Alfred Landau an Hugo Schuchardt (02-06217)

von Alfred Landau

an Hugo Schuchardt

Wien

21. 02. 1886

language Deutsch

Schlagwörter: language Hebräischlanguage Niederländischlanguage Polnisch Bukowski, Jakob (1860) Grimm, Jakob/Grimm, Wilhelm (1854–1961) Hügel, Franz Seraph (1873) Sallmann, K[arl] (1880)

Zitiervorschlag: Alfred Landau an Hugo Schuchardt (02-06217). Wien, 21. 02. 1886. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2020). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.9540, abgerufen am 17. 04. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.9540.


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Wien, 21. Februar 1886

Hochgeehrter Herr Professor!

Die folgenden seit meinem letzten Brief gesammelten Notizen beabsichtigte ich eigentlich Ihnen erst mit einer kleinen als Probestück und zugleich als Illustration zur Sprachmischung gedachten Arbeit über den slawischen Einfluß auf die jüdischdeutschen Verba zu übersenden. Da ich jedoch von meinem Freunde Bettelheim1 erfahre, daß Sie bereits mit Nachträgen zu Ihrem Werke beschäftigt sind und ich bei der Langsamkeit meines Arbeitens befürchten muß mit meinen Beiträgen zu spät zu kommen, so beeile ich mich Ihnen vorläufig die letzteren allein mitzutheilen.

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Als Quelle für Slawo-Deutsch wäre vielleicht noch zu verwerthen: J. Bukowski, Gedichte in der Mundart der deutschen schlesisch-galizischen Grenzbewohner2 resp. von Bielitz-Biala. Bielitz 1860. 12. Von diesem Büchlein ist mir nur der Titel aus Antiquar-Katalogen bekannt.

Zu S. 17. Dawison war kein Engländer, wie Sie anzunehmen scheinen, sondern ein Warschauer Jude, der nur seinen Namen durch Auslassung eines d anglisirt hat.

Zu S. 80. betucht hat sicher nichts mit bêduji zu thun, ebensowenig mit mhd. betûchen, mit welchem es im Grimm‘schen Wb. zusammengestellt wird. Die meines Erachtens richtige Ableitung hat schon Sanders Wb I,123,3 näml. vom hebr.betuach sicher, zuverlässig. Dieses im Judendeutschen allgemein verbreitete |3| Wort findet sich ebenso allgemein in der „interconfessionellen“ Gaunersprache (judend. Bedug wird angeführt aus Bamberg: Bavaria VII, 233 aus Würzburg: Sartorius Mundart d. Stadt Würzburg ib. 1862 S. 20.4betûcht aus Henneberg Zeitschr. f. deutsche Mundart VII 151, VI, 221. aus Kurhessen Vilmar 33; über die Gaunerspr. S. Avé-Lallemant D. deutsche Gaunerthum IV, 151, 233, 239, 243, 341, 524)5 und ist in zahlreiche deutsche Mundarten eingedrungen: vgl. außer den oben erwähnten noch Kehreim Volkssprache und Volkssitte in Nassau Bonn 18726 I, 74 betûcht. Das angeführte t entspringt vielleicht der Volksetymologie, die sich die fremde Form als Part. Praet. Pass. zurechtlegte. Das Wiener beduft (Castelli 797Hügel D. Wiener Dialect Wien 873 S. 388) ließe sich dann durch den Lautwandel zwischen nd u, md cht und obd ft erklären. |4| Freilich wäre die Bedeutung „tiefsinnig, niedergeschlagen“, selbst wenn man Durchgang durch die Gaunersprache annimmt, wo b. „still, ruhig, geheim“ bedeutet, nicht ohne Zwang aus der ursprünglichen abzuleiten, aber gerade den hebräischen Vocabeln wird im deutschen Volksmunde wegen Ihrer Fremdartigkeit sowohl dem Laute als der Bedeutung nach in den meisten Fällen Gewalt angethan.

Das holländischebeducht „furchtsam, ängstlich“ sowie das westerwäldische bedüft, bedöft9 „betäubt, betrunken“ (Schmidt westerw. Idiotikon 17)10scheinen mir nicht hierher zu gehören. Die eigenthümliche Form bei Hebel: „er ging ganz still und betuches wieder ins Bett“ scheint mir nach Analogie der zahlreichen auf –es ausgehenden Wörter aus dem Hebräischen (resp. Judend.) gebildet die sich in den Dialekten finden zB. Dalles, Beschores, |5| Kapores, Geseres, Schabbes etc.

Zu S. 98. Eine umfängliche Zusammenstellung mit Präpositionen und Partikeln zusammengesetzter Verba bietet K. Sallmann in den Lexikal. Beiträgen zur deutschen Mundart in Estland (Jenaer Inaug. Diss.) Leipz. 1877. S. 50-71.11S. schreibt diesen Reichthum an Zusammensetzungen einer besonderen Productivität und Lebenskraft der baltischen Mundart zu, weil er diese Verba nicht im Grimm’schen Wb gefunden hat. Ein großer Theil derselben ließe sich aber aus anderen Mundarten belegen, während ein anderer Theil unzweifelhaft durch den Einfluß des Russischen zu erklären ist, an den S. gar nicht gedacht zu haben scheint.

Zu S. 107. sich für uns ist auch in Nassau ganz gewöhnlich: Wir lieben sich; wir wol- |6| len sich setzen. Kehreim l.c. I, S. 376; S. 29 No 211.

Zu S. 109. sich prahlen ist auch in Estland gebräuchlich Sallmann 87.

So gewöhnlich der Gebrauch des abundirenden Dat. commodi im Polnischen auch ist, so scheinen doch die Juden eine selbst den Polen auffällige Vorliebe für denselben zu besitzen. Wenigstens wurde mir aus Lemberg berichtet, daß ein polnischer Komiker gerade diese Häufung von Dativen des Refl.pronomens zur Charakterisirung polnisch sprechender Juden benützt.

Zu S. 110. Daß Stinde’s12„es thut sich“ nicht ursprünglich berlinerisch ist, hat mir ein Berliner Freund, der für dergleichen Dinge ein aufmerksames Ohr hat, bestätigt.

Ich glaube, hochgeehrter Herr |7| Professor, daß Sie nunmehr „meiner Gaben vollgemessen“13 haben werden und verbleibe, indem ich dem Erscheinen Ihrer Nachträge mit Spannung entgegensehe, mit vorzüglicher Hochachtung

Ihr ergebenster
D r A Landau


1 Anton Bettelheim (1851-1930), österr. Literaturwissenschaftler. Vgl. Brief HSA 01-00973.

2 Jakob Bukowski, Gedichte: in der Mundart der deutschen schlesisch-galizischen Gränzbewohner, resp. von Bielitz-Biala, Bielitz: L. Zamarski & W. Fröhlich, 1860.

3 Daniel Sanders, Wörterbuch der Deutschen Sprache: mit Belegen von Luther bis auf die Gegenwart, Leipzig: Wigand, 1863-65, 2 Bde.

4 Johann Baptist Sartorius, Die Mundart der Stadt Würzburg, Würzburg: Stahel, 1862.

5 Friedr. Christian Benedict Avé-Lallemant, Das deutsche Gaunerthum in seiner social-politischen, literarischen und linguistischen Ausbildung zu seinem heutigen Bestande: 4 Teile in 3 Bd., Leipzig: Brockhaus, 1858 .

6 Joseph Kehreim, Volkssprache und Volkssitte in Nassau, ein Beitrag zu deren Kenntniß, Bonn: Habicht’s Buchhandlung, 1872, 3 Bde.

7 Ignaz Franz Castelli, Gedichte in niederösterreichischer Mundart sammt allgemeinen grammatischen Andeutungen über den niederösterreichischen Dialect überhaupt, und einem Idioticon zur Verständlichmachung der in diesen Gedichten vorkommenden, der n. ö. Mundart ganz eigenthümlichen Wörter, Wien: Tendler, 1828.

8 Franz S. Hügel, Der Wiener Dialekt. Lexikon der Wiener Volkssprache: (Idioticon Viennense), Wien-Pest-Leipzig: Hartleben, 1873.

9 Im Original ein a bzw. u mit übergesetztem kleinen e.

10 Karl Christian Ludwig Schmidt, Westerwäldisches Idiotikon, oder Sammlung der auf dem Westerwalde gebräuchlichen Idiotismen mit etymologischen Anmerkungen und der Vergleichung anderer alten und neuen germanischen Dialekte, Hadamar / Herborn, 1800.

11 Carl Sallmann, Lexikalische Beiträge zur deutschen Mundart in Estland, Leipzig: C. Grumbach, 1877.

12 Julius Stinde, Die Familie Buchholz, aus dem Leben der Hauptstadt, Bd. 1, Berlin: Freund & Jeckel, 1885.

13 Goethe, Der Zauberlehrling: „Stehe! stehe! / denn wir haben / deiner Gaben vollgemessen! / – Ach, ich merk es! Wehe! wehe! / Hab ich doch das Wort vergessen!“

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