die Unfreiheit herrscht

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Kommentar

Anspielung auf Erich Frieds Gedicht Herrschaftsfreiheit (1984): „Zu sagen [/] ›Hier herrscht Freiheit‹ [/] ist immer [//] ein Irrtum [/] oder auch [//] eine Lüge: [//] Freiheit herrscht nicht“ (Fried 1993, 25), s. Eintrag ›daß Freiheit herrscht‹

Textausschnitte

Amok und Harmonie, S. 540

[...] Aber das denke ich nicht wirklich, denn Freiheit, denke ich, läßt sich ja nicht verkörpern, Freiheit ließe sich höchstens im Chaos verkörpern, aber wenn die technische Verkörperung der Freiheit das Automobil sein soll, dann ist ja auch das Chaos die Verkörperung der Freiheit; wenn mehr als sechshunderttausend allein in Wien zugelassene PKW-Lenker und Kraft-Fahrer von ihrer Freiheit Gebrauch machen, Zeit und Weg, Ziel und Geschwindigkeit selbst zu bestimmen, dann herrscht ja das Chaos, und es herrscht ja tagtäglich das Chaos, das Verkehrs-Chaos, wie gesagt wird, das Chaos herrscht, die Unfreiheit herrscht, Unfreiheit und Chaos herrschen unter dem Deckmantel, unter dem Rechtstitel der Freiheit, denke ich und halte damit nicht hinter dem Berg, denn in Wirklichkeit ist ja die vermeintliche Freiheit des einzelnen längst zur tatsächlichen Unfreiheit aller geworden! (Freilich, der sogenannten Frau Waberl, der vielzitierten Frau Waberl wird das auf Anhieb nicht in den Sinn wollen, der Präsident der Industriellenvereinigung spricht gerne von der Frau Waberl als dem gemeinen Mann, dabei ist er der einzige, der ständig die Frau Waberl im Munde führt, stets die Frau Waberl bemüht, so daß er bereits wieder zu Recht von der Frau Waberl als einer vielzitierten und vielbemühten spricht; aber jetzt sage ich einmal Frau Waberl, jetzt spreche ich von der Frau Waberl, die, wie gesagt, das auf Anhieb nicht verstehen und von sich weisen wird [...]


Zitiervorschlag:
die Unfreiheit herrscht. In: Werner Kofler: Kommentar zur Werkausgabe. Hrsg. v. Wolfgang Straub und Claudia Dürr. https://gams.uni-graz.at/o:kofler.w1.amok.1670, 2019-02.