Theodor Gartner an Hugo Schuchardt (135-3482)

von Theodor Gartner

an Hugo Schuchardt

Innsbruck

29. 03. 1908

language Deutsch

Schlagwörter: Hadwiger, Johann

Zitiervorschlag: Theodor Gartner an Hugo Schuchardt (135-3482). Innsbruck, 29. 03. 1908. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2018). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.9592, abgerufen am 21. 02. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.9592.


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Verehrter Freund!

Je weniger ich Auskunft geben kann, desto mehr beeile ich mich, es umgehends zu tun. Dr Hadwiger1 ist bald ein Vierteljahr von hier weg; er ist zunächst nach Frankreich gefahren, um sich dort einige Wochen im Parlieren zu üben. Von dort aus habe ich 2 Karten bekommen; der versprochene lange Brief steht noch aus, eine Adresse habe ich auch noch nicht. Vermutlich steigt er schon in den Pyrenäen herum. Ich werde Ihnen sofort schreiben, wenn ich wieder ein Lebenszeichen von ihm bekomme.

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Für Pflug habe ich 1880 folgende Wörter bekommen: am Vorderrhein bis nach Flims hinunter kriek, pl. krǫks, in Ems u. Bonaduz quadriga (in den entsprechenden Lautformen), dann am Hinterrhein bis zum Schynpaß fle ua (d.i. Pflug mit dem Genus von quadriga), weiter südlich und östlich im Rheingebiet und im O.-Engadin aratrum, im U.-Engadin (schon von Zernenz abwärts) krætš, aber in Schleins und im Samnaunertal Wörter, die ich von Pflug ableiten möchte (fęrgún u. fliyáula), endlich im Münstertal aradé m., radé f. (=aratr-ellum); über Südtirol hin herrscht wieder Plfug (plæo, plœf u.ä.), erst in dem rein rätorom. Teil (Fassa, Greden, Enneberg, Buchenstein) gilt wieder quadriga, dasselbe auch im nördlichsten Punkt Friauls (Collina kodréǫ), sonst bis zur Adria versór, vuázzina u.ä. Die From cratsch, die Pallioppi |3| aus einer Liturgie von 1842 anführt, ist mir nicht angegeben worden. Sie stimmt natürlich nicht zu dem oberländischen criec (das wohl mit frz. croc etymologisch gleich ist), aber auch krætš stimmt nicht ganz: es müßte krætχ lauten. Diese kleine und jene große Unstimmigkeit ließen sich etwa daraus erklären, daß jenes Werkzeug überhaupt kaum bekannt ist, wo fast nur Gras und Nadelbäume gedeihen. Man hat mir 1880 z. B. im U.-Engadin die o.-eng. Form von oca angegeben, weil man im U.-Eng. gar keine Gänse sieht. So scheint mir die Sache augenblicklich. Aber ich fürchte die Rechnung ohne den Wirt zu machen: der Wirt für den graubündner Etymologen ist jetzt nämlich das Schweizer Idiotikon!2 Ich habe es nicht.

Mit den herzlichsten Grüßen
Ihr Gartner
Innsbruck, 29. Mz. 08.


1 Vgl. Brief 03475.

2 Die erste Lieferung des ersten Bandes wurde 1881 publiziert. Vgl. Brief 03475.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 3482)