Hugo Schuchardt an Mathias Murko (27-HSMM21)
von Hugo Schuchardt
1908-12
Deutsch
Schlagwörter: Wörter und Sachen [Zeitschrift] 50. Versammlung deutscher Schulmänner und Philologen (Philologentag) in Graz (1909) Grimm, Jacob Meyer-Lübke, Wilhelm Much, Rudolf Müller, Friedrich Meringer, Rudolf Wien Graz Schuchardt, Hugo (1908) Schuchardt, Hugo (1911) Meringer, Rudolf (1911) Meringer, Rudolf (1904)
Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Mathias Murko (27-HSMM21). Graz, 1908-12. Hrsg. von Helena Reimann (2022). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.9791, abgerufen am 09. 06. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.9791.
Graz, Ende Dezember 19081
In der vorletzten Oktoberwoche d. J. besuchte ich Prof. R. Meringer und hatte eine freundliche und friedliche Unterhaltung mit ihm; sie drehte sich hauptsächlich um die demnächst ins Leben tretende Zeitschrift „Sachen und Wörter“, für die er von allem Anfang an mein Interesse beansprucht und geweckt hatte. Ich setzte meine mündlichen Äußerungen am folgenden Tage in einem Briefe fort; ich deutete an wie sehr es dem Zwecke eines so neuartigen Unternehmens dienen würde wenn das erste Heft aus vorbildlichen Aufsätzen aller vier oder fünf Herausgeber bestünde, und sprach den Wunsch aus dass die dem und von „Sachen und Wörtern“ beizumessende Bedeutung in der regelmäßigen Ergänzung sachgeschichtlicher Arbeiten durch wortgeschichtliche und umgekehrt zum Ausdruck kommen möchte, wobei ich an die Verbindung des Sprachforschers und des Botanikers in der Neuausgabe von V. Hehns Buch erinnerte; insbesondere aber glaubte ich in Prof. Meringers eigenem Sinne zu sprechen, da er ja stets, und mit aller Vorsicht und Rücksicht geäusserten rein sachlichen Bemerkungen lehnte er auf einer Karte in gereiztem Ton ab; ich antwortete ihm mit einer Karte auf der ich die Gemeinsamkeit unseres Standpunktes und unsern freundschaftlichen Verkehr betonte, und darauf erhielt ich folgenden Brief:
Graz 24/X 08.
Lieber Herr Hofrat!
Daß Sie zu denselben Ansichten gekommen sind, ist sehr erfreulich. Aber Sie täuschen sich, wenn Sie meine Ansichten und die Zeitschrift für zwei von einander völlig verschieden Dinge halten.
Ich gründe die Zts, um für meine Gedanken, die ich von Niemand Anderen habe, Propaganda zu machen. Deswegen habe ich auch den von mir gebrauchte Kampfruf Wörter und Sachen obenan gesetzt. Sie werden sich erinnern, daß ich lange nach einem Titel für meine Arbeiten suchte. Da viel mir das Wort ein. Erst später kam ich darauf, daß die beiden Wörter, wenn auch nicht in der prägnanten Form, von J. Grimm verwendet worden waren.
Meyer-L., R. Much, Murko haben sich mir angeschlossen. Sie kannten seit langen Jahren meine Studienrichtung, haben meinen Vorträgen über Haus und Hausrat seit 1890 angewohnt. Meyer-Lübke hat sich für meine Professur in Wien nach Fr. Müllers Tod so eingesetzt, weil er die Tragweite dieser Richtung erkannte. Der Vorschlag – den er ausgearbeitet hat - verteidigte mich gegen den Vorwurf der „Allotria“ und gerade auf „das geflochtene Haus“ stützte er sich, um mein Anrecht auf die Wiener Professur zu rechtfertigen. Ich habe ihm deshalb in den I. F. XVI S. 193 Anm. 2 ausdrücklich dafür gedankt, daß „er immer die Sachstudien verteidigte“.
In Ihrem vorletzten Briefe sagen Sie: „die Schulung ethnographischer Linguisten muß angestrebt werden“. Das sagen Sie mir? Ich denke, Sie wissen, daß ich solche Dinge selbst weiß.
Was der Inhalt meines Kampfrufs „Wörter und Sachen!“ ist, war mir nicht unklar. Er ist ein Ideal. Gute sachgeschichtliche Arbeiten werden die sprachgeschichtliche Ergänzung schon von selbst nach sich ziehen. Deshalb werde ich sie eben abdrucken. Wer was weiß, wird sich schon melden.
Soll man etwa ein eigenes Organ für Sachgeschichte abwarten? Da müßten wir lange warten Ich muß mit meinen Freunden das selbst in die Wege leiten — das ist mir längst klar. Heute trägt mir einer unserer ersten Etymologen eine sachliche Arbeit an. Natürlich nehme ich sie.
|2|Sie nennen unseren Verkehr freundschaftlich. Wie stimmt dazu Ihre gütige Aufforderung mich zu ärgern? Ich antwortete Ihnen, ich hätte derzeit keine Zeit dazu.
Darauf antworten Sie höhnisch, ich hätte auch früher etwas besseres zu tun gehabt, und hätte mich doch geärgert.
Ich danke Ihnen sehr!! Ich antworte Ihnen, daß auch ein großer Idealist, wie ich einer bin, endlich klar sieht und dann eben anders reagiert.
Freundschaft muß gegenseitig sein. Aber auf der einen Seite ein warmes Herz — auf der anderen schon direkte Feindseligkeit — das stimmt nicht zusammen.
Dabei komme ich nicht auf meine Kosten. Wie oft war ich bei Ihnen, um irgend einen kleinen Fund Ihnen mitzuteilen. Was fand ich? Ablehnung, alle kalten Erzeugnisse des Geistes. Sie nannten das, den advocatus diaboli spielen. Ich danke Ihnen schön, dafür habe ich keine Verwendung. Von einem Freunde verlange ich etwas anderes.
Was würden denn Sie sagen, wenn ich in Ihrem Stilus heute sagte: So! und nun grollen und schmollen zur Abwechslung Sie, wie es Ihnen beliebt!
Ich habe Ihnen immer alle Vorrechte eingeräumt, als ob Sie mein Lehrer gewesen wären. Das waren Sie nie. Ich bin als vollkommen reifer Mann nach Graz gekommen. Sie haben mich dazu gebracht, mir einmal klar zu machen, wie denn unser tatsächliches Verhältniß eigentlich beschaffen ist. Wissenschaftlich war ich nie von Ihnen abhängig. Sie haben mich nun auch menschlich frei gemacht.
Ich wünsche Ihnen einen guten Winter.
R. Meringer.
Es ist das ein Absagebrief in allerschönster Form, der einen langjährigen Verkehr schroff und für immer abbricht. Wer einen solchen empfängt, hat das unbestreitbare Recht ihn weiteren Kreisen mitzuteilen, falls nur nicht andere Personen darin verunglimpft oder blossgestellt werden. Von diesem Rechte mache ich hier Gebrauch, um die kurze Antwort anzuschliessen die ich dem Absender selbst nicht geben kann und auf die ich doch nicht verzichten darf. Denn es ist klar dass Prof. M., wo immer die Gelegenheit sich darbieten mag, mein Verhältnis zu ihm in die gleiche Beleuchtung stellen wird; und der Möglichkeit hierzu wird er voraussichtlich noch Jahrzehnte sich erfreuen nachdem mein Mund sich geschlossen hat.
Von den auf die Zeitschrift bezüglichen Gegenbemerkungen abgesehen, ist mir sein Brief unbegreiflich. Und zwar die eine Hälfte an sich; sie beruht auf einer völligen Verkennung des Wirklichen. Ich habe seine Bestrebungen stets mit warmer und uneigennütziger Teilnahme begleitet; ich habe nur selten Bedenken gegen seine Aufstellungen erhoben und dann in mildester Weise; ich habe nie versucht ihn zu beeinflussen oder zu beherrschen. Er sagt, ich hätte ihn frei gemacht; richtiger wäre es zu sagen dass er mich frei gemacht hat, welche Auffassung übrigens an meinem Bedauern der Tatsache nicht das geringste ändert. Es wäre mir sehr erwünscht wenn auch mein Anteil an unserem dreitägigen Briefwechsel bekannt gegeben würde; es würde sich, neben anderem, zeigen dass wenigstens damit die späte Aufdeckung meiner Gemütlosigkeit nicht in Zusammenhang gebracht werden kann.
Die andere Hälfte des Briefes begreife ich deshalb nicht weil sie sich auf Dinge bezieht die ich längst kenne und anerkenne. Ich habe Prof. M.s wissenschaftliche Selbständigkeit nie angezweifelt, auch nicht in Gedanken, ich habe sie vielmehr, wo sie in Frage zu kommen schien, behauptet. Aber ich beanspruche für mich das Gleiche. Wir beide sind unabhängig voneinander zu wesentlich gleichen Anschauungen über „Sachen und Wörter“ gelangt, er von den Sachen, ich von den Wörtern aus, er |3| auf germanischem, ich auf romanischem Gebiet; beim Weiterbau haben wir, in lange fortgesetztem Gedankenaustausch, mannigfache Anregungen voneinander empfangen. Bis vor kurzem glaubte ich diese Auffassung als unsere bezeichnen zu dürfen; Prof. M.s Brief hat mich daran irre gemacht.
Zu dieser meiner ganzen Erklärung halte ich mich nicht nur für berechtigt, sondern in gewissem Sinne auch für verpflichtet. Wo Wirkungen sich in bestimmter Form offenbaren, soll man die Ursachen nicht verschleiern wollen. Prof. M. und ich hatten einen Aufruf zu einem ersten Kongress für sachliche Volkskunde ergehen lassen, der sich an den Grazer Philologentag 1909 anschliessen soll. Indem ich nun von diesem Unternehmen zurücktrete, bin ich denjenigen die sich dafür interessieren, die Angabe des Grundes schuldig. Es ist eben Prof. M.s Brief der mir ein Zusammenwirken mit ihm in dieser Angelegenheit, ebenso wie die von mir selbst gewünschte Beteiligung an der Zeitschrift unmöglich macht. Die Wissenschaft wird durch diese discordia, Sallusts berühmtem Ausspruch zum Trotz, nichts verlieren; nur wird das Verhältnis zwischen „Sachen und Wörtern“ in um so helleres Licht treten je mehr das zwischen Sachen und Personen verblasst.
1 Hier schickt Schuchardt den (gedruckten) Brief von Rudolf Meringer an Murko, der zum endgültigen Zerwürfnis zwischen Schuchardt und Meringer führte. Den Brief ließ Schuchardt unter dem Titel Fliegendes Blatt [Gegen R. Meringer] drucken. Die Polemik dauerte Jahre, wovon auch Schuchardts Schrift Gegen R. Meringer (1911) zeugt, die wiederum eine Reaktion auf Meringers Zur Aufgabe und zum Namen unserer Zeitschrift (1911) ist. Die Liste der Namen auf dem Exemplar von Gegen R. Meringer aus Schuchardts Besitz zeugt davon, dass Schuchardt sie an viele Kollegen, unter anderem auch an Murko geschickt hat. Etwas ausführlicher über das Zerwürfnis mit Meringer äußert sich Schuchardt in seinem Brief vom 5. Januar 1909 an Vatroslav Jagić (HSA 81-s.n.).
2 Rudolf Meringer, Wörter und Sachen, in: Indogermanische Forschungen. Zeitschrift für indogermanische Sprach- und Altertumskunde, Band 16, 1904, S. 101-196.
Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung von: Narodna in univerzitetna knjižnica Ljubljana. (Sig. HSMM21)
