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Louis Couturat

URI: https://gams.uni-graz.at/o:hsa.persons#P.1333
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Zitiervorschlag: Hausmann, Frank-Rutger (2018): Louis Couturat. In Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.person.1333, abgerufen am 28. 02. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.2.1333.


Bedeutung

Couturat wurde in Ris-Orangis (Essonne) geboren und besuchte ab 1887 die École Normale Supérieure, um Mathematik und Philosophie zu studieren. Im Jahr 1895 wurde er Philosophiedozent an der Universität Toulouse, 1897 Dozent für Philosophie und Mathematik an der Universität Caen. Er verbrachte einige Zeit in Hannover, um die Manuskripte Leibniz‘ zu studieren. Im Jahr 1905 wurde er Assistent Henri-Louis Bergsons (1859-1941) am Collège de France. Er gilt als einer der bedeutendsten Vertreter einer symbolischen Logik und war ein überzeugter Pazifist. Tragischerweise wurde er bei einem Autounfall getötet, als sein Wagen mit einem Armeefahrzeug zusammenstieß, das den Mobilisierungsbefehl für die französische Armee am Vorabend des Beginns des Ersten Weltkreigs beförderte. Couturat stand in brieflichem Kontakt zu zahlreichen deutschen Gelehrten (Karl Brugmann, Moritz Cantor, Hermann Diels, Gottlob Frege, Johann Kelle, Richard Lorenz, Paul Natorp, Ferdinand Tönnies, Hans Vaihinger u. a.).

Der Briefwechsel mit Schuchardt umfasst 63, z. T. recht ausführliche Briefe und Postkarten aus den Jahren 1901 bis 1914. (Gegenstücke Schuchardts müssen als verloren gelten). Fast immer geht es in dieser Korrespondenz um Fragen der Plansprachen, wobei Couturat Schuchardt als aktiven Unterstützer gewinnen will. Er selber ist letztendlich davon überzeugt, dass ein leicht verändertes Esperanto (Ido) von allen Plansprachen am besten geeignet wäre, die Erwartungen unterschiedlicher Muttersprachler zu erfüllen, insbesondere der frankophonen, anglophonen und germanophonen Sprecher. Es gelingt ihm, Schuchardt als Mitglied in die von ihm und seinem Mitstreiter, dem Mathematiker Léopold Leau (1868-1943), im Jahr 1901 gegründete Délégationpour l'Adoption d'une Langue Auxiliaire Internationale zu berufen. Schuchardt stimmte dem vermutlich zu, weil er dem Esperanto als Plansprache einen gewissen Vorzug einräumte und im Jahr 1904 der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien einen „Bericht über die auf Schaffung einer künstlichen internationalen Hilfssprache gerichtete Bewegung“ erstattet hatte. Folgerichtig sollte er im Jahr 1907 diese Akademie als ihr spezieller Delegierter bei der vom 29. Mai bis 4. Juni 1907 in Wien stattfindenden Generalversammlung der internationalen Assoziation der Akademien in Fragen, die die oder eine internationale Hilfssprache betrafen, vertreten, doch wurde dieser Punkt nicht auf die Tagesordnung übernommen.

Die einundzwanzig z. T. sehr ausführliche Briefe und Postkarten Couturats aus dem Jahr 1907 belegen, dass dieses Jahr zum Jahr der Entscheidung wurde, ob sich die Wissenschaftlichen Akademien Europas, federführend für den internationalen Gelehrtenaustausch, auf eine anerkannte Plansprache verständigen konnten. Dies gelang nicht, und der Erste Weltkrieg setzte diesen Bemühungen ein abruptes Ende. Im Lauf des 20. Jahrhunderts sollte dann schließlich das Englische diese Rolle übernehmen.

Couturat hat Schuchardt in sehr ausführlichen Briefen, die vielfach sonst nicht überlieferte Informationen und Materialien enthalten, über seine Pläne und Demarchen auf dem Laufenden gehalten. Doch Schuchardt ließ sich nicht zu aktiver Mitarbeit bewegen. Nach 1907 hat er sich auch nicht mehr schriftlich zum Thema einer internationalen Sprache geäußert. Er reklamierte für sich die Rolle eines sprachwissenschaftlichen Sachverständigen, nicht die eines kreativen Sprachschöpfers. Zwar ließ er sich im Jahr 1907 in ein Berater-Comité der Délégationpour l'Adoption d'une Langue Auxiliaire Internationale, das von Couturat und Leau organisiert wurde, wählen, nahm jedoch nicht an den Sitzungen des Comités teil. So sind nach 1907 nur noch drei Briefe Couturats erhalten, die das Thema der Plansprachen allenfalls streifen.

Laut Auskunft von Herrn Mag. Dr. Stefan Sienell (Österreichische Akademie der Wissenschaften, Bibliothek, Archiv, Sammlungen) befindet sich im Wiener Akademie-Archiv ein umfangreiches Konvolut (Sign. C 12) im Bestand „Association internationale“ (Schachtel 4), das den Fragenkomplex „Einführung einer Internationalen Sprache“ betrifft und Gegenstand eigener Untersuchungen sein müsste.

Wichtiger Hinweis: „Die Sammlung für Plansprachen der Österreichischen Nationalbibliothek beherbergt die weltweit größte Fachbibliothek für Interlinguistik und dokumentiert rund 500 Plansprachen. Darunter neben Esperanto, das heute die wichtigste Plansprache ist, auch Volapük, Ido, Interlingua und viele andere“. Alle wichtigen Abhandlungen sind digitialisiert und frei einsehbar. Hier sind auch alle wichtigen Schriften und Stellungnahmen Couturats vorhanden, die bei der folgenden Wiedergabe seiner Briefe nicht alle zu Wort kommen können.

Informationen

1901 2 Briefe, 1 PK

1902 7 Briefe, 3 PK

1903 3 Briefe, 1 Rundschreiben

1904 5 Briefe, 11 PK

1905 2 Briefe, 1 PK

1906 2 Briefe, 1 PK

1907 16 Briefe, 4 PK, 1 Briefkopie (darunter Rundschreiben, Kopie eines Briefs an Leskien usw.)

1909 1 Brief

1912 1 Brief

1914 1 PK

Bibliographie

Gottlob Frege, Nachgelassene Schriften und wissenschaftlicher Briefwechsel, Teil: Bd. 2., Wissenschaftlicher Briefwechsel / hrsg., bearb., eingel. u. mit Anm. vers. von Gottfried Gabriel, Hamburg: Meiner, 1976, 17-26 (Briefwechsel Couturat-Frege);

Hermann Maria Ölberg, „Die Weltsprachenfrage im wissenschaftlichen Werk Hugo Schuchardts“, Sitzungsbericht der philosophisch-historischen Klasse, Österr. Akademie der Wissenschaften 373, 1978, 174-187;

L'Œuvre de Louis Couturat: 1868-1914: ... de Leibniz à Russell ... : [communications faites au Colloque international consacré à l'œuvre de Louis Couturat qui s'est tenu en juin 1977 à l'Ecole normale supérieure], Paris: Presses de l'Ecole normale supérieure, 1983;

Massimo Ferrari, „Lettere di Louis Couturat a Paul Natorp“, Rivista di Storia della Filosofia 44, 1989, 115-139;

Herbert Mayer, „Das Kind des Esperanto. Briefe Louis Couturats an Hugo Schuchardt (1901-1914)“, in: Helmut W. Lang (Hrsg.), Mirabilia artium librorum recreant te tuosque ebriant, Wien: Phoibos, 2001, 207-214;

Anne-Françoise Schmidt, „La correspondance inédite entre Bertrand Russell et Louis Couturat“, Dialectica. International Journal of Philosophy 37,2, 1983, 75-109;

Bertrand Russell, Correspondance sur la philosophie, la logique et la politique avec Louis Couturat, éd. Anne-Françoise Schmidt, Paris: Éd. Kimé, 2001, 2 Bde.;

Giuseppe Peano, Louis Couturat, Carteggio; a cura di Erika Luciano, Clara Silvia Roero, Florenz: Olschki, 2005 (Archivio della corrispondenza degli scienziati italiani; 16);

Ralf Krömer / Yannick Chin-Drian, New Essays on Leibniz Reception: In Science and Philosophy of Science 1800-2000, Basel [u.a.];Birkhäuser, [2012];

Michel Fichant / Sophie Roux, Louis Couturat (1868-1914); mathématiques, langage, philosophie, Paris: Classiques Garnier, 2017 (Histoire et philosophie des sciences; 9);

Louis Couturat, Logique, mathématiques, langue universelle. Anthologie 1893-1917, ed. Michel Fichant, Lyon: ENS Éditions

2018, Başak Array, „Louis Couturat, modern logic, and the international auxiliary language“, British Journal for the History of Philosophy, 2019 (online).

Herkunft der Digitalisate

Die von Louis Couturat an Hugo Schuchardt verschickten Briefe befinden sich in:

Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen