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Rudolf Trebitsch

URI: https://gams.uni-graz.at/o:hsa.persons#P.2879
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Zitiervorschlag: Bernhard Hurch (2009): Rudolf Trebitsch. In Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.person.2879, abgerufen am 11. 12. 2025. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.2.2879.


Einleitung

Die Korrespondenz zwischen Rudolf Trebitsch und Hugo Schuchardt wurde von Bernhard Hurch bearbeitet, kommentiert und eingeleitet.

Bedeutung

Rudolf Trebitsch entstammte der Familie eines wohlhabenden, aus Mähren stammenden Wiener Textilfabrikanten.1 Geboren am 28. Jänner 1876 in Wien, besuchte er hier auch die Volksschule und das Gymnasium, und legte 1894 die Matura ab. Den jüdischen Hintergrund seiner Familie erwähnt Trebitsch nie. An einer einzigen Stelle des Tagebuchs der Baskenreise bezeichnet er sich selbst als protestantisch.2 Er zeigte früh Interesse für Geisteswissenschaften, war aber offenbar auf familiären Wunsch bereit, ein „nützlicheres“ Studium, nämlich das der Medizin, zu absolvieren. Im Jahre 1900 wurde er zum Doktor der Medizin promoviert. Danach arbeitete er zeitweise als Arzt in kleineren Kliniken, insbesondere auf Dermatologie spezialisiert. Er widmete sich aber an der Philosophischen Fakultät auch dem Studium der Volkskunde, und führte in diesen Jahren auch einige noch zu nennende Forschungsreisen durch, über die er in den Sitzungsberichten der Akademie der Wissenschaften veröffentlichte. Sein Interesse an der Verbindung dieser beiden Fächer, also der Ethnomedizin, manifestiert sich auch in einer Publikation über „Geburtsflecke bei den Eskimos“3. Sein Volkskundestudium schloss er 1911 mit einer Dissertation über „Fellboote und Felle als Schiffsfahrzeuge“ bei Eugen Oberhummer an der Universität Wien (Geographisches Institut) ab.4 Die Felder seiner Veröffentlichungstätigkeit umspannen in diesen und den folgenden Jahren die Bereiche Volksmedizin, Aberglauben, Völkerpsychologie und Schiffahrt. Mehr und mehr wendet er sich seinen weiteren Lehrern und Förderern Rudolf Pöch und Michael Haberlandt und dem Österreichischen Museum für Volkskunde zu. Er war seit der Gründung Mitglied des Wiener Volkskundevereins. Während in den früheren Jahren der Ansatz zu wissenschaftlicher Veröffentlichungstätigkeit zu erkennen ist, setzt sich nach und nach eine feuilletonistische Note durch.

Der familiäre Wohlstand erlaubte es Trebitsch, verschiedene Forschungsreisen zu unternehmen, so 1904 nach Island, 1906 nach Grönland5, 1907 nach Irland und Wales6, 1909 nach Wales, Schottland und die Insel Man7, 1913 ins Baskenland8. Von seinen Reisen brachte er zahlreiche Sammlungsstücke mit, die heute den Museen für Völkerkunde bzw. Volkskunde und dem Naturhistorischen Museum in Wien einverleibt sind.9 Die Sprach-, Dialekt- und Musikaufnahmen entstanden in Zusammenarbeit mit dem Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, sie wurden seinerzeit dort archiviert und zählen heute zu den historisch bedeutenden Teilen des Archivbestandes. In einem regelmäßigen Arbeitsverhältnis stand Trebitsch nur in seinem medizinischen Beruf und da auch nur in den ersten Jahren nach Beendigung des Studiums. Später wurde er im Verlaufe des Ersten Weltkriegs als Arzt zum Sanitätsdienst in österreichischen Spitälern eingezogen. Dem Krieg gegenüber war er keineswegs kritisch. Am 9. Oktober 1918 nahm er sich in Judendorf bei Graz das Leben. Die Kriegsbegeisterung, die aus Brief 20 spricht, steht jedenfalls nicht ganz in Einklang mit der oft kolportierten Annahme, das Elend des Lazaretts wäre der unerträgliche Auslöser für seinen Freitod gewesen.10

Über die Jahre hinweg hatte Trebitsch laut regelmäßigen Aufzeichnungen in der „Zeitschrift für österreichische Volkskunde“ mehrmals dem Verein für Volkskunde große Geldsummen geschenkt; nach seinem Tod folgte von dessen Vater Leopold, in Erfüllung eines Wunsches des Sohnes, ein Legat von 100.000 Kronen an das Museum für Volkskunde. Eine Reihe wissenschaftlicher Bücher, Manuskripte und Materialien (Fotografien, Diapositive) wurden von der Familie ebenfalls dieser Einrichtung übergeben. Über die Jahre hinweg hat eine geschlossene Archivierung nicht stattgefunden; diese versucht man heute nachzuvollziehen.

Rudolf Trebitsch war eine mit Sicherheit für die Forschung nicht unumstrittene Figur. Ihn eine Forscherpersönlichkeit zu nennen, träfe die Wirklichkeit nicht wirklich. Man begegnet seinem Namen in der einschlägigen Fachgeschichte und Literatur an zumindest zwei Stellen: Von ihm stammen die ältesten systematischen Sprachaufnahmen zu baskischen Dialekten, und er lieferte für das damals im Aufbau begriffene Österreichische Museum für Volkskunde eine baskische Sammlung, deren Wert es letztlich noch im Detail festzumachen gilt. Dieses sind Verdienste, die prima facie nicht infrage gestellt werden sollen, denn es sind bleibende Beiträge, die natürlich auch Alleinstellungsmerkmale tragen. Mittlerweile wurden im Rahmen der Edition historisch relevanter Aufnahmen aus den Beständen des Phonogrammarchivs der Österreichischen Akademie der Wissenschaften die phonographischen Altbestände mithilfe zeitgemäßer Technologien, aktueller Formate und verbesserter Textbearbeitung neu ediert,11 und die Sammlungsbestände am Volkskundemuseum werden einer genaueren Sichtung unterzogen.

Trebitsch war selbst weder Baskologe noch Sprachwissenschaftler und in beiden Fächern auch nur mäßig gebildet. Es handelt sich also um den Beitrag eines Fachfremden. Er integrierte sich allerdings für die Zeit dieser Beschäftigung in ein Netzwerk, zu dem ihm insbesondere Hugo Schuchardt die Türen öffnete, und dieses Netzwerk unterstützte ihn wesentlich in der Beschaffung jener Sammlungen, mit denen er sich in die Wissenschaftsgeschichte eingetragen hat. Die hier versammelten Briefe verstehen sich als Illustration eines Netzwerks, wie es noch Anfang des 20. Jahrhunderts von jemandem, der es sich aus (familiär bedingten) ökonomischen Gründen leisten konnte, fruchtbar gemacht wurde. Leider sind von den Briefwechseln jeweils nur die Beiträge Trebitschs, nicht aber die seiner Briefpartner erhalten, doch lassen diese bereits die Positionen der Korrespondenten erahnen. Es gibt mittlerweile durchaus einige kritische Anhaltspunkte zur Person und zum Wirken von Trebitsch. Die Auseinandersetzung mit seiner Arbeit begann baskischerseits schon als direkte Reaktion auf seinen Aufenthalt im Lande. Interessanterweise war diese unmittelbare Auseinandersetzung wesentlich kritischer, denn in der späteren Rezeption überwog der vereinfachende Nationalismus der Basken, dem eine Tatsache wichtiger war als deren Bedeutung. Den baskischen Editionen12 der Sprachaufnahmen fehlt jegliche kritische Note, sie beschränken sich auf eine reine Textabschrift.

Es gibt neben den linguistisch-phonographischen und volkskundlichen Gesichtspunkten allerdings noch eine Reihe verschiedener anderer Anhaltspunkte, Trebitsch selbst zum Gegenstand der Forschung zu machen, ihn als Ausdruck einer gewissen Epoche, einer großbürgerlichen Geisteshaltung zu sehen, die ihre eigene jüdische Identität negiert und schließlich ist auch seiner vulgärwissenschaftlichen Methode das abzugewinnen, was in ihr steckt. Herauszufinden bleibt, ob seine volkskundliche, sprachdokumentatorische, publizistische und mäzenatische Tätigkeit wirklich nicht mehr war, als ein schöngeistiger Weg des Zeitvertreibs und eine Möglichkeit, sich unsterblich zu machen.

Herkunft der Digitalisate

Die von Rudolf Trebitsch an Hugo Schuchardt verschickten Briefe befinden sich in:

Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen