Adolf Zauner an Hugo Schuchardt (07-13002)

von Adolf Zauner

an Hugo Schuchardt

Graz

14. 02. 1917

language Deutsch

Zitiervorschlag: Adolf Zauner an Hugo Schuchardt (07-13002). Graz, 14. 02. 1917. Hrsg. von Bernhard Hurch (2020). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.9713, abgerufen am 23. 01. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.9713.


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Graz, am 14. Februar 1917.

Verehrter Herr Hofrat.

Verbindlichsten Dank für die Sendung Ihrer Besprechung des Saussure-Bandes.1

Ich glaube, Sie sprechen ein Haupthindernis, das sich einem “vernünftigen Ausbau unserer wissenschaftlichen Begriffe und Bezeichnungen” entgegenstellt, aus, wenn Sie sagen: “wir sind in der Grammatik gewisser toter Sprachen so verstrickt dass ... usw”. Aus diesem Grunde fürchte ich aber auch, dass gerade von den Romanisten nicht so leicht zu erwarten ist, dass hierin Aenderung geschaffen werde. Eben weil sie sich mit den Fortsetzern einer dieser “gewissen toten Sprachen” befassen, liegt es ihnen besonders nahe, sich mit der Beibehaltung des althergebrachten grammatischen Gerüstes zu begnügen. Ich vergesse natürlich dabei keineswegs, dass gerade von Romanisten sehr einschneidende Reformen vorgeschlagen worden sind, aber das sind eigentlich doch die Ausnahmen; überblickt man die grosse Menge der grammatischen Handbücher und Abhandlungen, so merkt man doch das Festhalten am alten Geleise. Ich selbst versäume in meinen Vorlesungen und Seminarübungen keine Gelegenheit meine Hörer darauf aufmerksam zu machen, wie der Rahmen der herkömmlichen sprachlichen Anschauungen und Bezeichnungen überall schief und eng ist, aber aus “praktischen Gründen” greife ich doch wieder zu den alten Bezeichnungen, obwohl ich mir sehr gut bewusst bin, dass damit auch die alten Anschauungen wieder zugelassen werden. Und so wie ich machen es gewiss viele und müssen es tun, aus “praktischen Gründen”. Und so machen sich, wie ich meine, die Romanisten doch nicht so leicht von der alten Schablone frei; |2| wirft man freulich einen Blick auf andere Sprachsysteme, so erkennt man sofort, wie ungenügend unsere sprachlichen Ansichten und deren Bezeichnungen sind.

Eine Reform unserer grammatischen Anschauungen zu beraten und neue, treffende Bezeichnungen zu finden, das wäre, dünkt mir, eine Aufgabe von solcher Schwierigkeit und von so hoher Wichtigkeit, dass die Autorität eines Einzelnen nicht hinreichen würde, sie durchzuführen. Es wäre, wie mir vorkommt ein Gegenstand, der des Zusammenwirkens der Akademien mindestens ebenso würdig wäre als der Thesaurus linguae latinae. Aber wer könnte unter den gegenwärtigen Zeitläuften von internationalen Aufgaben sprechen?

Zum Schlusse noch etwas. Sie, verehrter Herr Hofrat, sind gewiss wie kein zweiter lebender Sprachforscher berufen, bei dieser Reform mitzuwirken, und Sie haben ja auch Beiträge in Menge dazu geliefert. Aber diese Beiträge sind weit zerstreut, oft versteckt und an Diskussionen , die zunächst Spezialisten angehen, geknüpft. Denken Sie nicht daran, einmal eine Art Anthologie aus Ihren Schriften zusammenzustellen oder zusammenstellen zu lassen, in der das Allgemeine, das Grundsätzliche herausgenommen und in systematischer Folge vorgeführt würde?

Ich bin, sehr geehrter Herr Hofrag, mit der Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung und Ergebenheit

Ihr

Zauner.


1 HS (1917) Rez. von: Ferdinand de Saussure, Cours de linguistique générale, etc. Literaturblatt für germanische und romanische Philologie 38: 1-9.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 13002)