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Viktor Lang

URI: https://gams.uni-graz.at/o:hsa.persons#P.1997
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Zitiervorschlag: Swiggers, Pierre; Seldeslachts, Herman (2014): Viktor Lang. In Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.person.1997, abgerufen am 26. 02. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.2.1997.


Einleitung

Die Korrespondenz zwischen Viktor Lang und Hugo Schuchardt wurde von Pierre Swiggers und Herman Seldeslachts bearbeitet, kommentiert und eingeleitet.

Bedeutung

Das hier veröffentlichte Dokument ist ein Brief des Physikers Viktor Lang (1838-1921), General-Sekretär der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften zu Wien1, an seinen Grazer Kollegen Hugo Schuchardt (1842-1927) 2. Der Brief wird aufbewahrt im Schuchardt-Nachlaß der Universitätsbibliothek in Graz3; in Wolf (1993: 248) ist er unter Nr. 06225 verzeichnet.

Der Brief, datiert auf den 14. Februar 19044, ist auf Briefpapier der Kaiserlichen Akademie geschrieben und betrifft die Bitte von Louis Couturat an die Akademie, Auszüge (in französischer Übersetzung) aus Schuchardts wichtiger Schrift „Bericht über die auf Schaffung einer künstlichen internationalen Hilfssprache gerichtete Bewegung“ (1904a) zu veröffentlichen5. Offenbar hatte sich Couturat direkt an die Akademie der Wissenschaften in Wien gewendet, weil Schuchardts Arbeit in einer periodischen Publikation der Akademie erschienen war. Couturat hatte vor, diese Schrift — den vorletzten Beitrag, den Schuchardt der Frage einer künstlichen internationalen Hilfssprache gewidmet hat6 — der Leserschaft der Revue internationale de l’enseignement kurz vorzustellen (vgl. Schuchardt 1904b).

Diese Arbeit von Schuchardt, die Couturat in Auszügen ins Französische übersetzen wollte, stellt einen höchst wichtigen Beitrag zur theoretischen Reflexion über die Problematik der künstlichen Sprachen dar. Schuchardt betont hierin zunächst die Notwendigkeit einer internationalen Verkehrssprache. Als mögliche Lösungen nennt er daraufhin die Wahl irgendeiner lebenden Sprache oder die Wiedererweckung einer toten Sprache. Er glaubt aber, keine dieser beiden Möglichkeiten sei vom praktischen Standpunkt aus zu empfehlen.

„Die Wahl einer lebenden Sprache würde, ganz abgesehen von den einer jeden anhaftenden Unvollkommenheiten, zwischen dem Volke, das sie als Muttersprache besitzt, und den andern Völkern ein unerträgliches Mißverhältnis erzeugen und die letzteren mit völliger Entnationalisierung bedrohen […]. Von den toten Sprachen wiederum läßt sich wegen der Schwierigkeit ihrer Erlernung keine als Gemein­sprache empfehlen; doch werden die Männer, welche mit Bedauern sich der einsti­gen Völkerverbindenden Rolle des Lateins erinnern, angesichts der zahlreichen ganz lateinisch gefärbten Systeme der Geheimsprachen, bis herab zu dem heuer vorgeschlagenen Latino sine flexione, sich damit trösten, daß neues Leben aus den Ruinen erblühe“ (1904a: 283-284 [= Haupenthal (Hrsg.) 1976: 47-48]).

Für Schuchardt verbleibt somit als einzige realistische Option die Erarbeitung einer künstlichen Sprache. Schuchardt weist darauf hin, daß die künstlichen Sprachen zu Unrecht als etwas Unnatürliches und von den natürlichen Sprachen Wesensverschiedenes angesehen werden. Hierin erkennt Schuchardt die Wahnidee der Sprache als eines Organismus wieder. Als überzeugter Sprachfunktionalist weist er diesen „Mystizismus“ zurück:

„zuerst heißt es: „die künstliche Sprache ist ein Homunkulus“7; dann wird fortgefahren: „denn die Sprache ist ein Organismus, dem menschlichen vergleich­bar“. Das trifft nun ganz und gar nicht zu. Es mag nicht verboten sein, von der Sprache ebenso wie z.B. vom Staate als einem Organismus zu reden; aber man darf das Bild nicht ernst nehmen, nicht Folgerungen daraus ziehen, wie es eben im vorliegenden Fall geschieht. Die Sprache ist kein Organismus, sondern eine Funktion, und das muß immer deshalb wiederholt werden, weil diese Auffassung der Sprache als eines Lebewesens auf mancherlei Abwege geführt hat und noch führt. Es muß betont werden, daß im weitesten Umfang die wissenschaftliche Sprachbetrachtung, auch bei hervorragenden Forschern, von der Gefühlssphäre aus nachhaltig beeinflußt worden ist, daß dieser Mystizismus, wie wir wohl sagen dürfen, sich nicht nur unbewußt geäußert, sondern gegen die „rationalistische“ Sprachbetrachtung geradezu gewehrt hat, die doch nicht im mindesten von der wissenschaftlichen verschieden sein kann“ (1904a: 285 [= Haupenthal (Hrsg.) 1976: 49]).

Schuchardt betont, daß der Gegensatz zwischen künstlich und natürlich relativ sei: „natürliche“ Sprachen seien „φύσει καὶ θέσει“. Die Sprachgeschichte bestätige eben dieses Zusammenspiel von Natürlichkeit und Künstlichkeit: Prestige, Macht, künstliche Regelgebung durchkreuzten oft den „natürlichen“ Lauf der Sprachentwicklung, und immer gebe es die Dialektik zwischen individuellen Tendenzen und gesellschaftlich bedingten Einschränkungen. „Wir sind demnach nicht berechtigt, die Kunstsprache, welche in Gänze auf Willkür beruht, der Natursprache gegenüberzustellen; bei beiden ist das Gespinst gleich, nur das Gewebe verschieden, hier feiner und verwickelter, dort gröber und einfacher“ (1904a: 290 [= Haupenthal (Hrsg.) 1976: 52])8.

Weiter im Text räumt Schuchardt mit einigen Vorurteilen gegen die künstlichen Sprachen auf: (a) Sie seien weniger geeignet zum Ausdruck von Gefühlen und Gedanken. Schuchardt betont demgegenüber die expressive Gleichwertigkeit der künstlichen Sprachen. — (b) Sie hätten keine eigene Kultursphäre. Schuchardt widerlegt diese Behauptung, indem er darauf hinweist, daß eine Kultursphäre erst entstehen kann, wenn eine Sprache sich völlig eingebürgert hat. — (c) Es sei in einer künstlichen Sprache kein Fortschritt möglich. Dieses Vorurteil beruht nach Schuchardts Meinung auf der Verwechslung des Ideals einer internationalen Hilfssprache mit dem einer reinen Begriffssprache.

In diesem Zusammenhang erwähnt Schuchardt (1904a: 292-293 [= Haupenthal (Hrsg.) 1976: 55]) auch die Gefahr eines zu weitgehenden „Latinismus“ bei der Schaffung künstlicher Sprachen, und plädiert für ein induktives, psychologisch untermauertes Verfahren:

„Man muß umkehren, und zwar muß man auch, wie ich denke, wenngleich nicht wieder philosophisch, doch etwas psychologisch verfahren, nämlich die in Vorschlag kommenden Wörter daraufhin untersuchen, ja geradezu experimentell prüfen, wie leicht sie sich dem Gedächtnis einprägen, wie fest sie in ihm haften, wie sicher sie von anderen unterschieden werden““ (1904a: 293 [= Haupenthal (Hrsg.) 1976: 55]).

Zum Schluß gibt Schuchardt einen Überblick über die schon bestehenden internationalen Hilfssprachen, und zieht die sich ergebenden praktischen Konsequenzen: Es ist von wesentlichem Interesse, daß der Gebrauch einer einzigen künstlichen Sprache von einer offiziellen Instanz angeordnet wird. Hier findet Schuchardt ein Prinzip wieder, das auch in der Geschichte der „natürlichen“ Sprachen eine entscheidende Rolle spielt, nämlich Machtverhältnisse.

„Es handelt sich also hier um eine ähnliche Machtfrage wie bei dem Wettbewerb, der innerhalb einer Sprache stattfindet, zwischen den in gleicher Funktion stehenden Wörtern, Wortformen, Wendungen, Satzverbindungen. Und auch hier wird man darauf denken, die persönlichen Kräfte zu zielbewußtem Wirken zu einigen; nur von einem autoritativen Mittelpunkt aus kann die gemeinsprachliche Bewegung glücklich abgeschlossen werden“ (1904a: 295 [= Haupenthal 1976: 57]).

In Schuchardts Schrift hat Couturat zweifellos wichtige Berührungspunkte mit seinen eigenen Ansichten zu den künstlichen Sprachen gefunden: die Wahl einer neu zu erschaffenden Sprache, eine überzeugende Widerlegung gewisser Vorurteile über die künstlichen Sprachen, die Wichtigkeit einer kräftigen, auf eine einzige künstliche Sprache gerichtete Werbeaktion. Der Brief von Viktor Lang ist ein Beleg für Couturats sehr positives Urteil über Schuchardts theoretische Stellungnahme.

Briefedition und Kommentare

Neue, korrigierte Fassung (November 2014), mit Dank an Katrin Purgay und Verena Schwägerl-Melchior

Die Webedition wurde unter Mitarbeit von Katrin Purgay erstellt.

Bibliographie

Baudouin de Courtenay, Jan. 1907. 'Zur Kritik der künstlichen Weltsprachen'. In Annalen der Naturphilosophie 6: 385-433. [= Haupenthal (ed.) 1976: 59-110.]

Brugmann, Karl & August Leskien. 1907. Zur Kritik der künstlichen Weltsprachen. Straßburg: Trübner.

Couturat, Louis & Léopold Leau. 1903. Histoire de la langue universelle. Paris: Hachette.

Haupenthal, Reinhard (ed.). 1976. Plansprachen. Beiträge zur Interlinguistik (Wege der Forschung, 325). Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

Meyer, Gustav. 1891. 'Weltsprache und Weltsprachen'. In Schlesische Zeitung 12. und 14. Juni 1891. [= Gustav Meyer. 1893. Essays und Studien zur Sprachgeschichte und Volkskunde. Straßburg: Trübner, 23-46.] [= Haupenthal (ed.) 1976: 27-45.]

Schuchardt, Hugo. 1888. Auf Anlaß des Volapüks. Berlin: Oppenheim.

Schuchardt, Hugo.1894. Weltsprache und Weltsprachen. An Gustav Meyer. Straßburg: Trübner.

Schuchardt, Hugo.1904a. 'Bericht über die auf Schaffung einer künstlichen internationalen Hilfssprache gerichtete Bewegung'. In Almanach der Akademie der Wissenschaften in Wien 1904: 281-296. [= Schuchardt 19282: 370-384] [= Haupenthal (ed.) 1976: 46-58.]

Schuchardt, Hugo.1904b. 'Rapport sur le mouvement tendant à la création d’une langue auxiliaire internationale artificielle'. In Revue internationale de l’enseignement 15: 3.

Schuchardt, Hugo.19282. Hugo Schuchardt-Brevier. Ein Vademecum der allgemeinen Sprachwissenschaft. Zusammengestellt und eingeleitet von Leo Spitzer. Halle: Niemeyer. [19221.]

Seldeslachts, Herman & Pierre Swiggers. 1995. 'Zu Schuchardts Rolle in der interlinguistischen Bewegung: Das Zeugnis Heinrich von Manszynys'. In Orbis 38: 224-228.

Swiggers, Pierre & Herman Seldeslachts. 1995. 'Une lettre de Lev Ščerba à Hugo Schuchardt à propos de la création d’une langue auxiliaire internationale'. In Orbis 38: 215-223.

Wolf, Michaela. 1993. Hugo Schuchardt Nachlaß. Schlüssel zum Nachlaß des Linguisten und Romanisten Hugo Schuchardt (1842-1927). Graz: Leykam.

Herkunft der Digitalisate

Die von Viktor Lang an Hugo Schuchardt verschickten Briefe befinden sich in:

Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen