Gustav Ludwig Weigand an Hugo Schuchardt (09-12707)

von Gustav Ludwig Weigand

an Hugo Schuchardt

Leipzig

14. 11. 1900

language Deutsch

Schlagwörter: language Deutschlanguage Lateinlanguage Italienischlanguage Albanisch Hirt, Hermann Leipzig Weigand, Gustav (1894)

Zitiervorschlag: Gustav Ludwig Weigand an Hugo Schuchardt (09-12707). Leipzig, 14. 11. 1900. Hrsg. von Luca Melchior (2022). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.9421, abgerufen am 04. 03. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.9421.


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Leipzig, 14. Nov. 1900.

Hochverehrter Herr Geheimrat!

Seit vorigem Freitag erst bin ich wieder in Leipzig, nachdem ich noch 10 Tage bei meiner Familie in Veckerhagen an der Weser verbracht hatte, um mich etwas von den Anstrengungen der diesjährigen langen Reise zu erholen. Ihre zweite Karte habe ich zusammen mit dem Briefe am 25. Okt. in Falticeni erhalten, als meine Reise beinahe zu Ende war. Ueber das von Ihnen als cestar bezeichnete Netz konnte ich nichts erfahren, obgleich ich etwa an einem Dutzend Orten in der Moldau darnach gefragt habe, nicht einmal der Name war bekannt. Auf beiliegenden Blättern habe ich Ihnen die Fischgeräte kurz beschrieben, die ich am vollständigsten in Rozeţi volnaşi, Kreis Ialomiţa bei dem Fischer Haralambi Gheorghescu gesehen habe. Er sagte |2| mir, daß sie die Fischerei von den Lipovenern gelernt hätten, die am ganzen unteren Donaustrom zerstreut wohnen. Die Rumänen auf bulgarischem Ufer haben sich schon länger mit dem Fischereigewerbe vertraut gemacht. Ich weiß z.B. daß die fischreichen Seen in der kleinen Walachei von rum. Fischern aus Turtukaia in Bulg. ausgebeutet werden. Die Rumänen sind eben kein Fischervolk, selbst da nicht, wo sie die beste Gelegenheit hätten es zu werden. Sie überlassen dieses Geschäft den Russen, Bulgaren und Griechen. Bei den Aromunen kann ebensowenig von Fischerei die Rede sein, schon weil es ihnen an Gelegenheit fehlt. In den Gebirgsbächen greifen sie die Forelle mit den Händen oder werfen sie mit Steinen. Ein einziges Mal sah ich einen arom. Pfarrer das Wurfnetz hantieren, dieser aber hatte es von Bulgaren auswärts gekauft und in seine Heimat |3| mitgenommen. Die Fischer am See von Ochrida sind ausschließlich Bulgaren. Dort wird der Aalfang am Ausflusse des Sees mit Fischzaun und Harpune in großartigem Maßstab getrieben, so daß oft in einer Nacht an 100 Zentner Fische gefangen werden. Wenn Sie Näheres darüber wissen wollen, so wenden Sie sich an Herrn Ioance Robe1 in Ochrida, der auch der deutschen Sprache mächtig ist.

Ich habe jetzt erst bei meiner Rückkunft erfahren, daß Sie in den Ruhestand getreten sind, ich wünsche Ihnen von Herzen, daß Sie sich desselben viele Jahre erfreuen mögen. Ihr Ruhestand wird für die Wissenschaft ein großer Gewinn sein, Sie werden sich ungestörter als seither den Studien widmen können. Ist Ihr Nachfolger bereits bestimmt oder |4| schweben noch Unterhandlungen? College Hirt hat mir bereits im vorigen Herbste als Ihrem Nachfolger gratuliert. Ich wäre ja sehr glücklich, wenn das eintreten sollte, allein ich wage es gar nicht mehr zu hoffen, nach dem, was Sie mir früher einmal über das Vorrecht der Einheimischen mitgeteilt haben. Wenn nicht augenblicklich Herr Maiorescu, mit dem ich seit Jahren befreundet bin, im Ministerium wäre, ich glaube, man würde das rum. Institut bei der miserabeln Finanzlage haben eingehen lassen und ich säße auf dem Trockenen.

Der VIII. Jahresbericht ist bis Bogen 15 gediehen, zu Pfingsten wird er erscheinen. Ich hoffe, daß ich dieses Jahr die Mittel zur III. Section meines Atlasses von der rum. Academie erhalten werde, in der Zeichnung ist er fertig gestellt. Augenblicklich arbeite ich an einer praktischen Gram. des Rumânischen2 und an den lat. Elementen im Albanesischen3, ein Schüler von mir bearbeitet die Italienischen Elemente im Albanesischen .

Empfangen Sie hochachtungsvolle Grüße von

Ihrem ganz ergebenen

G. Weigand

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1. nevod4, Moldau năvod ist das größte Netz bei 2-3 m Breite ist es 100-200 m lang.

Otgon ist das aus Lindenrinde gedrehte Seil woran es befestigt wird.

plută heißen die Korkstückchen aus dicker Rinde von Pappel oder Weide die im Abstande von 20 cm das Netz im Wasser tragen.

Die Maschen „ochĭurĭ“ sind nicht einheitlich. Die Bedienung dieses Netzes erfordert drei Boote mit 12 Personen. Ein kleineres Netz dieser Art von 40 m Länge heißt lăptaş, es hat 6 Mann Bedienung.

2. setkă ist ein dreifaches Netz von 50 m Länge und 1 m Breite. Die beiden äußeren Netze sind breitmaschig, es kommen 7 Maschen auf die Breite, das innere ist engmaschig, es kommen 35 Maschen auf die Breite des Netzes. Oben wird das Netz durch ein Flachsseil getragen, das an großen Stopfen im Abstand von 1 m hängt. Unten befinden sich schmale Bleistücke von 6 cm Länge im Abstand von 20 cm.

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3. şaşmá, Moldau prostovol5 , ist ein Wurfnetz, das an einem 7 cm im Durchmesser haltenden Ringe (belciug) hängt, 2 m lang ist, während der untere Umfang etwa 8 m beträgt. Es ist beschwert durch etwa 300 Bleikugeln. Von dem unteren Umfange des Netzes gehen 10 Seile ( strajă-strejĭ)6 durch den belciug nach oben und vereinigen sich in einem Ringe von 3 cm Durchmesser, der durch einen einfachen Bolzen mit einem ebensolchen Ringe, in dem er leicht drehbar ist (daher auch vîrtej7 genannt), befestigt ist. Am zweiten Ringe befindet sich ein Strick von 3-10 m Länge je nach der Tiefe des Wassers, in dem man fischen will.

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4. Fischreuse vîrşă8 (auch vîrşíe) besteht aus 5 Reifen von 1 m bis 70 cm Durchmesser gleichmäßig sich verjüngend. Der erste Abschluß, der durch vier Seile am dritten Ringe9 gehalten wird, der zweite, der durch zwei Seile am 5. Ringe 10 gehalten wird, ist ein Zweieck . Die Maschen sind 2 cm weit. [Zeichnung]

Die Krebsreuse hat 5 gleichweite Ringe, ist an beiden Seiten offen und besteht aus Weidengeflechte.

5. Wenn man mit dem pripon11 fischt, so versteht man darunter die Angelschnur mit einer größeren Anzahl von Haken. Häufig wird die einfache Angel benutzt, die sich in nichts von der bei uns üblichen |8| primitiven Form unterscheidet: gekaufter Angelhaken, ein gewöhnlicher Stopfen mit Federkiel nebst Schnur und Stock bestehend.

6. ostiă12 , Moldau oistiă ist eine etwa 3 m lange Stange mit einem gabelförmigen Eisen, woran sich Widerhaken (limbă genannt) befinden. [Zeichnung]

7. şufan ist eine kräftige 3-5 m lange Stange, unten zugespitzt, woran sich ein halbkreisförmiges Holz befindet, unter das weg die Seile gezogen werden um beim Fang das Netz zu schließen [Zeichnung]

8. minciog13 (Moldau miśog) ist ein kleines Netz an einer langen Stange, das dazu dient ein zu volles Netz von Fischen zu entleeren. [Zeichnung]

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9. matiţă14 ist ein Netz das mit Steinen beschwert ist und durch Binsen getragen wird und demselben Zwecke dient wie das vorige, d.h. um Fische aus einem großen Netze zu entfernen. (Ich habe dieses Netz nicht gesehen)

10. coteţ15= Fischzaun aus Schilfrohr im sumpfigen Prutthal üblich mit Oeffnungen nach beiden Seiten von nebenstehender Form: [Zeichnung]

11. Im Innern des Landes wie auch an der Donau sah ich das Kreuzhebenetz von sehr verschiedener Größe, das tîrbog 16, Moldau năpaste17 genannt wird [Zeichnung]18

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1 Von „Herrn Joance Robe“, bei dem „einige Dokumente, Schenkungs-Urkunden in dako-rumänischer Sprache aus dem vorigen Jahrhundert aufbewahrt werden“ berichtete Weigand kurz (1894:52); im Schuchardtnachlass ist dazu kein Korrespondenzstück erhalten.

2 Erschienen drei Jahre später, vgl. Weigand (1903) .

3 Gemeint ist Robert Helbig (1877-1956), Schüler von Weigand und späterer Nationalsozialist. Bei der Publikation handelt es sich um seine Doktorarbeit ( Helbig 1903 als selbstständige Publikation bzw. 1904 in Zehnter Jahresbericht des Instituts für rumänische Sprache).

4 Vgl. DEX (674) s.v. „ năvód“: „s.n. Unealtă de pescuit formată dintr-o plasă mare prevăzută la mijloc cu un sac, cu care se înconjură şi se adună peştle de pe suprafeţe întinse de apă. [Var.: (reg.) nevód s.n.] – Din sl. nevodŭ“.

5 Vgl. DEX (861) s.v. „prostovól“: „s.n. Unealtă de pescuit formată dintro plasă conică, prevăzută la marginea exterioară cu greutăţi de plumb care o trag la fundul apei şi o strâng, formând în apă un sac în care e prins peştele; năapastă“.

6 Vgl. DEX (1024), s.v. „strája“: „7. Sfoară sau funie folosită le diferite instrumente de prins peşte. [Var. : (reg.) streájă s.f.] – Din sl. straža“.

7 ʻStrudel, Wirbelʼ

8 Vgl. DEX (1153) s.v. „vấrşa“: „s.f. Unealtă de pescuit în formă lunguiaţă, alcătuită dintr-un coş făcut din plasă sau din nuiele de răchită împletite, cu gura îngustă şi întoarsă înăuntru în formă de pâlnie; vintir“.

9 „am dritten Ringe“ nachträglich eingefügt.

10 „am 5. Ringe“ nachträglich eingefügt.

11 „am 5. Ringe“ nachträglich eingefügt.

12 Vgl. DEX (851) s.v. „pripón“: „2. Şir de cârlige cu nadă pentru pescuit“.

13 Vgl. DEX (733) s.v. „óstie1“: „Unealtă de pescuit de forma unei furci cum ai multe braţe ascuţite, care se înfige în corpul peştilor“.

14 Vgl. DEX (635) s.v. „mincióg“: „s.n. Mică plasă în formă de coşuleţ, prinsă de un băţ, folosită pentru aducerea la suprafaţă a peştelui prins cu năvodul sau cu undiţa: meredeu, ciorpac“.

15 Vgl. DEX (604) s.v. „mátiţă“: „s.f. (Reg.) Sac de plasă care formează partea di fund a năvodului şi în care se strâng peştii prînşi; matcă“.

16 Vgl. DEX (233), s.v. „cotéţ“: „2. Capeană pentru prins peşte în iazurile acoperite cu stuf, făcută din nuiele împletite cu papurăa şi prevăzută cu o deschidere îngustă întoarsă înăuntru, astfel încât peştele, odată intrat în ea, să nu mai poată ieşi“.

17 Vgl. DEX (1077) s.v. „târboc“: „s.n. Plasă de pescuit în formă de sac“.

18 Auf der leeren letzten Seite des Briefes findet sich folgende Bleistiftnotiz von Schuchardt: „rum tu̥rbóg mold „Kreuznetz“? Weigand Jahresb. IX, 220“. Der Verweis bezieht sich auf das Glossar in Weigand (1902a) . Dort ist (jedoch auf Seite 230) zu lesen: „tu̥rbóg n. = Kreuznetz (Ial.) anderwärts z.B. Moldau auch năpaste genannt“.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 12707)