Gustav Ludwig Weigand an Hugo Schuchardt (10-12708)
an Hugo Schuchardt
23. 01. 1904
Deutsch
Schlagwörter:
Aromunisch
Istrorumänisch
Rumänisch Cihac, Alexandru Weigand, Gustav (1895) Schuchardt, Hugo (1904) Damé, Frédéric (1893–1895)
Zitiervorschlag: Gustav Ludwig Weigand an Hugo Schuchardt (10-12708). Leipzig, 23. 01. 1904. Hrsg. von Luca Melchior (2022). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.9422, abgerufen am 24. 01. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.9422.
Leipzig 23. Januar 1904
Hochverehrter Herr Professor!
Ihr freundlicher Brief hat mich ordentlich gerührt; muß ich doch gestehen, daß ich nicht diese zarte Rücksicht auf die Empfindlichkeit der Herren Collegen nehme wie Sie 1 . Ihre Ausführungen sind ja derart, daß ich mich nicht im Geringsten dadurch verletzt fühle, ja mir scheint, daß Sie selbst nicht gerade felsenfest von der Etymologie captare > căuta überzeugt sind, wenn Sie sich so vorsichtig ausdrücken „unter dem Tone mochte ap zu au werden“. Wir haben aber noch ein Wort, wo das nicht eingetreten ist, nämlich acaţarom. haschen, greifen, dr. einhaken, aufhängen ir. aufhängen dr. acaţăr klettern, das doch sicher accaptio ist. Für ap > au giebt es kein Beispiel. pt > t vor dem Tone, nach dem Tone bleibt p, * daher bei Verben die Form ohne p aus endungsbetonten Formen stammt: batedzà – baptizare,
* Dasselbe gilt auch für sec. p und auch für ps: maxilla > măseană aber coxa coapsă, fraxinus > frapsin, daneben freilich auch frasin, was die lit. Form geworden ist.
|2|captare > căta, cat (es hindert nichts cat etymologisch von caut zu trennen obgleich es nicht nötig ist; die Bedeutungen beider sind vollständig gleich, nur die Lexicographen suchen dem cat mehr die Bed. des „Sehens“, dem caut die des Suchens zu vindizieren2 . Das Volk braucht nur cat, oder nur caut für beide Bedeutungen); septimana > setemînă > stemînă > stămînă dr. und ar., daneben muß sich von Anfang (durch septem) die Form mit p gehalten haben. Schwierigkeit macht nur supţire, vielleicht durch suptu beeinflußt. In dipsesc hat die stammbetonte Form *dipsu gesiegt. scribo ist im Rum. ganz unregelmäßig geworden, indem es meist dr. u. ar. in I. Jh. übergegangen ist: scriu, scriai; dr. daneben scriu – scrişu modern scrisei, ganz derselbe Fall wie duc, dusei, rein analogisch.
Ich bin durchaus kein Anhänger der ausnahmslosen, das wäre „unfehlbaren“ Lautgesetze, war es auch nie, erkenne nur Lautregeln, die mit großer Regelmäßigkeit eintreten, an. Im übrigen sind die Ursachen des Lautwandels so mannigfaltiger und vielfach noch dunkeler Art, daß wir oft |3| oft [sic] genug ganz sichere Etymologien absolut nicht erklären können. Wer wie ich Dialektstudien gemacht hat, wird bald diese Einsicht bekommen. Es ist auch gut im Interesse unserer Wissenschaft, daß dem so ist, sonst würde sie zum Handwerk herabsinken. Ich wünschte, daß jeder Linguist einmal gezwungen wäre, Dialektstudien im Volke zu machen.3 Sie haben vollständig recht, wenn Sie sagen das Material, aus dem die „Gesetze“ abgeleitet würden, sei nicht genügend gesichert; ja nicht nur das, sondern es beruht doch meist nur auf dem durch die Schrift überlieferten Material. Die Schriftzeichen aber dienen mehr dazu den wahren Charakter der Laute zu verbergen als ihn zu offenbaren. Wenn mein Atlas, von dem soeben die V. Lieferung herauskommt, fertig sein wird, will ich auf Grund des darin veröffentlichten Materials meine Erfahrungen und Ansichten über prinzipielle Fragen in einer Schrift niederlegen, und ich hoffe, daß ich manches Neue und genügend Gesicherte zu sagen haben werde.
pipotă4 heißt nicht „Vogelkropf“ (=guşă) sondern „Vogel-“ (dial. pipúş) |4| magen“, eine Form picotă fand ich in keinem Wörterbuch, auch ist sie keinem hiesigen Rumänen bekannt, was natürlich nicht ausschließt, daß sie existiert, denn Cihac ist, soweit ich sehe, zuverlässig, absichtlich gefälscht hat er nicht.5 [Es giebt ein Verb „a picota“6 das mit „einschlafen“ übersetzt wird, es heißt eigentlich „mit dem Kopfe nicken vor Schlaf“ (picà fallen > picota iter.)] hìpota7 bei Damé muß ein Fehler sein, aus dem Süden kommt es gewiß nicht; es wäre nur möglich daß h hier fälschlich für ch (dial. chicota = picota) steht und Damé es durch h wiedergiebt, wie χ das durch h oder ch bezeichnet wird.
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Mit hochachtungsvollem Gruße
G. Weigand
1 Der Satz wurde zuerst als: „daß ich nicht diese zarte Rücksicht nehme wie Sie auf die Empfindlichkeit der Herren Collegen“ formuliert, nachträglich aber mit Pfeilen umgestellt.
2 Vgl. Weigand (1895b:222) gegen Hasdeu.
3 Ähnlich äußert sich Weigand im methodologisch-theoretischen fünften Kapitel seines Atlas ( Weigand 1909:18 ).
4 Die Informationen zu pipotǎ/picotǎ verwendete Schuchardt in seinem Nachtrag zur Etymologie von fegato (vgl. Schuchardt 1904a:436f. und oben).
5 Ab „Cihac“: nachträglich hinzugefügte Zeile.
6 DEX (789) s.v. „picotá“ verweist auf „picoti“, das so definiert wird: „A aţipi (cu intermitenţe) şezând sau stâns în picioare; a dormita, a moţăi“. Etymologisch leitet es DEX aus „pică“ ʻfallenʼ.
7 Vgl. Damé (1893-1900, Bd. 1:105): „HIPOTA, s.f. [Trans.] V. pipota“ (Hervorhebungen im Original).
8 Im „Vorwort zum X. Jahresbericht“ ( Weigand 1904 ) zog Weigand eine Bilanz seines Rumänischen Seminars und skizzierte den zukünftigen Weg desselben, das mit wachsenden finanziellen Problemen zu kämpfen hatte, aber auch seine persönlichen Forschungs- und Publikationsplänen (vgl. Weigand 1904:XIII).
