Johann Kirste an Hugo Schuchardt (08-05562)
von Johann Kirste
an Hugo Schuchardt
18. 06. 1912
Deutsch
Zitiervorschlag: Johann Kirste an Hugo Schuchardt (08-05562). Graz, 18. 06. 1912. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2021). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.9510, abgerufen am 07. 08. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.9510.
Graz, 18/6 12
Sehr geehrter Herr Hofrat
Dass mal. hāri von skr. hari herzuleiten sei,1 glaube ich nicht. Ebenso Kuhn, Sitz. B. bayr. Ak. München 1889, I, 224,2 der allerdings keine Gründe angibt. hari ist ursprünglich Adjektiv mit der Bedeutung „gelb oder hellbraun glänzend“ und wird als Beiwort der Pferde gebraucht, dann auch Substantiv = Ross, Löwe etc. Es dient aber auch zur Bezeichnung verschiedener Götter: des Blitzgottes Indra u. des Sonnengottes Viṣṇu, was sich aus der Grundbedeutung erklärt. ǀ|2| Aber hari bedeutet auch den Ṡiva und da ist die Anwendung nicht klar, denn mit der gelben Farbe hat Ṡ. nichts zu tun. Ich glaube übrigens dass hari direkt als eigene Gottheit bezeichnet werden könnte, denn bei der verschwommenen Natur der irdischen Gottheiten weiss vielleicht der Beter selbst nicht, ob er sich an Viṣnu oder Ṡiva wendet, wenn er Hari anruft. ,Tag‘ bezeichnet aber das Wort nicht.
In Madagaskar, das ja eine malaiische Bevölkerung hat, heisst der höchste Gott zanahari (zañahari, zańahāri) |3| (Ich verstehe eigentlich nicht, warum nicht direkt den Gottesnamen Hari). Es ist aber schon bedenklich, dass es im Malaischen einen Gott *Zarihāri – denn madegassisch zaña = mal. zań nicht gibt, nur bei den Ćam findet sich zań harĕi = Sonne. Es ist nun sehr fraglich, ob zanahari so abzuteilen ist, u. nicht vielmehr zu – nahari, ferner wird das h im mad. als hiatustilgend eingeschoben, so dass die Urform auch *.zanaari sein könnte, schliesslich verstehe ich auch nicht, warum man gerade den farblosen Hari entlehnt haben sollte. |4| Um diese Schwierigkeiten zu lösen, müsste man vor allem eine gründliche Kenntnis des Malaiischen und Madegassischen besitzen, die mir vollständig abgeht. Ein zufälliges lautliches Zusammentreffen wäre doch möglich, wie z. B. im Neupersischen das Wort dīn ,Gesetz‘ sowohl aus dem Avestischen, wie aus dem Arabischen erklärt werden kann.
Ihr ergebenster
Kirste
1 Vgl. Hugo „Kreolische Studien IX. Ueber das Malaioportugiesische von Batavia und Tugu“, Sitzungsberichte der philosophisch-historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften. Wien 122), 1890,:1-256, passim.
2 Ernst Kuhn, „Beiträge zur Sprachenkunde Hinterindiens“, Sitzungsberichte der köigl. bayer. Akad. d. Wiss. 1889, 1, 189-236. Kuhn hält das Wort für „echt malaiisch“ und lehnt Ursprung aus dem Skr. ab.
