Theodor Gartner an Hugo Schuchardt (147-3494)

von Theodor Gartner

an Hugo Schuchardt

Innsbruck

27. 10. 1910

language Deutsch

Zitiervorschlag: Theodor Gartner an Hugo Schuchardt (147-3494). Innsbruck, 27. 10. 1910. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2018). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.9604, abgerufen am 23. 02. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.9604.


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Verehrter Freund!

Ihr lieber Brief hat mich noch in Bozen angetroffen, die Übersiedlung1 und die Vorarbeiten zu den L.-A.-Prüfungen haben mich bis heute nicht dazu kommen lassen, Ihnen zu danken und zu erwidern. Sie wollen sich nicht das Recht schmälern lassen, fremde Ausdrucksweisen in unserer Sprache einzubürgern, wenn es vorteilhaft erscheint. Ihnen billige ich das ohne weiteres zu, aber die große Masse |2| der Deutschen innerhalb und außerhalb des Sprachvereins [1) Wenn ich gewußt hätte, daß Sie dem Verein angehören, so würde ich Ihnen das spät in meine Hände gelangte Ding nicht zugeschickt haben.] kann nicht ermessen, ob sich das fremde Gut in unsere Sprache gut einfügen läßt, sie denkt auch gar nicht daran, sich auf diesen Standpunkt zu stelllen. Die Leute suchen – teils bewußt, teils unbewußt – nur nach Prunk: man will nicht wie ein ungebildeter Mensch schreiben und äfft alles gierig nach, was nur bücherdeutsch, und was undeutsch ist. Das muß man aufdecken und brandmarken, sonst versudelt uns die große Menge |3| der Schmierer unsere Schriftsprache immer mehr.

Was Sie über die Anwendung des frz. c’est … que sagen, überzeugt mich nicht. „Im J. 1890 habe ich mich verlobt“ wird freilich oft zu wenig Ton für die Zeitbestimmung erreichen; aber der Deutsche setzt dann „gerade“, „nur“, „erst“, „schon“ u. dgl. davor, wie es eben seinen Gedanken entspricht, oder er baut gar nicht diesen Satz, er ist ja gar nicht darauf angewiesen, einen von außen gegebenen Satz durch Umstellung für eine gewünschte Betonung umzuformen. „Karl liebte sie“ u.ä. kommt alltäglich vor, und niemand zweifelt, |4| ob „K.“ oder „sie“ das Objekt ist; denn das vorher Gesagte macht das klar. Die plumpe franz. Formel anzuwenden, ist mir im Deutschen nie eingefallen. Das Beispiel aus dem „Ausland“ vom J. 1880, wo der geckenhafte Schriftsteller innerhalb 12 Zeilen dreimal so französelt, lehrt wunderbar, auf welchem Wege solche Sachen eingeschmuggelt werden.

Ebenso das Beispiel von Horning, der dreimal mit „In seinem Buch hat X. …“ anfängt.2 Ich kenne den Mann nicht, aber als Schriftsteller ist er ein Geck. So wie man richtig sagt „Meiner Mutter |5| widme ich das Buch“, darf man auch sagen. Seiner Mutter widmet er das Buch“ – „er“: denn wenn man jetzt erst sagen muß, von wem die Rede ist, so durfte man nach deutschem Brauch auch nicht „seiner“ sagen, ja man sagt es auch gar nicht, sondern fängt dann natürlich mit dem Namen des Autors an. Das selbe ist’s mit „seinem Tagebuch“: wenn man dieses schon anderen schriftlichen oder mündlichen Urkunden entgegen stellen kann, dann sagt man einfach „er“, nicht mehr X. Das schreibe natürlich nicht ich vor, sondern höre und sehe ich zeitlebens immer so um mich. Verstöße dagegen kommen |6| im Druck vor, tun mir aber immer weh. Ich erinnere mich nicht, bei Ihnen ein c’est … que, ein verfrühtes Poss.-Pron. o. dgl. gefunden zu haben; ich freue mich immer über Ihr Deutsch und stolpere nur manchmal über eine Satzgrenze, die Sie nach franz. Sitte unbebeistricht lassen.

„Seine Bekanntschaft“ kann heißen „die Bekanntschaft mit ihm“; richtig. Aber man sagt nun einmal im Deutschen nicht eine Bekanntschaft machen, meine B. machen, die B. machen, jene B. m. …. sondern nur Bekanntschaft (mit jm.) machen. Es ist sonderbar, daß sich da die frz. Redensart, wie Sie sagen, in Ihr Deutsch eingeschlichen hat – wohl schon in der Kindheit.

Herzlichen Gruß!

Ihr

Gartner
Innsbruck, 27. Okt. 10


1 Gartner, Jg. 1843, war zum WS 1910/11 emeritiert worden.

2 Vermutlich ist der Gröber-Schüler Adolf Horning gemeint, dessen Studie Zur Geschichte des lateinischen C vor E und I im Romanischen, Halle a. S. 1883, z. B. beginnt (S. 1) „In seinem Werk Du C dans les langues roman hat“, dann „Neumann betont“, „Neumann fragt“ etc., doch ist dieser Befund keinesfalls „auffällig“.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 3494)