Theodor Gartner an Hugo Schuchardt (131-3478)

von Theodor Gartner

an Hugo Schuchardt

Innsbruck

21. 01. 1906

language Deutsch

Schlagwörter: Hadwiger, Johann Meyer-Lübke, Wilhelm Mussafia, Adolf Maffei Boillat, Stefania (2015)

Zitiervorschlag: Theodor Gartner an Hugo Schuchardt (131-3478). Innsbruck, 21. 01. 1906. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2018). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.9588, abgerufen am 07. 08. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.9588.


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Verehrter Freund!

Sie werden wissen, daß Dr. Hadwiger1 (den ich mir erlaubte Ihnen bei Ihrer Abfahrt von hier vorzustellen) auf den Antrag Meyer-Lübkes die Akademie um Reiseunterstützung und Phonographenapparat ersucht hat. Der Fall erinnerte mich an die Unterstützung, die ich selber von dieser Seite her genossen habe und der gegenüber ich jetzt, da Mussafia nicht mehr ist, vielleicht als undankbar erscheine. Erlauben Sie mir daher, Ihnen den Sachverhalt kurz vor- |2| zutragen, damit ich nicht ohne Schutz dastehe, wenn man auf die Sache zu sprechen käme. Ich habe 1893 das Bedürfnis empfunden, nach 8 Jahren wieder in westeuropäischer Kultur und westromanischer Rede zu baden. Die besondere Aufgabe, die Hs. fr. 818 zu kopieren, hat mir dann erst Mussafia gegeben: ich sollte kopieren und das Sprachliche bearbeiten, und ich habe jenes getan und dieses sorgfältig vorbereitet. Als aber der 1. Bd. fertig war,2 erklärte Mussafia, für die weitere Arbeit seinerseits wären viele Untersuchungen u. Vergleichungen mit andern Hss. der Bibl. nat. nötig, das könne er nicht, sondern ich müßte das allein |3| tun. Nun hätte ich noch einmal die teure Reise machen sollen, um eine Arbeit zu verrichten, für die ich noch viel studieren müßte und die mich wenig begeistert! Überdies ist mir das Grammatische längst in der Romania vorweg genommen worden, und die Abschrift zweier Legenden habe ich gar nicht mehr, weil ich sie Mussafia auf seine Bitte geschickt habe. Wer all das weiß, wird begreifen, daß ich nicht daran denke, an Ms. fr. 818 weiter zu arbeiten, so sehr ich mich freuen würde, wieder einmal französische Luft zu atmen. So muß ich denn die mit Unterstützung der Akademie begonnene Arbeit unvollendet lassen: Mussafia zulieb konnte ich die mir |4| sympathische Hälfte der Arbeit übernehmen; aber niemand zuliebe nun auch die andere, die legendengeschichtliche Hälfte, die mich schrecklich kalt läßt, zu übernehmen – wer wird mir das in meinen alten Tagen zumuten?

Verzeihen Sie, daß ich Sie so lange mit Persönlichem aufgehalten habe!

Mit herzlichem Gruß

Ihr

Gartner


1 Vgl. HSA 03475.

2 Vgl. HSA 03448. – Vgl. jetzt Stefania Maffei Boillat, Le „Mariale“ lyonnais (Paris, BNF, fr. 818). Édition, traduction et étude linguistique, Strasbourg: Éditions de Linguistique et de Philologie [Travaux de Linguistique romane. Philologie et édition de textes], 2015.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 3478)