Ernst Windisch an Hugo Schuchardt (14-12819)

von Ernst Windisch

an Hugo Schuchardt

Leipzig

19. 02. 1882

language Deutsch

Schlagwörter: Literarisches Centralblatt für Deutschland Revue celtique Beiträge zur Kunde der indogermanischen Sprachen Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung (Kuhns Zeitschrift)language Englischlanguage Walisisch Stokes, Whitley Zimmer, Heinrich Arbois de Jubainville, Henry d´ Gaidoz, Henri Ersch, Johann Samuel Gruber, Johann Gottfried Leskien, August Schuchardt, Hugo (1881–1883)

Zitiervorschlag: Ernst Windisch an Hugo Schuchardt (14-12819). Leipzig, 19. 02. 1882. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2020). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.9443, abgerufen am 16. 10. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.9443.


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Leipzig, den 19. Febr. 82 1

Lieber Schuchardt!

Ueber den Inhalt Ihrer Karte habe ich mich natürlich sehr gefreut, ich war aber auch zu fest persönlich überzeugt, daß das Ms. eben zu den altirischen Reliquiae gehört. Die Schriftzüge stehen mir noch heute lebendig vor der Seele, denn ich habe sie auf das Genaueste mit bloßem Auge u. mit der Lupe geprüft, namentlich als ich in Bezug auf a und das offene a ganz sicher gehen wollte. Als ich dann die Karlsruher Codd. sah, erkannte ich auf den ersten Blick, daß diese ganz genau den selben Typus haben. Ich würde Ihnen sofort geantwortet haben, wenn ich gleich gewußt hätte, was auf Ihre Frage antworten. Ins Centralblatt passt die Sache nicht. Der geeignetste Ort scheint mir doch die Revue Celtique zu sein.2|2| Bezzenberger3 würde den Artikel sicher sofort aufnehmen. Auf den bin ich aber seiner Schimpfereien wegen böse, indeß ist dies kein Hinderniß, wenn Ihnen diese Rolle genehm ist. Ich glaube auch Joh. Schmidt4 würde die Sache für die Ztschr. nehmen aber da muß man vielleicht länger warten. Ferner könnte die romanische Ztschr. in Betracht kommen, wo Sie noch recensiert haben. Aber diese lesen die Fachgenossen, Celtologen oder Linguisten, weniger. Ich möchte fast glauben, daß m besten eine Publication in einer deutschen Ztschr. und eine französ. Übersetzung in der Revue Celtique das Beste wäre. Dann könnten Sie unter den genannten wählen welche Sie wollen. Wollen Sie nur eine Publication, dann ist die Revue Celtique nach meiner Ansicht die beste Stelle. In dieser würde der betreffende Artikel noch in das laufende Heft kommen können, das, wie ich weiß, noch nicht abgeschlossen ist, V, 3.

Das 2. Heft ist soeben ausgegeben. Ich habe es noch nicht ganz gesehen, aber wohl Stokes‘ Kritik meines Buchs,5 scharf aber doch anerkennend, und Stoke‘s Kritik von Zimmer. Diese letztere ist vernichtend. Stokes ist furchtbar scharf ins Zeug gegangen und hat (was noch fehlte) unerbittlich alle oder wenigstens |3| einen großen Theil der starken Böcke ans Licht gestellt, die Z. geschossen hat. Nun Sie werden ja selbst sehen. Jetzt kann ich ruhig sein, den das suum cuique ist abgetragen. Jedenfalls kann sich Z. nicht mehr so aufspielen, als ob er allen andern auf dem celtischen Gebiet überlegen wäre. Ich werde nun ruhig weiter arbeiten, und habe zunächst drei kleine Abhandlungen ziemlich fertig. Hirzel6 ist jetzt auch vergnügter. Nebenbei bemerkt habe ich von ihm erfahren, daß bis Mitte Juli vorigen Jahres 143 Exemplare meines Buchs verkauft waren, abgesehen von den Freiexemplaren etc. Das beruhigt mich auch einigermaßen darüber, daß er nach und nach auf seine Kosten kommen wird.

Und nun bitte ich Sie noch um eine Gefälligkeit. Roth7 wünscht von mir zu wissen, was der cymrische Bergname Cador Idris bedeute.8 Ich kann darüber nicht ins Klare kommen. Er meint Cador oder Cader (Geographischer) sei κάθεδρα, engl.chair. Aber ist es nicht altcymr. Cadr decorus Z2. 827. Und was ist idris? Sie sind ja möglicher Weise |4| oben gewesen, oben steht gewiß geschrieben, was er ist, und haben Sie die Güte mir diese occulta scientia mitzutheilen. Ich werde dann Roth in Ihrem Namen berichten.

Mit wiederholtem Dank und herzlichem Gruß

Ihr

ergebener

EWindisch.[Am linken Rand: Baldige Antwort sehr erwünscht!]

Haben Sie sich schon Arbois de Jubainville’s Études Grammaticales9 angesehen. Gaidoz scheint jetzt hinter dem Welsh her zu sein.10 Er beabsichtigt über kurz oder lang eine Chrestomathie herauszugeben. Ich interpellierte ihn dahin, ich empfinde ein lebhaftes Bedürfniß nach einem solchen Buche.

Noch eine Frage! Ich habe mich breit schlagen lassen, für Ersch u. Gruber’s Encycl., die jetzt unter Leskien‘s Redaction einem kürzern Abschluß entgegen geführt werden soll, den Artikel „Keltische Sprachen“ zu übernehmen.11 Man kann hinein schreiben wie man will. Hätten Sie wohl Lust, dazu eine Charakteristik des Welsh zu liefern, kurz oder lang, und wie Sie der Geist triebe? Das wäre herrlich. D. O.


1 Im Briefkopf ein stilisiertes lat. EW mit Rankenwerk.

2 Dort erschienen Schuchardts „Zimmeriana“, Revue Celtique 5, 1881-1883, 394-396.

3 Adalbert Bezzenberger (1851-1922), seit 1879 Vergleichender Sprachwissenschaftler und Sanskritist in Königsberg; er gab die Beiträge zur Kunde der indogermanischen Sprachen heraus; vgl. HSA 01005-01007.

4 Johannes Schmidt (1843-1901), Sprachwissenschaftler, Indogermanist¸ Hrsg. der Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung auf dem Gebiete der indogermanischen Sprachen.

5 Revue Celtique 5, 1881-1883, 255 -265.

6 Heinrich Hirzel (1836-1894), Windischs Leipziger Verleger.

7 Entweder Rudolf von Roth (1821-1895), Indologe und Religionswissenschaftler in Tübingen, oder Justus Roth (1818-1892), deutscher Geologe (Kristallographie, Vulkanologie).

8 Meist „Cader Idris“ („Stuhl des Idris, eines legendären walisischen Helden“), Bergrücken in Nordwales.

9 Henri d‘Arbois de Jubainville, Études grammaticales sur les langues celtiques. 1. Introduction - Phonétique et dérivation bretonnes, Paris: Bouillon, 1881.

10 Griffith Roberts / Henri Gaidoz (Hrsg.), A Welsh grammar and other tracts, Milan 1567, Paris: Vieweg, 1883 (A Fac-simile repr. publ. as a Suppl. to the Revue celtique 1870-1883).

11 Windisch, „Keltische Sprachen“, in: J. S. Ersch / J. G. Gruber, Allg. Enc. Wiss. u. Künste, Zweite Section, Leipzig: Brockhaus, 1884, 132-180 .

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