch welche haben zu müssen, überlassen nicht nur ohne Neid, sondern aus Bosheit? Nein! Gehört dieser nationale Automobilpark wirklich zum gesellschaftlichen Reichtum? ja! Es ist jeder sein eigener Herr, indem er sein Kraftfahrzeug in Betrieb nimmt, jeder frei allein dadurch, daß er das eigene Volant umklammert auf der Fahrt zur Arbeit etwa in ein Motorenwerk, oder wohin immer [...]

Amok und Harmonie, S. 542

[...] Zwar sieht auch die Franz-Josefs-Höhe schon aus wie an der Wiener Höhenstraße und nicht an der Großglocknerhochalpenstraße gelegen, zwar, so denke ich, ist auch die Franz-Josefs-Höhe über dem Pasterz [...]

Amok und Harmonie, S. 543

[...] über die Luggeralm durch die Lärchenwälder hinauf gehen, auf dem in der Sonne blitzenden Glimmerschiefer, über die Enzianwiesen und Arnikawiesen gehen und, an bestimmten Tagen, die aus der Wangenitze herausgeflogenen und über dem Straßkopf kreisenden Steinadler beobachten, statt im Achtunddreißiger an der Sulzwiese vorbeifahren, das ist es! Wenn fahren, denke ich und halte damit nicht hinter dem Berg, dann die Großglocknerhochalpenstraße befahren, und zwar im Postautobus, und wenn gehen, dann den nur so benannten, von Wien weit entfernten Wiener Höhenweg begehen! Uber zu Tal stürz [...]

Amok und Harmonie, S. 544

[...] An den grünlich und rötlichbraun schimmernden Wänden und Felsabstürzen der Seichenköpfe entlang gehen, an der Schwarzkofellacke, an der unheimlichen Seiche vorbei, einer auf drei Seiten von Bergstürzen eingeschlossenen Geröllhalde mit einem kleinen See, wo die von den Felswänden zurückgeworfenen Signalpfiffe der Murmeltiere die Stille nur noch verstärken und an den schönsten Sommertagen, aus heiterem Himmel, plötzlich Nebel einfallen kann [...]

Amok und Harmonie, S. 546

[...] Bin auch ich, wie einst der Kunstmaler Strauch, früher manchmal durch den Stadtpark gegangen, so fürchte ich heute den Stadtpark und vergleichbare Parkanlagen und Kinderspielplätze, keinen Fuß setze ich in solche Parkanlagen mit ihren gemeingefährlichen Rentnern, Hundehaltern und Hunden, die auf den Rasenflächen und in die Kindersandkisten hinein ihre Notdurft verrichten, ihre scheußliche Hundenotdurft, jederzeit kann eine dieser Bestien über den Rasen auf einen zustürzen, jederzeit ein Rentner drohend seinen Stock schwingen [...]

Amok und Harmonie, S. 547

[...] (In Apotheken werden mir nicht einmal die harmlosesten Medikamente verkauft, nicht einmal die gewöhnlichsten, schwarz auf weiß nicht rezeptpflichtigen Kopfwehpulver werden an mich ohne Rezept abgegeben, um an die einfachsten Vitaminpräparate oder Schmerzmittel ohne Rezept heranzukommen, müßte ich tatsächlich wie ein Verbrecher Vorgehen und die Herausgabe erzwingen!) Solchen und anderen Wiener Sachverhalten Rechnung tragend, verlasse ich kaum noch das Haus, kaum die Wohnung [...]

Amok und Harmonie, S. 549

[...] hinuntergehe, rechts den Urwald des Stronachkogels beobachte, links die Bergbauernhö- fe am Penzelberg, später im Wald die Verheerungen bemerke, die ein Wirbelsturm im Vorjahr angerichtet hat, montags auf dem Weg nach Winklern habe ich jedesmal an den Wirbelsturm gedacht, selbst vorige Woche noch, denke ich, da kündigt sich unten, drei Stockwerke tiefer, in 170 Metern Seehöhe, auf den Bahngeleisen ein Güterzug an, kommt näher und rast schon tosend durch meine Vorstellungen und Gedanken, donnert quer durch den Wald und quer über meinen Weg nach Winklern und macht alles zunichte, bringt meinen Einschlafversuch zum Scheitern [...]

Amok und Harmonie, S. 550

[...] Vergangenen, nein vorvergangenen Donnerstag: Debantsäge, denke ich, Debanttal, die aufgelassene Sägemühle, das Wirtshaus in der Sag, Donnerstag vor zwei Wochen Debant, am Ufer des Debantbaches, im sprühenden Wasserstaub, im schimmernden Wildwasserstaub bin ich gesessen und habe nachgedacht über Chaos und Ordnung, bis mir das Tosen, das unaufhörliche Tosen und Herunter stürz [...]

Amok und Harmonie, S. 551

[...] Auch auf den Ederplan bin ich hinaufgestiegen, über die Ederalm zum Anna-Schutzhaus, einer Stiftung des Malers Defregger, einer Defregger-Stiftung, Samstag vor drei Wochen: Ederplan, denke ich, offenes Gösser Bier in zweitausend Metern Höhe, ausgezeichnete Fernsicht, denke ich, und kaum habe ich mich in meinem Bett in den Garten vor dem Schutzhaus hineingedacht, kaum habe ich in Gedanken den 2000 m hohen Ederplan erreicht, da schmeißt unten, drei Stockwerke tiefer, in 170 m Seehöhe ein Idiot mit der für Kraftfahrer typischen größten Rücksichtslosigkeit seine Autotür zu und startet sein Fahrzeug, daß es mich vom Ederplan wieder herunter und beinahe aus dem Bett wirft, verdammter Idiot, denke ich, der seinen PKW in Betrieb nimmt, ohne aber sogleich wegzufahren, nein, er läßt das Motorengeräusch anschwellen und abschwellen und wieder anschwellen, er läßt den Motor warmlaufen, obwohl es überhaupt nicht kalt ist, läßt er den Motor Warmlaufen, sein geliebter Motor muß sich aufwärmen, denke ich, und will ans Fenster zum Maschinengewehr eilen, das ich zur gebührenden Beantwortung solcher rohen Gewalt am Fenster montiert mir vorstelle, unwillkürlich vorstelle (eine Großstadt wie diese macht einen ja nervenkrank, macht einen zum Kopfschüßler, eine solche Stadt wirkt sich ja aus wie eine Silberplatte im Kopf, denke ich und halte damit nicht hinter dem Berg) [...]

Amok und Harmonie, S. 555

[...] Wahrscheinlich war es der erste Satz, den Er an mich gerichtet hatte, der Satz: Gnädige Frau, darf ich Ihnen meine Bakteriensammlung zeigen? Dieser Satz hatte tatsächlich schon alles entschieden, aber die Augen hatte er mir nicht geöffnet, im Gegenteil, mir hatte er die Augen verschlossen und bloß ihm meine Schenkel geöffnet, einem geborenen Verbrecher jenseits des Strafrechts, einer verbrecherischen Naturbegabung, und doch unverzichtbar im Bett [...]

Amok und Harmonie, S. 556

[...] Er lachte! Nie werde ich dieses Lachen vergessen, er, der Alkoholkranke, lachte über mein Mitleid, lachte mich aus! Er mit seinen schrecklichen Monologen über sein Jahrhundertprojekt, sein 900-Tonnen-Geschäft, seinen Yellow Cake, mit denen er mir in den Ohren lag in Hotelzimmern und Hotelhallen, seine unüberbietbare Schläue darstellend und kaum noch fähig, sich auf den Beinen zu halten! – Natürlich ist eine Uranerzmühle von einer Kohlewaschanlage nicht ohne weiteres zu unterscheiden, zwischen einer wertvollen Uranerzaufbereitungsanlage und einer vergleichsweise wertlosen Kohlezerkleinerungsanlage besteht selbstverständlich eine große technische Ähnlichkeit, beide Maschinen befördern schließlich Gestein von unten nach oben und zerkleinern es [...]

Amok und Harmonie, S. 557

[...] Der Weg der Ware wird kunstvoll verschleiert, und bald kennt sich niemand mehr aus, weder Zöllner noch Versicherungskontrollore wissen, wo ihr Verdacht ansetzen soll, genial! Außerdem ist eine Uranerzmühle von einer Kohlewaschanlage nicht ohne weiteres zu unterscheiden, zwischen einer wertvollen Uranerzaufbereitungsanlage und einer vergleichsweise wertlosen Kohlezerkleinerungsanlage besteht – hörst du mir überhaupt zu? – selbstverständlich eine große Ähnlichkeit [...]

Amok und Harmonie, S. 558

[...] Das Sprechstück, das wir auf unserer Tournee aufführten, eine Produktion der Konzertdirektion Salzburger & Lech handelte von einem Wanderzirkus auf einer Gastspielreise durch Deutschland [...]

Amok und Harmonie, S. 559

[...] Aber vor Zuschauern – Zuschauer, rief der Alte, wer sieht uns denn?! Und groß, lachhaft! Eine jämmerliche Vorstellung ist es gewesen, und, werte Dame, nicht die erste dieser Art, die uns unser Sohn bietet! Das macht er absichtlich, absichtlich macht er das, seine Erzeuger sollen nur nichts haben von ihrem Produkt, fiel die Mutter jetzt ein, und die anderen – es mußte die nähere Verwandtschaft sein – begannen gar zu singen: Die Bosheit ist’s, die Bosheit!, so laut und drohend, daß mir im Traum übel wurde und ich zu zittern begann, bis ich in einem entsetzlichen Zustand erwachte und den Weg ins Badezimmer gerade noch hinter mich bringen konnte [...]

Amok und Harmonie, S. 560

[...] Du schreibst: Ich sah, wie der Vogel mitten im Flug ins Trudeln geriet und abstürzte [...]

Amok und Harmonie, S. 561

[...] Zu meiner überraschung wurde in der Halle einer ehemaligen Harzfabrik eifrig gearbeitet; ausländische Arbeiter – italienische Techniker, Spezialisten, versicherte Pichler – waren dabei, Maschinenteile zusammenzubauen, zu reinigen und anzustreichen sowie Trichter und Schienen in riesige Kisten zu verpacken; Schnelldampferzeuger und Strahlturbinen für eine Kugelmühle, die Kapschmühle, die Kleine unter den Großen, wie Pichler rätselhaft erklärte [...]

Amok und Harmonie, S. 562

[...] In diesem Augenblick aber mußte ich Rolf Torring eingestehen, gar nicht sein Hans zu sein, worüber er in große Verzweiflung und Verbitterung geriet; wenn ich sein Hans nicht wäre, dann hätte ich mich verstellt und Vertrauen mißbraucht, Schauspielerin oder nicht, Sie haben sich in mein Abenteuer gestohlen wie ein Holzwurm durch ein Buch! So etwas tut man nicht, klagte dieser Torring [...]

Amok und Harmonie, S. 563

[...] Schmerzhafte Schleimhautveränderungen, hielt ich in meinem Tagebuch fest [...]

Amok und Harmonie, S. 564

[...] Während wir es trieben (ah, wir trieben es, und wie), waren im Radio späte Aufnahmen mit Helge Rosvaenge zu hören, unterbrochen von einer Verkehrsdurchsage: Im Raum Paderborn muß mit plötzlich auftauchenden Militärfahrzeugen gerechnet werden [...]

Amok und Harmonie, S. 566

[...] Die Krankenhäuser sind überfüllt, und doch geht alles wie gewöhnlich weiter, sagte O’Loughlin, Industrieideologe und kreativer Kaufmann, Erfinder der Aktion „Uganda tomorrow“, der mir mit einem ungeheuren Rosenstrauß aus Marzipan und Zuckerguß seine Aufwartung machte, die Stadt ist eine einzige Krankenanstalt, und alles geht weiter [...]

Amok und Harmonie, S. 567

[...] Italienische Techniker – ich glaubte, in ihnen die Arbeiter aus Coburg wiederz [...]

Amok und Harmonie, S. 568

[...] – Nachts erwachte ich nach kurzem Schlaf [...]

Amok und Harmonie, S. 569

[...] Oder war es gar nicht Mattschacher? Zweifelsfrei war es Mattschacher gewesen, schon wollte ich ihm nachstürzen, um ihn ins Zimmer zu bitten – wir Schauspielerinnen haben bekanntlich einen enormen Bedarf, und sosehr das Allgemeinbefinden sich verschlechterte, mein Schoß stand zwar nicht jedem, aber doch bald einem offen, und gar einem hervorragenden Exponenten des Import-Export-Geschäftes –, da fiel mir ein, daß Mattschacher hier in Fulda nichts verloren haben konnte; auch Aschenbrenner und Pichler waren in geschäftlicher Mission nach Ludwigshafen vorausgereist [...]

Amok und Harmonie, S. 571

[...] Aber je verzweifelter und, wie uns vorkam, aufdringlicher jener rief, desto weniger verstanden wir ihn, desto weniger wollten wir ihn verstehen [...]

Amok und Harmonie, S. 572

[...] Alles steht kurz vor dem Abschluß, auch die Bahnund Straßentransporte sind schon unterwegs [...]

Amok und Harmonie, S. 573

[...] Ich kenne meine Badenweiler, wenn man ihnen den Marsch bläst, den Rottweiler Marsch, dann kuschen sie! – Später, als ich die Viola zu Hand nahm, sprang im Publikum ein junger Mann auf und rief zornig: Wann beginnen Sie endlich zu spielen, wann beginne] Sie mit dem Quintett?! Wir hatten eine musikalische Darbietung, erwartet! Da war auch Caribaldi kurz sprachlos, dann winkte er ab und parierte: Was für eine Plage für einen alten Mann, mit dieser Burleske durch die Finsternis zu reisen [...]

Amok und Harmonie, S. 574

[...] Terror in Italien, ein Großfeuer in Lissabon, auf flammende Gewalt im Libanon; dazwischen Empfehlungen, die Fenster geschlossen zu halten, Warnungen vor plötzlich auftauchenden Militärfahrzeugen [...]

Amok und Harmonie, S. 575

[...] Was mir zu zeigen man sich auffällig bemüht hat, ich habe es nicht gesehen, keine Uranmühle, keine Extrusionsanlage, ich habe nichts gesehen, aber gehört habe ich etwas, in de Nachrichten habe ich es gehört vor kurzem, eine rätselhafte Begebenheit im Indischen Ozean, was war es nur, laß mich nach denken, ein Flugzeugabsturz, ein Flüchtlingsdrama? Nein, jetzt entsinne ich mich wieder, ein Schiffsunglück, eine Explosionskatastrophe, ein Frachtschiff sank unter Umständen, von denen es bald hieß, sie würden nie restlos aufgeklärt werden, so war es, das habe ich gehört [...]

Amok und Harmonie, S. 576

[...] Oder doch: Eine aufgelassene Harzfabrik habe ich gesehen, Trümmer, Schutt, verrostete und verbogene Eisenteile, und da waren auch Arbeiter, jetzt fällt es mir wieder ein, Hilfsarbeiter, die an noch brauchbaren Maschinenteilen den Rost beseitigen, Rohre und Behälter neu lackierten; andere machten das Fabriksgelände überhaupt erst wieder begehbar, errichteten Holzzäune gegen Blicke neugieriger Spaziergänger, das habe ich freilich gesehen [...]

Amok und Harmonie, S. 577

[...] Dann wieder verfiel ich ins Gegenteil, sprach bestimmte zusammengesetzte Wörter rauschhaft aus, ließ sie beim Aussprechen silbenweise auf der Zunge zergehen; Uranerzaufbereitungsanlage, sprach ich, und Bakteriologie-Transfer, Ionenimplantat oder Brillen-Holding, Badische Anilin- und Sodafabriken, deklamierte ich mit besonderer Andacht, sowie: Kugelmühle und Müllkippe, Mülldeponie, Sperrgebiet [...]

Amok und Harmonie, S. 578

[...] schreien ich war besessen, geistliche Herren standen um mich herum und hielten meinen Mund auf, Nero, Adenauer und Pater Fleischmann, sagte einer, sachlich wie ein Zahnarzt bei der Diagnose beschädigter Zähne, und ein anderer schrieb etwas in eine Kartei [...]

Amok und Harmonie, S. 579

[...] Ungefähr zur selben Zeit ist ein Zivilfahnder aus Aschaffenburg in seinem Dienstwagen zur Autobahnauffahrt Frankfurt-Würzburg unterwegs [...]

Amok und Harmonie, S. 580

[...] Der Mann geht zielsicher auf den Filialleiter zu, zieht Papiere und Sicherstellungen hervor und sucht um einen Kredit an, dessen verzögerte, immer drastischer angemahnte Rückzahlung ihn nach Jahren tatsächlich einen bewaffneten Bank begehen lassen wird, den er auf der Flucht wiederum mit Leben bezahlen wird [...]

Amok und Harmonie, S. 581

[...] Es sieht aus wie nach einem Bombenangriff, so der fassungslose Zimmerer zu einem Zeitungsreporter, wenn ausgerechnet jetzt, wo alles zerstört ist, ein Angriff kommt, sind vierzehn Jahre Arbeit umsonst gewesen! * Es ist nie zu spät An diesem Montag hält sich auch der Hauptdarsteller des Films Conan der Barbar, ein weltbekannter früherer Modellathlet, in der Hauptstadt auf [...]

Amok und Harmonie, S. 582

[...] Kriminalroman * Gegen Mittag betritt ein etwa vierzigjähriger, bärtiger Mann eine Konzern-Etage in der Innenstadt [...]

Amok und Harmonie, S. 583

[...] Kurz nach 14 Uhr erscheint der Autor abermals in der Verwaltungsetage des Konzerns [...]

Amok und Harmonie, S. 584

[...] Bei einer übung des Hundezüchtervereins in Gebiet jenseits des Bahndammes, die Hunde trainieren Fährten suche, wird Zimmermann auf eine im Gras liegende blutverschmierte Zahnprothese stoßen; zwar wird er kurz [...]

Amok und Harmonie, S. 585

[...] Zunächst unterscheidet sich der Mann kaum von anderen Kunden, sieht man davon ab, daß er seinen Einkaufswagen mit Tiefkühlkost, Dosengetränken und Knabbergebäck, namentlich mit Großpackungen Oetker Käse-Cracker und Oetker Gewürz-Cracker, so beladen hat, als bekomme er alles geschenkt, und er, den Wagen schiebend, mehrmals Vorsicht! rufen muß, da manche Produkte zu Boden zu fallen drohen [...]

Amok und Harmonie, S. 586

[...] Diesmal packt der Mann zwei Kisten mit Cola in Einwegflaschen in den Wagen, und wiederum große Mengen Chips, Oetker Käse-Cracker und Oetker Gewürz-Cracker, für die eine Vorliebe zu bestehen scheint [...]

Amok und Harmonie, S. 587

[...] Erst nach längerem Klingeln geht der Autor an den Apparat, ist dem Anrufer gegenüber kurz angebunden, weil er ein bestimmtes Thema am Telefon nicht erörtern wolle, und trifft für 23 Uhr eine Verabredung in einem von der Wohnung nur einige Straßen entfernten Lokal, dem Schwarzen Café [...]

Amok und Harmonie, S. 589

[...] – In einem von drei Reisenden belegten Raucherabteil hatte ich neben der Tür meine schwarze jacke an den Haken gehängt und die Tasche ins Gepäcksnetz gestellt [...]

Amok und Harmonie, S. 590

[...] Ich ging an ihm vorbei und durchquerte Wagen um Wagen des vollbesetzten Zuges, unterwegs fragte ich zwei Farbige, die mit Dosengetränken in der Hand lachend am Gang standen, ob ich hier zum Speisewagen käme; um sicherzugehen und da sie mich zunächst nicht beachteten, brachte ich das Wort Speisewagen in drei Sprachen vor und deutete fragend in die von mir eingeschlagene Richtung; schließlich nickten sie [...]

Amok und Harmonie, S. 593

[...] Der Zug fuhr immer noch bergaufwärts, an vereinzelten Dörfern und einer Autobahn vorbei, auf der in Gegenbewegung dichte Fahrzeugkolonnen nach Süden zogen [...]


Zitiervorschlag:
rz. In: Werner Kofler: Kommentar zur Werkausgabe. Hrsg. v. Wolfgang Straub und Claudia Dürr. https://gams.uni-graz.at/o:kofler.w1.guggile.150, 2019-02.