Theodor Gartner an Hugo Schuchardt (153-3500)

von Theodor Gartner

an Hugo Schuchardt

Bozen

23. 12. 1911

language Deutsch

Schlagwörter: Revue internationale des études basques Wustmann, Gustav (1891)

Zitiervorschlag: Theodor Gartner an Hugo Schuchardt (153-3500). Bozen, 23. 12. 1911. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2018). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.9610, abgerufen am 13. 12. 2025. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.9610.


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Verehrter Freund!

Eben wollte ich Sie etwas in Sachen der deutschen Sprache fragen, da kommt Ihr Brief, der mich auf dasselbe Gebiet führt. Es ist merkwürdig, daß Sie in dem vorausgenommenen Pronomen der 3. Person nichts Fremdartiges finden, während es mir – der ich freilich in der Kindheit nur sehr wenig Französisch konnte und hörte – bis in mein Alter durchaus widerstrebt.

Ihre Beispiele sind sehr gut und schön, aber ich würde solche Sätze – ohne jedwede Überlegung – so bauen, daß der Zuhörer oder Leser zuerst erfährt, von welchen Personen oder Sachen ich reden will, bevor ich mich darauf durch ein Pronomen beziehe.1 Also NN sagt in dem Buche …, daß … |2| oder (wenn ich von NN z.B. schon eine andere Äußerung gemeldet habe): In dem Buche … sagt er, daß … Ebenso: Die und die Dinge werden nach meinem Tode – lebend trenne ich mich nicht von ihnen – … oder: Nach meinem Tode werden die und die Dinge – lebend … – … Vielleicht wird jener Gallizismus im Deutschen Mode; dann wird mir nichts anderes übrig bleiben, als die Einführung anzuerkennen. Ich werde aber für meine Person wohl nie versucht sein, mitzutun. Bei „welcher“ steht die Sache anders: ich habe selbst fleißig gewelchert, das galt in meiner Schulzeit schon für vornehm, buchmäßig. Aber ich nahm das verschmähte Rel.-Pron. „der“ sofort wieder auf, als ich bemerkte (ich weiß nicht, ob sich die Bemerkung Wustmann2 verdanke), daß das Welchern eine bloße Fexerei sei und häßlich (vgl. die Sprache der Dichter!). Jedoch obschon ich |3| irgendwo auf Bertholds von Regensburg „die die die“ hinwies,3 um „die, die“, „der, der“ usw. als zulässig zu erweisen, habe ich das relat. „welcher“ doch nie geradezu für einen Fehler gehalten. Ich selbst würde ein dreifaches der oder die nicht schreiben – sprechen wohl, erstens weil es üblich und richtig ist, zweitens weil durch die verschiedene Betonung der Gleichklang aufgehoben, oder doch sehr gemildert wird. „In welchem“ schreibe ich auch, und aus demselben Grund wie Sie. So auch „heutigen Tages“ und „bis heutigen Tages“, obwohl ich das in meiner Schulzeit und Studentenzeit nach den Lehren meiner Lehrer noch für fehlerhaft halten mußte.

Gegen das ß bin ich gleichfalls, seitdem man nicht mehr Maß und Fass, anmaßte und musste unterscheidet (wie man es in Öst. am Ende des 19. Jhs. tat).

Dem stimmhaften s im Anlaut möchte ich nicht die Zukunft absprechen: ich glaube, |4| das Theater, die Theaterschulen, die Gesanglehrer und die Lehrer aller Grade und Gattungen, die norddeutscher Abkunft sind, werden dies stimmhafte s durchsetzen. Man bedenke noch, wie das Übergewicht Berlins noch zuzunehmen Aussicht hat.

Unangenehmen gesellschaftlichen Pflichten, dachte ich, könnten Sie sich durch eine kleine Reise entziehen; aber vielleicht halten Sie die Korrekturen davon ab, zumal so schwierige, wie die eines deutschen Satzes aus frz. Druckerei sein wird.4

Nun meine Frage. Ich habe kürzlich behauptet, die Betonung „dérjenige“ sei nicht rationell, weil das betonte „der“ ohnedieß schon demonstrativ sei. Nun erwidert ein schwäb. Pfarrer, er habe nie „dérjenige“ gehört. Ich sehe, daß auch Sachs „dérjenige“ betont. Ist Ihnen die Betonung „derjénige“ fremd?5

Mit den herzlichsten Wünschen und Grüßen

Ihr stets treuer und dankschuldiger

Gartner


1 Vgl. 03494.

2 Gustav Wustmann, Allerhand Sprachdummheiten: kleine deuttsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen, Leipzig: Grunow, 1891 (zahlreiche Auflagen). Vgl. darin das Kap. „Relativsätze. Welcher, welche, welches“.

3 „Die, die die weltlichen Schätze lieben“ (B3,14, SKD 171).

4 Gemeint sind Schuchardts verschiedene Beiträge dieses Jahres zur Revue Internationale des Études Basques

5 Die richtige Betonung ist „dérjenige“.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 3500)