Karl Engler an Hugo Schuchardt (04-02747)

von Karl Engler

an Hugo Schuchardt

Halle

04. 06. 1876

language Deutsch

Schlagwörter: Halle Österreich

Zitiervorschlag: Karl Engler an Hugo Schuchardt (04-02747). Halle, 04. 06. 1876. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2022). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.9883, abgerufen am 26. 02. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.9883.


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Halle, Bahnhof d. 4. Juni 76
Wartesaal II Cl. Temp. ca. 30°.

Lieber Schuchardt!

Nach Ihrer Definition von Honoratioren sind wir in Stadt Hamburg sämtlich Knoten 1, denn ich bin heute der letzte, der – Pfingstsonntag – die Pfingstreise beginnt; alle Anderen sind schon weg. Ihren Brief bekam ich unmittelbar vor meinem Weggehen aus d. Wohnung & hatte ich gerade nur noch Zeit eine Adresse mit Dinte zu schreiben, bitte deshalb den Blei-Brief zu entschuldigen. Zunächst meinen Freudenausdruck darüber, daß Sie sich wohler befinden, fahren Sie so fort! Ich setze meine ganze Hoffnung auf Nassau 2, denn „Nassauern“ soll jungen Leuten von erregbarem |2| Gemüth besser bekommen als „Potzdamern“. 3

Sie fragen:

A. Wann das Semester in

α. Oesterreich

β. Halle

beginnt. Leider weiß ich einstweilen nur, daß der officielle Anfang inHalle d. 15. Oktober ist; wann in Oesterreich ist mir unbekannt.

B. Ob Schum4 die Osterferien5 in Halle sein wird? Soweit ich weiß ja; er hat zwar in Stadt Hamburg abgesagt, doch hat er wahrscheinlich wie sein Bett nun auch seinen Trog zu Wagners verlegt.

C. Ob & wann Sie Ihr Entlassungsgesuch einreichen sollten?6 Ich werde darüber mit Gregor |3| den ich in Münchenhof (Gut von Märckers7 Schwester, woselbst wir Pfingsten verleben) treffe8 , conferiren. Ich verstehe Ihren Bericht so daß ich Kraus9 Ihren Weggang mit dem Siegel etc. mittheilen darf. Es wird schleunigst einer von uns dann antworten. Wir werden uns hoffentlich Ende der Woche hier treffen; einstweilen zur Mittheilung, daß ich es nicht nöthig habe, immer noch von jener ersten Reise zu zehren.

Ihre Grüße an ??10 hat einstweilen nur der erstere dankend entgegengenommen & entbietet Ihnen wieder seinen gnädigen Gruß; auch als Mensch grüßt Sie herzlichst

Ihr

getreuer

K. Engler


1 Regionalismus für einen „plumpen, ungebildeten, groben Menschen“.

2 Traditionsreicher Kurort (im heutigen Rheinland-Pfalz).

3 Der Sinn dieses Wortspiels ist nicht ganz klar. „Nassauern“ bedeutet auch heute noch so viel wie „schnorren, sich durchbetteln“, aber „Potzdamern“ ist nicht belegt. Es kann eine Anspielung auf die Stadt Potsdam sein, aber auch Verstärkungspartikel (vgl. Potz Blitz, Ausruf der Verwunderung)), hier vielleicht im Sinne von „Frauen den Hof machen“?

4 Wilhelm Schum (1846-1892), histor. Mediävist in Halle.

5 Wohl gem. „Sommerferien“?

6 Das Entlassungsgesuch Schuchardts aus dem preußischen Staatsdienst ist auch in seinen Berufungsverhandlungen im Ministerium in Wien Thema (vgl. Berufungsakte Graz).

7 Max Maercker (1841-1902), deutscher Agrikulturchemiker, a. o. Professor für Agrikulturchemie und physiologische Chemie am Landwirtschaftlichen Institut Halle.

8 Nicht identifiziert.

9 Gregor Kraus (1841-1915), Ordinarius für Botanik in Halle u. Leiter des botanischen Gartens; 1891 Rektor, später Rufannahme nach Würzburg.

10 Die Namen, deren Lesart nicht gesichert ist (Prups od. Purps, Burschen, Fuesse [???]).

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 02747)