Theodor Gartner an Hugo Schuchardt (195-3542)

von Theodor Gartner

an Hugo Schuchardt

Bozen

17. 01. 1920

language Deutsch

Schlagwörter: Zeitschrift für romanische Philologielanguage Ladinisch Gartner, Theodor (1923) Deutsch, Walter/Hois, Eva Maria (2004)

Zitiervorschlag: Theodor Gartner an Hugo Schuchardt (195-3542). Bozen, 17. 01. 1920. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2018). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.9652, abgerufen am 23. 02. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.9652.


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HOFRAT GARTNER
Bozen, 17. Jan. 1920.

Verehrter Freund!

Auf eine Normalisierung der Verkehrsverhältnisse warten wir noch immer vergebens. Meine persönlichen Verhältnisse haben sich auch nicht geklärt, ich hänge vorläufig in der Luft, habe aber noch immer nicht die Hoffnung aufgegeben, von I.1 übernommen zu werden. Doch das sind vorläufige Geschichten, für einen Brief zu lang. Von den zwei rät. Arbeiten, mit denen ich meine Tätigkeit beschließen möchte, ist die eine druckfertig; sie heißt Ladinische Wörter u. soll als Beiheft der Z. f. rom. Ph. erscheinen.2 Sie liegt noch hier, ich werde aber bald anfragen, ob die Zusendung schon erwünscht ist. Sie besteht aus einem gred.-dt. Wtb., das außer dem Gred. diejenigen Wörter aus Ennebg., Buch., Fassa, Fleims enthält, die ein Schüler von mir gesammelt hat (Preisaufgabe: Hauswirtschaft u. Viehzucht in den lad. Tälern …).3 Die andere Arbeit wäre die Volksliedersammlung, die aber seit Ostern 1915 in Innsbruck aufbewahrt wird. Ich kann sie noch immer nicht |2| holen oder kommen lassen, um sie weiter zu bearbeiten.4 Der unpersönliche Eigentümer5 ist bekanntlich verschwunden, und sein soi-disant Nachfolger denkt wohl gar nicht daran oder weiß gar nichts davon, wenn nicht Wiener, der Oberleiter des Unternehmens und Leiter der Ak. f. Musik u. darst. Kunst dort Schritte unternommen hat. Der 1. Bd. des Sammelwerkes soll schon erschienen sein, wie Sie wissen; er enthält die Volkslieder von Gottschee.6 Ich habe nur das Ms. davon in der Hand gehabt (1910). Was die Rechtsverhältnisse des Unternehmens betrifft, so wäre ich selber neugierig, was man darüber denkt. Wiener ist, glaube ich, ein Jurist.

Ich freue mich sehr zu hören, daß Sie wohlauf sind, und zu sehen, wie Sie fortfahren nach allen Seiten auszuschauen und an der Menschheit Anteil zu nehmen. Vielleicht sehe ich Sie doch noch einmal mit meinen Augen. Ja, die Wiener sind unverbesserliche Optimisten.

Mit herzlichem Gruße

Ihr

Gartner


1 Innsbruck.

2 Gartner, Ladinische Wörter aus den Dolomitentälern. Zusammengestellt und durch eine Sammlung von Hermes Fezzi † vermehrt, Halle a. S.: Niemeyer, 1923 (Beiheft zur ZrP, 73).

3 Der Schüler ist, wie es im Vorwort heißt, Hermes Fezzi aus St. Vigil in Enneberg, der wenige Wochen nach seiner Einberufung auf dem nördlichen Kriegsschauplatz gefallen sei. Weiterhin habe er, Gartner, Materialien des Postoffizials und Hauptmanns Hugo von Rossi (8000 Schlagwörter) benutzt. Gartners Arbeit besteht aus zwei kleinen Wörterbüchern, einem grednerisch-deutschen und einem deutsch- ladinischen.

4 Vgl. PK 03543.

5 Das Statthalter-Archiv in Innsbruck, vgl. PK 03543.

6 Vgl. dazu den Brief von Karl von Wiener vom 5.6.1916 an das Ministerium in Wien: „Es ist mir nach längerem Bemühen gelungen, den tätigsten Mitarbeiter auf dem Gebiete des Volksliedes, Regierungsrat Prof. Josef Pommer dazu zu bestimmen, einen Band steierischer Volkslieder innerhalb des Zeitraumes von einem halben Jahr fertig zu stellen. Ursprünglich war zwar die Herausgabe der Gottscheer Volkslieder als erster Band, die ruthenischen Volkslieder als zweiter Band geplant. Von letzterem mußte jedoch abgesehen werden, weil der Obmann des Ruthenischen Arbeitsausschusses Prof. Szuchiewicz mittlerweile gestorben ist und eine Verbindung mit dem ruthenischen Arbeitsausschusse dermalen fehlt“, zit. nach: Das Volkslied in Österreich: Volkspoesie und Volksmusik der in Österreich lebenden Völker hrsg. vom k. k. Ministerium für Kultus und Unterricht Wien 1918 von Walter Deutsch und Eva Maria Hois bearbeiteter und kommentierter Nachdruck des Jahres 1918, Wien: Böhlau, 2004, 93 (Corpus Musicae Popularis Austriacae, Sonderband). Vgl. dort zu Gartner die S. 40 (Obmann des Arbeitsausschusses für das ladinische Volkslied in Tirol und Friaul), 48 (Friaulische Frage, Abgrenzung gegen das Italienische), 65 (Sitzung des Leitenden Hauptauschusses 15.-16.10.1910 in Wien), 73-75 (Ergebnisse der Sammelarbeit), 85 (Gesamtprojekt „Das Volkslied in Österreich“), 106 (Vorläufigkeit der Proben), 117 (Letzte Sitzung des Hauptausschusses am 6.-7. Mai 1918 in Wien). – Vgl. auch PK 03543

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 3542)