Johann Georg Krönlein
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Zitiervorschlag: Gerald Russow (2015): Johann Georg Krönlein. In Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.person.1967, abgerufen am 18. 08. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.2.1967.
Einleitung
Die Korrespondenz zwischen Johann Georg Krönlein und Hugo Schuchardt wurde von Gerald Russow bearbeitet, kommentiert und eingeleitet.
Die Webedition wurde unter Mitarbeit von Lilly Olet erstellt.
Bedeutung
Johann Georg Krönlein folgte nach einer Einschulung in der Rheinischen Missionsgesellschaft Barmen 1851 Samuel Hahn in Berseba nach. Die Siedlung wurde 1850 von Samuel Hahn als Rheinische Missionsstation in der Nähe von Keetmanshoop1 im Süden Deutsch-Südwestafrikas gegründet und nach dem biblischen Namen in der Genesis 21, 31 benannt. Das Berseba-Naturschutzgebiet war später Gegenstand eines Vertrages zwischen der deutschen Regierung und den dort ansässigen Nama. Heute sprechen noch ungefähr 12 % der namibischen Bevölkerung Nama als Muttersprache. Charakteristisch für die gesamte Sprachfamilie sind Schnalzlaute und Töne.
Zum Zeitpunkt von Krönleins Eintreffens in Afrika war das Gebiet, das man später als Deutsch-Südwestafrika und seit 1990 offiziell als Namibia kennt, noch nicht unter Kolonialherrschaft, abgesehen von einigen portugiesischen Siedlungen an der Küste. Die Bevölkerungsgruppe der Orlam, eine Mischung aus Kapholländern und Nama, drang vom Kapland nordwärts vor und geriet im Laufe der Zeit in Konflikt mit den Herero2, welche hauptsächlich im Norden des Landes leben.
Durch seine vermittelnde Art wurde er populär mit seiner Missionsstation, in der er von 1853-64 tätig war und zeitweilig als friedensstiftend zwischen den einheimischen Völkern der Nama und Herero wirkte. Als einer der ersten befasste er sich mit der Nama-Sprache, übersetzte den Luther-Katechismus und schloss 1857 ein Nama-Wörterbuch ab. 1862 war die Übersetzung des Neuen Testaments fertig. Nach 27 Jahren in Berseba wurde er Vorsteher seiner Gesellschaft in Stellenbosch, wo seine Vermittlungsversuche im neuerlichen Krieg zwischen Nama und Herero allerdings wenig fruchteten. Bis zu seinem Tod stand er der lutherischen Gemeinde in Wynberg3 vor.4
Der Brief von Schuchardt an Krönlein, der bisher unveröffentlicht war, besteht aus sieben Seiten, ist in überaus schwer leserlicher, teilweise kaum entzifferbarer Kurrentschrift gehalten. Trotz intensiver Bemühung bleiben ein paar Wörter im Dunkeln, welche allerdings nicht von großer Bedeutung für die Erfassung des Textes sind.
Krönlein ist in freundlicher Art bemüht zu helfen und stellt vier Seiten an Sprachproben zur Verfügung, wobei er sogar das Kapholländische jeweils dem "richtigen" Holländisch gegenüberstellt. Der Briefverkehr ragt unter den anderen das Afrikaans-betreffende aufgrund seiner Fülle an Sprachmaterial heraus; deshalb wird der Bearbeitung hier auch breiter Raum gewidmet.
Im ersten Brief an Nicolas Mansvelt vom 9. September 1885 verweist Schuchardt auf diese Korrespondenz.
Übersetzung und Interpretation der Textproben:
Nach den jeweils kontrastiven, zusammengehörenden Beispielen (von mir nummeriert) gebe ich die Übersetzung in Kursivschrift mit Erläuterungen zur Verdeutlichung in Arial-Schrift wieder und mache zudem die besprochenen Beispiele in Fettdruck und anderer Schrift graphisch kenntlich. Krönleins Orthographie ist sowohl im Standardniederländischen als auch im Afrikaans uneinheitlich und sogar willkürlich. So wechselt er zwischen /ij/ und /ÿ/, /z/ und /s/, das ja im Standard-Afrikaans nicht mehr als Kennzeichnung des alveolaren Frikativs zu finden ist. Das Graphem /ÿ/ wird seit der Vereinheitlichung der afrikaansen Rechtschreibung (1921) generell nur als /y/ dargestellt und hat seinen Ursprung ja in der niederländischen Ligatur /ij/. Dazu kommen in den Textbeispielen wahlweise /ā/ und /aa/, /ik/-/ike/-/ek/ vor, was möglicherweise auch mit der Wiedergabe der Sprechweise oder Emphase zu tun haben könnte.
Krönleins Textbeispiele gaben Schuchardt mit Sicherheit Aufschluss über einige Entwicklungen des Kapholländischen, vor allem was die reduzierten grammatischen Strukturen im Vergleich zum Niederländischen betraf.
1.
Ik is mos nie a gek nie, dat ike zoo zal maak as jy maak om zoo maar te mors en die banje5 goed wat jy gekry hed.
richtig holländisch: Ik ben immers geen dwaas, dat ik zoo zou doen als jy doet het veel goed by gekregen hebt zoo met ens verkwisten?
Ich bin doch kein Idiot, dass ich das so mache wie du gemacht hast, um die vielen Sachen die du bekommen hast (mit ihnen) zu verschwinden.
In diesem Satz kommt mit /a gek/ eine interessante Wiedergabe des im heutigen Afrikaans vorhandenen Artikels /‘n/ vor; möglicherweise lehnt sich Krönlein damit in der Schreibung an den englischen Artikel /a/ an, der lautlich ja ebenso als [ə] artikuliert wird. Deutlich ist im Kontrast zum niederländischen Satz die doppelte Verneinung /nie a gek nie/ zu sehen und das aus dem Malaiischen stammende /banje/ (heute als baie wiedergegeben).
2.
Die kleinjong (auch wohl kllong?) is amber geval maar ik hed hom obgevang en zoo naar huis toe gedra anders had hy nou dan dood gewez!
Die kleine jongen is er byna gevallen ik heb hom echter obgevangen en terstond naar huis gedragen anders kon hy nu dood zijn. /3/
Der kleine Bub ist fast gefallen, aber ich habe ihn aufgefangen und so nach Hause getragen, anderenfalls hätte er tot sein können.
Wie auch schon im vorangegangenen Satz ist in der Perfektform des Verbs das Schwinden der personenbezogenen Konjugation sichtbar. Im Niederländischen lauten eben die übereinstimmenden Formen in der 2. und 1. Person hebt und heb mit dem Partizip und nicht so wie in der afrikaansen Schwundvariante in allen Personen het. Beim Wort für fast (im Holländischen als byna wiedergegeben, ist die von Krönlein wohl empfundene Lenisierung zu erkennen, im heutigen Afrikaans ist es nämlich amper, was aus dem Malaiischen stammt.
3.
Noe, nie lag nie, ou bās, ik is kwaai net as ou bās zij boeldog, omdat hulle na mijn geschiet hed as of ik een wilde bēs was.
Lagd niet, ou baas, ik ben kwaad juist (zoo kwaad) als ou baas buldog omdat zij naar mij heben geschoten als of ik een wild beest ware.
Lacht nicht, alter Chef, ich bin sauer gerade so wie des alten Chefs Bulldogge. Wie ihr nach mir geschossen habt, als ob ich ein blaues Gnu wäre.
Auch in diesem Beispiel sieht man – diesmal sogar in Kombination – die doppelte Verneinung und die Apokope des auslautenden –t (hier im Niederländischen mit –d wiedergegeben.
4.
Dat is mos sij wat my vrouw is die wat zoo mors met mijn en mijn amber dood, gegōi het. Ik is nie stāt nie, haar te keer as sy ers kwaai.
Dat is immers mijne vrouw, die zoo slecht met mij omgaat en mij bijkans dood geworpen heeft. Ik kan haar volstrekt niet keeren wanneer zij kwaad word.
Das ist doch meine Frau, die so schlecht mit mir umgeht und mich beinahe erschlagen hätte. Ich kann sie nicht aufhalten wenn sie in Wut ist.
Beim Infinitiv ist hier der Ausfall der Endsilbe zu sehen.
5.
Jij is dan rechte malkop met jou nieuwe wā zaam.
Jij zijt dan zeer erg gesteld op uwen nieuwen wagen.
Du bist verrückt mit deinem neuen Wagen.
Deutlich zeigt sich hier die starke Apokope des –gen im Wort für Wagen.
6.
Kerl, wat mankēr jou, dat jij heel dag zit neul en kerm oor jou bātje die hat Jan gevat en gedaan gescheur heel te māl tot flenters.
holl:
Kerl, wat scheelt. U, dat jij den ganschen dag zit huilen en kermen over uwe jas! die is door Jan genomen en geheel en al versleten.
Kerl, was ist los mit dir, dass du den ganzen Tag sitzt heulend und jammernd die Jacke hat Jan genommen und kaputt gemacht.
7.
Ik is nie klei kind nie dat jij mijn zoo zal staan vernoek, jij schelm, māk, jou weg uit mij oog of ik gē, jou een dērlijek pak slā, dat jij nie wêer opstaan nie.
holl:
Ik ben niet een klein kind, dat jij mij zoo zou kunnen bedriegen, jy schelm, ga weg uit mijn gezigten zoo niet ik geef U een pak slagen, dat jij niet weder zult opstaan.
Ich bin ja kein kleines Kind, dass du mich so bedrohen kannst du Lump, geh aus meinem Gesicht oder ich werde dich so verdreschen, dass du nie mehr aufstehen wirst.
Wie schon im Satz vier ist auch hier die Apokope der Endsilbe zu sehen.
8.
Dat is jammer, dat jou koeis nie gekalf hed nie, anders had ons banje melk gedrink in deze dā.
Het is spijtig, dat uwe koegen niet kalveren gekregen hebben, anders zouden wij veel melk gedronkenhebben in deze dagen.
Es ist schade, dass deine Kühe noch nicht gekalbt haben, sonst hätten wir dieser Tage viel Milch trinken können.
In der Perfektform zeigt sich im Kapholländischen hier der Verlust der starken Biegung.
9.
Bāslāt ek rōk ik is danig lus om pyp rōk, mār bās moet lekker tabak gē, de boer tabak is slech, ik is gek na amerikans tabak, die bijte e mens op de tong.
Heer, laat mij rooken, ik heb zeer groote lust om een pijp to rook maar de Heer moet mij goeden (smakelijken) tabak, de boer tabak is slecht, ek ben een liefhebber van amerik. plat.? tabak plats tabak, die prikkelt de tong.
Chef, lass mich rauchen, ich habe große Lust eine Pfeife zu rauchen, aber der Chef muss mir guten Tabak geben, der Burentabak ist schlecht, ich bin ein Liebhaber amerikanischen Tabaks, der kitzelt auf der Zunge.
Dieser Satz ist ein gutes Beispiel für die im Afrikaans auftretenden Apokope von –/t/ kontrastierend zu sehen in den Wörtern für Lust und schlecht. Fraglich ist für mich, wie Krönlein in seiner Notation die gelängten /ā, ē, ō/ meint, denn einerseits ist in einem Wort wie bās und lāt eine Längung auch im heutigen Afrikaans vorhanden, bei rōk und gē jedoch handelt es sich heutzutage zweifelsfrei um Diphthonge nämlich in der Realisierung als [uə] und [iə] .
10.
Ōm Jakob zij osse deug nix nie, hierdie is te lui en lomp om te werk, maar tantje Kātje zij span is flux, en raps op de bēne, met hulle kan a mens wegkom op pad.
Oom Jakobs ossen zij niets waard, zij zijn te traag en ongeskikt om te werken, om tante Katjes span (ossen) is gaauw en flug op de beene, men kan met sien wegkomen op reis.
Onkel Jakobs Ochsen taugen nichts, sie sind zu träge und ungeschickt um zu arbeiten, aber Tante Katjes Gespan ist flink und flott auf den Beinen, mit ihnen kann man gleich gut drauflos gehen.
Wieder sichtbar ist die verschwundene Konjugation des Hilfsverbs und der Wegfall des –en im Infinitiv.
11.
Jij schāpskop! Hed jij dan nie ō nie om te zien, hoe jij zal spōr snij om a ding te krij? Daar lē mos die goed zij spōr op die grond. Waarom lōp jij nie op die spōr dat jij krij. Lompe kerel wat jij is, jij moet maar met pak sla he. /4/
Jij domme kerel, hebt jij dan geene oogen om te zien hoe jij moet spoor snijden, om iets te vinden. Daar liggt immers de spoor van het vee op te grond. Waarom liegt sy niet op die spoor totdat hy zou gekregen hebben. Jy hebt slechts en pak slagen verdiend.
Du Vollidiot! Hast du keine Augen um zu sehen wie du die Spur ziehen musst, um etwas zu bekommen? Da liegt doch die Trittspur des Viehs auf dem Boden. Warum läufst Du nicht nach der Spur um sie zu finden. Fauler Kerl wie du bist, hättest du eine Tracht Schläge verdient.
Hier und im vorhergehenden Beispiel 4 ist die Deflexion des Verbs sein hervorzuheben, das im Kapholländischen wie das oben beschriebene Beispiel (het) in 2 funktioniert. Der Infinitiv im Niederländischen lautet zijn, auf Afrikaans wees (abgeleitet vom Partizip geweest). Obwohl rein grammatisch sein beim Satz vier in Verbindung mit den Ochsen im Plural wäre und im fünften Teilsatz im Beispiel fünf die zweite Person ist in allen Personen (auch noch heute) is die konjugierte Kopula.
Bibliographie
ADB=Allgemeine Deutsche Biographie. Leipzig: Duncker & Humblot 1883. Onlinefassung verfügbar unter: http://www.deutsche-biographie.de/index.html.
Burman, Jose (1974). Wynberg. In Standard encyclopaedia of Southern Africa. 1st ed., Bd 11. Kapstadt: NASOU. 547a-549a.
Baikie Miller, W. (1973). Namaland. In Standard encyclopaedia of Southern Africa. 1st ed., Bd 8. Kapstadt: NASOU. 28.
Baikie Miller, W. (1972). Keetmanshoop. In Standard encyclopaedia of Southern Africa. 1st ed., Bd 6. Kapstadt: NASOU. 319a-320b.
Rensburg, Christo van (2012). So kry ons Afrikaans. Pretoria: Lapa Uitgewers.
Trümpelmann, G.P.J. (1972). Johann Georg Krönlein. In Standard encyclopaedia of Southern Africa. 1st ed., Bd 6. Kapstadt: NASOU. 463.
Herkunft der Digitalisate
Die von Johann Georg Krönlein an Hugo Schuchardt verschickten Briefe befinden sich in:
